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Full text of "Geschichte der Augenheilkunde"

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THE LIBRARY 

OF 

THE UNIVERSITY 

OF CALIFORNIA 

LOS ANGELES 



WM) 



Inhalt Jfj'Y 

des zwölften Bandes. 






Kapitel XXIII. 
Geschichte der Augenheilkunde. 

Von J. Hirschberg. 



Seite 

Vorbemerkungen '' 

Quellen der Geschichte der Heilkunde (§ 1 ) 3 

(Hilfschriften zur Geschichte der Heilkunde und Augenheilkunde) 4 

Erstes Buch. 

Geschichte der Aiigeuheilkimde im Alterthum. 

I. Die Augenheilkunde der alten Aegypter (§ 2 — l 3) 6 

Alter der ägyptischen Heilkunde (§3) 8 

Charakter der ägyptischen Heilkunde (§3) 10 

Augenheilkunde der alten Aegypter; Papyrus Ebers (§ 4j 11 

Die im Papyrus Ebers erwähnten Augen-Krankheiten und -Heilmittel (§ 5 — 13) 12 

Bindehaut-Entzündung. No. 1— 3 (§5) 12 

Verdunklung im Auge. No. 4 (§ 5) 12 

Triefauge. No. ö (§ 5) 13 

Augenstärkung. No. 7 (§ 5) 14 

Schwund des Sehlochs. No. 8 (§ 5) 14 

Steinbildung. No. 9 (§3). . . 14 

Weißnarbe. No. 10 (§5) 14 

Blutunterlaufung. No. 1 1 (§ C) 14 

Schielen. No. 1 2 (§ 6) 15 

Fett (-Geschwulst). No. 1 5 (§ 6) 15 

(Gersten-) Korn. No. 1 6 (§ 6) 15 

Blödsichtigkeit. No. 1 7 (§ 6) 15 

Krokodilkrankheit? No. 18 (§6) 10 

Oedem? No. 20 (§ 6) 16 

Phlegmone. No. 21 (§ 6) 16 

Aufsteigen des Wassers. No. 22 (§7) 17 

Thränensackgeschwulst. No. 25 (§ 7) 19 

Haarkrankheit. No. 28 (§ 7) 19 

Ueber,sicht der Augenkrankheiten des Papyrus Ebers (§8; 20 

Augenheilmittel des Papyrus Ebers (§9) 20 

Augenschminke, stm. (§10) 22 

Kupfer- und Zink-Schminken (§11) 25 

Vitriol, Röthel, Lasurstein, Salpeter (§11) 25 

Pflanzliche Augenheilmittel (§12) 2ü 

Myrrhe No. 13 (§ 12) 26 



■VI Inhalt des zwölften Bandes. 

Seite 

Ebenholz No. 13 (§ <2) 27 

Schöllkraut No. 16 ,'§ t2) 27 

Thierische Stoffe (Urin, Milch, Blut) (§13) 27 

A. Augenheilkunde der Chaldäer, Assyrier und Babylonier (§ U) 28 

B. Augenheilkunde der Israeliten (§14) 28 

C. Augenheilkunde der Perser. (§ 14) 31 

II. Die Augenheilkunde der Inder (§13—24) 31 

Kulturgeschichte der Inder (§15; 31 

Heilkunde der Inder (§16) 33 

Star-Stich der Inder (§17) 36 

Star-Stich bei Suqruta (§ i 8) 38 

Star-Stich bei den heutigen Hindu (§19) 40 

Augenkrankheiten bei Su(;,ruta (und Charaka) (§20) 42 

Krankheitslehre (76 Augenkrankheiten), Krankheiten der Hornhaut, Iris- 
vorfall, Lederhautkrankheiten, Flügelfell, Hagelkorn, Gerstenkorn (§21) 43 

Eiterfluss, Körnerkrankheit, Anthrax, Lidfall, Haarkrankheit, Augenheil- 
mittel (§22) 46 

Eiterfluss der Neugeborenen, Scariiication, Lidabscess , Operation des 

Flügelfells, Einstülpung, Entfernung von Fremdkörpern (§28) 47 

Beurtheilung der indischen Heilkunde. Magnet-Operation (§24) 48 

Literatur zur Heilkunde der Inder (§24) 49 

Heilkunde in Tibet (§ 25) 49 

Chinesische Heilkunde (§26) 50 

Japanische Heilkunde (§27) 52 

tu. Die Augenheilkunde der alten Griechen (§28) 53 

Eintheilung der griechischen Heilkunde (§28) 53 

Anfänge der griechischen Heilkunde (§29) 54 

Die Wunder- Augenkuren des A.sklepios zu Epidauros (§30) 55 

Ueber vorhippokratische Heilkunde (§31) 61 

Des HippoKRATEs' Leben und Werke, die Ausgaben der hippokratischen 

Sammlung (§32) 61 

Anatomie und Physiologie des Sehorgans bei den Hippokratikern (§ 33) . . 64 
Namen für das Auge und seine Theile. (Das Wort Pupille bei ver- 
schiedenen Völkern.) 

Allgemeine Pathologie des Sehorgans bei den Hippokratikern (§ 34) . . . . 67 

Von der Augenentzündung (Ophthalmia) (§ 3j) 68 

Von en- und epidemischen Augenentzündungen (§36) 71 

Prognose der Augenentzündungen (§37) 73 

Eiterfluss, Hornhautgeschw^ür , Durchbruch, Narben, Irisvorfall, Neu- 
geborenen-Eiterung, scrophulöse Entzündung. 

Behandlung der Augenentzündungen. Aph. VI, 31 (§ 38) 75 

Aderlass, Vermeiden örtlicher Mittel, kalte und warme Umschläge (§ 39) . 76 

Ableitende Mittel (§40) 77 

Oertliche Augenheilmittel der Hippokratiker (§41) 78 

(Kupfer- und Bleipräparate.) 

Augen-Diätetik (§42) 81 

Organische Erkrankungen des Augapfels (§43) 81 

I. Erkrankungen der Bindehaut, vgl. § 35 fgd. 

II. Erkrankungen der Lider (§ 4.!) 8ä 

1. Gerstenkorn. 2. Lidrand-Entzündung (»Krätze«). 3. Phlegmone 
des Lids. 4. Ausstülpung. Ueber das Wort dy-TpoTitov und Entropium (?). 
5. Trichosis, Haarkrankheit. 



Inhalt des zwölften Bandes. VII 

Seite 

III. Krankheiten der Thränenwerkzeuge (§44) 84 

IV. Erkrankungen der Hornhaut (§45) 85 

1. Geschwüre. 2. Narben (Namen derselben). 3. Flügelfell. 

V. Leiden der Regenbogenhaut (§46) 87 

VI. Krankheiten des Krystalls, Star (Y^auv-tuot?). Bedeutung von •(Kvr/.ö% (§ 47) 88 
Der Begriff Glaucosis (Glaucoma) von Hippokrates bis heute. 

Die nervösen Störungen des Sehorgans (§48fgd.) 92 

Amblyopie und Amaurose (§ 48fgd.) 92 

Amblyopie (§4 8) 92 

a. Amaurose, b. Trepanation gegen Amaurose, c. Prüfung der Amaurose, 
d. Amaurose durch Wunden der Augenbrauengegend , e. Erblindung 
durch Blutverlust, f. dy}.öc, Trübung, g. o-/.6to;, Verfinsterung, Schwindel. 

Das Wort Scotoma (§49) 93 

Das Halbsehen. Die Worte für Halbblindheit (Hemianopsia u. s. w.) (§ 50) . 97 

Nyctalops, Tagblindheit bei den Hippokratikern (§ 51 — 53) 98 

Nyctalops, Nachtblindheit bei Galen und seinen Nachfolgern, ferner bei den 

Römern, endlich bei den Arabern '§54) 102 

Nyctalopie und Hemeralopie nach dem Wiedererwachen der Wissenschaft (§ 53) 105 

Subjective Erscheinungen am Sehorgan (§ 56 fgd.) 107 

Fliegende Mücken (sogenannte Myiodesopsia) (§36) 108 

Hallucinationen und Illusionen, Feuererscheinungen, Flimmern {§ 57) . . . . 109 

Refractionsfehler (nach des Aristot. (?) Problemen) (§58—59; HO 

Kurzsichtigkeit (Das Wort Myopie) (§58) 110 

Altersich tigkeit (Das Wort Presbyopie) (§59) IM 

Schielen (Die Ausdrücke für Schielen in den Hauptsprachen) (§60) 112 

Erblichkeit des Schielens (§61) 114 

Schielen durch Lähmung (und Krampf) (§62) 114 

Augenzittern. (Ueber das Wort Nystagmus) (§63) 116 

Das Wort Hippus bei den Alten (§64) 118 

Dasselbe bei den Neueren (§65) 119 

Uebersicht der bei den Hippokratikern beschriebenen (dreißig) Augenkrank- 
heiten (§66) 120 

Zeichen vom Auge, Prognose vom Auge (§67) 121 

Diagnostische und prognostische Sätze aus den Koischen Vorhersagen (§ 68) 124 

Chirurgie des Hippokrates (§69) 125 

Ambidextrie (§70) 127 

Ueber Instrumente, Schweigen bei der Operation, Augenverband, Asepsie. 

Ueber die Worte Antisepsia, Asepsia (§71) 128 

Von den Augenoperationen der Hippokratiker (§72 — 73) 129 

Das Lidschaben (Blepharoxysis, Ophthalmoxysis) und die Ausschneidung der 

Granulationen (§74' 130 

Ophthalmoxyse im Alterthum (§75; 131 

Ophthalmoxyse im Mittelalter (§76) 135 

Ophthalmoxyse in der Neuzeit (§77) 136 

Die Ausschneidung der granulären Bindehaut im Alterthum, im Mittelalter, 

in der Neuzeit (§78) 138 

Operation gegen Haarkrankheit bei den Hippokratikern (§79; 139 

Schnitt bei Hypopyon (§80) 140 

Ausschneiden einer Pfeilspitze aus dem Lid (§ 81) 141 

Einschnitte in die Kopfhaut bei Augenleiden (§82) 141 

Brennen des Kopfes bei Trübung der Sehe (§8:)) 142 

Brennen des Rückens bei Augenleiden (§84) 142 

Trepanation gegen Amaurose. Schlussbetrachtung über Hippokrates. 



vni Inhalt des zwölften Bandes. 

Seite 

Die Alexandriner und ihre Nachfolger als Begründer der wissenschaftlichen 

Heilkunde im Allgemeinen und der Augenheilkunde im Besonderen (§85) 143 

Uehersicht der ärztlichen Schriften der Griechen und Römer (§86—87) 446 

Die Optik der alten Griechen (§ 88 fgd.) 149 

Meinungen der alten Philosophen und Kenntnisse der alten Schriftsteller über 

Optik (§88) 149 

Die Optik des Euklides (§89) 151 

Begriffserklärungen ;§ 90) 152 

Vom kleinsten Unterscheidungswinkel (§91) 153 

Unterschied zwischen centralem und excentrischem Sehen. Linearperspective. 

Die Sehstrahlen der Alten (§92) 154 

Heron's Buch von den Spiegeln (§93 155 

Ueber Lichtbrechung nach Cleomedes (§94) 156 

Die griechischen Ausdrücke für Spiegelung und Brechung. 

Die Optik des Ptolemaeus (§95) 157 

Die von ihm gemessenen Brechungswinkel. 

Sinnestäuschungen (§96; 160 

Gesetze der Spiegelung (§97) 162 

Vom Einfachsehen mit zwei Augen. 

Versuche über Lichtbrechung (§98) 164 

Warum der Mond nahe dem Horizont größer erscheint (§99 166 

Des Damianos Optik. Grundsätze (§ lOO) 166 

Gesichtsfeldmessung (§101) 168 

Galen, Ueber physiologische Optik (§102 171 

Ergebniss der geschichthchen Untersuchung über Optik der Alten (§103) . . 174 
Die Alten hatten keine Brillen-, wohl aber Brenn-Gläser (§104 — 105). 175 
Die Alten waren nicht farbenblind; sie hatten aber keine Farben- 
theorie (§106— ION) 180 

Die Anatomie des Auges bei den alten Griechen (§ 109 fgd.) 184 

Wichtigkeit der griechischen Anatomie. Rufus, Von den Namen der Theile 

§ 109) 184 

Die äußerlich sichtbaren Theile des Auges (§110) 186 

• Die Häute und Flüssigkeiten des Auges (§111) 188 

Zusätze über Sehnerv. Häute und Flüssigkeiten des Auges. Die Namen für 

Augenhöhle (§112) 189 

Celsus und die lateinischen Namen der Theile des Auges (§ HS) 190 

Galen's Anatomie des Auges und unsre heutigen Namen (§ 114 fgd.) .... 190 
Kurze Beschreibung des Auges in Galen's Schrift von den Dogmen des Hippo- 

KRATES und Plato (§114) 190 

Galen's Schrift vom Nutzen der Theile, Buch X (§ 115 fgd.) 192 

Sehnerv, Netzhaut, Crystall, Glaskörper, Aderhaut (§ H 5) 192 

(Nsöpov, Neuritis. Hyahtis. Namen für Netzhaut. Chorioides. Corpus 
ciliare.) 

Lederhaut. Verbindungen der Augenhäute (§116) 194 

(Scleritis. Cyclitis. Iris.) 

Hornhaut, Regenbogenhaut, Kammerwasser (§117) 195 

(Keratitis. Pupille, -/.op-^, die davon gebildeten Worte.) 

Crystall. Schutzorgane. Die Lider (§ 11S) 197 

(Die von ßX£Cf.7.pov abgeleiteten Namen. Die antike Beschreibung der 
Bindehaut. Die Worte für Bindehaut und Knorpel.) 

Die den Augapfel bewegenden (6) Muskeln (§ H9) 199 

(Retractor bulbi. Ueber die Muskeln der Lider.) 



Inhalt des zwölften Bandes. 



IX 



Seite 

Lidwinkel, Carunkel, Thränenorgane (§120) 200 

(Ueber die Worte Carunkel, Canthus, die Zusammensetzungen mit 

OGlXp'JOV.) 

Die Sehnerven. (»Canäle«.) Chiasma. (Dient zum Einfachsehen.) § 121). . . 201 

Beurtheilung der griechischen Anatomie des Auges (§122) 203 

Die heutige Nomenclatur der Anatomie des Auges beruht auf der des 
Galen. 

Uebersicht der medizinischen Wörterbücher (§123) 204 

Wörterbücher der Augenheilkunde. Wörterbücher der verschiedenen 
Cultursprachen. 

Augenheilmittellehre bei den Alten (§l24fgd.) 207 

Die Chemie der Alten (§124) 207 

DioscoRiDES. Seine Arzneimittellehre (§12j) 208 

Seine Hausmittel (§126) 211 

Uebersicht der in seiner Arzneimittellehre erwähnten Augenleiden und der 

dazu gehörigen Augenheilmittel (§127 — 13 3) 212 

Die Anwendungs- Art der Augenheilmittel nach Dioscorides (§ 134) . . . 217 
Augenheilmittel aus dem Pflanzenreich bei Dioscorides (Bilsenkraut, Mohn, 

Schierling) (§135) 218 

Augenheilmittel aus dem Thierreich bei Dioscorides (§136) 220 

Augenheilmittel aus dem Mineralreich bei Dioscorides (§137fgd.) 220 

Alaun, Erden, Steine, Sepia-Schale, Salz (§137) 221 

Zink- und Kupferpräparate (Kadmia, Pompholyx. Spodium, Chalkos, Chalku 

anthos, Chalkanthos, Jos, Chalkitis, Psoricum, Armenium, Chrysocolla) (§ 138) 222 

Misy, Sory, Stimmi, Bleipräparate (§139) 225 

Eisenpräparate, Kinnabari, Sandaracha (§l4ü) 226 

Die wundärztliche Betäubung bei den Alten. Nach Dioscorides 

und Plinius (§141—148) 227 

Collyrium (§144) 232 

Anwendungsart der Collyrien bei den Alten (§145) 233 

Namen der Collyrien (§146) 235 

Die Unzahl der Collyrien bei den Alten (§147) 237 

Die verschiedenen Arten der einfachen Augenheilmittel (die lindernden, 
scharfen, reinigenden, schmelzenden, zusammenziehenden, adstringirenden, 

vertheilenden). Die zusammengesetzten Augenmittel (§148) 238 

Bereitung, Anzeigen, Anwendungsart der Collyrien (§149) 239 

Die klinische Augenheilkunde der Nachfolger der Alexan- 
driner. A. Cornel. Celsus (§150fgd.) 241 

Literatur zu Celsus, Ausgaben (§150) 241 

Die Schriftstellerei des Celsus und ihre Beurtheilung (§151) 242 

Des Celsus Schrift de medicina (§152) 243 

Die Augenheilkunde des Celsus (§153fgd.) 245 

Anatomie des Auges nach Celsus (§153) 245 

Lippitudo, ihre Prognose, ihre Folgen (§154) . ■. • 247 

Behandlung der Augenentzündung (§155) 249 

(Diät, Augenmittel.) 

Collyrien (§156) 252 

Bad und Weintrinken, Abführung, gegen Augenentzündung (§157 — 158). . . 253 

Proptosis (=Chemosis, Abscess des Augapfels) (§159) 254 

Carbunkel, Pusteln, Geschwüre (§160) 255 

(CoUyr aus Weihrauch und Myrrhe.) 

Verkleinerung des Augapfels. Lid-Läuse (§161) 257 

Chronischer Schleimfluss (§162) 259 



X Inhalt des zwölften Bandes, 

Seite 

Geschwüre (§163) 259 

Narben (§^64) 261 

Aspritudo (§165) 262 

Trockner Catarrh, Lidkrätze (§ 1 66) 263 

Caligo, Suffusio (§167) 264 

Resolutio oculorum, Augenlähmung (§ 1 »iS, 265 

Pupillenerweiterung, Nachtblindheit. Augenverletzungen (§169; 266 

Die dreißig Augenkrankheiten des Celsus (§170) 267 

Die Chirurgie des Celsus (§171) 268 

Die chirurgischen Augenleiden bei Celsus (§ 172 fgd.) 269 

Ausrottung von Balggeschwülsten des Oberlides (§172) 269 

Gerstenkorn und Hagelkorn (§172) 2G9 

Flügelfell, Encanthis, Rhyas (§173) 271 

Verwachsung der Lider miteinander und mit dem Augapfel (§174) 273 

Aegilops (§175) 275 

Haarkrankheit der Lider (drei Operationen) (§176—177) 277 

Lagophthalmos (§178) 280 

Staphyloma, Clavus (§179) 281 

Suffusio iStar) (§180) 282 

Operationen gegen chronischen Augenschleimfluss. (Einschnitte in die Kopf- 
haut, Brennen u. dgl.) (§181) 284 

Kritik der Augen-Chirurgie des Celsus, namentlich der Star-Operation (§ 182) 285 

Die Star-Reife des Celsus (§183) 288 

Plastik nach Celsus (§184) 290 

Zustand des ärztlichen Standes zur Zeit des Celsus (§185) 290 

Sonderfach und Heilkunde (§18G) 292 

Die römische Literatur zur Augenheilkunde, nach Celsus (§187 fgd.) . 294 

ScRiBONius Largus (§187—189) 294 

Theod. Priscian. Plin. secund. (?) (§190) 298 

Cassius Felix (§191) 299 

Marcellus (§192) 300 

Die Stempel der römischen Augenärzte (§ 193 — 194) 301 

Plinius (§195 fgd.) 305 

Naturalis Historia (§195) 305 

Die vierzig Augenkrankheiten bei Plinius (§196) 306 

Squama bei Plinius (§197) 307 

Anagallis als Mydriaticum bei Plinius (§198) 308 

Des Plinius Augen-Quelle (§199) 309 

Des Plinius Augenheilkunde, durch Beispiele erläutert (§ 200) 309 

Lib. med. Quinti Sereni, oculor. dolori mitigando (§201) 310 

Claudius Galenus (§202 fgd.) 312 

Das Leben, die Wirksamkeit und die Schriften des Galenus (§202) 312 

Literatur und Ausgaben (§203) 315 

Die augenärztlichen Schriften des Galenus, sowie die Hauptstücke 

aus seinen erhaltenen Schriften, welche von Augenheilkunde handeln (§ 204) 316 

Galen, von den örtlichen Leiden, IV (§ 205 fgd.) 318 

Von den Lähmungen des Auges. Leiden des Sehnerven (Amaurose). (§ 205) 318 
Lähmung der Augenbewegung. Lähmung des Rectus sup., inf., int., ext., 
der ohliqui. (Lähmung des Retractor?) Diplopia. Ptosis. Lagophthalmus 

(§ 206) • 319 

Sympathische Gesichtstäuschungen, bei Magen- und bei Hirnleiden. (Diffe- 
rential-Diagnose gegenüber dem beginnenden Star) (§ 207) 320 



Inhalt des zwölften Bandes. xi 

Seite 

Galen, von den Ursachen der Symptome I. (Ursachen der Sehstörung) 

(§ 208 fgd.) 322 

Eintheilung der Sehstörung (je nachdem der Crystall, der Sehnerv, das Hirn 
oder die Hilfstheile des Auges betroffen sind). Erkrankungen des Crystalls. 

Verschiebung desselben (§208) 322 

Krankheiten der Hilfstheile des Crystalls, im Augapfel. Trübungen vor dem 
Crystall. Krankheiten der Regenbogenhaut (Vergrößerung, Verkleinerung. 
Verzerrung, Zerreißung der Pupille.) Entzündung der Regenbogenhaut 

(§ 209) 323 

Veränderung des Kammerwassers. (Verdickung desselben, in der hinteren 

Augenkammer = Star. Theilweiser Star. Fliegende Mücken.) (§ 210) . . . 32G 

Störungen der Innervation, Myopie, Amblyopie (§211) 327 

Veränderungen der Hornhaut. Nebelsehen. Gelbsehen. Rothsehen. Ge- 
schwüre der Hornhaut. Durchbohrungen (§212) 328 

Erkrankung der Bindehaut und der Lider (§213) 329 

Galen, System der Heilkunde XIV, c. 1 3, von der Star-Operation (§ 2U) 329 
Galen, System der Heilkunde XIV, c. 18 u. 19, phthalmother apie. Die 
Heilung des Hypopyon, durch Arzneimittel, durch Schütteln des Kopfes, 

durch Stich (§215) • 333 

Bemerkungen über Hypopyon und Star bei den Griechen (§216) 335 

Ueber Herkunft, Sitz und Wesen des Hypochyma (§217) 337 

Galen, System der Heilkunde XIII, c. 22. Von der Anw-endung der ört- 
lichen Heilmittel (§218) 339 

Galen, Von den örtlichen Mitteln IV, von den Augenheilmitteln (§219) 341 

Die Sehstörungen bei den Alten (§220) 343 

Die nichtärztliche Literatur. Ansteckungsfähigkeit der Augen- 
entzündung (§221) 347 

Die Problemen-Schriften (§ 222) 347 

Die Zeit nach Galen (§223) 349 

Die antiken Sonderschriften über und zur Augenheilkunde (§224). . . 331 
1. Die Hippokratiker. 2. Herophilus. 3. Asklepiades aus Bithynien. 
4. Meges. 5. Demosthenes. 6. Rufus. 7. Archigenes. 8. Heliodorus. 
9. Severus. 10. Soranus. 11. Galenus. 12. Antyllus. 13. Leonidas. 

Galeni (?) de ocuhs über (§ 223) 335 

Des Alex. Trall. (?) Augenheilkunde (§226) 357 

Die Prädispositionen zu Augenleiden (§ 227) 358 

Textverbesserungen zu dieser Schrift (§ 228) 360 

Die spät-hellenistischen und byzantinischen Sammlungen, Lehrbücher und Auszüge 

(§ 229 fgd.) 361 

Oribasius, sein Leben und seine Werke (§ 229) 361 

Bemerkungen aus den Schriften des Oribasius (§ 23ü; 362 

AhiTius, Paullus, Alexander Trall. (§231) 364 

Leo (§ 232) 365 

Theophanes Nonnus (§233) 366 

Aktuarius (§ 234) 367 

Ein griechischer Kanon der Augenheilkunde (§235 fgd.) 368 

Paullus Aegineta und Aetius (§ 235) 368 

Die Augenheilkunde des Aegineta (§ 236 fgd.) 370 

Augenschmerz, Taraxis, Ophthalmie, Phlegmone, Rheuma, Chemosis (§236) 370 
Hyposphagma, Emphysema, Psorophthalmia, Sclerophthalmia, Xerophthalmia 

(§ 237) 374 

Ectropium, Aigilops, Anchilops, Trachoma (§ 238j 375 



XII 



Inhalt des zwölften Bandes. 



Seite 

Chalazion, Krithe, Phthiriasis, Madaros., Milphosis, Ptilosis, Trichiasis (§ 239) 377 

Encanthis, Rhyas (§ 240) 380 

Heikos, Proptosis, Hypopyon, Leucoma (§241) 380 

(Färbung der Leukome.) 

Pterygium, Anthracosis, Carcinoma § 242; 386 

Mydriasis, Phthisis, Atrophia (§ -243) 388 

Nyctalopia, Glaucoma, Hypochyma (§244) 390 

Amblyopia, Amaurosis (§ 245) 39« 

Strabismus, Ecpiesmos, Synchysis, Myopiasis (§2 4 6) 392 

Uebersicht der 50 Augenkrankheiten des Aegineta und Vergleich derselben 

mit den Gl des AiJTius (§ 247) 395 

Ergänzungen zu Aegineta, aus Aetius (§ -248 fgd.) 397 

Augen-Entzündung der Neugebor enen (§248) 397 

Augen-Verletzungen (§249) 399 

Refractions-Störungen. — Lähmungen (§ 250) 400 

Geschwülste (§251) 401 

Die Chirurgie des Aegineta (§ 252 fgd.) 402 

Die Empornähung (§ 2.'53) 403 

(Das Brennen. Operation des Hasenauges.j 

Die Herabnähung {§ 254) 406 

Operation der Ausstülpung (§ 255) 407 

Operation der Balggeschwülste ■(§ 256) 4 09 

Operation der Lider-Verwachsung, des Flügelfells (§257) 411 

Staphylom-Operation (§258) 412 

Star-Operation. Asepsie bei den Alten (§259) 414 

Schlussbetrachtungen (§260) 418 



Kapitel XXIII. 

Geschichte der Augenheilkunde 



J. Hirschberg 

Professor in Berlin. 
Mit 5 Fisuren im Text. 



Druck besonnen im Dezember 1898. 



Wird einer strebenden Jugend die Gescliiclite elier 
lästig als erfreulicli, weil sie von sich selbst eine neue, 
ja wollt gar eine Urwelt-Epoche beginnen möchte; so haben 
die in Bildung und Alter Fortschreitenden gar oft mit 
lebhaftem Danke zu erkennen, wie mannigfaltiges Gute, 
Brauchbare und Hülfreiche ihnen von den Vorfahren 

hinterlassen worden. 

(ioethe, 
Materialien z. Gesch. d. Farbenlehre, Einleitung. 

Vorbemerkungen. 

Die Geschichte der Heilkunde ist ein Stück der Kultur- 
geschichte. Die Gegenwart ruht auf den Schultern der Vergangenheit. 
Alles Gewordene ist nur durch die Entwicklungsgeschichte zu begreifen. 

lieber Geschichte der Heilkunde kann man verschieden denken. 
Man kann sie verachten; das, was man von seinem Meister gelernt, 
nachahmen, auch verbessern; allenfalls das in den zünftigen Wochen- und 
3Ionatsblättern unsrer Tage und in den neuesten Schulbüchern Gepriesene 
aufnehmen; — oder aber jeden Gegenstand der Heilkunde wissenschaft- 
lich vom ersten Beginn an durch allen Wechsel der Ansichten hindurch 
bis zu dem heutigen Standpunkte verfolgen und betrachten. 

Scheinbar ist das letztere Verfahren in den Abhandlungen und 
Lehrbüchern unsrer Tage das vorherrschende; aber öfters nur schein- 
bar, da Quellenstudium wegen der Schwierigkeit und Ausdehnung 
vielfach ersetzt wird durch Ausschreiben von Citaten, die um so unrich- 
tiger werden, je öfter sie schon ausgeschrieben worden sind. 

Wirkliche Geschichte reicht nur soweit, wie urkundliche Belege 
uns zur Verfügung stehen. Auf Vermuthungen über vorgeschichtliche 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 4 



2 XXIII. Hirschberg, 

Zeiten werden wir uns nicht einlassen. Aber der bis vor kurzem ganz 
allgemein festgehaltene Standpunkt, die Weltgeschichte mit IIerodot 
anzufangen, ist ganz unhaltbar geworden, seitdem wir auf unsrem 
(lebiete Zeugnisse erhalten haben, die volle dreißig Menschen alt er weiter 
zurückgreifen; seitdem wir erkannt haben, dass die alten Griechen, von 
denen, sei es mittelbar, sei es unmittelbar, das heutige Europa die Anfänge 
seiner wissenschaftlichen Kultur empfangen hat, selbst keine autochthone 
Kultur besaßen, sondern ganz wesentlich von Afrika und Asien, von Aegypten 
und von Babylon, beeinflusst worden sind '). 

Autochthone Kulturen haben in grauer Vorzeit sich entwickelt erstlich 
im Thale des Nils, zweitens in dem des Euphrat und Tigris, drittens in dem 
des Ganges, viertens in dem des Jantsekiang. Wie weit auch dort wechsel- 
seitige Beeinflussung stattfand, namentlich zwischen Aegypten und Babylon, 
zwischen hidien und China, ist Gegenstand wissenschaftlichen Streites. 

Obwohl Indien und China für die europäische Kultur weniger in Be- 
tracht zu kommen scheinen, müssen sie doch um ihres eigenen Werthes 
willen kurz erörtert werden. Aber Aegypten wird, je weiter das Studium 
vordringt, immer wichtiger für die europäische Kultur, da die merk- 
würdige, den größten Geschichtsforschern unsrer Tage noch ziemlich unbe- 
kannte Thatsache immer klarer hervortritt, dass das so hochbegabte Volk der 
Hellenen die Grundlagen der exakten Wissenschaften, der Mathematik, Physik, 
Astronomie, Geographie u. s. w. , den sogenannten Barbaren^), d. h. weit 
älteren Kulturvölkern Afrikas und Asiens, den Aegyptern und Babyloniern, 
zu verdanken hat. Erst in Alexandrien sind diese Wissenschaften erwachsen. 
Vorher waren sie den Hellenen, in dem kurzen Jahrhundert ihrer 
Blüthezeit, fast unbekannt. Aber nur im Laufe von Jahrtausenden 
werden die ersten exakten Kenntnisse gesammelt. 

»Kinder seid ihr Hellenen, ihr habt keine alter-sgraue Wissenschaft,« 
sagt der Aegypter bei Plato^). Allerdings wird dieser Satz durch einen 



•1) Es ist sehr merkwürdig, wie blind gegen diese Thatsachen nicht bloß unsre 
klassischen Geschichtsforscher noch vielfach, sondern auch die Bearbeiter der Ge- 
schichte der Heilkunde fast durchgehends sich zeigen. Ich selber hoffe, naclidem 
durch Reisen in Aegypten, Kleinasien, Indien, Südchina und Japan mir der Blick 
für die morgenländischen Kulturen eröffnet worden ist, einen weniger einseitigen, 
richtigeren und gerechteren Standpunkt zu vertreten, zumal ich auch den Griechen 
und Römern durch Studium der ärztlichen Originaltexte näher zu treten mich be- 
müht habe. 

2) [:idfj|'ict[Joc heißt eigentlich unverständlich [Vergl. Curtius, griech. Etymol., 
1879, S. 290; Sanskrit barbarä-s stammelnd, Plural »nicht arische Völker«]. Das 
Wort hat also eine subjektive Bedeutung und kennzeichnet auch die Sprach- 
unkenntniss derjenigen, die es gebrauchen. (Barbaras en ego sum , quia non in- 
telligor illis, sagt Ovid ganz richtig.) 

3) TiMAEUs, Ed. St. III, p. 22, B, Ausg. v. C. F. Herrmann (Leipzig, Teubner, 
1893, Band IV, S. 32ü): ~Ü ^öXojv, "EXXtjve; t/.;i T.aioii sats .... oürjeiAiav -jap ev aü- 
Tai; (tolT; 'l-r/alz) oi' (/.[jycttav ä.yjyt^v raXatdv oö;av oiJO£ [j.di)Y][J.c/. ypovw "oXiöv o'jojv i'l}~=- 



Vorbemerkungen. 3 

andren desselben Plato vervollständigt: »Was wir Griechen auch inniier 
von den Barbaren empfangen, das lieben wir zu verbessern und zu ver- 
vollkommnen«. 

§ 1. Quellen der Geschichte der Heilkunde sind lediglich die 
überlieferten Texte^). Der Geschichtschreiber muss mit der Kenntniss 
der Heilkunde die der Sprachkunde vereinigen und die alten Schriften lesen, 
w^enn er die alten Zeiten schildern will, möglichst in der Ursprache, 
und, wo dies nicht angeht, in möglichst sichergestellter üebersetzung. 

Der erste Fehler, woran die meisten 2) der bisherigen Darstellungen 
leiden, besteht darin, dass die Geschichtschreiber keine genügenden 
Kenntnisse von der Ausübung der Heilkunde und namentlich von 
der Chirurgie besaßen, so dass sie an den wirklichen Erfindungen achtlos 
vorbeigehen, hingegen in endlose Erörterungen über die Träumereien der 
alten Schulen sich verlieren. Aber eine Geschichte der hiihümer hat geringes 
Interesse. 

Der zweite Fehler besteht darin, dass viele nicht einmal die grie- 
chischen Aerzte, die denn doch die wichtigsten Quellen darstellen, im 
Urtext lasen, sondern in den meist unbrauchbaren, lateinischen Ueber- 
setzungen. Das hat ganz falsche Ansichten z. B. über die Star- 
Operation der alten Griechen zu Tage gefördert sowie die Lehre einer 
»griechischen Unwissenheit«, die mehr bei jenen Geschichtschreibern, als 
bei den alten Griechen, thatsächlich vorhanden war^). 

Der dritte Mangel liegt in der Unmöglichkeit, dass ein Einzelner 
in der kurzen Frist des menschlichen Lebens alle Bücher über Heilkunde 
durclistudiren kann^). Li dem Bezirk von Asakusa bei Tokio in Japan 
sah ich eine Drehbibliothek, so groß wie ein ganzes Zimmer, ganz leicht 
auf einem Zapfen zu drehen und durch einen kräftigen Stoß in Bewegung 
zu setzen, mit der folgenden Inschrift: »Da die buddhistischen Schriften 
677 1 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie nicht alle durchlesen; aber 
ein annähernd gleiches Verdienst erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal 
um ihre Axe dreht.« 



»0 S., Ihr Hellenen seid immer Kinder .... Ihr habt ja nicht in euren Seelen aus 
alter Ueberlieferung eingewurzelte Ueberzeugungen, ihr besitzt keine altersgraue 
Wissenschaft.« — Schon Clemens Alex. (Str. I, 15, 69, Band II, 56) hat diesen 
Satz in dem von mir ausgeführten Sinne zu deuten versucht. 

1) Daremberg, Histoire des sciences medicales, Paris 1870. Pour l'histoire les 
textes, pour la science les faits. 

2) GuRLT und Fassbender sind rühmliche Ausnahmen. 

3) Wir kommen darauf noch zurück. Vergl. C.-BI. f. pr. Augenheilk. -1888, 
S. 200: Noch einmal die Star- Ausziehung hei den alten Griechen. 

4) Deshalb so viele Versuche über Geschiclite der Heilkunde, die nicht zu 
Ende geführt wurden. 

4* 



4 XXIII. Hirschberg, 

Auf unsrem Gebiete hat man sich damit geholfen, die Citate aus 
älteren Büchern umzuwenden und — gelegentlich zu alten Fehlern neue 
hinzuzufügen. Besonders schädlich sind die aus dem Zusammenhange ge- 
rissenen Sätze, die oft ganz irrthümlich gedeutet werden'). 

Die Geschichte der Augenheilkunde ist ein schon mehr um- 
schriebenes Gebiet, das ein Einzelner eher bewältigen kann. Ich werde 
nach Kräften mich bemühen, die Ilaupttexte der Augenheilkunde dem 
Leser zur eigenen Beurtheilung zu unterbreiten, um ihm sozusagen 
ein photographisches, getreues Bild der verschiedenen Entwicklungsstufen 
vorzuführen 2). Das ist weit lehrreicher und eindringlicher, als die ver- 
wässerten, sogenannten pragmatischen Darstellungen, die noch dazu von 
Fehlern wimmeln, da sie vom Urtext sich emancipiren. 

Wenn ich übrigens im Folgenden die griechischen Sätze stets mit 
einer (eignen) deutschen Uebersetzung versehe, so wollen diejenigen mir 
verzeihen, welche eine solche nicht brauchen, um der weit größeren Zahl der 
Leser willen, welche sie nüthig haben, — in meinem Wörterbuch der Augen- 
heilkunde sie schmerzlich vermissten und für die Zukunft von mir forderten. 

Von vornherein aber muss ich diejenigen Schriften über Geschichte 
der Heilkunde im allgemeinen und der Augenheilkunde im besondren hier 
anführen, welche nächst den Texten oder Quellen als wichtige Hilfsmittel 
zum Studium der Geschichte unsres Faches zu bezeichnen sind und denen 
auch ich viel Belehrung verdanke ^l: 



-1. Daniel Leclerc, Histoire de la medecine. Geneve löOß. 

2. Johannes Freind, Historia medicinae a Galeni tempore usque ad initium 
saeculi XVI. Laune conversa a J. Wigan, Lugduni Batavorum 1750. (Eng- 
lisch 1723.) 

3. J.H.Schulze, Historia med. Leipzig 1728. 

4. J. Chr. Ackermann, Institut, histor. med. Norimbergae 1792. 

5. Kurt Sprengel, Versuch einer pragmatischen Geschichte der Heilkunde. 
Halle 1800 — 1803. 5 Bände. 

5a. , 1. Aufl., von J. Rosenbaum. Leipzig 1846. ^Erster u. einziger Band.^ 

6. J. F. C. Hecker, Gesch. d. Heilkunde, nach den Quellen bearb. Berlin lS-2-2 
— 1829. 

7. L. H. Friedlcänder, Vorles. über die Gesch. d. Heilkunde. Leipzig 1839. 



1) Vergl. § 2, von der Heilkunde der Aegypter; § 21 'i von der Star-Ausziehung 
bei den alten Griechen. 

2) Goethe, M. z. Gesch. d. Farbenlehre, Einleitung: »Es ist äußerst schwer, 
fremde Meinungen zu referiren .... Ferner sind die Gesinnungen und Meinun- 
gen eines bedeutenden Verfassers nicht so leicht auszusprechen .... Ein Mann, 
der länger gelebt, ist verschiedene Epochen durchgegangen .... (Deshalb; lassen 
wir meistens die Verfasser selber sprechen.« 

3) Ich citire stets nach den Ausgaben, die ich besitze, — hier nur die wich- 
tigsten Werke. 



Vorbemerkungen. 5 

8. Wunderlich, Gesch. d. Medizin. Leipzig 1839. 

9. H. Haeser, Gesch. d. Medizin. Jena 1864. 

10. J. H. Baas i'aus Worms, Grundriss der Gesch. d. Medizin. Engl. Bearbeitung 
von Handerson. New York 1SS9. 

M. J. H. Baas, Gesch. d. Entwicklung des ärztl. Standes u. der mediz. Wissen- 
schaften. Berlin 1896. 

12. J. Pagel, Einführung in die Gesch. d. Medizin. Berlin 1898. 

LS. Gh. Daremberg, Histoire des sciences medicales. Paris 1870. 

U. Lietard, Hist. de medecine (jusqu'au XIII«; siecle). Paris 1897. (Extrait de 
la grande Encyclopedie.) 

15. Review of the history of medicine by Th. A. Wise. London 1867. 2 Bände. 
(Hauptsächlich Heilkunde der Inder.« 

16. E. Berdoe, The origine and growth of the healing art. London 18931). 

17. K. Sprengel, Gesch. d. Chirurgie. Halle iSO.i— 1819. 2 Bände. 

18. Bernstein, Gesch. d. Chirurgie. Leipzig 1822 u. 1823. 2 Bände. 

19. Haeser, Gesch. d. Chirurgie (Billroth-Pitha"s Deutsche Chirurgie,!:. 

20. Gurlt, Gesch. d. Chirurgie. Berlin 1898. 3 Bände. Ungemein vollständig; 
berücksichtigt aber die Augenheilkunde gar nicht. 

21. Die Pharmacie bei den alten Culturvölkern von Dr. J. ßerendes. Halle 
1891. 2 Bände. 

Ganz unentbehrlich zum Quellenstudium der Geschichte der Heilkunde sind 
die Handbücher der ärztlichen Bücherkunde: 

22. Jo. A. van der Linden, De scriptis medicis 1. II. Amstelodami 1637. 4". 

23. Bibliotheca medicinae practicae Auetore Alberto von Haller. 4 Bände. 
Bern u. Basel 1776 — 1788. (Reicht bis zum Jahre 1707.) 

24. Handbuch der Bücherkunde für die ältere Medizin von L. Choulant. Leipzig 
1841. (Additamenta, Nachtrag, von Rosenbaum. Halle 1842.) (Ein dem 
heutigen Standpunkt entsprechendes Werk der Art ist leider nicht vorhan- 
den; vergl. § 86.) 

B. 

1. Aug. Hirsch, Gesch. d. Ophthalmologie. Leipzig 1877. Im VII. Band der 
1. Aufl. des Handbuchs von Graefe-Saemisch ; das einzige Werk seiner Art. 

2. Die Geschichte der Augenheilk. von A. G. van Onsenoort aus dem Holl. 
übersetzt von Wutzer, Bonn 1838, 66 S.) kann als Geschichte der Augen- 
heilkunde nicht angesehen werden, ebensowenig die kurzen geschichtlichen 
Einleitungen einiger neuen Lehrbücher der Augenheilkunde. 

3. J. Beer, Biblioth. ophthalmica. Repertorium aller bis zu Ende des Jahres 
1797 erschienenen Schriften über Augenkrankheiten. Wien 1799. 4". (Leistet 
nicht, was es verspricht. 

4. H. Magnus, Geschichte des grauen Staars. Leipzig 1876. (Ein inhaltreiches 
Werk., 

3. J. Hirschberg, Wörterbuch der Augenheilkunde. Leipzig 1887. 

6. Das Werk von A. Andreae, Zur ältesten Geschichte der Augenheilkunde, 
Magdeburg 1811, ist durch die neueren Untersuchungen zur Kultur- u. Sprach- 
geschichte längst überholt und veraltet. 

Die besondren geschichtlichen Schriften zur Augenheilkunde werden 
bei den einzelnen Kapiteln Erwähnung finden. Die namentlich in meinem 
ersten Buch so häufig citirten Schriften der griechischen und römi- 
schen Aerzte sind im § 86, die ärztlichen und andren Wörterbücher im § 123 
zusammengestellt. 



1; Vorrede, S. 1 : Germany has created the history of medicine. 



XXIIl. Hirschbera;, 



Erstes Biicli. 

Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 

I. Die Augenheilkunde der alten Aegypter. 

§ 2. Wer Aug. Hirsch's Geschichte der Ophlhahiiologie durchsieht, 
wird sehr verächtlich von der Augenheilkunde der alten Aegypter denken 
müssen; denn daselbst') heißt es folgendermaßen: »Ueber den Charakter der 
ägyptischen Heilkunde finden wir nur bei einem der griechischen Aerzte 
eine Andeutung, bei Galen, welcher noch die sechs heiligen Bücher gekannt 
hat und bezüglich derselben erklärt"^), dass sie nur albernes Zeug enthalten. 

Befremdlich^) könnte es scheinen, dass die alten Aegypter, welche auf 
dem Gebiet der Geometrie^), der Bau- und Bildhauerkunst so Bedeutendes 
geleistet, auf dem der Heilkunde nur albernes Zeug geschaffen haben sollen. 
Befremdlicher noch, dass von allen namhaften griechischen Schriftstellern 
Galen allein ägyptisch verstanden haben sollte. Denn wenn wir Herodot, 
Strabo, Diodor und des Galenus Zeitgenossen Plutarch (über Isis und 
Osiris) aufmerksam lesen und damit die bekannten Ergebnisse unsrer Aegyp- 
tologen vergleichen; so sehen wir leicht ein, dass jene griechischen Schrift- 
steller, obwohl sie einzelne richtige Angaben bringen, doch kaum viel 
mehr von dem Aegyptischen verstanden, als heutzutage der gebildete Europäer 
etwa von dem Chinesischen"). Von einer griechischen Uebersetzung der 



1) Handb. v. Graefe-Saemisch VIT, 236. 

2) Galen, Ausg. v. Kühn, Band XI, S. 798. (Von d. einf. Heilmitteln, Buch 6, 
Einleitung). 

3) Das Citat findet sich mit zwei Druckfehlern, -äacii X-fjrjot etat, schon bei 
Kurt Sprengel (Gesch. d. Arzneik. I, 57, Halle, -1800; und buchstäblich ebenso bei 
Haeser (G. d. Med. 1867, S. 18). Mit Kurt Sprengel wird kein Billigdenkender 
rechten. Er war ein großer Gelehrter. Aber zu seiner Zeit vermochte man noch 
kein Wort der hieroglyphischen Schriften zu lesen! 

4) Vergl. Hirschberg, Aegypten, S. 33 ff. 

3) 4 300 Jahre vor Arghimedes hatten sie eine vorzügliche Kreisrechnung 
(-=1,315). Vergl. Papyrus Rhind von Eisenlohr, Leipzig 1877. Eriian, Aeg., 
S. 487. Hirschbebg, Aegypten, S. 36. Unser Jahr stammt aus Aegypten, durch 
J. Caesar. 

6) Aber, wie heutzutage die Chinesen in den Küsten- und Handelstädten 
englisch verstehen und sprechen, so hatten viele Aegypter zur Zeit der Ptolemäer 
und schon früher griechisch erlernt. Dies folgt l) aus Herodot (II, 125: EparjVEt;; 
Dolmetscher, für griechische Reisende); 2) aus den mehrsprachigen Edikten, 
die in den Tempeln, zur Ptolemäer-Zeit, aufgestellt und zum Theil auf unsre Tage 
gekommen sind, aus denen wir glücklicherweise die stumme Sprache der Hiero- 
glyphen nach 2 Jahrtausenden wieder zu verstehen lernten. So war den Griechen 
das Studium in den Schulen der alten Aegypter ermöglicht. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 7 

sechs heiligen Bücher der Aegypter ist, wenigstens bei den griechischen 
Aerzten, nirgends die Rede '). 

Ueberhaupt wissen wir nur aus dem uns erhaltenen Werke des Kirchen- 
vaters Clemens Alexandrinüs^), der um 200 n. Chr. wirkte, dass die ägyp- 
tischen Priester 42 kanonische, auf Hermes (Thot) zurückgeführte Bücher 
besaßen, von denen die ersten 36 die ganze Weisheit der Aegypter enthielten, 
während die sechs letzten ärztlichen Inhalts waren und von der 
Einrichtung des Körpers, von den Krankheiten, von den Instru- 
menten, von den Heilmitteln, von den Augen, das letzte von den 
Weiberkrankheiten handelten. 

.Jedenfalls verdient hier angemerkt zu werden, dass von den sechs 
Büchern eines eine besondre Darstellung der Augenkrankheiten enthielt. 

Aber der ganze Widerspruch löst sich einfach , Avenn man die oben 
erwähnte Stelle des Galex — nicht bloß nachcitirt, sondern nachliest. 

(lALE.v hat die heiligen Ileilbücher der Aegypter nie gesehen und nie be- 
urtheilt, sondern lediglich Kritik geübt an einer albernen griechischen Arznei- 
mittellehre des Pamphilus, welcher nur allgemein Bekanntes brachte, aber 
dann eine Pflanze, namens Adler, erwähnte, die kein Grieche kenne, und 
die er vorgab in einem der auf Hermes •*) zurückgeführten Bücher gefunden 
zu haben, das die 36 heiligen Kräuter der ägyptischen Wahrsager enthalte, 
die aber offenbar allesammt nur Unsinn seien, za- l; uov isooaxoTrwv ''soi; 



V Nur von sogenannten Büchern des ägyptischen Hermes über Weisheit 
berichtet Jamblichus (um 300 n. Chr., über die Mysterien der Aegypter VIII. c. 4 , 
.dass sie ins Griechische übersetzt worden seien. Solche Machwerke besitzen wir 
sogar, aber sie sind werthlos. 

ä Vergl. Op. ex rec. G. Di^^dorf, Oxonü 1859, Vol. III, p. 157 (Strom. C. VI, 
C. IV, § 37): O'jo [j.£v oüv v.al T£jaapd7.ovTa o.i ~dv'j ctva-pz-atai ToVEpavJ •(■.'( 6'/ riGi jjißXor 
üjv Ta; [j.£v Tptay.ovTa £; T'/jv — äoav AtY'JTiTituv — srjisyouia; 'YtXoao^tav o( -poEiOTialvot 
d-/.|j.avi}dvo'jct, Tcx? os XotTra? 1^ ol Tcaa-o'fopot (die niederen Priester, die das Götter- 
bild in der Cella tragen,) la-rptv-d; oüaa? rspi te -z-qc, toü cwaaTo; -/.ataov-E'j-?]; 
v.a\ t: £ p 1 >j c tu V y. a i. z £ p l ö p y et v oj v v. a l 9 ci p u. d -/. w 'i •/. n.X r: £ p 1 ö '.p i} 7. ). a öj v ■/. a l t ö 

rJEpl öpYdvojv wird von vielen gelehrten Aerzten (aber auch von Aegyptologen. 
z. B. von Brugsch, Aegyptol. 1890, S. 150) irrig übersetzt »über die Organe«, 
während es bedeutet »von den Werkzeugen«. [Dass op-^/va »die ärztlichen Werk- 
zeuge« heißt, ersieht man aus Hippokrates, Ausg. v. Littre, B. IX. S. 208; auch 
aus Xexophox's Cyropaed. V, c. 3.] Das Buch mag eine gewisse Aehnlichkeit ge- 
habt haben mit dem Hippokratischen v.ar' trjTp£tov, »in des Arztes Werkstatt«. 
(Vergl. § 69.) 

Dspl 6'.fi)a/,an)v war auch der Titel einer Schrift des berühmten Alexandriners 
Herophilus (Ende des IV. Jahrh. v. Chr.), sowie de oculis einer nur lateinisch er- 
haltenen, dem Galen irrig zugeschriebenen. 

Hirsch verwechselt S. 286) den von Clemexs Alex, erwähnten Kanon von 
42 Büchern mit der bei Horapoll. (Hieroglyph. I, 38) erwähnten Schrift ä-j-ßpr,; 
»über die Prognose aus der Lage der Kranken«. 

3, 36 525 Schriften schreibt ihm Maretho zu. 



8 XXIII. Hirschberg, 

|jot7.va:, o'X s'jotjXov oti -7.37.1 Xr^po; 3iai. Nicht ein Buch wird als Unsinn 
bezeichnet, sondern die 36 heiligen Kräuter der ägyptischen Wahrsager. 

Eine zweite Stelle aus einem griechischen Arzt über die ägyptischen 
Aerzte wird nicht erörtert, — weil sie niclit im Sprexgel steht. Ich fand 
sie in der anatomischen Schrift des Rufus'). övdp.7.-7. os -öüv au[xßoA«öv 
-u)v öarÄv TraXaid ouz s'-tiv. «XXä vuv stsOtj u-d tivojv x\.iYU7Lri(üv latoöuv 
cia'JXiu; sÄAtjViCovtcüv .... Outoi os y.7.1 TtJüv aXXoJV oorcüv ixdp'.7. övoafÜ^o'jj'.v 
ävu)vuu.7 ToTc TcaAai. »Alte Namen der Schädelknochen-Nähte giebt es nicht, 
sondern neuerdings wurden sie von einigen ägyptischen Aerzten. welche 
wenig griechich verstanden, festgesetzt. (Nun folgen die zum Theil noch jetzt 
üblichen Namen, wie Kranz-, Lambda-, Verbindungs-Naht.) Diese benennen 
auch Theile von andren Knochen, die bei den Alten nicht benannt waren.« 
Hieraus folgt doch zum mindesten eine ernste Beschäftigung ägyptischer 
Aerzte mit der Knochenlehre. 

§ 3. Die Heilkunde ist uralt in Aegypten. Clemexs aus Alexan- 
drien, der von allen Hellenen mit am tiefsten in die ägyptische Eigenart 
eingedrungen zu sein scheint, behauptet, dass die Heilkunde im Nil-Lande 
autochthon entstanden sei'^). 

Bereits in den homerischen Gesängen^) (800 v. Chr.) heißt es. 



\'] Lebte um 100 n. Chr. Ausg. v. Ruelle und Daremberg, Paris 1S79, S. 150. 

2) Vol. II, 62. 

3) Schon bei Galen (? XIV, 673) wird als Beweis des Alters der ägypt. Heil- 
kunde citirt: Odyssee, IV, 227 ff. 

Toia Atö; O'JYaTTjp i'ye cap;j.av.ot p.Y]-tO;VTa 
da&Äa, Ta ot no/.uoc(|j.va —öpsv 0tüvo; zapä'/oiTt; 
AiYurriT], T-fj TcXetata cpspei C^iScupoc ä'po'jpa 
ccdEpi.».ot7.a, roXXd p.£v eaDXd |i.£[j.iY[j.£\o(, t.qXiA oe X'jypd' 
t7]7pö; 0£ exaaxo; £7rtaTcx[j.£vo; Tiepi —dvTcu^^ 
ävDpoj-caV fj Y^p naiTjOvö; £i3t ■^z'ti^Xrf,. 
»Siehe, so heilsam war die künstlich bereitete Würze, 
Welche Helenen einst die Gemahlin Thons Polydamna 
In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtl3are Erde 
Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Wirkung. 
Dort ist Jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung 
Alle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlechte Päeons.« 
fUebersetzung v. J. H. Voss.) Den Trank, den Helena dem Telemachos bot, zum 
Vergessen des Schmerzes, dürfte sie aus der ägyptischen r/j^Zi" = Mandragoras, 
Alraun (Atropa Mandragoras L.) gemischt haben. (Vergl. m. Bemerk, über die 
geschichtl. Anf. d. wundärztl. Betäubung. D. med. W. 1892 Nr. ^\ sowie § U1. — 
Auch sonst finden wir bei den Griechen Zeugnisse über den Wertli der ägyptischen 
Heilkunde und über ihre allgemeine Verbreitung im Volke. Nach Isokrates" 
(4 36 — 338 V. Chr., Busiris , § 22, Teubner'sche Ausgabe von Bexseler, Leipzig, 
1889, B. II, S. 7,) waren die Heilmittel der Aegypter wirklich heilsam, nicht gewagt, 
so dass man sie wie Nahrungsmittel nehmen konnte. Nach Plutarch (4—120 n. 
Chr.; Gryllus, c. 9, S. 998, E.; Ausg. v. Bernardakis, Leipzig, 1S95, Band V, 
S. 98,) hörte man allein von den Aegyptern, dass sie alle Aerzte seien. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 9 

dass in Acgypten das Fruchtland sehr zahlreiche Heilkräuter liervorhringt, 
und jeder ein Arzt sei, hervorragend vor allen andren Menschen. Und 
hei dem attischen Lustspieldichtec Aristophaxes (410 v. Chr.) werden die 
Aegypter wegen ihrer zahlreichen und häufig angewendeten Abführmittel 
verspottet '). 

Jedenfalls waren sie nach den übereinstimmenden Zeugnissen der Alten-) 
sehr mäßig, sehr reinlich, sehr gesund. 

Mit scheuer Bewundrung blickte der Grieche auf den absonder- 
lichen Aegypter. Wir verehren in dem ägyptischen Volke mit die älteste 
Kultur, von der wir Kunde und Denkmäler besitzen, da sie von ihrer Sprache, 
Literatur, Kunst, ihrem ganzen öffentlichen und privaten Leben, dank ihrem 
Ivlima und der Dauerhaftigkeit ihrer Grabanlagen, uns die genaueste Kunde 
hinterlassen haben. 

In der alten Zeit (1500 v. Chr.) gab es nach dem Zeugniss des Papyrus 
Ebers bei den Aegyptern drei Arten von Aerzten, die eigentlichen, die 
Einrenker (Chirurgen) und die Beschwürer. Merkwürdigerweise wurden 
diese drei Heilverfahren von den Griechen 1000 Jahre später ihrem 
AsKLEPios zugeschrieben ^). 

In dem hauptsächlichen altägyptischen Arzneibuch, das auf unsre Tage 
gekommen (Papyrus Ebers, iöOO v. Chr.), finden wir Heilvorschriften 
für alle Leiden, äußerliche, innerliche, Augen-, Frauenkrankheiten. Eine 
Trennung der Heilkunde in Sonderfächer ist hier nirgends an- 
gedeutet. 

Als der Grieche Herodot (etwa um 440 v. Chr.; Aegypten bereiste, 
fand er das Reich in tiefem Verfall, wie wir etwa heutzutage das chinesische 
Reich, dessen Heilkunde ja gleichfalls heute viel tiefer steht, als etwa vor 
2000 Jahren. Auch verstand er vom Aegyptischen genau so viel, wie irgend 
einer von uns etwa vom Chinesischen, Herodot^) sagt nun: die Heilkunst 
ist folgendermaßen bei ihnen eingetheilt: jeder ist nur Arzt für eine Art von 
Krankheit und nicht für mehrere. Alles wimmelt aber von Aerzten. Die 



1) Frieden, V. 1253, 12Ö4. 

-u)).£i jjacit^wv aÜT« toi; AiY'jr-'.ot;* 

i'jTtV Y«? ETTlT-flOetCt O'JpfJ.CltOtV tJ.£Tp£lV. 

Verkaufe sie (die Helme) eiligst den Aegyptiern, 
Denn sie sind brauchbar, die Purganz zu messen. 

2) Hirschberg, Aegypten, 1890, S. 88 ff. (Hippokr., Herodot, Strabo). 

3) PiNDAR (522—448 v. Chr.), im 3. Pythischen Gesang. Auf diese wichtige 
Stelle werden wir später, bei der Vorgeschichte der griechischen Heilkunde, noch 
zurückkommen. (Vergl. § 29.) Uebrigens finden wir genau dasselbe in den heiligen 
Büchern der Parsen. (Vergl. § 14.) 

4) II, C. 83 : H &£ iaTpr/.-r] v-axd xaoe ccft oioacTCd' |J.if,; v&uso'j ixasto; ir^Tf-o; iz-i 
v.'jI O'j -Xeo^ojv. HdvTa 0' f-^Tpöiv iz~\ "Xsa* ol [j.£v fäo öcpSaXfjLÖJv xa-£0~eaot, ol 0£ 
-/.tZ'Cihr^:, Ol 0£ öoovtimv, ot 0£ töjv •/.a-a \rfi''xJ, oi 0£ tu»'; ätfavEojv vou3tov. 



10 XXIII. Hirschberg, 

einen sind für die Augen'), die andren für den Kopf, die dritten für die 
Zähne, noch andre für den Unterleib, andre für die unsichtbaren (inneren) 
Erkrankungen. 

Nach Diodor2) wurden im Unglücksfall die ägyptischen Aerzte mit dem 
Tode bestraft, wenn sie von der Behandlungsweise der kanonischen Bücher 
abgewichen waren. Doch ist dies nicht ganz glaubwürdig. 

Die theoretischen Kenntnisse der altägyptischen Aerzte waren 
gering, auch in der Zergliederung, trotz der üblichen Einbalsamirung^). 
Sie hatten eine dunkle Ahnung, dass das Herz ein Mittelpunkt sei, von dem 
zahlreiche Gänge (metu) ausgehen, womit sie Blut- und Schlag-Adern, Nerven, 
Sehnen, Drüsenkanäle bezeichneten. Ihre Physiologie war ein Nichts. Es 
lohnt nicht, dabei zu verweilen, da dies der größte Fehler ist, aus der 
Geschichte der Heilkunde eine Geschichte der Irrthümer zu machen. 

Aber ihre Heilkunst war nicht so übel: 1500 v. Chr. kannten 
sie, aus einem uralten Buch, die abführende Wirkung des Ricinus; ferner 
die Granatwurzelrinde gegen Bandwurm; die Behandlung durch Einathmung, 
die Behandlung des Säuglings durch das Mittelglied der Amme. Bei den 
Aegyptologen scheint es eine pessimistische und eine optimistische Richtung 
zu geben 4); den Ansichten der ersteren kann ich mich nicht ganz anschließen, 
trotz des Aberglaubens, der alles Altägyptische durchdringt. 



1) DieAugenärzteAegyptens müssen imi diese Zeit hochberühmt gewesen 
sein. Bei Herodot III, I heißt es: Cyrus sandte zmn Amasis (560 v.. Chr.) und bat 
ihn um einen Augenarzt, welcher der beste wäre im ganzen Aegypterland. — Auch 
Darius holte sich einen Leibarzt aus Aegypten. Noch zur Zeit des Tiberius und 
Nero kamen ägyptische Aerzte nach Rom, hauptsächlich zur Heilung von Haut- 
krankheiten. 

2) DiODORi SicuLi (I. Jahrh. n. Chr.), Biblioth. histor. ex rec. J. Beckeri, T. I, 
Lips. 1833, S. <09 (1. I c. 82): -/Jas xolc, iv. Tf|; ispä; ß^SXoj \rj[j.ot; dvaYivo)av.o;j.£voi; 
dy.oXouÖTjOotvTe; c/.o'JvaTT,aa)at ciüaat tov y.du.vovt'a, äftojot —dvro; Iy'''-^^'^(I-'-'^~0' sy.X'jovtcti, sdv 
rjk -c(pa xd •itfprj.^.ij.i-^a -oi'fjOioai, Oocvatou v.piaiv 'j7:o[j.iVouai-;, rjYO'J[J-£vou toö voij.oitftcj 
T'fj; iv, —oXXöjv ypovojv 7:apaT£Trjpe|J.£vr); ftsparrEt^; v-ct a'jvxsr'y.-cij.svrj; \j~h töjv äpiGTdJv 
TEyvtxöJv öXiYou; av cj^sTcutepou:. »Und wenn die ägypt. Aerzte den in dem heiligen 
Buch vorfindlichen Gesetzen folgend den Leidenden nicht zu retten vermögen, so 
gehen sie straflos und frei von Vorwurf aus; wenn sie aber im Gegensatz zu der 
Schrift handeln, so harrt ihrer das Todesurtheil, da der Gesetzgeber der Ueberzeugung 
war, dass die seit so langer Zeit beobachtete und von den besten Sachkennern 
zusammengestellte Therapie nicht leicht einer durch Klugheit übertreffen kann.« 

Aristot. Polit. III, 1j (Ausg. d. berl. Akad., 1831, B. II, S. 1285): v,u ev Ai-pTr-no 
v.e~a. TTjv T£Tp-riiA£pov 7.iv£T'; E^eari toT; laTpoi;, Idv 0£ —poxspov, £-1 a'jxoö --^ivoü^w. »In 
Aegypten dürfen die Aerzte erst nach dem 4. Tage eine Aenderung (der vorgeschrie- 
benen Behandlung) eintreten lassen; vorher nur auf eigene Gefahr.« 

3) Dass sie aus der dabei nöthigen Leicheneröffnung [iv. xfj; ävai/t^ew;, 
vieles für die Chirurgie gelernt, behauptet Galen (?) (XIV, 675.) (Fragezeichen 
hinter Autor-Namen bedeutet »unechte Schrift«). — Die damit Betrauten waren 
keine Priester. — Dass die ägyptischen Aerzte später doch vielleicht bessere 
Kenntnisse von der Anatomie erwarben, kann man aus der § 2 (zu Ende) citirten 
Stelle des Rufus erschließen. 

4) Man vergl. die Aegyptologie von H. Brugsch mit Erman's Aegypten und 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. U 

Doch ich eile zu den Kenntnissen der Aegypter in unsrem Sonderfach, 
der Augenheilkunde. 

§ 4. Eine wirkliche Einsicht in die Heilkunde der alten Aegypter 
konnten wir nur durch Auffinden altägyptischer Schriften üher Heil- 
kunde gewinnen. Diese verdanken wir hauptsächlich unsrem Georg Ebers'). 
Er hat das wichtigste Werk über die Heilkunde der alten Aegypter (auf 
seiner zweiten ägyptischen Reise 1 872 , in der Todtenstadt von Theben) 
aufgefunden, im Facsimile herausgegeben (l)^) mid den wichtigen Abschnitt 
über die Augenkrankheiten ausgeschrieben, übersetzt und mit Erläute- 
rungen versehen (2). 

Die Schwierigkeiten waren ungeheuer. Denn, wenn man die 
Buchstaben eines Krankheitsnamens oder eines Heilmittels gelesen , so galt 
es, die wörtliche Bedeutung und den ärztlichen Sinn aufzufinden. Es war 
allerdings selbstverständlich, dass G, Ebers, ein Sprachforscher, nicht gleich 
beim ersten Angriff jede Krankheit richtig zu deuten vermochte; ich 
habe ihm meine Ansichten vorgelegt und vielfach seine Billigung (auch die 
von H. Brugsch-^) und andren Aegyptologen) gefunden. 

Dies älteste Buch über Heilkunde ■•), welches (nach dem auf der Rück- 
seite der ersten Pagina aufgezeichneten Kalender) sicher 1553 bis 1550 
V. Chr., also iOOO Jahre vor Hippokrates, niedergeschrieben ist, stellt 
eine Sammlung von Recepten dar, die genau beschrieben sind, während 
von den Krankheiten meist nur der Xame angegeben wird. Es ist also 
ähnlich den griechischen Werken über die Hausmittel (s-j-ootara), welche in 
der GALEN'schen wie in der ORiBAs'schen Sammlung und unter den Werken 
des DioscoRiDES uns aufbewahrt sind. 



beide mit G. Ebers' Cicerone und der Geschichte des alten Aegvptens von Düüichen 
und E. Meyer. 

)) Wir beklagen den vor kurzem erfolgten Tod dieses bedeutenden Forschers, 
dem es leider nicht vergönnt gewesen, das Werk seines Lebens zu Ende zu führen. 

2) Die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf die einzelnen Nummern 
der Literatur-Uebersicht, am Schluss dieses Paragraphen. 

3) Da der geneigte Leser ein gutes Recht hat, an der Kompetenz eines Arztes 
in ägvptologischen Dingen zu zweifeln, so erlaube ich mir dasUrtheil von H.Brugsch 
hier mitzutheilen (Aegyptologie S. 409) : >Die vorzügliche Arbeit eines Berliner Augen- 
arztes fProf. Dr. J. Hirschberg »Ueber die Augenheilk. der alten Aegypter, ISSO«; 
hat diesen ersten Versuchen ^von G. Ebers] einen Gewinn zugetragen, welcher, 
von einem modernen, sachkundigen Fachgelehrten ausgehend, über den speziellen 
Gegenstand ein weiteres, aufklärendes Licht verbreitet hat.« 

4,1 -108 Seiten, in hieratischer Schrift prachtvoll geschrieben, nach G. Ebers 
das hermetische Buch von den Arzneimitteln, das Clemens von Alexandrien er- 
wähnt, eine Ansicht, der Lürixg (5) widerspricht, Ebers aber treu geblieben. 
Lietard {% 2 Nr. 15; ist der Ansicht, dass solche Rezeptsammlungen, wie der Pa- 
pyrus Ebers, das Material für die spätere Redaktion der kanonischen Bücher 
geliefert haben können. 



12 XXIII. Hirscliberg, 



Literatur. 

1. Papyrus Ebers. Das hermetische Buch von den Arzneimittehi der alten Aegyp- 
ter. Herausgegeben von G. Ebers. Mit hieroglyph.-lat. Glossar von L. Stern. 
Leipzig 1875. 

2. Papyrus Ebers. Die Maße u. das Capitel von den Augenkr. Leipzig 18S9. 
(Die Herausgabe der weiteren Abschnitte ist durch den 18 98 erfolgten Tod 
des Forschers abgeschnitten worden.) 

Vergl. ferner: 

3. Papyrus Ebers, zum erstenmale vollständig übersetzt von H. Joachim. 
Berlin 1890. 2U S. in 4°. 

4. Hirschberg, Aegypten. 1890. 

5. Lüring, lieber die medizinischen Papyri. Leipzig 1S88. 
t>. H. Brugsch, Die Aegyptologie. 1891. (S. 407f.) 

7. Adolf Erman, Aegypten. 188.5. (Besonders c. XIV.) 

§ 5. Eines sclieint mir zweifellos, dass wir bei der Deutung der 
Krankheiten des Papyrus stets die einfachsten Annahmen machen müssen ; 
wir können, wenn wir den Inhalt der griechischen Literatur von PIippokr.*.tes 
(460 — 370 V. Chr.) bis Joannes Aktuaril's (im 14, Jahrh. n. Chr.], also einen 
Zeitraum von etwa 15 Jahrliunderten, berücksichtigen, den ältesten Schrift- 
stellern die Kenntniss nur derjenigen Krankheiten zutrauen, welche klare 
Zeiclien besitzen, die der Kranlve einfacli angeben oder der Arzt leicht 
walirnehmen kann. Nicht aus unsren Kenntnissen und Anschauungen 
sollen wir die Texte der Aegvpter zu erklären versuchen, sondern aus den- 
jenigen der älteren Griechen, ihrer unmittelbaren Schüler und Nachfolger. 

Unser Papyrus beginnt in dem den Augenheilmitteln gewidmeten Ab- 
sclmitt folgerichtig mit den bei der häufigsten Augenkrankheit, dem Binde- 
liautfluss, vorkommenden drei Hauptzeichen, der Rüthung, der Ab- 
sonderung, der Schwellung des Auges. 

1. »Das Wachsen des Krankhaften im Blut in dem Auge« bedeutet 
also etwa Blutüberfüllung (beim ßindehautfluss) und wird mit Natron und 
Weilirauch bekämpft, welche auch von den Griechen bei ähnlichen Zu- 
ständen angewendet wurden. 

2. »Das Wasser darin- ist die thränige und schleimige Absonderung 
und wird mit Weihrauch, Myrrhen und Bleisalz bekämpft. 

3. Das »Waclisen« ist ein stärkerer Fall des Bindehautflusses mit 
Schwellung und wird zunächst mit einer Salbe aus Natron, Mennige, Grün- 
span und Honig behandelt. Ich finde eine genügende (wenn auch nicht 
vollständige) Uebereinstimmung mit den 3 gradAveise verschiedenen Begriffen 
der Griechen rapa^"i;, 6'f üaXixia, c-Xsyjj-ovr, ^). 

4. Jetzt folgen Mittel gegen die Verschleierung im Auge (tchn m 



1) Bindehautreizung, ßindehautfluss oder Triefauge, Bindehaut-Eiterung. 
(Vergl. § 35.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. "13 

mrt.) ']. DioscoRiDES (60 n. Chr.) hat -7. t-i3xoto'jvT0L taT; y.opai? — das, 
was die Pupillen verdunkelt'-). — Das ist dasjenige, was der naive Beob- 
achter zumeist und zuerst als Trübung des Auges wahrnehmen muss, wie- 
wohl es ihm sicher ebenso gegangen ist, wie es heute noch dem Laien und 
dem Studenten geht, — gelegentlich Trübungen in der Pupille und vor 
derselben, Linsenstar und Hornhautfleck, miteinander zu verwechseln. Uebri- 
gens verdient denn doch noch angemerkt zu werden, dass o\xu.6-<üv a\xrj_<'j- 
p(u3u, Verdunkelung der Augen (Hippokr. Praenot. , 1,268) eine wörtliche 
Uebersetzung von tchn m mert darstellt. 

hn ersten Beginne wird Sumpfwasser empfohlen, am 2. Tage Honig mit 
Spießglanz. 

5. Es ist ein Hauptverdienst von G. Ebers, nachgewiesen zu haben, 
dass die alten Aegypter das Triefauge (o'-fi>7.A[ji''7., lippitudo, die chronische 
Kürnerkrankheit) kannten, benannten, behandelten. Ueber diese Krankheit 
hetae kann gar kein Zweifel obwalten, da dieses Wort dasjenige Deut- 
Zeichen-'), den regnenden Himmel, besitzt, w^elches überhaupt bei den 
Aegyptern das Niederrinnen von Flüssigkeit bezeichnet; und da hiti im 
Koptischen^) das Triefauge bedeutet. Das Mittel unsres Receptsammlers 
gegen hetae enthält Grünspan, Myrrhen, Zwiebeln, Gazellenkoth, Oel u. s. w. 
Er empfiehlt auch das Mittel, mit der Feder eines Geiers einzupinseln. 
Es ist erstaunlich, wie in dieser uralten Schrift die örtliche Behandlung in 
den Vordergrund tritt. Die Augenleiden werden fast ausschließlich durch 
örtliche Mittel bekämpft. Nach unsren Begriffen ist das weit vortheil- 
hafter, als der von den alten Griechen so vielfach bei Augenleiden em- 
pfohlene Aderlass in der Ellenbeuge. 

6. Wir dürfen uns nicht wundern, dass nun auf einmal von dem 
Augenschmerz die Bede ist (uchdu m mrte): eine Salbe aus Spießglanz 
und Kohle ist das Heilmittel. Auch bei den Griechen wird der Schmerz 
der Augen sozusagen objektivirt^); es steht das Wort geradezu für 
Augenleiden: so in dem berühmten Aphorismus des Hippokrates (VI, 31)''). 



\) Der gelehrte Aegyptologe wolle mit meiner Transscription nicht rechten. 
Meine ärztlichen Leser werden es gewiss nicht thun. 

2) Mat. med. I, 129; und de parabil. m. XL.: -a i-izv.rjzvm'j. t'/i; ■/.opcd:, ä'pYS- 
[j.a xai sez.üdrx. v.al dyjSjz, weißHche Hornhautgeschwüre, Wolken und Nebel. 

3) »Diese werden hinter das lautlich ausgeschriebene Wort gestellt und zeigen 
an, welcher Begriffs-Kategorie es angehört.« 

^) Wie die lateinischen Wurzeln in der italienischen Sprache, so finden sich 
vielfach die Wurzeln der altägyptischen Sprache im Koptischen. Die Kenntniss 
des Koptischen hat wesentlich dazu beigetragen, die Schrift der alten Aegypter 
nach 11/2 Jahrtausenden der Unkenntniss wieder zu entziffern. 

ö) So im Anfang der Abhandlung des Pacllus von Aeg. über Augenleiden. 
Vergl. den Kanon, am Schluss des ersten Buclies. 

6) Vergl. § .38. 



j 4 XXllI. Hirschberg, 

7. »Ein andres zur Eröffnung des Gesichts, nach dem Schlaf auf die 
Augen zu geben« (Ricinus und Spießglanz). Das sind Mittel zu der soge- 
nannten Stärkung der Augen, wie sie Tausende von Menschen noch 
heute gebrauchen und wie sie die allen Griechen schon als o^jospzixc/. an- 
wandten. (Galen XII, 738.) 

• S. Recht schwierig ist »seq t'fd m mrt«. Ebers übersetzt »stillici- 
dium pupillae s. hypopyon«; Lüring, u-o/uixcc., Katarakt. Ich ziehe vor cpüij-.; 
7.0p-/];, Verengerung oder Yerschließung der Pupille, welche die Griechen 
mit dem Schwund des Augapfels in nahe Beziehung brachten. (Galen XIX, 
435, Paull. Aeg., p. 76.) Sec[ heißt zusammenziehen; t'fd Pupille oder das 
Schwarze im Auge. 

Die Krankheit hat das Deutzeichen des Schlimmen (ein Krokodil) und 
wird mit häufigen Umschlägen einer Lösung von Salpeter und Ebenholz- 
spähnen behandelt. (Ebenholz ist bei Dioscor., m. m. I, 129, ein Mittel zur 
Klärung der Pupille.) 

9. Folgt die Verkalkung in den MEiBOM'schen Drüsen. (Stein in den 
Augen, whet m mrle.) Der erfahrene Arzt kann gelegentlich ein hartes 
Korn, das weißlich und halb durchscheinend ist, aus den MEiBOM'schen Drüsen, 
nach dem Anritzen der Bindehaut, durch Druck entfernen. Das Fremd- 
artige, Steinige der Bildung musste schon den ältesten Beobachtern auf- 
fallen. Mir scheint, dass hiervon der Name Hagelkorn hergenommen ist, 
während man ihn später auf das gewöhnlichere Erzeugniss derselben 
Drüsen übertragen hat, das weich ist und nichts vom Hagelkorn besitzt i). 
Die Mittel des Aegypters gegen Stein im Auge sind Spießglanz, Mennige, Blei- 
erde, Natron. 

10. Sehr klar ist die weiße Narbe der Hornhaut bezeichnet, sht' 
mit dem causativen s, das Weiß machen. Hier lernen wir, wie alt 
manche Namen der Heilkunde sind: Xsuxwtjia (Galex, Paull. Aeg., Aet.) 
kommt von Xsu/.oco, weißen, und bedeutet genau dasselbe, wie das eben 
genannte ägyptische Wort. Das Mittel, welches der Aegypter anwendet, 
Schildkrötenhirn mit Honig auf die Augen zu legen , wird ebenso wirken, 
wie unser Einstreuen von Calomel, durch die Zeit, die hier mehr hilft, als 
die Kunst. (Hippokr. Praedict. II, Kühn I, 214.) 

§ 6. Ein andres zum A'ertreiben des Blutes in den Augen (dr snf 
m mrte). Tinte, Grünspan, Spießglanz, Ilolzpulver, Zwiebeln, Wasser: fein 



y.'/i /aöictaU io-i to aü-ö. Das Hagelkorn ist eine hirseliornähnliche Ansammlung 
am Lid, und die Steinbildung ist dasselbe. Genauer in der »Einführung«, Galen (?) 
XIV, 771 : /a!}(aai; Zi eativ, oTctv er.stpacisvTcoov töjv [i/ECfdoojv oij.ota ztupot; -epi Ta 
ijAE'^crpct uTrdpy/j Äeuv.d v.cd r.ayia -/.oX otov Xtftoi; £[j.'-p£p'?i vjaaovtci tov &cpi)aX[i.öv. Stein- 
bildung besteht, wenn man nach Umdrehung der Lider kleine weiße dickliche 
Körperchen, ähnhch den Steinchen, findet, welche das Auge stechen. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 15 

zerreiben und auf die Augen Ihun. — Man hat hier die Wahl zwischen 
Brausche und entzündlicher llüthung. Dagegen muss wohl die später er- 
wähnte Krankheit des Blutes um die Augen (snf hr mrte) entschieden 
als Blutunterlaufung der Lider (und der Bindehaut) gedeutet werden. 
Zur Heilung wird das eine Mal Weihrauch und Schöllkraut empfohlen, das 
andere Mal eine Schale mit Pulver der Dum -Palmfrüchte und der Milch 
einer Frau, die einen Knaben geboren hat, eine andre mit gewöhnlicher 
(Kuh-)Milch gefüllt: das erstere eingeträufelt, das letztere zur Waschung 
benützt. Dioscorides (mat. med. 11, 78} empfiehlt gleichfalls Frauenmilch 
mit Weihrauch in das blutunterlaufene Auge einzuträufeln. 

'12. Andres zu vertreiben das Umdrehleiden der Augen (nhet m 
mrte). Schildkrütenliirn, Abra-Spezerei ää, 0,0141; auf die Augen zu thun. 
Gemeint ist wohl das Schielen, da dies bei den ältesten Griechen') durch 
»Verdrehen der Augen« wiedergegeben wird. 

15. Ein andres zum Vertreiben des Fettes in den Augen (qnt m mrte). 
Man hat die Wahl zwischen den weißen Talgdrüsengeschwülstchen 
der Lidhaut, welche von den alten Griechen (A'iii. VII, 2, S. ISia und '138a) 
als a-sartoijLctTa bezeichnet wurden, und zwischen der irrig gedeuteten Balg- 
geschwulst (uoatu, Galeiv(?) XIX, 439; Paull. Aeg. VI, 14), auf die wir 
noch zurückkommen werden. 

1 6. Andres zum Vertreiben des Kügelchens im Auge (pdst m mrte). 
Es dürfte das Gerstenkorn gemeint sein, dessen ja auch bereits Hippo- 
KRATES^) gedenkt. 

17. »Andres für die Blödsichtigkeit (spt, mit dem Deutzeichen des 
Auges). Schweinsaugen. Nimm das darin befindliche Wasser ; echten Spieß- 
glanz, 3Iennige, Naturhonig, je 1 Ro^); fein zerreiben, in eins verbinden, 
einzuspritzen in das Ohr des Kranken, damit er gesund werde auf 
der Stelle«. Folat sodeich eine Beschwörung der Krankheit^). 



1) HippoKR. Aphor., Ausg. von Kühn, III, 374: -l^v oz^^alpM oia-j-pri.-s.r, , wenn 
das Auge verdreht wird; Coac, I, 267: otas-piccecOat (to'j; öcpftctXij.o'jc); de aöre etc., 
I, öö-l : fiY-^ov-at ... s.a. ots^-rpau.jjivwv cTp£,3>vfJt, von Schielenden stammen Schie- 
lende . . . 

2) Ausg. V. Kühn III, 4 36, Epidem. II. (y.pitlri). 

3) = u,0U1 Liter. 

4) Georg Ebers tadelt mit Recht, dass man bisher mehr die Albernheiten 
des Papyrus als das Gute, das er enthcält, betont hat. Gewiss, die alten Aegypter 
(und besonders ihre Priesterärzte) waren sehr abergläubisch. Aber die Babylonier, 
Juden und Perser waren es auch. Die guten Aerzte der Griechen hielten sich 
ziemlich, aber keineswegs ganz frei davon. Die Römer (namentlich Plinius, 
aber auch Celsüs, Scribonius, vor allen Margellus) huldigen dem gröbsten 
Aberglauben; ebenso die Byzantiner, die Araber, die Mönche des Mittelalters. 
Unser braver Bartisch (15S0 n. Chr.) glaubt an Verhexen, wie irgend ein altes 
Bauernweib. Und sind die Priesterärzte unsrer Tage, soviel es deren noch giebt, 
etwa frei von Aberglauben ? 



16 XXIII. Hirschberg, 

Bemerkenswertli ist hier das Lösungsmittel, "Wasser aus Schweinsaugen. 
Es ist dies (ebenso wie die Anwendung von Schildkrütenhirn, Menschenhirn 
im Papyrus Ebers, ganz abgesehen von Bhit, MilcVi und Kolli) der Anfang 
der sogenannten Organ-Therapie, die ja heutzutage ihre Wiedergeburt 
feiert. 

Die Krankheit spt dürfte mit der Amblyopie der Griechen überein- 
stimmen. Ebenso bestimmt, wie in der hippokratischen(?) Schrift über die 
Sehkraft') der Grieche die Amaurose durch Trepanation und Ablassen des 
Hirnwassers zu heilen verspricht, ebenso sicher ist unser Aegypter in seiner 
Empfehlung der Einspritzung ins Ohr. 

i8. Ein andres zum Vertreiben des Krokodils im Auge (edt m mrt. 
Hinter edt stehen zwei Deutzeichen, das Krokodil und das Zeichen für 
Kranklieit). 

Kot des hnut-Vogels, Seesalz, Weihrauch, in eins vereinigen und ins 
Innere des Auges thun. 

Nach HoRAPOLLox-) zeichneten die Aegypter ein Krokodil, um etwas 
Reißendes oder Furchtbares oder AVüthendes zu bezeichnen (ao-aYa r^ -oÄu- 
-j'dvov Tj aaivo'jLcvov). Die Griechen, welche das Krokodil nicht aus eigner 
Anschauung kannten, wählten zur Bezeichnung einer schlimmen Krankheit 
den Krebs, zap-xivo;. Carcinom des Auges war ihnen der schmerzhafte, 
gefährliche Hornhautabscess 3). So etwas kann auch hier ge- 
meint sein. 

20. Gegen bade (Oedem, Chemosis?) echten Spießglanz, der gewaschen 
werde mit der Milch einer Frau, die einen Knaben geboren. 

Auch in der hippokratischen(?) Schrift von den unfruchtbaren Frauen^) 
wird -'a/.7 Y'jvaixöc xoupoTfiociou (die einen Knaben säugt) erwähnt und 
ebenso bei Dioscor. (mat. med. IV, c. 99, B. I, 763) y- ",'• ötopEvoTozou (die 
ein männliches Kind geboren). 

21. Andres gegen Eiterabsonderung im Auge (t'ft'ft m mrt). Thon, 
Blätter des Ricinus (Kiki), Honig je 1 Ro. 

In einer Tempel-Inschrift (Lüring) bedeutet tftf den »Ausfluss« (des Auges 
vom Sonnengott). Von den Blättern der Kiki sagt Digscörides, mat. med. 
IV, 161: ö'fUaXiJLÜiv oioy-aara /ai cpAsYuova; -7.621. Es beseitigt Anschwel- 
lungen und starke Entzündungen der Augen. Nur an dieser Stelle des 



1} Ausg. V. KÜHX, III. 4R; von Littre IX, 138. Vergl. § 49, b.) 

2 Dessen ursprünglich ägyptisch geschriebenes Werk wir in einer griechischen 

Uebersetzung aus dem 4. Jahrh. n. Chr. besitzen, ill, 67.) H. schildert nur .die 

späteste (änigmatische) Art der Hieroglyphen. 

3) Vergl. Paull. Aeg. III (S. 76), Theoph. Nonx. c. 71, loAxx. Akt. Band II, 
S. 47. 

4) Littre's Ausgabe. Band VIII, 414. Die ganze abergläubische Stelle ist aus 
deni Aegyptischen wörtlich übersetzt (vergl. Ermax. Aegypten, S. 486;; möglicher- 
weise aber erst in der alexandrinischen Zeit eingeschoben. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. ] 7 

DioscoRiDEs, der aus ägyptischen Quellen schupfte, und nur an ohiger des 
Papyrus werden Ricin usblütter örtlich als Mittel gegen Augenkrank- 
heiten empfohlen, so dass man wohl mit G. Ebers annehmen muss, bade 
und t'ft'ft seien identisch mit ooiJaXa'Tjv oioYjuaTa xat 's>K='^iJ.o'/6.:. 

§ 7. 22. »Ein andres zum Beseitigen des Aufsteigens von 
Wasser in die Augen.« (kt nt dr 'acht nt mu m mrte.) Echter Lapis 
Lazuli, Grünspan, Opalharzkürner, Milch, Krokodil-Erde, Weihrauch; in eins 
verbinden und auf die Augen thun. 

Dieses »Wasser« hat viel Staub aufgewirbelt. Georg Ebers und 
Stern übersetzten Katarakt, Star, da für u-o/u3i; der Griechen'), suffusio 
der Römer, bei den Arabern nusul ul ma, aquae descensus, steht. 
II. ^[ag.nus^) bekennt sich rückhaltlos zu dieser Ansicht. 

LüRiNG übersetzt fluxiones, p£ü|j.at7. und citirt Dioscorides de parabil. 
I, 34: ~rjjz Si ~a v.zyjjovioiii'ja ih/:r^ y.rjX p3u;x7.ra apjjLoCst. .... Aii>o; ja-'^E'.[)o; 
o'jv YJ.\rj_y_xi. Gegen die eingewurzelten Geschwüre und Flüsse passt . . . 
Lapis Lazuli mit Milch. 

Ich kann nur Lüring mich anschließen. Hier ist in dem Papyrus 
von derjenigen Krankheit die Rede, welche von den (besser als Dioscorides 
griechisch schreibenden) Aerzten als psufi-atoc s-icpopa, Flüssigkeits-Schuss, 
bezeichnet wurde, und zu der die hartnäckigen und thränenden 
Augenentzündungen 3) gerechnet werden mögen. 

'acht heißt das Emporheben (von 'a geben, machen; und che, 
hoch sein). 

Bei den Aegyptern erfolgt die Bewässrung nicht, wie bei uns . durch 
Herabfallen des Regens, sondern durch Emporsteigen des Xils. Es ist 
also wohl verständlich, dass sie das andauernde Wässern des Auges mit 'acht 
nt mu bezeichneten, während die Griechen aus ihrer Naturanschauung den 
Ausdruck psujxaio; s-icpooa wählten, der an das Niederstürzen des Regens 
oder des regengeschwollenen Baches erinnert. Dazu kommt noch ein wich- 
tiger Fingerzeig aus der theoretischen Krankheitslehre des Papyrus. Die 
hippokratische(?)^) Ansicht, dass, wenn der Kopf überhitzt wird, der 
Schleim schmilzt und nach abwärts fließt (in die Nase, in den Mund, in 
die Harnwerkzeuge und auch in die Augen), war dem Aegypter völlig 
fremd. Er lässt die Absondrun^en der Auiren vom Herzen auf- 



■1) Die Griechen glaubten, dass zwischen Iris und Linse ein leerer Raum sei, 
in den Flüssigkeit sich ergießen und erstarren könne: -JYpüJv nTj-p'ju-ivujv, Galen, 
Oribasius (nach Rufus), Aütius (nach Demostiienes , Aegineta, No.nnus, Aktuarius; 
concrescit humor, Celsus. Von diesem Irrglauben stammt unser Wort Star. 

2) Gesch. d. grauen Stars, Leipzig, 1876, S. 3. 

3) Aus constitutioneller Ursache, Keratitis, Iritis, Kerato-iritis. 

4) rspl voÜGiuv ß', Ausg. V. Kühn, II, 212. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 2 



18 XXIII. Hirschberg, 

steigen. In des Arztes Geheimbuch vom Herzen, am Schluss des Papyrus 
Ebers, werden 18 Gänge aufgezählt, die vom Herzen zum Kopf gehen, davon 
4 zu den beiden Schläfen, die den Augen eineslheils Blut, andrentheils Wasser 
(Thränen) zuführen. »Wenn Wasser hervortritt durch die Pupillen der 
Augen, so ist es ihr Thun.« 

H. Brugsch, der als »Tster einen medizinischen Papyrus herausgegeben, 
war ganz meiner Ansicht und theilte mir (15. XI. 1890) brieflich mit, dass 
im Besitze des Hrn. Wilbour eine altägyptische, dreigetheilte Salbenbüchse mit 
den folgenden Inschriften sich befinde : 

»I. Ueberschwemmungszeit, das Sehen zu klären. 

2. Winter, alle Arten von Augenleiden zu beseitigen. 

3. Sommer, das Thränen des Auges zu heben, acht mw m mr-te, wört- 
lich »»aufzuheben das Wasser in den Augen«« oder »»hochzuziehen 
das Wasser aus den Augen««. Was kann mit so allgemeinen, nach 
den Jahreszeiten geordneten Hausmitteln die Heilung des Stars zu thun 
haben?« 

Aber dann fehlt ja der Star in dem System des Papyrus? Nun, 
der Vollständigkeit zu Liebe können wir dem Texte keinen Zwang 
anthun. 

Auch in der hippokrati sehen Sammlung ist eine wirkliche Kenntniss 
des Stars nicht nachweisbar'). Celsls , 400 Jahre später als Hippokrates, 
erwähnt (nach griechischen Quellen) den Star und seine Operation als etwas 
allgemein Bekanntes. (Vergl, § 180.) 

Woher die griechischen Aerzte der mittleren Zeit diese Kenntnisse ge- 
schöpft, ob selber entdeckt oder von »Barbaren« erlernt, wird ohne neue 
Funde kaum zu ermitteln sein. Aber, während man darüber gar nichts 
weiß, ganz einfach den alten Aegyptern die Kenntniss von dem Star und 
der Star-Operation zuzuschreiben, scheint mir bei aller Hochachtung, die ich 
persönlich den alten Nil-Anwohnern zolle, doch ganz und gar unwissenschaft- 
lich zu sein. 

Natürlich muss es , nach der Continuität der Naturgesetze , auch im 
alten Aegypten Star-Kranke gegeben haben 2). 



■1) Allerdings werden unter den Alterskrankheiten auch die BLäuungen, YÄa-j- 
■Aw'jtei, genannt (Aphor., K., B. III, S. 727], womit nach G.^lex (XVII b. 651) die 
Stare gemeint seien, Vergl. § 47. 

2) Wie denn später in den galenischen Schriften ^de partibus art. 
med. lib. (spur.; Ed. Lacunae, Basil. 1ö71, S. 31] ausdrücklich berichtet wurde, 
dass es derzeit in der Weltstadt Alexandrien Aerzte gäbe, die ihre Thätig- 
keit ganz und gar auf den Star-Stich beschränkten und darin ihr Auskommen 
fänden. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. ] 9 

Und wenn Stare vorkamen, werden sie auch von den Verfassern 
unsres Papyrus beobachtet sein, da die Beobachtung leicht ist: wahr- 
scheinlich sind diese Fälle unter tchn m mrt (4) und sht (10], d. h. unter 
Verdunklung der Pupille und Weißkrankheit des Auges, mit einbegriffen. 
Hat doch auch Luther des Tobias Asu/.ojaa mit Star übersetzt '). 

2ö. Ein andres zum Vertreiben einer Geschwulst an der Xase (chnt 
m fnt). 

Spießglanz, Holzpulver, Myrrhen, getrockneter Honig; damit das Auge 
einreiben, 4 Tage lang. Berücksichtige es, denn es ist gewiss 
das Richtige. 

Natürlich ist die Entzündung des Thränensacks gemeint, a-c/l/Mrl und 
'j.l-;iho<li der Griechen 2). 

28. Ein andres zum Beseitigen der Einkrümmung der Haare im 
Auge (uaf sne m mrt). 

Myrrhen, Eidechsenblut, Blut der Fledermaus. Die Haare ausziehen 
und das Mittel darauf thun, um das Auge gesund zu machen. 

Die Haarkrankheit des Auges (rpi/cujic, tpi/taai;] kommt schon 
in der hippokratischen Sammlung vor. (K. H, 97.) Dioscorides (de parabil. 
A vß) hat bereits ein ganz ähnliches Rezept wie der Papyrus Ebers. Aller- 
dings liebten die Griechen das Blut der Wanzen. Der Aegypter zieht das 
der Fledermaus vor, ebenso auch der späte Römer Marcell^) und die 
mittelalterlichen Salernitaner '*). 

A. Marc, de medicam. I, c. VHI, §181. (Ed. Helmreich Lips. 1 889, p. 88): 
Pilos oculis molestos diligentissime velles atque eorum loca hircino sanguine 
recenti aut leporis aut vespertilionis illines. 

B. Collect. Salernit. (Neapel 1856, VI, 28): 

De pilis, ne iterum crescant. 
Ne crescant iterum, loca quaelibet unge pilorum 
Verbenae succo mixto vespertilionis 
Sanguine. 

Das Ausrupfen der Haare ist die einzige Operation am Auge, 
die in unsrem Papyrus vorkommt. Aber derselbe handelt nur von 



1) Das Buch Tohias, c. 11, v.U: Und der Star ging ihm von den Augen, wie 
das Häutlein von einem Ei. (-/.al i}.i-i'j\)q d-b töjv -/.a-zDöJv xöjv ö'^i)c(/.ij.ci)v «Otoj -d 
Ae'jxoj[j.aT7.) Vergl. § i97. 

a) Galen,;?) XIV,77a; XIX, 438. Paull. Aeg. -f v-i^ , p. 73. TiiEOi-ii. Nox.\. I, -216, 
loANN. Akt. II, 445. Gels. VII, 7, 7. 

3) Lebte um 400 n. Chr. 

4) Um HöO n. Chr. 

2* 



20 XXllI. Hirschberg, 

den Rezepten. Wer z. B. des Aeglneta drittes Buch von den Augen- 
krankheiten allein besäße, würde gleichfalls kaum eine Erwähnung von 
Augenoperationen finden, die doch im G. Buche desselben Werkes so vor- 
trefflich abgehandelt sind. Leider besitzen wir noch kein chirur- 
gisches Buch von den alten Aogyptern. 

§ 8. Ueberblicken wir den hihalt des Abschnitts von den Augenkrank- 
heiten im Papyrus Ebers, so können wir sagen, dass die hippokratische 
Sammlung, welche 1000 — 1200 Jahre später verfasst ist, nicht viel mehr 
Augenkrankheiten enthält, jedoch in einer für uns mehr verständlichen 
und zusagenden Darstellung. 

Ungefähr dreißig Augenkrankheiten (oder Symptome) benennt IIippo- 
KBATES (iOO v. Chr.]'), ungefähr dreißig Augenkrankheiten finde ich auch 
bei Celsus, um 28 n. Chr. (Dagegen 76 in dem indischen Systeme der 
Augenheilkunde, das gleichfalls aus dem Beginne unsrer Zeitrechnung 
stammt. A'gl. § 20.) Galen (600 Jahre nach Hippokr.) hat mehr als 
Celsus; doch ist dessen Hauptwerk über Augenkrankheiten verloren ge- 
gangen, hl dem betreffenden Buch von Aütius' Sammelwerk (540 n. Chr.) 
finden wir schon die doppelte Anzahl, etwa 61 Augenkrankheiten. 

hl der spätgriechischen Schrift »Einführung« (Galen? XIV, 767) bereits 
104. Die Araber schöpften aus den Griechen und haben nur wenige neue 
Ivranklieiten gefunden. Nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften schrieb 
man die Griechen ab. hu Jahre 1 622 erschien zu London von J. Banister 
eine Abhandlung über 113 Krankheiten des Auges luid der Lider. 

Ple.nk (1778), aus dessen kleinem Büchlein die Nachfolger mehr ge- 
schöpft, als sie angeben, hat 118 Augenkrankheiten. Die Zahl der heute 
bekannten, bezw. benannten Augenkrankheiten vermöchte ich nicht anzu- 
geben. AVie soll man zählen, nach der Ursache, nach dem Sitz in den 
einzelnen Theilen des Auges, nach beiden? Wenn man das Register eines 
neuen Lehrbuches der Augenheilkunde (z. B. v. Schmidt- Rimpler) durch- 
sieht, kann man über 500 verschiedene Krankheits-Namen und Begriffe 
auffinden. 

§ 9. Ehe wir die Erörterung unsres Papyrus abschließen, müssen 
wir nach den Augenkrankheiten noch die Augenheilmittel betrachten, 
denen sowohl G. Ebers (2, § 4) verschiedene kleine Monographien als auch 
LüRiNG (5, § 4) eine zusammenhängende, vergleichende, sehr lehrreiche 
Betrachtung gewidmet hat. 

K. Sprengel 2) bezweifelte noch sehr, dass die alten Aegypter wirklich, 



11 Vergl. § 6G. 

2) Gesch. d. Arzneikunde I, 87. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 21 

wie Galex behauptet'), vor dem Hippokr.vtes Salben und Pflaster aus 
Grünspan und Bleiweiß bereitet haben 2). 

Auf keinem Gebiete waren die Griechen weniger selbständig, 
als auf dem der Augen heilmittel. LCring giebt die folgende Liste von 
specifisch ägyptischen Augenheilmitteln, die in der griechischen Arznei- 
mittellehre des Diosc. sich vorfinden: 

oTiufit, Antimon, Spießglanz (Dioscor. mat. med. Y, 99] ; 

txiÄToc, Rüthel, rother Thon-Eisenstein (ebendas. V, 112); 

ijLi'au, Yitriolerz (ebendas. V, 116) ; 

otüpu, BleivitrioP) (ebendas. V, 118); 

aTUTCTTjpi'a, Alaun (ebendas. V, 122); 

aXo; avöoc, Natron (ebendas. V, 128); 

aiaati-r^; Xiöoc, Roth-Eisenstein (ebendas. V, 144); 

[xopo/Bo;; Xi'öoc, Speckstein (ebendas. V, 151); 

UoiT-/;; Xii)oc, oriental. Türkis (ebendas. Y, 153); 

adt-cpsipoc, Lapis Lazuli (ebendas. Y, 156). 

Die Rezeptkunst der alten Aegypter, der Erfinder der Chemie^), 
war sehr bedeutend, wie schon aus den Laboratorium- Yorschriften an 
den Wänden der erhaltenen Tempel, z.B. Edfu, zu erwarten. In der 
That finden wir im Papyrus Ebers 700 verschiedene Stoffe auf- 
geführt, thierische, pflanzliche, mineralische-^). Die Formeln sind selten 
aus 1 bis 2 Stoffen, oft aus 10 bis 12 nnd darüber zusammengesetzt. 
Die Form der Rezepte lässt an Uebersichtlichkeit, Kürze und Klarheit nichts 
zu wünschen übrig. Ermax erwähnt als ein gutes Beispiel das folgende: 



i) De composit. med. sec. genera, 1. V, S. 376—378 (Sprengel citirt die 
Baseler Ausgabe, die bei uns heutzutage nicht mehr benutzt wird; es ist, in 
der gebräuchlichen Ausgabe von Kühn, Band XIII, S. 776): i-A twv ävjrtuv 

Gemeint ist der Tempel des Ptah zu Memphis, des Vaters von Imhotep, 
dem Heilgotte der Aegypter. (J. = »er kommt in Frieden« oder »der Will- 
kommene«.) 

Ein Tempelchen des letzteren aus der Ptolemäer-Zeit, voll Hieroglyphen, aber 
mit'einer griechischen Aufschrift (Baai>.£'j; rhoXsaaio; -/.ai . . . AIKAIlll . . .) sah ich 
auf der idyllischen Insel Philae, bei dem ersten Nil-Katarakt. 

2) Dass auch die Aegypter schon in jener uralten Zeit gelegentlich ein Heil- 
mittel aus dem Auslande entlehnten, lehrt unser Papyrus, der Folgendes enthält: 
Ein andres Mittel für die Augen, mitgetheilt von einem Semiten aus Byblus. — 
Die keil-inschriftlichen Thontafeln aus Tell-el-Amarna in Miltelägypten beweisen, 
dass im Ifi. Jahrh. v. Chr. ausgedehnte Verbindungen zwischen Aegypten und den 
Kulturstaaten Asiens (Babylon wie Mitanni, im Euphrat-Gebiet) bestanden haben. 

3) Wir kommen auf diese Mittel noch zurück. 

4) Vergl. §124. 

5) Merkwürdigerweise ebensoviel wie in dem altindischcu Ayurveda des 
Suc^RUTAs. Vergl. §16. 



22 XXIII. Hirschberg, 

>Mittel, das Blut aus der Wunde zu ziehen: 
Wachs i, 
Fett 1, 
Daltelwein 1, 
Honig I, 

Gekochtes Korn 1. 
Kochen, zusammenmischen, viermal damit Umschläge zu machen.« 

Dabei giebt es eigne Ausdrücke für Zerreiben nnd Feinzerreiben, für 
A'ermischen und Zusammenmischen, für Umschlüge und Einreibung, für 
Salben und Einreiben. 

Beiläufig möchte ich daran erinnern, dass, während in Ilerculanum 
und Pompeji nur die wenig genauen (wenngleich schön geschmückten) 
Schnellwaagen mit ungleicharmigem Hebel und Laufgewicht zu Tage ge- 
fördert wurden, die alten Aegypter seit grauer Vorzeit die genaueren Gleich- 
oder Balken-Waagen, auch mit senkrechtem Zeiger, besaßen, wie wir sie noch 
heute zu chemischen Wägungen anwenden. 

Dies ergiebt sich aus zahlreichen Darstellungen der Denkmäler ^) , die 
ich zum Theil selber gesehen, namentlich aber des alten Todtenbuches, wo 
das Herz des Todten gegen die Hieroglyphe der AVahrheit abgewogen wurde. 

Die Aegypter bezeichneten das Gewicht des Wasserwürfels, der kleinen 
Elle, als udn (woten); der 10. Theil davon war qt (Kite), das Loth = 9 g. 
^3 dieses qt ist das Apothekergewicht = 6,064 g, von Ebers kurz Drachme 
genannt. (Bestimmbar durch ein aufgefundenes, mit 5 qt bezeichnetes Ge- 
wichtstück.) Diese Drachme ist die Gewichts-Einheit für unsren Papyrus, 
obwohl sie nirgends benannt, sondern nur durch ganze Zahlen oder Brüche 
(letztere mit dem Zähler 'I ,) angegeben wird. 

Die kleinste Quantität, die abgewogen wird, ist in dem Papyrus 
1/^^ = 0,09 g. Das Hohlmaß ist hin oder hnu, determinirt durch einen 
Krug = 0,456 1. (Nach aufgefundenen Gefäßen, welche die Bezeichnung 
9 hin, W hin, 40 hin tragen.) Ro = 7;i2 li'" = 0,0141 1. 

Bei den Rezepten waltete das Bestreben vor, durch Zusammenfügen 
von Brüchen der Gewichtseinheit die letztere herzustellen. 

§ 10. 1. Unter den Augenmitteln unsres Papyrus ist das berühm- 
teste die Augen schminke. Diese hat im Nil-Thal, nach den Beweisstücken^ 
eine mehr als 4000jährige Geschichte. 

In den Felsengräbern zu Benihassan aus der XH. Dynastie-] (etwa 
2130 V. Chr.) hat man nicht nur Gelegenheit, die sogenannten protodorischeri 
Säulen zu bewundern, sondern auch in dem Grabe des Knmlitp — der 



1) Erman 161, 201, 417, 615. Ebers, Cicerone, II, 44 (Turiner Papyrus). 

2) Altes Reich, L— VI. Dynastie, bis 2500 v. Chr. Mittleres, XII, XIII, 2130- 
1930 v'. Chr. Neues, XVIII.-XX. Dyn. 1530—1050 v.Chr. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 23 

uns von den Fremdenführern als .loseph in Aegypten vorgestellt wird! — 
sondern auch die Ahhildung von 37 Semiten zu sehen, die Einlass in den 
Gau heischen und als Geschenk an erster Stelle das kostbare msd'mt (nist'mt) 
darbringen. 

hii alten Reiche schon schminkte man die Brauen und die Lidränder 
schwarz, einerseits um die Augen grüßer und glänzender erscheinen zu 
lassen'), andrerseits wohl zur Pflege der Augen. Als Augenschminke be- 
nutzte man Spießglanz , den man von Osten her bezog ; die beste Sorte, 
msd'mt genannt, war offenbar ein kostbarer Gegenstand. Im Papyrus 
Ebers bedeutet stm die Salbe, salben. Diese Sitte, den Augenlidrand zu 
schminken, hat die Jahrtausende, den zweimaligen Wechsel der Religion 
und den einmaligen der Sprache überdauert. 

Prosper Alpinus (1580 — 1584 n.Chr.) erklärt, dass kein ägyptisch' 
Weib ohne ihr Büchschen voll Augenschminke gefunden werde; die eine Sorte 
bestehe aus Ruß (von Weihrauch und Oel), die andre aus feinstem Antimon- 
pulver. Aus jedem Reisebuch kann man erfahren, dass in Ao^gypten die 
uralte Sitte des Schwarzfärbens der Augenlidränder mit Antimon (arab. 
Kohl) noch heute geübt wird, theils zur Verschönerung, theils zur Pflege der 
Augen. Einen jungen Moschee-Wächter, der, wie bei uns ein Schauspieler, 
seine Augen geschminkt, fragte ich, wozu das sei; er erwiderte mir ver- 
drießlich: Nun, für die Reinlichkeit der Augen. 

Es ist genügend bekannt, dass das Schwarzschminken der Augenlidränder 
als allgemeine Sitte der Weiber einerseits heutzutage nicht auf Aegypten be- 
schränkt, sondern über das ganze Morgenland weit verbreitet ist, andrerseits 
auch im Alterthum bei den Griechinnen und Römerinnen geübt wurde. 

DioscoR. mat. med. V, 99. ^ti[jL|j.i2) xpaiiaiov oi |j.sv axi[ii, oi os -Äatu- 
ocpilaXaov, oi os Y'^vaixsTov evAktoav. Auvajxiv os syti -/afiapy-rix/jV purapttüv 
7.at TÖiv £v oo^aXfxoTc kkvMv. Das beste Stimmi oder Stibium, das auch 
den Namen Augen-Weiter führt oder Weiber-Zier. Es hat die Kraft, 
unreine Stoffe sowie die Geschwüre an den Augen zu reinigen. 

Plinius nat. bist. XXXIII, 33, 34 (101, 102). In iisdem argenti metallis 
invenitur . . . spuniae lapis candidae nitentisque, non tamen Iranslucentis; 
stimmi appellant, alii stibi. Duo ejus genera, mas ac femina. . . Vis ejus 
adstringere ac refrigerare, principalis autem circa, ocula ; namque ideo 
etiam plerique platyophlhalrnum id appellavere, ([uoniam in calliblcpharis 
mulierum dilatet oculos. Et iluxiones inhibet oculorum cxulceralionesque 
farina ejus ac turis, cummi admixto. 



1) Selbst die Bildsäulen der Götter erhielten täglich frische Augenschminke. 
(Brugsch, S. 154). 

2) Den Namen hat (nach Pollux) schon Ion von Cnios (122 v. Chr.) erwähnt; 
und EusTATHius (1160 n. Chr.) wusste, dass er eigentlich ägyptisch sei. In der 
That heißt ja stem im Altägyptischen die Salbe; das Wort hat auch im Koptischen 
sich erhalten. (C(-)HM, CTHM). 



24 XXIII. Hirschberg, 

Es handelt sich hier um Spieß glänz, das natürlich vorkommende 
Antimonsulfid (Sb2 Sj)^'. Dieses Mineral findet sich nicht in Aegypten, 
sondern wurde (vom südlichen Arabien) eingeführt. Das Mittel wird im 
Papyrus Ebers an 50 Stellen erwähnt, ziemlich bei allen Augenkrank- 
heiten; es wird von rohem Mestem, echtem Mestem und gewöhnlichem 
Mestem gesprochen. 

So lag die Frage, als R. ViRcnow^j chemische Untersuchungen der 
in den vorhandenen Augenschminkbüchsen der alten Aegypter vorfindlichen 
Schwärzen ins Leben rief und — Schwefelblei darin nachwies (Salkowski) '^K 
G. Ebers ist der Ansicht, dass das gewöhnliche msdmt Schwefelblei, das 
echte (mcat) aber Stibium gewesen sei. Mir scheint es erklärlich, weshalb 
die Schminkbüchschen der Gräber nur unechten Mestem enthalten: 
die alten Aegypter verrichteten durch die Mitgabe ins Grab nur eine sym- 
bolische Handlung; nicht das echte, kostbare, sondern das gewöhnliche 
wurde ins Grab gelegt. 

In 9 Proben heutigen ägyptischen Kohl's fand sich nur einmal reines 
Schwefel-Antimon (Kolil pour eclaircir la vue), sonst Pflanzentheile, Zink- 
oxyd, Blei, Kupfer, Schwefelblei. 

Die ägyptische Lidrandsalbe ist sogar bis auf unser Jahrhundert 
gekommen. 

Im Formulaire a l'usage des höpitaux milit. franc. steht die von C. Graefe 
(Repertor. augenärztl. Vorschriften, Berlin 1817) uns überlieferte Vorschrift: 



i) Das Wort Antimonium ist nacli Glossar, med. et inf. lat. (I, 300, Niort 
1883) unbekannten Ursprungs und zuerst von Constantinus African. (um 1-100 
n. Chr., in seinem hb. de gradibus, p. 381) angewendet. Daniel Sanders (Wörter- 
buch der deutsch. Sprache I, 36, 1860, und Fremdwörterbuch, I, 70, 1891) erklärt 
es für arabisch. Gewöhnlich findet man die Angabe, dass das Wort in den latei- 
nischen Uebersetzungen Geber's (aus dem i 6. Jahrh.) zuerst vorkomme, und der 
Name Spießglas zuerst bei Basilius Valentinus. (Angeblich um 1460 n.Chr. 
Aber sein »Triumpliwagen des Antimon« ist erst 1624 in Leipzig gedruckt worden.) 
Nach LiTTRE (Dict. d. 1. 1. franc. I, 156 und Anhang zum 5. B., S. . 1 0) ist antimo- 
nium die barbarisch-lateinische Uebersetzung des arabischen athmoud oder ithmid, 
Collyrien-Stein. Das arabische aber stammt vom griechischen c-t|A;j.t. Somit haben 
wir die seltsame Thatsache, dass Antimonium und Stimmi, so verschieden 
sie auch klingen, dennoch beide Umwandlungen derselben ägyptischen Wurzel 
stem darstellen. 

(Die Erklärung anti-moine, gegen den Mönch, ist eine widersinnige Fabel.) 
»Das natürlich vorkommende Antimonsulfid Sbo S^ war schon den alten 
[Aegyptern], Griechen und Römern bekannt . . . Die Bezeichnungen Spießglas, 
Spießglanz und Antimonium . . . wurden von den Alchymisten gebraucht, bei deren 
Arbeiten jener Körper eine große Rolle spielte.« Handwörterb. d. Chemie von 
Ladenburg II, 1, 1884. 

2) Verhdl. d. Berl. G. für Anthropol. 1888, S. 210 ff. 

3) Uebrigens hat schon Dr. Hille 1851 (Verhandl. d. deutsch, morgenländ. G., 
V. Band, S. 236, Leipz. iS.")!) nachgewiesen, dass die alten Orientalen wahr- 
scheinlich, die jetzigen sicher, z. B. in Aleppo, nicht Spießglanz, sondern 
Bleierz und Graphit hauptsächlich zum Schminken der Augen verwendeten. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 25 

Antimonii crudi laevig. Scrup. I (= 'l,'i?5), 
Cerati Drachm. I (== 3,75), 

als Lidrandsalbe. Es dürfte sich wohl verlohnen, die Vorschrift in passender 
L-mformung ') auch heute noch an Stelle unsrer Lidrandsalben aus Queck- 
silberoxyd zu gebrauchen. 

§ 11. II. Das zweite Haupt-Augenmittel des Papyrus ist uetü, Kupfer- 
grün, Grünspan (essigsaures Kupferoxyd), Grünspan-Schminke. 

in. gesfen ist wohl Kupfervitriol. 

IV. chente, Malachit, basisches Kupferoxyd-Karbonat (CU2CO4 + II2O, 
mit 57 7o Kupfer). (^aX/TTic, Diod. V. M5, Plin. XXXIV, M7.) 

V. Endlich bedeutet auch hetem Augenschminke; wahrscheinlich 
stammt hiervon xaoai'7., Galmei, Zink-Oxyd. (Vgl. § 138.) 

Auch dieses Augenheilmittel hat die Jahrtausende überdauert. 
Bei den alten Griechen stand irojjL^dXu; (wörtl. Blase; Zink-Asche, Zink- 
Oxyd) in hohem Ansehen. (Vgl. Aetius VII, 10.) In den mittelalterlichen 
Werkstätten der Scheidekünstler kam für die Zinkblume, ein unreines Zink- 
Oxyd, — wegen des niedrigen Eigengewichts — der Name Xihilum album 
auf. Der Xame Tutia für Zink-Oxyd stammt aus dem Arabischen und ist 
noch in unsrem Jahrhundert gebraucht worden. Wir verwenden haupt- 
sächlich Zinksulfatlüsungen (z. B. 0,25 : 250,0 zu Umschlägen, seit 
A. G. Richter, d. h. seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts). 

Die Worte mestem, gesfen, hetem gingen bei den Aegyplern geradezu 
in die Bedeutung Augenmittel (Gollyrium) über. 

VI. se-ur (koptisch sur) ist das auipu der Griechen, wohl Bleivilriol. 
(DioscoR. V, 118, Plin. XXXIV, 120, Galen XII, 228 u. XI, 688; XIII, 407; 
X, 927, XI, 651, XIII, 723. Nach diesem ein Kupfererz.) 

VII. menst, Rüthel, Haematit (grüßtentheils Eisenoxyd, Fe^O..), im Alter- 
thum aus Aegypten eingeführt. Es ist ein Erzeugniss der Oasen, wo es heute 
noch vorkommt. Es diente in ausgedehntem Maße als Mal- und Schreib- 
farbe, und ferner als Augenheilmittel. Diosc. V, 143. -po; ö'^iIotAaiczc xai 
pYiQc!.; 7,7.1 ucj3ai';jL0u; öcpi)7.X<i.oü; . . . Y^-'^rai os xat xoXXupia s; auroü y.oX 
rj.y.'j^na. Gegen Entzündungen des Auges und Zerreißungen und Blutergüsse 
in dasselbe. . . Aus demselben werden auch Augenzäpfchen bereitet und 
Pulver. — Dies stimmt genau mit Papyrus Ebers 56,2; 57, 4, 14, u. a. 

VIII. chsbd ist dasselbe, was Tueüphrast und Dioscor. aa-cps-.poc 
nennen, — nicht unser kostbarer Sapphir, sondern der Ilalb-Kdclstein Lapis 



1) Stibii sulfur. nigr. 1,0 

Ung. len. 5,0 bis 10,0. 



26 XXIII. Hirschberg, 

Lazuli'], dessen geschlämmtes Pulver die blaue Malerfarbe ])ei den alten 
Aegyptern bildete, welche später den Namen Ultramarinblau erhielt. 

Der Lasurstein besteht aus einem Silikat mit Thonerde, Natron, Kalk 
und etwas Eisen imd einem Sulfat. 

Der Lasurstein wurde von den alten Aegyptern, wie später von den 
Griechen, gegen Augenleiden verwendet. Dioscor. m. m. V. 156. Besonders 
wichtig ist Dioscor. de parabil. I, 34: irpoc os -a xsy^poviaixsva iXv.r^ y.ctl 
rjsu|j.a-a (zpjid^ci . . . Äiüoc sdc-'isipo? cuv '(cnXciy^xi. Gegen die eingewurzelten 
Geschwüre und Flüsse der Augen passt Lapis Lazuli mit Älilch. 

Das ist ganz ähnlich den Mitteln gegen acht nt mu in mrte (§ 5, 22) 
und bestärkt uns in der Ansicht, dort Augenfluss zu übersetzen. 

IX. Natron 2j (Salpeter) wird genau nach dem Ursprungsort unter- 
schieden, das des Südens und das des Nordens (se c[ma, se adhu). — 

Das erste wird auch in ptolemäischen Texten als Steuer des Gau 
von Nchb, heute el Kab, erwähnt, wo noch jetzt Salpeter gewonnen wird. 

X. te mslui Krokodil-Erde. Krokodil-Koth in einem »Collyrion« erwähnt 
Alex. Trall. II, S. 37. 

XI. Scherben eines Kruges finden sich auch im Arzneischatz der Griechen. 

§ 12. B. Noch schwieriger als die mineralischen Mittel sind die pflanz- 
lichen zu deuten. 

XII. a'nu, Tinte, Kohle aus Dattelkernen, Fichtenzapfen u. s. w. ; 
Kohle aus Dattelkernen findet sich bei Plin. XXIII, 451; von Ruß und 
Fichtenzapfen bei Dioscor. m. m. I, 86 (u. a. a. 0.), als Bestandtheil von 
Augensalben. 

XIII. "^ante, die arabische Myriiie, wohl das Harz der arabischen 
Balsamodendron-Arten^). Diese, mat. m. I, 77 empfiehlt die a;xüpv7. gegen 
Geschwüre, Narben, Pupillen-Verdunklungen, Körnerkrankheit. 

Pap. Ebers verwendet *^ante gegen chnt (Geschwulst am Auge), gegen 
spt (Blindheit, Trübung), gegen mtu n snf m mrte (Gefäße des Blutes im 
Auge). 

XIV. cht ^^ue, arabisches Ilulzpulver. Diosc. m. m. I, 79. 



-1) Azur = blau (arab.), lasur persisch). Rückert's Räthsel: Es verändert die 
Farbe nicht, wenn man ihm vorn ein L abbricht. Mit dem L war es irdisch noch, 
ohne das L ist es himmUsch Licht. 

2) vtTpov (attisch Xi-ociv), Laugensalz, ist ein Lehnwort und entspricht dem 
hebräischen neter = Soda. (Curtius, griech. Etvmol. 1879, S. 450.) 

Nitrum bei Plinius bedeutet beide Alkalisalze (Soda und Pottasche, kohlen- 
saures Natron und Kali;. Die Araber sagten natrün, woher unser Natron. Das 
Natronthal (Wadi Natrün) liegt 40 km nordwestlich von Kairo, in der libyschen 
Wüste, und enthält 6 Seen, aus denen Kochsalz und Soda gewonnen wird. 

3) Kesych. di-^-lo•^^ Ai-funtiov cjj.'jpviov. Herod. III, 107; Theophr. h. plant. 
IX, 4; Strabo, XVI, 4. Vgl. Plin. h. n. XII, XV (33) § 66. (Ed. Sillig, II, 347.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 27 

XV. chpe n hebne, (Feil-, Säge-, l)reh-j Spähne von Ebenholz gegen 
Pupillensperre, Weißtleck, Triefauge, Dunkel, Augenschmerz und Entzündung. 

Ebenholz wird schon im alten Reiche, im Grabmal des Ti, dargestellt; 
die Flotte der Königin Ilatsepsu (XVIII. Dyn., um 1500 v. Chr.) brachte es 
aus Punt (Somali-Küste?). 

Ebenholz war bei den Griechen ein beliebtes und hauptsächliches 
Augenmittel. 

DioscoR. m. m. I. 129: Ebenholz, das beste aus Aethiopien. Es hat die 
Kraft, die Verdunklungen vor der Pupille zu beseitigen, und wirkt auch 
gegen die alten Augenil üsse und gegen die Hornhautpusteln. 

Plin. h. n. XXIV, c. 52, 89. Ne in Aegypto quidem nascitur hebenus . . . 
scobem ejus oculi unice mederi dicunt, u. s. w. 

Ebers erwähnt ausdrücklich, dass Ebenholz jetzt nicht mehr angewendet 
wird und dass es in Bisciioff's medizinisch-pharmazeut. Botanik gar nicht 
erwähnt ist. 

Ich weiß nicht, weshalb Ebenholz früher so geschätzt wurde. Es ent- 
hält nicht einmal Gerbsäure, nach einer Untersuchung, die Herr Prof. Zumz 
für mich anzustellen die Güte hatte. 

XA'I. mett, Schöllkraut, Chelidonium majus, /sX-.ooviov, auch als uoboi) 
bei DioscoR. bezeichnet (m. m. II, 211), eines der beliebtesten Augenheil- 
mittel bei den Griechen, die seine Entdeckung den Schwalben (ysAioovc;) 
zuschrieben. 

§ 13. C. Thierische Stoffe. 

XVII. muit, Urin, zum Waschen der Augen, gegen Haarkrankheit. 

Bei Diosc, m. m. II, 99, soll der Urin eines unschuldigen Knaben Narben 
und Nebelflecke beseitigen. Ebenso Pli\. (h. n. XXVIII, 3. 18,65), der aber 
hinzufügt, das jedem sein eigner am meisten nützt. 

Was ehemals Wissenschaft war, ist jetzt Volksglauben, und ein recht 
schädlicher"). 

XA'III. Die verschiedenen Koth- Arten will ich übergehen. 

XIX. Milch (artt) war vor Jahrtausenden als Augenmiltel ebenso be- 
liebt, wie noch heute beim A'olke und namentlich bei den Hebammen. 

Im Papyrus bedeutet artt ohne Zusatz die Kuhmilch. Sie wird zu- 
sammen mit Melallsalzen und Harzen empfohlen gegen die thränenden 
Augenentzündungen (a'cht nt mu m mrte), und nur mit Rahm gegen den 
Weißtleck. 

Aber das ewig Weibliche fand schon in jener grauen Vorzeit seine 
A'erehrer. Frauenmilch mit Rahm wird eingeträufelt zur Stärkimg der 



1) Da wiederholentlich Augentripper ;Blennorrlioea conjunctivae, durch 
Urinwaschung der Augen bewirkt worden. 



28 XXIII. Hirscliberg, 

Sehkraft. Milch einer Frau, die einen Knal)cn geboren, wird empfohlen 
gegen die bösen Nebel, gegen Blutunterlaufung und gegen das schlimme 
bade (Oedema?). 

Des DioscoR. (m. m. II, 78) Empfehlung der Frauenmilch bei Blutunter- 
laufung ist schon erwähnt. Bei Alex. Tuall. (B. II, S. 7) heißt es (nach 
älteren Mustern): Frauenmilch, mit Eigelb und Rosenöl gemischt, lindert 
wunderbar und bringt die in der heftigsten Glut befindlichen Augenent- 
zündungen zur Zertheilung. 

XX. Blut ist ein ganz besondrer Saft. Papyrus Ebers benutzt 
gegen die Haarkrankheit der Lider, nach dem Auszupfen der Härchen, das 
Blut von Eidechse, Fledermaus, Rind, Esel, Schwein, Windhund und Ziege. 

DioscoR. (m. m. II, 97) hat dafür das Blut des Chamäleon und des 
Laubfrosches und das der Tauben und andrer Vögel. 



Wir sind am Ende. Weder hat Galen es behauptet noch ist es richtig, 
dass die ganze Heilkunde der alten Aegypter albernes Geschwätz darstelle. 
Es ist nicht so leicht, der Vorzeit völlig gerecht zu werden, deren Sprache 
wir kaum verstehen, selbst w^enn wir den Sinn der Worte begreifen. Immer 
haben wir zu untersuchen, was hat ein Volk den folgenden an bleibenden 
Errungenschaften hinterlassen. Die Krankheitslehre der alten Aegypter w\ar 
dürftig, aber ihre Heilkunst nicht ganz unbedeutend. Zahlreiche, zum 
Theil ganz wirksame Heilmittel sind von den Aegyptern auf die Griechen 
und Römer übergegangen und dann bis auf unsre Tage gekommen und 
noch heute in wirksamer Anwendung. Xicht Spott und Schmähung ver- 
dienen die alten Aegypter. Wir sind es uns schuldig, ihnen geschicht- 
liche Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. 



§ 14. A. Die Heilkunde der alten Chaldäer, Assyrier und Babylonier 
lag nach den Keil-Inschriften (gegen Herodot) in den Händen von Priester- 
Aerzten und bestand hauptsächlich in Beschwürungen, denen allerdings ge- 
legentlich die Anwendung zusammenziehender Heilmittel auf das erkrankte Auge 
hinzugefügt wurde. 

B. Die Kulturgeschichte der Israeliten zerfällt in 4 Abschnitte, von denen 
nur die beiden ersten hier in Betracht kommen: I. die biblische, bis zur 
Zersti'euung des Volkes; 2. die talmudische, bis zur Feststellung des Talmud 
von Babylon (ö-'jO n. Ghr.ji). 

In der Bibel stehen wunderbare Vorschriften der Gesundheitslelu'e, — 
nichts von Augenheilkunde. Dass die Aerzte der Israeliten Priester waren, wird 
vielfach behauptet, ist aber unbeweisbar und nach der Meinung einiger Gelehrten 
sogar unwahrscheinlicli '•^1. 



1) In der rabbinischen Zeit liabon jüdisclie Aerzte an der Ausbildung der 
arabischen Heilkunde mitgearbeitet. In der Neuzeit fmden wir sie in den ver- 
schiedensten Schulen und Fächern. 

2) Vgl. RosKOFFj in Schenkel's Bibel-Lexikon, Band I, S. 254. Daselbst ist 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 29 

In der talmudischen Zeit gab es sicher auch Laien-Acrzte, welche einer- 
seits aus der griechischen Wissenschaft schöpften, andrerseits wohl aber 
auch die in einem so alten Kulturlnnde aufgespeiclierten Erfahrungen benutzt haben. 

Eigentlich wissen wir nichts von der altjüdischen Medizin. Bibel 
und Talmud sind Gesetzbücher, die ärztliche Dinge nur insofern berühren, als 
sie dem Gesetze unterstellt waren; die nur solche Krankheiten erwähnen, welche 
beim Menschen die Priesterschaft, beim Thier die Opfer-Reinheit beeinträchtigten ^) ; 
und gelegentlich auch auf die Volksheilkunde näher eingehen. 

Auch auf steinigem Acker wächst einmal eine gute I'"ruclit. So möchte 
ich 2] aus dem babylonischen Talmud (Sabbath lOS'' bis I0 9''j die folgende Stelle 
ausziehen, deren Uebei'setzung ich Herrn Rabl)iner Dr. 1'erles aus München zu 
verdanken habe: »Samuel sagt: Man erweicht "Jllbp ^Kolron}^) am Freitag und 
legt es am Sabbath auf das Auge. 

R. Jannai (in Palästina) schickte einen Boten zu Mar \'kba (nach Babylo- 
nien) : sende uns doch von den Collyrien des Mar Saaii el. Mar Ukba ant- 
wortete: Ich sende dir dieselben, damit du nicht sagest, dass ich missgünstig 
sei; aber Samuel hat es ausgesprochen: ein Tropfen kalten Wassers (Commen- 
tar: ins Auge) und das Waschen von Händen und Füßen sind besser als alle 
Collyria der Welt. 

R. Muna sagte : Die Hand, die (Commentar Raschi : ohne vorher gewaschen 

zu sein) das Auge berührt, verdient abgehauen zu werden, denn sie 

macht das Auge blind« 4). 

Von den Augenkrankheiten und ihrer Behandlung im Talmud mögen wenige 
Worte genügen : 

1 . i5i^"l3 oder ri^iplS (Barko oder Barkis, wörtlich das Leuchten, wie die 
Hippokratiker TrctpdcAajx'i".; für die glänzendweiße Hornhautnarbe gebrauchten,) 
das Hornhautfell''). Empfohlen wird dagegen das Blut des Auerhahns. (Barkis 
kommt als Krankheit eines Pferdes schon in der Mischna vor, die in Palästina 
um 200 n. Chr. redigirt ist.) 

i. ^il'' (Jeröd)*^), Star oder Hornhaut-Trübung. Empfohlen wird dagegen 
das Blut der Fledermaus. 

nachgewiesen, dass die Existenz einer Heilkunde mehrfach vorausgesetzt wird. 
{II. Mos. 21, 19. IL Kön. 8, 29. Jerem. 8, 22. II. Chron. IG, 12.) 

Ij So findet man in den Pandekten wohl die Fehler besprochen, welche d-en 
Verkauf eines Sklaven rückgängig machen, aber nicht ein Bild der damaligen 
Heilkunde der Römer. 

2) Vgl. mein Aegypten, S. 97. 

3) = -/.oXX'jpiov, Augensalbe, in zahlreichen Stellen des Talmud. 

4) Auf meinen Reisen habe ich viele Hände gesehen, die nach R. Muxa ab- 
gehauen zu werden verdienten. 

3) H. Magxüs (G. d. grauen Stars, S. I9| erwähnt aus der Mischna und Gemara 
und den späteren Zusätzen derselben, den Tosafoth. zwei Ausdrücke für Star: 

1. P^n, das Glänzende, ähnlich der hippokratischen ■f/.'-j.6y.wziz. 

2. "priap c^-c maim kebuin, d. h. festsitzendes Wasser, ähnlich dem ara- 
bischen Ausdruck für Star: nusul ul ma, das herabsteigende Wasser. [Ich 
finde es ähnlicher dem griechischen Ausdruck für Star: u-j-pov -tjvju.£vov, 
bei Celsus concrescit humor.l 

6) Die wörtliche Grundbedeutung von Jerod ist nicht zu ermitteln, wie mir 
unser berühmter Prof. J. Barth mittheüt. (Preuss (4) deutet die Krankheit als 
Amblyopie.) 



30 XXIII. Hirschberg, 

3. und i. S^b"»'"" '^"l'^'^at" sclmwrire (loleiljji, Xnchlhlindhcit ; und 

S'aia"'" ■'■^■'IDTr, scluiwrii-e dijöniämit, Tai^blimlheit: beide Avcrden 
durdi Beschwörungen bekämplt. 

Fei'uei" wei-den noch crwühul : Augenentziin(hnig, Augentluss, Rothlauf des 
Auges, Thränonfistel, Ilerausirelen des Auges, Verletzungen des Auges u. s. w. 

Zur Heilung dienten, neben al)ergliuibisclu>n Mitteln, Umschläge von Wasser, 
Wein, ferner der Speichel ') und endlich Augenschminken und -Salben. Von den 
Icl/toriMi wenlen hauptsächlich drei erwähnt: 

1 . -flS, eine Lidschminke, die nicht nur zur Verschönerung, sondern auch 
als Heilmittel gegen Entzündung angewendet wurde. 

2. "li'^'^p oder 'ii1lb''p (Kollur oder Collyrin = "/o^Aoupiov ionisch, v.o)- 
Aupiov attisch): ein aus verschiedenen Arzneien zusammengekneteter Teig, 
welcher zum (iehrauch angefeuchtet oder aufgelöst wurde. 

3. bin2, SbniD (Kechol = kohl arabisch), eine Augenschminke, die auch 
bei Entzündung angewendet wurde. 

\ . wird öfters von cpuxoc, fucus, abgeleitet, das Seetang, Orseille (Liehen 
rocella), den daraus gewonnenen rothen Farbstoff und die rothe Schminke be- 
deutet: aber wohl mit Unrecht; denn phukh kommt schon in der Bibel vor, 
an verschiedenen Stellen (z. B. 2 Kön. 9, 30, ferner Jes. 54, I I; I Chron. 29, 2; 
Jer. 4, 30; Hiob 42, 14) und ist hier schwarze Augen-, nicht rothe Wangen- 
Schminke. 

2. zeigt durch den Namen schon die Entlehnung an. 

Von 3. heißt es (Talmud, Tr. Sabbat löO): »Die Augenschminke ist (in 
Augenkrankheiten) bis zum 40. Lebensjahr ein heilsames Mittel; von dieser Zeit 
an hat es nur die Kraft, der Krankheit Einhalt zu tlum, nicht dieselbe zu 
heilen.« Hier erkennt man klar die im Morgenland einheimisclie Körncrkrank- 
heit, welche meistens in der BUithezeit des Lebens wenig Beschwei'den macht, 
im Laufe der Jahre aber schließlich durch Ilornhautfell Sehstörung hervorruft. 
(Vgl. Geuman, Trachom in Syrien und Palästina, C. Bl. f. A. 189 6, S. 3 86 IT.) 

Literatur. 

1. Bibl.-talmud. Medizin von R. J. Wunderbar. Riga und Leipzig 1833. IV. Abt. 

S. 29. 

2. Die Medizin der Talmudisten. Von Dr. J. Bergel. Leipzig und Berlin 188j, 

3. La medecine du thalmud. Par J. M. Rabbinowicz. Paris 1880. 

4. Das Auge und seine Krankheiten nach Bibel und Talmud. Von Dr. Jul. 

Preuss. Wiener med. W. 1896/7. 
[Letzterer behandelt auch die Namen des Auges und seiner Theile. Das Auge 
heißt Ajin, d. h. Quell. Die Pupille heißt ischon, das Männlein, oder bath 
ajin, die Tochter des Auges. Vgl. § 33.] 



1) »Der Speichel eines Erstgeborenen, väterhcherseits, in Augenkrankheiten 
ein vorzügliches Heilmittel.« (Talmud Tr. Baba-bathra. \2G^.] 

Vgl. Evangel. Marc. 8, 23: Und er nahm den Blinden bei der Hand und 
führte ihn hinaus vor den Flecken und spützte in seine Augen und legte seine 
Hand auf ihn und fragte, ob er etwas sähe. 

Ev. Johann. 9, 6: Da er solches gesagt, spützte er auf die Erde und machte 
einen Roth aus dem Speichel und schmierte den Koth auf des Blinden Auge. 

Vgl. noch Tacit. Hist. I. IV c. 8; Sueton, Vespas. VII; Dio Cass. 06, 8; Pu3s\ 
n. h. XXXVHI, c. 7; Galen, de simpl. fac. I, 10. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertlium. 31 

C. So interessant die altpersischc (masdeisclie) Heilkunde im Vendidad des 
Zend-Avesta für die Kulturgeschichte 'j ist, für die Augenheilkunde liefert sie 
keine Ausbeule. 

D. Ganz anders steht es mit der Augenheilkunde fler den h-anern stamm- 
verwandten Inder, zu denen wir jetzt übei'gehen. 



II. Die Augenheilkunde der Inder. 

§ 15. Die so überaus merkwürdige Geschichte der Heilkunde bei 
den Indern kann Niemand verstehen, der nicht einen Blick auf die Kultur- 
geschichte des Volkes geworfen 2). Diese ist aber überaus dunkel und 
schwierig, da die Inder das allerungeschichllichste Volk gewesen. 

In der ältesten Zeit, aus der wir überhaupt durch die heiligen Gesänge 
noch Kunde haben, entdecken wir zwei Völker verschiedener Rasse im Kampfe 
um den Boden Indiens. Der eine Stamm war ein hellfarbiges Volk, vor kurzem 
aus Mittelasien durch die Nordwestpässe des Himalaja vorgedrungen: Arjer, d. h. 
Edle, nannten sie sich selber; sie besaßen eine prachtvolle Sprache. Die andren, 
von dunkler Farbe, hatten lange im Lande gelebt und wurden theils in die 
Wälder und Berge getrieben, theils in der Ebene unterworfen: von den Siegern 
wurden sie in den 300 Jahre alten Gesängen (Rig-Veda) Feinde (Dasyus) oder 
Sklaven (Dasas) genannt. 

Die alten Arier lebten nach der AVeise der Erzväter unter Häuptlingen; 
ehrten die Frauen, kannten die nützliche und kunstvolle Bearbeitung der Metalle 
und besaßen den Pflug. Vieh war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie aßen Rind- 
lleisch und tranken Bier (aus der Soma-Pflanze). Sie verehrten 33 Gottheiten, 
tl im Himmel, 11 auf Erden, 11 im glänzenden Luftkreis. Die mächtigen 
Naturkräfte im Gangesthal schufen später die heilige Dreizahl des Schöpfers, 
Erhalters, Zerstörers (Brahma, Wischnu, Schiwa), von denen in den Veden noch 
nicht gesprochen wird. 

Allmählich entstand die neue Gliederung der Arier zu Königreichen mit 
Priestern und Kasten. Die Schrift war unbekannt. Die Familien, welche die 
heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. Das segen- 
spendende Gebet wurde Brähman genannt und seine Priester Brähmanen. Der 
ganze Dienst wurde abgeleitet von den Veda (dem Wissen ; griech. vida, 0107.). 
Die vier Veda bilden die Offenbarung; die späteren Sutra fügen die Ueber- 
lieferung hinzu. Die zweite Kaste bildeten die Krieger, die dritte die Acker- 
bauer. Alle drei gehörten zu den Ai'iei-n. Unter ihnen stand eine dienende 
Klasse, Überbleibsel der Ureinwohner. 

Die Brähmanen schufen die Wissenschaft. In sechs Systemen der Philo- 
sophie suchten sie sich Rechenschaft zu geben über Gott, W\dt, Mensehenseele; 
darunter ist die ersle (Sankya, .500 v. Cln-.) die Entwicklungslehre, welche 
heule den Beifall so vieler Denker in Europa findet, und die auch in Su(;ruta's 



1) Vendidad 7, 120: Wenn die Aerzte zusammenkommen, welche mit Kräutern, 
Messern und Segensprüchen heilen, so sei der von ihnen der heilsamste, welcher 
mit dem heiligen Wort heilt. 

2) Vgl.: Um die Erde, von J. HmscuBERG, Leipzig 1894, S. .S35 ff., woselbst 
auch die Quellen angegeben sind. 



32 XXIII. Hirschberg, 

Ayurveda, dem Ilaupl-Kanou der indischen Heilkunde, auseinandergesetzt wird. 
Die ganze Sanskrit-Literatur '] wurde niündhcli überliefert und ist darum ganz in 
Versen. Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Ostindien giebt es 
keine sehr alten Handschriften. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen 
sind aus dem dritten Jahrhundert v. Chr. 

Die indischen Huchstaben sollen von den phönizischen abgeleitet sein. Da- 
gegen haben wir unsre »arabischen« Zahlen aus Indien. Seit vordenklichen 
Zeiten gebrauchten die Inder das Decimalsystem, während Griechen und Römer 
niemals über das lästige Rechnen mit den Buchstabenzeichen des Alphabets 
hinausgekommen sind. 

Heilkunde, Kriegskunst, Musik und Baukunst galten als Upaveda oder er- 
gänzende Offenbarung. 

Das Gesetzbuch von Manu scheint in der jetzigen Gestalt nicht älter zu 
sein als 500 n. Chr. Im Mittelalter vom 8. bis 10. Jahrb. entstanden noch die 
Purana (die allen Schriften), 1600 000 Verse religiösen und philosophischen 
Inhalts. 

Der erste Angriff auf die Brahmanenherrschaft war die Lehre des Gautama 
Buddha (622 bis 543 v. Chr., oder etwas später), die dem Volke geistige Be- 
freiung brachte. 

AsoKA (257 V. Chr.), König von Magadha in Mittelindien, machte sie zur 
Staatsreligion und begründete den Kanon der südlichen Buddhisten; Kanishka 
(40 n. Chr.), ein Saka oder turanischer Erobrer von Nordwestindien, den 
nördlichen. 

Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien nebeneinander 1 3 
Jahre; der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 
8. und 9. Jahrhundert wurde Brahmanenthnm in neuer Form die herrschende 
Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt. 

Mit dem Zuge Alexander 's des Großen"'^) über den Indus (327 v. Chr.) 
beginnt die Beeinflussung Indiens durch Fremde, beginnt für uns die indische 
Geschichte 3), da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher auf- 
gezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgen verschiedene Ein- 
fälle der Saka (Turanier), welche größere Länderstrecken längere Zeit beherrschten. 
Dazu karri der Einfluss der nichtarischen Königreiche (der Naga, Schlangen- 
anbeler), namentlich im Süden Indiens. 

Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahr-, 
hundert v. Chr. nieder ; wenn er im 1 . Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt 
in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen. 

Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu, ihre Religion 



1) Sanskrita bhasha, die vollkommene Sprachweise. 

2) Vorher hatten die Hellenen nur unklare Vorstellungen von Indien, »dem 
Ende der Welt, mit seinem Völkergewimmel«. (Vgl. Herodot III, 94 u. 106.) 

3) Auch nachher haben die Griechen nur wenig von Indien gewusst. 

Vgl. 1. Strabo (Geogr. XV. Buch, Tauchnitz'sche Ausg. 1829, HL S. 249 ff.). 
der darüber klagt, dass die wenigen Augenzeugen nicht übereinstimmen, und die 
aus dem Hörensagen geschöpften Mittheilungen ganz unzuverlässig seien. 

2. Arrian's lvoi7.-/) (Teubner'sche Ausg. v. Hercher, Leipzig 188ö). 

3. Die Umschiffung des rothen Meeres (-sptrÄou; ty); dpuilpä; ftaXdaaTj;), die aus 
dem 1. Jahrb. n. Chr. stammen soll, von andren aber in's 2. oder 3. Jahrh. n. Chr. 
gesetzt wird. 

4. Xpi3Tiavf/.f, To-OYpaciia von KosMAs, dem Indienfahrer (547 — 549 n. Chr.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 33 

ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauhen. 
Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht 
auf den Resten von Rassen-Unterschieden. 

Vom 1 1 . Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Erobrer von Afgha- 
nistan aus in Nord-Indien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier 
Baber das Reich des Großmogul, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum 
Dekkan, beherrscht. Die Portugiesen hatten (seit 149 8) Handels-Niederlassungen 
an den Küsten gegründet; aber weder jene noch ihre Erben, die Holländer 
im 1 7. Jahrhundert, die Engländer und die Franzosen, gewannen zunächst Macht 
im Lande. Erst nach der Zersplitterung des Mogul-Reiches (1707) gelang es den 
Engländern, festen Fuß in Indien zu fassen. 

Die Heilkunde hat in der brah manischen Zeit selbständig sich ent- 
wickelt i). Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nüthig für die 
Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende Offen- 
barung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung 
vom Leben)2) den Göttern zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in 
der Sanskrit-Sprachlehre von Panini (350 v. Chr.) 3) vorkommen, zeugen für 
eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon die Be- 
gleiter Alexander's ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren Erfahrung in 
der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten*). Aber die 
wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem Namen des 
SuQRUTA und Gharaka überlieferten Schriften, gehören den späteren Zeiten 
der Sütra oder Ueberlieferung an^). Wann sie in der jetzigen Form 
niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt. Die älteste Sanskrit- 
handschrift, von BowER, aus dem 5. Jahrb. n. Ghr. , belehrt uns darüber. 



1) Vgl. Hirschberg, Ueber den Star-Stich der Inder. D. med. W. 1894, Nr. 5. 
(Uebersetzt von Surgeon Capt.MAYNARD zu Patua in the Indian med. Gazette Nr. 6, 
June 1894.) 

Auf die mythologische Medizin der Veden gehe ich nicht ein. 

2) Ayur-Veda, Lebens-Offenbarung. 

3) Nach BöHTLiNGK, — viel später nach Weber. 

4) Arrian (um 168 n. Chr.) hat in seiner '1-not-/.-/) den Reisebericht (Periplus) 
von Neargh, dem General und Admiral Alexander des Großen, benutzt. 

Nearch erzählt nun flvo. c. 15, Teubner'sche Ausg. d. Arr., 1885, S. 20) das 
Folgende: Soviele hellenische Aerzte zur Stelle waren, keiner fand ein Heilmittel 
gegen den Biss einer indischen Schlange. Aber die Inder heuten es. Alexander 
versammelte um sich die weisesten der indischen Aerzte: dieselben verstanden 
auch die andren Krankheiten und Leiden zu heilen. — Auch Megasthenes 
der unter Seleukos Nikator (321 — 281 v. Chr.) als Gesandter nach Indien kam, be- 
richtet, dass in Indien die Aerzte sogar für die erkrankten Fremden zu sorgen 
haben, und dass nächst den Forstleuten die Aerzte zu den geehrtesten Personen 
gehören. — Vielleicht hat einiges von jener alten Kunst in der Volksheilkunde 
der Gaukler und Schlangenzaubrer Ostindiens sich bis heute erhalten. Sind sie 
von der Brillenschlange doch gebissen worden, so binden sie den Schlangenstein 
auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie ein Schröpf- 
kopf wirkt. (Hirschberg, Um die Erde, 1894, S. 259.) 

5) Vgl. den Literatur-Nachweis am Schlüsse des § 24. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Auü. XII. Bd. XXIII. Kap. 3 



34 • XXIII. Hirschberg. 

dass scliun in den ersten Jaluhunderten unsrer Zeitrechnung ein Ayur- 
veda des SugRUTA vorhanden war. 

Ziemlich sichere Beweisstücke, die neuerdings gefunden sind, versetzen 
('.a.\u\K.\. in das erste Jahrh. n. Chr. Natürlich, der Ursprung der von 
ihnen überlieferten Heilkunde kann weit älter sein '). 

Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist darob entbrannt, ob 
die indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst 
sei. Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten , so giebt es bei den über 
Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer Schütz- 
linge bis in den Himmel, die andren wollen kein gutes Haar an ihnen 
lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich denen über 
Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, enthalten auch 
keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. Alle ihre 
Beschreibungen, Gleichnisse, Heilmittel-) wurzeln in dem in- 
dischen Boden. Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne 
Operationen kannten und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, 
ja die wür Europäer erst im Anfange dieses Jahrhunderts staunend von jenen 
gelernt haben. Hierzu gehört namentlich die Nasenbildung durch Lappen- 
Entnahme aus der Stirn (oder Wange). Auch die Zuckerharnruhr (mit 
süßem Urin) wird im Ayur-Veda beschrieben, während den alten Griechen 
der Zuckergehalt des Urins stets und den Europäern überhaupt bis vor 
200 Jahren unbekannt geblieben, nämlich bis zum Jahre 1674, wo Thomas 
Willis den süßen Geschmack des diabetischen Harns neu entdeckt hat. 

Ist auch die Krankheitslehre der Inder ganz verworren, 
durchdrungen von einer den griechischen Träumereien •^) ähnlichen Humoral- 
pathologie ; ihre Kenntniss von dem Bau und der Verrichtung des menschlichen 



1) Das Alter von 1000 v. Chr. (Vullers, Hessler ist Fabel. Ebenso un- 
richtig ist die spätmittelalterliche Entstehung (Wilson), da Su(,"ruta und Charaka 
im 8. Jahrh. n. Chr. in's Arabische übersetzt sind, und zahlreiche dem Ayurveda 
entnommene Stellen im Continens des Rhazes sich finden. 

WisE maclit darauf aufmerksam, dass Sü^ruta und, Charaka bereits in dem 
großen Sanskrit-Epos Mahabharata vorkommen. Die erste Fassung desselben 
stammt aus dem Jahre 400 v. Chr.. die letzte Ueberarbeitung fällt kurz nach König 
Ac;oK\ (250 v. Chr.), obwohl spätere Zusätze nicht geleugnet werden können. 

Lassen setzt den Ayur-Veda in die zweite Periode der Sanskrit-Literatur um 
500 V. Chr. Hiermit stimmt Berendes überein, weil Hipp.Aphor. III. 4 u. VIII. 6 (?) 
und de medico (indirekt) aus indischen Quellen (SugRUTA; geschöpft habe (?;. 

2) Hingegen finden wir in den hippokrat. Schriften eine Reihe von in- 
dischen Heilmitteln, vor allem Zimmt, Narde, Pfeffer. Für ersteren vgl. Hipp. 
Ausg. V. LiTTRE, VII, 373 ; VIII, 365. Für letzteren Frauenkr. I, 82 (Ausg. v. Littre. 
VIII, S. 202): tvo'.y.oO z-opim-Arrj -zoü twv rj',ii)'y./,|j.ä)v o y.al.iz-ai Trsrepi, vom indischen 
Augenmittel, das Pfeffer heißt. Vgl. B'. Vlil. S. 33i) u. 394; ferner B. VII. 373: 
VIII, 105. 

(Dass Zimmt und Narde aus Indien stammen, sagt Straro XV. 1. Pfefler 
als Augenmittel der Inder s. § 23. 

3 Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass davon etwas aus Griechen- 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 35 

Körpers vollkommen ungenügend, ihre Heilkunde mit Bezauberungen imd 
frommen Gesängen verbrämt: so sind doch ihre allgemeinen Regeln 
staunenswert!! und auch heute noch nachahmungswürdig. Der Arzt soll 
seine Kranken wie seine Kinder betrachten und behandeln. Das vorzüg- 
lichste aller Werkzeuge ist die Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde 
und der Wundarzneikunst bildet den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem 
die Kenntniss eines dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit einem 
Flügel. — 700 Heilmittel und 130 Instrumente kennt SugRUTA. 

Die Blüthe zeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des 
Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche 
Krankenhäuser 1) für Menschen und, was für die Entwicklung der Heil- 
kunde gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder großen 
Stadt. König Acoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine 1 4 Be- 
fehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen 
und Säulen eingraben ließ, gebot in dem zweiten: Regelmäßige ärztliche 
Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die Landstraßen sind 
mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen. Kranke und Verwundete 
sind sorgfältig zu pflegen, Hospitäler und Arznei-Niederlagen einzurichten. 
Die Krankenhäuser sind mit Instrumenten, Arzneien und geschickten Aerzten 
zu versehen, auf Kosten des Staates. 

Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bilden 
den Grundstock für die erwähnten Schriften. 

Als der heutige Hinduismus entstand (750 — 1000 n. Chr.). und die 
Kasten sich fester ausbildeten; gaben die Brahmanen die Ausübung der 
Heilkunde auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Ueber- 
setzungen der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von 
Bagdad (750 — 960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt 
oft vor im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen 
sind vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden. 

In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der Heil- 
kunde in Indien errichtet. Die in Kalkutta und Bombay haben englische 'S'or- 
tragsprache und Lehrer. 

Außerdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer 
Vortragsprache, z. B. in Labore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter den 
Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, 538 ein- 
geborene Christen , Parsi , Eurasier , Europäer. iMein Gewährsmann für diese 
Zahlen (Hunter) -) erwähnt nicht die weiblichen Studenten, doch habe ich solche 



land stammt. Die Inder nahmen fünf Elemente an: Luft, Erde, Wasser, Feuer, 
Aether; und vier Humores: Luft, Galle, Schleim, Blut. 

1) Diese Stiftungen der Barmherzigkeit bei den Buddhisten sind also 
ein halbes Jahrtausend älter, als die der christlichen Gemeinden: zu Edessa 
375 n. Chr., zu Caesarea 379 n. Chr., bald danach auch zu Rom. 

2) Our Indian Empire, by Sir William Wilson Hunter, London 1 893, 892 Seiten. 

3* 



3(5 XXIII. Hirschberg, 

in Kalkutta gesehen; sie sind für die Behandlung von Frauen und Kindern in 
Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur Heilkunde sind 1890 in einheimischen 
Sprachen Indiens veröffentlicht worden. 

§ 17. Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten bei 
meiner Anwesenheit natürlicherweise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die 
Nasenbildung und der Star-Stich, die beide bei SugRUTA beschrieben werden. 

Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher, 
als gesetzliche Strafe in Indien vorkommt; so ist es doch noch Sitte in 
den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte die Ehebrecherin zu 
Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends, auch nicht in einem »unab- 
hängigen Staate« Indiens, wie Jaipur, vermochte ich einheimische, ungelehrte 
Handwerker, welche die Nasenneubildung ausüben, aufzufinden oder von ihnen 
etwas zu erfahren; die Nasenbildung ^j wird ausgeführt in Indien, aber nicht 
mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts englische Aerzte als Augenzeugen 
gesehen, von Mitgliedern der Ziegelstreicherkaste, sondern von Schülern 
der englischen Universitäten und Krankenhäuser. 

Eines aber wollen die abfällig urtheilenden unsrer Sanskrit-Gelehrten beachten : 
die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst in Europa hat doch 
erst ihren Aufschwung genommen, als jene Kunststückchen der indischen Hand- 
werker bei uns bekannt geworden waren. 

Der Star-Stich war den alten Griechen während ihrer Blüthezeit gänzlich 
unbekannt. Celsus (zur Zeit Nero's) hat nach griechischen Quellen die erste 
Beschreibung geliefert. Die Araber des Mittelalters beschreiben sowohl die 
griechische Methode des Star-Stichs, mit einer eingestochenen spitzigen Nadel 
die Linse niederzudrücken ; als auch eine zweite , etwas abweichende , erst mit 
einem Messerchen einen kleinen Schnitt durch die harte Haut des Auges bis ins 
Innere anzulegen und darauf mit einer stumpfen Nadel den Star nach unten 
zu verschieben "■^j. 

Von den Arabern haben die Europäer im Mittelalter ihre Heilkunde erlernt, 
etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf Jahrhunderte später, nach 
dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch Zutritt zu den griechischen 
Quellen gewonnen ; endlich in der Neuzeit ihre selbständige Forschung begonnen. 

Erst in unsrem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahi-en 
der Araber in Suqruta's Werk beschrieben zu sein scheint. Europäische Aerzte 
haben diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen. 



1) Die Nasenbildung durch Einheilung eines aus der Nähe (der Wangenhaut) 
entnommenen gestielten Ersatzlappens — ebenso die Neubildung des Ohrläpp- 
chens, der Lippe — wird in Su^ruta genau beschrieben. 

Vgl. Zeis, Die Literatur und Geschichte der plastischen Chirurgie, Leipzig -1863, 
woselbst (S. 59) die Uebersetzung des Tübinger Sanskrit-Forschers Roth wieder- 
gegeben wird. Ziemlich genau ist auch die Uebersetzung in T. A. Wise (Hindou 
System of medicine, London 1860, S. 189). 

Die zweite indische Methode der Nasenbildung mittelst eines stiellosen, 
aus der Hinterbacke entnommenen Hautlappens (Zeis, S. ^13) wird zwar von Gurlt 
I, 47) in das Bereich der Fabeln verwiesen. Aber für die Lidbildung ist dieses 
Verfahren, von Ollier, Le-Fort, Wolfe, in unsren Tagen neu entdeckt 
worden. (Vgl. Czermak, Die augenärztl. Operationen, Wien 1896, S. 21S.) 

2) Die erstere beschreibt Abulkasim, die zweite Ali ben Isa (Jesu Hali;, 
beide im XI. Jahrb. n. Chr. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 37 

Die so Ijedeulungsvolle Frage der Gescliichte, welchem Volke (oder 
gar welchem Manne] die Erfindung des Slar-Stichs zuzuschreiben sei, scheint mir 
zur Zeit völlig unlösbar. 

Die Griechen dürften es nicht gewesen sein, da sie vor der Zeit ihres Ver- 
falls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren Afrikas 
und Asiens gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es zuzuschreiben ist leicht, 
aber unwissenschaftlich, da wir gar keine Belege dafür besitzen. (Vgl. § 7.) Den 
Indern das zweite Verfahren zuzusprechen ist thunlich, da es ihnen 
offenbar angehört : das erste kann als eine Vereinfachung aus dem zweiten 
hervorgegangen sein. 

Sowie ich (am 9. November 1892) in Kalkutta an's Land stieg, hörte ich von 
den englischen Aerzten , was ich schon vorher gelesen ^) , dass die unwissenden 
und unsaubren einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich die Augen 
zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. Aber, obwohl doch nur 
diejenigen von den so Operirten das englische Krankenhaus aufsuchen, welche 
mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche 
Misserfolge nicht zu Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor 
Jahren mittelst Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden 
Augen, obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem 
Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Manne war allerdings der 
niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille gefallen. 

In dem Majo-Krankenhaus zu Jaipur, das 1 ."jO Betten enthält und unter 
einem britischen Arzt (Dr. Hendley] steht, traf ich den einheimischen, in der 
Medizinschule zu Labore gebildeten Hilfsarzt, der viel Selbstbewusstsein zur Schau 
trug; aber von den im Krankenhaus befindlichen Staren, die er nach europäischer 
Art durch Schnitt ausgezogen, war nur einer mittelmäßig gelungen, vier wenig 
genügend, einer vereitert. Er behauptete, dass die »Natives« (ein Wort, das 
in seinem Mund recht sonderbar klang) nur ein Procent Erfolg hätten. 

Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstraße 
fuhr, sah ich hintereinander drei IMenschen mit den bekannten dicken Star- 
brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen und begann sie zu befragen, 
mit Hilfe meines Führers. 

Sie waren zwischen 50 — 60 Jahre alt. Der eine war vor 16 Jahren nach 
zweijähriger BHndheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit worden. 
(Wasser nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter und nach ihnen die 
Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen vorzüglich aus. Der zweite 
war auf einem Auge vor mehreren Jahren operirt worden; das eine Auge sah 
gut, das andre war noch starblind. Der di'itte war auf dem linken Auge von 
einem einheimischen Pfuscher operirt worden , mit vorzüglichem Erfolge ; auf 
dem rechten durch Schnitt im englischen Krankenhause mit mittelmäßigem Erfolge. 

Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die 
Straße war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf seinem 
rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiderte, er müsse nach 
dem englischen Krankenhause gehen. Was die Leute bei diesem Rathe dachten, 
weiß ich nicht ; doch konnte ich keinen andern sehen. 



-1; Diseases of the Eye by Magnamara, Surgeon to Calcutta Hospital, London 
-1868, p. 479: The native Huckeems and Kobrages (mohammedanische und 
Hindu-Aerzte) always operate for the eure of cataract (by depression) and hardly 
a week passes that I do not see several of their patients suffering from either in- 
flammation of the choroid or from retinochoroiditis. 



38 XXIII. Hirschberg, 

Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der ge- 
schickten Pfuscher kennen lernen. A'on dem ersten Bai'bier der Stadt erhielt 
ich endlich die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstraße fand 
ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut gekleideten, 
klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine Instrumente zeigte 
er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie zerbrochen und diese Praxis auf- 
gegeben habe; wohl aber wies er mir ein Buch über Augenkrankheiten: »Dis- 
eases of the Eye by Hilson, translated into Urdu'). Agra 1884.« 

In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, 
ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2 00 Rupien 
Geldstrafe. 

Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmälilich verlor 
er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 Star-Operirte 
zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische Unzuverlässigkeit. Einer 
war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden Augen vor neun Jahren von Jenem 
operirt — mit gutem Erfolge. 

Vergeblich fuhr ich nach dem Gelangniss des Maharadscha , an dem ein 
einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. Ich spähte in alle 
Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom Pfuscher gut operirt war. 
Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Straße, nachdem ich sie durch doppeltes 
Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte ich SchrumpAmg des Auges 
durch Star-Stich entdecken. 

Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher trotz 
Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbai-e Erfolge erzielen. 

Das Geheimniss liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne 
in Indien der Alter-Star zwanzig Jahre früher reift, als bei uns. In Indien 
ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 6 2 Jahre. Die Gefahr 
der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer, als im höheren. 

Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisen-Star den 
Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die Gerechtigkeit, 
anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, 
Unzählige dem Star-Stich der Handwerker ihre Sehkraft verdankt haben. 

§ \8. Die Urgeschichte des Star-Sticli.s zu ergründen ist eine 
der wichtigsten Aufgaben der Geschichte der Augenheilkunde. 
Deshalb werde ich eine möglichst getreue Uebersetzung des Star-Stichs aus 
den indischen Quellen beifügen und damit eine genaue Beschreibung des 
noch heutzutage von indischen Star-Stechern geübten Verfahrens vergleichen. 

Die Uebersetzung, welche ich Herrn Prof. Gustav Opfert in Berlin 2) 
verdanke, lautet folgendermaßen; 

»Ich werde nun die ärztliche Behandlung für die Heilung beim phleg- 
matischen Katarakt (Linganasa) besprechen, falls die im Auge befindliche 
Krankheit nicht die Form eines Halbmondes, Schweißtropfens oder einer 

1) »Lager-Sprache«, Mischsprache aus Hindi und Persisch, von den Mohamme- 
danern Ostindiens bevorzugt. 

■2] Vormals Professor an der Universität Madras in Ostindien. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 39 

Perle hat, fest oder ungleich, dünn in der Mitte oder streifig, sehr scheinig 
oder schmerzhaft oder ganz roth aussieht. 

Nachdem der Sachverständige bei weder zu heißer noch zu kalter 
Witterung die beiden weißen Theile von dem Schwarzen (im Auge) des ein- 
geölten und schwitzenden, gebundenen, sitzenden, seine eigne Nase grade 
ansehenden (Patienten) von dem äußeren Augenwinkel her gelöst und die 
beiden vom Adernetz entblößten Augen gut geöffnet hat, möge der Arzt 
dann sorgfältig, aber entschlossen, weder oberhalb noch unterhalb der 
beiden Seiten an der von der Natur gemachten Oeffnung (Pupille) mit 
einer Lanzette, welche eine einem Gerstenkorn ähnliche Spitze hat, und 
die er mit dem Mittelfinger, Zeigefinger und Daumen fest in der Hand 
hält, mit der rechten Hand das linke und mit der linken das andre (rechte 
Auge) durchstechen. Unmittelbar darauf stellt sich ein Wassertropfen und 
gleichfalls ein Geräusch beim Durchstich ein. 

Der Kundige soll dann , nachdem er nun die durchstochene Stelle mit 
Frauenmilch benetzt hat, gleichviel ob der Krankheitsstoff fest oder be- 
weglich ist, das Auge von außen schwitzen lassen. Nachdem er dann eine 
Lanzette mit windzerstörendem Hanf gehörig befestigt hat, möge er mit 
der Lanzettenspitze den Augapfel ritzen. Wenn er dann den vom 
Schneidenden an der andern Seite des Auges befindlichen Nasenflügel zu- 
hält, muss der im Augapfel entstandene Schleim durch Aufziehen der Nase 
entfernt werden. Leuchtet nun das Auge wie eine wolkenlose Sonne, oder 
ist es frei von Schmerzen, so darf man es als gut geritzt ansehen. Wenn 
dann Formen erkannt (gesehen) werden, nehme er die Lanzette langsam 
weg, und bedecke, nachdem er das Auge mit geschmolzener Butter be- 
schmiert hat, dasselbe mit einer Bandage von Zeug. — Die Uebersetzung 
ist nach der Kalkutta-Ausgabe von 1835— 1836, Bd. H, S. 343, 344 an- 
gefertigt. 

Die in Dr. Hugo Magnus' Geschichte des grauen Stares auf Seite 178 
und i 79 enthaltene Uebersetzung der Star-Operation von Professor Weber in 
Berlin ist genau und zuverlässig, das Original ist aber an vielen Stellen 
dunkel. « 

»Die gewöhnlichen Ausdrücke für Star im Sanskrit sind: 

1. Linga näsa = Wesens- Verlust'). 

2. Mantha, von math, quirlen. 

3. Netrapatala, Bedeckung des Auges.« 

Es lässt sich nicht leugnen, dass die Zuschrift meines gelehrten Freundes 
mir eine herbe Enttäuschung bereitet hat. Aber die Wahrheit steht 
höher, als unser Wunsch. 



V, Lingam, das Sein (auch der Phallus, als Symbol der Naturkraft;. 

Näsä, Verlust, verwandt mit -tiv.-jc, voao;, nex, nocere. [Ebenso Curtius. 
Etym. S. 162.] 



40 XXIII. Hirschberg, 

In dem obigen Texte des SugnuTA kann man beim besten Willen die 
Beschreibung der in Indien ausgeführten Star-Operation (Durchstechen der 
Lederhaut mit einer Lanzette, Niederdrücken des Stares mit einer Nadel) 
nicht finden, sondern nur ahnungsweise vermuthen. 

Allerdings ist der zweite Akt nicht ganz fortgelassen, wieHAESER') 
und nach ihm Hirsch -j annimmt; aber er ist doch nur eben angedeutet. 

Das Aufziehen des Schleimes mit der Nase ist eine aus den humoral- 
pathologischen Anschauungen hervorgegangene Zuthat, mit der wir uns 
schon abfinden können. 

Auch Dr. Breton 3) j der in vmsrem Jahrb. die Operation öfters in Ost- 
indien von den einheimischen Starstechern ausführen sah, erwähnt aus- 
drücklich, dass nach Beendigung der Operation der Operirte einigemal 
die Luft kräftig durch die Nase ausstoßen musste. 

WiSE^) beschreibt den zweiten Akt der altindischen Star-Operation 
folgendermaßen: 

Then introduce a blunt probe, with a flat surface near its extremity, 
with which detach the capsule and depress the cataract. 

Woher er diesen Text genommen, weiß ich nicht. Mit SugRUTA's 
Worten stimmt er nicht überein. 

§ 19. Die genaue Beschreibung der heutzutage von einheimischen 
Star-Stechern in Ostindien ausgeführten Star-Operation durch Niederdrücken 
der getrübten Linse lautet folgendermaßen''): 

»Letzthin hatte ich die Gelegenheit, zwei einheimische Hakeems bei 
Verrichtung verschiedener Augenoperationen zu beobachten. 

Ihre gewöhnliche und interessanteste Operation ist die gegen Star. 
Bei der Niederdrückung des Stars setzen sie den Kranken auf den Erd- 
boden. Des Kranken Oberlid erhebt der Wundarzt mit seinem linken 



1) 3. Aufl. 2. B. S. 31 U. 32. 

2) S. 241. 

3) Transact. of the med. and phys. society of Calcutta, Vol. II, 1826. Ueber- 
setzt in Hecker's Litt. Annalen d. gesammten Heilk., Bd. XI. Berlin 1828. 

4) Review of the bist, of med. by Thomas A. Wise, London 1867, II. Band. 
S. 216. — Nach S. 197 ist diese Darstellung aus SugRUTA. 

5; Vgl. Centralbl. f. A., Suppl.-Heft 1894, S. ö59. Uebersetzung aus The med. 
Reporter (Vol. III. Nr. 11. Calcutta, June Ist, 1894): Summary of a few surgical 
Operations by Hakeems. By T. M. Shah, L. M. S., Ass. Surgeon, Junayadh State 
Hospital, Kathiawar. 

Das arabische Wort hakim (Mehrzahl hukama) bedeutet Weiser, Arzt. In 
Ostindien werden so die einheimischen, nach ihrer Art ausgebildeten Heilkünstler 
genannt, wenn sie Mohammedaner sind; dagegen Kobrages, wenn Hindu. 

Kathiawar ist eine Halbinsel an der Westküste von Ostindien, dicht unter- 
halb des Wendekreises, unter Verwaltung einheimischer Fürsten; gehört zum Lande 
Gujerat, das unter mohammedanischen Fürsten von 1400 — 1700 n. Chr. eine hohe 
Blüthe der Kultur erreichte. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 41 

Daumen und befiehlt ihm , nach oben zu blicken. Ein kleiner Einschnitt 
wird gemacht mit einer gewöhnlichen Aderlasslanzette. Das Blatt der 
letzteren ist mit einem Faden umwickelt, und nur die Spitze freigelassen. 
Mit dieser Spitze wird der Schnitt gemacht, etwa 2 Linien vom Hornhaut- 
rande, nach unten-außen, in die Lederhaut'). Dann lässt man das Auge 
für eine Weile schließen. Eine Sonde von Kupfer, 4 Zoll lang, aber nur 
auf Y2 Zoll am Ende frei und dreikantig, das Uebrige mit Faden umwickelt, 
Avird benutzt, um die Linse niederzudrücken. Das dreieckige Ende der 
Sonde wird in die Wunde gegen den Glaskörper zu eingeführt; man lässt 
die Sonde für einen Augenblick schweben und befiehlt dem Kranken, tief 
zu athmen. Dann wird das Auge geöffnet und die Sonde zwischen Zeige- 
finger und Daumen gehalten, und [der Stiel] allmählich erhoben bis zum 
äußeren Augenwinkel. Während dieser Erhebung wird sie gleichzeitig 
zwischen den Fingern gedreht. Durch diesen Handgriff wird die Linse von 
ihrer oberen und äußeren Befestigung losgemacht und in die Tiefe nieder- 
gedrückt, und die Pupille erscheint klar. Dann wird die Sonde [bezw'. ihr 
Stiel] höher erhoben, nahezu senkrecht, hierauf nach vorn gebracht und 
allmählich gesenkt, bis zur Berührung der Wange. Durch diese Bewegung 
der Sonde wird die Linse zuerst niedergedrückt und dann nach rückwärts 
in den Glaskörper gestoßen. Wenn die Sonde niedersteigt, so kann die 
Linse niedergedrückt bleiben, falls sie gut abgetrennt war; oder sie kann 
zu ihrem ursprünglichen Sitz wieder emporsteigen, wenn sie unvollständig 
abgelöst war. Steigt sie nun wieder auf, so muss die nämliche Hand- 
habung der Sonde w-iederholt werden. Sogar drei- und mehrfach, bis die 
Linse unten bleibt. 

Danach muss der Kranke das Auge mehrmals zu- und aufmachen, 
dann darf er die Finger und andere Gegenstände sehen. Ein blinder Mann, 
der so plötzlich seine Sehkraft wiedererhält, ist entzückt, und das Volk 
rings umher ist voll Freude und Bewunderung. 

Hierauf wird das Auge geräuchert, aus einiger Entfernung; verbunden, 
und der Kranke zu Bett gebracht.« — 

>'atürlich wird der erfahrene Leser sich wundern, dass ein einziges 
Auge durchkommt. Aber die Thatsache ist sicher, dass ich zahlreiche, 
gut und dauerhaft geheilte Augen gesehen habe, und nur wenige Miss- 
erfolge. Freilich ist es unmöglich, die Zahl der Verluste anzugeben. 

Wir besitzen noch zahlreiche Beschreibungen solcher von morgen- 
ländischen Star-Stechern in Gegenwart europäischer Aerzte ausgeführten Star- 
Operationen, namentlich in dem inhaltreichen Werke von H. Magnus. (S. 180 
bis 184.) 



1) Ich fand die Narbe näher zum Hornhautrande. 



42 XXIII. Hirschberg, 

§ 20. Bezüglich der übrigen Augenkrankheiten, die SugRUTA (und 
(Ihakaka) beschreiben, wollen wir uns kürzer fassen •). 

A. Krankheitslehre. 

Das Auge wird durch eine Vereinigung aller Elemente gebildet. Das 
Schwarze (die Iris nebst Hornhaut) erstreckt sich über 'Z^, die Pupille ist 
Y; des Schwarzen-). Außer den Lidern giebt es 4 Häute des Auges; die 
erste umgiebt den Glaskörper, die zweite ist mit Fleisch, die dritte mit Fett, 
die vierte mit Knochen besetzt^). Die Linse ist der Sitz der Sehkraft^). 

Das Auge wird von 76 Krankheiten heimgesucht, von diesen be- 
trelTen 9 die Verbindungen der einzelnen Theile des Sehorgans, 21 die Lider, 
I I die Lederhaut, 4 das Schwarze, i 2 das Sehorgan, \ 7 das gesammte Auge ^). 

1. Wenn das Geschwür der Hornhaut nicht zu nahe der Pupille 
sitzt, ohne starken Schmerz oder Absondrung; so kann es geheilt werden. 
Schwer ist die Heilung, wenn es ausgedehnt, tief und von langer Dauer 
ist. Wenn es in der Mitte vertieft und mit erhabnem Rand versehen 
ist 6), zerstört es die Sehkraft. Wenn Hornhaut und Iris vereitern, mit 
Rüthung um den Rand; so ist Heilung unmöglich. 

2. AVenn die entzündete Hornhaut bleich wird, wie der Mond; so 
ist Heilung möglich^). Wenn das Entzündungsprodukt weiß ist, ausgedehnt, 
tief sitzend; so ist die Heilung schwierig. 

3. Die Trübungen der Hornhaut, welche nach der Entzündung 
zurückbleiben, sind unsrer Heilung unzugänglich. 

4. Kleine röthliche Geschwülste^), welche die Hornhaut durch- 
bohren und Blut und Eiter absondern, sind unheilbar. 

5. Die Erkrankungen der Häute bedingen Sehstörung, die um so 
stärker ist, je weiter nach innen der Sitz des Leidens liegt ''). (Die Einzel- 
heiten entziehen sich unsrem Verständniss. Nur das sei gesagt, dass bili- 
öses Gelbsehen und die Nachtblindheit erwähnt werden.) 

6. Die Linse ist der Haupttheil des Sehorgans'^'). Sie hat die 



<) Nach WisE [7, § 24). 

2( Die Pupille ist eng unter der hellen Sonne Indiens; -/li "^^ = ^c wäre 
doch richtiger. 

3) Auch die Griechen ließen die Bindehaut des Auges am Knochen der Orbita 
endigen und nannten sie i-t-Bz^'r/Mz (d. h. aufgewachsene Haut) oder -sciöa-io; 
(Knochenhaut). (Galen, Vom Nutzen der Theile, Buch X, c. 7.1 

4) Ebenso bei Galen. (A. a. 0., c. 1.) 

5) Die humoralpathologischen Träumereien, dass Wind, Galle, Blut u. s. w. 
die einzelnen Krankheiten erzeugen, habe ich fast stets, als störend, fortgelassen. 

6) Ulcus corneae serpens, Saemisch. 

7) Erinnert an diffuse Hornhautentzündung. 

8) Vorfall der Regenbogenhaut. 

9) Ebenso Hippokr. (? , v. d. Orten, A. v. Littrk, B. VI, S. 2S0. 
10) Ebenso Galen [v. Nutzen d. Theile, Buch X, c. 1). 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 43 

Gestalt einer Erbse und ist aus einer Mischung der wesentlichen Bestandtheile 
der 5 Elemente zusammengesetzt. Sie ähnelt einer Leuchtfliege i) und ist 
reichlich versehen mit dem ewigen Feuer'-). Ihre Krankheiten sind schwer 
zu behandeln. 

8. Yerschließung der Pupille und Verkleinerung des Auges^) 
ist von starkem Schmerz begleitet. War Verletzung die Ursache, so ist 
Erblindung die Folge. 

9. Von den Lederhaut-Erkrankungen giebt es eine Form, wo eine 
dünne rothe Haut das Weiße des Auges bedeckt. Die Ausbreitungen sind 
weiß und sie schreiten langsam vor^). In andren Fällen bildet sich ein 
fleischiges Gewächs von rother Farbe ^]. 

10. Das Flügelfell ist eine leberfarbene , ständige Verdickung des 
Weißen im Auge. 3 Formen werden unterschieden. 

IL Unter den Krankheiten der Verbindungen werden erwähnt 
die Bläschen^) an der Verbindung der Hornhaut mit der Lederhaut, mit 
der Empfindung des Brennens vergesellschaftet; und 

12. Würmer") an der Verbindung der Augenlider, welche heftiges 
Jucken hervorrufen. 

Von den 21 Krankheiten der Lider werden erwähnt: 

13. Kleine Hervorragungen an der Innenseite des unteren Lides, die 
bisweilen nach innen aufbrechen*"). 

14. Schwellungen am Rande des Oberlides, die aufbrechen und Blut 
sowie Eiter entleeren ^). 

15. Bisweilen ist das Lid von zahlreichen gleichen, kleinen, ständigen 
Anschwellungen bedeckt ^^]. 

16. Gruppen zahlreicher kleiner Erhabenheiten kommen vor an der 
Innenfläche der Lider ii). Bei einer andern Form sind sie wie Melonen- 
samen, rauh anzufühlen, mit wenig Schmerzen '2). 



i] Den Glanz derselben muss man in Indien gesehen haben, um die Worte 
des alten Schriftstellers zu würdigen. 

2) Plato, Plotin, Goethe nennen das Auge sonnenhaft. 

3) Galen (?), XIX, S. 435: Phthisis ist Verkleinerung der Pupille mit Er- 
blindung. Atrophie ist Verkleinerung des ganzen Augapfels mit Erblindung. 

4) Hierin erkennt man nicht undeutlich die Entzündung der Lederhaut (Scle- 
ritis , die langsam auf die Hornhaut übergreift. 

5) Scleritis tumida? Staphyloma ciliare? 

6) Bläschenkatarrh, Phlyktänen. 

7) Phthiriasis. 

8) Hagelkorn. 

9) Gerstenkorn. 

10) Müium, Molluscum. 

•H) Körnerkrankheit, Trachoma chronicum. 

12) Körnerkrankheit, harte Körner. 



44 XXIII. Hirschberg, 

4 7. Die Innenfläche der Lider ist bisweilen schwammig, heiß, von 
rother Farbe, dabei viel Absondrungi). 

18. Bisweilen ist das Lid geschwollen, juckend schmerzhaft, straff 
über dem Augapfel, der von den Lidern nicht bedeckt werden kann^). 

1 9. Bisweilen ist das Lid außen wie innen geschwollen, mit brennendem 
imd juckendem Schmerz, dunkelgelb, mit Absondrung; bisweilen ist das 
Oberlid auf das stärkste angeschwollen, roth, und sondert viel Eiter 3) ab 
von der Innenlläche'*). 

20 — 27. Wenn die Lider geschlossen sind und nicht geöffnet werden 
können, ohne dass man sie vorher auswäscht'^); wenn die Lider unbeweglich 
Averden und nach außen gekehrt**); wenn eine hängende Geschwulst sich 
bildet an der Innenseite des Lides, ohne Schmerz^); wenn die Gefäße*, 
welche das Lid bewegen, in Unordnung gerathen, so dass Blinzeln'') entsteht 
oder fortwährende Bewegung der Augen lo); wenn die schmalen, weichen, 
rothen, schmerzlosen Auswüchse der Lider nach der Entfernung mit dem 
Messer wieder wachsen (?); so sind das Krankheiten, die von einer Ver- 
änderung des Blutes herrühren. 

28. Eine andre Art bildet sich an den Augenlidern ähnlich einer 
Pflaume und ist schmerzhaft, hart, dick, feucht und eitert nicht, sondern 
wird ausgedehnt und knotig; wenn Wind, Galle und Schleim in Unordnung 
sind, erscheint die Schwellung oberhalb des Augenlids, bricht auf, und 
Blut, Wasser und Eiter werden entleert durch mehrere Oeffnungen. In 
diesen Fällen ist der Schmerz so heftig, dass er einer Vergiftung ähnelt^'). 

29. In andren Fällen werden die Augenlider geschlossen, so dass das 
Auge nicht deutlich sieht 12). 

30. In andren Fällen sind die Ausrenlider nach innen sewendet und 



<) Akute Granulationen, akuter Katarrh. 

2) Demosthenes fbei Oribasius, Band V, S. 4 46; bei Paull. Aeg. III, S. 72, bei 
Aktuarius II, 4 4 2;: Chemosis nennt man den Zustand, wo von starker Ent- 
zündung die Lider nach außen gewendet werden, so dass sie nur mit Mühe die 
Augen bedecken. 

3) Eiterfluss, Blennorrhoe. 

4] Ich finde diese Beschreibung der Lid- und Bindehautkrankheiten original, 
auf Erfahrung begründet, nicht von den Griechen entlehnt. 
öl Chronischer Katarrh u. s. w. 
6] Ectropium. 

7) Chalazion polyposum. 

8) Nerven oder Muskeln. 
9; Lidkrampf. 

10] 'IrrTTo; bei Galen, Nystagmus bei den Neueren. 

•l-l) Milzbrand der Lider, pustula maligna, avftoa;, carbunculus: von den Grie- 
chen auch beschrieben, aber nicht besser. (Galex (?) XIX, 434; XIV, 777; Paull. 
Aeg. S. 7ß u. A. Vgl. § 242.) 

•12) Lidfall, Ptosis. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 45 

entzünden das Auge, so dass der Kranke es fortwährend reibt; der Zu- 
stand ist schwer zu heilen'). 

31. Bisweilen sind die Lider juckend und heiß, und die Wimpern 
fallen aus 2). 

B. Heilung der Augenkrankheiten. 

§ 21. \\ von den Augenkrankheiten werden geheilt durch Ausschneiden 
des erkrankten Theiles, 9 durch Anritzen, 5 durch Einschneiden, 15 durch 
Punktion, 12 durch Anwendung verschiedner histrumente^); 7 sind schwer 
zu heilen und 1 5 unheilbar. Die 2 Erkrankungen des ganzen Augapfels sind 
gleichfalls unheilbar. 

a. Bei Behandlung der Augen entzündung u. s. w. muss der Kranke 
seinen Leib salben, in schweren Fällen ist Aderlass anzuwenden und 
danach Klystier und Abführmittel). 

Auf das Auge sind anzuwenden kalte Waschungen (Umschläge), in 
andren Fällen auch warme und Breiumschläge. Auch Ziegenmilch, gekocht, 
mit der warmen Abkochung der Ricinus- Wurzel und -Blätter kann auf das 
Auge angewendet werden. 

b. Bei galligen Augenentzündungen ist Butter ein äußerliches Mittel 
für das Auge; in manchen Fällen mit verschiednen Mitteln gemischt. 

c. Bei schleimigen Augenentzündungen werden benutzt die Abkochungen 
von Eibisch, Ingwer, Rothholz, Kostwurz (Hibiscum, Zingiber, Erythroxylon, 
Gostus). Zu andren Zeiten werden Mischungen von Behenn-Nuss (Myro- 
balan), Gelbwurzel, Süßholz und Spießglanz hergestellt, in der Sonne ge- 
trocknet^), vor dem Gebrauch mit W^asser angefeuchtet und unter die 
Augenlider ^j gebracht. 

d. Bei blutigen Augenkrankheiten sind neben allgemeinen und örtlichen 
Blutentziehungen kalte Umschläge anzuwenden und Arzneimischungen unter 
die Lider zu streichen. 

Der Saft von ?simbablättern(?), mit Eisen und Kupfer gemischt, wird 
auch empfohlen'). Der Saft des Zuckerrohrs, Honig, Zucker, Frauenmilch, 
mit dem Safte von Granatäpfeln wird äußerlich angewendet. Wasser und 
Zucker, Steinsalz und Molken ebenfalls äußerlich. 



1) Haarkrankheit, Trichiasis; Einstülpung. 

2) Lidrandentzündung (Blepharadenitis). 

3) Man bemerkt sofort, dass die Chirurgie im weiteren Sinne eine große 
Rolle in der Augenheükunde der Inder spielt; eine weit größere, als in der der 
Araber; aber auch eine größere, als in der der Griechen. 

4) Wie bei den Griechen, seit Hippokrates. 
5; Sfjpov.o/./.upia der Griechen. 

6) £; ö-oijrj^;, bei den Griechen. 

7) Vgl. in der hippokrat. Sammlung (Diät der fieberhaften Kr., Anhang, Littre 
II. 52 t. Kühn II, 99): Kupferschlacke mit Fett verrieben, mit dem Saft unreifer 
Trauben befeuchtet, getrocknet u. s. w. 



46 XXIII. Hirschberg, 

§ 22. Außer den 76 Krankheiten, welche den Kindern und Erwachsenen 
gemeinsam sind, giebt es eine eitrige Augenentzündung, die den ersteren 
eigenthümlich ist'). 

Sie wird erzeugt durch schlechte Beschaffenheit der Milch der Mutter. 
Die Zeichen sind Lichtscheu und reichliche Absondrung. Zuerst wird 
empfohlen Blutentziehung durch Scarifikation 2) und dann örtlich Gampher 
mit reizenden Substanzen in Honig, um die schlechten Säfte zu beseitigen. 
Die Augen werden gewaschen mit Rosen wasser, das mit zusammenziehenden 
Mitteln vermischt ist. Rothes Schwefelarsen, Antimonsulfid, Pfeffer, gebrannte 
Muscheln (Kalk), Steinsalz, Zucker und Honig bilden eine gut empfohlene 
Mischung. 

Reinigende Heilmittel werden der Mutter und dem Kind eingegeben. 

»Es giebt Besonderheiten bei den Augenkrankheiten, die nicht be- 
schrieben 3) werden können; aber mit den erwähnten allgemeinen "N'or- 
schriften kann der Einsichtsvolle die Behandlung nach den Umständen des 
besondren Falles abändern.« 

Die Scarifikationen sollen in einem geschlossenen Räume von mäßiger 
Helligkeit vorgenommen, die Lider des Auges durch den Daumen und Zeigefinger 
der linken Hand auseinander gehalten werden. Nach den Scarifikationen der 
Lid-Innenfläche, die mit der Spitze eines Messers vorgenommen werden, 
sollen warme Wasserumschläge gemacht und ein wenig von der Salbe, aus 
rothem Schwefelarsen, Schwefeleisen, Ingwer, Steinsalz in Honig, mit 
der Sonde auf die Innenfläche der Lider angewendet werden. Die Wirkung 
ist Verringerung der Absondrung, der Schwellung, des Juckens, Glättung 
der Innenfläche der Lider 4). 

Abscesse der Lider werden erst mit warmen Umschlägen behandelt, 
dann eröffnet und Steinsalzpulver mit Zinkvitriol u. a. angewendet, und ein 
Verband angelegt. Das Flügelfell wird mit einem Häkchen abgezogen, 
dann eine Nadel darunter fortgeführt, das fleischige Gebilde mit dem Faden 
umbunden und mit einem rundlichen Messer von der Hornhaut und Leder- 
haut abgetrennt^). 

Bei der Einstülpung der Lider, einer gewöhnlichen und quälenden 



-1) Bindehaut-Eiterung der Neugeborenen. Dass diese den Griechen nicht un- 
bekannt gewesen, wenigstens den späteren, wie Soranus (125 n. Chr.) und Aetius 
(540 n. Chr.;, werden wir später erörtern. Vgl. § 248. Vielleicht ist die indi- 
sche Beschreibung die älteste. 

2) Bekanntermaßen noch heute angewendet. 

3; Also gezeigt werden müssen. Das ist eine der ältesten Erwähnungen 
der Nothwendigkeit des klinischen Unterrichts in der Augenheilkunde. Vergl. 
hierzu den Satz des Aristoteles (Schluss der Ethik an Nikomachus) : »Es ist 
einleuchtend, dass einer durch Bücher (allein) nicht Arzt werden kann.« 

4) Das Verfahren ist ähnlich dem Lidschaben der alten Griechen, wonach 
auch metallische Mittel auf die Bindehaut eingerieben wurden. Vgl. § 75. 

5) Celsus. Paull. Aeg. und Aetius haben ähnliche Verfahren. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 47 

Erkrankung, wird im unteren Drittel des Oberlids') vom inneren bis zum 
äußeren Augenwinkel ein Hautstreifen von 3 Linien Breite entfernt und die 
Wunde mit Haarnähten geschlossen. Ist die Operation nicht erfolgreich, so 
müssen die Haarwurzeln durch Glühhitze-) oder Aetzmittel zerstört werden. 
Wenn ein kleiner Fremdkörper im Auge sitzt •% so kann er heraus- 
gezogen werden, indem man einen Wasserstrahl darauf richtet oder dagegen 
bläst oder ein Haar darum legt oder einen Lappen von Tuch (Leinwand) 
oder den Finger darauf legt. 

§ 23. Somit kann ich das ITrtheil von A. Hirsch-'), dass »die indische 
Medizin sich nicht über das Niveau einer von theosophisch-philosophischen 
Spekulationen getragenen rohen Empirie erhoben hat«, keineswegs unter- 
schreiben. 

Neben dem Aberglauben, der allen alten Systemen anhaftet und auch 
vielen neueren, finde ich einen hohen sittlichen Gehalt, scharfe Beobach- 
tung, richtige Behandlungsarten und gute Operationen. Wahrscheinlich 
sind die alten Inder die Erfinder des Star-Stichs, sicher der plastischen 
Operationen, von denen Griechen und Römer nie etwas Ordentliches 
verstanden haben und die auch wir erst in diesem Jahrhundert nach in- 
dischen Vorbildern erlernt haben; sicher sind sie auch die Erfinder der 
Magnet-Operation"'). Im Ayur-Veda des SugRUTA (1, 27) wird der Magnet, 
»der von Eisen geliebte«"), als ein Mittel gepriesen, um eine eiserne Pfeil- 

I) Das ist wichtig, da höhere Ausschneidungen ganz erfolglos bleiben. Vgl. 
§ 177. 

2j Ebenso bei Celsus und Paull. Aeg. 

3) Ayur-Veda, I, 27. 

4) S. 242. 

5' Es ist verlorne Liebesmühe, diese Entdeckung einem Arzte des europäischen 
Mittelalters zuzuschreiben. Ich gehe darauf gar nicht ein. 

6) Ayas-Känta = aere amatus Jedes der beiden Sanskrit -Worte ist wurzel- 
verwandt mit dem entsprechenden lateinischen. Ein andrer Sanskrit-Name für 
Magnet ist Loha-Känta, von Loha, Eisen; kam, lieben. Auch chinesisch heißt der 
Magnet thsu-chy, liebender Stein. 

Auch der spätgriechische Romanschriftsteller Achilles Tatius (im 7. Jahrh. n. 
Chr.?) sagt: sQy. 'q [j-cny/r^nia Xii)o; ciorjpou , es liebt der Magnet das Eisen. 

So erklärt auch Poggendorff (G. d. Physik, 1879, S. 101) den französischen 
Namen des Magneten, aimant, der liebende, und meint, dass der französ. Dichter 
Gauthier d'Espinois (um 1250) zum ersten Male den Magnet aimant genannt habe. 
Aber die Ableitung ist unrichtig. Von d^jäim- (eigentlich der unbezwingliche) Stahl, 
Diamant, kommt adamas, das bei den Römern dasselbe bedeutet, bei den mittel- 
alterlichen Schriftstellern aber auch den Stein, qui ferrum ad se subtrahat. (Vita 
S. Walrici Abbatis, in gloss. med. & inf. lat. I, S. 69.) Aus dem vulgär-lateinischen 
adamantem entstand proven^alisch aziman, ayman, ariman; spanisch iman. Aus 
aziman entstand altfranzösisch aimant, daraus aimant, was eigentlich dasselbe 
Wort ist wie diamant. (Littre, Dict. d. 1. 1. fr. I, 'J2. Ebenso Diez , Etym. W. B. 
d. roman. Spr. 1869, I, S. 132.) Italienisch heißt der Magnet calamita, von dem 
schwimmenden Rohrgeflecht, auf welchem die Magnetnadel des Flavio Gio.ia 
lag. [Ich fand sie abgebildet auf dem Marktbrunnen zuAmalfi, mit der Inschrift: 
Prima dedit nautis usum Magnetis Amalfis.l 



48 XXIII. Hirschberg, 

spitze auszuziehen; besonders wirksam ist der Magnet, wenn das Eisenstück 
grade und nicht zu fest im Fleisch eingebettet ist'). 

In der Literatiu' der alten Griechen linde ich kein Wort darüber. Es 
ist dies vielleicht ein neues Beispiel der Thatsache, dass sogenannte Barbaren 
den Griechen in der Naturwissensclialt und namentlich in der Beherrschung der 
Naturki'äfte überlegen waren. Erwähnt wird der Magnet bei griechischen und 
römischen Aerzten an zahlreichen Stellen. 

Doch ist zu berücksichtigen, dass die Ausdrücke [xa^vr^aiot Xi'&o;, [layv/^Ti; 
oder jjLayvrj; im Alterthum nicht blos den Magnet-Eisenstein, sondern auch die 
abführende'^) Bittererde (Magnesiumkarbonat, MgCO;j) bezeichneten. 

HippoKR. (?), V. d. Unfruchtb., § 243, A. v. Littre, YIII, S. 458 (Magneteisen- 
stein und Blei, zei'stoßen, in ein Läppchen eingebunden, in Frauenmilch getaucht, 
als Pessarium: Xi'iloc 7J nc tov aio/)pov apTraCst, der Stein, welcher das Eisen 
raubt). 

Theophrast, von den Steinen, c. 54. (ator^pov «701, er zieht das Eisen.) 

Plato (Ion, p. 533 d und Timaeus, p. 80c): 'HpazXsia Ai'Uo? beim Volk, 
aaYV^-t,; bei Euripides. 

Dioscorides mat. m. V, 147. (6 tov ator^pov cü/spÄ; i'Ä7.u)v, der das 
Eisen leicht anzieht.) 

Galen (örtl. Leiden Yl, 5 und einf. Arzn. K, 2, B. VIII, S. 422 und B. Xll, 
204; ferner VIII, S. 66, XI S. 612 und XIV 225). 

Oribasius n, 710. (Der Magnet-Eisenstein wirkt älmlich dem Haematit, 
Bluteisenstein.) Dasselbe steht Aetius S. 28a, Z. 4 und Paul. Aeg. S. 245, 
Z. 45, nur dass der Erstere die Wirkung gegen Chiragra und Krampf hinzufügt. 

Plin. >«. h. XXXVI c. 16 erwähnt die Wirkung gegen Augenleiden: Omnes 
(magnetes) oculorum medicamentis prosunt .... maxumeque epiphoras sistunt. 
11, 96, 98 erwähnt er die Fabel vom Magnet-Eisenberg. 



1) Ich war sehr überrascht, die wörtliche englische Uebersetzung des Sü^ruta (I, 
27, Heft -2, S.l2äj weit einfacher zu finden, als alle Berichte, die mir vorher zugäng- 
lich gewesen: »Eine Pfeilspitze, welche in Richtung der Fasern der Gewebe liegt, 
nicht fest eingebettet ist, keine Widerhaken ^Ohren) besitzt, und mit einer weiten 
Oeffnung in der Haut, kann ausgezogen werden mit dem Magnet-Eisenstein.« — Der 
natürliche Magnet-Eisenstein ist in Indien sehr verbreitet. Ich sah ihn im Museum 
zu Kalkutta. (Vgl. Um die Erde, S. 353.; 

Ein sehr schönes Stück von Magneteisen-Erz, das zum natürlichen Magneten 
geschliffen worden, von parallelepipedischer Gestalt und 178,90 Gramm Gewicht, er- 
hielt ich zur Prüfung durch die Güte des Herrn Geh. Bergrath Prof Dr. Klein: so- 
viel ist sicher, dass für unsre praktischen Zwecke der natürliche Magnet zu 
schwach und folglich unbrauchbar scheint. Uebrigens besteht der Magnet-Eisen- 
stein aus gleichen Aequivalenten von Eisenoxyd und Eisenoxydul, nach der 
Formel FeO.Fe^Og. 

Die neueren Lehrbücher der Physik, selbst das vorzügliche von Müller- 
PouiLLET, herausg. von Pfaundler (III. Band, S. 3 ff., 1888 — 1890) enthalten nur 
wenige Angaben über den natürlichen Magneten. Weit vollständiger ist Gehler's 
physik. Wörterbuch VI. B. S. 640 — 055, Leipzig 1836. 

2) Vgl. Oribas. von Büssemaker und Daremberg, Paris 1854, II. B. S. 798. 
— In letzterer Bedeutung auch bei den Hippokratikern (v. d. inn.Kr. § 21, Ausg. 
V. Littre, VII § 219.) Ferner bei Theophrast, v. d. Steinen, 41. Dies scheintdie 
ältere Bedeutung gewesen zu sein, da bei beiden der Magnet-Eisenstein als Stein, ' 
der das Eisen anzieht, bezeichnet wird. Es kommen auch Verwechslungen beider 
Steinsorten bei den Alten vor. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 49 

Marcell. c. I, 63. Magnetes lapis qui antiphjson^) dicitur, qui ferruni 
trahit et abicit, et magnetes lapis, ipii sanguinem emittit et lerrum ad se trahit, 
collo alligati aut circa Caput dolori capitis medentur. 

Bei keinem d e r g i' i e c h i s c h - r ö m i s c h e n A e r z t e wird der Magnet 
zum Ausziehen von Eisensplittern empfohlen. 

Dies versuchte zuerst wieder, aber in unhehilflicherWeise, unser G. Bartisch, 
Augendienst, 1.Ö83, S. 208: »Ein gut Sälblein, so einem Eisen, Stahl, Stein ins 
Auge gesprungen were. Hasenschmalz 3 lot, Vorwachs 1 lot, gelben Agstein 
I quint. Magnetstein V2 fjuint. Solches zu einer Salben bereitet, und über die 
Augen pflasterweis gelegt, das hilft.« Natürlich hilft das gar nichts. 

Erst um die Mitte des \1. .lahrhunderts hat unser Landsmann Wilhlelm 
Fabry '^) die alle Kunst der Inder wieder aufgefunden und sogleich auf das Auge 
angewendet, nämlich mit dem Magnet-Eisenstein einen kleinen Eisensplitter aus 
den oberflächlichen Schichten der Hornhaut entfernt. 

Literatur. 

1. Sucruta Ayurveda . .. edited by (^ri Madhu Sudana Gupta, (Sanscrit-Text . 

Calcutta, 1835—1836, 2. Ausg. 186S. 

2. Die englische Uebersetzung, in der Bibliotheca in die a, ist erst beim 

dritten Heft, aber sehr lehrreich. 

3. Die lateinische Uebersetzung von Hessler Erlangen 1844 — 1845; ist nach dem 

Urtheil der Sachkenner unbrauchbar. 

4. Charaka Samhitä, translated into english by Abinash Chandra Kaviratna, 

Calcutta 1890. 

5. Der Uebersetzer hat auch den Sanskrit-Text von 4 herausgegeben. 

6. Noch andre alte Sanskrit-Texte sind veröffentlicht: The Astänghahridaya. A 

compendium of the Hindu System of medicine, composed by Vägbhata. with 
the commentary of Arundatta. Revised and collated by Anna Moresvar Kunte, 
B. A., M. D., Demonstrator of Anatomy, Grant Medical College, Bombay 1891. 
Nur die Einleitung ist englisch, das Werk in Sanskrit. Vägbhata ist allen 
Aerzten Indiens bekannt; aber Niemand weiß, wann und wo er lebte. (Wahr- 
scheinlich 100 oder 200 v. Chr. Er war wohl ein Buddhist.) Der jetzige Text 
wird von Einigen in's neunte Jahrhundert n. Chr. verlegt. 

7. T. A. Wise, Commentary of the Hindu System of medicine. Calcutta 1845. 

Vf. hat Jahre lang in Ostindien als Arzt und Beamter gewirkt, mit einheimi- 
schen Gelehrten Pundits) die Sanskrit-Sprache und die ärztlichen Schriften 
der Hindu studirt und ist der erste Forscher über Geschichte der Heilkunde, 
der über die Griechen und Römer hinausgeht. 

8. T. A. Wise, History of medicine among the Asiatic nations. London 1867. II. B. 

9. E. Haas, Ueber die Ursprünge der indischen Medizin mit besonderem Bezug 

auf Sucruta. Z. d. Deutsch, morgenländ. G., XXX, 617 — 670. 
10. E. Haas, Hippokr. u. die indische Medizin des Mittelalters. Ebendas. XXX, 
647—666. 

§ 25. Die Buddhisten brachten im 5. bis T.Jahrhundert n. Chr. das indische 
System der Heilkunde nach Tibet; es giebt Werke in tibetanischer Sprache, 
die an SugRuxA sich anlehnen. Die Heilkunde ist in den Händen der Priester 



1 ävTtcp'jaöJv, dagegenblasend. 

2) Fabricii Hildaxi Opera, observ. & curat. Francofurti 1 656, cenlur. V, obs. 21 , 
En uxor mea remedium longe apti.ssimum excogitat . . . magnetem oculo, quam 
proxime aeger id sufferre potuit, admovet . . . scoria ex oculo nobis omnibus 
videntibus prosiliit. 

Handbuch der Angenheilkunde. 2. Aufl. Xll. Bd. .\XIII. Kap. 4 



50 XXIII. Hirschberg, 

und von Aberglauben durchsetzt. Sie unterscheiden ;}() Augenkrank- 
heiten. 

Es ist überhaupt sehr wahrscheinlich, dass die indische Heilkunde im Morgen- 
lande für die Völkerschaften von Tibet, Hinterindien, gewisse Theile von Sibirien 
und China dieselbe Rolle gespielt hat, wie die griechische Heilkunde für alle 
Völker des Abendlandes bis zum 1 S. .Jahrhundert n. Chr.; doch sind unsre 
Kenntnisse auf diesem Gebiete noch zu lückenhüft 'j. 

§26. Von der (ieschichte und dem Inhalt der chinesischen Heilkunde 2] 
können wir uns nur schwer eine Vorstellung verschaffen, da wir nicht in der 
Lage sind, ihre Bücher zu lesen, und brauchbare Uebersetzungen nicht vorliegen. 
In unsren Büchern von der Geschichte der Heilkunde finden wir wohl kurze 
Bemerkungen, aber keine vollständige Darstellung 3). Deshalb wollen wir uns 
lieber an eine neue chinesische^) Auseinandersetzung halten, welche vor kurzem 
in Han-po, einer chinesischen Zeitung zu Shanghai, erschienen ist. 

Danach soll der Kaiser Shin-nung (2737 v. Chr., 416 Jahre nach der 
Sintflut; der Erfinder des Pfluges) die ersten Forschungen über Heilkräuter au- 
gestellt und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das 
noch heute gezeigt und gelesen werde. 

Der Kaiser Hwang-te (etwa 2697 — 2597 v. Chr.) soll nicht blos unter 
Beistand seiner Lehrer die fünf Haupttugenden, sondern auch die fünf Elemente 
(Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde), das männliche und weibliche (thätige und 
leidende) Princip (Yo und In) erkannt und auf den menschlichen Körper an- 
gewendet; sondei'n auch die ersten Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt haben. 
Als Ausfluss dieser Lehre erschien das Werk Nai-Kiyo^) (das innere System) 
von Raiko, das durch Jalu'hunderte in großem Ansehen stand. 

Unter der Chow-Djnastie (H27 — 255 v. Chr.) kam (in dem Buch 
Sa-shi) die Lehre von sechs Lebensgeistern (dem positiven, negativen 
\i. s. w.) auf. In der letzten Zeit derselben D^^nastie bearbeitete Hen Jaku das 
Werk Nan Kiyo, d. h. über schwierige Krankheiten. 

Während der östlichen Hang-Dynastie (25 — 221 n. Chr.) lebte Cho-Chu- 
Kei. Er schrieb mit Benutzung der Lehren des Nan Kiyo zwei Bücher, die 
ein vollständiges System enthalten und zum erstenmale eine zusammenhängende 
Darstellung der Therapie geben, welche als »Schlüssel« zur Praxis aller älteren 



1) LiETARD, Hist. de la medecine, Paris 1897, S. 6. 

2) Vgl. Hirschberg, Aerztl. Bemerkungen über eine Reise um die Erde, 
Deutsche med. Wochenschrift 1893. 

3) Kurt Sprengel nennt die Chinesen ein kindisches Sklavenvolk, die Con- 
FUTSE nicht besser und weiser machen konnte. Und Baas nennt sie: wanting in 
art. Diese Urtheile sind vollkommen ungerecht und entspringen dem Mangel eigner 
Bekanntschaft. — Gute Bücher der Chinesen erklärt Sprengel für unecht, das 
Lob der Jesuitenmissionäre, d. h. der wirklichen Augenzeugen, für unbegründet. 

4) Von Paou Tso-Hwang (oder Ho Sa Kuwan). In's Enghsche übersetzt von 
Dr. Norton Whitney, der viele Jahre in Japan prakticirte, gleichzeitig als Dol- 
metscher der amerikanischen Gesandtschaft thätig war und mich auch durch münd- 
liche Belehrung vielfach unterstützt hat. 

5) Es wird von Einzelnen für eine Fälschung aus dem Anfang unsrer Zeit- 
rechnung oder aus etwas früherer Zeit erklärt. — Es wird erzählt, dass Kaiser 
Tsghing-wang (um 240 v.Chr.) die Zerstörung aller Bücher, außer denen über 
Ackerbau und Heilkunde, anbefohlen habe. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 51 

Schulen betrachtet wird. Nach chinesischer AulTassung war er der größte Mann 
auf seinem Gebiet seit Kaiser Shin-nung. In den Darstellungen der Europäer 
wird er als der Hippokrates der Chinesen gepriesen. 

Sein erstes Hauptwerk ist Shokänron, die Lehre von den fiebei'halten 
Krunkheiten, ein Büchlein von etwa hundei-t Oktavseiteu; sein zweites heißt 
Kinki, »der goldene Kasten«, in dem die fieberlosen Krankheiten abgehandelt 
werden. 

Die Lehre des Shokänron erscheint uns sehr dunkel ^j. 

Die Ursache der Fieber ist sehr einfach: sie entstehen sämmtlich diu-ch einen 
Giftstoff^), der nur dadurch verschieden wirkt, dass er in verschiedener Stärke 
und auf verschiedenen Bahnen eindringt. Die Krankheit kann geheilt werden, 
wenn ein stärkeres Gegengift als Heilmittel in den Körper gebracht wird. Öfters 
muss dann auch schließhch wieder das Heilgift ausgetrieben werden. Der Heil- 
zweck wird erreicht durch Schwitzen, Abführen, Erbrechen, SchlafEmachen. 

In der Lehre von den fieberlosen Krankheiten erscheinen auch schon An- 
deutungen der Körperorgane, wie Herz, Lungen, Milz, Nieren; und drei Haupt- 
krankheitsursachen, nämlich für kolikartige Krankheiten, für Verstopfungen, für 
Katarrhe. 

Sympathische Mittel oder Beschwörungen werden nicht ange- 
wendet-^). Alle Heilmittel sind natürliche, die Mehrzahl aus dem Pflanzenreich: 

Nindjin (Ginseng, Panax Ginseng), eine Karottenart, sehr theuer, galt fast 
als Allheilmittel. (In unsren deutschen Büchern wird es als »Tonico-Excitans« 
beschrieben.) 

Aconit, gegen Lähmungen. 

Moschus und Kampher, Nervenmittel. 

Schwefelsaures Natron und Rhabarber als Abführmittel. 

Zinnober, Salmiak. 

Die Chinesen behaupten, dass seit dieser Zeit frühzeitiger Tod weder bei 
den Herrschern noch bei dem Volke häufig vorkam, sondern dass in der Stadt und 
auf dem Lande alle sich eines langen Greisenalters erfreuten. K. Sprengel ist 
allerdings der Ansicht, dass ein in's Fi'anzösische übersetztes Buch der Chinesen: 
Von der Kunst, sich ein langes und gesundes Leben zu verschaflen, unecht sein 
müsse, da es zu helle und lichtvolle Gi'undsätze enthalte! Es wurden noch mehr 
Bücher über Heilkunde geschrieben, aber die nach der Sung- und Yuen-Djnastie 
(960 — 1280 n. Chr.) waren nur Ergänzungen und Erklärungen der 
älteren, die noch heute gepriesen werden. Immerhin giebt es auch neuere 
Bücher wie Shi-nan , Zen-sho , I-kuwan (nach unsrer Quelle) , während Haeser 
behauptete, dass neuerdings hauptsächlich Ching-che-chun-ching (der bewährte 
Führer zur medizinischen Praxis, in 40 Büchern) studirt werde. 

Die ärztliche Praxis war in China seit den ältesten Zeiten in verschiedene 
Specialitäten eingetheilt; heutzutage sind es elf: Ki'ankheiten des Blutgefäßsystems, 



1) Das Urwesen aller Dinge spaltet sich in Yo und In, das männhche und 
das weibUche Princip; alle Dinge sind entweder Yo oder In oder eine Mischung 
beider. 

2) Diese Lehre erscheint, von einem höheren Standpunkte aus betrachtet, 
uns heutzutage keineswegs so verrückt, wie noch vor etwa 30 Jahren den- 
jenigen deutschen Aerzten, die nach Japan als Lehrer der Universität Tokio be- 
rufen wurden. 

3) Wie hoch stand in dieser Hinsicht Ostasien über Europa, für nahezu ein- 
undeinhalb Jahrtausende! 

4* 



52 XXIII. Hirschberg, 

Porkon, Fieber, Frnnenkrankhoiton. Ilautki-ankheiten, Aciipunctur, Augenkrank- 
heiion, Kehlkopfkrankheiten, Mund- und Zahnleidon, Knochenleiden. 

Ein Hauptstück der chinesischen Heilkunde war zu allen Zeiten das Fühlen 
des Pulses, das sie sehr künstlich machen und zu weitgehenden Schlüssen 
über Sitz und Quelle des Leidens verwert hen. 

Von wichtigen Heilverfahren, die den Chinesen lange vor uns be- 
kannt gewesen sein sollen, seien drei erwähnt: 1. Sic übten eine Art von Pocke n- 
schutzimplung, indem sie etwas von dem Pockenschorf eines Erkrankten 
mittels Baumwolle in die Nase des Impflings einlührten, angeblicli seit 9 00 Jahren. 

2. Wie mir zu Hongkong in dem Krankenhause für Eingeborene der englische, 
des Chinesischen kundige Missionsarzt und sein chinesischer Assistent auf das 
bestimmteste versicherten, verwendeten sie die Einathmung von Quecksilber- 
(liinipfen gegen Syphilis seit mindestens tausend Jahren: eine mit Zinnober 
gefüllte Papierrolle wurde in das eine Nasenloch eingeführt und angezündet. 

3. Die Chinesen behaupten, seit Jahrtausenden wundärztliche Betäubung 
durch A'erabreichung eines innerlichen Mittels, das sie Mago nennen, hervor- 
zurufen. 

Die Wundarzneikunst steht auf niederer Stufe. Knochenbrüche behan- 
deln sie mittelst der Dehnung. Den Aderlass kennen sie, aber sie wenden ihn 
selten an, — was doch in unsren Augen ein Vorzug sein sollte. Dagegen 
lieben sie das Brennen (mit Moxen), das Nadelstechen (Acupunclur) und das 
Kneten (Massage). 

Sehr wenig ausgebildet ist die Augenheilkunde. Sie kennen aller- 
dings die »Paracentese« und das Dui'chführen eines Fadens durch das Auge. 
Ob sie eine wirkliche Star-Operation in ihrer einheimischen Heilkunde besitzen, 
konnte ich nicht erfahren, da meine japanischen Freunde das angeblich alt- 
chinesische Buch iiber Augenheilkunde, welches sie mir zeigten, nicht recht 
verstanden ^). 

Das verrückte chinesische Verfahren, mittelst einer Nadel durch den Augapfel 
einen Faden zu ziehen und außerhalb des letzteren die Enden zu einer Schlinge 
zu verknüpfen, hat bei uns in unsrem Jahrhundert eine dreifache Verwendung 
gefunden : 

1. eine thörichte, zur Heilung des weichen Stars, statt der Discission''^); 

2. eine unsichere, zur Verkleinerung eines stockblinden, vergrößerten 
Augapfels, mittelst der künstlichen Vei'eiterung (Pantophthalmie) ^] ; 

3. eine vernünftige, am Froschauge, zur Ergi'ündung der eitrigen Ent- 
zündung*). 

§27. Die Geschichte der japanischen Heilkunde^) kann zwanglos 
in vier -Zeitabschnitte eineetheilt werden: 



1) Ein Schüler von mir, der amerikanische Missions- Arzt Dr. Jellisen, schrieb 
mir vor kurzem, dass er ein altes chinesisches Buch über Augenheilkunde au 
mich abgesendet hat und auch eine Uebersetzung verfertigen wül. Bis jetzt habe 
ich noch nichts erhalten. 

2) Journ. f. Chir. u. Augenheilk. von Graefe u. Walther. Bd. II, H. 4, S. 730. 
,1821.) 

3; A. v. Graefe, Arch. f. A. IX, 2, S. lOü. (1863.) 

4) CoHNHEiM, Neue Untersuchungen über die Entzündung, Berlin 1873. (Ge- 
sammelte Abh. von J. Cohnheim. Herausg. v. E. Wagner. Berlin 1885, S. 446.) 

5 Vgl. Hirschberg, Aerztl. Bemerk, über eine Heise um die Erde, D. med 
W. 1893. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum, 53 

I. Die älteste, all japanisohe (nivtliisrlic) Zeit vom mibekanntcn Ur- 
anfang bis etwa 2 00 v. (Ihr. 

II. Die alte, chinesische Zeit von 200 v. Chr. l)is zur Mitte des sech- 
zehnten .Jahrhunderts n. Chr. 

III. Die neue Zeit, in welcher europäischer Einfluss gegen den chine- 
sischen ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des sechzehnten Jahr- 
hunderts bis über die Mitte unsres Jahrhunderts. 

IV. Die neueste, europäische Zeit, etwa von der Mitte unsres Jahr- 
hunderts (oder eigentlidi erst vom Jahre 1871) bis zmii heutigen Tage. 

Ueber die Zeit, wo chinesische Schrift und Lehre herrschend war, lohnt es 
nicht besonders zu handeln. Ueber die heutige Zeit soll, da wir nicht noch einmal 
darauf zurückkommen, nur bemerkt werden, dass kein andres Volk des Morgen- 
landes so schnell die Fortschritte Europas sich zu eigen gemacht hat. 

Am 23. September 189 2 war (zu Tokio) eine Hauptversammlung der 
ophthalmologischen Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers 
T. Inouve. Der letztere hatte vor einigen Jahren eine StTidienreise durch Euroj)a 
gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen. 

Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich 
vollzählig erschienen waren, vmd hat deutsche Vortragsprache, die aller- 
dings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, und natürlich 
auch deutsche Berichte, von denen bis 1894 elf Hefte erschienen sind. Das 
letzte Heft enthält außer der Begrüßungsrede verschiedene Vorträge, so über 
Keratitis parenchvmatosa propria, über ein neues Instrument zur Untersuchung 
des Augengrundes, über ein neues Starmesser, sowie meinen eignen Vortrag 
über Asepsie in der Augenheilkunde, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch 
und nach Wahl der japanischen Kollegen gehalten. Mein Vortrag ist so fehler- 
frei zu Tokio gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte 
erzielen können. 

Es ist ein Atlas der Ophthalmoskopie zu Tokio erschienen ; es bestehen 
an allen japanischen Universitäten Augenkliniken, die ich gut eingerichtet ge- 
funden habe. — 

Nunmehr verlassen wir das Morgenland und wenden uns nach dem alten 
Griechenland, der Wiege der wissenschaftlichen Heilkunch; überhaupt und also 
auch der Augenheilkunde. 

III. Die Augenheilkunde der alten Griechen. 

§ 28. Die griechische Heilkunde wollen wir für unsre Zwecke in drei 
Perioden eintheilen : 

1. Die alte Zeit bis zu Hippokrates (der 460 — 380 v. Chr. gelebt 
hat; und dem Beginne schriftlicher Aufzeichnungen, die auf unsre 
Tage gekommen sind'j. 

2. Die mittlere, alexandrinisch-rümische Zeit, wo die Berührung 
der Griechen mit ägyptischer und asiatischer Wissenschaft deutlich zu Tage 



\ Dass es schon lange' vor Hippokrates ärztliche Schriften bei den Griechen 
gegeben, sagt er uns selber an verschiedenen Stellen. Aber niclits davon ist er- 
halten geblieben. 



54 XXIII. Hirscliberg, 

trat und eine ungeheure Literatur der Heilkunde geschaflen wurde, von 
der doch verhältnissmäRig nur wenig uns erhalten geblieben ist. 

3. Die spät-hellenistische und byzantinische Zeit, deren ency- 
klopädische Yerüffentlichungen, soweit wir sie noch besitzen, uns ein gutes 
Bild der mittleren Zeit zu gewähren im Stande sind. 

Der Geschichtschreiber der Augenheilkunde hat hier sogleich die 
betrübende Nachricht zu betonen, dass keine einzige griechische 
(oder römische) Sonderschrift über Augenheilkunde*) auf unsre 
Tage gekommen ist, sondern nur die von Augenheilkunde handelnden 
Abschnitte aus einigen Lehrbüchern der gesammten Heilkunde und gelegent- 
liche Bemerkungen. 

§29. 1. Die Anfänge der Heilkunde bei den Griechen wie bei 
den andren alten Völkern waren Beschwörungen. 

So singt PiNDAR (522 — 448 v. Chr.) in seinem 3. Pythischen Gesang, 
von dem Heilgotte Asklepios^): 

Touc }X£v [xaAaxal? STcaoioal; 7.[xcp£-tov, 

Tou? 0£ TTpoaavsa ttivovt«? t] yui'oi? 

TTöpiaTTKÜV TravToösv 

cpapjxaxa, xouc, oe TOjjiaT; lataosv öpöouc. 

Den pflag er mit milder Beschwörung, 

den mit erquicklichem Trank oder Kräuter 

rings um die Glieder fügend, 

andere richtete er auf durch den Schnitt 3). 
Später trat die Zauberei^) mehr in den Hintergrund; während ein 
SoLON ihr noch schwärmerisch anhing'^), sprach Sophokles (496 — 406 v.Chr.) 



1) Wenn wir von einigen wenigen unbedeutenden Machwerken der spät- 
byzantinischen, arabischen und mittelalterlich-europäischen Zeit absehen, ist der 
deutsch geschriebene Augen dien st von George Bartisch (Dresden 1383^ das 
erste Lehrbuch der Augenheilkunde, das, aus eigner Erfahrung des Vf.'s er- 
wachsen, uns heute zur Beurtheilung vorliegt. 

2) Dem Sohn des Apollon, des Arztes und Helfers [zaiav, tT|to;) u. der Corone. 
Die Mythen von Asklepios (dem Mildglänzenden) sind am gründlichsten von U. v. 
WiLAMowiTz-MöLLENDORFF erörtert. (Isyll von Epidauros, Berlin 1886.) 

Wir können den Sagen nicht soviel Raum geben, wie die älteren Ge- 
schichtschreiber der Heilkunde es gethan, da wir mehr Platz für die Thatsache n 
brauchen. 

Uebrigens war Asklepios beim Homer noch ein Heros, kein Gott. Seinen Typ 
schuf Phidias, nach Athen ist sein Cult erst 420 v. Chr. eingeführt. 

3) Genau dieselbe Dreitheilung der ursprünglichen Heilkunde 
fanden wir bei den alten Aegyptern (§ 3) und bei den alten Parsen (§ H). 

4) Von der die Sagen vieles melden: Chiron heilt den geblendeten Phoenix, 
Medea verjüngt den Aeson, macht fest den Jason u. s. w. 

5) SoLON -13,59 (Ausg. V. Bergk). 

V.OU-A a«j Ti; Xuaa'.-' T;;:ia cfdpp.a-xa oo6c, tov 0£ . . . ä'bd\j.S'iO^ ysipoTv avba -[%-qfs' 
•JYif,, Und keiner könnte ihn erlösen durch linde Mittel, aber mit beiden Händen 
berührt er ihn und macht ihn flugs gesund. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 55 

(las gelassene AVort: Nicht ziemt es dem weisen Arzt, Zaubergesänge anzu- 
stimmen, wenn das Uebel den Schnitt erfordert'). 

2. Aber die Priester des Asklepios bemächtigten sich frühzeitig 
der Heilkunde und kurirten gegen gute Bezahlung 2) in den Tempeln ihres 
Gottes, den Asklepieia, durch Traum-Orakel ^j mit ebenso großer Keckheit 
wie Geschicldichlceit, und nicht ohne Kenntniss von Heilkunde und Wund- 
arzneikunst. Die Aufzeichnungen über Krankheitsfälle und deren Heilung 
bildeten einen Grundstock ärztlicher Erfahrung*), aus der auch Hippokrates 
geschupft haben soll. 

3. Uebrigens gab es auch nicht-priesterliche Asklepiaden seit 
uralter Zeit. Schon Homer preist Podalirios und Machaon, die Söhne des 
Asklepios, die ohne priesterliches Amt vor Troja fochten und zahl- 
reiche Wunden trefflich verbanden'^); wie denn überhaupt Homer voll 
Lobes für den ärztlichen Stand ist: ir^Tpo? yotp avyjp 7roÄ>>ü)v 7.v-a;toc 
aXAwv. Auch Hippokrates aus Cos wird ein Asldepiade genannt, aber 
niemals als Priester bezeichnet. 

4. und 5. Dazu kam die praktische Heilkunde der Ringschulen oder 
Gymnasien (Diät, Gymnastik, Behandlung von Brüchen und Verrenkungen); 
ferner die mehr theoretische der Philosophen (Pythagoras, Empedokles, 
Demokritos). 

Fünf alte Schulen der Heilkunde vor Hippokrates werden bezeichnet, 
die von Cyrene, von Croton, von Rhodos, von Cos und Cnidos. 

§ 30. Wunder-Augenkuren des Asklepios von Epidaurus. An 
einem schönen Frühlingstage (April 1890) führte mich ein muntres Gespann 
von Nauplion, in der Peloponnes, durch eine liebliche, aber jetzt ziemlich einsame 
Gegend nach dem Dorfe Ligurio (Lessa), wo der Ortsvorsteher (Demarch), natür- 
lich ein Arzt^), aufstieg, um uns die Ruinen des Hieron von Epidaurus, der 
herühmtesten Cultstätte des Asklepios zu zeigen, von der die meisten andren 
Heiligthümer dieses Gottes (die zu Athen, Pergamon, Smyrna) ihren Ursprung 
herleiteten. 



1) o'j ~p6? latpoö oocfoO 

ilp'/^velv ETTOJod; tt^o; TO[i.ü)VT[ ~-'rnj.a~i. Aias, 581 ff. 

2) i(j-}i ä-ooicovod Toc i'axpa. »Sollst zahlen das Honorar.« (In den Inschriften 
von Epidaurus, Baunack, S. 104.) Darum machten sie sich gegenseitig Concurrenz 
(das Asklepieion von Epidaurus war lange das berühmteste, bis es von dem in 
Cos überflügelt wurde) und ihnen die andern Priester, so die des Apollo. Diana 
von Ephesus heilte Augenleiden, wie später St^*. Lucia von Neapel. 

3) (j.avTi/.rj Ol' l-f/.otij.T,o£(iji. (Zauberkunst durch Schlaf im Tempel, incubatio.) 

4) Natürlich von verschiedenem Werth, da zuviel Aberglaube und Unwahr- 
heit darunter gemischt wurde. Ebenso in den Wallfahrts-Orten unsrer Tage. 

5) Mehrere auf dieselben bezügUche Stellen sind nach neueren Forschungen 
spätere Einschiebsel. Uebrigens verstand auch Achill (vom Chiron) sowie Patroklos 
die Wundarzneikunst. 

6) Seine Tochter heißt Asklepiade. — Von Ligurio aus sieht man noch den 
Zitzenberg (Titthion), wo einst eine Ziege dem kleinen Asklepios Milch gespendet, 
und ein Dorf Koroni. 



56 XXIII. Hirschberg. 

Sehr lifild wiii'ili' (>s (h'iu Helnuhtcr klar, dass hici- cinsl oine anliko 
Vereiniji:uni; von Loiirdos luid Kailsl)ad i;ostaiult;u liahe. Man enldet^kl, 
natürlich in Ueherresten, eino Uciudialm (Sladiimi), Propyläen,' deren marmorne 
Darhziefjel und Traul'rinnen mil Löwenköpfen herumliegen, ein Rundgebäude 
(Tholos) 1), das einst mil herrlichen (iemäl(b'n und den Dank-Inschi-irten der (le- 
heiUen geschmückt Avar; allenlhall)en bequeme Sitze i'ür die Kranken, wie (teiui 
auch geneigte Bahnen (i'ür Kollstühle) in einen Tempel führen; die Doppelhallc 
für die Traum-Weissagungen (aßarov); den Tempel des Asklepios, mit dem Stand- 
ort für die einstmalige Gold-Elfenbein-Bildsäule, den dei" Artemis, einen späteren 
der A])hrodite: eine Hingschule: ein großes Bad (allerdings aus Römerzeit); die 
alte lleilcpielle '^) ; ein wunderbar erhaltenes Theater, dessen Akustik noch heide 
die Probe bestand, und in dem neu errichteten Museum die glücklich wie<ler- 
gefundenen berühmten ^\'ei he-lnschriften. 

Diese werden schon im Alterthum erwähnt. 

Der berühmte Geograph Strabo-') schreibt (I. VIII, c. ü) : aurr^ (ETiiöaupoc) 
O'jx aar^ixoc y] ~6Xic v.ai txaAiaia oia t/jv sTcicsavöiav ~ou WaxÄr^-ioO i)äp7.7r£Uiiv 
V0300; 7ravTooa-7.; TreTriarsajxiivou , xai t6 ispov TrXr|psc zyo^xoz azl täv ts 
y.7.[j.vov~ojv xat täv 7.v7.y.£ifj.£vcüv -ivaxwv, sv olc 7.vaY£Yp7.[i.[jL£vai tUYyavouaiv 
rj.[ Uspa-sTai, y.ai)7.-£p £v KA r£ xai TpixxTj. Die Stadt Epidauros ist anselm- 
lich und am meisten clurch den Ruhm des Asklepios, der das Vertrauen genießt, 
Krankheiten aller Art zu heilen, und hier ein Heiligthum besitzt, das immer voll 
ist von Leidenden und Weihetafeln, in denen die Heilungen verzeichnet sind 
gerade so wie in Cos (Kleinasien) und in Trikka (Thessalien). 

Der gleichfalls berühmte und neuerdings, wegen der Ausgrabungen, so 
wichtig gewordene Reisebeschreiber Pausanias (l) sagt (II, 27): Tautai; (den 
Säulen des Asklepios-Heiligthums) e'(^(s^(poL\x[ii^a xai -ivopwv xal "j'uvaixüiv sativ 
övo[jLa-7. dx£ai>£VT(uv utto tou 'A a/Xr^ ttioü, 7rpoa£Ti oe xat vdo-/jjj.a ort Exaaro; 
svdor^ac xat fj-iuc laiirj"'). Auf den Säulen des Asklepiosheiligthunis sind ver- 



1) Nach Pausanias (1) von Polyklet; aber wohl nicht von dem berühmten, 
sondern von dem jüngeren (im 4. Jahrhundert v. Chr.) angelegt; deshalb auch 
schon mit korinthischen Capitälen. Vgl. Hdb. d. Klass. Alterth. v. Iwan Müller. 
Bd. VI. 647. 

2i Dr. Landerer (Beschreibung der Heilquellen Griechenlands, Nürnberg 
•1873, S. 4 0) fand das 'Wasser sehr kalt und in 16 Unzen nur 21/4 Gran fester Be- 
standtheile, und zwar 

Salzsaure Soda -1,0, 
Salzsauren Kalk 0,:^, 
Schwefelsaure Soda 1.0. 
Ferner in einer zweiten entfernten Quelle, die noch heute gegen Unterleibs- 
leiden getrunken wird, lauwarmes Wasser, in 16 Unzen 
0,8 Gran salzsaurer Soda, 
0,5 Gran salzsauren Kalk, 
Spuren von schwefelsaurem Natron, 
und Kohlensäure 1 Cubikzoll. 
Ich habe in Athen bei meinen Freunden neue Untersuchungen der Asklepios- 
Queilen angeregt. 

3) i 25 n. Chr. Tauchnitz'sche Ausg. Leipz. 1829, Band H. S. 204. 
■')) 160 n. Chr. — Ausg. v. Schubart, B. I, S. 164, letzte Zeile. 
Auch in dem Heihgthum des Heros Amynos und des Asklepios zu Athen 
gab es 'Weihgeschenke. Das stattlichste ist ein Relief mit der Darstellung eines 
Mannes, der mit beiden Armen sein kolossales rechtes Bein umklammert. Eine stark 



Geschichte der Augenlieilkunde an Alteftlium. 57 

zeiclinet die Namen von Männern imd Fravicn, die geheilt wurden von Asklcpios, 
dazu aiicli die Krankheit, an der jeder htt, und das lleilverlahren. 

Seit kurzem besitzen wir, durch Ausgrabung (1 883 — 1885), eine Samm- 
hmg von marmornen Weihetafeln mit den Wunderkuren des Asklepios zu 
Epidaurus, zuverlässige Zeugnisse, die 2200 Jahre^) alt sind; die auf Augen- 
leiden möchte ich einem ärztlichen Leserkreise unterbreiten-). 

1. Ambrosia, bisher einseitig blind, erhält das volle Gesicht von dem Gott. 

A|J.|-lpoai'a £? 'AilTjVav d-spoTriiAXo;. Ambrosia aus Athen, auf einem Auge 

aura v/.i'zic, r^AOs ttoi tov i>£(iv. Tiepiip- blind. Diese kam hilfesuchend zu dem 
TTouaa 0£ xarä to i7.pc/v tüiv laji-atojv Gott. Umherspazierend im Heihgthum, 
Tiva oiiysAa toc aTiiiiava xai aouvaia verspottete sie einige von den Heilungs- 
eovTCt, yoiXooc v.ai xucpÄou; uyisT; '(i- geschichten als unglaublich und unniög- 
vsafioti £Vü7tv!,ov üoovTa; [aovov. SY'/.a- lieh, dass Lahme und Blinde einfach 
ilsuclo'jaa os o'{>iv zioz. eooxsi oi 6 üsöc nach einem Traumgesicht gesund ge- 
siriarä; EiTTsIv, oTi UYi'^ jxivviv TTOiTjaoi, worden seien. Aber im Tempelschlaf 
ixtoüöii [jLavToi viv osYjooi avi>£[X£v zlc, sah sie ein Gesicht: es schien ihr, als 
rö lapöv UV dpYi'p£ov, u-oavajxa tf^c ob der Gott zu ihr trete und ihr sage, 
7.;j.ai}iac, siuotv-a 0£ [xaj^aipa dv3y^i'aaai dass er sie zwar gesund machen werde; 
Ol) tov ÖTrtt^Xov Tov voaouvTa xai cpdp- dass sie aber als Honorar im Tempel ein 
[xctxov ~i £YJ(£7.t. d;jiipa? 0£ Y£vo[X£vac silbernes Schwein aufstellen (weihen) 
uyiTjc £^/]X{>£. müsse, zur Erinnerung an ihre Thorbeit. 

Nach diesen *Vorten habe er ihr mit 
einem Messer das kranke Auge geritzt 
und ein Heilntittel eingeträufelt. Als 
es Tag wurde, ging sie gesund von 
dannen. 

2. Einem einäugigen Manne wird das volle (iesicht geschenkt (!) 3). 

Avvjp acpiXito TTOt TOV Oiöv r/i-a; Ein Mann kam hilfesuchend zum Gott, 

aTspo'TrriÄoc outojc, (Lars tä [BÄicpapa so ganz und gar einäugig, dass er hier 

]j.o'vov £/£iv, £V£T[X£v o' £v auToIc i-ir/div, nur die Lider besaß, aber nichts drin 

aXXa xsvsd £i[X£v oAw;. ikz'(0'j ot; war, sondern dieselben ganz leer waren. 

T'.vä? -ojv £V TO) ispto -dv EüT^Wiav Einige von denen im Heiligthum 

hervortretende Ader auf demselben wird von Hrn. v. Oefele als Thrombose dei' 
Vena saphena gedeutet, von der der Heros das Glied befreit habe. Vgl. A. Körte. 
Mitth. d. K. Deutschen arch. Instituts, Athen, -1893, XVIII und 1896, XXL 

-1; Sie stammen sicher aus dem Anfange des 3. Jahrh. v. Chr. (v. Wilamo- 

WITZ-MÖLLENDORFF ;2), S. 3.) 

2 Nach Baunack (3i. 

Sehr merkwürdig sind aucli die andren Weihetafeln, zum Beispiel des 
au Verdauungsbeschwerden leidenden Gelehrten Julius Apellas allerdings aus 
dem 2. Jahrh. n. Chr. , dem der Gott nebst verschiedenen diätetischen Vorschriften 
auch dasselbe anbefahl, was in unsren Tagen Pastor Kneu'I', nämlich barfuß 
umherzuwandeln (ävjroorj-ov TreptTra-erv) , ferner die Kurkosten zu bezahlen 
und seine Heilungsgeschichte aufzuschreiben. 

Der Dialekt der Weihe-Inschriften ist dorisch, wie schon Pausanias an- 
gemerkt hat. 

3) Es ist nicht so ganz unmöglich, dass die Priester einen brauchbaren Mann 
bestachen und ihm ein künstliches Auge einsetzten, mit dem er etwa vorher aus- 
gemachte Schriften las. Oder die ganze Geschichte ist einfach erlogen. 



58 



XXIII. Hirschberg, 



aÜTou to vou-Uciv ßXö^sToÖat oA(oc erklärten für einen frommen Wahn 
ti,r,OiUiav h~rt.^yrjM syovroc ötttiXAgo seinen Glauben, dass er wieder sehen 

■würde, während er nicht einmal eine 
Andeutung von Augapfel besaß, außer 
der Höhlung allein für einen solchen. 



ouv auTco o'l^i; sciavT^, iooy.si -qv ösov 



7a jSAicpapa sy^^sat sie auToi. dixspa; 

03 Y''^^M-^^^? |3X3-U)V da<poTv SCTjXt^c. 



Als er nun im Tempel schlief, erschien 
ihm ein Traumgesicht. Es kam ihm 
vor, als ob der Gott ein Mittel bereitete, 
dann die Lider auseinander zog und 
ihm jenes eingoss. Als es aber Tag 
wurde, ging er auf beiden Augen 
sehend von dannen. 



3. Aia/i'vac iYxsxoiaiajxevwv r^hr^ 
tÄv ixsTÖtv £-t ösvopiov Tt aiißac 
ü-spexuTTTc £ic TO ocßaTov. xa-aTueTojv 
oOv ä-ö Tou oivopsos Trspi axo'Äo-a; ii- 
vac TOUC OTTTtAÄGUC äficpSTTaias. xcxxüic 
0£ oiaxsi'asvo; xai TucpAo; YSYövr^ixsvo; 
xa9tx£Tcuaa? tov Oeov svsxaösuos xai 



Aeschinas bestieg einen Baum , als 
die Hilfesuchenden schon im Tempel 
schliefen, und guckte hinüber in das 
Allerheiligste. Dabei fiel ei*- herunter 
von dem Baum und verletzte seine 
Augen an einigen Pfählen. In dieser 
schlimmen Lage und blind geworden, 
flehte er zu dem Gott, schlief im Tempel, 
und wurde geheilt. 



4. iVXxera? '^Xr/d?. outoc -ucpXoc 
£«)v svukViov siSc. sSoxsi 6 ösoc 
-oTcXöojv ToT? oaxTuXoi? Siaysiv ra 
0jX[xaTa, xai iSöTv ta 0£v8pr| 7:pä-ov 
£v TU) lapA. aaspac oe Y-vo[j.£va; 



'i"/^ 



£;-?^>f)£. 



Alketas aus Halieis. Dieser war 
blind und sah ein Traumgesicht. 

Es scliien ihm, als ob der Gott zu 
ihm käme und ihm die Augen mit den 
Fingern eröffne, und er zuerst die 
Bäume in dem Heiligthum sähe. Als 
es Tag geworden, ging er geheilt von 
dannen. 



3. Epatov öaaioc. toutov tucjXov 
£OVTa laaaTO, ^zza 0£ touto Ta ta-pa 
o'jx aTrayovTa to) i£p(I) k~6rpz vy^Xo'i 
audic. ä'i[,xo[x£Vov o'auTov xai T:aXiv 
£Yxa{>£uoovTa uyi?^ xaT£OTaa£. 



Hermon aus Thasos. Diesen heilte 
der Gott von seiner Blindheit, und als 
er das Honorar nicht an das Heilig- 
thum zahlte, machte er ihn wieder 
blind. Als er aber kam und wieder 
im Tempel schlief, machte er ihn ge- 
sund 2). 



6. 'A . . . öcpöaXjxouc. OUTO; £V TlVl 
ji.a)^a ut:o öo'paTo; Tr^ayEtc aixcpoTipmv 
T(üv 6'^»>aX[j.(uv TucpXo? £Y£V£To xai 
täv XoYXCtv £vtauTov £V to) 7:poau)-u) 

7:£pi£cp£p£. £YXai)cUOa)V 0£ O'I/IV £i0£. 



A. wurde an den Augen geheilt. 
Dieser war in einer Schlacht vom Speer 
getroffen und auf beiden Augen blind 
geworden und trug die Lanzenspitze 
ein Jahr lang im Gesicht mit sich 



1) ytupa 6'^9a/,aoj, Augenhöhle. Vgl. Galen, VI, 642; Oeib. III, 488. 

2) Diese Anekdote ist in verschiedener Fassung bis auf unsre Tage ge- 
kommen. Es ist sehr erfreulich, dass nicht ein Augenarzt, sondern Asklepios es 
gewesen, der den schlechten Zahler wieder blind gemacht. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 59 

ioov.ti Ol TC/v ^cov s^£Äxu:;avT7. to herum. Aber im Temiielschlaf sah er 
[iiko;, eh Ta ßXi'^arjar'X^v.aXo'j\iivac^) ein Traumgesicht. Es schien ihm, dass 
. . . . -aXtv 5V7.oijLO^ai ■ aijispa; os ye- der Gott ihm das Geschoss herausziehe 
'm^xivac, uyi/jc s^r^XUs. und in die Lider die sogenannten Sehen 

■wieder einfügte. Als es aber Tag wurde, 

ging er geheilt von dannen. 

7. ©uooiV 'Epixiovcü? TraT; aior\c,. Der blinde Knabe Thyson aus Her- 

ouTOC Güap uTco xuvo? TÜiv yxiia ~o inione. Dieser wurde im Traum von 

lapov {^Epa'äSuojJLSvo? tou? otctiaXou; einem der im Heiligthum befmdHchen 

uyiTj? (XTrfiXUs. Hunde an den Augen geleckt und ging 

gesund nach Hause. 
Es lässt sich nicht leugnen, dass diese Inscliriften interessanter für die 
Kulturgeschichte sind, als für die Augenheilkunde. 

Wenn man auch in den Tempeln gelegentlich einen vernünftigen Rath gab, 
oder eine richtige Operation ausführte; so bestand doch die Hauptthätigkeit der 
Priester in einem ebenso geschickten wie kühnen Charlatanismus^]. 

»Das dritte Jahrhundert v. Chr. heilt nur durch Träume und ^\'under, 
Schlangen und Hunde. Asklepios erscheint nicht anders als Amphiaraos. Wenn 
die griechische Medizin sich aus den Asklepieen entwickelt hat, so ist das in 
Cos und Cnidos geschehen, und die thessalischen und epidaurischen Ansiedler 

haben dorthin zwar den Asklepios, aber nicht die Medizin mitgenommen 

Da schwindet der Gott. An die Stelle des Priesters tritt der Arzt, an die Stelle 
der Offenbarung die Wissenschaft, an die Stelle des Asklepios der Asklepiade 

HiPPOKRATES.« 

An diese Worte von Wilamowitz-Möllendorff (2) möchte ich anknüpfen, 
um wieder den bestimmenden Eintluss »der Weisheit des Ostens« für die 
griechische Heilkunde festzustellen. 

Aber nicht alles war Schwindel in Epidaurus. Das ist auch die 
Ansicht von Herrlich {\ O], der an die schöne Inschrift vom Eingang des Hiereion 
erinnert, die uns allerdings nur bei Porphyr, (de abst., U, 19) und bei Clemens 
Alex, (ström. 5, l) erhalten ist: 

\\'(^ow j(py] vr^oTo öuwoso; iv-oc, lovra 
£jj,[Xcvai' aYVEi'-/) o satl cppovsTv oaia. 
Rein sei jeder, der tritt in den weihrauchduftenden Tempel: 
Rein aber heißt, wer im Sinn heil'ge Gedanken nur hegt. 

HiPPOKRATES scheint jedenfalls seine wunderbare Schrift über Prognostik 
nicht blos auf eigne Erfahrung, sondern auch auf die »kölschen Prognosen« 
begründet zu haben, die aus den Tempel-Inschriften 3) des Asklepieion zu Cos 
erwachsen sein sollen. (Vgl. § 67.) 

Ich kann aber die Traum-Orakel der Asklepieen niclit verlassen, ohne der 
witzigen Darstellung des Lustspieldichters Aristophanes zu gedenken, da wir 
hier die älteste Beschreibung von ärztlicher Behandlung der Augen- 
krankheiten vorfinden, die uns in griechischer Sprache überliefert ist und die 
dem atheniensischen Wissen der Zeit des Hippokrates entsprechen mag. 



1) Ich ergänze rj'hz<.', oder y.opa;. 

2) LiETARD, S. äi. 

3) Strabo, I. XIV, S. 971. tPasl o' 'l7:T:fj-/.patr|V aaXiora iv. twv ävay.£tuivcov Hsoc;- 
ziwrt iv-a'j'i^a Y'jij.vaaaa&at -epl -fj; otatTV]:. Plin. XXIX, c. 2, § 4: (Hipp.), cum fuisset 
mos liberatos morbis scribere in templo ejus dei, quid auxiliatum esset, ut postea 
similitudo proficeret, exscripsisse ea traditur .... 



60 



XXIII. Hirschberg, 



Das ]. listspiel »IMiitns oder dor KcielillniiiK von Ahistopiianes ist zuerst 
408 V. Chr., dann in der zweiten Bearheitunp, die uns wohl vorliegt, im Jahre 
:-5 88 V. Chr. aui'geluhrt. Der blinde Colt Heichtiiuni lallt einem guten Alten in 
lue Hände, der ihn durch seinen Knecht Karion in den Tempel des Asklepios 
bringen und dort in der üblichen Weise von der Blindheit kuriren lässt. Ich 
wüU nur die beiden ilauplstellen der Augenbehandlung anführen ^j. 



Vers. : I 6 IV. 

ripuiTOV 03 TiaVTWV TU) NsOxXsiOlj 

cpapficxov 
■/aTairÄcxatov £vs)^£ipr|0£ Tpißätv, 

£]j.|3aA(bv 
a/opdoujv y.iCpaXa; "p£Tc TtjVi'cjdv ettsit 

£cpXa 
£v ff( üuci'a aüfjLTrap7.}i.iYvuti)v ottov 
y.ai a/TvoV eix o;£i öisjjlsvo; JS'<pr|TTup 
xaTiTrÄaasv autou za /iXicpapa 
IV a 
ucAXov. 



£xc3Tp£'J;ac2jj 



OOOVtpTO 

Vers. 72 6 IT. 

METOtTOÜTO TM WXooToi'^niaLpzv.aMC.zTo, 
y.al TrpojTOL [isv oyj Tr^cxscpaXy^c ecpYj^'aTO, 
£-£i~a xaüapov rijutußiov Äaßtov 
Ta ßA£cpapa7r£pi£'j;-/iO£V tj Oavocxsia os 
xaTiTciraa aurou rr^v xsoaXrjV cpoivixioi, 

X7.1 Tiav t6 TipdotÜ-OV £tl>' 6 &£0? 

£K07nrua£V. 
'E;irjEa~T(V ouv ouo opaxovr ix tou VcO) 
u-epcpUiTc -ö [jL£Y£i>or. 
TouTü) o'uTro Tvjv cpoivtxi'o' uroouvU' 

T7. ßXicpapa TrEpliÄc'./ov, toc y £[jio'j- 

odx£i • 
xai TTpiv a£ xoTtiXac ex-ieTv ol'vou oixa 

6 nXoUTOC, W OEOTCOIV, dv£lOTY;X£t 



(Der Naelits im Tempel erscheinende 
Asklepios), zuerst von allen dem (triel- 
äugigen Schutt) N. ein Salbenmittel ein- 
zureiben hub er an, in das er hinein- 
that .3 Köpfe von Tenischem Knoblauch ') ; 
darauf zerrieb er in dem Mörser (scharfen 
Silphium-) Saft und Meei'zwiebel ; dann 
löste er dies in spheltischem Essig und 
strich es ihm auf die Lider, die er 
umgedreht, (innen) ein, damit er tüchtig 
Schmerz empfände. 



Darauf setzte er sich neben dem 
Reichthum nieder, und betastete ihm 
erst den Kopf ringsum, dann nahm er 
ein reines Linnentüchlein und wischte 
ihm ringsum die Lider ab. (Seine 
Tochter) Allheilerin aber verhüllte ihm 
das Haupt mit einem rothen Tuch und 
das ganze Gesicht. Darauf pfiff der 
Gott. 

Hervorsprangen aus dem Tempel 
zwei Schlangen von mächtiger Größe. 

Diese schlüpften unter das rothe 
Tuch, und in aller Ruhe beleckten sie 
die Lider des Kranken, wie ich wenig- 
stens glaube ; und bevor du zehn Becher- 
lein Weines austrinken kannst, erhob 
sich, Herrin, der Reichthum und 
konnte sehen. 



Z\isatz. Zwei griechische Weihe-Inschriften von dem Asklepieion dej- 
Tiber-Insel zu Rom, 1. über Heilung eines Runden durch Anbetung am Altar, 
zur Zeit des Kaisers Antoninis, 2. eines andren Blinden durch eine Salbe aus 
liahnblut und Honig, am AUar zu gebrauchen, hat nach Huisdertmark (Lips. 1749) 
K. Sprengel (L S. 209) veröflentHcht. 



1) Ich benutze die Ausgabe von Blaydes mit krit. Anmerk., Halle 1886. 

2) Bergk (Aristoph. Comoed. Lips. ISSG, II. p. XXV; vermuthet sy.Tpi'ia; füi 
iv.-xr)i<brj.^. Doch muss der Arzt diese Vermuthung abweisen. 

3i Knoblauch und Zwiebeln waren örtliche Augenheilmittel bei den griechi- 
schen Aerzten. Vgl. Dioscor., mal. med. II. c. 180 und 181. 



Geschichte der Augenheilkunde im AlLertlium. tJl 

Literatur. 

A. Alte Quelle: 1. Paus anlas (der Reisebeschreiber, IGO — 180 n. Chr., Beschr. 

V. Griechenland. Buch II, c. 26. Ausg. von J. H. C. Schubart, Leipzig, 1S81 
bis 1883. 

B. Neue Quellen: 2. v. Wilam o witz-Möllendorf f , Isyll von Kpidauros. 

Berlin 1886. 
8. Inschriften aus dem Asklepieion von Epidauros, von Johannes und Theodor 
Baunack. Leipzig 1886. Studien z. griech. u. d. ar. Sprachen.) 

4. Kavvadias, Fouilles d'Epidaure I, Athenes 1893. 

5. Defras u. Lechat, Epidaure, Paris 1895. Vgl. ferner F. G. Welcker, III.Band 

d. Klein. Sehr. Bonn iS.jO Incubation, Arist. d. Rhetor.). 

7. R. v. Rittershain , d. med. Wunderglaube u. die Incubation im Alterthum, 1878. 

8. Handbuch der klassischen Alterthumswissensch. von I. v. Müller, V, 3, S. 54 

(Dr. Stengel), 1890. 

9. H. Diels, Antike Heilwunder, Nord und Süd, Band 44, Hefti, 1888. 

10. Epidaurus von L. Herrlich, Berlin lh98 (R. Gärtner). 

11. Curtois-Suffit, les temples d'Esculape, Arch. gener. de med. Nov. 1891. 

1 2. The temples and rituals of the temples of Asclepios at Epidaurus and Athens. 

By Richard Caton, M. D., British med. J. 1898, N. 1954 u. 1955. 

§ 31. Die Entwicklung der Kenntnisse in der Heilkunde bei den allen 
Griechen bis zum Zeitalter des Hippokrates, die wir oben in § 29 summarisch 
für unsre Zwecke angedeutet, ist von fast allen im § 2 genannten Schrift- 
stellern, ganz besonders genau von Daremberg, behandelt worden, mit Be- 
nutzung der gesammten nichtärztlichen JJteratur. 

Die der Augenheilkunde hat Kostomoires in einem besondren Buche') 
beschrieben: irspt ocpDcXjjLoXoYiac v-ai (JbroÄoYiac täv ap^ai'ojv EXÄr,vojv ä-ö 
rjuv ap/aio-7.T(üv yjj6wiü'^ ixiypic iTr-o/paTouc. 'Ev \i)r,vai;, 1887. (245 S.J 

So interessant das Buch für den Alterthumsforscher und Sprachgelehrten, 
da alles auf Augenheilkunde bezügliche aus den Werken der altgriechischen 
Dichter, Philosophen, Geschichtschreiber mit Fleiß gesammelt ist, — für 
uns giebt es keine Ausbeute, weil aus der Zeit vor IIippokrates eben keine 
ärztliche Schrift auf unsre Tage gekommen. 

§ 32. HipPOKRATEs wurde etwa 460 v. Chr. auf der Insel Cos, nahe 
der Küste von Kleinasien, geboren und lebte 80 Jahre. Er war nicht Priester, 
sondern Arzt, edel und einfach, geistreich und menschenfreundlich, durch- 
drungen von der Würde seiner Kunst, ein vorzüglicher Beobachter und 
geschickter Wundarzt, Begründer der Schule von Cos, der Vater der wissen- 
schaftlichen Heilkunde, die er sowohl von den Tempeln wie von den Träume- 
reien der Philosophen loslöste und auf Erfahrung begründete. 



1) Das sogar, wegen der nichtgriechisohen Leser, in allgriechischer 
Sprache, ganz lesbar, geschrieben ist. 

Uebrigens war der 2. Band, von Hippokrates bis auf unsre Tage, 1889 fertig 
zum Erscheinen, ist aber meines Wissens bis heute noch nicht herausgekommen. 
Vgl. Bull, et Mem. de la Soc. fran^. d'Ophth. 1889.) 



62 XXIII. Hirschberg, 

Nicht nur die dogmatische Schule des Galen, der wir die meisten 
unsrer heutigen Begrifle in der Heilkunde verdanken, beruht auf Hippokrates ; 
sondern auch die Wiederbelebung der Heilkunde im Beginn der Neuzeit 
hat hauptsächlich mit seiner Hilfe die Fesseln der mittelalteriichen Scholastik 
zerbrochen. 

Die 53 Schriften, welche als Werke des großen Hippokrates schon 
in der alexandrinischen Schule bekannt gewesen und auf unsre Tage ge- 
kommen, in dem ionischen Dialekte Kleinasiens, den wir aus der Schule, 
vom Herodot, genügend kennen, sind von verschiedenem Werth und 
werden in Klassen eingetheilt. 

In der ersten befinden sich die für echt gehaltenen Schriften 
des Hippokrates: über die alte Heilkunde; die Vorhersage (Prognostik)'}; 
die Sprüche (Aphorismen, außer der 8. Abt.) ; die Volkskr. (I. und HI. Buch) ; 
von der Lebensweise in den akuten Krankheiten; von der Luft, dem 
Wasser und den Orten (mediz. Topographie); von den Gelenken, den Knochen- 
brüchen, den Einrenkungen; der Eid, das Gesetz, die AVerkstatt des Arztes. 

Die zweite Klasse umfasst die Schriften seiner unmittelbaren Schüler 
und Nachfolger; die dritte die Schriften der knidischen Schule; die vierte 
endlich 1 5 kleinere Abhandlungen, die zum Theil von den Alten noch nicht 
erwähnt und zur Zeit der Gründung der großen Büchereien (in Alexandria 
und in Pergamon) von den Buchhändlern unter- und eingeschoben worden sind. 

Die neuere Kritik, von Ermerixs^) und Reinhold (4), will sogar nur 
vier echte Schriften des Hippokrates gelten lassen: 

Von den Volkskr., L und III. Buch; vom Wasser, der Luft, den 
Gegenden; von den Kopfverletzungen. 

Der heutige Arzt, welcher an das Studium der hippokratischen Samm- 
lung sich heranmacht, findet darin vor allem hohe Weisheit 3), auch 
thatsächliche Kenntnisse, sowohl von den inneren als auch von den äußeren 
Krankheiten, — aber verhältnismäßig doch nur wenig von Augenleiden, 

Wollten wir uns gar auf die echten Schriften beschränken, so 
würde der Abschnitt über die Augenheilkunde nur weniae Sätze umfassen. 



1) Außerdem giebt es noch zwei unechte Schriften ähnlicher Tendenz in der 
hippokratischen Sammlung : 

i. Die Koischen Vorhersagen. 

2. Die Ankündigungen, Prorrheticon B. I u. II. 

2) Dessen Hippokr. -Ausgabe wegen der willkürlichen Aenderungen nicht 
empfehlenswerth scheint. 

3) Der von echter Menschenhebe durchdrungene Eid des Hippokrates galt 
auch im Alterthum für heilig. Vgl. Scribon. Larg. composit. Ed. Helmreich, S. 2, 
Z. 26. — Uebrigens findet sich in dem Ayur-veda des Su(pRUTA eine ganz ähnliche 
Stelle von den Pflichten des Arztes. 

Die Weisheitssprüche des Hippokrates. die noch heute Geltung haben, hier 
anzuführen, verbietet der Raum; auf einzelne wollen wir noch zurückkommen. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. (53 

Die llippokratiker besaßen nur geringe Kenntnisse von 
Augenleiden, Aber unsre Anschauungen von ihren Kenntnissen 
sind nur bruchstückartig, da wir dieselben aus gelegentlichen Bemer- 
kungen zusammensetzen müssen. Wir besitzen von den Hippokratikern 
nicht, wie von den Indern, eine zusammenhängende Darstellung der Augen- 
leiden. 

In der hippokrat. Schrift von den Leiden (-öpl ■üailüiv), die nach 
Galex's Vermuthung Polybus, den Schwiegersohn des großen Hippokrates, 
zum Verfasser hatte, wird ein besondres Werk über Augenheilkunde ver- 
sprochen. Tau-a OS loi'toc Y£Ypc/.'l;£T7.i '), dieser Gegenstand soll besonders 
abgehandelt werden. 

Von den Alexandrinern wird dieses Werk nicht erwähnt. Jeden- 
falls ist es nicht auf unsre Tage gekommen. 

Die Zahl der Ausgaben des Hippokrates ist außerordentlich groß. 

Die besten Gesammtausgaben der hippokratischen Sammlung sind: 

1. Die von Foesius, Genf 1657, 2 Bände in 4*^, mit lateinischer 
Uebersetzung und einem werthvollen Wörterbuch, Oeconom. Hippocr. 

2. Die von Littre, in 10 Bänden, Paris 1839 — 1861, mit französ. Ueber- 
setzung und werthvollen Erläuterungen. (1 wie 2, jede eine Lebensarbeit.) 

3. Die von Kühn, in 3 Bänden, Leipzig 1825 — 1827, mit lateinischer 
Uebersetzung. 

4. Einen ausgezeichneten Text liefert die Theilausgabe von C. H. Rein- 
hold (einem deutschen Arzte, der in Griechenland lebte), in 2 Bänden, 
Athen 1865—18662). 

5. Endlich ist Aussicht vorhanden, dass die in den letzten 50 Jahren 
so mächtig entwickelte Sprachforschung auch dem Hippokrates zu Gute 
kommen werde. Schon ist der erste Theil erschienen von Hippocratis 
opera quae feruntur omnia, ed. Iberg und Kühlwein (Leipzig, Teubner). 
Diese noch dazu sehr wohlfeile Ausgabe wird durch Richtigkeit des 
Textes alle früheren übertreffen. 

6. Von deutschen Ueb er Setzungen giebt es zwei ältere, von Upmann 
und von Grimm, die allerdings ganz veraltet sind; und eine neue von 
Dr. R. Fuchs, von der (1896 — 1897, zu München) H Bände, 526 u. 604 
Seiten, bereits erschienen sind. Diese Uebersetzung kann den des Griechischen 
unkundigen Aerzten empfohlen werden. Mir waren, für meine Zwecke, die 
bisherigen Uebersetzungen theils nicht genau, theils nicht kennzeichnend 
genug. Die im Folgenden angeführten griechischen Textstellen sind von 
mir neu übersetzt worden. 



\) HiPPOKR. Ausg. V. Küiix, II, 384, 

2) R. Fuchs ^6; konnte sie nicht erhalten; er hätte sie von mir bekommen 
können. 



64 XXIII. Hirschberg, 

Die Zahl der Erläuterungsschriflen zu Hippokrates ist Legion. 

Einzelne, die wir brauchen werden, sollen an passendem Orte nam- 
haft gemacht werden. 

Zu den Quellen der Augenheilkunde des Hippokrates gehört, außer 
den Schriften der hippokratischen Sammlung selber : 1 . Andreae, die Augen- 
heilkunde des HipPOKR., Magdeburg 1843, ein vorzügliches Werk, das auf 
gründlichem Studium des Hippokrates und gediegner Kenntniss der Augen- 
heilkunde beruht. 2. Von geringem Werth, trotzdem es viele zusammen- 
getragene Einzelheiten enthält, ist Syntagma de ophthalmologia veterum. 
Specimen medico-philologicum, Auetore F. S. Wallroth, Halae 1818. 

§ 33. Anatomie und Physiologie des Sehorgans bei den 
Hippokratikern. Die Hippokratiker verrathen nur oberflächliche 
Kenntnisse vom Bau des Auges, so wie man sie durch bloße Betrachtung 
des lebenden gewinnt; doch wird die Zergliederung von Thier-Augen 
wenigstens erwähnt^). 

Das Auge mit seinen Umgebungen heißt in den hippokratischen Schriften 
meist bobaXiioc: dagegen bedeutet ojxjxa meist nur den Augapfel; o'^t; heißt 
Sehe, Sehloch, Pupille, auch Iris, gelegentlich Sehkraft, zuweilen auch 
Augapfel 2). Für Pupille kommt auch der Ausdruck xo'pr^ vor, wörtlich 
Mägdlein, Mädchen. 

Der Name ^lägdlein kann nur daher rühren, dass, wer einem andern 
grade in's Auge schaut, inmitten der angeschauten Pupille den Umriss 
seines eignen, verkleinerten, (an der fremden Hornhaut) gespiegelten Bildchens 
erblickt^). 



1) Vom Fleisch, Ausg. v. Kühn I, 439. 

2) Wurzel rj-, sehen; davon 'j'|j.[j.a, Blick, Auge, — wb, ö'-Ltc, Gesicht. — öz.- 
i)aX;Ao;, Auge. — San.skr. äk-shi, Auge, — Lat. oc-ulus, — Goth. aug-ö. (Curtius, 
Griech. Etym. 1879, S. 46:j.) 

Für den Begriff des Sehens giebt es im Indogermanischen sechs Zeitwörter: 
1. Indogerm. skav, althochdeutsch scawön, schauen, v.oim, merke, Duo-a-z-öo; Opfer- 
schauer, lat. cavere. Das verweilende Auge ist die Grundvorstellung. 2. Indo- 
germ. spak, ahd. spehom, spähen, sanskrit spa^as, gr. a-zoro;, Späher, ay.i~xrjij.ai 
spähe, lat. specula, conspicio. 3. Indogerm. ak, skr. akshi, Auge, griech. oaoe = 
07.U, goth. augö. Durch Labialismus ward ö/. zu öti in ö'in;, o'Lo[j.7.t. 4. fih, {oeiv, 
sehen, finden, oioa weiß, videre, sanskr. veda, Wissen. 3. dark, wovon osoopy.a 
sanskr. dedar^a), bedeutet ursprünglich den leuchtenden Blick, daher opot7.ojv. 
6. öoäoj bedeutet das hütende sorgliche Sehen, oijpos, der Wächter; vereor, 
Wart. — Außerdem giebt es noch im Griechischen: 7. [^Xsttoj, sehen, im Gegen- 
satz von blind sein. So fand ich es noch in der heutigen Volkssprache. 
— Ai7,T/i-£tv £1; uoojp, die Lider öffnen im Wasser, Orib. V., 716. Fehlt in 
den Wörterbüchern!) 8. i^sdoixai, schaue, staune. 9. /.euaGto sehe, verwandt mit der 
Wurzel /.'jy-, Licht. (Gurt., Griech. Etym. S. 100.) 

3) Die richtige Erkenntniss der Ursache dieser Namengebung ist ziemlich alt. 
Plato, Alcib. I p. 133 A. (Ausg. von C. F.Hermann, Leipzig, 1896, B. II, S. 320. 

'Ewevor^xa; o'jv oti ro^ ep-fiXs-ovro; £1? "Civ 'j'.^%o.}.ii.rr/ t6 rpöawzov ^fjicpocivETat ev 
TTJ TOJ v.aTavTiy.p'j vlin öjo-Ep dv -/.axorTow, o otj v.al xopr^v v.aÄoüp.ev, £iO(m).ov ov xt xov 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 65 

Regenbogenhaut und Sehloch zusammen heißt bei den (meist dunkel- 
äugigen) Griechen das Schwarze im Auge, rö ixiAav -ou 6's>\)al\xou. Die 
Grenze zwischen dem Schwarzen und dem Weißen im Auge wird in der 
unechten Schrift von der Sehkraft i), der Kranz (Saum), o-ö'^avr^, genannt. 

Drei Häute 2), heißt es im Buch von clen Orten, schützen das Auge. 



^;j.|j>irov:oc; »Hast du bemerkt, dass, wenn Jemand in das Auge [eines andrenj 
blickt, in der Sehe des ihm gegenüber befindlichen, wie in einem Spiegel, sein 
Antlitz sich abbildet, das wir auch das Kindchen nennen und das ein Bild darstellt 
des Hineinschauenden? Plin. n. h. XI, 37: tarn parva pupilla totam imaginem reddat 
hominis. Die Alten hielten die Linsen-Vorderfläche für den Spiegel. iGalen HI, 787; 
vgl. §-10-2 u. Gal. [fj de ocul. IV, 538). Bei Rufus (S. 234) findet sich der Name -/.op-f] 
0£ ■A'-A YX-rjv-ri, Mädchen oder Püppchen; bei Aretaeus (m. ehr. I. c. 7) -oipilevo:, 
Jungfrau. Lateinisch heißt das Mädchen, Püppchen pupa, pupula, pupilla. Der 
letztere Ausdruck steht für Sehloch Lucrez 4, 247, Plin. II, 37 u. 7, 2, 16, Cic. d. 
nat. 2, 37, 142, woselbst aber die neueren Ausgaben pupula haben. Dieser latei- 
nische Ausdruck ist in die heutigen Sprachen übergegangen, in's Italienische, 
Spanische, Englische, auch in's Deutsche; nur das Französische hat la prunelle 
(die schwarze Schlehdornfrucht). 

Es ist von Interesse, die Namen des Sehlochs bei den Völkern andrer Kul- 
turen zu vergleichen: 

1. Die Inder fSuoRUTA) sagen dawakritam chidram, das natürliche Loch 
(G. Opfert!. 2. Die Hebräer nennen es aj ischon, das Männchen; b) bath ajin, 
Tochter des Auges, [a) .i. Mos. S2, 10; Spr. Sal. 7, 2. b) Klagelied. 2, 18; Zach. 2, 12.] 

Auch die Araber sagen der Mann im Auge. Ebenso heißt es im Kop- 
tischen. Persisch heißt die Pupille sowohl der Mann im Auge, wie auch das 
Kind. :Dr. Perles, C. B1. f. A. 1891, S. 138. —Vgl. ebendas. S. 222, Kotelmann, der 
aus Plut. Mor. p. 3^S anführt: -vt äv^iayjvxov £•; toT; uau-a'^vi o'Jz. e/^iv v.opa;, äXXd 
Topva; , der Schamlose habe in seinen Äugen nicht Mädchen , sondern Dirnen. 
DiETz (I, i:j8) führt aus verschiedenen romanischen Sprachen Beispiele an, wo 
dasselbe Wort z. B. span. nina) Mädchen und Pupille bedeutet. 

Herr Professor Th. Noeldeke in Straßburg hat Hrn. Professor Laqüeur auf 
dessen Bitte, ihm anzugeben, welche Bezeichnungen die orientalischen Völker 
für die Pupille des Auges haben, die folgende Notiz mitgetheilt: »Es findet sich 
I. Im Hebräischen: 

Ischön enö, Männchen seines Auges (Deut. 32, 10). 

Ischön enecha, Männchen deiner Augen (Prov. 7, 2). 

Bath aijin, Tochter des Auges (Klagelieder 2, 18) und 

Ischön bath enecha, das Männlein, die Tochter deines Auges (Psalm 17, 8\ 
II. Im Arabischen: 

Insän al 'ain, der Mensch des Auges. 

Ssabi, der Junge. 

III. Im P ersischen: 

Merdumek, merdume, Menschlein. 
Merdumi tscheschm, Mensch des Auges. 

IV. Im Aethiopischen: 

Bent 'ain, Tochter des Auges. 

Noch bei verschiedenen anderen orientalischen Völkern scheint der Ausdruck 
für Pupille »Kleines Kind, Baby des Auges« zu bedeuten. 

Ein syrischer Dichter aus dem A.Jahrhundert n. Chr. sagt: Zwei Thüren hat 
Gott der Pupille des Auges gegeben, innerhalb deren ein züchtiges Mädchen 
verborgen liegt, wie eine Geliebte in ihrem Gemach.« 

1) HiPPOKR. Kühn III, 44; Fot's I, 688; Ltttre IX, 136. 

2) Von den Orten, Littre VI, 280. (Die Schrift gehört nicht zu den echten.) 

Handbncli der Augenheillvunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 3 



66 XXlIl. Hirschberg, 

Die oberste ist dicker, die mittlere dünner, die dritte aber, welche die 
Feuchtigkeit schützt, ist ganz dünn. Schädigung der harten Haut ist eine 
Krankheit; der mittleren eine Gefahr, und wenn sie (nach außen) auf- 
bricht, ragt sie hervor, wie eine Blase'); ganz und gar gefährlich ist 
Schädigung der dritten zarten Haut, welche die Feuchtigkeit umgiebt. 
Vom Hirn gehen feine »Aederchen« zum Auge. Diese ernähren die Seh- 
kraft durch die reinste Feuchtigkeit, vom Hii^n her, in der es sich auch 
spiegelt im Auge. Wenn diese Aederchen vertrocknen, erlischt das Gesicht. 

Das ist eine dunkle Ahnung vom Sehnerven. 

Etwas genauer ist das Buch von Fleisch'-). 

'üp-^ OS ot.7. 70UT0 ■ d.~h Toij sy/s- »Es 3) sieht aber-*) (das Gehirn 

<paXou Tri? [jirjvrfj'o; cpXs'i; -/ailTjxsi oder der Mensch) auf die Iblgende 

e; Tov 6(pi}ctAaov oia tou öorsou äx7.- Weise: von des Hirnes Haut gelangt 

Tspov. 017. TauTViv T7.Iv cpXsjSoTv 7.-0 eine »»Ader««^) durch den Knochen 

Tou E-j'y.scpaXoi) oiTjDsI-at t6 XeTCT0T7.- in jedes der beiden Augen. Durch diese 

TOV TOU xoAXo)OS3TaTou ■ X7.1 017. TouTo beiden Adern hindurch wird vom Ge- 

auTo TTspt 7.ut6 0£p}j.7. 'üoisst ToiouTov, liirn her das dünnste seiner ganz 

oidvTrsp 7.UT0 koii TO oi7cp7.v£; TOU leimigen Masse durchgeseit; und somit 

dcpUaXijLOU, TO •Ttpo? TOU TjSpo;, TTpoc Schafft dasselbe (das durchgeseite 

7rpoaßaÄAciT7.7:v3u;i.7.Ta, x7.TaTov 7.UT0V dünnste) selber um sich herum eine 

Ao'-'ov, tüCTrsp TTspi TOU cxAÄou ospjxaTo; Haut von solcher Beschaffenheit, wie 

z\z\rj.. üoXAa os TaÜT eoti tol osp- die durchsichtige Masse des Auges 

fiÄTa Ttpö TOU opsovToc oia(p7V£7, selber ist, — nämlich den nach der 

oxoldv Ksp auTo saTiv toutw ydip tu) Luft zu liegenden Theil"), gegen welchen 



MrpnYYE; Ss TpsT? etatv aX to'j; ö'i&aX;j.O'j? '-iuXaaooucai, -fj \j.b) i~dvoi zayjxepT], Tj 0£ otä 

[J.£30'J XeZTO-lp'f], Y] §£ TpiTY] XsTTT'?] 'f] TO UYpöv CJuXotOGO'JSa ' TOUTCUV '/] [J.£V ^TTaVU) V.ai 

TrayjjTEpY], voüooj, tqv v.(ucca)i}£rfj * 'f) oid [j.sso'j £7:r/.i^O'jvo; gcjit], v.ai oxotv fx/'f^, e^byet 
oiov v.'jOTi; ■ 'fj 0£ TpiTT] 'fj XeTTTOTaT'f] TT äp.7:av £7ri7,wo'Jvo;, rj tö b'ipb^i cp'jXdaao'jaa. 
-1) Vorfall der Regenbogenhaut. 

2) Hipp. K;ühn I, 438; Foüs I, 233; LiTTRE VIH, fi04, §17. 

Da diese Schrift Blut- und Schlag-Adern von einander unterscheidet, was zu- 
erst Praxagoras, ein unmittelbarer Nachfolger des Hippokrates, gethan; so kann 
sie nicht vor des ersteren Zeit geschrieben sein. 

Das ganz wHlkürliche der Darstellung lasse ich aus und gebe nur die 
Hauptsätze. 

3) Die bisherigen Uebersetzungen dieser Stelle, alle ohne Ausnahme, ergeben 
keinen Sinn; und doch ist ein ganz guter vorhanden, wenn man eben auf die 
Gedanken des Verfassers eingeht und jedes Wort, ja jedes Zeichen berück- 
sichtigt. 

4) Zu öp/j ist zu ergänzen b £Y/.£cfc(Xo:. Denn der vorhergehende Paragraph 
(16) fängt an '03Cf.po((v£T7.t o' 6 dy/i'^aXo:, es riecht das Gehirn. 

Es ist kindisch, die Ansicht immer weiter abzuschreiben, dass das Hirn den 
Hippokratikern nur eine Drüse war. Nach § 13 bddet das Hirn die Resonanz 
des Gehörorgans. — Wer nicht »das Hirn« will, mag nach § -13 und 17 »der Mensch« 
ergänzen. 

5) Das ist unser Sehnerv. 

6) Das ist unsre Hornhaut. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alter thum. 



67 



Siacpavsi avrauycct. xo cpto? "/ai ~a 
XaiJL-pa Travta' -oureto ouv bp-q xö) 
avrauYSovTi. oti 03 p-Y] Xa|j.T:pdv esTi 



xpsa; sativ. 



H. 03 xopTj xaXo'Jfiivr^ TOU dcpöaX- 
fiou fi-sAav cpai'v£~at oia touto, oxt ev 
ßaOst £3X1 y.al -^txäive? irspi auxd 
£iai [j.£?vav£; • j^ixüiva 0£ xaX£0[X£v xo 
£V£ov (uaTTip SipjjLOt* £3X1 0£ o'j uiXotv 
o<ii£i, aXXä Xc'jy.öv oic.cpav£c. xo 0£ 
UYpov xoXX(üO£;" TtoAXazi? -'^P o~"J- 

•!Ta[J.£V ETtt auppaY£vxo? O^lictAUO-J 

i^iöv uypov xoXXäo£c. xr^v [i.£V */j £xl 
ÖEpfxov, uypov laxiv £-£'.6av 0£ tiiu}(ö-^, 
£Y£V£xo ^r,pov u)37t£p Xißav(uxo? oia- 

CCaVTiC, X7.1 XCOV dvÖptUTIOiV X7.1 xöiv 



'l^> 



{^r^picD 



V OM-OlOV £3X1. 



die Windstöße anprallen: (und zwar) 
auf die nämliche Weise, wie ich es 
von der andren Haut (-Bildung oben) 
auseinandergesetzt habe '). Vielfach'^) 
sind die Häute vor dem sehenden 
Theil, durchsichtig wie er selber. In 
diesem durchsichtigen strahlt zurück 
das Licht und alles glänzende ; durch 
dieses zurückstrahlende sieht man. 
Was aber nicht glänzend ist und nicht 
zurückstrahlt, dadurch sieht man nicht. 
Der andre Teil der Umhüllungshaut 
des Auges, weiß von Farbe, ist nur 
Fleisch-^)«. 

Die sogenannte Pupille des Auges 
sieht deshalb schwarz aus, weil sie sich 
in der Tiefe hefmdet, und rings herum 
dunkle Hüllen liegen^). Eine Hülle 
aber nennen wir das, was drin ist und 
wie eine Haut sich verhält. Es ist 
aber nicht schw^arz beim Anblick, son- 
dern weiß-durchscheinend ^j. Die Feuch- 
tigkeit ist leimartig'''). Denn oft sahen 
wir an einem geplatzten Augapfel ein 
leimartiges Nass austreten. Solange 
es warm ist, ist es flüssig. Erkaltet 
aber, wurde es hart^), wie durch- 
scheinender Weihrauch; und es ist 
ähnlieh bei Mensch und Thier.« 



§ 34. Allgemeine Pathologie des Sehorgans bei den Hippo- 
kr atikern. Ebenso unklar, wie Anatomie und Physiologie des Sehorgans, war 



1) Dies bezieilt sich auf unsres Vf.'s Theorie von der Membranbildung 
(§9j: »Das warme Blut, das aus dem Körper fließt, ist flüssig, so lange es warm 
ist. Wenn es sich abkühlt, büdet sich eine Haut; und wenn man diese abzieht, 
eine neue. Die Oberfläche des Körpers muss nothwendig Haut werden von der 
Kälte und den anprallenden Winden.« — Diese Beziehung scheint man bisher ver- 
kannt zu haben. Wie wir die Netzhaut einen vorgestülpten Hirntheil nennen, so 
denkt sich der naive Grieche die Augenfeuchtigkeit, seine Sehsinnsubstanz, als ein 
Fütrat der Hirnmasse und die Hornhaut wie eine Gerinnungsmembran. 

äj Das kann sich auf die Schichten der Hornhaut (v.Tr,o(>>-£; , bei Rüfus) 
beziehen. 

3) Wir würden sagen: Sehnengewebe. Wallrotji's Vermuthung (-/.Epa; für 
■/.[jiaz] ist Unsinn. 

4) Das ist zufällig ganz richtig und enthält sogar das Princip des Augen- 
spiegels — für den Kenner. 

3) Die Netzhaut. 

6) Der Glaskörper. 

7) Andreae erklärt dies, wohl irrthümlich, für die Linse. 



68 XXIII. Ilirschberg, 

bei den Ilippokralikern die Pathologie, die man als grob humoral bezeichnen 
kann. Nach der imechten Schrift von den Orten i) giebt es 7 krankhafte 
Flüsse (po'oi, p£u[jLaTa) von dem Kopfe her; einer geht in die Nase, einer 
in die Ohren, einer in die Augen, einer nach der Brust, einer nach dem 
Rückenmark, einer nach den Wirbeln, der siebente in die Hüften. 

Der sechste macht Sehstürung {a;j.|3Autü33£iv)2j. Wenn der Fluss in die 
Augen geht 3), entzünden sich dieselben und schwellen an. 

Aehnlich ist die Lehre in der unechten Schrift von den Drüsen^]: 

Auch der Kopf^'') besitzt Drüsen, nämlich das Gehirn, das einer Drüse 
ähnlich ist. Die Flüsse ^] vom Kopf bis zur Ausscheidung gehen durch die 
Ohren, durch die Augen, durch die Nase, andre nach dem Pharynx, nach 
dem Magen, andre nach dem Rücken, nach den Hüften. 

Der Fluss nach den Augen, das sind die Augenentzündungen, die 
Augen schwellen an'). 

In dem unechten 2. Buch von den Krankheiten^) heißt es: Reichlich 
Urin wird gelassen, wenn der Kopf überhitzt ist. Denn dann schmilzt in 
ihm der Schleim; und wenn er geschmolzen ist, geht er zum Theil in die 
Nase, zum Theil in den Mund, zum Theil in die Geschlechtstheile. Seh- 
schwach werden die Kranken, wenn in die Augengefäße Schleim hinein- 
gelangt. Denn wässrig wird die Sehe'^) und trübe, und das Leuchtende 
ist nicht in gleicher Weise leuchtend und erstrahlt nicht in ihm, wenn es 
sehen will, in gleicher Weise wie vorher, als es glänzend und rein war. 
Dieser Kranke wird in höchstens 40 Tagen gesund) i''). 

Die echten Schriften des Hippokrates beschäftigen sich 
weniger mit solchen Träumereien. (Allerdings ist auch in ihnen von- 
Flüssen, die auf die Augen sich werfen, die Rede"). Sie geben Kranken- 
beobachtung und Heilungen, sie sind groß in der Vorhersage. 

§35. Von den Augenentzündungen. 

Von der Augenentzündung (öcpi^aX;j.ia) ''■^) ist häufig die Rede. Schul- 



r LiTTRE VI, C. 10, S. 294. 

2) Sehnervenschwund bei Tabes? 

3) "ÜTa-^ o' iz öcs&c(X[j.o'j; psüp.a I't], z,}.z-jij.a{^rj'j!jiw ot ö'-i&aXij.oi -/,7t o'.oso'jaiv. 
LiTTRE VI, c". 13, S. 298. 

4) LiTTRE VIII, 556. 

5) Ebendas. S. 564 (c. 10]. 

6) Ebendas. c. 11. 

7) Ebendas. c. 13, S. 568. 

8) LiTTRE VII, S. 8, c. 1. 

9) <j'\)i', kann hier nur Pupille bedeuten. 

10) Wir wissen nicht, welche Krankheit gemeint sein kann. Vielleicht Regen- 
bogenhautentzündung (Iritis exsudativa). 

11) Ueber die alte Heilkunst, c. 18, Ausg. v. Kühlewein, S. 21. 

12 Der Name hat sich erhalten bis auf unsre Tage und bedeutet 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 69 

mäßige BegrifYserklärungen finden wir nicht in den hippokratischen Schriften ; 
sondern erst weit später, z. B. in den GALEN'schen'j: "Ejti o (o'itiaXaia) 
'^Xz'(\io^rq Tou £-i-£'fay.Q-o? ujjiivoc, Ophthalmie ist eine Entzündung der 
Bindehaut des Auges. 

Wir haben unter diesem Wort bei den griechischen Ärzten einfache, 
körnige und eitrige Bindehautentzündungen zu verstehen (Gatarrh, Trachom, 
Blennorrhoe); besonders häufig aber die Triefäugigkeit (lippitudo), d. h. die 
chronische Kürnerkrankheit 2), die ja bekanntermaßen oft genug in einen akuten 
Verlauf übergeht. Die späten Griechen, Galen (I3U — 201 n. Gh.) AiJTius 
(540 n.Chr.), Paull. Aegin. (670 n. Ghr.), Joann. Aktuarius (im 14. Jahrh. 
n. Chr.) unterscheiden rapa^u, traumatische Bindehautreizung; oailaAjxi'y. 
eigentliche Bindehautentzündung, Triefäugigkeit; ciÄsYtxovYj, eitrige Bindehaut- 
entzündung; und dazu noch psuaaTo? sTtioopa, Flüssigkeits-Schuss, d. i. im 
heutigen Deutsch etwa (konstitutionelle) Keratoiritis. 

In den echten Schriften des IIippokrates ist hauptsächlich von feuchten, 
fließenden Augenentzündungen die Rede (dcpi)aX[xiai u-j-pat, pocjosEcj, manch- 
mal auch von mehr trocknen (0. ^r^paQ^). 

A. Die wichtigste Stelle über den Eiterfluss der Augapfelbinde- 
haut findet sich in der echten und prachtvollen, von philosophischem Geist 
durchwehten Schrift von der alten Ileilkunst ■*), c. 19. 

Ü3a TS au e-'t tou; d'^ilaXij.o'j; Alle Flüsse, welche auf die Augen 

TpETTSTC/.'. -«)v piUfxarojv, iayorjaz v.ai sich werfen und dabei starke und 

TravToiac optjxur/iTa; i'/ovra, sAxoi mannigfaltige Schärfen besitzen, ver- 

[J.SV |3Xi'i7p7., v.a~cai>isi 0' ivi'ojv yv^-- schwären die Lider, zerfressen bei 

Do'jc y.ai -a u-ö tolai dc5i)7.X;xol3i, einigen die Wrangen und die Gegend 

i's> ort 7.V STTipp'j-^, prjYvoji os y.oit unterhalb der Augen, wohin sie sich 

oisailict Tov a[jLcpt ttjV o'kv yj.~öyja. gerade ergießen, und durchbrechen und 

dduvat 02 xat y.auaa X7.i <pXoY[xdc zerfressen die Umhüllungshaut um den 

CJ/7.-0? x7.T£y^£t, i-ts/pt ctv T7. p£6;j.7.t7. Augenstern (d.h. die Hornhaut). Schmer- 

~£cpi)y^ X7i ■^i^n^-o.i ~a'/'j~z[ja y.ai zen und Brennen und heftigste Ent- 



heute, wie bei Hippokrates, «Augenentzündung«. Seit Plenk (1778. S. 132) 
unterscheiden die Neueren: Ophth. externa, Entzündung der Bindehaut; Ophth, 
interna, Entzündung der Regenbogenhaut u. s. w. 

1) Von d. örtl. Heilmitteln, DI (Band XII S. 711). 

2) So auch bei nichtärztlichen Schriftstellern, Herodot, Apjstophanes, Plato, 
auf die wir noch bei passender Gelegenheit zurückkommen. 

3) Daher stammt unser Begriff des trocknen Catarrhs. was ja, da -/.aTaf^öcj; 
das Herabfließen bedeutet, eigentlich ein Unsinn ist. 

Galen in seinem Commentar zu Hippokrates, von der Lebensweise (XV, 472), 
sagt, dass die trocknen Augenentzündungen keine Absonderung liefern (|at)0£v 

£VC7,pW0'J3ai). 

4) Ausgabe von Küiilewein I, 21; Littre I, 61G; Kühn I, 46; Foi--s 1, 15, IG. 



70 XXIII. Hirschberg, 

XvjfjLTj 1) d" aoxoiv Vj. t6 03 TTscpilr^vai zündung hält an, bis die Flüsse ge- 
yivsTat EX TO'j jxiyjjr^vai xat xpr^ilr^vai kocht sind und dicker geworden, und 
d^XifjXoiOL xal ouv£'|irji)fjVai. Augenbutter von ihnen entsteht. Die 

Backung entsteht aus der Mischung, 
gegenseitigen Temperirung und Zu- 
sammenkochung. 

B. In dem echten ersten Buch von den Volkskr. '-) wird eine catarrha- 
lische Augenentzündung milderer Art beschrieben. 

HpcavTo [JLSV ouv TO TTpüitov Ci'iüaX- (Im Vorfrühling eines feucht-kallen 

[jLiai poojoccc, öouvoj&ösc, uypai aTTST:- Jahres auf Thasos). Zuerst begannen 
xvic' a[xiy.pd ArjjjLia ou3xoA(uc TToXXoToiv fließende Augenentzündungen, mit 
expTjYvuixsva" ToToiTi?£iaroi3iv u-saTps- Schmerzen und rohem Ausfluss, indem 
cpov • aTiiAiTTov d'];s "poc xb cpÜivoTiwpov. kleine Flocken nur schwierig bei der 

Mehrzahl herauskamen. Bei den meisten 
traten Rückfälle ein. Die Entzündungen 
hörten erst später gegen den Herbst 
hin auf. 

C. In dem gleichfalls echten dritten Buch von den Volkskr. 3) ist von einer 
stärkeren Epidemie von Augenentzündung, bei pestbringender Wilterungs- 
beschaffenheit, die Rede. 

d'^Oa^ij-ioit uYpai, [i.axpoypdvioi FHeßende Augenentzündungen von 

[i-STa Tio'vüjv. eTricpu3i£c ßXscpdpcuv langer Dauer, mit Schmerz: Auswüchse 
£^u)i)£v, £3tüi)£v, ttoXXäv cpi)£ipovTa an den Lidern, außen wie innen, vieler 
rd; o'liia;, a auxa E-ovofj-dCoooiv. Sehkraft zerstörend, die sogenannten 

Feigen. 

Diese Krankheit ist schwer zu deuten. Am ehesten kann an das ganz 
akute Trachom denken, wer diese Krankheit wirklich aus eigner Beobach- 
tung kennt. Allerdings sind Auswüchse an der Außenfläche der Lider dabei 
nicht vorhanden. 



1) Das Wort hat früher eine große Rolle gespielt, ^u-yj Augenbutter, auch 
ÄTjjjia , Verkleinerungswort X-fj[j.irjv , Beiwort ^tj^-wSt]; , Zeitwort XT|[j.av. Davon 
Xt][j.6rf]c, Triefäugigkeit. 7Xt;[aTj = ^'^l^-'i], davon ■^'krii).'w^ und -^laixurjöz , triefäugig. 
Daraus lateinisch gramiae, Augenbutter (Plin. 22, iS, 153) und das Beiwort gra- 
miosus. In dem alten Wörterbuch des Suidas (IO. Jahrb. n. Chr.) sind Xfjij.ai die 
trocknen Krusten an den Augenwinkeln und die aus den Augen fließenden Un- 
reinigkeiten, und bei Varinüs (1530 n.Chr.) die weiße Absondrung der Augen. — 
Bei NoNius ist gramia = pituita oculorum. Festus: gramiae, vitia oculorum, 
quae alii glamas vocant. (Der erste dieser beiden Grammatiker lebte im Anfang 
des 4. Jahrh. n. Chr., der letztgenannte im 2.) — Unsrem Reil (1739 — 1813) ver- 
danken wir die »Augenbutter«, die Hyrtl's Beifall (on. an. 293) nicht gefunden. 

2) Kühlewein I, S. 184 (c. 3); Kühn III, S. 38S (c. 36); Foüs II, 942. 

3) Kühlewein I, 228; Kühn III, S. 486; Foüs II, 1085. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertlium. 71 

§ 36. Von den endemischen und epidemischen- Augen e n t- 
zün düngen. 

I. hl dem echten und wunderbaren Buch von der I.iifi ') u. s. w. wird 
der Versuch gemacht, die Oertlichkeit sowie die Jahreszeiten als ur- 
sächliche Glieder der Augenentzündung zu erfassen, gleichzeitig aber epi- 
demische Krankheit (vda/j[j.a uaYxoivov) von endemischen (v. £-i)^u)piov) 
zu unterscheiden : 

A. hl den Städten, welche nur den warmen Südwinden ausgesetzt sind : 

o'ziUaXfjLtai eyyivovTai üypal xai Augenentzündungen kommen vor 

ou yakzr^aXj öÄiyo/povioi, r^v |x-/j ii von feuchter und milder Art und 
xarasy/j voar|ixa TiaYzotvov ex \i.z-rj- kurzer Dauer, es sei denn, dass eine 
SoXy;; aEy«^^'';?- Epidemie Platz greift in Folge eines 

mäclitigen (Witterungs-j Umschlags-). 

B. Hingegen in den Städten, welche nur den kalten Nordwinden aus- 
gesetzt sind: 

o'^i}7.Xui7.c Tc '^{.vtoWai [J.£V 0!,7. Augenentziindungcn entstehen zwar 

ypdvoo, 7iV£ai)7.t. 03 axX7jp7.c y.al nur von Zeit zu Zeit, aber sie sind 

ta/_(jpc/.;, -/.rj.i £ui}£ojc prfj'vuaiiai Ta liart und heftig, und rasch kommt es 

duij.7.r7.. zum Aufbruch des Augapfels. 

Diese mit so großer Bestimmtheit vorgetragenen Sätze müssen wohl 
auf Erfahrungen des Vf.'s beruhen. Ob sie grade sehr ausgedehnt ge- 
wesen, steht dahin. Für uns ist es schwierig, jene Sätze durch gleich- 
laufende Erfahrungen zu stützen. Am meisten passt noch der Unterschied 
des Verlaufs der Kürnerkrankheit in nördlichen und südlichen Gegenden 3). 

II. In demselben AVerke ist, von dem Einflüsse der Jahreszeiten 
auf Erzeugung von Augenentzündung die Rede: 

a. TjV 0£ 6 }JL£V ysiji.ojv'') auyjjLTjpo; Wenn aber (ausnahmsweise) der 
y.rjX ßdpEio; Y£vr|Tai, to os r^p £7ro[i.- Winter trocken und reich an Nord- 
ßpov 7.7.1 vdtiov, avaYXTj to Oipo? winden, der Frühling aber regnerisch 
TTUp£-Äo£c YiV£ai)ai 7.7I ocpila^.jj-ia; und reich an Südwinden ist; so muss 
7.7I ooa£VT£pi7; £[jL7T0i£Tv. uothwendigerweise der Sommer Fieber, 

Augenentzündung und Ituhr bringen. 

b. TjV^j 0' [X£v y£i[jL(ov voTio: Wenn jedoch der Winter reich an 
Y£V/jT7!. 7.71 l'TroijLl^ipo; 7.71 Euoloc . . . . Südwiud , liegen und im ganzen milde 
TÖ o£ T^p ßdpsidv -£ 7.71 7'j/ixrjpov istj der Frühling aber reich an Nord- 

i; KüHLEWEix I, S. 30, Z. 12 u. S. 37, Z. 15; Littre II, S. 18 u. 20; Kühn I, 
527 u. 528; Foiis I, 281. 

2) Hieraus scheint der Araber Avicenna geschöpft zu haben. (I, 522, 
Venet. 15G4.) 

y; Vgl. German, Centralbl. f. Augenbeilk. 1896, Suppl.-Heft. 

4j Kühlewein I, S. 49, Z. 7 (c. 10); Kühn I. 543; Foiis I, 286. 

5) Kühlewein I, 4 9, 23 if. 



72 XXIII. Hirschberg, 

xcl /öi|j.3ptvov, ouocVTcpiac xai ocpOaX- winden \nicl trocken und wintei'lich: 
[xia; Er^pa; .... xoTot 6s yoXcöosaiv dann (bringt derselbe) .... Ruhr und 
6'^baX\j.irj.i \r^rj<-j.L trockne Augenentzündinij: .... Beson- 

ders den Galligen. 

Ganz ähnliche Sätze stehen in den Sprüchen (Aphorismen) '). 

»Wenn der Sommer reich an Nordwinden und trocken . . . kommen 
trockne Augenentzündungen '-). « 

»In der trocknen Zeit entstehen Augenentzündungen 3). « 

»Zu den Sommerkrankheiten gehören Augenentzündungen ^).« 

Der letzte Satz gilt besonders für ein Land, das reich an Trachom 
ist; die chronischen Fälle, die wenig oder gar keine Beschwerden machen, 
werden flüssig und akuter im Hochsommer ■''). Das ist leicht in Ägypten zu 
beobachten; das ist sogar auch bei uns, in trachom-armer Gegend, zu 
bemerken. 

Aber wenn schon Andre.a.e '1843) hervorhob, dass die Augenheilkunde 
seiner Zeit aus den meteorologischen Verhältnissen viel weniger Schlüsse für 
die Aetiologie und Pathologie der Augenkrankheiten zu ziehen wusste, als 
HippOKRATEs; was sollen wir in unsrer heutigen bakterienfrohen Zeit 
erwarten? Immerhin muss der Geschichtschreiber es gebührend anmerken, 
dass in der von IIippokrates geschciebenen, leider nur unvollständig auf uns 
gekommenen Klimatologie (rrspl dipojv y.. t. a. über die Luft u. s. w.) der 
Versuch gemacht ist, die Häufigkeit und die Art der Augenentzündungen 
auf die Ürtlichkeit, die Jahreszeit und die Witterung zurückzuführen. 

Ich bemerke, dass von epidemischer Augenentzündung zu Thasos in 
(]. 5 des ersten Buches der Volkskrankheiten die Rede ist^j. Ferner wird 
von dem Vf. des 6. Buches der Volkskrankheiten mitgetheilt ^, dass während 
der Dürre des Sommers schmerzhafte Augenentzündungen in epidemischer 
Verbreitung vorkamen. Der Vf. der unechten Schrift von der Sehkraft^) 
spricht sogar von der alljährlichen und epidemischen Augenentzündung. 

Die Vorstellung einer endemischen und einer epidemischen 
Augenentzündung war den Hippokratikern ganz geläufig, 
während z. B. 1500 Jahre später die Araber, die doch in Vorderasien und 



1) Aph. III, -H, 13 (LiTTRE IV, S. 490). 
2} Aph. III, U (LiTTRE IV, 492;:. 

3) Aph. III, Iß (LiTTRE IV, 492). 

4) Aph. III, 21 (LiTTRE IV, 496). 

5) Vgl. m. Mitth. über die ägvpt. Augenentzündung. C. f. A., Mai 1894. 

6) Die Stelle ist oben wörtlich angeführt (§ 33 B.). 

7) Volkskr. VI, 7. Kühn III, 618. 

rpüJTOv \}.hi dv Tolaiv aüyfj.otctv d'i&ctXatai d-iorju.rj'j'av öS'jvwoesc. 

8) LiTTRE IX, 158; KÜHN in, 46; Foes I, 689. 

öcf.i)'x/.[j.tTj; TT^; £-£T£to'J y.ctl d7:tor,ij.!o'j ;'j|j.'.f£p£i -/.aSctpit; -/.s-^aXf,; z. t. /.. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 73 

Xordafrika so viel Gelegenheit zur Beobachtung gehaht, den Begriff des 
Endemischen gar nicht kennen'). 

§37. ^'on der Prognose^) der Augenentzündungen ist in dem 
2. Buch der Verkündigungen (-poppTj-.) ^j die Rede, einer wunderbaren 
Schrift, die \on den Alten (Galen, Erotian)'^) dem Hippokuati-s ab- 
gesprochen wird, während LiTiufi, wegen des Stils, tiefen Sinns und der 
deutlichen Beweise großer Erfahrung, sie ihm gern zuschreiben müchte. 

Es ist nicht leicht, die mit großer Sicherheit vorgetragenen Aus- 
sprüche über die Vorhersage der Schleimtlüsse des Auges (o'fUaXaol hi- 
|x(JL)VT£c)^) in unsre Erfahrungen zu übertragen. Drei Sätze aber treten 
klar hervor und zeugen von der großen Beobachtungsgabe des Verfassers: 
1 . »Diejenigen Augenentzündungen sind besonders schlimm, bei denen starke 
Anschwellung, Schmerz und Absondrung zusammen vorkommen''. 

2. Bei akutem Eiterfluss mit Absondrung von grünlichem und blei- 
farbnem Eiter und heftigem Schmerz in der Schläfe und Schlaflosigkeit 
kommt es leicht zum Geschwür des Augapfels. Man hat Durchbruch des- 
selben zu befürchten'). 

Sowie man danach im Stande ist, das Auge zu betrachten, und man 
findet es geborsten und die Iris hervorragen aus der Berstung, so ist dies 
schlinnn und schwer wieder zu ebnen. Wenn dazu noch böse Eiterung in 



\] Vgl. m. Aegypten, S. 98. 

2) rip^Yvojat; heilst wörtUch das Vorher-Erkennen. Seit Hippokrates herrscht 
Prognose in der Heilkunde. Zu seinen herühmtesten Schriften gehört das FIpo- 
YV(uaTr/,rjv. (Littre II, S. <10 ff.) Der Anfang lautet: To>; i-/]Tpov oo7,££i p-oi apiOTov eivat 
TCpovoiciv d-t"rjO£U£tv 7:poYWc()0-/.(ov fO'P ">'-'^"' ~poX£Y<w 7:apa Toiai voaso'jsi xa xs —apeovxa 

v.ai xa -poysYOvoxot -mi xd [AsXXovxa laecftai Trtaxe'jotx' av p-äXXov. »Den Arzt 

halte ich für den besten, der sich der Vorsorge befleißigt. Denn vorher erkennend 
und vorher sagend bei den Kranken sowohl den gegenwärtigen Zustand als auch 
den vergangenen und den zukünftigen, gewinnt er am meisten Vertrauen.« Mau 
sieht, dass Hippokrates den Begriff weiter fasst. Später wurde die Prognose auf 
das dritte Glied, auf die Vorhersage des Zukünftigen, beschränkt. Ucber die 
Wichtigkeit der Prognose äußert sich Hippokrates an zahlreichen Stellen. Vgl. 
namenthch das echte erste Buch der Volkskrankheiten (Littre II, 634): Xi-^tvi -A 
7rpOY£v6[j.£-;a, -nYidiay.ei^j xd Trapeovxc«, zpoX^Y'^'' "« £a6[x£va ' p.£/.£xäv xaijxcf d^y.ien, zEpi 
xd vo'jafjjAaxot, o6o, wzzlizi'i -7j (j.y] [iiXdr-trK »Anzugeben das Vergangene, zu erkennen 
das Gegenwärtige, vorherzusagen das Zukünftige. Dessen sich zu befleißigen, zu 
üben, bei den Krankheiten, zwei Dinge : zu nützen, — oder wenigstens nicht zu 
schaden.« 

3) Littre IX, S. 44—50. (Prorrhct. IL 48, 19, 20.) Kühn I, :21l ff. Foüs 1,100. 

4) Vgl. Littre, B. I, 410. Erotian lebte um 100 n. Chr. 
3) Zu dem Wort vgl. § 33. 

6) oEiv^-; o£ (otor^fAa) ^'jv oav.p'jto x£ iöv v.al öv>/-(j. »Schlimm ist Schwellung mit 
gleichzeitiger Absondrung und Schmerzhaftigkeit.« (Das ist der akute Eiterfluss.) 

7) "Hv 0£ ?vfj[j.ai yXcupai 7.%l -£>.iov(xl etoai, v.rd od-/.p'JOV tto'jX'j 7.7I ihrjijjy/, xat £v 
XTj v,£Cfoc>.y] -/.o(ü[j.a •/), y.al otd xovi v.poxa^O'j öo6vat £i; xöv öcfftctXjAov -/.axaoxripUujat -/,cil 
ä'irj'jrM-q xo'jx£otjtv iTzi'iirqxo.i , £?.-/.o; 6.-t6.-[-/.ri '[tui's'^^J-^ £v xiij icf (IctXaio " dXrl; Oc y.v. 



74 XXIII. Hirschberg, 

der Tiefe besteht i), so wird der Augapfel unbrauchbar. Kleinere Tris- 
yorfälle '■^) können mit Erhaltung der Sehkraft geheilt werden, namentlich 
bei jungen Personen. 

3. Die Narbe der Hornhaut ist proportional der Tiefe des Geschwürs ^). 
Alle Narben können gebessert werden von der Zeit und von der Kunst, 
besonders die ganz frischen und bei den jüngsten^). 

Wenn die Pupillen hellblau oder silbern oder reinblau werden, so sind 
sie unbrauchbar zum Sehen; ein wenig besser, wenn sie verkleinert oder 
vergrößert oder winkelig werden « . 

Der Abschnitt schließt mit der Ermahnung, in allen Augenleiden den 
Urin zu untersuchen^). 

Es ist merkwürdig, dass in den hippokratischen Schriften die 
Augenentzün düng der Neugeborenen nicht erwähnt wird. 

Andreae schließt, dass sie nicht vorkam. Mit Unrecht; denn der Be- 
weis aus dem Schweigen^) enthält einen Trugschluss, wie jeder Alter- 
thumsforscher schon erfahren hat. 

Aphorism. III, 24 ") werden unter den Erkrankungen der Neugeborenen 
aufgeführt: dtj.o7.XoS csA£Y[j.ovai, Nabel -Entzündungen. Die andre Lesart 
der Handschriften dcpilaXjxwv cpÄsyixovai, Augen-Entzündungen, wurde bereits 
von Galen ^) verworfen: wie auch schon Gelsus^) dfjL'^aXou gelesen haben 
muss. 

Aber müssen wir denn jede Lesart des Galen annehmen? Könnte 
nicht, da man die Nabel-Entzündungen unter den Krankheiten der Neu- 



paY'fjvai -0 toiojtov. Den letzten Satz übersetzt der gute Celsus (VI, 6, 1 Ausg. 
von Daremberg S. 22ö, vgl. unsren § 159) ganz falsch mit «votmnque, est ut 
tantum exulceretmv. 

-!) d o£ v.al a-^reoüjv üit/j im Toiouti;). Littre's Uebersetzung ist unrichtig. 

2) Ttx 0£ c[j.t7.[ja [jLETO'.y.ivTjjj.aTa töjv (j'bemv. 

3) ßotSuTfjxac • dva^v-aiov yap '/.axa. ttjv iayj^j tü)V ih/.im^ td? ouXd? '(i-^sa^ai. 

4) At 0£ i-/. Tü)V ih/.imv o'jXctl .... TiäcJoit oloti te djcpeXsEC&ai xal UTto xcJv ypovwv 
v.al UTTÖ TfjS TEyvTj;, fj.äXicxa ok at vEtuxaxai xs xa\ h) xoiat vEwxdxoiot xtüv owij.axojv. 
Dies zeugt von durchdringender Beobachtungsgabe. Die Zeit steht vor 
der Kunst, sie macht mehr als unsre Einstäubungen. Falls man bei Kindern von 
wenigen Wochen eine Pupillenbildung wegen Hornhautnarbe gemacht, ist man 
nach Jahren erstaunt, wie wenig von letztrer geblieben : namentlich, wenn Zeich- 
nungen des früheren Zustandes aufbewahrt sind. 

5) Nicht blos in einigen inneren Augenkrankheiten, wie ein berühmter 
Lehrer unsrer Tage gesagt hat. 

ridvxtuv 0£ ypTj |j.dXiaxa xyjV y.axdoxaciv xoO oüpo'J £V xotoi Zcpi xou; öcp&aXjj.ou? 
£vi)'j[j.£ia9at. [Doch wird die Lesart o'jpcj von Einigen beanstandet und xoü oXou 
vermuthet.] 

6) ex reticentia. 

7) Littre IV, 491. 

8) XVII, b, S. 628. 

9) I, 2 (S. 30 Z. 26 der Ausg. von Daremberg): infantes circa umbilicum in- 
flammationes exercent. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alter thum. 75 

geborenen ungern verniisst, ojj.'-iaXou vmI orpfJaAijLojv oXz-;\io'jo.i geschrieben 
sein? (Zwei unsrer Handschriften des Hippokrates haben ö'fi)7.X}jL0Jv, drei 
haben öjx'faXwv.) Dass die allen Griechen den Eiterfluss der Augen bei 
Neugeborenen gekannt, werden wir noch später, im Kanon, erörtern. 
(Vgl. § 248.) 

Dass SugRUTA sie kannte, haben wir schon gesehen. (Vgl. § 23.) 
Auch die sogenannte scrofulöse Augenentzündung wird bei den 
Krankheiten der etwas älteren Kinder nicht hervorgehoben, mag also 
immerhin seltner gewesen sein ; aber die Tagblindheit ^) der Kinder mit 
Kopfschmerz und Thränenfluss kann doch nur auf solche Zustände bezogen 
werden. 

§ 38. Von der Behandlung der Augenentzündungen findet 
sich in den echten Schriften nur wenig. Kurz und bündig sagt der Vater 
der Heilkunde, der schulmäßige Lehrbücher nicht verfasst hat: »Die Augen- 
leiden heilt das Weintrinken oder das Bad oder die Bähung oder der 
Aderlass oder die reinigende Arzenei « 2). Dieser Satz hat zwei Jahr- 
tausende befriedigt oder wenigstens angeregt. Celsus übersetzt (de 
med. VI, 6): Curari oculos sanguinis detractione, medicamento-^), balneo, vino 
vetustissimus auctor Hippocrates memoriae prodidit. 

Galen (XVII, a, 45) bemerkt in seinem Gommentar zu der Stelle, Hippo- 
krates habe für Aerzte geschrieljen , deshalb sich so kurz gefasst; und 
fügt Beispiele aus seiner Erfahrung bei, wo die genannten verschiedenen 
Mittel in verschiedenen Fällen Nutzen gestiftet. Alle späteren, bis auf .\etics 
und Paull. Aeg. , sind diesem hippokratischen Lehrsatz treu geblieben und 
haben ausführliche Erläuterungen desselben geliefert. 

Ja bis in die Neuzeit haben jene Grundsätze sich hinübergerettet; im 



1) Prorrhet. II, 33, 34; Littre IX, G4; Kühn I, 226; Foüs I, HO. Vgl. 
später § 5-1. 

2) Aphorism. VI, 81 (Foes II,' 1257; Kühn III, 732; Littre IV, 570.) Y)o6voc; 
öcp&'xXjj.ö)-; äxp-riTOTtoGiT], tj Xo'jTpo^;, T| Ti'jp'vq, Yj cpX£ßoTO[^.iT), Tj (papp-av-oTTooiY] Xu£t. Etwas 
anders Aphor. VII, 46 (Littre IV, 590): 'Ooüva; öcfr)aX[j.(bv, äV-p-zj-ov Tottact; ■/.ctl Xo'jac«; 
TToXXüj i>£p[j.(j), cpXeßoTOfj-ei. «Bei Augenschmerzen gieb reinen Wein zu trinken, lass 
sehr warm baden, lass zur Ader.« — Von Augenoperation ist nicht die Rede! 
Uebrigens heißt öou-rr] eigentlich Schmerz, wie ttövo;. Dass aber Hippokrates öfters 
Schmerz für Leiden setzt, hat sein getreuer Erklärer Galen ausdrücklich her- 
vorgehoben. (B. XVIIb S. 460.) 

Eine begeisterte Lobpreisung dieser alten hippokratischen Behandlung der 
Augenschmerzen, gegenüber den neueren mit schmerzstillenden Mitteln, bringt 
Galen Meth. m. III, c. 2. (B. X, 170.) 

3) cpapi^-cc/tozoGiY] bedeutet in den echten Schriften des Hippokrates, besonders 
im Prognost., lediglich Abführtrank, wie Galen in seinem Gommentar zu den 
Aphorismen angiebt. (Ausg. v. Kühn, XVIII, a, S. 124.) Ebenso, nach Galen, sogar 
noch der späte Cassius Felix (447 n. Chr.; A. v. V. Rose, S. 48): catharticum 
quod farmacian appellant. 



76 XXIII. Hirschberg, 

RivERius') heißt es bei der Behandlung der Augenentzündung: When you 
have bled sufficiently, you must purge. 

So bin ich noch als Student unterwiesen worden. 

§ 39. Ausführlicher sind die unechten Bücher. Obenan stehen die 
Blutentziehungen, namentlich der Aderlass, der von da an die griechischen 
Erörterungen über Behandlung der Augenkrankheiten grade zu be- 
herrscht und fast bei allen wichtigen Krankheiten die therapeutische Er- 
örterung einleitet'^); der das Mittelalter überdauert und bis in die Neuzeit 
sich erhalten hat, im ersten Drittel unsres Jahrhunderts noch ganz un- 
entbehrlich schien gegen Eitertluss des Auges, — obwohl dabei Hunderte, 
ja Tausende erblindeten; den ich selber noch bei Wundschmerz nach Star- 
Schnitt, als Assistent v. Graefe's ') anwenden musste, bis ich das Aufgeben 
dieses heroischen^) Mittels erbat und erlangte und nachher ■ — ■ dieselben 
Erfolge aufzeichnen konnte, wie vorher. 

In dem (unechten) zweiten Buch von den Yolkskrankheiten •■^) heißt es: 
•/ova7)^-/jV xai ozibaX^iir^v, cÄ£|3oTO]j.rr,. »Ilals- und Augen-Entzündung heilt 
Aderlass.« hi dem (unechten) Buch von der Sehkraft*') wird gegen die all- 
jährliche epidemische Augenentzündung die Blutentziehung, wenn der 
Körper es aushalten kann, empfohlen, sowie Schröpfköpfe an den 
Venen: ferner schmale Kost, Ruhe, Dunkelheit, das Auge lange Zeit hinter- 
einander weder offen noch geschlossen zu halten, und, wenn die Absondrung 
nachlässt, eines von den trocknen Augenheilmitteln einzureiben. 

Ueberhaupt treffen wir den merkwürdigen Gedanken, dass man bei 
gewissen Augenentzündungen alles andre, nur nicht das Auge, behandeln 
müsse, nicht zuerst bei Galen'), vollends nicht zuerst bei Jüngken''), son- 
dern schon bei den Hippokr atikern, die (in der Schrift von den Orten 
§ 49) empfehlen, bei langwierigem Schleimtluss den Kopf zu reinigen durch 
Abführ- und Nasen -Mittel, Kpö; os tou; 6'fi}aX[xou; o'josv osl cpap|j.7.xov 
7rpoc<p3p£tv, aber in's Auge selber soll man kein Heilmittel hineinbringen. 

Die alten Aegypter waren andrer Ansicht. Wir auch. 



i) Practice of Physics. London -1658. Book II, p. 80. 

2] Vgl. m. Einführung I; 21: ftEparsöer; oi ciXsj-loT'jaojvTa d-' dy/MVOi heißt 
es fast bei jeder ernsteren Augenkrankheit, während die weit älteren Aegypter 
(Pap. Ebers) fast nur örtliche Mittel gegen die Augenleiden anwandten. (Vgl. 
oben § ö No. 5.) 

3) A. f. 0. IX, 2, 132. (Vier bis sechs Unzen.) 

4) Bei den greisen Star-Operirten traten verhältnissmäßig häufig Delirien nach 
dem Aderlass auf. 

5) e.Abschn., 12. Satz. (Littre B.V, S.'I34; Kühn III, S.464; Foüs II, i050, -1053.) 

6) § 9, LiTTRii IX, S. 158 ; KÜHX III. S. 46; Foüs I, 689: aiiJ-cto; ätfaipect; \'i\).-^irjzi. 

7) X, 171. 

8) Augenkr. Berlin 1836, S. 929. 

9) Littre VI, S. 800. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 77 

Die tiefsinnige Frage, welche ja noch einen internationalen Congress 
unsrer Tage so eingehend ijeschäftigt hat, ol) ])eim Augenschleimfluss kalte 
Umschlüge hesser sind als warme, ist vom Verfasser der (unechten) Schrift 
von der Anwendung der Flüssigkeiten'} ganz sachgemäß entschieden. 

Zunächst sagt er allgemein, dass es Fälle giebt, wo beides nützt-); 
dann erklärt er die warmen T'mschläge für die Augen nützlich bei 
schmerzhaften Leiden, inneren Eiterungen, beißenden Thränen, bei allen 
Zuständen ohne merklichen Eiterfluss; die kalten aber (allgemein) bei den 
schmerzloseren Leiden, die mit starker Röthung einhergehen ^). 

An andrer Stelle erklärt er noch einmal, das warme \\'asser stumpft 
den Schmerz der Augen ab^l, — was gewiss mit der Erfahrung bei Ent- 
zündungen der Hörn- und Regenbogenhaut übereinstimmt •''). 

Endlich sagt er, wenn wenig Wasser nöthig, bedient man sich eines 
Schwammes: eine Anwendungsart, welche die beste für die Augen ist''). 
Dies hat nicht blos in alle späteren Schriften der Grieclien Aufnahme ge- 
funden, sondern ist bis auf unsre Zeit gekommen und wurde noch von 
A. V. Grab FE für die Eiterung der Neugeborenen gelehrt ^ bis wir heut- 
zutage den Schwamm durch den Bausch der keimfreien Watte zu ersetzen 
gelernt haben. 

§ 40. Natürlich mussten von den humoralpathologischen Hippo- 
kratikern, bei Augen-Entzündungen auch die auf andre Organe ab- 
leitenden Mittel empfohlen werden. \n dem miechten VI. Buche von 
den Volkskrankheiten") heißt es: '0;j.adiTtov poojoscuv . .. avtiairav ic. cpafiuy-'a. 
Bei thränenden Augen muss man ableiten zum Rachen. Galen*), in seinem 
Gommentar zu dieser Stelle, meint, dass Hippokrates hier von dem andauern- 
den Thränen (Rhyas) gesprochen habe, wobei Niesmittel und Reizung des 
Schlundes vortheilhaft seien; das ist eine ganz dunkle Vorahnung unsrer 
Nasensalben gegen Thränenträufeln. Wer hierob den Kopf schüttelt, der 
betrachte, ohne durch die beigefügten humoralpathologischen Träumereien 



1) -epl ÜYpiuv yp-ficjio; ist eine bruchstück artige Sammhing von Anmerkungen 
und gilt den gelehrten Schulweisen für unverständlich. Der ausübende Arzt fin- 
det aber darin ganz verständige Grundsätze. Uebrigens lesen wir auch in den 
echten Aphor. (V, <6— 25) ganz ähnhche Bemerkungen, nur ohne Bezugnahme 
der Augen! 

2, § 6, LiTTRE, VI, 132, Z. 2: \\ oe ä\i.'^w lo-seUti . . . 

3) ebendas. Z. 3 v. u: 'O^ftaXiAOtGt i}£pfj.ov, öo'jvT,otv, ia-'jT.asot. oa-z-puiov oav.- 
vwosüjv. g-fjpol5iv 0.-0.^1-1. T6 6'jypöv, ävojo'Jvoiatv, l;:p'ji)po'.3i . . . 

4) § 1, LiTTRE, VI. 118: ioüva; y.oj'foT . . . ö-^UaAu.öjv. 

5) Eine gründl. Erörterung der Frage, wann kalte, wann warme Umschläge 
nützlich, hat A. v. Graefe geliefert, Arch. f. 0. VI. 2, I33fgde. 

6) § 1. a. a. 0. 'Orrou öXtYO'j zoroO" g-öyyi;). xr^'fi^t?) ä'p'^'^'^'' öcffla/.aoTc!. 

7) VI. Buch, II.Abschn. § 16, LittreV, 284; Kiiix 111.59-2: FoksII, 1169—1170. 

8) XVII a 963. 



78 XXIII. Hirschberg, 

sich irre machen zu lassen, die folgende hipp okrati sehe Krankheitsbeschrei- 
bung'): Die Augen thränen, aber die Lider sind nicht geschworen, es beißt 
nicht, der Kranke sieht scharf; da muss man nach unten ableiten, z. B. 
mit einem in die Nase eingeführten Mittel. 

Hierselbst ist auch' von zwei andren (zwar verwerflichen, aber bei 
den Griechen leider sehr verbreiteten) Ableitungen die Rede, den Ein- 
schnitten in die Kopfhaut und dem Brennen der Schläfen-Adern. 

Bei den grob-humoralpathologischen Anschauungen der Ilippokratiker 
dürfen wir uns nicht über den Satz 2) wundern, dass »bei Augenentzündung 
von Durchfall betroffen zu werden gut ist«. 'Ücp&aXtjLiÄvTi uzo oiappoia; 

§ 41. Bezüglich der örtlichen Augenmittel ist ein Satz aus der 
eljen genannten Schrift von den Orten des Menschen hervorzuheben, der 
die Jahrtausende überdauert, viel Missbrauch noch in unsrem Jahrhundert 
gestiftet hat, aber doch einen richtigen Kern Ijesitzt: Im Beginn des akuten 
Stadiums der Entzündung soll man kein (metallisches) Mittel in die Augen 
einstreichen 3). 

lIippoKRATEs selber, in den echten Schriften, kennt keine örtlichen 
Augen- Mittel , außer den Avarmen Umschlägen. Die späteren Hippo- 
kratiker benutzen und empfehlen eine ganze Anzahl. Darin vermag ich 
nicht, wie Andreae, ein Zeichen des Verfalls zu erblicken, sondern nur 
eine Folge der Belehrung, von Seiten der sogenannten Barbaren, z. B. der 
Aegypter, deren großartigen Arzneischatz wir ja schon oben, bei Gelegen- 
heit des Papyrus Ebers, besprochen haben. (Vgl. § 9.) Ich will in 
aller Kürze die ältesten Recepte gegen Augenleiden aus der griechischen 
Literatur, wie sie sich in den unechten Schriften der hippokratischen 
Sammlung vorfinden, hier anführen: 

1. Volkskrankheiten ^) II, V (LiTiafi V, 132; Kühn III, 462; Foes II, 
1946): Kupferasche ■'^) '/,2, Safran 1/5, Olivenkerne 1, Bleiweiß 1, Myrrhe 1. 



i) Von den Orten des Menschen, ~erA totiojv twv -/.axa äv&poj-ov, § 13, Littre VI, 
300; KÜHN II, 119; FoiJs I, 413. 

2) Aphor. VI, 17; Littre IV, 566; Kühn III, 732. Vgl. Kühn I, U8, 268. 
Vgl. § 68. 

3) Von den Orten § 13, im Anfang, Littre VI, 298; Kühn II, 118; Foüs I, 413. 
Tj-; 0£ £'ji}£u); (schnurstracks) cf-AsYp/Zivwat, p/fj i^ypie [j-rfizv . . . 

Genaueres über die örtlichen Augenmittel der^ Alten, die sogenannten 
Collyria, soll später an geeigneter Stelle angeführt werden. (Siehe § 124 fg.) 
Vgl. JuGLER, de collyriis vetermn, Bützow 1784, und Dierbach, die Arzneimittel 
des HippoKRATEs, Heidelberg 182 i, die beide allerdings in chemischer Hinsicht ver- 
altet sind; ferner J. M. Raudnitz: Materia medica Hippocratis, Dresden 1843; 
endlich Berendes, Pharm, d. alten Culturvölker I, 196 fg. 

4) OcpHaÄp.(I)v, G-ooio'j 0(wo£7.aTov , v.pov.O'j -ejj.-Tov, zupfjvo; 'i'i , 'Ltp.'jDioo £v, 
ajji'jpvf]; ev. 

5) Gzoco;, GTTooiov, Asche, unreine Kupferasche, die beim Ausbrennen der 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 79 

2. Diät der akuten Krankheiten; Anhang. (L. II, 521; K. II, 99; F. 
I, 407). 

Gegen Augenkrankheiten. Kupferasche (a-ooo:), geschlennnt, mit Fett 
verrieben, wie Talg, der nicht fließt; fein zerrieben, befeuchtet mit dem Saft 
unreifer Trauben; in der Sonne getrocknet; dann wieder befeuchtet zu 
Salben-Consistenz. Wenn es dann wieder trocken geworden, wird es fein 
zerrieben und trocken zwischen die Lider gestrichen und auf die Augen- 
winkel gestreut. 

3. Ebendaselbst. Gegen feuchte Augen. ('Typtiiv.) Ebenholz eine Drachme 
(3,25 Gramm); gebranntes Kupfer (Kupferoxyd), neun Obolen (4Y2 Scrupel 
= 4,86 Gramm), reibe es auf einem Wetzstein'); dazu Safran 3 Obolen 
(1,62 Gramm); zerreibe es fein; gieße hinzu süßen Weines einen attischen 
Becher (Kotjie = 0,27 Liter); darauf setze es in die Sonne, zugedeckt: 
wenn es genügend zusammengekocht (digerirt) ist, gebrauche es. 

4. Ebendaselbst. Gegen Schmerz um die Augen. (Hpö; -ä; -spioj- 
ooviac)2). Grünes Kupfererz 3) eine Drachme, Trauben ebensoviel. Wenn 
es in zwei Tagen digerirt ist, drücke es aus; reibe Myrrhe und Safran 
(dazu), füge Most hinzu und lass es in der Sonne digeriren ; davon streiche 
zwischen die Lider bei Augenschmerz. Hebe das Mittel auf in einem 
kupfernen Gefäß. 

5. Von der Sehkraft, § 6. (L. IX, 158; K. Ilf, 45; F. I, 689.) 
Wenn die Lider Randgeschwüre haben (cpcupta, d. h. wörtlich, die Krätze 
haben) und jucken; zerreibe am Wetzstein ein Stück Kupferblüthe, und 
damit reibe den Lidrand ein. Dann reibe Kupferschüppchen so fein als 
möglich; gieße den durchgeseihten Saft unreifer Trauben hinzu und zerreibe 
es fein. Den Rest des Saftes gieße aus einem Gefäße von Rothkupfer 
allmählich hinzu und zerreibe die Masse, bis sie dick geworden wie Knob- 
lauch-Muß. Wenn es trocken geworden, zerreibe es fein und wende es 
so an. 

6. Von den Weiberkrankheiten, I, Anhang. (L. VIll, 224; K. II, 755; 
F. I, 635.) Augenheilmittel. Gebranntes Kupfer, Grünspan {/ßkv.oo 10;), 
Myrrhe, in Ziegengalle aufgenommen, mit weißem Wein verdünnt, dann in 



Kupfererze sich ansetzt (Plin. n. h. XXXIV, 1 3. — Nach Behendes unreines Kupfer- 
oxyd). 6t[j.'jS)tov (nach Benfey I, 616, wie aTi;j.p.t, ein ägyptisches Wort) bedeutet 
Bleiweiß, cerussa, basisch kohlensaures Blei, dessen Bereitungsart schon Theo- 
PHAST angegeben. (Curtius hat nichts über dieses Wort.) 

1) Der zur Zerkleinerung diente, ebenso wie auch der Mörser. 

2) Das Wort ist besser, als das in deutschen Büchern häufige der »Ciliar- 
neuralgie.« 

3) Die alten Griechen verwandten zu Augenmitteln die folgenden Kupi'er- 
präparate: 1. As-tc, Hammerschlag des Kupfers. 2. ///X/.iTi;, grüner Kupferstein. 
3. ■/aA7.7.Ni)Tj, blaues Kupfervitriol. 4. ioc, Grünspan. 



80 XXIII. Hirschberg, 

einem Knpfergefäß an der Sonne getrocknet; endlich in einem Rohr auf- 
gehoben und trocken angewendet. 

7. Augensalhe, ("EfxTrXaaTpov) ^). 

Aus jxi'oD (Vitriol-Erz) und Bleiasche, 

8. Eine andre. 

Aus Misy und Bleiweiß. 

9. Eine stärkere. 

Aus Kupferasche, Blei weiß, Misy. 
'10. Saft der süßen Granate, in einem kupfernen Gefäß gekocht, bis 
er schwarz geworden, wie Pech. 

11. Einstreichen in's Auge: Besten Honig und alten süßen Wein, zu- 
sammengekocht. 

12. Ein Streupulver für die Augen wird bereitet aus gebranntem Blei, 
Kupferasche, Myrrhe, Mohnsaft, altem Wein, trocken verrieben und an- 
gewendet. 

13. Ein andres aus Meerzwiebel, Kupferasche, Bleiweiß, verbranntem 
Papier (/ap-:-/);), Myrrhe. 

Uebrigens kommt in diesen Stellen das Wort y.oX^o-jpiov für örtliches 
Augenmittel (vgl. § 1U) noch nicht vor. (Wohl aber in der Bedeutung 
Gcbürmutterstift, [x/j-pituv v.oX^^oupta, in der Schrift von den Frauenkrank- 
heiten I, Foes 609, 44.) 

Somit besaßen die alten Griechen schon zur Zeit, als die hippokratische 
Sammlung fertig gestellt worden, also etwa 200 v. Chr., örtliche Augen- 
mittel von zusammenzieliender Wirkung, die unsren Blei- und Kupfer- 
Salben ähnlich waren 2). Hingegen war derzeit vom Einstreichen nar- 
kotischer Mittel, das später von Galen 3) so herb getadelt wurde, noch 
keine Rede, wenn man nicht den Safran (y.po/.o;) hierzu rechnen will, 
der ja ein ätherisches Oel von narkotischer Wirkung enthält 4). 

Die oben erwähnten Arzneivorschriften wenden sich an den Arzt 
selber; er hat sie auszuführen. Apotheken in unsrem Sinne gab es nicht. 

Denn die dem geneigten Leser vielleicht aus dem Aristopiianks be- 



ll wohl äußerlich, auf die Lider. 

2) Bei Aristoteles (?) (384— 322 v. Chr., über Wundermcären, II, 83'. b 34 u. 22) 
könnte man die hauptsächlichsten Augenmittel der Griechen aus ihrer klassischen 
Zeit kurz und bündig überliefert ünden, wenn die genannte Schrift nicht als — 
unecht zu betrachten wäre. 

I. Ol lotTpol TW ä'vDet Toö yoiXv.oO v.al tyj Tscppa tt] 'IVj'jyioc ypwv-ai 7:p6; to'j; rjz,\]r/}jj,o'j^. 

Die Ärzte gebrauchen für die Augen Kupfer-Blüthe u. Tropfstein-Asche. 
II. yp'jao-/,öX}.rt. (Wörtlich Gold-Leim. Nach Vielen ein Kupfer- Ocker. Nach 
Bebendes aber Borax, mit Kupfersalzen verunreinigt und dadurch grün 
gefärbt.) 
III. Dazu kommt noch der Honig. Zool. I, B. I 627a 3. (Das ist eine echte 
Schrift des Aristoteles.) 

3) X, 171, (M. M. III). — DiosGOR. rülimt die Narcotica. 

4) Nothnagel u. Rossbach, Arzneimittellehre, V. Aufl., Berlin, 1884, S. 531. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 81 

kannten o7.p[jL7.xoTr()i>Aai (Arzneihändler), die neben Haus- auch Zauber-, 
Färbemittel und dgl., gelegentlich auch ein Feuerzeug (die mit Wasser 
gefüllte, gläserne Brennkugel), feilhielten; und ferner die piCo-oao'. (Wurzel- 
schneider, d. h. Drogenhändler) waren wie die Traumdeuter (öv£ipo[j,avr£'.c) 
und Sympathie-Doctoren (cpapii.axoixav-sic) lediglich und allein Kurpfuscher. 

§ 42. Augen-Diätetik. 

HippoKRATEs war besonders groß in der Diätetik. Aber bezüglich 
des Auges haben wir in der hippokratisclien Sammlung nur wenige 
Sätze, noch dazu alle in den unechten Schriften. 

1. In dem Buche vom Arzt') werden diesem die folgenden Regeln 
gegeben: Die Werkstatt des Arztes-) darf nicht allzu hell sein, damit nicht 
die (schwachen) Augen krank werden; das Licht darf nicht grade von 
vorn in das Gesicht fallen. Die Tupfer sollen rein und weich sein, die 
für die Augen aus Leinwand. 

2. hl dem Buche von der Sehkraft 3), § 9, erhält der Kranke die fol- 
genden Vorschriften: 

»Während der jährlichen und epidemischen Augenentzündung 
ist nützlich Reinigung des Kopfes und des Darmes; und, wenn der Körper- 
zustand es gestattet, ist Blutentziehung vortheilhaft gegen einige dieser 
schmerzhaften Krankheiten, sowie Schrüpfköpfe auf den Blutadern. Essen 
soll er wenig Brot, trinken nur Wasser; liegen aber im Dunkeln, fern 
von Rauch, Feuer und allem Glänzenden, und zwar auf der Seite, bald auf 
der rechten, bald auf der linken. Den Kopf soll er nicht nass machen, 
da dies nicht nützlich ist. Kataplasmen, wenn der Schmerz beseitigt ist. 
Es ist nicht nützlich, dass der Kranke lange Zeit flxirt, denn es ruft Thränen 
hervor, da das Auge es nicht aushalten kann gegen den Glanz; aber er 
soll auch nicht lange Zeit die Augen zugekniffen halten, zumal wenn heißer 
Thränenschuss besteht; denn die zurückgehaltenen Thränen erhitzen das 
Auge. Wenn kein Thränenschuss mehr besteht, nützt es, ein trocknes 
Mittel einzustreichen. « 

3. Meiran als Getränk ist nachtheilig für die Augen und die Zähne 4). 
Den Augen und Ohren sind schädlich Linsen, Obst, Süßigkeiten und Gemüse''). 

§ 43. Von den organischen Erkrankungen des Augapfels. 
Wenngleich in den hip p o kr a tischen Schriften niemals schulmäßige 
Begriffserklärungen geliefert werden, diese vielmehr dem mündlichen, 

1) KÜHN I, 58; Foüs. I, 19; Littre IX, 208. 

2) iY]Tp£tov heißt nicht Krankenzimmer, wie Andreae (S. 64) übersetzt. 

3) Kühn III, 46; Foes. I, 689; LiTTRii IX, 138. 

4) Volkskr. V, §54. Littre V, 238. Meiran, öptY^vo;, ein scharf und bitter 
schmeckendes Kraut. Puschmann (Alex.Trall. II. Reg. Dosten. = Origannm majorana. 

5) Volkskr. V, § 5S. Littre V, 238. Vgl. Volkskr. II. § 76 (Littre V. 434; 
Kühn III, 682; FciJs. II, 1229), wo die beiden Sätze fast wörtlich wiederholt werden. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXllI. Kap. 6 



82 XXIII. Hirschberg, 

klinischen Unterricht vorbehalten blieben; so ist doch aus den zahlreichen, 
auf die Ophthalmie bezüglichen Sätzen der hippokratischen Sammlung zu 
entnehmen, dass hauptsächlich einein der Bindehaut des Auges wurzelnde 
Entzündung so benannt wurde, wie dies später Galen ausdrücklich hervor- 
gehoben hat^). 

Deshalb brauchen wir über Erkrankungen der Bindehaut (I) 
hier nicht noch einmal zu sprechen. (Vgl. § 35.) 

Von den Lidkrankheiten (II) wird das Hagelkorn, vielleicht durch 
Zufall, nicht erwähnt; wohl aber das Gerstenkorn. (1.) 

Beim Hagelkorn ist der griechische Namen (Chalazion) 2) den 
heutigen Aerzten geläufiger geblieben, als der lateinische, grando. Vom 
Gerstenkorn kennen sie nur den lateinischen, hordeolum (übrigens schreiben 
die Römer hordeolus), nicht aber den griechischen, xpiÖTj. Am besten 
wäre es in beiden Fällen, wie das Volk, deutsch zu reden. 

In dem 2. Buch der Volkskrankheiten 3) (11^ §5) wird eine Wunder- 
mär erzählt: 

»Moschus, der stark am Blasenstein litt, bekam auf dem Oberlid, nahe 
zum Ohr, ein Gerstenkorn, das später nach innen schwor. Am 5. und 6. 
Tag brach der Eiter nach innen durch. Damit hörten unten die Schmerzen 
auf. Eine Drüse befand sich am Ohr, und eine zweite unterhalb, am 
Halse, in Richtung der oberen.« 

2. Gegen die Augenlidkrätze ((Ltupa-*) ßAscpapov) und das Jucken 
(xvr|a[jLOc) ^) wird in dem unechten Buch von der Sehkraft (§ 6)f>) örtliche 
Behandlung empfohlen, mit einem Muß aus Kupferspähnen und dem Saft 
unreifer Trauben. Gemeint ist die Lidrandentzündung. 

3. Phlegmone des Lids wird beschrieben im Verlauf einer fieber- 
haften Krankheit mit Delirien: und zwar in dem unechten Anhang zu 
der Lebensweise in akuten Krankheiten '] . Galen hat schon gerügt, dass 
der Vf. dieser Schrift die einzelnen Fieberfälle nicht genügend voneinander 
getrennt hat. So muss ich es für unentschieden ansehen, ob hier ein 



1) Galen, über die Zusammensetzung der örtl. Heilmittel III; Band XII, 7H. 
Vgl. oben § 35. 

2) ya/.cit^a, yaXaCiov. Das Hagelkorn wird schon im Papyrus Ebers ange- 
deutet (s. oben § 5 No. 9) u. von den späteren griechischen Ärzten oft beschrieben. 
[Galen (?) med. XIV, 770. Def. med. XIX, 437. Celsus VII, 7. 3. Paull. Aeg. Chir. 
c. XVI, S. '124. JoANN. Akt. (Diagn. II, 45.)] Wir werden auf die Lehre der grie- 
chischen Aerzte vom Hagelkorn noch zurückkommen. 

3) KÜHN III, 436; FOES. II, 1010; Littre V, 86. 

4) Von 'Lcxiu, kratzen. Die Stelle lautet öy.o-av os ßXecapa owotä y.al 7,v7]3;j.ö; 
i'/T], . . . (Lateinisch Scabies. Krätze.) 

5) Von -/.vao), kratzen. 

6 Kühn III, 45; Foes. I, 689; Littre IX, 158. 
7) Foes. 401, 7; Littre II, 446. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. §3 

Fall von sogenannter Pustula maligna vorliegt, obwohl manches dafür 
spricht. 

[»Aber auch Blasen ((pXuCaxia) bilden sich auf der Braue und Rüthung, 
und das eine (obere) Lid wuchert über das andre herüber, und eine harte 
Entzündung (axXrjpvj ziXz'(\).OTq) besteht, und das Auge schwillt stark an, 
und das Delirium nimmt gewaltig zu.«] 

4. Bei langwierigem Schleimfluss der Augen kann man Ausstülpung 
der Lider — ßXscpdtpcuv extpoTtviv — vorhersagen. (Porrhet. IL)'). 

Hier haben wir wieder einen Namen vor uns, der die Jahrtausende 
überdauert hat und noch heute im Munde der Aerzte fortlebt. Von 
£x--p£Tr«), ab-lenken, aus-renken, kommt sxTpoir-/], exTpc^uiov, eversio palpebrae. 
Wegen der Häufigkeit der Kürnerkrankheit wurde die Ausstülpung des 
Lides regelmäßig von den griechischen Aerzten beobachtet und wird von 
allen, die über Augenkrankheiten handeln, beschrieben 2). (Galen (?), def. med. 
XIX, 439 ; med. XIV, 772; Aet. VII, p. 136. Paull. Aeg. III, c. 23, p. 73. VI, 
c. 12. Theoph. Nonn. c. 51, 1, p. 215. Joann. Akt. II, 445. Cels. VII, 7, 10.) 

In keinem dieser griechischen Schriftsteller, deren Wirken andert- 
halb Jahrtausende umfasste, steht ein Wort von dem Entropium, mit 
dem heutzutage fast jedes Lehrbuch — geschmückt ist. 

Mir ist das kein Wunder. Denn sv-poir-/] heißt die Schaam, von 
£v-p£7r£3i>ai (pass.), sich kümmern, sich schämen 3). 

Wer hat den falschen Ausdruck Entropium eingeführt? Ein Lands- 
mann, Keck, in seiner Tübinger Dissertation vom Jahre 1733, de ectropio^): 
.... illius palpebrarum perversionis, quae tarsos extraneamque palpebram 
.... versus bulbum dirigit .... quamque ideo vocare licebit entropium ab 
£v et tpsTtu) .... Realem hanc distinctionem acceptam referimus celeberrimo 
Woolhousio^). 

Mauclerc (1758) hat das Wort noch nicht, wohl aber Plenk (1778). 
Seitdem finden wir es in allen Büchern. 



1) KÜHN I, 213; Foiis. I, -102; Littre IX, S. 46. 

£1 0£ t6 [j.£v otor;[j.a -iCaiaoTaiY] , oa- Wenn aber das Oedem nachlässt, u. 

-/.fj'jov o£ zoX'j d7rr/££xai -oX'jv ypovov, v.ctl reichlich Thränen sich ergießen für lange 
A-?jij.at £(001, Tolat [j.£v dvopdai ßXEcpdpiuv i-/.- Zeit, u. Krusten (an den Lidern) vor- 
Tpo:i'f]v T.[jo'ki-{eis, xrjct 0£ ^uvai^l xal -roTai handen sind; soll man den Mcännern 
-atotoioi £/.v.a)aiv xal tüjv ß?i£cpdpojv i'Aipo- Ausstülpung der Lider prognosticiren, 
-T]v. den Weibern aber u. den kleinen Kin- 

dern Verschwärung ;des Auges) neben 
der Ausstülpung der Lider. 

2) Wir werden darauf noch zurückkommen. 

3) Das Aktiv iMxpl-er; heißt 1. wenden, 2. beschämen (tpETOiv tov ypwT-x, die 
Hautfarbe ändern). (Das Med., nach Hesych.. wenden, ein Gewand. — - Gal. III, 
802: dvxps-saftai (retrahi?) scheint mir falsche Lesart.) 

4) Haller, disput. chir. I, 281. 

5) Ist ganz falsch, da die Alten beide Zustände genau kannten. 

6* 



84 XXIII. Hirschberg, 

Welchen Ausdruck haben die Alten für die Einstülpung? 

Zunächst tpij^waiCj Haarkrankheit; — später cpc^.aYYtoaic, Reihen- 
stellung (der Wimpern), auch cpifjLtoai; Verengerung, Trttoau, Lidfall, ßXscpa- 
p(i)v yaXaaic, Lid-Erschlaffung. 

5. Die Trichosis^) wird zweimal in der hippokratischen Sammlung, 
und zwar in unechten Büchern, erwähnt. In dem Anhang zum ersten 
Buch der Weiberkrankheiten 2) wird empfohlen, die Haare auszurupfen 
und gebrannten, gepulverten Meerschaum (Halcyonion) 3)^ mit Wein benetzt, 
aufzustreichen. Galen (XH, 799) empfiehlt zum Aufstreichen Wanzen- 
blut: das erinnert noch mehr an die Vorschriften des Pap. Ebers. (§ 7, 
Nr. 28.) 

In dem Anhang zu der Lebensweise in hitzigen Krankheiten 4) wird 
gegen Trichosis eine Operation empfohlen, auf die wir noch später ein- 
gehen werden. 

§ 44. III. Von den Krankheiten der Thränenwerkzeuge finden sich bei 
den Hippokratikern nur wenige unbestimmte Andeutungen. Das 
ist auch leicht verständlich, da sogar die Vf. der Galenischen Sammlung 
noch recht unklare Vorstellungen von dem Bau und der Verrichtung der 
Thränenwerkzeuge besaßen. 

Allerdings kann man schon den ersteren zugestehen, dass sie 1. das 
Thränen bei Reizung des Auges beschrieben, und dagegen (was 
A. Hirsch übersehen hat) etwas andre Mittel empfohlen haben, als bei 
Thränen mit Schleim-Absondrung; dass sie 2. das Thränen der Greise, 
also durch behinderte Leitung, kannten. Ob sie 3. den Abs cess in der 
Gegend des Thränensacks beschrieben, ist zweifelhaft. 



1) Von ftf^i;, Haar. — Auf die zahlreichen verwandten Benennungen kommen 
wir noch zurück. — Die Wimper heißt ßXecpapt?. 

2) Kühn II, 758; Foiis. I, 636; Littre VIII, 230. 

3) Bei den Alten war Meerschaum etwas ganz andres, als bei uns. 

Die Alten nannten gewisse Stoffe, die das Meer ans Land wirft, (iXv.u6vtov 
und glaubten, dass der Eisvogel (ä>.7.uu)v, alcedo) daraus sein Nest baut (Aristot. 
h. an. IX, 15; Plin. n. h. X, 47), — doch baut derselbe gar kein Nest! Dioscorides 
(m. m. V, -135) beschreibt 5 Sorten des Alcyonion, von denen die ö., aus einer 
Insel der Propontis, den dort einheimischen Namen äX6; äyvTj „Meeres-Schaum" 
führe. Nach C. Sprengel (Diosc. B.II, S. 651) waren es Zoophyta(Schwämme u. 
Korallen), die, außer thierischem Leim, auch Kalk enthalten. 

Wir nennen Meerschaum ein Mineral aus der Ordnung der Silicate (Talk- 
Gruppe), das aus wasserhaltiger kieselsaurer Magnesia besteht. Der aus Eski- 
Schehr in Klein-Asien wird zu Pfeifenköpfen verarbeitet. Nach Quenstedt's Mine- 
ralogie ist der Name Meerschaum vielleicht aus dem anatolischen Wort Myrsen 
entstanden. Die Römer haben diesen Meerschaum auch gekannt, korallitischen 
Stein genannt und zu Gefäßen verarbeitet. (Plin. n. h. XXXV, 8, 13.) 

4) KÜHN II, 97; FoEs. I, 4 06; Littre II, 516. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 85 

1. Anhang zum ersten Buch der Weiberkrankheiten i): 'Eav 6<pOaX}i.o; 
oay.pu-/] y.ai oouvrj e/y]. »Wenn das Auge thränt und Schmerz besteht«, — 
Granatapfelsaft, im Kupfergefäß schwarz und dick gekocht, einzustreichen. 
— 'Eav 03 oa'/.p6'(i xctl ^XaiJ-upoc; -q o 6<pöaX[jio'?. »Wenn das Auge aber 
thränt und buttrig ist«, — • den getrockneten Saft weißer Trauben mit Grün- 
span mischen und einstreichen. 

2. Aphor. III, 31 2] xoTai os Ttpeoßurfjat .... y.al öcpOaXtxaiv xai pivöiv 
uYpoTYjTcc. »Bei Greisen .... Tröpfeln der Augen und der Nase.« 

3. Volkskr. ^) IV, §25. Hegesistratius hatte einen Abscess neben dem 
Auge, und Eiter kam heraus bei dem letzten Zahn, und sogleich ward das 
Auge geheilt und dicker Eiter kam aus der Nase. — Mir scheint das keine 
Thränensack-Eiterung gewesen zu sein, sondern ein Abscess von Zahnknochen- 
haut-Eiterung. 

Vollends die Koischen Vorhersagungen 4) (§ 553): Bei den Würgenden mit 
Darmleiden entsteht ein Ausschlag, wie von Mückenstichen, und in die 
Augen eine thränige Abscheidung. (Kai ic, ojxjxaTa oaxpocuo'/ii; dTroaxas!.? 
spystai.) Hier ist von Eiterung des Thränensacks gar keine Rede. 

§ 45. IV. Von Erkrankungen der Hornhaut werden namentlich 
die Geschwüre als Folgezustand der Augenentzündungen behandelt; auch 
der Vorfall der Regenbogenhaut. Besonders wichtig ist die Stelle im 
zweiten Buch der Vorhersagungen (prorrhet. 18, 19, 20)^). Sehr merk- 
würdig ist ein kurzer Satz im vierten Buch von den Volkskr. ^j (§ 44): 
ToTaiv £[j,7:uoiai xa 0[xjjLaTa, y.al sxpr^yvuixsva [xs^aXa i'Xxea") YivEiat,, xai 
Ta|j.vo[jL£va ßaösa, dfxcpoTspu)? at o'j^si? sXy.ouvTai. 

»Beim Hypopyon bewirkt Spontan-Aufbruch großen Substanzverlust ^), 
Aufschneiden aber tiefen; in beiden Fällen eitert die Sehe.« (Pupillensperre.) 

2. Außer den Geschwüren der Hornhaut werden die Narben geschil- 
dert. Auch von diesen sind zwei treffliche Sätze schon oben (§ 37, 3) her- 
vorgehoben. Die Narbe heißt ou^ 9). 



-1) Kühn II, 758; FoMs. I, 636; Littre VIII, 2-28. 

2) Kühn III, 727; Foüs. II, 1248; Littre IV, 502. 

3) KÜHN III, 527; FoES. II, 1131; Littre V, 168. 

4) Littre V, 710. 
3) Vgl. oben, § 87. 

6) Littre V, S. 184; Kühn III, 537; Foes.II, 1136. Littre's Uebersetzung ist un- 
genau. Iijir'jo; ist fast gleich üror-jo;, in der Tiefe eiternd, unterködig. Wer will, 
kann auch „bei Hypopyon-Keratitis" übersetzen. Der Satz ist nicht so unsicher, 
wie Fuchs annimmt. (Uebersetzung des Hippokrat. II, 214.) 

7) i'Xv.o;, Ulcus, eigentlich Substanz- Verlust. 

8) Deshalb empfahl noch A. v. Graefe die Function der Hornhaut bei dem 
ausgedehnten, verdünnten Geschwür derselben. 

9) Vgl. ouls = salve. (Hirschberg, Wörterbuch d. A. S. 63 und Suhle und 
Schneidewin, W. d. griech Spr., 1102.) Doch will Curtius (Gr. Etym. S. 372) das 



86 XXIII. Hirschberg, 

"N'ier verschiedne Arten von Hornhautnarben werden unterschieden: 
Nebel, Wolke, Fell, Weißfleck. 

Prorrh. II, 20>): 

^AyXozc. y.al vecpsAai xal aiYi'os; Die Nebel und Wolken und Felle 

exXsaivovtai xat dcpaviCovrai, r^v |xr] wei-den dünner und unsichtbai', wenn 

Tptüfxa TL iTTiYSVTjTai £V TouTTO) TU) nicht eine Wunde erfolgt war an dieser 

)ruipiü) Tj Tcpoaifsv Tuyjfj ouXr^v e)^u)V Stelle oder vorher eine Narbe bestand 

. . . . Tj TTTspu^iov. nv 0£ TrapaAaijL- oder ein Flügelf eil ^j. Wenn aber 

'^i? Y£vr|Tai y.al aTtOAsuxavfl toü [jls- ein hellleuchtender Fleck sich bildet, 

Xavoc [xopidv ti, ei tuouXuv )jpdvov und ein Theil vom Schwarzen sich 

T:apa[jL£voi xai -zpriyzit] T£ xai •Ka/zit] weiß färbt, wenn der Fleck lange Zeit 

eir^, oiTj T£ xal [xvrjfxdouvov UTroxaTa- bleibt und rauh und dick erscheint; so 

Xi-£Tv. ist er wohl im Stande, ein dauerndes An- 
denken zu hinterlassen. 

ayXdz heißt Nebel (caligo bei Pliniüs) ^j; VEcpsXrj Wolke (nubecula, 
bei Plimus^) und noch in neuen Schriften, z.B. Graefe-Saemisch, I.Aufl.)^): 
ab(U Ziegenfell, Fell, wie die Araber von sebel (pannus) und Bartisch vom 
Hornhautfell sprach 6). Allerdings scheint Galen eine andre Lesart anzu- 
nehmen; er sagt in seinem Wörterbuch zum Hippokrates: dyAirj, tj ev toTc 
öcpOaXtjLoT? uTtdXEUxo; cuXt), xaOdcTCEp ev tü) [xeiCovi IIpopprjTixm. »Aglie, die 
weißliche Narbe in den Augen , wie in Prorrhet. « Doch kann man hier 
vielleicht aiyu lesen. Denn in derselben Schrift des Galen heißt es auch: 
■irapdXafjL^ic, rj Iv tä [liXavt tcuv öcpilaXixüiv £7TiXd[X7:ouaa ouXt], oid to riooyr^ 
Tzayjozipa £ivai aiyiooc. »Paralampsis, die strahlende Narbe im Schwarzen 
des Auges, die ein wenig dicker ist als das Fell.« OapdXafx^'ic ist wohl 
dasselbe, was später XEuxwfia (albugo), Leucom, genannt worden. 

AVährend die späteren Griechen ganz einfache und klare Bezeichnungen 
besaßen^), so haben jene krausen Namen der hip'pokratischen 
Sammlung noch bis in das vorige, ja selbst bis in unser Jahrhundert 



Wort oiiX-f] von diesem Stamm trennen und von oXo; (Jon. oüXo;) = ganz, ableiten 
und somit als /oXvy] mit lat. vulnus (vol-nus), sanskrit vrana-m, Wunde, zu- 
sammenstellen. Hesych. o'jX-t)* iX-z-o; eic u^ltla^^^ fjvtov. »Ein Substanzverlust, der 
geheilt ist.« — In imsren Lehrbüchern finden sich noch die überflüssigen Aus- 
drücke Oulotomia oder Ulotomia (von oiiX-f; und toja-/], Schnitt,) und Cicatrisotomia 
(von cicatrix, Narbe,) = Narbenzerschneidung. 

-1) LiTTRE IX, 48; Kühn I, 215; Foes. I, 102. 

2) Von Operation des Flügelfells ist bei den Hippokratikern nichts zu 
finden. 

3) XXIV, 139, Ausg. V. SiLLiG, Band IV, S. 87. 

4) XXV, 142; XXIV, 134 u. a. a. 0. 

5) IV, I, 300. 

6) Für den Gebrauch von aiyE; ist beachtenswerth, dass skt. ägina-m über- 
haupt Fell bedeutet. (G. Curtius, Gr. Etymol. S. 172.) 

7) Z. B. heißt es bei Paull. Aeg. (670 n. Chr.} III, S. 75: die Narben der 
Hornhaut (ciOXat) heißen bei einigen, wenn sie oberflächlich sind, v^cpIXia; wenn 
tiefer, X£'jv.iij[j.aTa. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 87 

hinein ihr Dasein gefristet, also eine nachhaltige, geschichtliche Wirksam- 
keit entfaltet. 

Die gelehrte Dissertation von Bdury-Maüchardt^) (1743) quält sich 
vergeblich ab, wissenschaftliche Erklärungen sowohl von den vier hippo- 
kratischen Formen als auch vom Leucom zu geben. Plenk (1778) unter- 
scheidet 1 . halbdurchsichtige Flecke (macula corneae semipellucida s. nephe- 
lium s. achlys s. aegis [?]); 2. weiße Flecke (m. c. opaca s. leucoma); 
3. periförmige (weiße, erhabene) Flecke (m. margaritacea s. Paralampsis). 
Noch HiMLY (1817, II, 46) bemüht sich, die hippokratischen Namen mit 
den neueren Erfahrungen in Uebereinstimmung zu bringen. 

In Schriften uns r er Tage-) werden die Hornhauttrübungen nach dem 
Grade abgestuft in 1, Nubecula, 2, Macula, 3. Leucoma, woran ich nur 
auszusetzen habe, dass 1. und 2. lateinisch, 3. griechisch, während albugo 
ein gut lateinisches Wort ist, verbürgt durch Plinius^) sowie durch die 
Vulgata. 

§ 46. y. A'on den Leiden der Regenbogenhaut wurden besonders 
hervorgehoben (Prorrh. II, 18 — 20)4): 1, Vorfall, 2. winklige Beschaffenheit 
der Pupille, 3. Vergrößerung derselben, 4, Verkleinerung derselben, 5. Ver- 
dunldung derselben (Star). 5 gilt für unheilbar; 4, 3, 2 für etwas besser; 
1 ist heilbar, wenn klein und bei jungen Individuen. 

A. Ai ok xopat YXauxoujj-svat, t^ Wird die Pupille hellblau oder 

apYuposioes; -yivdfisvai, r^ ■/udcvsai, silbergrau oder dunkelblau, so ist sie 

ouosv y^pr^oTo'v TouTsoJv OS ciAiym nicht mehr brauchbar (zum Sehen). 

d[i,£ivoüc, oxoaai r^ 3[i,iy.po73p7.i (^ai- Ein wenig besser ist die, welche A'er- 

vov-ai T^ £upuT£pcfi Tj ywvi'ac iyouoai, kleinert erscheint, oder vergrößert, oder 

SIT £■/ irpocpaaiojv Toiau-ai '(Z^^oiaTO, winklig, sei es aus bestimmter Ver- 

£VT 7.u-d[xaT0i. anlassung, sei es von selber. 

Zweifellos haben die Hippokratiker den Star] beobachtet, aber 
weder genauer zu beschreiben noch zu heilen vermocht. Zweifellos kannten 
sie die Folgen der Regenbogenhaut-Entzündung, sowie die sogenannte Miosis 
und Mydriasis, ohne aber solcher Namen zu bedürfen. 

In der Schrift von den Stellen im Menschen § 13 5) findet sich eine 
Krankheit, die man wohl als Entzündung der Regenbogenhaut mit breiten 
Verwachsungen, Glaskörpertrübung und Sehstörung deuten kann^). 



i) Haller, Disput, chir. I, 339. 

2) Graefe-Saemisch I. Aufl., IV, I, 300. 

3) 28, 171; 22, 22; 24, 89 U. a. a. 0. 

4) Vgl. oben § 37. S. Littre IX, 44—50; Kühn I, 214; Foüs. I, 10-2. 

5) Littre VI, 302. 

6) Aber nicht mit A. Hirsch, S. 247, als Blutung in die Vorderkammer 
auffassen sollte, zumal diese, außer nach Verletzung, so außerordentlich selten 
vorkommt. Vgl. unten § 5GA. 



88 XXIII. Hirschberg, 

B. Hv e? rJjv otj^iv e? t6 uYpov Wenn aber in die Sehe zu der 

•/.aOapov aijjLaxüiüs? ti iasXOifj uypov, durchsichtigen Feuchtigkeit etwas blutige 

TouTtt) Ti o^t? evoov £[i.cpaiv£~ai. tou eindringt, dann erscheint innen im Auge 

6c5f}aX[xou ou OTpo-j'Y'^^öv iov oia toos' des Kranlcen die Sehe aus dieser Ur- 

[sv (1) av To aitxaTäiosc sv^, touto sache niclit kreisförmig .... Und der 

O'jx etJLCpaivsTai, touto) ot] sXXsiTrsi Kranke hat die Empfindung, dass ihm 

~b cpaivdfAsvov TTspicpsps? sivai*')] xal etwas vor den Augen hin und her fiiege, 

-poxivssaöai auTO) ooxeet Tcpo ttuv und er sieht nichts so, wie es wirlclich 

ocp^aXjxüiv , xai ouosv xat dXYji)£i7.v ist. Hierbei muss man die (pulsirende] 

6pa2). TouTou /p"}] ~a.c, cpXsßac drco- Schläfen-Ader brennen .... 



xaisiv 



§ 47. Wir sind also naturgemäß zu den Linsenkrankheiten ge- 
langt und zwar zur Trübung der Krystall-Linse, die doch an allen 
Orten und zu allen Zeiten ein Gegenstand ärztlicher Beobachtung sein musste. 
Aber die hippokratischen Schriften bieten eine unglaublich dürftige Aus- 
beute. 

a. Die eine Stelle haben wir vorhin angeführt (§ 46, A.). 

b. Die zweite steht im Anfang der unechten Schrift von der Sehkraft 3). 

Ai o^];i£? ai ot£cpOap[X£vat, auro- Wenn die Pupillen ihr normales 

[xaToi |JL£V xuaviTiOEi; '(iv6\i.zvai, i^aTci- Aussehen verlieren und spontan blau 
vTjC -(ivo'jxai, xal £Tr£iodv Y^vcoviai, (kornblumenfarbig) werden, so tritt diese 
oux £a~t,v lr^a'.c, TOiautr^. Veränderung plötzlich ein, und sowie 

sie einmal da ist, giebt es keine Heilung. 

Sichel will hier an unser akutes Glaucom denken. Ebensogut (oder 
noch eher) ist es möglich, eine rasch eintretende Linsentrübung jugendlicher 
Kranken anzunehmen, auch eine gelegentlich mit Stockblindheit (z. B. Netz- 
hautablüsung u. dgl.) verbundene. 

Ai OS &aXaoao£iO££; Ytyvojxsvai, Aber diejenigen Pupillen, welche 

xata [Jicxpov sv -oXXo) yjtovui oia- meerfarben^) werden, verlieren ganz 
cpf^EipovTat, xat TioXXdxic 6 ftEpo; allmählich erst in längerer Zeit ihre 
6cp{}aX[xo; £V ttoAXö XP^'^^^P uoT£pov Sehki'aft, und oft ist das zweite Auge 
oiscpOdpirj. erst weit später nach langer Zeit blind 

geworden. 

Hier erkennt man den gewöhnlichen Verlauf des Alter-Stares. 

c. Im vierten Buch von den Volkskr., c. 30^), steht die Beobachtung 



i) Einschiebsel, von Linden ausgelassen. 

2) Fuchs (II, 378) übersetzt: »er sieht in Wirkhchkeit nichts«, was un- 
richtig ist. 

3^ Dieselbe ist unklar, offenbar verdorben und verstümmelt. S. Kühn III^ 
42; FoES. I, 688; Littre IX, 152. 

4) Blau, wie das mittelländische Meer. Andreae bezweifelt dies. Er bat das 
Mittelmeer wohl nie gesehen. 

ö) Littre V, 174; Kühn III, 531; Foes. II, 1133. Das Kapitel ist verdorben 
und unklar. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 89 

verzeichnet, dass bei einer wassersüchtigen Alten die Pupille sich bläulich 
trübte (sYXauxwilT] vj o'|/u). 

d. Die wichtigste, weil echte, von Hippokrates selber geschriebene 
Stelle umfasst nur ein einziges Wort: Y^auxtuscs;. 

In den Aphorismen, III, 31 '), werden unter den Krankheiten der 
Greise aufgezählt: afißÄuto-iai, "(Xo-o'/m^szc, ßapur^xoiai, d.h. Sehstörungen, 
bläuliche Trübungen der Pupille, Schwerhörigkeiten. 

Hier müssen wir uns ernstlich mit der Frage beschäftigen : Was heißt 
~(Xa.0Y.6c,? Zunächst wollen wir den Irrthum, der in Lehrbüchern der Augen- 
heilkunde vom Jahre 1886 und sogar noch von ISSO^j steht, »Y^aü/o^^) heißt 
meergrün«, über Bord werfen, Avenn auch der gelehrte Gorraeus'*) Quell des 
Irrthums ist: Sic enim color glaucus fit, viridi et albo sinml mixtis. 

Aber Plato, der es besser^) -wissen muss, sagt im Timaeus'') c. XXX: 
xuavou OS Äsuxa) xepavvu[j,£vou •iXaoy.h'j (j^puifjLa) aTroTSAslTat, »wenn Korn- 
blumenblau zu Weiß gemischt wird, entsteht das Wasserblau«. Das ist voll- 
kommen eindeutig. Das hat auch schon Castelli '^) besser, als Gorraeus, ver- 
standen : Color glaucus vel dilute coeruleus. Das hat Sichel ^) klar hervorgehoben 
und Andreae in seiner gründlichen Abhandlung über die Augenheilkunde des 
Hippokrates^) bereitwiUigst angenommen. Das wird in den beiden neuen, von 
Griechen verfassten Sonderschriften über die Farbenlehre der alten Griechen'") 
ausführlich erörtert. 



4) LiTTRE IV, 502; Kühn III, 727; FoiJs. II, '1248. 

2) Mein Wörterbuch erschien i 887. 

3) Das Beiwort heißt •(Ka'r/Jjc. Hingegen ist ■^J.a'r/.o^ (glauciscus) ein Seefisch. 

4) Defin. med. Paris 1564 und Frankfurt 1568. Ihm folgten im vorigen Jahr- 
hundert Brisseau und Heister, im Anfang unsres Jahrhunderts die Augenärzte 
(Benedict) und die Wörterbücher (Dict. de medecine en LX vol., vol. XYIIl. Kein 
Wunder, dass die heutigen Schulbücher den Fehler wiederholten. 

5) Die Bedeutung der griechischen Worte ist nicht aus den kleinen Schul- 
wörterbüchern, sondern aus den altgriechischen Texten zu entnehmen. 

Rost erwähnt nicht einmal die Bedeutung hellblau bei ilawAÖ:;. Und das 
viel genauere Handwörterbuch von Suhle und Schneidewin (Leipzig 1875) setzt 
neben die richtige Bedeutung bläulich die falsche grünlich, da bei Homer 
(11, 16, 34) -^Ivr^-r^ 9dXaaaa steht. Als ob das jonische Meer nicht blau wäre! 

6) Ausg. von Herrmann (Teubner, Leipzig 1893), S. 59, B. iv, S. 377. In der 
gewöhnhch citirten Ausgabe von Steph. T. III, p. 68, c. 

7) Lexicon medicum, Genevae 1764. 

8) Memoire sur le glaucome, Annales d'Oculist. VI, 216 ff. Vgl. Littre's 
Ausgabe des Hippokr. IV, S. 502. 

9) S. 120. 

10) Kordellas und Benaky. (Vgl. § 107, Nr. 5 u. 6.) 
Ebenso Veckenstädt, Gesch. d. griech. Farbenlehre, 1888, S. 14 4. 
Bei einem Wort, das in alle unsre Lehrbücher eingedrungen, scheint es 
von Wichtigkeit, anzumerken, dass /Act-j-y.'-j? virsprünglich licht oder schimmernd 
bedeuten soll. (Gurt., Gr. Etym. 1331^, S. HS.) Benaky will die beiden Begriffe, 
licht und hellblau, vereinen in der Farbe des vollkommen heitren Himmels. Er 
hat zahlreiche Belegstellen für die Bedeutung von yX^-jv-o; aus griechischen Dichtern 
und Schriftstellern von Homer bis Eusthasius (im 12. Jahrlu n. Chr.) gesammelt. 

Aber uns interessiren mehr die von ihm eher vernachlässigten Aerzte und Natur- 
forscher. Bei allen bedeutet 'f/.a'jv.6i {'f/.a'jv.-6(ftiaK[).oz] das blaue Auge im Gegensatz zu 



90 XXIII. Hirschberg. 

rXauxcDatc bedeutet also in der erwähnten Stelle des Hippokrates eine 
bläuliche A'erfärbung der Pupille, d. h. dasjenige, was man später 
Unterlaufung {'jrzoyjjjic, u7rd/o;xa) genannt hat; also das, was wir heutzutage 
Star nennen. Dies hat schon der Erklärer des Hippokrates, Galen, ganz 
klar ausgesprochen (Commentar. in Aphor., B. XYII, b, 651): y/vauztuas'.; 
03 ... . ota t6 Tr^v loiav ~oö u7ro)^u|j.aTo; iyzi'K »Glaucosis, .... weil es 
den Begriff des Stars in sich schließt.« Noch klarer wird dies aus der 
Star-Lehre des Rufus (I. Jahrb. n. Chr.), wie sie uns in den Sammelwerken 
des Oribas. (IV. Jahrb. n. Chr.), Paull. Aeg. (VII. Jahrb. n. Chr.), Joann. 
Akt. (Xn'. Jahrh. n. Chr.) aufbewahrt worden. Ich will den Satz des ersteren 
hier anführen, zumal die andren fast wörtlich damit übereinstimmen'). 

Ilcpt Y^aüxtoixaTO? y.ai h~oy6\ia.- lieber Glaucoma und HypochA'ma. 

To?. 'Ex TÜiv 'Poucpou. rXoLuxcDixa Nach Rufus. Glaucoma und Hypoehyma 

xat u7ro5(U|xa oi [xsv ä[jyaioi sv tt hielten die Alten für ein und dasselbe. 

Yl'oovTo civai. Ol OS uoTspov rd jjlsv Die späteren aber erklärten das Glaucom 

YAauxu)[xa~a ~oo xpujTaXAosioou? uy- für ein Leiden der Krystall-Feuchtigkeit, 

pou TudOo? evo'[xiCov Tp£T:o;j.£VOD xai die sich verändre und aus ihrer nor- 

|j.£TaßdXXovTo; £x Tvj? oixsi'a; yj^^Oic malen Färbung in die wasserblaue um- 

Trpo? t6 yÄauxov, td 0£ ü-oyoiiaza schlage; das Hypoehyma aber für einen 

uypÄv 7rap£;x7:T(i)3LV 7:r|YVU[i.£Va)V »xs- Erguss von Flüssigkeit, die (später) 

ta^u Tou paYOctooO; xai to5 xpo^-aX- erstarrt, zwischen Regenbogenhaut und 

XoEioouc. EoTi 0£ Trdvta ~a yÄocuxo)- Krystallkörper. Alle Glaucome sind 

[xata dvtata, td 6s u7ro)(utxa~a loctd unheilbar; die Hj-pochymata sind heil- 

ou Trdvra. bar, aber nicht alle. 

Diese dogmatische Darstellung beruht auf der Voraussetzung, dass der 
Krystall-Kürper das Hauptorgan des Sehens ist 2). Hat man ein Leiden, das 
mit Verfärbung der Pupille einhergeht, geheilt, z. B. durch Operation, das 
Hypoehyma; so kann es nicht in dem Krystall gesessen haben, sondern 
nur vor demselben. 

Paull. Aegix. (1. VI, c. XXXI) 3) fügt seiner Darstellung des Star- 
Stichs eine sogenannte differentielle Diagnose bei: Ein Auge, das keinen 



dem schwarzen ([jiXotc). Aristot. {Z-j, £, •!, 788 aiSj setzt •fi.'-rj7.6Tri~oi öfxjjiaTiuv y.al 
ijs'f.a'Aa^ unter die unterschiedlichen Veränderungen. Aber besonders berühmt und 
für uns wichtig ist die folgende Stelle aus dem V. Buch von der Zeugung d. Th. 
(Band I, 779 A): 

■fka'JY.ÖTE.poi 0£ Ta cj[j.[AaTa xwv Trctiottuv eüBu; Y'^^'"'-'--'^"^'^ ^^"'^ "ocvtcuv, uGTspov ok 
[ji£TaßaX).£i TTpo; ttjv 'j-av/£tv [As/j.rj'jcav cp'jot-^ aO-ot;. »Blau sind die Augen aller 
neugeborenen Kinder, später aber ändern sich dieselben zu der ihnen für die Zu- 
kunft bleibenden Beschaffenheit.« 

Vgl. noch DioscoR. I, ■179; Galen XII, 740 u. Aet. VII, S. 132, Z. 10. 

4) Oribas., Ausg. v. Bussemaker v;nd Daremberg, V, 452. 

2) Galen, vom Nutzen der Theile, Buch X, c. 1. Ausg. von Kühn, B. III, 
S. 760. 

3) Chirurgie, par Briau, Paris 1853, S. 238. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 91 

Lichtschein besitzt, bei unveränderter Pupille, leidet an Amaurose; bei bläu- 
licher Pupille, an Glaucom. (Das letztere ist also dasselbe, was die Neueren 
Cataracta complicata cum amaurosi nennen.) Beide Zustände sind unheilbar. 
Heilbar ist die Verfärbung der Pupille mit erhaltenem Lichtschein, das 
Hypochyma. 

Von den Römern will ich nui* erwähnen, dass sie U7:oyuot; mit suffusio 
übersetzten^). Die Araber des Mittelalters mit nusul ul ma, descensus aquae. 
Dies und aqua oder gutta opaca oder Cataracta 2) (Wasserfall) sind die Bezeich- 
nungen in den mittelalterlichen Schriften der salernitani seilen Schule. 

Nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften blieb zunächst die alte 
Lehre vom Glaucom und Hypochyma. Vgl. River., Pract. of Physicks^), London 

1 658, p. 66: It is hard to distinguish Glaucoma from suffusion In the suffusion 

there is a white in the very Pupilla, but in a Glaucoma it lies deeper. This 
disease is uncurable. 

Als dann endlich im Beginn des i 8. Jahrhunderts der Sitz der Katarakt 
in der Krystall-Linse nachgewiesen worden, wusste man mit dem Glaucom 
nichts Rechtes anzufangen: man — verstieß es in den Glaskörper; doch 
fehlte noch jede Ahnung von derjenigen Krankheit, die wir heute so nennen. 
Brisseau (1705), der zuerst mit Sicherheit den Star in die Krystall-Linse 
versetzte, war auch der erste, der mit Glaucom eine auf Glaskörperleiden be- 
ruhende, grünliche Trübung der Pupille bezeichnete, obwohl man von iimi ebenso 
wenig wie von den Alten behaupten kann, dass er die von uns heutzutage 
als Glaucom bezeichnete Krankheit auch nur mit einiger Genauigkeit be- 
schi'ieben habe. 

Heister^), der berühmte Chirurg aus Altdorf, schreibt: Glaucoma tanquam 
morbum ab omnibus insanabilem et desperatum habitum, opacitatem humoris 
vitrei, quae opacitas, saepius glauca, translucet per lentem crystallinum. 

Bei Plenk (Augenkr. 1776) ist Glaucoma gleich Glaskörpertrübung. 

Beer (Augenkr. II, 254, 1817) handelt von der Trübung des Glaskörpers, 
Glaucoma, und vom grünen Star, welcher entweder idiopathisch oder als Folge 
der arthritischen Iritis auftrete. Das ist allerdings unser Glaucom. Heut- 
zutage (seit A. V. Graefe und H. Müller) ist Glaucom Drucksteigerung im 
Augeninnern mit schädlicher Rückwirkung auf den Sehnerven. 

Der grammatische Begriff der wasserblauen Verfärbung der Pupille hat 
keinen Sinn mehr für uns: sie kann fehlen bei dem, was wir Glaucom nennen, 
und vorhanden sein ohne Glaucom. 



1) Das Wort glaucus haben sie aufgenommen, glaucicomans ist bei Juvencus 
(330 n. Chr.) die bläulichgrau behaarte Olive, glaucoma heißt bei Plaütus blauer 
Dunst; bei Plinius aber dasselbe wie bei den griechischen Aerzten. Bei ueulatei- 
nischen Aerzten findet sich dafür auch glaucedo. (Blau ei tas bei den Ueber- 
setzern des Rhazes.) 

Celsus spricht von suffusio, aber nicht von glaucoma. 

2) Weit später deutete man dies Wort als Fallgatter. (Boerhave. de morb. 
ocuh, Gotting. 1740, p. 85; Heister, de Cataracta, Glaucomate, Amaurosi, Altdorf 
-1720.] Doch war Guido von Chauliag (1263 n. Chr.) schon mit Cataracta molen- 
dini (Mühlen-Gatter) voraufgegangen. 

3) Ich citire die englische Uebersetzung, weil ich grade diese besitze. 

4) De Cat., Glauc. et Amaurosi, Altdorf ■1720. 



92 XXIII. Hirschberg, 

So haben wh- im Fkige durch die Jalu'hunderte das Wort Glaucosis ver- 
folgt Aon HippoKUATEs bis auf unsre Tage'). Am besten wäre es, wenn wir 
e& fallen ließen. 

Aber eines ist sicher, dass Hippokrates keine Star-Lehre be- 
saß, dass die damaligen Griechen der klassischen Zeit keine 
Ahnung hatten von der Heilbarkeit des Stars. In keinem ihrer 
klassischen Dichter oder Weltweisen oder Geschichtschreiber, 
die vor Beginn imsrer Zeitrechnung lebten, steht auch nur die 
geringste Andeutung der Star-Operation-). 

Von den nervösen Störungen des Sehorgans. 

§ 48. 1. Amblyopie und Amaurose. Seit mehr als zwei Jahr- 
tausenden und noch heutzutage wird in der Sprache der Aerzte die Seh- 
störung als Amblyopie, und die Erblindung als Amaurose bezeichnet. 
'AjxßXuc heißt stumpft), at6 das Gesicht, also a[xßÄua)-ia stumpfes Gesicht *). 
'Ajxaupo; heißt dunkeP), also ajiauptuat? die Verdunklung. 

Beide Ausdrücke kommen in der hippokratischen Sammlung 
vor, jedoch, wie fast immer, ohne eingehende Erklärung. Auch 
fehlt noch der Hinweis, dass es Leiden der nervösen Sehsinnsubstanz seien, 
was die späteren Griechen ß) ganz genau waissten. 

A. a. In den Aphorismen (III, 31)^) wird unter den Kranldieiten des 
Greisenalters auch die Amblyopie aufgeführt. 



4) Das rechtfertigt die Länge der Auseinandersetzung. Geschichtlich wichtig 
ist dasjenige, was bis auf unsre Tage fortwirkt. 

2) Auch das Wort brjjyj<j.a kommt bei keinem vor. 

Im Aristoteles steht ja angeblich alles. Wenn er von YXa'>/ca)(j.a spricht, so 
hat er offenbar dasselbe gemeint, was Hippokrates fhrt'jv.moic, nennt, d. h. die Ver- 
färbung der Pupille bei Alter- Star. Von der Zeug, der Thiere V, Band!, S. 780: 
EaTi 0£ to jj.£v •(\a\jy.tii\t^j. ct^oöty); ti; [xä).).ov tüjv 0[j.[j.aTojv, oto y.ai c'j[j.ßaiv£'. iJ.d'/.'/.o'i 
77]pdEcv.ouoiv. »Glaucom ist eher eine Trockenheit der Augen u. kommt deshalb mehr 
bei Greisen vor«. 

Uebrigens sehen diese Kranken »besser am Tage« Vgl. § 2ö, 3;, was gut auf 
unsren beginnenden Greisen-Star passt. 

Auch im Index Aristot. ed. Bonitz [Band V, § 309. a, 5) wird bei dieser Stelle 
auf Hipp. Aphor. III, 31 verwiesen. 

3) Die Grundbedeutung ist schwach, matt, stumpf, darihji hängt zusammen 
mit fAaX-cf/.o?. (G. CcRTiüs. Gr. Etym., S. 327.) 

4) äixß/.'j(uaam schwachsichtig sein, dij.^hjw(ij.6c. Schwachsichtigkeit. (Prorrhet. 
II, 74, Littre IX. 74.) Bei Arist. Zy e ■!. 780. a 26; ä;j.|j).'j tj 6;j öpäv, stumpf oder 
scharf sehen. Der römische Arzt Cassiüs Felix (447 n. Chr.) übersetzt ambly- 
opia mit obtunsio visus. (Ausg. v. V. Rose, S. 56.) 

5) Von Curtius (S. 567) zuerst vom Stamme [xap- (schimmern) mittels des pri- 
vativen a abgeleitet; allein das gleichbedeutende [xa'ipo; (dunkel; widerrathe diese 
Deutung. — [x^Opo; heißt heute noch schwarz in Hellas. 

6) Galen VIII, 218; Aet. p. 133; Joan.\. Akt. II, 448. 
7j Littre IV, 502; Kühn III, 727; Foes. II, -1248. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 93 

ToTai 03 Tcp£a|3uTTf]ai .... aii-ßAutuTriai, '(Xo-O'/MatiC , ßapor^xotcti. »Bei 
Greisen .... Schwachsichtigkeit '), Star, Schwerhörigkeit.« 

Wir sprechen ja auch heute noch von greisenhafter Schwachsichtig- 
keit (Amblyopia senilis) und finden als ihre Ursache, abgesehen vom Beginn 
des Alter-Stars, hauptsächlich zarte Veränderungen der Netzhaut-Mitte. 

b. In dem Buch von den Orten des Menschen (c. 11;2j ^yird 
die Schwachsichtigkeit bei Bleichsucht oder Blässe angedeutet. 

c. Im zweiten Buch von den Krankheiten (c. Ij^j heißt es, dass bei 
Ueberhitzung des Kopfes der Schleim hinabfließt; und wenn er in die Augen- 
Blutgefäße kommt, werden die Augen schwachsichtig. 

d. In demselben Buch (c. i 5) *) wird eine Hirnhaut-Entzündung be- 
schrieben: v.rA Tot; '/<})rjrj.c, TÜJV öcpi)aA[X(ov dXyssi, v.al d'xßXuojaosi, '/.cd yj •/.6^Jr^ 
ayusTai^), xai oov.izi sx tou svo? quo opav, v.al r^v dvaar/j, axorooivir^ jxiv 
Xatxßdvst. »Und in den Augenhöhlen verspürt er Schmerz, und ist schwach- 
sichtig, und die Pupille spaltet sich, und er meint doppelt zu sehen; und 
wenn er aufsteht, ergreift ihn Schwindel.« 

e. Im Prorrhet. (II. c. 42) "^j wird hervorgehoben, dass bei der hart- 
näckigen, wiederkehrenden Gelenk-Entzündung schließlich Sehstörung eintritt. 

Das beobachten wir auch heute noch; es sind hauptsächlich die Folgen 
der wiederkehrenden Regenbogenhaut-Entzündung. 

§ 49. B. In den KoTschen Vorhersagen") (222 und 223) finden sich die 
folgenden beiden Sätze: 

a. '3[x[x7.7a)V djjLatipoja'.c /7.t tö T.z.7zr^'(o^ dj^Aucüosc, xaxo'v. 

»Der Augen Blindheit und festgewurzelte Trübheit ist schlimm.« 

b. '0[x[jLdTa)v djxaupojai; d[j.7. a<li'r/J.r^, 3-aa[xü)0£; auv~d[X(ü;. 

»Der Augen Blindheit mit Bewusstlosigkeit deutet auf baldige Krämpfe.« 

Es verdient bemerkt zu werden, dass ganz genau Verdunklung der 

Augen (ofjL|x7.T(jov ot'xaopwoic) *) gesagt wird, — wie im Pap. Ebers tchn 



1) Natürlich, für das stumpfe Gesicht der Greise haben wir noch ältere Quellen: 
Genes. 27, 1 ; Deuteron. 37, 7. I. Sam. 3, 2. 

2) LiTTRE II, 294: v.ai Toiaiv öcpUotXfxoioi Yt'^iTai aix|"i).'ja)30£iv, y.al -/Xiopoi YtvovTott 
7.7.1 To ä'/lo atTj[j.7.. 'Vgl. Sichel, Memoire sur le glaucome, p. 137.) >Und Schwach- 
sichtigkeit bildet sich aus u. Blässe«. . . . 

3) LiTTRE VII. 9. 

4) LiTTRE VII, 28; Kühn II, 227; Foüs. I, 46G. 

5) Die öfters, z.B. bei Andreae, angetroffene üebersetzung »erweitert sich« ist 
nach dem Wortlaut unrichtig. Vielleicht ist der Satz »die Pupille spaltet sich« des 
Vf.'s angenommene Erklärung für das Folgende: »er sieht zwei statt eines«. 
(Foüsius u. Kühn haben richtig »pupüla scinditur«, Littre »la pupille se divise«.} 

6) Littre IX, 74 cc/öxav o£ -^j.'i.mw YjT] yJ to vo63t,|X7, äixI^X'jtoj^oustv ol ä'vÜpco-ot. 

7) Littre V, 632; Küiml, 2ß8 (falsche üebersetzung!'; Foüs. I, 1j4 u. 155. 

8) Ganz ähnlich heißt es ty,-; o'Ltv äaa'jpojsöoit, Koische Vorhersagen, 500. 
(Littre V, 698.) 



94 XXIII. Hirschberg, 

m mrt. Erst später gewann das eine Wort aaaupojoii; für sich allein 
die Bedeutung der Blindheit 'j. 

Der den späteren griechischen Aerzten^) ganz geläufige Begriff, 
dass Amaurose vollständige Behinderung des Sehens sei, ohne 
sichtbare Veränderung am Auge, ist in der unechten Schrift von der 
Sehkraft, c. S-^j, ganz klar angedeutet: 

'Hv Tivi Ol 6cp9aX}xoi uyiss? ovts? otacpÖEipotsv r/jv o']^i.v, toutsoj yjtri 
TaijLdvTa y.a-a -6 ßpsyfxa, eTiavaostpavTa, exTcptoavia t6 öateov, d<p£XovTa tov 
5opa)7:a, Ir^abai' xal ourto? o'^iizz yivovTat. 

»Wenn einem die Augen bei gesunder Beschaffenheit die Sehkraft ein- 
büßen, so muss man einschneiden auf das Scheitelbein, die Haut ablösen, 
den Schädel trepaniren und den wässrigen Erguss herauslassen: so wird 
der Blinde wieder sehend.« 

Dieser Satz hat nicht verfehlt, das Staunen ^j oder Lächeln der Aerzle 
aller folgenden Jahrhunderte wachzurufen. Und doch muss er wohl auf 
Erfahrung beruhen und wird auch heute noch, wiewohl selten, durch 
Erfahrung bestätigt^). Der große Koer hat diesen Satz nicht geschrieben, 
sonst würde er wohl eine solche Einschränkung hinzugefügt haben, wie 
bei der Heilung des Buckels durch das Schütteln 6] . 

c. Zur Feststellung der Amaurose (in fieberhaften Krankheiten) wird 
dem Arzt empfohlen, seinen Finger gegen des Kranken Auge zu bewegen: 
der Kranke blinzelt nicht'). 



1) Ganz ähnlich ist aus dem althochdeutschen Worte stara-pHnt i starr-blind, 
concretione coecus) durch Fortlassen des 2. Bestandtheils das Wort Star mit der 
Bedeutung Blindheit hervorgegangen. 

2) GALEN(?)Med.XIV, 776; Galen in Hipp. Praedict. Comm., XVI, 611; AET.p.l33. 
Paull. Aeg. p. 77; Theophan. NoNN. c. 21; besonders aber Joann. Akt. II, 448: tj ä(j.c.j- 
pwat; iza^n{)J]i ioTi toO opäv £[ji.T:ooia[j.6:, ywpU xivo; "r/Sou; cpavspoü Trspi tov 6x{}ot/.[J.ov. 

3) LiTTRE IX, 158; KÜHN III, 46; FÖEs. I, 689. 

4) Andreae hat die Versicherung, dass dem Leidenden das Gesicht wieder 
verschafft werde, als leichtsinnig bezeichnet! Hingegen meint Beer (Repert. I. XII), 
dass kein denkender Augenarzt, natürlich in bestimmten Fällen, den Trepan beim 
schwarzen Star außer Acht lassen wird. 

5) Vgl. C. BI. f. A. 1877, S. 89. Im Jahre 1876 ist in Schottland ein 39 j., 
der in Folge von r. Ohrenfluss 4 Jahre lang an Hirn-Erscheinungen und schwerer 
Sehstörung geUtten, durch Trepanation und Entleerung von 250 Gramm Eiter, aus 
einer Ansammlung zwischen Knochen und harter Hirnhaut, geheilt worden. — Die 
neuesten Versuche von E. Hahn, bei Stauungspapillen, sind wohl bekannt. 
(C. Bl. f. A. 1893, S. 143 U. 169, U. 1896, S. 314.) 

6) Von den Gelenken, c. 42. (Littre IV, S. 184.) A'j-o? [xevtoi v.otTrja-/'Jvi}7]v -avTa 
Ta TOio'JTOxpora iTjTpc'JEtv o'jt«), ota toOto oti -po; äraTSwjj-eviuv (j.ä/.Aov oi TotoÜTOt Tpo-ot. 
»Ich selber würde mich schämen, alle Fälle der Art so zu behandeln, weil solche 
Verfahre.! zur Domaine der Charlatane gehören.« 

7) Von den krit. Tagen, Littre IX, S.300. Blinzeln heißt a-/.otpoa;j.6a(3£tv. Da- 
gegen muss a'jveysoj; [j.6£tv, das von den meisten Übersetzern mit »andauerndem 
Blinzeln« wiedergegeben wird, durchaus mit »andauerndem Schließen« der Augen 
übersetzt werden. (Vgl. Koische Vorhersagen VIII, 214; Kühn I, 267; Foes. 1,154; 
Littre V, S. 632.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 95 

d. Nicht minder berühmt als b., mid bis zu unsrem Jahrhundert er- 
örtert i) ist die gleichfalls unechte Stelle von den Wunden der Augen- 
brauen-Gegend, in den KoTschen Vorhersagen, IV, § 29, Nr. bOO^j: 

Ty)V ok o'}iv dcfi-aupouvTat. sv toTat rptuixaai toTsi s; rrv dcspuv xat 
jiupöv e-avco' ooü> o'av to Tpüitxa vstuTEpov -q, [j,dXia-a ^asttciusi, /poviCo- 
aiv/;; 03 r^? ouX-^c, dfiaopouailat jxaXXov auu,-iTrT£i. 

»Blindheit folgt den Wunden der Gegend der Augenbraue und etwas 
darüber. So lange die Wunde frisch ist, bleibt Sehkraft; sie erlischt aber, 
wenn die Narbe älter wird.« 

Erst gab man sich Mühe, diesen Satz als richtig zu erweisen; Platner-^) 
suchte ihn, gestützt auf Beobachtungen von Valsalva, 3Iorgagm, Gamerarius, 
durch Verletzung des Stirn-Nerven (N. supraorb.) zu erklären. 

Später bestritt man diese Möglichkeit aus physiologischen Gründen^). 
Beer^) erklärte die wirklich vorkommende Erblindung ganz richtig 
durch Erschütterung des Augapfels, Zerreißung oder Verschiebung einzelner 
innerer Gebilde desselben. Auch Andreae's Fälle ^j sind wohl als Linsen- 
verschiebung mit Drucksteigerung aufzufassen. 

Solche Fälle hat jeder von uns beobachtet'). Die Sache ist be- 
friedigend aufgeklärt. 

e. Erblindung oder vielmehr Sehstörung nach Blutverlust wird 
in dem zweiten Buch der Krankh. (§ 73) beschrieben. Dass dies eine 
wichtige Beobachtung darstellt, ist von den Geschichtschreibern und Heraus- 
gebern des HippoKRATEs meist übersehen^) worden, aber jedem Kliniker 
einleuchtend. 

\iiXavja vouaoc" [liXav z[iizi .... v.at tyjv xscpaÄTjV aX'^izi xai ToToiv 
dcföaXaoToiv ooy opa .... »Melaena: der Kranke erbricht Blut .... und 
hat Kopfschmerz und kann nicht sehen.« 

Es sind hier wohl mehr die heilbaren Formen gemeint, nicht die an- 
dauernde Erblindung nach erschöpfendem Blutverlust: doch besteht zwischen 
beiden nur ein Unterschied des Grades, nicht der Art. 



1) Andreae, Z. alt. Gesch. d. Augenheilk., 1841, S. 107. 

2) LittreV. 698; Kühn I, 320; Foüs. I, 200. 

3) De vulneribus superciliis illatis, cur coecitatem inferant. Opusc. II. Lips. •! 749. 

4) Ph. V. Walther, Ueber die Amaurose nach Superciliarverletzungen. Graefe 
u. Walther, J. f. Chir. u. Augenheilk. 29, 4, 1840. 

ö; Augenkr. I, 167, 1813. 

6; Augenheilk. S. 7, 1837. 

7; Auch plötzliche Erblindung, wenn das verletzende Instrument am oberen 
Dach der Augenhöhle entlang glitt u. den Sehnerven trennte. Davon ist aber 
in der hippokr atischen Stelle nicht die Rede. 

8) Erwähnt in der Tübinger Diss. von Fries 1876 (Zehender's Monatsbl.) und 
in m. Arb., Zeitschr. f. klin. Med. IV (1882), sowie C.-Bl. f. Augenh. 1892, S. 257. 



96 XXIII. Hirschberg, 

f. Man hat auch a.yX{)z und ayhjmrjt^ rojv ocpilaXucov der Amaurose 
gleichgesetzt, zumal Erotian in seinem hippokratischen AVürterbuch dieselbe 
Ansicht ausgesprochen'). Aber grade die von diesem angeführte Dichter- 
Stelle beweist ebenso, wie die Betrachtung unsrer Texte, dass es einen 
objektiven Nebel bedeutet, den also der Arzt im Auge des Kranken 
wahrnimmt. 

Prorrh. I, § 432) findet sich ein Satz, der mit dem oben (B., a.) aus 
den KoTschen Vorhersagen angeführten fast wörtlich übereinstimmt. 

^0[i.(i,a a[jL7.upoti[jLSVov, xai to TrsTrrjyö; xai ayhumozz, xaxov. »Schlimm 
ist Blindheit der Augen sowie Unbeweglichkeit und Trübheit.« 

Galen sagt richtig in seinem Commentar^), dass bei dem o}x}xa a'/kuSi- 
6c? auch der beobachtende Arzt eine Trübung in der Pupille entdecke. 

g. axoToc, die Finsternisse), bedeutet die Verdunldung des Auges un- 
mittelbar vor dem Tode^), bei Kopferschütterung, beim Schwindel. 

Im fünften Buch von den Volkskr., § 23 '^), heißt es: Ein 13 jähr, fiel 
rücklings und stieß den Kopf heftig gegen einen Stein, und Dunkelheit 
ergoss sich über sein Auge (cutoü axo'-o; xaT£j(u{>Yj), bald aber erhob 
er sich gesund. 

In demselben Buch § 50") wird eine sehr merkwürdige Geschichte er- 
zählt von einem 20 jähr. Mädchen, das einen freundschaftlichen Schlag auf 
die Schläfe erhielt s) und sofort (offenbar nur für kurze Zeit) Gesicht 
und Athem verlor: xal tots ixsv saxorwi)-/]. 

Der Schwindel ist aus zwei Erscheinungen zusammengesetzt, aus 
der Verdunklung (axo-oc) und der Dreh-Empfindung (olvoc). Bei Hippo- 
KRATES werden beide zusammen anseführt^). 



1; Erot. expositio vocum Hippocratis Ed. Franz, p. 42. 'AyX'j; ÄSYSTai r.oid ti; 
d[J.<xupoj3i(; 7.0.1 cy.oTta TztrA tou; 6ct&a?.[xoi?, w; v.al 'OfiTjpo; dv xiü e' tyj; 'IXiaooc ^"l^lv, 
A"//.'jv a'j Tot d-' öcpi}a).[ji(I)v iXov, -i^ Tipiv iTzf^t^ ('J^p' £'J Yif'^iucjy.Tj; '/j[A£^ Oeov -fjos 7-al 
dvo'pa. Ilias V, 127, 128.) 

»Achlys bedeutet eine Art von Erblindung u. Dunkelheit auf den Augen, wie 
ja auch Homer in dem 5. Buch der Ilias sagt: Den Nebel nahm ich dir A^on den 
Augen, der vorher darauf war, damit du wohl unterscheidest einen Gott von einem 
Menschen.« 

2) LlTTRE V, 322. 3) XVI, 609. 

4) Von der (indogerm.) Wurzel ska. Schatten. Curtius, Gr. Etym. S. 1 68. 

5) Töv o£ C-/.6-0; oaa ivAhj'lizv, Finsterniss bedeckte seine Augen: Ilias, Z H; 
N 375; Y 471; (p, 181. Vgl. Eurip. Phoen. 1453; Hippol. 1433 u. a. a. St. — Gleich 
»Blindheit«, Soph. Oed. Ty. 419. 

6) LiTTRE V, 222; Foiis. 1149, B. 

7) LiTTRE V. 236; Foiis. 1154, G. 

8) und an Hirnentzündung in Folge (alter) Ohren-Eiterung starb. 

9) Von den Kopf-Verletzungen, c. 12: y,ai rjv ö tpwDEU xaptu&^, xal a-^oro; 
T:£p7'jl)^ V.C/.1 oivo; i/r^, »ob der Verletzte betäubt ward, und Dunkel ihn umfing, 
und Dreh-Empfindung bestand«. {LittreII, 220.) 

C. 14. i-Bi-1 Tov avHpcuTTov oxt öivo; t£ eXa^s xai 07.6-0;. »Dass Schwindel den 
Kranken befiel und Dreh-Bewegung.« (LittreII, 238; Foüs. 908 A.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 97 

Er gebraucht auch das zusammengesetzte Wort axoTootvo? (Aphor. IV, 17) 
oder axoToo'.viT] (Krankh. 11, c. 15; LiiiRfi, VII, 28). 

Die späteren griechischen Aerzte bezeichneten den Schwindel mit 
dem von der ersten Erscheinung hergenommenen Wort o/o-o)|j.7J), die 
Lateiner mit dem von der zweiten abgeleiteten Namen vertigo^). 

Das Wort Scotoma ist bis auf unsre Tage gekommen, aber in einer 
ganz andren, willkürlichen Bedeutung. 

Bei Beer (II, 425) wurden noch die »fliegenden Mücken« als Skotome 
bezeichnet. Heutzutage bedeutet Skotom eine feststehende Verdunldung 
an einer umschriebenen Stelle des Gesichtsfeldes, eine Unterbrechung des 
Gesichtsfeldes, z. B. Scotoma centrale = Ausfall der Gesichtsfelds-Mitte. 

Wahrscheinlich hat Sichel diese Bezeichnungsart erfunden'*). A. vox 
Graefe^) hat sie eingeführt, vmd sehr bald war sie allgemein angenommen^). 

§ 50. 2. Das Halbsehen. Obwohl die Hippokratiker noch nicht, 
wie die späteren Griechen**), die Ausdehnung des Gesichtsfeldes kann- 
ten und maßen; so ist ihnen doch das Halbsehen bei Hirnkrankheit 
nicht entgangen. 

Im II. Buch von den Krankheiten c. \ 2 ') heißt es, dass bei einer Kopf- 
krankheit, mit Betäubung und häufigem Uriniren, nach 20 Tagen der Kopf- 
schmerz aufhört: xal sx täv dcpöaXixcüv saopaivn v.Xir^TZTai oi v] au^-}], y.a.1 
ooxssi To f|[jLiou TÜ)v Trpoa(07r(üv opav. »Und aus den Augen, wenn er etwas 
anblicken will, entgleitet ihm der Blick §), und er vermeint nur die Hälfte 
der Personen zu sehen.« 

Zum ersten Mal erscheint hier in der ärztlichen Wissenschaft die 
Halbblindheit. Aber ihr Entdecker hat nicht so schlechte und unver- 
ständliche Namen gebildet, wie Hemiopsia (Plenk), Hemiopia (Mackenzie), 
Hemianopia (Monoyer), Hemiaopia (Gabrielid^s, 1898); sondern so einfach 
sich ausgedrückt, — wie ich es liebe. 



1) Aret. Capp. (s. morb. chron. I, .s); Galen, Comment. in Hipp. Aph., XVIIb 
677 u. de loc. äff. III, 12 (V, 201); Paull. Aeg. ■/ 1;^' (p. 63); Cael. Aurel., m. ehr. 
II, 2 (p. 287). 

2; Vgl. GoRRAEUs, Unter Scotoma. 

3) u. richtig auf einen umschriebenen Ausfall in der lichtemplindlichen Netz- 
haut bezogen. Vgl. Dict. d. med. von Littre u. Robin, Paris 1865. S. 135y. 

4) A. f. 0. II, 2, 273. — Wie wenig vollständig die »General-Register«, sieht 
man daraus, dass mit ihrer Hilfe diese Stelle nicht zu finden war. 

5) A. f. 0. VI, i, 107; XV, 3, 65 u. 89; XVII, 1, 317; XX, 1, 97; XX, 2, 106. 

6) Ptolemaeus, um 150 n. Chr. Vgl. §101. 

7) LiTTRE VII, 20; KiJHN II, 221 ; FoiJs. I, 46'». 

8) Die Stelle ist von allen Uebersetzern bisher falsch übersetzt 
worden. Sie ist aber demjenigen klar, der öfters Kranke mit frischer Halb- 
blindheit beobachtet hat u. weifS, wie ihnen die Gegenstände schwinden, und wie 
schlecht sie sich zurechtfinden. Der Ausdruck ist auch sehr bezeichnend, da die 
alten Griechen wähnten, mit dem Sehstrahl, wie mit einem Stab, zu tasten. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. .\XIII. Kap. 7 



98 XXIII. HirscJiberg, 

Der Name Hemiopia oder Ileniiopsia ist neu und nicht glückliih gebildet, 
nach Anleitung von Heuiiplogia, aus vj^i-, halb, und öv^, Gesicht, oder o'V.c, 
Sehen. Nicht glücklich, sage ich, da tju-iottoc, halbdurchlöchert (von or/r^^ Loch); 
und TfjjxioTwToc, halbgebraten. 

In der berülmiten Üissert. von A. Vater (Wittenberg 172 3, Hai.leh Disput, 
ad niorb. c. & f. f. I, XX, Laus. I"."j7) steht noch Visus dimidiatus. A. von 
CiRAEFE unterschied gleichseitige Hemiopic und gekreuzte. Aber die letztere 
wurde bald temporale Hemiopie genannt, bald richtiger nasale. Deshalb schlug 
MoNOYER Hemi-an-opie, Halb-Nicht-Sehen , vor; ich selber (leider!) 1878 
Hemianopsie. Aber avo«|»ia heißt der Mangel an Zuliost, und ava)-tov die Gegend 
über der Thür. Der griechische College Hr. Gabrielides aus Constantinopel 
hat noch 1898 (Arch. d'opht. Mai) das Wort Hemiaopsie gebildet, und dafür 
die Billigung eines »hellenischen Syllogus« gefunden. Aber er befindet sich, 
mitsamnit seinem Svllogus, auf einem Holzwege. Wohl hat der Stamm öp, 
sehen, aber niemals der Stamm oü, sehen, das Digamma aeolicum (/ = u) 
besessen! Ich sage Halbblindheit; und erapfelile denen, die hier durchaus 
griechisch reden wollen, Hemi-ablepsia (von r^p.'.-, halb, und d᎜'|iia, Blind- 
heit). — Hr. G. erwidert (ebend. Sept. 1898), dass aß^s'^ia ein »byzantinischer 
Neologismus sei und zuerst bei Theophvlactus vorkomme.« Ganz recht. So 
steht im Thesaurus 1. gr. I, 1, S. 69. Aber ärztliche Ergänzung könnte der 
Thesaurus schon gebrauchen. 'AßXs'j/ia finde ich in der GALE.N^schen Samm- 
lung, wie ich übrigens schon 1887, in meinem Wörterbuch, S. 40, angegeben. 
Ich will jetzt auch die Stelle verrathen: es ist B. XII, S. 776, in der allerdings 
nicht von Galen gesclii-iebenen, aber ganz interessanten Schrift siaaywYTj r^ laTpo;. 

§ 51. 3. Tagblindheit. Hier stoßen wir wiedermii auf eine be- 
rühmte Streitfrage, welche bis auf unsre Tage fortgeführt worden ist. 

A. In der hippokratischen Sammlung kommt fünfmal das Wort 
vjy.-aXui'} vor. Das AVort bedeutet hier tagblind oder nachts-sehend. Die 
erste Stelle ist entscheidend. 

a. und b. Prorrh. II, 33, 3 4'). 

Üt ok ~r^c, vu/tÖc opÄvTcc, oGc 8y) Diejenigen, welche (nur) Nachts 

vu7.TdÄ(ü~ac y.ctÄiotjLSv, ouroi dXi3/ovTai sehen, die wir auch Nvktalopen 2] nen- 

u-o TO'j voo3T(|jLaToc vsot, r^ -olToe; t^ nen, werden nur jung von der Krank- 

Vi7.vi3xoi' -/.Ott dKaXXdaaovTat. ür.o tou heit befallen, entweder als Kinder 3) oder 



r, LiTTRii IX, 64; KÜHN I. 226; Foks. I, MO. 

2) v'j7.-d).co'L heißt sowohl der Kranke als auch die Krankheit. Bei späteren 
kommt für letztere auch vj-z-totAto-ia und vj-z-t'/Äoiriaai; vor. 

Der Gegensatz von ^nv.-ai.wh ist ■qij.EpaXtu'i;, das zwar in keinem griechischen 
Wörterbuch, nicht einmal im Thesaur. 1. graec. (III. Ausgabe, von' Hase und G. 
und L. DiNDORF, IV. Band, Paris 1841, S. 149), auch nicht in des Kumanudes 
Gj/v/.o^Tj >i;£tuv äÜr^aa'jpfcTwv, Athen 1883, S. 145, vorkommt, — aber doch in der 
galenischen Sammlung sich findet (Pseudogalen., Introduct., Kühn, B. XIV, 768,,. 

3) Wenn ich mich daran erinnere, wie selbst berühmte Fachgenossen, auch 
heute noch, die Diagnose der Nachtblindheit ;mit Netzhautpigmentirung bei 
Kindern von 4 — 5 Jahren, sogar nach wiederholter Untersuchung, verfehlt haben; 
so ist mir wenigstens begreiflich, dass die Hippokratiker bei Kindern eher 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 99 

auToixaToo, oi uev t£33apay.ovi)rj[X£pot, als Jünglinge; und sie werden jene 

Ol OS £-Ta[xrjVoi, xizi oe zai Iviautov von selbst wieder los, entweder nach 

oAov Kapi[xsiV£V. iO Tagen oder nach 7 Monaten. Bei 

2rj[X7.iv£ai>ctt. 0£ )^prj 7r£pl tou einigen dauerte es auch ein ganzes 

/povou £? T£ Tr)v la/uv TOU voaY)[i.aToc Jahr. Man muss urtheilen über die 

opüivTa £c T£ TY]V YjÄixiav TOU voosov- Dauer der Krankheit, indem man die 

Toc. Ai 0£ aTcoaTaats; tocpsXiousi [xev Stärke derselben berücksichtigt und das 

TouTouc £7:tcpaivojx£vat ts xat ic, xa Alter des Kranken. Ihnen nützen Ablage- 

y.aTo) p£7iooao!i, £-iYivovTat 0£ ou rungen, welche auftreten und nach unten 

y.apTa ota xrjv v£OT-/iTa. x\i os yu- sich ziehen. Sie kommen aber nicht 

vaTx£c ou)( aXioxovxai uiro tou voot,- häufig, wegen der Jugend. Frauen 

|i.aTo? ouo£ ai Tiapösvoi TJot Ta stt!,- werden nicht befallen, auch nicht Jung- 

tj-TjVia cpatV£Tai. frauen, wenn sie bereits die Regeln 

Oiot, 0£ p£UfX7.T7. oaxpucov TToXu- haben, 

ypovia r^ vuxTaXojTrs; YqvovTai, toutou; Diejenigen, welche an langwierigen 

£7rav£ptuTav, TjV ttiV xEcpaXyjv Ti Thränenflüssen leiden oder tagblind 

7rpo-/)XYrjXo'T£i; Etüat -po täv werden, muss man fragen, ob sie vor 

d-ooTrjpt.Y[jiaT(uv toutodv. diesen Ablagerungen an Kopfschmerzen 

litten. 

Nach dieser Stelle ist anzunehmen, dass bei Hippokratikern vuxTa/.wii 
= tagblind. Ebenso sicher ist es, dass es später, bei Galen und seinen 
Nachfolgern, = nachtblind. Dr. Greenhill (7) möchte eine einheit- 
liche Bedeutung einführen und auch für die hippokratischen Schriften dem 
Wort vuxTaAwd^ die Bedeutung nachtblind beilegen. Zu diesem Behuf setzt 
er am Anfang der obigen Stelle ganz einfach ou/ 6p(TjvT£c, nicht sehend, 
nach Korais 1), der in einer der Handschriften des Hippokrates (aus dem 
XIV. Jahrb.) vor 6pü>vT£c eine kleine Lücke fand. Aber die Hippokratiker 
waren doch Aerzte und gute Beobachter. Die bleibende Nachtblindheit 
(durch Netzhaut-Pigmentirung) kann nicht gemeint sein, da ausdrücklich 
die Krankheit als heilbar beschrieben ist. Die vorübergehende Nachtblind- 
heit (durch Ueberblendung bei mangelhafter Ernährung) verläuft stets ohne 
Kopfschmerz, ohne langwierigen Thränenfluss. Auch dürften die griechi- 
schen Knaben unter ihrem »stets heiteren« Himmel gegen die Einwirkung 
der Sonne mehr abgehärtet gewesen sein; die olympischen Spiele, wo die 
Knaben nackt liefen, fanden im Juli 2) statt. Wenn wir also zulassen 
wollen, was wir doch müssen, dass der Vf. des Prorrh. die Kranken 



Lichtscheu als Nachtblindheit zu- erkennen vermochten. — Freilich die akute 
Nachtblindheit durcli Ueberblendung bei größeren Kindern wird schon dia- 
gnosticirt — von der Mutter! 

i: Der Grieche Adamantios Korais, den die Franzosen Coray schreiben, 
geb. 1748 zu Smyrna, gest. 1833 zu Paris, hat nicht nur die Heranbildung der 
nougriecliischen Volkssprache zu einer Schriftsprache wesentlich gefördert, son- 
dern auch vorzügliche Ausgaben altgriechischer Schriftsteller besorgt. 

2) Ich kann das würdigen, da ich zweimal in Olympia war, 1886 und 
1890, beide Male im April. 

7* 



100 XXIII. Hirschberg, 

beobachtet hat, von denen er geschrieben; so dürften es Kinder mit Horn- 
haut-Entzündung') und Lichtscheu gewesen sein. 

c. Volkskr. 1. M, s. VII, § 1 2]_ In Folge eines epidemischen Katarrhal- 
Fiebers (Influenza?) wurde außer Lungen -Entzündungen, Bräune und 
Lähmungen, auch bei einigen, insbesondere bei Kindern, Nyctalops (Tag- 
blindheit) beobachtet, welche indess nur kurze Zeit dauerte. Entstand die- 
selbe als spätere Nachkrankheit, so setzte sie sich fest. 

'Ey^'''^"^'^) ^^ vuxTaXoj-ixa toTai Die Tagblindheit befiel also haupt- 

TTaioiotai'*) [xaXiata" ö[A[iaTa)v ös ra sächlich ganz kleine Kinder (Säug- 
jj-sXava UTTOTtoi/iXa, oaa tac [isv xdpac linge). Das Schwarze im Auge wurde 
ajjLixpac d'/Bi, t6 ob Sü[X7:av [xsXav ganz fein gefleckt, indem sie enge 
(hz B~i t6 TToXii" \is'[aX6'.s\}aX\ioi os Pupillen^) besitzen, aber im ganzen das 
jj-aXXov, y.7.1 ou a[xt.xpocpi)7.Ä[jLOi., xat Auge doch schwarz Wieb, wie gewöhn- 
löuTpij^ö; Ol TrAsTatoi, X7.1 [X£Ä7.voTpiy(£;. lieh. Die meisten hatten gi'oße Augen 

und nicht kleine, und schlichte Haare 
und scliwarze Haare. 

d. Volkskr. III. c. 42**) ist von dem epidemischen Husten von Perintli 
die Rede und von Tagblinden, denen am achten oder neunten Tage Abscesse 
an den Ohren aufbrachen. 

e. In der unechten Schrift von der Sehkraft') wird den Nyktalopen 
rohe Rindsleber in Ilonia- verordnet. 



1) Es mögen auch einzelne Fälle von diffuser Hornhautentzündung mit 
untergelaufen sein. Das kann man vermuthen aus der gelegentlich einjährigen 
Dauer und aus den Ablagerungen an den unteren Extremitäten (Kniegelenks- 
Entzündung). 

2) LiTTRE V, 330—334; Kühn HI, Glö; Foßs. II, 1)9-1 ff. 

3) Diese Sätze sind abgerissen, nicht ausgearbeitet, der Text vielleicht ver- 
dorben. Die ältere Uebersetzung, z. B. von Andreae, »Fleckung der Hornhaut«, 
ist nicht ganz einwandsfrei (vgl. § 53); die neuere, von Littre und Fuchs, »leicht 
gesprenkelte Iris«, ist unzulässig, sowohl nach dem Wortlaut, als auch nach der 
ärztlichen Erfahrung. 

Uebrigens ist die ganze Beobachtung unvollkommen. [TDuTpr/e;, schlichthaarig, 
erinnert an das Reisetagebuch von den rothhaarigen Kellnern in Thüringen.] 

4) Tiaiotov heißt Säugling, ö -q x-fjÖTj Tpscpei, wen die Mutterbrust ernährt. 
[Arist. Gramm, bei Eusthat., 1748; Thes. 1. gr., HI. Ausg., VI, S. 31. — Vgl. Paull. 
Aeg. vi, 3 : Tot? 7:7.10101; 7.aT a'jTTjV ttjv ä-oT£gtv, den Säuglingen grade bei der 
Geburt (Entbindung). Siehe auch HmscHBERG, C.-Bl. f. A. 1894, S. 41.] Bei 
ganz kleinen Kindern kann man zwar leicht beobachten, dass sie 
im Tageslicht die Lider geschlossen halten, und in der Dunkelheit 
sie öffnen. Aber man kann gar nicht feststellen, ob sie nachtblind 
sind! — Ein wenig,mehr ärztliches Urtheü thut Noth in der Erörterung dieser 
berühmten Streitfrage. — Fein punktirte Hornhauttrübung kommt vor bei Influenza. 

5) Bei Säuglingen sind die Pupillen eng. 

6) LiTTRE V, 192; Kühn III, ü41 ; Foiis. II. HöS. 

7) LiTTRE IX, 158; Kühn III, 46; Foiis. I, 689. 

0[oövc/.i Iv [j-iXiTi ßaTTTtuv riTzap ßoo; oj[j.6v 7.aza~izl-i p-ifii^rov w: av ouvTirat, £v 
7.cti 060. »Gieb in Honig tauchend Rindsleber roh zu verschlucken, soviel (der 
Kranke) vermag, ein und zwei Mal.« 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 10 1 

§ 52. Die alten Griechen waren sehr conservativ in der 
Heilkunde; wenn sie neue Begriffe, Krankheiten, Behandlungen aufstellten, 
pflegten sie die alten, überlieferten immer beizubehalten, auch wenn 
dieselben nicht recht zu dem Neuen sich fügen wollten. So ist die That- 
sache zu erklären, dass man später auch gegen Nachtblindheit Leber 
verordnete. Mit Unrecht schließt Greenhill (7) aus dieser Thatsache 
und aus der eben (e) erwähnten Stelle der hippokratischen Sammlung, 
dass auch schon die Hippokratiker Nyctalops = nachtblind setzten. Denn 
Aetius giebt ausdrücklich an (S. 132), dass zwar Herophilus (um 300 v. Chr.) 
gegen Tagblindheit (irpo; tou? %£pa; [xy; ßXa-ov-ac) Bocksleber ange- 
rathen; er selber aber gegen Nachtblindheit! Haben doch sogar auch 
noch lüiniker unsres Jahrhunderts fälschlich Tagblindheit solchen Krankheits- 
ursachen zugeschrieben, von denen nur Nachtblindheit hervorgerufen wird! 

§ 53. Ich finde in allen Stellen der hippokratischen Schriften, die 
überhaupt einen Schluss zulassen, die Bedeutung des Wortes Nykta- 
lops = Tagblindheit. Ebenso auch bei Aristoteles'), der wohl nicht 
lange nach dem Vf. des Prorrhet. (siehe a und b, § 51,) gelebt, und 
für den Wallroth (1 ) das Entgegengesetzte behauptet hat. Das letztere 
ist von vielen nachgebetet worden, die mit Wallroth's unvollstän- 
digem Citat sich begnügt haben, statt die ganze Stelle bei Aristoteles nach- 
zulesen. 

xrj. [x£v Y^^uxa £lv7.i ö;ua)7r7. tt^; Die blauen Augen seien scharfsicli- 

Y|jx£p7.;, ta 0£ \izkrarj. o[jL[xaTa t^<; tig bei Tage, die schwarzen aber des 

v'JXTo; .... 07]AoT 6s y.al xa. appcu- Nachts .... Aufklärung geben auch 

oTYjiJLaTa r?!? o^J^so)? sxocTspac. t6 [xsv die Erkrankungen des Sehorgans bei 

7ap "j'XauxtufjLa yivsTai [i.aXXov toT; beiden. Denn der Glaucom betrifft 

";XauxoTc, ot Ss vu/TaXw-sc xaAoujj-svot mehr die blauäugigen, der sogenannte 

ToTc [i-cXavocpdaAtJLOic. Ioti oz to [jisv Nyctalops aber die schwarzäugigen. Es 

-'Xauxajtj-a ^r^pdiTj; n? jj-aXAov täv ist aber Glaucom eher eine Trockenheit 

Ci[JL;jLaTa>v, oio xai au|jLßa(v£i jxaAXov der Augen, weshalb es auch mehr die 

Y"/jp7.axouaiv . . . 6 Ss vux-aXtu»]; u^po- Greise befällt. Der Nyctalops ist aber 

rrjToc; uXsovaojxoc, oio Tot? v£WT£pot<; eher ein Ueberschuss an Feuchtigkeit. 
Yiv£Tai [jiaXXov. * Deshalb befällt er mehr die jüngeren. 

Aus a = b und b = c folgt a = c. Nyctalops ist in der Nacht 
scharfsichtig, nach der Ansicht des Aristoteles. Uebrigens sieht der 
Mensch mit beginnendem Star, Glaucoma des Hippokr. und Aristoteles, in 
der That bei Tage besser. Und es ist nicht unvernünftig, den Star als 
Krankheit des Alters, die (scrofulöse) Hornhaut-Entzündung als Krankheit 
der Kinder zu bezeichnen und einander gegenüber zu stellen. 



\) Von der Zeugung der Thiere, Z-it, -I, 779b 35; 780a 16. 



102 XXIII. Hirscliberg, 

Das Wort vu/taXw}, das schon dem Aristoteles nicht recht Ivlar vor- 
kam, da er es als »das sogenannte« bezeichnet, das von den neueren Ety- 
mologen nicht erörtert wird, enthält die Stämme vuc, Nacht, und wb, Ge- 
sicht'); und kann also mit Nacht-äugler übersetzt werden. 

Dass die alten Griechen diese Bedeutung für möglich hielten, wo- 
durch Greenhill's Einheitslehre (7) widerlegt wird, folgt aus den folgenden 
drei Stellen: 

a) Galen (?)2) Aerztl. Erklär. (XIX, 437): 

vuxtaXtu'ii . . . 3uixßotiv£i 0£ . . . Nyktalops. Ihnen geht es so, dass 

rj[jL£pa? ixsv tx-J] opav, vuy.roc ös ßXi- sie bei Tag nichts sehen, nachts aber 
TTSiv. schauen. 

b) Galen (?), Einführung (XIV, 776): 

vux~aXo-a; os Asyooaiv, o~av t^jas- Nyktalopen nennt man sie dann, 

pa? fi,£V ßX^TTouaiv d[i,aupoT£pov, ouo- wenn sie bei Tage dunkler sehen, aber 

[jLSVou 0£ YjÄiou Xa[i-poT£pov. Tj nacli Sonnenuntergang heller; oder im 

uTTEvavTitoc, T^[X£pac }X£V oXiya, £3- Gegentheil, bei Tage wenig, Abends 

Tripa? 0£ r^ vuxtoc ouo' oAcdc. und Nachts aber gar nichts. 

c) Leo's Grundriss, III, 39 3): 

NuxTaXtu^l» XsysTai, otav tt^v ''r^\ii- Nvktalops wird die Krankheit ge- 

pav dfxßXutoTTÜiat, rrjv 0£ vuxta oiov nannt, wenn sie am Tage schwach- 

Tupo Äu/vu)v xaXüic opüiat . . . tive? sichtig sind, aber nachts, z. B. bei der 

OS ģYOi)oi Touvavtt'ov vuxTaXwTra, Lampe-*), gut sehen. Einige aber 

orav £V T-^ vuxTt Tipo TÜiv X6yyuiv nennen im Gegentheil N. den Zustand, 

[xr^osv oAu)c optüoiv. wenn sie in der Nacht bei Lampen- 
licht gar nichts sehen. 

Bemerkenswerth scheint mir, dass in b und c die hippokratische 
Bedeutung (Tagblindheit) der späteren (Nachtblindheit) voran gesetzt wird. 

§ 54. B. In Galen's hippokratischem Wörterbuch (XIX, 124) steht: 
vuxTdXa)-£c' Ol rr^c, vuxtoc dXaoi = die nacht-blinden^). Ebenso heißt 
es in seiner echten Schrift von der Heil-Art (M. M., X, 84): vuxtdAto'l' . . 



1] Vielleicht «/jv.Ta/.-cu'L; das /. wäre »euphonisch«, wie in d'c/'ÜM'b. 

Doch giebt es auch Worte in -n'/Myb, die mit wb nichts zu schaffen haben, 
wie das gleichfalls wunderhche %'Ji).aLw'b , Gluthkohle. Uebrigens ist äXoj-ö;- -av- 
oüpYoc 'Kerl bei Hesych. — Aipa/oj-L, die Brausche, aip.a dv w-t, — auch in der 
Haut, bei Diosc. II, 25) und in Galen's Wörterbuch zum Hippokr. 

2; Dies sind unechte Schriften der GALEN'schen Sammlung. Hieraus hat 
A. Hirsch S. 263) irrthümlicher Weise geschlossen, dass Galen Nyctalopie = 
Tagblindheit gesetzt. 

3, Anecdota med. Graec. ed. Ermerins, Lugd. Batav. 1840, S. 150. Leo lebte 
um 829— S42 n. Chr. 

4, Die Lampen der Alten hatten bekanntermaßen schlechtes Licht. 

5 Wörtlich ebenso in der Hippokrates- Ausgabe von Foes. — Es ist also 
nicht ausdrücklich gesagt, dass -rjy-^.wb aus vj;, äXao; und wb zusammen- 
gesetzt sei. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 103 

t/j? vuxTo;; a-o'^aiv£i [i-yj ßXiirovTac. »N. thut kund diejenigen, welche Nachts 
nicht sehen.« 

Dass Galen als Hauptvertreter') dieser Bedeutung des Wortes N. an- 
zusehen ist, folgt schon aus Oribasius^) (Synops. VIII, 48): 

rispl vuy.TaXtoTroc. 'Ey. tüjv ^aX■r^- Ueber Nyktalops. Nach Galen. N. 

vou. NuxTciAcüTTa 6s XsYouatv, otav nennt man den Zustand, wobei sie bei 

au[i.j5-^ r/jv [jlev r^ixipoiv ßÄEitsiv, ^uo- Tage gut sehen, bei Sonnenuntergang 

uEvou 03 -AjXt'ou atjLaupoTspov opav, dunkler, in der Nacht gai' nicht ^). 
vu7.~o; OS ysvotJLSvr^? ouo oAto; opav. 

Alle namhaften griechischen Aerzte nach Galen gehen seine 
Erklärung; nach Oribasius noch Aetius*), Paull. Aegin.^) fast wörtlich 
ebenso, Joann. Akt. 6) sehr ähnlich, Alex. Trall.') kürzer. 

Wie ist es wohl zu erklären, dass dasselbe Wort vo-A-alwli , das bei 
den Hippokratikern tagblind bedeutete, später die entgegengesetzte Bedeutung 
nachtblind angenommen ? Ich glaube, dass man bei wachsender klinischer 
Erfahrung einerseits die mit Lichtscheu verbundene Hornhautentzündung 
der Kinder mit andren Namen bezeichnete; andrerseits auch den selteneren 
Fall der wirklichen Tagblindheit kennen lernte s): dazu noch die nicht so über- 



I Aber nicht als der Erfinder. Siehe die alsbald folgenden Stellen aus Plin. 
und auch aus Celsus. 

2; Ausg. V. BussEMAKER Und Daremberg, Paris I8ö1 — 1876, Bd. V, 4öl — 452 
Oribas. lebte um 360 n. Chr.) In seinen Hausmitteln (Eupor. VI, 18: Band V, 
709 — 7IOj heißt es: vuxTaXojniaGt; oi £a-iv, oxav -t,-j qu.irja'j d\}.iix~.~mi, [j'/.zt.o'j'ji , tt,; 
o£ vjv.t6; -poaYO'jcTj; yefptu. »N. besteht, wenn sie am Tage normal sehen, mit Vor- 
schreiten der Nacht aber schlechter.« 

3 Man beachte die Schärfe der BegritTs-Erklärung, welche weit besser ist. 
als manche von den Gelehrten unsrer Tage über »Hemeralopie«. Ich vermisse bei 
den letzteren vielfach den Hauptpunkt, dass diese Kranken bei Tage ver- 
hältnissmäßig gut sehen. 

4 S. 132. 

5) S. 77. 

6) Ausg. von Ideler II, 4 4 7. N'jv.td/.orac o£ d'/pivou; cprxoiv, 01 ü-sp ytjv [i-s-j 

ryjfjbi öptüst. »Frühlings-Nachtblinde nennt man die, welche sehen, wenn die Sonne 
über der Erde steht; wenn sie untergeht, schwachsichtig werden; wenn die Nacht 
hereinbricht, gar nichts sehen.« Das wäre die im Frühling entstehende einfache 
Nachtblindheit (sogenannte >essentielle Hemeralopie« unsrer Schulbücher. Aber 
der gelahrte Foüs. setzte i'sr.zrnwjz , abendliche Nyktalopen, was wohl richtig 
sein dürfte. 

1, Ausg. von Buschmann, Band II, S. 47. -po; lou; v.a-rj'bz ix-q ßXirovT«;, oO; 
vj-/.Ta/.iu::ote övop-aCo'jat. »Für die, welche spät Abends nicht sehen, die man Nykta- 
lopen nennt.« 

s; AiiT. S. 132. Tiai oi curj.j3aivji ^'jv.to; fj.£v ßeXTiov 6päv, -^ix£pa; ok /S'pov . . . 
cTtävio-/ o£ toOto. »Einigen stößt es zu. Nachts besser zu sehen, bei Tage aber 
schlechter . . . Doch ist das selten.« — Die älteste Erwähnung beider Zustände 
findet sich bei Plinius VHI, 37, 142): Multnrum visus fulgore constat, nubilo die 
non cernunt nee post occasum .... aln interdiu hcbctiores, noctu praeter 
ceteros cernunt. 



104 XXIII. Hirschberg, 

trieben seltenen Fälle der selbständigen und der symptomatiscben, durch Netz- 
haut-Pigmentirung bedingten Nachtblindheit. Die letzteren sind ja recht 
eigenartig. Man suchte nach einem Namen und glaubte den, selbst dem 
griechischen Ohr absonderlich klingenden i) Nyktalops dafür verwenden zu 
können, indem man darin, mit der bei den alten (I riechen üblichen Will- 
kür in der Etymologie, den Stamm aXao; = blind annahm. Aber dies 
bleibt "S'ermuthung. 

Die römischen Aerzte und Naturforscher erwähnen die Nachtblind- 
heit, einige auch den Namen Nyktalops. 

Ci'Lsus VI, 6, 36: Praeter haec imbecillitas oculorum est, ex qua qui- 
dem interdiu satis, noctu nihil cernunt ; quod in feminam bene responden- 
tibus mensibus non cadit. (Natürlich ist das letztere thatsächlich unrichtig.) 

Also schon Cels. hat Nykt. bei Hippokrates^] irrthümlich mit Nacht- 
blindheit übersetzt! 

Plin. (nat. bist. VIII, 203.): Tradunt (capras) et noctu non minus 
cernere quam interdiu; ideo si caprinum jecur vescantur, restitui vespertinam 
aciem bis quos nyctalopas vocant. Hier sind nyctalopes Nachtblinde. 

Ders. XXVIII, 1 70 : et quoniam noctu quoque cernunt (caprae), san- 
guine hircino lusciosos sanari putant nyctalopas a Graecis dictos, caprae 
vero jocinere in vino austero decocto. Vgl. XXIX, 127 und XXXII, 71, 
Avo nur das Wort nyctalops erwähnt wird. Aber die Reihe wird unter- 
brochen von 

Theodor. Priscianüs^]: Nyctalopes vero, qui per noctem vident et 
per diem obscuritatem patiuntur, sie curandi sunt: accipies hirci jecur,. 
und nun folgt die alte Vorschrift mit Dünsten, Salben, Essen. Hier haben 
wir auf einmal wieder die hippokratische Bedeutung des Wortes Nyc- 
talops und einen neuen Beweis gegen die unitarische Auffassung. Wenig- 
stens nach dem Text der kritischen Ausgabe unsres V. Rose. Allerdings 
giebt es auch hier verschiedene Lesarten der Handschriften, [»per 
diem r b Gel (Neu : per noctem (iterum) B.« So steht in der zweiten Zeile 
der kritischen Anmerkungen.] Wenn also ein Unitarier wieder vermuthet, 
dass Priscianus geschrieben, qui per diem vident et per noctem obscurita- 
tem patiuntur; so wäre das eben eine — Vermuthung. 



1) Außer HippoKRATEs spricht kein Grieche von der Nyktalopie anders als 
von der sogenannten. Und wir sollten uns mit dem seit mehr als zwei Jahr- 
tausenden fremdartig gewordenen Ausdruck weiter plagen? 

2) Prorrh. II, 33, 34; s. oben A, a, § 51. So manche Jungfrau und Frau, 
die bei regelrecliten Regeln nachtblind war, habe ich schon beobachtet. 

Aber diejenige Form von Tagblindheit fLichtempfmdlichkeit) , die z. B. mit 
angeborener vollständiger Farbenblindheit verbunden vorkommt, wird durch das 
Auftreten der Regeln günstig beeinflusst. 'Cunier, Annales d'Ocul. I, 287, -1838.; 

3; Lebte Ende des 4. Jahrh. n. Chr. Ausg. von V. Rose, Leipzig 1894, S. 41. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 105 

Marcellus 1) endlich empfiehlt den Carbunkel-Stein und das Auflegen von 
Lammleber ad nyctalopes abolendas. Woraus schließt Georges 2), dass dies 
Tagblindheit bedeute? 

Bei den alten lateinischen Grammatikern^) besteht dieselbe un- 
heilbare Verwirrung, wie bei den griechischen Aerzten. 

Festus: Luscitiosi "*) sunt qui parum vident propter Vitium oculorum 
quique plus vesperi vident quam meridie. Similiter Aelius Stillo, inquit 
Hermol., luscitiosos esse dixit qui plus vident vesperi quam meridie. At 
Varro, disciplinarum YIII: A'esperi non vident quos appellant lusciosos. — 
NoNius: Lusciosi ad lucernam non vident. 

Die Pandekten 5) erklären vux-aAco'{; für nachtblind und scheinen 
die dauerhafte Form (Netzhautpigmentirung) im Auge zu haben. Vgl. 1. 10, 
§ 4 Dig. de aed. 21, 1, de aedilitio edicto et de redhibitione : Sed et vux- 
TaXu)-a morbosum esse constat, id est ubi homo nequc matutino tempore 
videt neque vespertino, quod genus morbi Graeci vocant vuxraXwTCa. lus- 
citionem eam esse putant, ubi homo lumine adhibito nihil videt ß). Es ist 
lumine adhibito = bei künstlicher Beleuchtung. (Gic. lumine apposito.) Lus- 
citio wäre also ein geringerer Grad der Erkrankung, als Nyctalops. Bei 
Festus heißt übrigens nuscitio die Blüdsichtigkeit bei Nacht. 

Die Araber des Mittelalters entlehnten den GxLEN'schen Begriff von 
den griechischen Aerzten. 

Rasis (ad Almansorem, IX, 28): de nictalopis qui post solis occasum 
non vident. 

AviCENN., libr. canon., 1. III, f. 3, t. 4, c. 5. De nictalopa. Est ut 
evanescat visus in nocte, et videat in die, et debilitatur in fme ejus. 

§ 55. Nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften gewann 
sogleich die hippokratische Bedeutung den Vorrang. Noch nicht bei 
GoRRAEus'), aber schon bei Paraeus^) und bei Riverius^). 

Maitre Jean^^j nennt »Nyctalopie« aveugle de nuit und bemerkt, dass 
die von Hipp. (II praedict.) erwähnte Krankheit entzündliche Lichtscheu 



■I) Um 400 n. Chr. (VIII, 188, A. v. Helmreich, S. 89.) 

2) Lat.-deutsches Handwörterb. VI. Aufl. Leipzig 1869, II. B., 569. 

3) Vgl. Thesaur. ling. gr. III. Ed., ^Juy.-aKoi'h. 

4) Eigentlich scheel- oder schlecht-sehend. 
3) Ulpian, 200 n. Chr. 

6) Solche Sklaven mussten vom Verkcäufer zurückgenommen werden. 

7) 1578, Frankf. a. M.: \'jx-d'Km'l, qui noctu nihil videt. 

8) Nyctalopie, Nachtblindheit. 

9j 1650. When men see worse by day and better by night, this sometimes is 
called Nyctalopia. as we see in Hipr. 2 Prorrh: but the modern Greek have from 
long custom used the word only for nightblindness. 
10) 1727. 



106 XXIII. Hirsch berg, 

gewesen sei. MauclercI) findet es komisch, dass man den Sinn des Hippo- 
KRATES ins Gegentheil verkehrt habe. 

Plenk^) nennt Nyctalopia = caecitas diurna, Hemeralopia = caec. cre- 
piiscularis. Beer 3) nennt die Tagblindheit Nyctalopie, und die Nacht- oder 
Hiihnerblindheit Hemeralopia. 

Und so ist es bis heute geblieben, im Gegensatz zu der Idaren 
Bedeutung bei den meisten griechischen Aerzten. 

Wir lesen leider in deutschen Lehrbüchern unsrer Tage: »Ver- 
besserung des Sehens in der Dämmerung wird angegeben, es ist also Nyc- 
talopie vorhanden.« 

Schon Mackenzie und Leber haben gerathen, die Namen Nyktalopie 
und Hemeralopie gänzlich aufzugeben. Mir scheint es ein Unsinn, solche 
griechische Worte beizubehalten, die den Griechen selber schon vor 2000 
Jahren nicht vollkommen klar gewesen, zumal wir ganz unzweideutige 
deutsche*) besitzen: Tagblindheit, Nachtblindheit! Die Zweideutigkeit 
jener griechischen Namen hat in der Literatur nicht blos Widersprüche 
vind Unklarheiten, sondern sogar sachliche Irrthümer zu Wege gebracht. 

Der gelehrte Daremberg übersetzt (in seinem Oribasils) irpo? rouc vjx- 
TaX«)Tnu)VT7.c, contre la nyctalopie (hemeralopie). Im Medical Record von 
1887, S. 148 heißt es: An hemeralopie man (Uhthoff uses the term nyc- 
talop, but wrongly, for dayblind). 

Bei eingewurzelter Gelbsucht kommt wirklich Nachtblindheit vor^j; 
von berühmten Klinikern wird aber auch Tagblindheit dabei erwähnt ^j, 
wohl nur in Folge der unheilbaren Verwirrung in diesen griechischen 
Namen. — Jedenfalls hat auch der hippokratische vuy.raXoj']^ eine Wellen- 
bewegung hervorgerufen, die bis auf unsre Tage sich fortgepflanzt hat. 

Literatur, 

1. Wallroth, Syntagm. de ophthalmolog. veterum, 4818. 

2. Andreae, Augenheilk. d. Hippocr. 1843. 

3. Hirsch, Gesch. d. Augenheilk. (VII, S. 247. 

4. Magnus, A. f. 0. XXIII. 
ö. Kraus, Med. Lex. 1844. 

6. Hirsch berg, Berl. Klin. W. 1885 N. 23; C.-Bl. f. A. 1883, S. 416; Wörter- 

buch der Augenheilk. S. 63. 

7. Greenhill, Ophth. Hosp. Rep. X, -2, 1881. 

8. Fuchs, Uebersetzung d. Hipp. I, 321, Münclien 1893, 

9. Thesaur. ling. graec. III. Ausg. Paris 184 2—184 6, V. Band, S. 1389. 



Ij London 1768. 

2) Wien 1778. 

3) Wien 1813, II, 430. 

4 Ebenso die Engländer, Franzosen, ItaUener, Spanier in ihren Mutter- 
sprachen. 

3) Hirschberg, Berl. klin. W. 1883. No. -23, u. Centralbl. f. A. 1883, S. 412. 
6^ Lebert II, 431. 1883. 



Geschichte der Augenheilkunde im Aiterthum. 107 

§ 56. 4. Subjektive Erscheinungen am Sehorgan. Sowohl die 
subjektiven Schatten der im Augeninnern entwickelten Trübungen, als 
auch die auf Reizung der Sehsinnsubstanz beruhenden Feuer-Erschei- 
nungen waren den Hippokratikern bekannt. 

A. Ueber die Stellen am Menschen i), § 3. 

i) R 8s o'|n.; xoi dtTco tou s^xe- Die Sehe wird durch die vom Ge- 

cpaXou 'jypoi TpscpsTotf Sxav Ss xi hirn her stammende Feuchtigkeit er- 
Totj dcTTO TÄv cpXcßÄv Adtßifj, T'^ puosi nährt. Wenn sie aber etwas von dem 
TapocTTETat., xai oux sjAcpaivstai sie Inhalt der Adern abkriegt, wird sie 
auTo, xai Tipoxivssa^ai ooxssi ev auxGi durch den Zustrom getrübt; es spiegelt 
TOTS [j-sv ziouiXov opviilwv, TOTS 0£ slch nicht mehr darin; und es kommt 
oiov cpaxot ixiAavEc, X7.t xäkKi ouosv einem vor, als oh darin bald das Bild 
dTpsxso)? xa-' dÄr|{}£irjV ouvatai öpav. von etwas fliegendem vorschwebt, bald 

wie schwarze Linsen , und auch sonst 
sieht der Kranke nichts genau der 
Wirklichkeit entsprechend. 

Ganz ähnlich ist die folgende Stelle aus demselben Buche § \S'^): 

Hv 8' s; TY)v o^{;iv e? xo uypov W^enn aber in die Sehe zu der 

xa{)ap6v ai[xaTÜ)8£? sosAö'^j uypov, durchsichtigen Feuchtigkeit etwas blu- 
TOUToj i] o'}i; Ivoov £[xcpaiV£Tat tou tige Feuchtigkeit eindringt, dann er- 
ocp&aX[xou ou arpoYYuXov eov oid too£* scheint (spiegelt sich) innen im Auge 
.... xal 7cpoxtv££3{}ai aüT«) oox££i die Sehe- nicht mehr kreisförmig . . . 
TTpo TÄv 6cpi>7.X[xu)v xal ouSsv xar Und der Kranke hat die Empfindung, 
dArjöctav opa. dass ihm etwas vor den Augen hin 

und herfliege, und er sieht nichts so 
wie es wirklich ist. 

Die Theorie ist nicht ganz Mar auseinandergesetzt. Aber der Wort- 
laut, über den die meisten Uebersetzer des Hippokrates kühn sich hinweg- 
setzen, giebt uns die folgende Vorstellung an die Hand, 

Die Feuchtigkeit des Auges, mittelst deren wir sehen, wird von den 
(aus dem Hirn stammenden) Adern durch Endosmose'') ernährt. Strömt 
aber (durch Zerreißen u. A.) ein Theil des Blutes aus den Adern unmittel- 
bar in die Feuchtigkeit hinein, so wird die Durchsichtigkeit der letzteren 
getrübt: das Auge sieht bewegte Schatten vor sich und vermag nicht mehr 
die äußeren Gesenstände klar zu erkennen''). 



i) Kühn II. 103; Feüs. I, 409; Littre VI, 280. 

2) Littre VI, 302. Vgl. oben §46. 

3) Galen drückt dies ganz genau aus und gebraucht für Endosmose das 
Wort oiaooGi;, Ueberliefrung. Vom Nutzen der Theile. X c. ^., 

4) Das »blutige« ist bei dem Griechen rein dogmatisch; er hält auch die 
bräunliche Synechie, welche die Rundung der Pupille unterbricht, für blutig. Es 
ist also nicht von Blutung in die Vorderkammer die Rede. Trotzdem verdient 
angemerkt zu werden, dass gelegentlich auch durch Blutung in den Glas- 
körper bewegliche Schattenbilder hervorgerufen werden. Vgl. C.-Bl. f. Aug. 1891, 
S. 242: Ueber blutige Mücken. 



108 XXIII. Hirschberg, 

AVir haben also in der zuerst angeführten hippokratischen Stelle die älteste 
Erwähnung der fliegenden Mücken, die bald mit dem französischen Namen 
mouches volantes, bald mit dem griechischen (?) Myodesopsia in unsren Lelu"- 
büchern prangen. Was nun den Namen betrifft, so soll man von Mücken- 
sehen nur dann sprechen, wenn wirklich mückenähnliche Schatten, d. h. 
bewegliche dunkle Körperchen mit Fortsätzen, subjektiv gesehen werden; nicht 
aber, wenn Perlschnüre oder feinste Fäserchen vorschweben. Ferner soll man 
in deutschen Büchern das französische mouches volantes, die Uebersetzung 
des lateinischen muscae volitantes, vermeiden und ebenso das griechische (?) 
Myodesopsia, das schon, im Anfang unsres Jahrhunderts, C. G. Kühn') mit 
Recht verworfen hat: Compositio verbi ab omnibus Graecae linguae regulis adeo 
abhorret, ut de ea plura dicere pigeat. 

Es heißt nämlich [jLuTa die Fhege, \ioiozior^z fliegenartig und o'}ic das 
Sehen; selbst wenn man grammatisch richtiger }j,oiOct.o-/)c od»ic sagte, würde 
doch sachlich ein Unsinn herauskommen, da nicht das Sehen fliegenartig ist, 
sondern das Gesehene'^). Denjenigen Aerzten, welche griechisch sprachen, ist 
es auch gar nicht eingefallen, etwas andres zu schi'eiben, als jjLUtosio-^ öpaoUat, 
d. h. fliegenartige Körperchen werden gesehen. Vgl. die betreffende Stelle aus 
den Problemata des Cassius-^): 

Aid Ti £~i Tu)V ijLcXXovTaiv UTTO- Wcshalb kommt es im Beginn des 

ysTaöat, aufißaivsi bpaoöai xcovottosiot^ Stars, dass Mücken- und Fliegen- und 

y.at [xuioeior^ 7.0.1 }jLOp[i.-/;y.o£io-^ v.al oaa Ameisen-ähnliche Köi'per gesehen wer- 

KO'.oa7.oXooösIv Ttsciu/.sv; den, und das weitere? 

Galen versetzt die fliegenden Mücken in das Kamnierwasser, da ihm 
der Krystall das Hauptorgan des Sehens ist. 

(Ueber die Ursachen der Symptome I, 2)^): 

ci OS oisaTtaofxsva "/ai [itj oüvö- Wenn aber getrennt und nicht zu- 

aTÄTa TTpo; aXXr^Xa rd -a/ufjLsprj atö- sammenhängend die dichten Körperchen 

[laxa "/a~d ~o 7rpo£iprj[j.£vov u-'pov in der erwähnten Flüssigkeit schweben; 

ejxcpspotto, oavTaai'av sp-'ocastai, to; so werden sie eine Gesichtstäuschung 

£xt6? bp«)[j.£vd Ttva -spicpspo'jxsva erzeugen, als ob außerhalb des Auges 

"/(ovcuTTia. einige schwebende Mücken zu sehen 

sind. 

Wer also nur klassisch reden will , der sage — Konopophantasia ^j ! Ich 
werde mit »Mücken sehen« mich begnügen. 



1) Opusc. acad. II. 284. 

2) p.'jio£io-?i; 'j'h'.c wäre das Sehen nach Art der Fliegen d. h. mit musivischem 
Auge. 

Kraus will Myiode - opsia. Natürlich Myio — = Fliegen — ; Myo — = Mäuse — ! 

3) Kaacio'j lotTposo'ytOTOj i7-pr/.al ».Tropiat y.at 7:poß}.Tjij.a-a cpuai-/«. fProbl. XIX.) 
Ed. Gessner, Tiguri 4 562, p. 38 ; Ed. Sylbürg, Frankf. 1087. p. 339; Ed. Ideler, 
Berlin ISAI, I. p. lö-l. iPhys. et med. Graec. minor.) — Zeitalter des Cassius un- 
bekannt; vielleicht nicht lange nach Aretaeus (d. h. im 2. Jahrh. n. Chr.), jeden- 
falls nach Soranus (125 n. Chr.), dessen Schrift über das Auge er erwähnt. 

4) Vn, 96. 

5) -/.cuvwL, v-ojvwTTiov, Mücke. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 109 

Von den sogenannten Hallucinationen und Illusionen der Fieber- 
kranken ist die Rede in der Schrift von den kritischen Tagen i). 

xat ~ai xpoxioac a'^aipsi a-o täv Und Flocken liest er von den Decken, 

i[xa~ia>v, TjV TTsp lovj, ooxsodv cpösipac wenn er noch sieht, und hält sie für 

slvai. xai . . . Tiapacppover xa'i Tipo- Läuse. Und . . . delirii't. Und wähnt, 

(paiVcoöai oi ooxsci Trpo -üiv ocpUaA- dass ihm Gewürm vor den Augen er- 

jjLÜiv sp-etä xat äkka. TravTooa-a scheint und andre Thiere aller Alt, 

(^r^pi'a, xai o-Xita? [la/o'jLsvouc, xotl und kämpfende Krieger, und er selbst 

aÖTo; auToTc ooxisi ixa/Sjöat, xai wähnt mit ihnen zu kämpfen, und 

Toiaora Xi~(a.i wq opicDV . . . solches redet er, als ob er es sähe . . . 

§ 57. B. a. Von den Volkskr. V, 83 2). 

To Ooivixoc, £•/ Tou ö'ii}aAii.ou Die Geschichte mit Phoenix war 

To5 osEt-oü ToiouTov Ti 7^v xä TToXXa folgendermaßen, aus dem rechten Auge 
(oaTTsp doTpaTTYjV sooxisv ExXaa-eiv. schienen" ihm meistens Bhtze heraus- 
zustrahlen. 

b. Vorhersagen II, 35 3): Flimmern und Kopfschmerz bei Nasenbluten. 

Oiai ÖS ix -üiv pivtov aliia psl. Diejenigen, denen Blut (habituell) 

ooxeouaiv oTo' UYiaivsiv TaXXa, toutouc aus der Nase fließt, scheinen zwar 

03 Tj oTcXTjva £upT(33i; sTf/jpjxivov s/ov- soust gesund zu sein, doch findet man, 

tac, Tj T7)v XccpaÄTiV dAYSOvra; ts xat dass ihre Milz geschwollen ist, oder 

{i,ap[jtapUY<«&3; ~t ~po täv doüaXixuiv dass sie doch an Kopfschmerz leiden 

cpaivd[X£Vov acpiGi^). und dass es ihnen vor den Augen 

flimmert. 

[jL7.p;j.7.poYr, heißt das Flimmern von Hippokrates^) und Aretaeus^) bis 
auf HiMLY in unsrem Jahrhundert. Das Wort kommt vom Stamme jxap-, 
schimmern, ([xdpjxapoi; Marmor, |j,c/.p[jL7.ipu) txctptjiap'jaacu, blinken.) 

c. Das Flimmern (sogen. Flimmer-Skotom) nach erschöpfender, fieber- 
hafter Krankheit wird Volkskr. VII, 45") beschrieben: 

nSpl-CTOUVTl o'aUTÄ £V TQ d^Op-^, iJ.7.pJX7.pOYai OJpüiVtO TTpO tÄV Ö'fllaA- 

IJLÜiv, xai Tov r]Ätov ou Tidvu xctOetopa. »Als er aber auf dem Markt spazieren 
ging, hatte er Flimmern vor den Augen und sah kaum die Sonne.« 



f) KtJHN I, 151; Foiis. I, 57; Littre IX, 300. 

2) Ausg. v. KiJHN III, 578; Foes, II, 1160; Littre V, 230: vgl. auch V, 444 
(Volkskr. VII, 88), wo dieselbe Krankengeschichte wiederholt wird. 

.r KÜHN I, 227; FoEs. I, HO— ill; Litte IX, 66. (Bei Galex citirt, VIT, ti7. 
Vgl. § 207.) 

4) Matt übersetzt Celsus (VII, 7, p. 62): quaedam ante oculos tanquam ima- 
gines obversantur; scharf Cael. Aurel. (Anf d. IV. Jalirli. n. Chr., tard. pass. 
I, 4, p. 292): quaedam pro oculis prosplendentia, macularum marmoris similia. 

5) Epidem. VII, iö: Foiis. I222D; Littre V, 413. 

6) (Um 90 n. Chr.?) Vgl. über die Urs. u. Zeichen d. akut. Kr. I, ö. (S. 2. Ausg. 

V. KÜHN.) 

7) KÜHN III, 667; Foiis. II, 1222; Littre V, 412. 



110 • XXIII. Hirschberg, 

§ 58. 5. Rcfractions-Fehler sind in der hippokratischen Samm- 
lung nicht erwähnt'). Aus dem Schweigen ist natürlich, wie immer, nichts 
bestimmtes zu schließen. 

Da Aristoteles ungefähr 100 Jahre nach Hippokrates lebte, noch vor 
Fertigstellung der hippokratischen Sammlung; so könnte hier vielleicht die 
aristotelische Sammlung^) aushelfen, um uns zu zeigen, was die Grie- 
chen auf diesem Gebiet in ihrer klassischen Zeit oder unmittelbar danach 
gewusst haben. Aber leider gehört auch diejenige Schrift, welche hier 
hauptsäclilich in Betracht kommt, die sogenannten Probleme des Aristo- 
teles, nicht zu den echten Schriften des großen Stagiriten^). 

Grade die optischen Grundsätze, die wir hier vorfinden, sind im 
Widerspruch mit der unzweifelhaft dem Aristoteles eigenthümlichen Theorie, 
dass Licht eine Bewegung in durchsichtigen Älitteln sei, hingegen in Ueber- 
einstimmung mit Plato's Fühlfaden-Theorie, die später auch bei den Ari- 
stotelikern Wurzeln schlug. (Vgl. § 88.) humerhin sind die bezüglichen 
Stellen aus den sogen. Problemen des Aristoteles recht merkwürdig, 
weil sie doch vielleicht zu den ältesten gehören, welche Begriff und Namen 
der Kurzsichtigkeit erklären und auch die erste Andeutung der Alter- 
sichtigkeit geben. 

A. Kurzsichtigkeit. 

a. -ka 25, S. 958 a, 35. 

Ata Ti Ol [xucdtte; [xixpa YpatxiJLaTa YP^i^ouoi; »Weshalb pflegen die Kurz- 
sichtigen so klein zu schreiben?-*) 

b. S. 959 a, 3. 

At«7 Ti Ol (j-ucüiTs? auvoc^ov-sc Ta ßÄEcpapa optoatv; »Weshalb sehen die 

Blinzel-Augen (die Kurzsichtigen), indem sie die Lider zusammenkneifen?« 

Hier stoßen wir zum ersten Mal auf das Wort \i6io'\), das noch 



1) Vielleicht wurde dergleichen in alter Zeit nicht zum ärztlichen Gebiet ge- 
rechnet. Denn auch Celsus, der fast 500 Jahre nach Hifpokrates lebte u. uns die 
erste vollständige Abhandlung über Augenkrankheiten hinterlassen, hat keine 
Silbe über diesen Gegenstand, während einige fast mit ihm gleichzeitige Welt- 
weise, wie Seneca und Plutarch, sowie der Dichter Lucrez, von der Altersichtig- 
keit und von der Accommodation für die Nähe handeln. 

2) Ich citire stets die Aristoteles -Ausgabe der Berliner Akademie, Berlin 
4 831 — -1870, V Bände. (Wenn in einem deutschen Werke aus dem Jahre -1877 
Aristoteles nach der Genfer Ausgabe des Casaubon. vom Jahre ^ 605 citirt wird, 
so ist das — ein nachcitirtes Citat.) 

3) BoNiTz, Index Aristotelicus, in der Arist. »A. d. Berl. Akad. V, S. 103b 28. 
Christ, Griech. Literat. G. (Handb. d. klass. Alterth. W. VII, 2. Aufl. S. 4i0.), Prantl, 
Ueber die Probleme des Arist. fAbh. d. phil. K. der k. bayerischen Ak. d.W. VI, 2, 
S. 339 — 377, -ISül). Nach Prantl gehört die bei weitem größere Masse der sogen, 
aristotelischen Probleme noch in die nächste nach-aristotelische Periode. 
Heitz, Die verlorenen Schriften des Aristoteles, Leipzig, 1865, S. i-IS. 

4) Die Fragen der Probleme sind interessanter, als nach dem damaligen 
Standpunkt der Physik und Pliysiologie die Antworten ausfallen konnten. 



Geschichte der Aucfenheilkunde im Alterthum. 



111 



heute, nach mehr als zwei Tausend Jahren, in unsron Lehrbüchern 
regehnäßig angewendet wird, und auch sofort auf die richtige Ableitung. 

fjLUiiv heißt schließen, besonders Auge oder Mund; (xuo)'}*) das Auge 
l(i)'\i) schließend, blinzelnd. Uebrigens bedeutet das gleiche Wort auch den 
Zustand der Kurzsichtigkeit; erst bei Späteren (Aetius 540 n. Chr., Je. Akt. 
im 14. Jahrb. n. Chr.) kommt dafür [j-ucuttici^) vor; vorher txuwTciaai; (bei 
Galen? XIX, 436, XIV, 776; Oribas., 360 n. Chr., V, 457; ferner noch bei 
Aet. S. 113, Paull. Aeg. S. 78). Die Zeitwörter sind jxo(ü-7.Co> und »xucu- 
T,iy.'C,oi, die Beiwörter [xucdtiq; und p,uo)-i7.c. 

Uebrigens finden sich wenigstens Andeutungen über Kurzsichtigkeit 
und Fernsichtigkeit auch in den echten Schriften des Aristoteles. 



Zys 1. 



780" 36. 



Tä jx£V ydcp ilrjz,baX\}.a oux sucDTra 

TTo'ppojflsV, Ta o' l'vTO? £J(OVTa TOC OfJL- 

[xata £V xoi'Äo) xsijxsva opatua täv 

TTOppOillcV. 

Ebendaselbst 780*' 15. 
ki';z-rj.i ydcp ö?u opav Sv [xsv to 
TToppdiUsv ouvaoilat, opav , Sv 6s to 
T(i; oiacpopa? oti [j-aAiara otaioUavs- 
oi}ai TÄv opo>[x£va)V. tauta r/ouy^ a;xa 
ou[xßctiV£t ToI; auToTc. o "(äp auto? 
£-rjÄi)Yiadt[x£vo<; r/]v /sTpa Tj oi' auAoü 
ßXsTCtuv rä? [J.£v otoLcpopa? ouo£v [jlvX- 
Xov ouo rjTov xpi'v£i TÄv j(pü>[xa-tov, 
o'I;£~ai 0£ 7:oppo')r£pov. 



Die Thiere mit herausstehenden 
Augen sehen nicht gut in die Ferne, 
die mit hineingerückten, in einem 
Hohlraum liegenden Augen sind fern- 
sichtig. 

Scharf-Sehen heißt einerseits fern- 
sehen können, andrerseits die Unter- 
schiede der gesehenen Gegenstände in 
der Empfindung auseinander halten. 
Das braucht aber nicht gleichzeitig 
bei denselben Menschen vorzukommen. 
Denn derselbe Mensch, indem er sich 
die Hand vor die Augen hält oder durch 
eine Röhre blickt, beurtheilt die Unter- 
schiede der Farben nicht mehr oder 
nicht weniger, er sieht aber weiter. 



§ 59. B. Altersichtigkeit. 
959^^ 37. ^ 

At.7. Ti d[i.cpo'T£pot 7.7.-a 7.ai}£V£i7.v Weshalb pflegt, du es zwei Arten 

TIV7. Tüiv ocpOaXjj-üiv oi.7.x£ip.£Voi, T£ von Augenschwäche giebt, die des 

[xuoi'ji 7.7.1 7rp£3ßu~rjC, [X£v £YYu; Blinzel-Auges und die des Greisen, der 

7:po37.Y£i, av ti ßouArjTai ioeTv, o ok erstere, was er sehen will, nahe heran- 



loppo) 7717. -c£i; 



zubringen, der zweite aber weit ab zu 
halten?-^] 



-1) Die Schreibart ix'j-rA finde ich nur bei Curtius, gr. Etym. S. 336. a'jwl' 
heißt auch die (stechende) Bremse und der Stachel, irjmrÄ'io) staclieln. 

2 Das bei Aristoteles das Mauslocli bedeutet von ij.j:, Maus, und i--q Loch, 
Oefl'nung). Dies späte Wort Myopia ist Veranlassung zu all' den neueren Aus- 
drücken auf -opia geworden, wie Emmetropia, Hemiopia u. s. w. 

3) Nach DoxDERs (Acc. u. Refr. H. Aufl. S. 376) liätte zuerst Kepler (1604 n. 
Chr.) Myopie und Presbyopie als entgegengesetzte Zustände betraclitet. Das ist 
unrichtig, da diese Gegenüberstellung schon in den aristotelischen Problemen 
sich findet und später bei j e dem griechischen Arzt, von dem wir einen Satz über 
Kurzsichtigkeit besitzen. (Oribas. V, 475; Aet. S. 132; Paull. Aeg. HI. S. 78; 
JoANN. Akt. II, S. 449.) 



112 XXIII. Hirschberg, 

Auch hier stoßen wir auf ein griechisches Wort, das die zwei Jahr- 
tausende überdauert hat und in unsren heutigen Lehrbüchern 
fortlebt. 

TTpsajSu;!) heißt greis, ehrwürdig; Tzrjeo'^oTr^z, Greis. Dies und nur 
dies bedeutet das Wort auch in der obigen Stelle; und konnte es auch 
einfach bedeuten, da das Fernhalten des Buches für die Greise typisch war, 
wenngleich ja Ausnahmen vorkamen. Die Bedeutung altersichtig hat 
das Wort erst in neuerer Zeit bekommen. 3Ian bildete das Beiwort pres- 
byta, die Hauptworte presbytia-) oder (nach Analogie von myopia) pres- 
byopia, Weitsichtigkeit, Altersichtigkeit^), 

Der Weitsichtige heißt ital. presbita, frz. presbyte; Weitsichtigkeit 
ital. presbTopia, frz. presbyopie, engl, presbyopy. 

Uebrigens pflegten die griechischen Aerzte, ohne ein zusammengesetztes 
Hauptwort zu bilden, die Altersichtigkeit meist mit dem andren Worte 
(yr^pacu, alt sein) zu beschreiben; z. B. Oribas., Synops. VHI, 54 (Band V, 
S. 457): 

'Evavri'a os Traa/ouaiv oi YTjptuvTiC Der Zustand der Alten ist entgegen- 

ToT? \iuiü<!jvr ta ^^arj sy^uc [xtj opu)V- gesetzt dem der Kurzsichtigen: denn 
TSC T7. Trdpptü iSAsTTOustv. die ersteren sehen das nahe nicht, 

wohl aber das ferne. 

Eine Andeutung der Altersichtigkeit finden wir auch schon in den 
echten Schriften des Aristoteles. Wenigstens sagt er, dass die Greise 
(yspov-Ec) deshalb nicht scharf sehen, weil die durchsichtige Haut vor der 
Pupille runzlig wird und Schatten wirft. (Zys, 780 a, 30.) 

§ 60. 6. Schielen. Gleichgewichtstürung, Krampf, Lähmung von 
Augenmuskeln, — diese Unterscheidungen kann man von den ältesten 
Schriftstellern nicht erwarten. War es doch schwer genug, der Volks- 
sprache überhaupt erst wissenschaftliche Namen abzuringen. 

Das Umdrehleiden in den Augen (nhet m mrte = Schielen) wird 
bereits im Papyr. Ebers erwähnt. (S. oben § 6 Nr. 12.) In den hippo- 



■Ij CuRT. Etymol. S. 479: verwandt mitpriscus, und mit sanskr. pra-jas, Com- 
parativ von pra, vor. — Die alten Grammatiker, z. B. Ajimon., stellten die folgende 
Reihe auf: tmz, ävfjp, Y^pw ; alter Mann), 7:(j£3ß6-:r,;, Greis, icyj.xö'cq^jaii uralter 
Greis. Afehnlich Pollux. Doch wurde nicht immer bei den Alten diese Genauig- 
keit der Unterscheidung innegehalten. Vgl. Thes. 1. graec. VI, 1589. 

2) Das ist kein griechisches Wort! 

3) Wer diese Worte zuerst gebraucht, ist schwer zu ermitteln. Im Gloss.m. 
et Inf. lat. findet sich nichts. Nach Littre Dict. de 1. lang. fr. III. S. 1294) hat 
Diderot (Oeuvres XIV, 413; 1713 — 1784) das Wort presbyte in unsrem Sinne 
gebraucht. Littre hat und erklärt auch die Worte presbytie, presbytisme, Pres- 
byopie und presbytique. Dictionnaire de l'Academie Francaise hat nur presbyte. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertlium. 113 

kratischen Schriften ist das gewöhnliche Wort für Schielen oiaorpscpiailai 
Tou; o'ji)aX[j.o'J;, die Augen verdrehen; schielend heißt oiEatpaaasvoc oder 
aTp&ßXdc. Von demselben Stamm a-pscp-i) kommen auch die später üblichen 
Beiwörter aTpa,3u)v, arpalBor, ferner die Hauptwörter a-pa|3taaor, aTpaßo-r^; 
und das Zeitwort arpajSi'Cco. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich die Bezeichnungen für Schielen in den 
andren wichtigeren und uns geläufigen Sprachen kurz anführen. Die Römer 
haben die Ausdrücke strabo^), strabonus-^) undstrabus^) einfach aus dem Grie- 
chischen aufgenommen. Eigentlich lateinische Ausdrücke sind paetus und 
luscus. Paetus heißt ein wenig schielend^); luscus nach Vanicek eigentlich 
halblicht, halbsichtig''), einäugig''): wird aber auch für schielend'') gebi-aucht. 

Die Hauptbedeutung ist einäugig 'J). Luscinus heißt geblendet, einäugig^*^), 
daher luscinia die Nachtigall; lusciosus nachtblind, luscitio Nachtblindheit. Lus- 
citas ist neulateinisch und wurde von Plenk und Beer für Schief-Stehen 
(-Sehen) des Auges gebraucht; neuerdings für mechanische Verschiebung des 
Augapfels. Das Wort kommt noch nicht bei Castelli, wohl aber bei Kraus vor. 

Im deutschen Sprachgebiet ist das ursprüngHche. Wort scheel (ahd. 
scelah, mittelhochdeutsch schel, Scheich)'^), mit der Bedeutung »schief, schielend«. 
Im Oberhessischen bedeutet scheel einäugig, im Bair. Oestr. wird schelch für 
schief gebraucht. Scheelsehen heißt beide Augen seitwärts drehen. Das eng- 
lische squint ist (nach Webster's Dictionary, London 1887, S. 96 1) dasselbe 
Wort wie holländisch schuin, schuinte (schräg, Schi'äge) ' 2). 



1) Gurt. Etym. S. 528. Galen lex. Hipp. Q-zrjz'^j'uA o'j; v.at cTpaßo'j? övofjiaCo'jct. 
l-zm'^iiiu wird von Pollux aus den Schriften der neuen Komödie citirt. Die alten 
Grammatiker erklärten iX).o; für attisch, aTpaßo? und oxpoißajv für vulgär (io(tuTi7.6v). 
STrjotßiajAÖ; findet sich bei Galen (?;, XIX, 436, G-paßor/]; bei Oribas. V, 443, otpa- 
lÜiCw in späteren Wörterbüchern z.B. Hesych. u. A. — Strabotomie soll Schiel- 
Operation heißen, bedeutet aber Zerschneidung eines schielenden Menschen (tou-Tj 
OTpaßoü). 

2) Cic; Plin. (als Familien-Name;; für scheelsüchtig bei Lucil. und Varr., 
sat. Men. 

3) Petr. 

4) Varr. sat. Men., Prisc. Non. 

öl »mit interessantem Blick«, griechisch ÜYpov ü;j.[jLa. Als mildere Benennung 
für strabo bei Horaz, sat. I, 3, 43. — Non haec res de Venere paeta strabam 
facit, Varr. sat. Men. 61, 4. — Die Ableitung des Wortes paetus vermisse ich in 
Vanicek's etymol. Wörterbuch der lat. Spr., Leipzig 1881. 

6) Martial. 

7) Varro, Cic. 

8) JUVENAL. 

9) Glossar, med. et inf. lat. Du Gange, Ausg. von Faure, Niort 1883, V, 
S. 136. 

10) Nach Plin. XI, 130 ist luscinus einäugig durch Gewalt, cocles durch Ge- 
burt. Uni animalium homini depravantur (oculi), unde cognomina Strabonum et 
Paetorum. Ab iisdem qui altero lumine orbi nascerentur Coclites vocabantur, 
qui parvis utrisque Ocellae ; Luscini injuriae cognomen habuerunt. 

11) Angelsächs. sceolh, altnord. skjalgr. Vielleicht ist eine Wurzel skel sowohl 
dem Germ, scelah, als auch dem Griech. ay.o/.'.o;, schief, zu Grunde zu legen. 
(Kluge, etymolog. Wörterbuch d. deutsch. Sprache 1894, S. 319.) 

12) Prof. Snellen zieht vor: s-quint, alle 5 beisammen haben. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 

8 



114 XXIII. Hirschberg, 

Die romanischen Sprachen lehnten sicli an das lateinische luscus und 
bildeten im italienischen lusco, losco : im französischen louche ^) und das Zeit- 
wort loucher. Im spanischen bizco, portugiesisch vesgo^j. Neuerdings entlehnen 
sie dem Griechischen das Wort Strabismus. 

§61. a. Die Erblichkeit des gewühnlichen Schielens gehört 
zu den ältesten Lehrsätzen der wissenschaftlichen Heilkunde, 
da es in dem echten AVerk des Hippokrates von der Luft und dem 
Wasser 3) (§ 14) als eine bekannte Thatsache angeführt wird. 

El ouv Yi'yvovTai £x ~z tuiv criotXa- Wenn also von Kahlköpfen Kahl- 

xpuiv cpaAay.pol, xat ex y^auxciv -j'Äau- köpfe herstammen, von Blauäugigen 

xot, xal £x 6i£3-pc([ji[j.£vtuv arpsßXol, Blauäugige und von Schielenden Schie- 

(ü; £kI to TrXr^Öor, v.al TSpl tt^c aXÄr^; lende, wenigstens in der Mehrzahl, und 

[iopcpf^c b auTOi; Xd^oc, ~i' xojÄ'Jst xat dasselbe von dem übrigen Theü der 

£x }iaxpox£(paXou {xaxpoxi'^aXov '(i- Körpergestaltung gilt ; was hindert dann, 

v£aöai; dass von einem Langkopf ein Langkopf 

abstamme ? 

Die Thatsache der Erblichkeit des gewühnUchen Schielens wird durch 
unsre Erfahrung ganz allgemein bestätigt. Aber der Schluss, dass auch 
gewaltsam (operativ) herbeigeführte Yerändrungen des Körpers auf die 
Nachkommenschaft sich vererben, wird schon durch die Erfahrungen mit 
der Schieloperation widerlegt^). 

§ 62. b) Das plötzlich auftretende Schielen eines Auges, welches 
gewöhnlich auf Lähmung von Augenmuskeln beruht, selten auf Krämpfen, 
wird in der hippokra tischen Sammlung meistens mit dem Zeitwort 
iXXai'veiv^) bezeichnet. 



1) Altfranzös. lours a. 1270) und lousque Glossar, med. et inf. lat. V. 
S. 156); louche schon im XIII. Jahrh. Littre, dict. frc. III, S. 347\ 

2) DiEz II, S. 108: »aus bis-oculus, wäre hart. Nach Larramexdi's Ansicht 
ist es baskisch und heißt von zweien.« 

3) KÜHN I, ööl; FoES. I, 289; Littre II. 60; Kühlewein I, 56. 

4) Wenigstens habe ich beobachtet, dass die in der Kindheit vom Schielen 
tadellos befreite I\Iutter einen Knaben bekommt, der zu derselben Zeit, wie sie 
selber, zu schielen anfängt. 

Noch deuthcher sprechen gegen jenen Schluss die Jahrtausende hindurch 
fortgesetzten Versuche mit der Beschneidung. 

5) Gurt. gr. Etym. S. 358: 'Olm (ei/.üoj) = althochdeutsch wellan, wälzen. Wohl 
zu trennen von e'O.iiu, drängen. — Die Aelteren, einschließlich des gelehrten Foes., 
haben diese beiden Stämme zusammengeworfen. 

Galen, Wörterbuch zum Hipp. (Foes. I, Einleit.) : [X^.aiveiv, oias-pscetv tcj; 
öcp^ctXaoü?. Derselbe berichtet in s. Comment. z. Hipp., dass das Wort [Xz-aivstv 
nicht zu den gebräuchlichen gehört; und scheint doch einen gewissen Unterschied 
zwischen T/./.waic und a-paßta,ao; anzunehmen. Denn er sagt ;VII. ISOh tj oi T/.- 
"/.wai; Ol T£ •/,aXo6[j.£vot crpaßtajAOi xtüv -/.atd tou; Ö9>}c(7.!j.o'j; [ji'jöjv gt.'x^ij.oL »Verdrehung 
und Schielen sind Augenmuskel-Contracturen.« 

Wir werden gleich sehen, dass beide Ausdrücke neben einander auch schon 
in der hippokr. Sammlung (nämlich in den Koischen Prognosen, vorkommen. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 115 

So wird im dritten Buch der Vülkskr. (I, 3j') von einem Kranken be- 
richtet, der am 9. Tage der fieberhaften Erkrankung mit dem rechten Auge 
schielte (os^itji i'XXaivs). Am 20. erfolgte Schmerz desselben Auges, am 40. 
Krise und Genesung. 

Dasselbe (oscio) l'XXaivsv) wurde bei einer Frau, die nach Abort fieberte, 
am 4. Tage beobachtet, am 7. tödlicher Ausgang 2), Im vierten Buche der 
'Volkskr.^j (§ 12) wird ein Fall berichtet, wo es nach Ohren-Eiterung zur 
r e cht seitigen Halblähmung kam: mit dem linken Auge schielte er unter 
heftigen Schmerzen (apioTspa os l'XXaivöv aivÄ; öouvu)[x£voc). 

Vgl. ferner KoTsche Vorhersagen § 308^) und Verkündig. §69^): 
'E; öocpuo; dvaopo[j.7] ito'vou, ßcpöaAixüiv rAXtuoic, xaxdv. »Schlimm ist es, wenn 
Schmerz aus den Lenden emporsteigt und das Auge schielt. (Dass Tabes 
dorsalis gemeint ist, folgt aus dem vorhergehenden Satz, § 307.) 

Endlich »Von den Weiberkrankh. « I^). (Bei der Puerperal-Krankheit) 
£3Tt 0-^31 üpaaoc o[ji|jLaTa)v iXXtooiwv, frech-schielender Blick. [Blindheit 
oder Taubheit bleibt zurück.] 

Schwer sind diejenigen Stellen zu deuten, wo beide Ausdrücke (oia- 
a-pscpsaöat und iX>.aivui) zusammen vorkommen. So steht in den KoYschen 
Vorhersagen") (II, § 8): 

cpXaupov ok '/.a T7)v auYYjV (psuYS'-v a. Schlimm ist es auch, wenn die 

Tj oaxpuölv Tj oi7.3Tp£'^£3Öai, xcti Tov Augeu das Licht fliehen oder thränen 

£-£pov iXaoaoi -^hns^iai y.a/ov oder sich von einander drehen und 

ok xal iAXaiV(uv öcpOaXjxoc. dabei das eine kleiner wird ... b. 

Uebel ist auch Schielen des Auges. 

a. bedeutet wahrscheinlich mäßige Lähmung des dritten Hirnnerven. 
(Divergenz mit leichter Ptosis. Das hat schon Sichel angenommen.) 

Uebrigens ist diese Stelle in die echten Vorhersagen^) aufgenommen: 
"Hv ^o^P ~V °'-'^yV ^s'iytoaiv , Tj oaxpuojoiv dTrpoaipETox; , t) oiaoTp£cpu)v-ai, 

-/j 6 Itöpo? Tou £T£pou iXdaatuv '(i'[vri~ai, raoza tAv-o. xaxd votx''^£tv. . . 

Auch noch an andren Stellen wird oiaaTp£Ci£ai)ai vom lähmungartigen 
Schielen gebraucht, gelegentlich durch grammatischen Zwang, wenn gleich- 
zeitig von andren Lähmungen die Rede ist. 



I) Kühn III, 47ö; Foiis. II, 1066; Littre III, 40. 

2 m. B. d. Volkskr., II § H : Kühn III, 479; Foes. II, 1079; Littre III. 62. 

3 KÜHN III, 516; Fciis. i\'2-2, 9; Littre V, löO. (Pons-Affection, Nothnagel, 
21, i61.: 

4) Littre V, 652. 

5) Littre V, 520. 

6) Foes. 607, 44; Littre VIII, 100. 

7) KÜHN I, 267; Foijs. 153; Littre V, 630. 

8) KÜHN I, 90; Foiis. I, 37; Littre II, HO. 

8* 



116 XXIII. Hirschberg, 

KoYsche Vorhersagen, § 72 '). 

ToTaiv daOsvito? r]or^ ot.a/£i|x£voi3i, Bei schwer Ki'anlcen bedeutet es 

TO 1X7) |3}.£-£'.v, r^ |i.fj ay.ou£iv, tj oia- den Tod, wenn sie das Gesicht oder 
arp£cp£aDat. ysiKoz tj ocpUaXixov, r^ das Gehör verlieren, oder wenn die 
pTva, i>avaat.<xov. Lippe oder das Auge oder die Nase 

verdreht wird. 

Derselbe Satz wird in den Aphor. IV, 49 2) noch genauer ausgeführt. 

'Ev [lYj oiaXciirovn KUp£r(«, t,v Wenn in einem continuirlichon 

•/tikoc, Ti öcppuc, y] öc5i)aXij.Qc, irj [Ac, Fieber die Lippe oder Braue oder das 
oioLOToacp-?], r^'i [xy] jBÄiTi'ifj, TjV {xyj axou"{j, Auge oder die Nase verzerrt wird, wenn 
doi>£V£o? sdvTO? Tou xdjxvovToc, TL der Kranlce nicht sieht, nicht hört, 
äv TOUTEOJV YSVYjtai, kY(hc, 6 &dva-o?. dabei sehr schwach ist, — was auch 

von den erwähnten Symptomen ein- 
tritt, nahe ist der Tod. 

Dies dürften alle Stellen der hippokratischen Sammlung sein, welche 
auf das Schielen sich beziehen. 

Unzweifelhaft hat dasjenige Schielen, welches bei schwerem Fieber 
oder bei ernstem Nervenleiden auftritt, die sorgfältige Beachtung der scharf 
beobachtenden H i p p o k r a t i k e r gefunden . 

§ 63. Ebenso haben sie das Hin- und Her schien dem der Augen 
bei hitzigen Fiebern als ein böses Vorzeichen namhaft gemacht. 

hl den Koischen Vorhersagen^) (H, § 8) heißt es: Tiovr^pov, xal -o rd; 
o^iiy.;, Kuxvd oiappiTTtsiv. »Schlimm ist es auch, den Blick immerzu hin und 
her zu schleudern.« In dem echten Buch von der Vorhersage^) (Prognost.) 
wird zu den schlechten Zeichen gerechnet r^ xal £vaiu)p£UfjL£voi (öcpOaXixoi), 
»oder wenn die Augen stetig sich bewegen.« Die lateinische Uebersetzung 
lautet assidue mobiles. Das geben unsre deutschen Lehrbücher gewöhnlich 
mit dem albernen Namen Nystagmus wieder. 

Nicht HippOKRATEs und nicht Galen haben, wie Lorenz (de Nystagmo, 
Bei-lin I820) uns glauben machen möchte, das Augenzittern mit Nystagmus 
bezeichnet. Jene verstanden griechisch. Nicht eine schnelle Bewegung be- 
deutete den Griechen das Wort vuaraYfxdc, sondern im Gegentheil die Scliläfrig- 
keit, das Einnicken zum Schlafen. Was nützt es, mir ein falsches Citat aus 
dem kleinen Rost^) entgegenzuhalten, wenn man aus den besten griechischen 



1) KühnI, 243; Fciis. 127; Littre V, 60 0. 

2) KÜHN III, 734; FOES. 1231 ; LiTTRE IV, 520. 

3) KÜHN I, 267; FoES. 133; LiTTRE V, 630. 

4) KÜHN I, 91 ; FoES. I, 37; Littre II, 116. 

5) Im Thesaurus ling. graec. V, 1618, Paris 1842 — 44, heißt es: NuaTaYfxö:, 
Dormitatio, tj iTTiYevopivT] i-A toö ur.^iou -/.axacfop.a. Hesychio uttvo:. Im Handwörter- 
buch von Suhle und Schneidewin (Leipzig 1875, S. 104;;) heißt Yj^-d'Cvi einnicken, 
schlummern. 

In CuRT. griech. Etym. §442, S. 318, steht: v-jaxaCi», nicke, schlafe; vjoxa/.o; 
schläfrig (Wurzel vj-, nicke). 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 117 

Schi'iftstellern, Laien wie Aerzten, ja eigentlich aus allen, die richtige Bedeutung 
nachweisen kann? 

A. Plato, Apol. p. 31, A: ^A-/^6\izvoi ÄaTTsp ot vuoTa!IovTc? SY£ipo[X£vot. 
»Aergerlich wie die aus dem Schlaf geweckten.« Vom Staat, 3, p. 405 C : voara!Iov- 
TO? or/aaTO'J. »Wenn der Richter schläft.« Leg. 5 (p. 747, B) : rov vuaTczCov-a 
...sysipst, »sie erweckt den schlafenden.« Aristophan., Vogel, 039,640: xat 
[jL/jV [xa Tov A" ouyn. voaraCstv •( en ^ßpa 'orlv Tj[i.Tv ouos ijtsXAovixiav. 
»Fürwahr, beim Zeus, nicht ist es jetzt mehr Zeit für uns zu schlafen und zu 
zaudern wie ein Nikias.« Wespen, 12: Katj-oi yocp aptio)? sTisaTpaTcUoa-o Mf^oo; 
TIC, £iri Ta ßXscpapa vuaxaxTyjc utcvoc. »Eben befiel meine Lider sogleich ein medi- 
scher Einnickeschlaf.« LXX, Psalm 131: £i owacD uirvov loic, öcpOaXtxoTc [j-oi 
■/ai. ToT«; ßXsccapoi? [xot vuaTayjJidv. »Wenn ich Schlaf meinen Augen gebe und 
meinen Lidern Schlummer. « Sprüche VI, 4 : [jlyj oipc uirvov aolc o[a[X7.31 [xTjOs 
£-ivuaTäE'{]? aoTi; jSAscpapou. »Lass deine Augen nicht schlafen und deine Augen- 
lider nicht schlummern.« Sirach, XXXVII (XXXI), 2, Ausg. v. Tischendorf, II, 
196: jjLEpijjtva «YpoTTVia? airairrjast vuataYfjiov. »Die Sorge wird vom Wachen 
den Schlummer fordern.« 

B. HippoKR. a. Volkskr. VI, 4, § 51 '): Ytz^oc, sopaToc, öpi)a) vuaraYfxoc. 
»Fester Schlaf erfolgt, wenn man im Stehen schon einnickt.« 

b. Von der Lebensweise in akut. Ki*. 2) : Wer, ohne daran gewöhnt zu sein, 
stark frühstückt, bekommt Anschwellung des Magens, Schläfrigkeit (vuo-aY[i-o;j 
und Völle. 

c. Von der alten Heilkunde 3] : Wer gefrühstückt hat, ohne dass es ihm zu- 
träglich ist, wird schwer, trag an Leib und Seele , voll von Gähnen, Schläfrig- 
keit (vuoTayfiou) und Durst. 

Auch Aretaeus lehrt uns, was vuaTaY[J-o? bedeutet. (Chron. Kr. I, 1 6, von 
der Kachexie): uttvo? £opaToc [xiv ouoajxi^, xcxÄtfxevo) 0£ vuaTaY[j.d;. »Niemals 
fester Schlaf; abei*, wenn er sich niederlegt, nickt er ein.« 

Also vuataC«), vooxa'(\i6c, bedeuten nirgends und keinesfalls die 
schnelle Bewegung! Wie kam das Wort zu dieser falschen Bedeutung? 
Nach der Volks-Redensart: »Es ist kein Gold, hat aber bei Gold gelegen.« 

Im siebenten Buch der Volkskr. des Hippokr.^), § 17, heißt es: ^cpUaXjxoi 
TrXiovTEc SiOTzzp TÄv vuaTaCdvToiv. Die lateinische Uebersetzung^) lautet: oculi 
nutantes velut nictantium h. c. oculi tremuli et assidue fere se moventes, quales 
prae somnolentia dormientium. Es ist gut möglich, dass Einer die Worte assi- 
due se moventes, die auf ttXsovts? sich beziehen, auf vusTa^dvTojv bezogen und 
kaltblütig vu3TaYjj.dc mit Augenzittei'n übersetzt hat. 

Jedenfalls hat es schon Plenk ^) und so haben es alle folgenden ; auch der in 
den Alten scheinbar so wohl bewanderte Himlv. L. Böhm beginnt seine berühmte 



1) Littre V, 310; Foiis. 1180. 

2) FoiJs. 403, 45; Littre II, 478. 

3) Foiis. 12, 3. 

4) FOES. 1215 E; LiTTRii V, 390. 

3) Littre übersetzt nageants, Fuchs verschwommen. Es kann wohl nur 
schwankend heißen, sowohl nach dem Wortsinn, als auch nach der Erfahrung. 

6) GoRRAEUS noch nicht. Auch Castelli giebt richtig vjoTa^eiv nictando 
dormiturire. 



118 XXIII. Hirschlierg, 

Sondersclirift (Berlin 1807) mil den Worten: »Das Augenzittern ist eine unter 
den gangbarsten Namen Nustayfid; oder Instahilitas oculoruni längst bekannte 
Krankheit. « 

§ 64. Das schnelle und stetige Augenzittern war den Alten wohl be- 
kannt; sie nannten es aber nicht Nystagmus, sondern Tttttoc, das Plerdchen.. 

In einem unechten Buch der GAi.EN'schen Sammlung (Aerztl. Erklär.) ') heißt es : 

"Itz'koc, ioTi oiaösoi? s^ ^evsttj? Das Pferdchen ist ein angeborener 

xaO^* YjV aoTCToüat xal asl xivouaiv Zustand, bei dem die Augen in steter 

Ol 6'sbaiX\i.o\, xivrjOiv u7:o[ji£VOVT£? ev Unruhe und Bewegung sind, da sie 

xXo'vto Tj Tpo|j.w doiaXEiTTTw zaUsoTTj- eine Bewegung erleiden, die in unab- 

xuTav Taur/)v xyjv oiai}£oiv 'Itttto- lässigem Zucken oder Zittern besteht. 

xpaiTj? sxaXsoEV ittttov" to o£ Tcailoc Diesen Zustand hat Hippokrates Pferd- 

To5 arTjpi'CovToc eoTi xov 6cpi)aX[xov chen^) genannt. Es ist ein Leiden des 

jjLUOc, o; TrspisiArjCps ttjv ßaaiv tou Muskels, der das Auge festhält, und 

ßXercovToc brr(a')oo. die Basis des Sehorgans umhüllt'-*). 

Uebrigens finden wir in unsrer Sammlung der hippokratischen Schriften 
nichts darüber. Alelleicht beruht die Urheberschaft des Hippokrates auf einem 
Irrthum des Vf.s der ärztlichen Erklärungen. 

In den echten Schriften des Galen aber wird noch zweimal dieses Zu- 
standes gedacht. Galen., Comment. I. in Prognost. Hippokr.''): 

To fi£V "i'ap 7rpi£tv Tou; öoo'vtac Das Zähneknirschen (das Hippo- 

o[xoidv £3Ti TÖ) xata touc o'^UaXfiou? krates erwähnt,) ist ähnlich dem 

■Kabs.1 au-fctvoji-ivfo naiv, o TTpocayo- Augenleiden, das einige befällt und 

pEuouoiv iTCTTOV, ou ouva[jL£va)v auTföv das man Pferdchen nennt, wobei die 

£Opaitov (xsTvat )(pdvov ouosva, oaXEUo- Augen nicht einen Augenblick ruhig 

[X£Vü)v 0£ (XEi Tpofxuioöic. bleiben können, sondern immer in 

Zitterbewegung hin und her schwanken. 

Galen. ^) Comment. 2 in Prorrhet. 

doTYjpixToi Y<^P siai 7cocp7.TTXrj3ia)c Denn unstät sind sie, ähnhch jenen, 

£X£tvoic, ToXc, t6v xaXoujXiVov TiTTiov die das sogenannte Pferdchen haben, 
Ij^ouaiv, die, jxr|0£7roT y]3U)^dC£iv. sodass sie nicht ruhig bleiben können. 

Celsus^) erwähnt das Leiden unter dem falschen Namen resolutio ocu- 
lorum (Augenlähme) und mit unrichtiger Schilderung: igitur evenit, modo in 



1) Galen, Bd. XIX, S. 436. 

2) Offenbar, weil es Pferde giebt, die niemals die Beine ruhig halten. Thes. 
1. gr. IV, 648 will lieber Itto; (Presse, Mausefalle^ setzen: eine recht unglückliche 
Conjectur! 

3) Retractor bulbi, der wohl bei Säugethieren vorkommt, aber nicht beim 
Menschen. 

4) Galen, Ausg. v. Kühn XVIIIb, 67. 

5) Band XVL S. 611. Diese Stelle fehlt in Asmann's Index Band XX. S. 309 
der KiJHN'schen GALEN-Ausgabe. 

6) De med. VI, 6, 36. 



i 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 119 

uno oculo ^), modo in utroque . . ., ut is neque quoquam intendi^) possit 
neque omnino consisl^t, sed huc illucve sine rationc moveatur. 

§ 65. Nach dem Wiedererwachen der Wissenschal'lcn galt zunächst die 
sogenannte hippokratische Bedeutung des Wortes Hippos. Das hippokr. Wort 
findet sich noch bei Mauclerc''): Hippus, shaking eve^). Doch ist schon ver- 
hältnissmäßig frühzeitig der Name auf das Lidzucken oder Blinzeln über- 
tragen worden, das ja gelegentlich neben^) dem Augenzittern vorkommt, 
meist aber ohne das letztere beobachtet wird; sei es, in leichterer Form, bei 
Bindehautreizung; sei es, stärker ausgeprägt, als sogenannter reflektorischer 
Lidkrampf. 

Ambr. PARiß''): Hippus, Equus, Nictatio"). Genauer hat dies Bartisch^) 
ausgeführt, der ja übrigens, ebenso wie ParE, ein einfacher, ungelahrter Wund- 
arzt gewesen ist, aber wie jener, mit fremdsprachlichen Blüthen sein Werk zu 
schmücken liebte: »Erstliches ist ein plinckern, schwittern, zittern und beben 
der Augenlide, von den Alten auf griechisch iinroc, zu Latein Equus und insta- 
bilitas palpebrarum genannt. Ist nicht erfahren worden, dass diese art durch 
artzneyische Mittel curirt worden sei.« 

Aber erst im vorigen Jahrhundert ist seltsamer Weise das Wort Hippus 
auf die Pupille übertragen worden, nicht schon zur Zeit der alten Griechen, wie 
Mackenzie'J) anzunehmen scheint". Nach dem Vorgang von Biolan d. V. und 
von WooLHOusE scheint der ausgezeichnete und sonst hoclibcrülimte Mauchart 
aus Tübingen diesen Irrthum hei uns eingeführt zu haben. Vgl. die Dissert. 
de ulcer. corn., Tübingen 1742"^): hippum, i. e. palpitatorium, nictitantem 



1) Das scheinbar einseitige Augenzittern ist bei genauer Beobachtung doch 
doppelseitig; aber auf dem einen Auge geringer, weniger ausgiebig. Dass Celsus 
dies nicht wusste, kann man ihm nicht übelnehmen. 

2) Die Zitter-Augen können wohl auf einen Punkt gerichtet werden: Beweis, 
sie können ja fließend lesen. 

3) Nomenclatura critica morbor. ocular. by J. H. Mauclerc, London 1768. 
Ebenso sagt Mackenzie ^Ausg. v.Warlomont u. Testelin, Paris 1856, I, 354) Oscil- 
lation du globe, resolutio oculorum. 

4) Ich liebe reines Deutsch, aber auch reines Englisch, und empfehle 
meinen englisch redenden Hörern »shaking eye« zusagen, und nicht Nystagmus. 

3) Rählmann, Arch. f. 0. XXIV. 4, 25. 

6) Ausgabe von Malgaigne, Paris '1840/41. B. H, S. 415: Hippus, Equus, c'est 
un ebranlement perpetuel de l'oeil. . . aucuns l'attribuent aux paupiöres et l'appel- 
lent Nictatio. 

7j Nictatio heißt das Blinzeln; nictari blinzeln, auch mit der Nickhaut. Plix. 
n. bist. XI, 37, 156. (Ausg. v. Sillig, Hamburg u. Gotha 1851— 1858, II, 293): Ne genae 
quidem omnibus; ideo neque nictationes iis, quae animal generant. Graviores 
alitum inferiore gena connivent; eadem nictantur, ab angulis membrana obeunte. 

8) \>-paciA[j.o,%'jXerA Dresden 1583, S. 176. ;Zweite Ausg. 1646, S. 293.) 

9) Ausg. V. Warlomont u. Testelin, Paris 1856, II, 317, 330, I, 574. 

Er bezeichnet das Auge n-Zittern als Oscillation und vergleicht es mit 
der sogen. Paralysis agitans. 

10; In Haller's Disput, chir. I, 406 (Lausanne 1753;. — Vielleicht hat eine 
lächerliche Fabel des Plinius mit geholfen. N. h. VH. 2, 17: Phylarchus et in 
Ponto Thibiorum .... quorum notas tradit in altero oculo geminam pupillam, in 
altero equi effigiem. 



120 XXIII. Hirschberg, 

iridis motum. Ferner Dissert. de niydriasii): Spasmus miisculi iridis, hippum 
inlclligil. 

Von da ab hat das Wort Hippvis nur noch die neue, sinnwidrige 
MAUCHARx'sche Bedeutung. So in Plenk's Lehrbuch 2) : Hippus ist eine wechsels- 
■weise und immer wiederholte Erweiterung und Verengerung des Augensterns. 
Und noch in unsren Tagen bringen sowohl die größeren Handbücher, wie die 
erste Auflage von Graefe-Saemisch, als auch die kleinsten Schulbücher, eines 
nach dem andren, gewissenhaft: Hippus ist ein Krampf der Iris, der Erweiterung 
der Pupille mit Verengerung abwechseln lässt. Uebrigens^) ist diese Unruhe^) 
der Pupille der normale Zustand bei plötzlicher Bestrahlung, wenigstens unter 
Lupen-Beobachtung. Stärker ausgeprägt kommt sie vor neben dem Augen- 
zittern, neben Augenlähme sowie bei dem epileptischen Anfall. Als selbstän- 
diges Leiden wird sie höchst selten beobachtet. 

§ 66. Somit finden wir in der uns erhaltenen Sammlung der hippo- 
kratischen Schriften einige 20 verschiedene Augenkrankheiten oder Sym- 
ptome beschrieben: 

1. Bindehaut- Entzündung. (Verschiedene Arten.) 

2. Flügelfell. 

3. am Lid, Gerstenkorn. 

4. Krätze. 

5. Phlegmone. 

6. Ausstülpung. 

7. Haarkrankheit. 

8. Thränen durch Reizung des Auges. 

9. Thränenträufeln. 

10. an der Hornhaut Geschwüre. 

1 1 . Narben. (Vier Arten.) 

12. an der Regenbogenhaut, Vorfall. 

13. winklige Pupille. 

14. vergrößerte Pupille, 

15. verkleinerte Pupille. 

16. Verdunklung der Pupille (Star?). 
Ferner 17. Amblyopie. 

18. Amaurose. 

19. Halbblindheit. 

20. Tagblindheit. 

21. Mückensehen. 

22. Feuer-Erscheinungen. 



1) In Haller's Disput, chir. I, 536. 

2) Augenkr., Wien -1778, S. 237. 

3) HijiLY, Kr. d. Auges, I, 29. 

4) Laqueur, klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Bd. XXV, 469—471, 1887. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 121 

23. Schielen. (Einfaches und durch Lähmung.) 

24. Augenzittern, 

Natürlich bleibt es jedem unbenommen, diese Zahl durch andre Grup- 
pirung etwas zu vergrößern. 

Freind^) hat bei IIippokrates 30, bei Aetius (540 n. Chr.) die doppelte 
Zahl herausgerechnet. Bei Plenk (1778) finde ich 'H8, in einem heutigen 
Lehrbuch 500. (Vgl. § 8.) 

§ 67. Zusammenhang von Augenkrankheiten und Kürper- 
leiden. Zeichenlehre^). 

HippoKRATES spricht oft von Zeichen [oriiizia)^), aus denen man das 
Wesen der Krankheit erkennt, auf die man fest bauen kann (iriaTsiisiv 
aiJTsoiai yjjri xapra); von den die Genesung sichernden Zeichen *) (arjfi-si'ojv 
aacpaXsa-aTcDv) ; von der Gesammtheit der Zeichen, aus denen man Tod 
oder Genesung vorhersagen muss^). Besonders berühmt ist die Stelle aus 
der Progn., § 25 ß): 

Eu [xsvTot yjjri sioevat Tispt täv Gut muss man Bescheid wissen 

T£y.[jL-/;pia)V xal täv aXAtov orijxöicov, mit den Beweisen und den andren 

v.rj.1 jjLTj ÄavÖavsiv oti iv ravTi Itsi Zeichen und sich gegenwärtig halten, 

xal Tcaoifj topifj ra ts xaxa xaxov dass in jedem Jahr und zu jeder 

ar|[iai'v£t, xal ra j^pr^ara ayaOov, ettsI Jahreszeit die schlimmen Zeichen 

xal £V Aißu-(j xal £V Ar^Xtp xal £v Schlimmes bedeuten und die guten 

Sxuöiyj cpaivctai xa 7rpoY£Ypa[ji}X£va Gutes; denn sowohl in Afrika wie in 

äXrj{)£uovra or^\isia'). Delos und in Scythien haben die be- 
schriebenen Zeichen sich bewährt. 

In der galenischen Sammlung wird das »Zeichen« so erklärt, dass 
man nach seiner Kenntnissnahme aus demselben etwas andres begreift^). 
Im vorigen Jahrhundert wurde eine besondre Zeichenlehre des Auges 
begründet-'), und im Anfang unsres Jahrhunderts, in der naturphilosophischen 



■1) Histor. med. Lugd. Batav. ITäO, S. -ISI. (Ich besitze nur die lateinische 
Ausgabe des Werkes.) 

2; In der gelahrten Sprache der neueren Aerzte »Ophthalmo-semiotik« oder 
Semiotik (Semiologie) der Augen genannt, a-^p-oi, a-qiJ-ziov Zeichen; aTj[Aato(t) be- 
zeichnen, als Zeichen erkennen; c'^[j.£t(«Ti-/.6; zur Zeichen-Lehre gehörig. Bei'CELsus 
heißen die Zeichen notae. (VI, 6.) 

3) Progn. §17. LiTTRii II, 132, 153. 

4) Progn. § 20. LiTTRE II, 168. 

5) Progn. §24. LiTTRE II, 188. 

6) LiTTRE II, 188. 

7) Hier ist der Ursprung des oft citirten (und variirten) Satzes aus 
Eothen von Kinglake. (1844.) 

8) Galen (?) XIX, 394, def. med.: Stiij-sIov ^axi, ou -/vojaöevTo; stepov xi £; c/.jtoü 

7.atOtXa(J.|3äv£TCll. Vgl. XIV, 690. 

9) Vgl. Hertel, dissert. de oculo ut signo, Gotting. 1786. 



122 XXIII. Hirschberg, 

Zeit, zu einem abenteuerlichen System') ausgestaltet, welches in solchen 
Aussprüchen schwelgte, wie dass der Älakrokosmus des Organismus in dem 
Mikrokosmus des Auges sich spiegle. 

Scheinbar stützte man sich dabei auf Hippokrates. In der That 
sind aber die hippokratischen Sätze doch einfacher und kommen der 
Wahrheit näher. 

Volkskr. \'I, 4, 22 2). 'OcpUaXij,ot, oo-m xal ^uTov. »Wie das Auge, so 
das Glied (d. h. der Körper).« 

Diesen Satz kann man sich gefallen lassen. Er wird durch die Er- 
fahrung bestätigt. Uebrigens hatte Hippokrates beiVerwerthung der Zeichen 
vom Auge mehr die Prognose im Sinn, als die Diagnose: was auch mit 
dem ganzen Geist seiner Heilkunde und dem Zustand der wirklichen Kennt- 
niss mehr übereinstimmt. 

Hierher gehurt der berühmte Abschnitt aus dem zweiten Kapitel 
der Prognostik^): 

'Hv 8s xai TiaXaioTspou sdv-o? Wenn aber die Krankheit schon 

Tou vouarjfiaToc, 7] xpixaiou tj rstap- länger besteht, entweder 3 oder 4 Tage, 

Taiou, t6 TrpooüJTTOV ToiouTov Yi» "^^P'- '^ii^d dann dieses Aussehen des Gesichts 

TOOTsojv ETiavspiailai, Trspl div xal (das sogen, hippokralische) ■*) besteht; 

TrpoTspov exsAsuaa, xat xaXXa ayjfisTa so hat man diejenigen Fragen zu stellen, 

a/£TtT£ai)ai, ~a ts ev tu) ^u[j.~7.vti die ich soeben anempfoWen, und die 

TrpoatuTc«), Toc ts sv to) awjian, xal andren Zeichen zu berücksichtigen, 

rä SV ToTaiv o'föaXfjLoIotv. ' Hv yap erstlich die in dem Anthtz, zweitens 

T7]V auyyjv cps^yiüaiv, r^ oaxpuiuaiv die in dem ganzen Körper und be- 

a7:poaip£~«)c, 'q otas-pscpcovrat^), T| 6 sonders auch die in den Augen. Denn 

sTspo? To5 ETspou sXaaotDV '(['[TfiXai, wenn diese lichtscheu sind oder un- 

7j Toc Xsuy.ä spuilpä la/ojaiv, rj TrsXia^), willkürlich thränen oder auswärts 

■(] oki[iia [XEÄava sv stooTsoiaiv s'X"^" schielen oder das eine kleiner er- 

oiv, Tj XrifjLOti cpaivuJVTai Tispl tol; scheint, als das andre, oder wenn 

ot];iac, Tj xal £vaia)psu[j.Evoi, tj s^ia- das Weiße geröthet oder fahl erscheint, 



1) LÖBENSTEiN-LöBL, symptomatische Semiologie des Auges, Jena 1817. — 
Erst unsre Zeit, das letzte Drittel des 19. Jahrb., schuf in unverdrossner Arbeit die 
exakten Werke über den Zusammenhang zwischen Augen- und Allgemeinleiden, 
von Förster, Jacobson, Knies, Schmidt-Rimpler u. A. 

2) Kühn III, 60G; Foüs. II. 1181; Littre V, 312. Galen in s. Comment. da- 
zu (XVII b 213) sagt, Hipp, lehre, wie man vom Auge aus eine Diagnose der 
Krankheiten des ganzen Körpers machen könne. Vgl. Galen IX, C97, und XI, 11: 
(j.dXtcTa Ö£ ToT? dcpÖaX;j.ot? oiopiCetv yp-fj. 

3) KÜHN I, 90; Foüs. I, 36; Littre II, 114. 

4) Dazu gehören auch die eingesunkenen Augen (rjcpSlciXfAol v.otXoi;. 

5; oiacTp£cf£a&'-/i heißt verdreht werden, schielen; hier aber auseinander 
gedreht werden, wie oia öfters in Zusammensetzungen, z. B. oia-ßabsiv, c/ta-;j.rjpt!£iv 
u. a. Wenn ein Auge plötzlich kleiner wird, als das andre, so besteht Lidfall 
(Ptosis;, wie Sichel richtig angemerkt. Galen's Meinung (Schrumpfung des Aug- 
apfels) ist nicht annehmbar. 

6) bleifarben, fahl, [iiekiöc, pallidus — fahl, derselbe Stamm.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 123 

yovrec, Tj l'YXOt^ot- is/upöi? Y'^T'^'^i^^'^^^' °^^^' wenn sie dunkle Blutadern ent- 
Tj ai o']^i£c au/|j-ü)aat xai dXafjL-ssc, halten, oder Schleim um den Augen- 
Ti t6 yp(i5[j.a Tou ^u[ji7ravT0? TrpoawTrou stern sichtbar wird, oder wenn sie 
TiXXoiüJ|i.£vov -^j xauTa Ttavta xavA zittern, oder hervori-agend oder stai'k 
votxiCeiv xat oÄsOpia sivcti. — xottssiv eingefallen erscheinen, oder der Augen- 
0£ yp/i xal m? unocpaaia? Ttov öcp- stern [durch Hornhauttrübung] trocken 
{laXfxcüv £V ToTaiv uttvoioiv TjV yap rt und glanzlos, oder die Farbe des ganzen 
uTcociai'vTjTai xou Asuxou, täv ßXecpdc- Antlitzes verändei't ist; so muss man 
ptov Eu[xßaXXo[X£vcuvi), [xyj £/. oiap- alle diese Erscheinungen für schlimm 
poir^q Tj cpap[i.7.xoT:oat^ eövn, rj [xtj und verderblich ansehen. Betrachten 
eiilioixsvo) ouTci) xai}£uo£iv, cpÄaupov muss man auch die Erscheinungsform 
t6 oTjjxeTov xal {lavarmOE? Air^v. "Hv der Augen während des Schlafes. Denn 
OS xajjiuuXov^) YsvYjxai, y] ttsXiov, T] wenn etwas an dem Weißen er- 
(Ji))(pov ßXscpapov, Tj X^^^^o? ^i p'^?? t^^"^^- scheint, beim Lidschluss, — nicht 
Tivo? TÜiv d'XXcuv orj;x£ia)V, £iO£vai ypT] in Folge von Durchfall oder starker 
SY7UC £dv-7. ilavocTou* OavaT(üO£; 0£ Abführbehandlung, noch bei einem 
xal ysi'Xsa d7roXud[X£vo(, xat xp£[xd[jL£va, Ki-anken, der so immer zu schlafen 
xai <i^o/_pot, xat ExXsüxa YiyvdjxEva^). pflegt, — so ist das ein schlimmes 

und gradezu tödliches Zeichen. >A'enn 
aber das Lid gebrochen ist oder fahl 
oder gelbhch , oder die Lippe , oder 
die Nase, zusammen mit einem der 
andren Zeichen; so soll man wissen, 
dass der Kranke dem Tode nahe ist. 
Tüdlich sind auch schlaffe, herabhän- 
gende, eiskalte und weiße Lippen. 

So merkwürdig dieser Satz einer unbedingt echten Schrift des 
HippoKRATEs erscheint, so möchte es doch heutzutage nicht verlohnen, die 
beschriebenen Zeichen im Einzelnen zu verfolgen. 

Dagegen verdient hervorgehoben zu werden, dass auch der A'ater der 
Heilkunde diese Wissenschaft keineswegs aus dem Nichts erschafYen, sondern 
wohl eine (in der hippokratischen Sammlung mit überlieferte) Schrift, »die 
Koischen Vorhersagen«, welche aus den Tempel-Inschriften des Asklepieion 
zu Kos 4) erwachsen sein sollen, nicht blos vor Augen gehabt, sondern auch, 
soweit er sie durch Erfahrung bestätigen konnte, mitbenutzt, bezw. ver- 
bessert und erweitert hat. 



i) Gegen Littre, mit Galen u. Reinhold , unterdrücke ich das [j.rj vor ^ua- 
ßaXXotJic'vtuv. 

2) Galen (XVIIIb, Ö4) hatte für •/.a[j.Tr6Xo<; in einigen Handschriften öix-;ov 
(runzhg) gefunden; er erklärt 7.ot[j.T:6Xov an einer andren Stelle, vom Nutzen der 
Theile, X, c.9: Äo-e fJiYjOE [j-äXXov ävew/ftat t6v öcp^}aX|i.6v, tj -/.SicXsrsiHi. -/.cd toüt' soti 
TÖ irpo? iTTro-^paTO'j? 7,7ijt.7:6Xov ö^oii-aCoasvo^ ßXI'-fapov, o oyj v.ai ■L^t.-t.vi ij.i'jd/.vj £v toT; 
voo-r)[j.aoi xtilsTai. »So dass das Auge nicht mehr geöffnet, als geschlossen ist. Das ist 
das sogenannte gebrochene Lid des Hippokrates: was er als Zeichen eines sehr 
schlimmen Zustandes in den Krankheiten hinstellt.« — 

Wer die Alten erklären will, muss sie — lesen. 

3) Der lange Commentar des Galen zu dieser Stelle XVIIIb S. 44—54) giebt 
wenig Aufklärung, abgesehen von Lesarten und Wort-Bedeutungen. 

4) Vgl. § 30. 



J24 XXIII. Hirschberg, 

§ 68. Das VIII. Kapitel (§ 2 13 — § 223) der Koischen A'orhersagen i) han- 
delt von den Augen ; hier finden wir übrigens neben den prognostischen auch 
diagnostische Sätze. 

213. 'Ocp{>aXaü)v y.af^apo'-r^c xat 213. Die Kläi'ung der Augen, und 

xa Xsuv.a aurituv sx UiXctvtov^) tj tts- zwar wenn das Weiße derselben, nach- 

Äi(üv 7.7.i)apa Yiv£oi>at, -/pioifiov. xa- dem es schmutzig oder fahl gewesen, 

yeiü? [i.£V ouv xaöaipotxsvmv, rayeia^ klar wird, ist ein günstiges Zeichen. 

or,}xaiv£i xpi'aiv, ßpaoewc es ßpaou- Wenn die Kläi-ung schnell eintritt, so 

•jgpYjV. bedeutet das eine schnelle Entscheidung; 

wenn langsam, eine langsamere. 

Aehnlich in der Sclu-ilt von den kritischen Tagen 3). 
2 1 4 ähnlich dem obigen Satz aus der Prognostik. 
2 I ö — 2 1 8 minder wichtig. 

219. Oiaiv ö(pÖ7.X[xi(Oji y.tZ'O.Xa.k- 219. Wenn zu Augenentzündung 

YiTj Trpoayivexai, xal -KapaxoXouUsT Kopfschmerz sich gesellt und lange 
ypövov TTOuXuv, xivouvo? xucpAcD&^vai. Zeit verharrt, so besteht Gefahr der 

Erblindung. 

Für diesen Satz giebt es genug Beispiele, am ehesten kann man an die 
akute Drucksteigerung denken. 

220^). 'OcpOaXjjLiuivti oiappoia Bei Augenentzündung ist natürlicher 

diro xauxoixaxou, ypTjOijxov. Durchfall von Nutzen. 

Worauf diese Ansicht sich begründet, ist schwer zu sagen. Sie findet sich 
auch Aphor. VI, 17. ('O'f öaXfxiöiv-i u-o otappoiac Xr^'-v^r^vai aYaÖov.) Jedenfalls 
wurde sie bis zu unsren Tagen verwerthet. Noch ein A, v. Graefe hat bei 
Entzündung nach Star-Schnitt Calomel mit Rheum (äa 0,5) verabreicht 5). — 

221''') 'OjifxaxüDV ajiaupcoaK; xal x6 TTSirrjYO? dj^XucüSsc, xaxöv. »Der Augen 
Verdunklung und festhaftender Nebel ist schlimm.« Hiermit stimmt Prorrhet. I, 
46'):"OauLa dixaopou|j.ävov, cpXaupov, xal to iisTrr^^^o? dyAotoosc, xaxov. »Er- 
blindung und festhaftender Nebel ist schlimm.« 



1) LiTTRE V, 630—632. 

2) Schwarz zu übersetzen, ist irrig, wenigstens für einen Arzt. ;So sage ich mit 
Andreae, gegen Fuchs und Littre.) Schwarz-Färbung des Weißen im Auge sah 
ich nur in den schlimmen Fällen der asiatischen Cholera, kurz vor dem Tode. 
Häufiger an den Leichen. — TiXttov ist überliefert. Eine Handschrift hat rsÄiwv. 

3) Kühn I, 150; Foes. I, 56; Littre IX, 298. 

4) Citirt in der sogen. Augenheük. d. Alex. Trall. Vgl. § 227. 

3) A. f. 0. XII, 1, 187, — Einem 83j. star-operirten Arzt;!; musste ich die 
drastischen Pillen fortnehmen, die er als »Prophylacticum gegen Entzündung« 
mit in meine Anstalt gebracht. 

6) Bei KiJHN, Littre, Fuchs wohl unrichtig übersetzt. Richtig aufgefasst bei 
Galen, Comment. z. Prorrhet, dyX'jv Tiva -apa-£--r]Y£vott, dass ein Nebel sich fest- 
gesetzt habe. Dies hindert allerdings nicht, dass an andrer Stelle (Volkskr. VI, 1, 
-13, Littre V, 270) oi T.eTafi6Tei öct&aXaot »die stieren Augen« bedeutet; ebenso if^^? 
Ö!j.[j.aT(uv, »Starre der Augen^. Koische Vorhersagen, §214, Littre V, 632. 

7j Littre V, 322. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 125 

222. 'O'xtxarwv «fiauptuai; ajxa 222. Der Augen Verdunklung mit 
a'jiu^iYj, a;ra3[jiuiÖ£? auvtd[xa>r. Verlust des Bewusstseins zieht sofort 

Krampf nach sich. 

Das kann als urämischer Zustand gedeutet werden. 

223. '0[X[jt,7.t(ov dpOoTTjC £V o;sT, 223. hi akutem Fieher ist schlimm 
Tj xiv-/)ai? 6^^ir^ . . . ouosv dyailov. der Augen Unheweglichkeit oder im 

Gegentheil heftige Bewegung. 

Auch im \l. Buch der Volkskr. (I § I 3) finden wir einen derartigen Ab- 
schnitt •) : 

Aaxpuov £V ToTaiv d^sai twv cpXau- Thränenschuss in akuten Krapk- 

pa)c s/ovTcüV, ey.ovToov [xiv yprjOTOV heiten, bei sclüimmem Zustand, ist 

dxdvTiuv 03 -apotppsov, xctxdv xat gut, wenn freiwillig; schlimm, wenn 

oloi TTSpiTSivsTat. ßÄscpapa, xaxdv unfreiwillig. Schlimm ist Spannung 

xaxov 0£ xat to £7ri^r^paivd[jL£V0V, oTov der Lider und Vertrocknung, wie 

aj^VT], xat t6 dixaupdv, xat auj([iTjp6v, Schaum, und Verdunklung und Ver- 

xaxdv xat ot puTt8d|X£Voi evooUcV, don-ung. Und Runzeln innen (auf dem 

xai ot TiETrrjYOTär, xat oi \i6X'.<; aTp£- Augapfel) und Unheweglichkeit und 

<pdfjL£voi, xat ot EVOcOtVTjjjiivot, xat mühseliges Rollen und Einwärtsdrehen 

TotXXa oaa 7:ap£TTat. und das andre, das ich hier übergehe. 

Ueber das unfreiwillige Weinen, vgl. auch Aphor. IV, 5 2 (Littr^ IV, 522) 
und Vorhersag. (L. II, 116). Die Vertrocknung der Augen (Xerose der deut- 
schen Lehrbücher) ist treffend geschildert. 

Endlich erwähne ich noch den schon {§ 62) angeführten Satz aus den 
Aphorismen-) (IV, § 49): 'Ev li.-/] otaAEiTiovtt -upEto) TjV y^IXo; r^ o'fpu; r, 
öcpUaXjjLO? Tj [Ac, StaaTpacp-^, ir^v [xrj ß^i-yj, r^v [jlyj dxouvj, d3i}£V£o; iovtoc ~oo 
xdjxvovzoc, -t av toot£(üv Y£V/]tat, e-'Y'j; 6 ilavatoc. Beiläufig berühre ich 
noch den Ikterus am Auge 3): "lxT£poc TjV £-tY£v-/]7at £v toTsiv dcpi>aA;i.oT3iv. 
»Wenn Gelbsucht auftritt an den Augen.« Weniger wichtige Stellen übergehe 
ich, z. B. dass stiere oder rollende Augen in hitzigen Fiebern auf Raserei deuten^), 
dass Schwangerschaft (wenn nicht anders) am Einfallen der Augen erkannt wird^). 

§ 69. HippOKRATEs wird von einem Plato nicht blos mit den Weise- 
sten seiner Zeit, sondern auch mit den grüßten Künstlern, einem Phidias 
und PoLYKLET, verglichen. Wir haben somit alle Ursache, seine wund- 
ärztliche Kunstfertigkeit hoch anzuschlagen. In der That, die uns 
erhaltenen Reste seiner wundärztlichen Schriften sind noch heute bewunde- 
rungswürdig; doch enthalten sie nichts über Augenoperationen 6). 



i) LiTTRE V, 272. 

2) Kühn III, 734; Foes. H. 1231 ; Littrk IV, 520. 

3) Von den Orten, Kühn II, 23; Foes. I, 413; Littre VI, .108, der eine andre 
(falsche) Interpunktion hat. "()ij.ij.aTa i7.TY;pa)0£a werden auch in den Frauenkr. ;c.26 
angeführt. (Littre VIII, S. 68.) 

4) Prorrhet. I, Littre V, 333. 

3) (öcpÖaX|j.ol -/.otXö-spot.) Kühn I, 466; Foes. I, 262; Littre VIII, 416. 

G) Ich besitze zwei Werke über die Wundarznei -Kunst des Hippokrates: 



126 XXIII. Hirschberg, 

Wir besitzen eine Schrift über Knochenbrüche, eine über Verrenkungen, 
eine über Einrenkung, eine über Kopfverletzungen und eine über die Werk- 
statt des Arztes^). 

Die letztere ist ein Bruchstück, entweder ein Entwurf oder ein Aus- 
zug, in gedrängter, schwieriger Sprache. 

Was hier über die Operationen im allgemeinen gelehrt wird, hat sicher 
auch auf Augenoperationen Bezug, selbst wenn Galen 2), in seinem darauf 
bezüglichen Commentar, es nicht ausdrücklich hervorgehoben hätte, und ver- 
dient noch heute Beachtung, namentlich wegen der Grundsätzlichkeit 
und Weisheit, die unsrer heutigen überstürzten und unldar gährenden 
Zeit, wenigstens nach meiner Ansicht, so recht Noth thun dürften. 

c. 3. ^Der Wundarzt, mag er sitzen oder stehen, immer sei er in 
zweckmäßiger Stellung, mit Bezug auf seinen eigenen Körper, auf den des 
zu Operirenden, auf das Licht. Vom Licht giebt's zwei Arten, das natür- 
liche und das künstliche. Das natürliche steht nicht in unsrer Macht; das 
künstliche bis zu einem gewissen Grade "^). 

Von jedem der beiden giebfs zwei verschiedene Anwendungsarten: 
grade von vorn oder von der Seite 4). Der schräge Lichteinfall wird selten 
angewendet, seine Minderwerthigkeit ist selbstverständlich.« ... 

»Was nun die Rücksicht auf den eignen Körper betrifft, so soll der 
Wundarzt, wenn er sitzt, die Füße lothrecht unter den Knien haben und 
nicht weit von einander, die Knie aber ein wenig über den Leisten s), und 



-1. von David v. Gescher, Hildburghausen '1795, 440 S. 2. von Petrequin, Paris 
■1877, -1878, 2 Bände, 651 und 365 S., ein vorzügliches Werk dreißigjähriger Arbeit. 
Beide enthalten aber nichts über die Augenoperationen der Hippokratiker. 
Dagegen ist sehr brauchbar die Sonderschrift: Contributions ä l'histoire de la 
Chirurgie oculaire chez les anciens, par A. Anagnostakes, Direct. de l'institut 
ophthalmiatrique, Athenes, Perris freres, -1872, 40, 42 S. mit Abbildungen. 

1) Kax' i-rjTpslov. LiTTRE in, 272 — 336. 

Das Buch kann in der uns erhaltenen Form nicht als ein echtes, fertiges 
Werk des Hippokrates angesehen werden. 

2) Galen, Ausg. von Kühn, XVHI, 6, 679 und Hippokr. von Reinhold, Athen 
-1866, H. B. S. 47 ff. 

3) Die lateinische Uebersetzung (communis in nobis sita non est, artificialis 
penes nos existit) giebt keinen vernünftigen Sinn. 

4) r] TTpo; viJYTjV, -q uix' a-j-j-q^K 

Galen (XVIII, 6, 679) fügt hinzu: üt:' aÜYrjv oe t6 ßpctyij 7ra[J7.v.£7J.[;j.svo>;, lua-sp 
^7:1 TöJv 'jTToyuadTojv v.od oXeo? twv y.aT' öcfi}aX(i.ou? 8iai}£a£tuv. »Unter das Licht be- 
deutet die mäßige Seitwärtsbewegung, wie bei den Staren und überhaupt bei den 
Augenkrankheiten.« — utto mit dem Acc. bedeutet unter (hin), z. B. ü-ö t6-; o'jpavov, 
'jTTo TTjV ay-tav. Eigentlich sollte biz a'JYTjv das Oberlicht bedeuten. Galen scheint 
so etwas empfunden zu haben, indem er angiebt, dass man eher üz:' aÜY'^; er- 
warten sollte. 

Uebrigens setzt Paull. Aeg. (VI, 2'1) den am Star zu operirenden Tipo? aÜYV' 
ywpi; TjXto'j, gegen das Licht, aber nicht in die Sonne. 

5) Also braucht er eine Fußbank am Sessel. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 127 

einen Abstand, um die Ellenbogen bequem auf die Schenkel stützen oder 
daneben halten zu können.« .... 

»Wenn er steht, so genügt es zwar zum Verbinden, auf beiden 
Füßen gleichmäßig zu stehen, operiren aber soll er so, dass er mit einem 
Fuß auf [den Schemel] steigt, und zwar mit dem, welcher der nicht ope- 
rirenden Hand entspricht« ^). 

c. 4. »Die Nägel sollen weder hervorragen noch die Fingerspitzen zu 
sehr entblößen.« . . . 

»Jede Verrichtung soll man mit jeder Hand einüben und mit beiden 
gleichzeitig (denn sie sind einander ähnlich), mid sein Ziel verfolgen gut 
und schön, schnell und mühelos, elegant und ohne Schwierigkeit 2).« 

§ 70. Hier haben wir also die erste Erwähnung der sogenannten 
Ambidextrie, der doppelten Rechtshändigkeit. 

Ich meine die erste für Aerzte. Für Krieger beschreibt sie schon 
Homer (<!>, 163): sttöi TTcptos^io? -f^sv. 

Das gewöhnliche W^ort ist a[j,cpto£^ioc, mit zwei rechten Händen; im 
Gegensatz zu djicpapioTspoc, mit zwei linken Händen, — wie ein Arzt gewiss 
nicht sein soll. 

Für den Arzt bemerkenswerth sind die Sätze des Aristoteles ^) : 

9ai. »Von Natur ist die rechte stärker; und doch ist es möglich, dass jeder 
(durch Übung) ambidexter werde.« 

2. £1 'i'Q apiOTspa }ji.£X£T(o[jl£v, y£Voi[j.£T av 7.<x(ptO£^ioi. »Wenn wir uns 
mit der linken übten, würden wir ambidexter werden.« 

3. oTTto; afjLcpioiEioi yivcavtai xaia ttjv [j.£X£Trjv, o»; oeov |xy] tyjv [jlsv 
)^prjai[jLOV £tvai toTv )(£poTv, ttjV ok a)(p7]OTOV. »Um ambidexter zu werden durch 



1) 'Eaxeojxa 0£, osiv [j.ev ^tt' äfj.cpoT£p(uv ßeßw-a de 'i'so'J töjv ttooöv aXt;, op^v os 
TÖj £T3pip BTA^^e'iiwTrx , fATj TW v.ciTa T'fjv opöjoav yelpa. Littre's Lesart ioeiv 0£ (fera 
son examen) wird zwar von Petreqüin angenommen, ist aber unmöglich, da 
weder der Aor. noch das Wort bpäv in dieser Bedeutung zulässig. Alle lateinischen 
Uebersetzungen der Stelle sind sinnlos. Des berühmten Reinhold Vei^muthung 
Hippokr., Athen 1866, II, S. 90): 'EaTecüTa os oei, pi-fj £cp' ä[j.cfOT£p(uv befriedigt mich 
gar nicht. 

Mein Text giebt mit der geringsten Aenderung der Handschriften 
den besten Sinn. 

Der Infinitiv osiv = verbinden wird durch Plato gestützt. Vom Ver- 
binden ist in unsrem Büchlein hauptsächlich die Rede. (§ 18 'ETttöeiv o£ . . . . 
und § 9 und a. a. 0.) Man könnte ja vorziehen, auch hier irtosiv zu setzen. 
Aber vielleicht ist absichtlich o£iv gesetzt, im Gegensatz zu dem gleich folgen- 
den opYjv, das gleichfalls einsilbig ist. 

2) Ta £pYa Tidv-a äo7.££iv iv-azip-r^ opöJVTct, 7.ai äfA'-fOTlprjaiv a[i.a, (oij.otai fäp £t<3iv 
ä[i.ct6T£p7.[,) aToyaCo[A£vov d-jfx%vK, "/.oiÄiuc, xayiwc, ö.Tzwwc, £'jp6i);j.a);, s'j-opo)?. Andreae's 
Uebersetzung »denn beide Hände sind gleich«, ist unrichtig und widerspricht den 
Thatsachen. 

3; Ethik, ö, 7, i434b 34. Die folgenden beiden Sätze des Arist. stehen 1194i' 
34 u. -1234^ 13. 



128 XXIII. Hirschberg, 

Uebung, da es nöthig ist, nicht eine brauchbare Hand zu haben und eine un- 
brauchbare.« 

Berühmt ist auch der Satz des Hippokrates '), Aphor YII, 43: Tuvt] dtjicpi- 
oi^io; 00 Yivsrat. Hierüber besitzen wir gründliche Erörterungen von Galen') 
und Erotian^). Beide übersetzen: »Ein Weib mit zwei rechten Händen giebt 
es nicht« ; und weisen zurück die abweichende Deutung des Wortes dfxcpioi^ioc 
»im rechten Hörn der Gebärmutter«, — eine Deutung, die von dem galanten 
Franzosen Littre (IV, 590) wieder verfochten wii'd. 

Celsus (VII praefat.) kennt die Sache, aber nicht das Wort: Esse autem 

debet Chirurgus non minus sinistra quam dextra promptus. VII, 7, 14 

verlangt er, dass das linke Auge am Star mit der rechten, und das rechte mit 
der linken operirt werde. (Vgl. § 180.) 

Das lateinische Wort ambidexter erscheint erst im Mittelalter: 
= a) aptus ad gerendas res tarn spiritales quam temporales; b) judex qui ab 
utraque parte dona accipit. Im letzteren Sinne auch das Hauptwort ambi- 
dextria'^). 

Die Bedeutung von d|j.cpioi^ioc (utrinque dexter) hat das Wort ambidexter 
erst in der Neuzeit gewonnen; wann und wo zuerst, konnte ich nicht er- 
mitteln. Jedenfalls noch nicht bei Gorraeus (1578), aber schon bei Foes 
(1657) und Castelli (1746). 

Auf das Sachliche der doppelten Rechtshändigkeit werde ich bei Gelegen- 
heit der Star- Operation, für die sie seit zwei Jahrtausenden gefordert wurde, 
noch zurückkommen. 

In geschichtlicher Hinsicht muss ich betonen, wie sehr diejenigen irren, 
welche unsren Heister (1720) als den bezeichnen, der zuerst dem Wundarzt 
die Ambidextrie zur Pflicht gemacht hat^). 

§ 71. 5. »Die Instrumente seien weder hinderlich für das Werk, 
noch abseits'') zum Erfassen, nahe dem zu behandelnden Theil des Körpers.« 

6. »Die Gehilfen sollen den zu operirenden Theil darreichen, den 
übrigen Körper festhalten, schweigen^) und auf den Vorgesetzten hören.« 

7. Unter den Verbänden wird einer mit dem Namen dcpöaXfxoc (Auge) 
aufgeführt; das ist ein Vei-band des Auges^), der heutzutage von — 
Deutschen Monoculus genannt zu werden pflegt. 



1) Kühn III, 761; Foes. 1260; Littre IV, S89. 

2) Wörterbuch z. Hipp., Einleit. z. Foes. Ausg. d. Hipp. 

3) Wörterb. z. Hipp., Einleit. zu Foüs. A. d. Hipp. 

4) Gloss. med. et inf. lat., Ausg. v. Faure, Niort -1883, I, 217. 

5) Uebrigens verweise ich noch auf mein Wörterbuch d. Augenheilk., S. 4, 
u. m. Einf. i. d. Augenh. S. 68. 

6) Ich ziehe, als Wundarzt, hier die Lesart äv.Ttoowv etlicher Handschriften 
bei weitem vor. 

7) Das ist auch für uns heute noch wichtig: sowohl im allgemeinen, als 
auch besonders bei der Magnet-Operation, um den »Klang« zu hören. Vgl. m. 
M. i. Arch. f. 0. XXXVI, 3. 

Dass wir beim Operiren sprudelnde Beredsamkeit reinlich meiden sollen, 
habe ich in d. Deutsch, med. W. 1898 N. 32 hervorgehoben. 

8) Galen XVIII, b, 732 und ferner XVIII a, 791. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthunn. 129 

10. »Die Verbände seien rein, leicht, weich, dünn.' 
Hierin kann man die erste Spur reinlicher Wundbehandlung'} 
erblicken. (S. § 259.) 

§ 72. In den echten Schriften des HiiM'OKnATES kommt keine 
Augen Operation vor. Das beweist nicht, dass sie völlig unbekannt 
gewesen. 

Aber auch in den unechten Schriften der hippokratischen Samm- 
lung thiden wir, im Verhältniss zu den zahlreichen andren Operationen, nur 
wenige am Auge erwähnt. Ganz sicher ist, dass die Star-Operation 
unbekannt gewesen, da im zweiten Buche der Verkündigungen (Prorrhet.)^) 
die Trübungen der Pupille nur als schlimme Ereignisse, nicht aber als heil- 
bare Erkrankungen besclirieben werden. 

Dies rührt nicht daher, dass, wie Andreae meinte, die Jlippokratiker 
den Eingriff in die Augenfeuchtigkeiten scheuten, die als die Sehsinnsubstanz 
aufgefasst wurden; denn Galen, der die Linse für das llauptorgan des 
Sehens erklärt, drückte munter den Star nieder: er sah ihn eben nicht 
für eine Krankheit der Linse an. 

Vielmehr lag der Grund darin, dass zur Zeit der Ilippokratiker kein 
Grieche wusste oder ahnte, dass man die wohlbekannte graue Trübung der 
Pupille, welche Blindheit verursacht, durch eine Operation zu heilen ver- 
möge. Die Griechen haben es gewiss nicht erfunden. Wohl auch nicht 
die Aegypter, mit denen genügender Verkehr bestand. Eher die Inder, von 
denen die alten Griechen vor Alexander's Zug weniger wussten, als wir, 
vor Auffindung des Seewegs nach Ostindien, von den Chinesen. 



4; Vgl. Wörterb. d. Augenh. 1887, S. 7 (Asepsia) und Anagnostakes, über das 
asept. Verfahren bei den Alten. (Athen 1889, griechisch). Das Wort da-q-TOi (von 
d- privativum, und o-r-.w, faul machen,) kommt in der hippokrat. Sammlung 
vor: 1. Von den Krankh., Foüs. 422, 48) im Sinne von »nicht verfault«; aber auch 
2. (Von den Säften, Foüs. 49, 49) in der Bedeutung »unfaulbar«. Ebenso im Buch 
von den Fisteln, § 4 (Littre VI, 450). Zur Heilung derselben mit der Ligatur 
wird ein Pferdehaar angewendet. 'H -ja.[j Wpi; äarj—o:. »Das Haar ist unfaulbar.« 

Das Hauptwort a-r/Lia findet sich erst bei dem Byzantiner Tzetzes XH. Jahr- 
hundert n. Chr.). Sf/k; heißt Fäulniss. Asepsis ist ein falsches Wort. 

Galen (X, 9/i2) gebrauchte zum Unterbinden eine Schlinge aus aseptischem 
Stoff (s; 'j/.-r]; ryjcar-.-vj. — rjjaarjTTTo; heißt eigentlich »schwer faulbar«.). Auch 
das neuerdings geschaffene Wort Antisepsis (von c/.vxt gegen, wider und Gfiit;) = 
fäulnisswidriges Verfahren, ist unrichtig gebildet, statt Antisepsia; zumal bei 
Galen U, 21^ d'irinr-s':\)r/.'. = wieder faul werden. 

Ein Schüler des Griechischen hört aus dem Worte ävTior,-To: eher die Be- 
deutung »wieder faulend« als »fäulnisswidrig« heraus. 7.vt[ heißt nämlich 'gegen- 
über und anstatt«, und nimmt nur in Zusammensetzung mit Zeitwörtern des 
Kämpfens die Bedeutung »wider« an. 

2) Littre IX, 48; Kühn I, 2U ff; Foks. I. 102. Vgl. oben § 37. 

Handbucli der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 9 



130 



XXIII. Hirschberg, 



§ 73. Die vier Augenoperationen, welche in den hippokratischen 
Schriften erwähnt werden, sind: 

Das Schaben der (körnigen) Bindehaut. 

Das Ausschneiden der verdickten (körnigen) Bindehaut. 

Die Entleerung des Eiters aus der Vorderkammer. 

Die Beseitigung der Haarkrankheit. * 

Gelegentlich wird der Entfernung einer Pfeilspitze aus dem Lid 



1. 
2. 
3. 
4. 

(5. 
gedacht. 

6. und 7. Endlich werden noch zur Behebung von Augenleiden Ein- 
schnitte in die Kopfhaut, sowie die Trepanation empfohlen.) 



§74. 1. und 2. Es heißt in dem unechten Büchlein von der Seh- 



kraft'): 

4."ÜTav 0£ Eu-f/; ßXscpapa 6cp0^aX(jLou, 
^tisiv . . . sipioi MiÄTjOup, ouX(p, xaöapto, 
■üspi (XTpaxTov TTipisiXüiv, cutr^v 

c5uXaa3d[ji£voc, [xyj otaxauav); -poc 

TOV )(ov8pov. 
StjJxeIov 0£ orav a-dypr| t^; ?u3t.oc, 
oux £Tt. Xajj-Kpov aijxa sei p-/£-ai 

Td-£ 0£ XpTj "I-Vt -Öiv ÜYpU)V 

O7.p}xaxo)v, oxou avöo; latt }(aXxou, 
TOUT£0) avatpul^ai. YatEpov §£ t6 ttJc 
^u3io; xai TTj«; xauoiog, otav ai £3/apai 
EX-rriawai xal x£X7.&ap[j.£va v) -a fXxca 
X7.1 ßXaa-avTj, TajxvöLV Toixyjv oia tou 
ßpsYfxaxoc. 

Orav o£ To o.l\ia 
a-oppo-(j, /p-Jj oiaypiEiv 
Tto £vaiuü> ccapaaxtp. 

Va-£pOV 0£ TOOTcOO 

£OYOV xal Travtcov 
r/)v xEcpaXrjV xa{>fjpai. 

S. Ta ßXiciapa -a -üayurEpa t% 
csuaioc, TO x7.7(o d-oTttfi-wv -y;v 
odpxa fjxdaTjV Eufiapiaiaxa Suvfl, 
usTEpov 0£ ~b ßÄE^OLpov £7:ixauoai 
]j.Y] Sia<pav£at, 
cpuXaaa(;'|i.£voc tyjv csuaiv 

TtUV Tpi5((0V, Tj TO) avÖ£l 



Wenn du die Lider des Auges 
schabst, so schabe mit dichter, reiner 
mllesischer Wolle , die du um einen 
Holzstab wickelst, vermeide den Saum 
des Augapfels und ätze nicht durch 
bis auf den Knorpel. 

Zum Zeichen, dass man genug ge- 
schabt, kommt nicht mein" klai-es Blut 
heraus, sondern eine blutälmliche oder 
wässrige Flüssigkeit. Dann aber muss 
man mit einem der flüssigen Augen- 
mittel, wie dem aus Kupferblüthe, ein- 
reiben 2). Nach dem Schaben und 
Aetzen , wenn die Brandschorfe abge- 
fallen, und die Geschwüre gereinigt sind 
und granuliren, macht man einen Schnitt 
durch die Scheitelgegend des Schädels. 

Wenn das Blut aber (genügend) 
abgeflossen, soll man irgend ein blut- 
stillendes Mittel einstreichen. Darnach 
aber muss man bei allen Kranken den 
Kopf reinigen (durch Ableitung). 

Sind die Lider stärker verdickt, so 
schneide unten fort die fleischige Wu- 
cherung, so viel du bequem kannst, 
und dann ätze das Lid mit nicht roth- 
glühendem Eisen , indem du die Ein- 
pflanzungsstelle der Wimpern verschonst ; 
oder bewirke die Zusammenziehung •') 



1) LiTTRE IX, 156; KÜHN m, 44; FoES. I, 688. 

2) Vgl. oben § 41. 

3) »adstringire«. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterlhum. 131 

OTTTU) AsTt-tp -posaTsTAai ^). mit gebrannter, pulverförniiger Kupfer- 

''Ot7.v ok aüOüBTQ blüthe. Wenn aber der Brandschorf 

r saya^a, ir^rpeusiv t7. Xoi~a. abgefallen, behandle es weiter (nach 

allgemeinen Grundsätzen). 

§ 75. Ueber den ersten Satz (c. 4, von der Sehkraft) ist eine ganze 
Bibliothek geschrieben. Seine Wirkung erstreckt sich durch die 
Jahrtausende fort bis auf unsre Tage. 

Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, dass in c. 4 von der kör- 
nigen Wucherung der Lid-Innenfläche, also von der Kürnerkrankheit der 
Bindehaut (-payojtjLa, aspritudo, granositas, granulatio), die Hede ist, obwohl 
der überaus mangelhafte Text der Schrift diese Krankheit nicht ausdrück- 
lich namhaft macht. Denn alle griechischen Aerzte, welche überhaupt 
vom Trachom sprechen, haben des Schabens zur Heilung gedacht. 
Ebenso bedeutet in c. 5 ta ßXscpapa ~a -a/uTspa xr^c. cpusio; unbedingt die 
Kürnerkrankheit, da in der GALEx'schen Sammlung das zweite Stadium der 
Körnerkrankheit als r.a'/ia ßXscpapa bezeichnet wird 2). 

Man muss wohl berücksichtigen, dass bei den alten Griechen die 
Körnerkrankheit weit mehr verbreitet war, als unterschätzend die Schul- 
meinung annimmt 3). 

Wir wollen zunächst die Stellen der Alten über das Ausschaben 
der Körner zusammenstellen. 

A. Am bekanntesten ist die Stelle des Celsus^) (VI, 6, 26): Haec autem 
(aspritudo) inflammationem oculorum fere sequitur; interdum major, interdum 
levior. Nonnunquam etiam ex aspritudine lippiludo fit, atque ipsam deinde 
aspritudinem äuget, fitque ea in aliis brevis, in aliis longa et quae vix unquam 
finiatur. 

In hoc genere^) valetudinis quidam crassas durasque palpebras et ficulneo 



•1) LiTTRE hat falsch 7:po-3T£Ü.ai. Tpo-GxsXXiu heißt ausrüsten, r.^JOi-a-AXlw an- 
straffen, knapp anlegen. In ärztlichen Texten finde ich öfters diese 
beiden Zeitwörter mit einander verwechselt. 

2) XIV, 770: xpcf/ea 0£ xd ßXscfapa Xs^exat, Sxav iy-axpacpsvia jvat|j.öx£pa cia'.vr,xai 
■/.ai xpayüxepa v.al aapy.ooosaxEpa v.al •/.eY/pcp-i^iv o[j.ota. r.ayia ok ^Xectapci xa £7.axpa- 
cfsvxa xwv v.axd ciuatv vm a7,>,-f]p6x£pot v.al cctpX(«0£3X£pa xwv xpay£iov <paivo[i.£va. a6-/.iuai; 

0£ ^axiV .... X'jXojOlC 0£ ECXtV .... 

»Rauh nennt man die Lider, wenn sie nach dem Umdrehen innen blut- 
reicher erscheinen und fleischiger und hirsekornähnlich. Verdickt sind die 
Lider, die umgedreht abnorm härter, wie auch fleischiger erscheinen, als die 
rauhen. Sykosis . . . Tylosis. . . .« 

3) Vgl. m. Abb.: Geschieh tl. Einleitung zur Geogr. des Trachoms, Berl. klin. 
W. 1896 N. 2 und Ueber die körnige Augenentz., Klin. Jahrb. Band VI, 1897. 

4) 25 V. Chr. bis 50 n. Chr. 

s; »Bei dieser Erkrankungsform pflegen einige die verdickten und verhärteten 
Lider auf der Innenfläche mit einem Feigenblatt und einer gerieften Sonde und 
gelegentlich auch mit einem Messerchen abzuschaben und täglich mit Medica- 



132 XXIII. Hirschberg, 

folio et asperato specillo et interduin sc-alpello eradunl, versas(pie (]\iolidie medi- 
camentis suirricant. Quae neque nisi in magna vcliistaiiue aspritudine neqne 
saepe facienda sunt. 

B. Die lu'äftigste Massage der Körner mit einer Kupfersalbe von Honig- 
dicke finden wir bei Celsus' jüngerem Zeitgenossen Scribon. Largus ^) : 
Cum opus fucrit, invertitur palpebra , deinde hoc medicamento suffricatur 
curiose ad dehicrimationem et ubi desierit morderc, rursus invertere oportet 
palpebram atque ita pollice impresso membranas innatantes abducere, quae facile 
sequentur. 

C. Cassiüs Felix 2): Ad trachomata . . . pumice aut osso sepiae molli 
hoc est detracto cortice, el diligenter formato versaloque palpobro, easdem 
asperitates sufficienter fricabis donec sanguinentur, tunc penicilhi ])osca frigida 
expresso diligenter . . . desiccabis. post haec et colljrio trachomatico uteris. 
(Vgl. §19 1.) 

1). In der dem Dioscorides^) , dem beriümiten Verfasser der ersten 
Arzneimittellehre, zugeschriebenen Schrift von den Hausmitteln heißt es im 
2 I . Kapitel : 

Etictv OS 031 Ta TSTuXa>[X£va ßXe- Die schwieligen Lider muss man 

<papa sxoTpecpovTa ooy.r^c cpuXAoiai umdrehen und schaben mit den 
Tp7.j(£civ, Y) 0[xiXi'(jj T| OT^rärxc, oaTpaxoj rauhen Blättern des Feigenbaums oder 
a/rj|X7.nai}sv~i eii; zoXXupiov xai itb mit einem Messerchen (Scalpell) oder 
avaXrjCpUsvTt 7.&[j.[x£i sie xoÄXupiov*). mit Sepia-Schale in Form eines Stiftes 

und auch mit Grünspan, der durch 
Gummi in die Gestalt des Augenstiftes 
gebracht ist"*). 

Ferner heißt es Dioscor., Mat. med. I, c. 185: 
napaTpi'jSsTat 0£ auToTc Ttov'UXuv- Gerieben wird mit Feigenblättern 

{>a)V cpuAXoic xat ra ouxwotj xai tpv.- das Trachom und die feigenartige ^^'u- 
yia T(ov ßXscpapoiv. cherung der Lid-Innenfläche. 

Endlich Mat. med. II, c. 23: 
To OS auTo Tr^c or^Tiia? oorpaxov, Die Schale des Tintenfisches , zu 

Oy^riixaTioilsv sie xoAAtipia, dpfxo'Csi Augenstiften geformt, ist nützlich zur 

Tipo? 7rapaTpi'|/tv tpa^^stov ßXscpaptov. Reibung der trachomatösen Lider. 



menten zu massiren. Das soll nur bei starker und eingewurzelter Körnerkrank- 
heit und nicht häufig geschehen.« 

Celsus hat hierfür offenbar einen guten griechischen Text benutzt. 

\] Um 43 n. Chr. — Ausg. v. Helmreich S. -18, Z. 27 (XXXII. 

2) 447 n. Chr. — Ausg. v. V. Rose, Leipzig 1879, S. 55. 

3) Lebte um 60 n. Chr. Die beste Ausgabe ist von K. Sprengel, in der 
Sammlung der griechischen Aerzte von Kühn. Vgl. die unter meiner Leitung an- 
gefertigte Dissertat. von A. Stern: Ueber die Augenheilk. des Dioscorides, Berlin 
'1890 !in der allerdings an der betr. Stelle einige Uebersetzungsfehler sich finden. 

4) Die beiden gesperrten Worte stehen im Text: £y.aT[j£CfovTa ß/iccotpot. 

5) Andreae sagt (■139), dass Dioscorides auch Meerschaum empfohlen habe. 
Aber in dem c. 135, V, der Arzneimittellehre, wo er vom Meerschaum (Alkyonion 
handelt, steht nichts davon. Dagegen haben -1. die Hippokratiker dies Mittel 
bei der Haarkrankheit, nach dem Ausrupfen, empfohlen vgl. §43 N. 5;; und 2. die 
Araber (Avicenna) gegen Trachom. (Vgl. § 76.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 



133 



Hierzu habe Ich drei Bemerkungen zu machen: a. Schaben mit Feigen- 
blättern ist im Morgenland Volk srnittel bis heute geblichen, ich selber habe 
einen Perser aus Unnriiah, der davon einen Hornhautfleck zurückbehalten, mit- 
tels der Tätowirung operirt. b. Stifte aus schwet'elsaurem Kupferoxjd, das fein 
zerstampft, mit Gummi, Traganth und Wasser zu einer Paste angerührt wird, 
sind bis auf unsre Tage gekommen, beziehungsweise neu erfunden worden. 
Die Vorschrift des Dioscorides (und die ähnhche bei Galen, s. E.) war eben 
nicht bekannt, weil die Ärzte meist nicht griechisch verstehen, die Übersetzungen 
aber unbrauchbar sind. c. Rauhe Körper, wie Seiiia-Schale, wurden unmittel- 
bar in die passende Form eines Augenstiftes gebracht und zum Schaben der 
Bindehaut-Rauhigkeiten benutzt. (Ebenso Bimstein und Chagrin.) Doch wurde 
auch gepulverter Bimstein mit Traganth-Gummi zu einem Augenstift ver- 
arbeitet. Vd. d. folgende. 



E. Galen 1), über die Zusammensetzung der ortl. Heilmittel, Buch IV: 



... Ol laipOl [JlOVr^V £;£Up-/)7.7.0l 

jjorjUciav, (Jb; £v a-opoi:, sxaTpicpov- 
T3C ~a '^Xiz.arja o!,7.pifiu~~£iv auxa xal 
d-ojtxav av£o cpapaay.oiv, £V!.ot \ikv 
auTO) TÄ y.uciDicy.to xr^; ajxiAy;; £-t- 
TioXr^z dTTocuovtac, zl~a ott&yyw [j,a- 
Ka/M To duoppiov ExXotixC^dvovrs:, 
~po33r£XXovt£;2J t£ "d ßXicpapa ~o 



£vioi 0£ y.ai oiptxaTa ÖaXaitiojv 
Cwojv^) Tivu)V lüi-oXr^; -^rxyin, aujJt- 
usTpu); £1? r/jv "oiaur/jv yrjzvjM 7:7.- 
paXa;i.|5dvo'j3iv. £1? oi Tic ~wv 
£awv oio7.3y.dX(yv xai y.oXX'jpiov 
E-oiYjai oid y.iaarjpcO); yal td; Tpa- 
yuTrj-7.; d-ippu-TcV , ixaipecptuv xd 
jjXi'ictpa. Ttpd&TjXov 0' o~t X£X£ia)ai}ai 
T/jv xbar^piv dxpi|ja); Xp'/j , xaTTctodv 
TouTo '(i^n^xai, oid tpaYaxdvilrjs; Yj 
xo[jL}i.£(u; dvaTTAdtTEoilat. 7rauo[X£Vou 
£v T(y ypovtp ota -wv £iprjjj.£V(}jv 



In schlimmen Fällen der Körner- 
krankheiten (-(üv Tpa/tüfidrwv) haben 
die Aerzte in ihrer Verzweiflung ein 
einziges Mittel ausgedacht, die Lider 
umzudi'ehen und sie gründlich abzu- 
wischen und abzuschabenohne Augen- 
heilmittel; einige schaben nur ober- 
flächlich mit dem scharfen Löffelchen 
an dem Scalpell und tupfen danach mit 
weichem Schwamm auf, was abfließt; 
und adstringiren die Lider, soweit noch 
Rauhigkeit (innen) zurückbleibt. 

Einige benutzen auch die (chagrin- 
artigen) oberflächlich rauhen Häute 
einiger Seethiere ganz passend für die- 
sen Zweck. Einer meiner Lehrer ver- 
fertigte sogar einen Augenstift aus 
Bimstein und schabte damit, die Lider 
umkehrend, die Rauhigkeiten ab. Es 
ist selbstverständlich, dass man den 
Bimstein in ein ganz feines Pulver 
zerkleinern und, wenn dies geschehen, 
mit Bocksdorn (Traganth) oder Gummi 
in einen Stift verwandeln muss. 



-Ij XII, 709. Lebte 130—201 n. Chr.; 

2, Auch hier fehlt im Text, wie in der obigen hippokratischen Stelle, das 
zweite c. Die lateinische Uebersetzung der Stelle ist unrichtig. 

3 Chagrin, vom pers. sagrT, Pferde- Rücken, starkes Leder mit Erhöhungen 
auf der Oberfläche. Ein chagrin -älmliches Fabrikat erhält man auch durch Ab- 
schleifen der stachligen Haut von Haifischen, sowie von Fischottern und See- 
hunden. An andrer Stelle XVII-'', 902) sagt Galen, dass er selber die Haut des 
Meer-Haifisches gebraucht ,o£f/[Ac/.3t H'/Xaaaicov ■/.•f,-wv;. Vgl. S. 135. 



134 



XXIIT. Hirschberg, 



y.oXXupi'o)V Tou psu[i.ato;, £7:iToX[i.(Ufx£v AN'enn aber allmählich unter der 

TjOYj ta pu-Ttxa Tu)V cpap[xay.a)v "poc- Amvendung der genannten Stifte der 
cpepsiv ToT? ßAscpdcpoic öXiyov ti jj-iy- Fliiss nachlässt, dann dürfen wir es 
vuvTS? autöjv To xat ap)(ac, sIt sav schon wagen, die reinigenden (leicht 
TouTO cpspsiv 6 av{}pa)T:o; cpaivr^rat adstringirenden) Medicamente (innen) 
xara ßpa/_u Trapo^uvTs; •). auf die Lider zu streichen; aber im 

Anfang werden wir nur eine schwache 
Mischung derselben verwenden, und 
später, wenn es sich gezeigt hat, dass 
der Kranke dies verträgt, allmählich 
dieselbe verstärken. 

F. Paull. Aegin.2) (III): 

Tcept Tpa)^a)|xaTo? . . . si os oxXyjpo? Wenn aber die harte Narbe (im 

(ji)V 6 TuXo? [i-Tj TOUToi? (xoTc (pap|j.a- 3. Stadium der Körnerkrankheit) diesen 

xoic) sl'xot, £xo~p£'{>avTc? TO ßXscpapov Mitteln nicht nachgiebt, so müssen 

leatufxcv 017. xiaorjpö«); Tj ariTtsa? wir das Lid umdrehen und die Innen- 

ooTpaxou Tj öuXäojv aux"^? Tj xal ota fläche desselben schaben mit Bimstein 

Tou öpYavou Tou ßAEcpapo^uarou xa- oder Sepia-Knochen oder Feigenblättern 

Äoojjievou. oder auch mit dem als Lidschabe be- 
zeichneten Instrument. 

Obwohl die Schabe, Striegel, |ua~pa (^tiorpov) heißt, steht doch im Text 
ßXscpctpo-^oaTov ohne p. Thes. 1. graec. 3) verbessei't ßAecpapo-cuarpct oder, 
nach dem gelahrten Triller *], ßXscpapo-oapioi^pov, Lid-Besen, Lid-Pinsel. Wie 
die Lidschabe aussah, wissen wir nicht. SVer an Lysipp's berühmte Bildsäule 
»Apoxyomenos« denkt, könnte ein sichelföi'miges Eisen sich vorstellen. Es gab 
aber auch gezähnelte Striegeln f"). 

G. AÜTius 6) : 

Tivs; <x£v ouv ^££iv TOI Tpa)^u)[j.7.Ta Einige wagen es die Körner abzu- 

TiEipuivTaf Ol [X£V aiOTjpo), ot 0£ schaben, die einen mit eisernem In- 
cpuXXoi? aux^?* £3T[. ok ZTzi^Xa^kc, to strument, die andren mit Feigenblättern. 
ETTtj^etpyjixa. Das Wagniss ist schädHch. (A. empfiehlt 

Massage mit zusammenziehenden Salben.) 

H. Alex. Trallian. ') 11, 6 (wohl nach Galen) : 

'Eav -j'oip i'Xxo? £ivat tu^Cfi ~'(i Wenn Geschwür hinzutritt zur 

Tpa/UTr^Ti TU)V ßX£'^apu)V ^eXtiov sariv, Rauhigkeit der Lider, so ist es am 

ExoTpicpovTtt [xaXXov auToc ouTto? ofxif]- besten, die letzteren umzudrehen und 

^£iv 7j TÖJ xuai>o) TTj? fJLTjXric, Tj cpuX- ZU schaben entweder mit dem Löffel 

Xoi? oux^;. "Evtoi 0£ xat oTjTri'a? der Sonde oder mit Feigenblättern. 



1) Galen lehrt ähnliche Grundsätze für das akute Trachom, wie in unsren 
Tagen A. v. Graefe für den akuten Eiterfluss. 

2) 670 n. Chr. — Ausg. Basel '1538, S. 73. 

3) B. II, S. 284, Paris 1833. 

4) Opusc. I, 477. Francof. et Lips. 1776. 

5) öoovTioTT; ^'ja-pa, für den Kopf. Lucian, Lexiph. c. S. Thes. 1. gr. V, 1700. 

6) 540 n. Chr. Ausg. Venet. 1534. VII, S. 132. 

7) 550 n. Chr. Ausg. v. Puschmann II. B. Wien 1S78. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 135 

ciaToä-/(p, Yj oipixan Tpaj^uTspm /pdv- Einige aber benutzen auch den Sepia- 
xai, xat aXXoi TzdXiv toI; oia xioarj- Knochen oder ein rauhes Leder und 
rjz,(s)c xoXXupioi; u7riaģi'cpou(3t.v. wieder andre streichen Augenmittel aus 

Bimstein ein. 

Wir sehen also eine große Mannigfaltigkeit der Anwendung: Bloßes Schaben 
mit dem Messerchen oder scharfen Löffel bei akuten Granulationen, um erst später 
zu Adstringentien überzugehen (Galen) ; bloßes Schaben der Schwielen nach 
Trachom mit Bimstein, Chagrin, Sepia-Knochen, Feigenblättern, mit der metal- 
lischen Lidschabe (Aegineta); mit Stiften aus Bimstein, Sepia, Kupfer (Diosc, 
Galen) ; Schaben mit wollumwickelter Spindel und sofortiges Einreiben von Adstrin- 
gentien (HippoKRATEs?); vollständiges Verwerfen der mechanischen Behandlung 
und sofortige Anwendung milder chemischer Mittel (Aetius). 

Dass in der hippokratischen Schrift das Schaben nur die Vorbe- 
reitung für die Aufnahme des Aetzmittels darstelle, verfleht Anagnostakes 
(S. 39), gestützt auf die folgende Stelle des Galen'): 

xai [JLSVTOL T7.C £v ToT? ßXecpapoi? Auch die feigenartigen Wucherungen 

ou-xa»osic TrpoTpa)^uvovTi; xivt TtpoTspov an (der hmenfläche der) Lider machen 

ouTo): s-aAsicpoij-sv toc xa^^aipsTixa wir vorher mit irgend einem Mittel 

cpapixaxa, TrpdcTTovTcc toüto /apiv xou rauh, um danach die ätzenden Me- 

irapaös^aaf^ai rr^v ouva[xt,v auTwv zlc, dicamente einzustreichen. Dies machen 

To [irj.\}Qc, xoLc YjA(ojj.£va;2) i^oyaq' wir, damit die schwieligen Auswüchse 

l'aTc youv Efis jrpcujxsvov et:' auTcJuv die Kraft des Heilmittels bis in die 

oi[j[J.aai xs. ilaXaiTituv xt^täv Tpaj(£ai Tiefe aufnehmen. Ihr wisst ja, dass 

xai o'/jiria? osTpaxoi;; xat xiaafjp£i, ich bei dieser Krankheit die rauhe Haut 

xat TouTüDV jxT) TrapovTuJV auTÖj töj des Haifisches anwende und die Schale 

xuaöioxw T% {AYjAr^?, otevov £J(ouoy]c, des Tintenfisches und den Bimstein und, 

oux £Üpu TO TTEpac. weuu das nicht zur Stelle ist, den 

Löffel der Sonde mit schmalem Ende. 

§ 76. Die Araber und ihre europäischen Nachbeter haben das Schaben 
der Lid-Innenfläche nicht aufgegeben, sondern sogar mit einem neuen Mittel 
bereichert, dem Zuckerstückchen, das noch heute im Morgenlande volksthümlich 
geblieben-*). 

Ich will mich begnügen, aus dem Werke des größten Wundarztes, den 
das europäische Mittelalter hervorgebracht, nämlich aus der Chirurgia magna 
GuiDONis de Gauliaco^) die entsprechende Stehe nachzuweisen: 

i) XVIIa 90-1, Comm. in Hipp, epidem. VI. 

2j -A]Xto[i.£va; (genagelten) ist unrichtig. Anagnostakes liest rjXv.cup.sva;, ge- 
schwürig. Ich ziehe vor T£T'jXcurj.£va; (schwielig), das öfter in späten Handschriften 
T£-7]Xa)(j,Eva; geschrieben wird. Nur, wenn die Granulationen schwielig, nicht aber 
wenn sie geschwürig sind, muss man vorher rauh machen. Vgl. auch die Stefle 
aus DioscoR. (B, in diesem §.). 

3; Anagnostakes sah, dass man mit einem Stück Zucker die Körner reibt 
und dann Kupferblüthe aufträgt. 

4) Geboren vor UOO n. Chr., gestorben \368. Sein Hauptwerk ist 1363 ge- 
schrieben. Ich citire nach der Ausgabe von Joubert, Lyon 1635 ;V, I, i, 3, 
S. 292 u. 305), und verweise auf die prachtvolle Ausgabe des altfranzösischen 
Textes, von E. Nicaise, Paris 1890, S. 477. Aber die altfranzösische Sprache ist 
der Mehrzahl unsrer Aerzte minder bequem, als die lateinische. 



136 XXIII. Hirschberg, 

Et praelerea est in soabie (palpebrarum) asperitas. Et granula insunt in- 
trinsecae parli palpebrae, ul Galaf Azaraviis dicil. Et icleo ponuntur ejus 
qiiatuor species, quae non sunt nisi g:ra(his inajoris et minoris, iit de Ophthal- 
mia dicebatur .... Inversatur palpebra, compi'imendo cum specillo lato .... 
In magnis et Ibrtibus scabiebus juhet Auicena post inversionem palpebrarum, 
fricationem cum his quae sunt sicuti spuma maris^) et lolia ficus, aut cum 
zucaro, ut dielt Alcoatius : aut cum sief-) ru. ut Jesus . . . 

§ 77. Nach dem Wiedererwaehen der Wissenschaften wurde der 
Körnerkrankheit wenig lieachtung geschenkt^); der Griechen klar anatomischer 
BegrilT der Körnerkrankheit des Auges war durch der Araber unklare Beschrei- 
bung der Augenkrätze, sowie der vei*wandten Lidflechten^], erheblich verdunkelt 
w^orden; erst seit dem Jahre 1800, nach Bokapahte's Zug, tritt die Ȋgyp- 
tische« Augenentzündung wieder in den Vordergrund ärztlicher Erörterung. 
So ist es wohl begreiflich, dass im ersten wie im letzten Drittel des vorigen 
Jahrhunderts die chirurgische Behandlung des Trachoms mittelst der Verfahrungs- 
weisen der allen Griechen erheblichen Tnadel erfuhr •"'); hingegen im ersten Drittel 
unsres Jahrhunderts durch den Zwang der Verhältnisse, die durch Bonaparte's 
Feldzüge geschaffen waren, wieder neu eingeführt wurde, und im letzten 
Drittel unsres Jahrhunderts das Feld beherrscht. 

Aber, ehe ich auf unsre Zeit komme, muss ich, nach Pflicht des Ge- 
schichtschreibers, eines Zwischenfalls aus dem vorigen Jahrhundert gedenken. 

Zu Anfang des vorigen Jahrhundei'ts wirkte zu Paris der Engländer Johann 
Thomas Woolhouse •*), als ausiibender Augenarzt wie als Lehrer der Augenheil- 
kunde, ein ebenso gelehrter und begabter wie geldgieriger und charlatanhafter 
Fachgenosse. 

Derselbe pflegte seinen liebsten Schillern gegen eine holie Summe und den 
Eid der Verschwiegenheit ein besonderes Verfahi-en und das dazu gehörige Werk- 
zeug mitzutheilen, die er aus dem Hippokrates geschöpft zu haben vorgab. 
Durch den gelehrten Tübinger Professor B. David Mauchart'), wohl den besten 
Schüler von Woolhouse, wurde das Geheimnis enthüllt. 

WooLHoi'.'^E verfügte, dass er allein den Hippokrates verstehe, dass in der 
betreffenden Stelle des Buches von derSehkraff a-pay-ioc nicht Spindel, sondern 



1) Vgl. § 43. Es dürfte hier an Korallen zu denken sein. 

2) arab. = Augensalbe, Augenwasser, Collyrium. 

3) Vgl. m. Abh. über die körn. Augenentz. c. II. Klin. Jahrb. VI. 1897. 

4) Maitre Jean, mal. de Toeil, Paris 1722, S. 380. Une Dartre des pau- 
pieres, on l'apelle Trachoma. 

5^ Hii'P. de visu libell. Ed. lo. Herm. Jugler. Helmstadii 1 792, p. 61: Nostris 
denique temporibus metliodus ista crudelis et inepta plane obsoluit. 

Die Herausgeber der alten Griechen waren leider meist ohne jede ärztliche 
Erfahrung. 

ß Natürlicli werden wir auf diesen merkwürdigen Mann und seine Leistungen 
an passender Stelle nocli zurückkommen. — Außer der schon erwälmten Literatur 
vgl. hierzu noch Burkard David Mauchart von Prof. Schleich, Tübingen 
1897, H. Laupp jr., S. 39. 

7) B. David Mauchart resp. J. G. Gmelix, ophthalmoxysis nova-antiqua et 
Woolhoosiano (!) — Hippocratica nobilissima ocularia e textu Graeco eruta et bis 
mille annos neglecta, nunc demum penitus emergens. Tubing. 1726. fin Reuss, 
diss. med. sei. Tubing. V, I, 1783; u. Haller, diss. chir. I, 321.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterlhum. 137 

Distel (arpa-/TaXic) bedeute, und verlerligte aus einer zusammengebundenen Roggen- 
ähre einen kleinen Grannen-Besen, womit er die Bindehaut ausfegte hei Trachom, 
Pannus, Ectropium, l^hlyktaenen, Geiaßbildung der Hornhaut, bei Erkrankungen 
der Carunkel, der Thränendrüse, ilu-er Ausriihrungsgange u. s. m-. 

Als das Geheimniss enthüllt war, erkannte man alsbald seine Nichtigkeit. 

Schon Platner') schränkte das Verfahren erheblich ein, IIeisteu^j aber 
erklärte den Nutzen der Bindehaut-Ritzung Ihr Iraghch und verwarf das Ver- 
fahren und das Werkzeug von Wooliiouse. 

Der gelehrte Tuiller^) bekämpfte des Woolhouse Textauslegung, da 
aToaxToc Spindel, nicht Distel bedeute^). Er verfiel aber selber auf eine un- 
richtige Erklärung der hippokratischen Stelle: gebrannt sei worden mit einer 
Spindel aus hartem Buchsbaumholz, die in heißes Oel getaucht und nocli zu 
größerer Siclierheit am Ende des wirksamen Theiles mit Wolle umwickelt 
wurde ^). Sichel, der in Littre's Hipp okrates -Ausgabe die Schrift von der 
Sehkraft bearbeitete, hat zuerst die Ansicht von Triller angenommen, später 
aber der richtigen Uebersetzung von Anagnostakes'*] sich angeschlossen, dass 
mit feiner, um ein spindelförmiges Holz gewundener Wolle geriehen und dann 
(nach dieser mechanischen Einwirkimg) das (chemisch wirkende) Mittel, die 
Kupferlilüthe, eingerieben wurde. So können wir wirklich mit dem Dichter 
sagen ") : 

Lass den Anfang mit dem Ende 
sich in Eins zusammenziehn ! 

Die älteste Behandlung der Körnerkrankheit ist identisch mit der neuesten, 
wenn die letztere auch mit dem hochtrabenden Namen der parasiticiden s) sich 
zu schmücken hebt. Der Grieche (vor mehr als (2000 Jahren) nimmt Wolle, 
der Deutsche (vom heuligen Tage) Watte zum Reiben. Der Grieche wählt 
Kupfer zur Aetzung, der Deutsche Sublimat. 

Anagnostakes hat das hippokratische Verfahren so getreu wie möglich 
nachgeahmt, nur dass er zum Reihen ein Stück Tuch und zum Einstreichen 



1) Zach. Platjjer, resp. F. C. Praetorio, diss. de scarificatione oculorum, 
Lips. 1728. 

2 L. Heisteri institutiones Chirurg., Amstelod. 1750, 4, S. 525, woselbst auch 
eine Abbildung des WooLHOUSE'schen Werkzeugs geliefert wird. 

3 De scarif. et ustione oculorum ab Hipp, descripta. Opusc. med. ac medico- 
phil. Francofurti & Lips. 1766, I, 463. 

4; In der That heißt d'-xpay.-to; nur Spindel und kommt nach Cuktius, 
S. 468j vom Stamme Tpi--tu, torqu-eo, goth. treib -an, drehen. In der ganzen 
uns erhaltenen Literatur der Griechen heißt das Wort nur Spindel, allenfalls 
Pfeil, bei Pollux das obere Ende des Mastes. 'Thes. 1. graec. I, 2, S. 2395 — 6. 

Dagegen heißt aTpa-^t-j'/a; die Distel und soll den Namen dalier haben, weil 
die Landfrauen aus Disteln ihre Spindeln bereiteten. Tlies. 1. gr. VII, S. 602'. 

5) In der Schrift von den inneren Krankheiten (Hipp., Littre VII, 243 wird 
gegen eine hartnäckige Leberkrankheit empfohlen vtaOaoti dv z-j^ivoicsiv aTpäzToiot. 
ßä7:TtDv e; IXatov ^eo>;. »Brennen mit Buchsbaum-Spindeln, die in siedendes Oel 
getaucht sind.« 

6) 'la-piv-Tj £'^rjij.£pt;, Athen ISGO. 

7) Vgl. meine Anmerkung im Januarheft 1892 des Centralbl. f. A. 

8) Soll heißen pilz- tötenden. Leider ist der Pilz des Trachom noch un- 
entdeckt. Ich meine das Verfahren der Gebrüder Keinig. i,Vgl. C.-Bl. f. A. 
1892, S. 20.) 



138 XXIII. Hirschberg, 

Kuplersulfal nahm, und ganz heachlenswerlhe Erfolge erzielte. Ueberhaupt 
ist es für den denkenden Betrachter der Geschichte erstaunlich, dass grade auf 
diesem Gebiete unser so vielgeschäftiges Zeitalter so wenig wirklich Neues 
liervorziibringen im Stande war i). 

Die rauhgemachte Sonde des Celsus ist das Instrument von Ottawa-), 
aus der Lidschabe des Aegineta ist die metallische Raspel (radula) des Pour- 
FOUR DU Petit ^), die metalhsche Bürste des Borelli^), der Metall-Pinsel von 
Schröter ^) und endlich die kurzhaarige Biu'ste von Abadie '') hervorgegangen. 
Das Messerchen des Celsus ist dasselbe, wie der Scarificator von Himly, dessen 
Sichel'') mit Vorliebe bei den Granulationen sich bediente, und der Furchen- 
zieher von LiNDSAY Johnson*) u. A. Der Löffel (xuailiaxoc) von Galen gleicht 
dem scharfen Löffel von Bardenheuer''), sowie von Sattler i^') und seinen 
Nachfolgern. Von allen neueren rein mechanisch") wirkenden Verfahrungs- 
weisen gegen die Körnerkrankheit ist allein Knapp's Ausquetschung mit der 
Rollpincette als eine selbständige Erfindung zu betrachten, obwohl auch diese 
an das hippokratische Verfahren sich anlohnt. 

§ 78. 13. Wenn man in neueren Abhandlungen Prioritäts-Streitig- 
keiten bezüglich der Ausschneidung der Bindehautkörner antrifft; wenn man in 
einer ganz neuen und vortrefflichen Augenoperations-Lehre liest, dass bei der 
Körnerkrankheit zuerst Galezowski 1874 die Ausschneidung der Uebergangsfalte 
methodisch geübt habe, so kann der Geschichts-Freund ein leises Lächeln 
kaum unterdrücken. 

Für denjenigen, der Griecliisch versteht, unterliegt es keinem Zweifel, dass 
in der hippokratisehen Schi'ift von der Sehkraft ausgiebiges Ausschneiden der 
fleischigen Wucherung, wenigstens am Unterlid, empfohlen wird. Die späteren 
Griechen reden nicht mehr davon, außer bei dem sogenannten Ectropium 
sarcomatosum. Sicher aber die Araber des Mittelalters. Bei Guy de Chauliac ^^) 
lesen wir, dass Rhasis empfahl: et s'ils ne guerissent ainsi, les grains soient 
ratissez avec un rasoir. 

Wer aber behaupten wollte, dass dies nur die Ausschneidung einzelner 
Körner, nicht eines ganzen Bindehautstreifens bedeute, der berücksichtige das 
Folfirende. 



-1) Anagnost. (Chir. des anc.) S. 1 : II me sera impossible de decrire les 
procedes anciens sans faire ressortir leur ressemblance, quelquefois meme leur 
identite frappante avec des procedes modernes. 

2) Centralbl. f. A. 1893, S. 193. 

3) De Villiers, praes. Pourfoür du Petit. An senescentibus conjunctivae 
scarificatio, Paris 1782. 

4) Giornale d'oftalm. ital. Torino II, 39, 1839. (Scardassamento.) 
3j Wratsch 1889, N. 34, S. 741. 

6) Bull. med. d. Paris V, 803 (1891). 

Vgl. Manolescu. Du brossage des granul. conjonct. combine aux parasiti- 
cides. Constant. 1891. 

71 Iconogr. ophth. § 90 p. 37 u. pl. LXIX, Fig. 11. (1856.) 

8) A. f. A. XIX. 

9) Indic. z. Anwendung des scharfen Löffels. Köln 1 877, S. 48. 
10) Zeitschr. f. Heilk. XII, 1891. 

1 1 ; Nicht kaustisch oder thermisch. Doch ist wohl das oben erwähnte 
hippokratische -6 ßXscpctpov l-f/.aöaat [j.Tj oiatpavsat zu beachten. 
12) Ausg. V. Nicaise, S. 469. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 139 

Wir besitzen eine Sonderschril't über Augenkranlibeitcn von Benevenutus 
Grapheus, der im 13. Jahrliundert lebte, vielleicht dem Orient (Jerusalem?) 
entstammte, sowohl dort wie in Süditalien die Augenlioilkunde ausübte, vielleidit 
auch in Montpellier ^). Diese Schrift liefert von allen des europäischen Mittel- 
alters die beste Ausbeute: 

Videamus de quarta infiriuitate quae est quando oculi semper apparent 
inflati et paciens non potest aperire oculos propter ponderositatem palpebrarum 
superiorum. Unde quando vultis certificari de ista egritudine, reversetis palpe- 
bram superiorem cum digitis vestris et videbitis eam quasi pinguedinem et illa 
pinguedo apparet rasata et granosa sicut grana, et arabi et saraceni vocant in- 
firmitatem istam nimasun id est Scabies in oculis .... totam granositatem 
cum incidenti rasorio elevetis . . . Cum ista cura multos homines libera- 
vimus deo dante. Ex ista autem infirmitate in barbaria maxime saracenos 
invenimus praegravatos. — Er fand, dass die Saracenen-Frauen mit Feigenblättern 
i'ieben, bis Blut kommt. Doch half diese Kur nur für einige Tage. 

Nachdem das Verfahren während der napoleonischen Kriege und nach den- 
selben im ersten Drittel unsres Jahrhunderts geübt worden, hat der berühmte Ph. 
VON Walthek aus Bonn ISäl die preußische Arbeitsanstalt von Brauweiler, welche 
pandemisch von der Körnerkrankheit durchseucht war, durch Ausschneiden 
der Wucherungen und durch hygienische Maßregeln vollkommen von der 
Seuche befreit-). 

Im letzten Drittel unsres Jahrhunderts empfahl Galezowski 3) in Paris das 
Ausschneiden der Umschlagsfalte gegen Körnerkrankheit: unter 227 Operationen 
hatte er 213 Erfolge, 7 Nichterfolge, 5 unvollständige Beobachtungen, 2 mal 
Verlust des Auges. 

Der Vorschlag stieß zunächst auf allgemeinen Widerspruch. Erst Jacobson 
in Königsberg und seinen Schülern Heissrath, Schneller und Vossius gelang 
es, das Misstrauen gegen die operative Behandlung der Körnerkrankheit zu 
beseitigen. 

Natürlich, wenn wir in unsrer Geschichts-Erörterung um 20 00 Jalu'e vor- 
gerückt sein werden, müssen wir noch einmal und genauer auf diese Verhält- 
nisse zurückkommen. Hier hatte ich nur die Absicht, das Fortwirken und 
die Fortentwicklung hippokratischer Gedanken bis auf unsre Tage 
nachzuweisen. 

§ 79. Die dritte Augen-Operation der hippokratischen Sammlung- 
Ist gegen die Haarkrankheit (Trichosis), d. h. gegen die den Augapfel berüh- 
renden und schädigenden Wimpern, gerichtet: dieselbe Krankheit, welche 
auch schon in dem alten Pap. Ebers (-1500 v. Chr.) erwähnt und mit der 
einzigen, in dieser Schrift angedeuteten Augen-Operation (dem Ausrupfen 
der Wimpern) bekämpft wurde. 



1) Vgl. die Ausgabe der Practica oculorum Benev. Graph, von Berger und 
Auracher, München, 1884 u. 1886. 

2j Journal für Chirurgie von Graefe und Walther. Bd. 2. 

3) Recueü d'ophthalm., 1874, S. 132; Progrös med., 1878, No. 49. (Uebersetzt im 
Centralbl. f. Augenheilk., 1879, S. 27.) 



140 XXIII. Hirschberg, 

In dem unechten Anhang zu dem Buch^) »von der Lebensordnung in 
hitzigen Krankheiten« licißt es: 

Tpt}(u)oioc. 'V-oi)£t; To p<z;x[j.7. tr| (ie^en Haarkrankheit. Zieli einen 

ßsXovyj T-^^ TO y.uap iyoüor^ , xara to Kadon in die geöhrte Nadel und am 
o;o T^c avco Taaio; tou ßXscpapou ic, Hände der nach oben gerlcliteten Wöl- 
To '/dcTüj oiay.svTTjoa; oi'sc, xal aXAc bung des [unteren] Lids steche sie durch 
UTToxocT«) TouTO'j" dv7.Tsiva? OS Toc nach unten und ziehe den Faden durch 
pajifxaTa pdt'Lov xat xaTaosi, foj? av und lege eine zweite Naht unterhalb 
d~o-£3"(j' ya^-^ [j.£v ixavu)c £/"/)' £i os der crstercn an. Spanne die Fäden 
jjtr^, r^v sXXsiTi'^j, ö~ia(u Tiocieiv Ta an und verknüpfe sie mit einander und 
auTa. halte sie verbunden, bis sie von selber 

abfallen. Genügt es, [nun so ist's 
gut.] Wenn nicht, wenn es nicht 
ausreicht, muss man es noch einmal 
machen ■'). 

Die beiden Fäden der oberen, nahe dem freien Lidrand durchgeführten 
Naht werden mit den beiden Fäden der unteren, nahe der Lidbasis be- 
findlichen Naht verknotet, und so die Wimpern nach außen gedreht. Die 
Operation ist wirksam, aber nicht für die Dauer. Man könnte sich wun- 
dern, warum die beiden Fäden nicht lieber wagerecht durchgeführt werden 
sollen. 

Die lateinischen Übersetzungen sind, wie immer, unverständlich. Aber 
auch Sprengel 3], Malgaigne ^), LrrrRE ^) , Anagnostakes *^) haben die Stelle 
unrichtig übersetzt, Velpeau'') und Hirsch*) (mit Hilfe von Haupt) richtiger; 
letzterer hat auch die Unrichtigkeiten von Anagnostakes schon genügend 
kritisirt, so dass ich mir, bei so klarem Sachverhalt, alle Weiterungen er- 
sparen kann. 

§ 80. Die vierte Operation wird nur erwähnt, nicht genauer beschrieben. 
Es ist die Entleerung des Eiters aus dem Augen-Innern, bezw. aus der 
A'orderkammer. 



\) Kühn H, 97; Foäs. I, 406; Littre H, 516. 

2) Die Uebersetzung einer solchen Stelle soll genau sein, aber die meisten 
der bisherigen Uebersetzer haben weder berücksichtigt, dass oiav-EvT-rjcac auf die 
stählerne Nadel, ote; auf den daran belindlichen Faden sicli bezieht; noch dass 
der Imperat. praes. -/.rx-dlii eine fortgesetzte, der Imperat. aor. öa'Lov eine einmalige 
Handhmg ausdrückt. 

Auch Celsus besclueibt eine Lid-Operation mit zwei Zeitwörtern (durchstechen 
und durchziehen, transuere und transmittere; VII, 7, 8, Ausg. von Daremberg, 
S. 277, Z. 7. 

3) Gesch. d. Chir. II, 54. 

4) Littre's Hipp. III, XLiv. 

5) Littre's Hipp. II, 517. 

6; Chir. ocul. chez les anciens, S. 3. 
7; Med. op^rat. Paris 1839, III, S. 352. 
8; S. 251. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 141 

Es heißt im vierten Buch der Volkskr. ') (§ 44): 

ToTaiv SfjLTruoioi ta o;i.[xaTa, xai Ist Eiter im Augcninnern gebildet, 

expY]Yvu[i.£va ixs.'(6la. sÄ/sa '{ivzzai, so werden einerseits beim Spontan-Auf-» 
xal ra[xvo[x£va |3ai)£7. , d[j.cpoTip(y; ai bruch die Hornhautgeschwüre groß, 
o'isi; sXxouvTai. andrerseits bei der Eröffnung mit dem 

Messer sehr lief: in beiden Fällen kann 
der Stern schwüren^). 

Kein Erfahrener wird diesem Satz widersprechen. 

§8i. Von der gHicklichen Aus sehn ei düng eines Pfeiles aus dem 
(Ober-) Lid bei Erhaltung des Augapfels spricht der \L des fünften Buches 
der Volkskr. (§ 49) 3) mit derselben Freude, mit der wir etwa über die Ent- 
fernung eines Schrotkornes aus dem Lid, bei unverletztem Augapfel, be- 
richten. 

'0 03 ic. Tov 6cpi)aX[xov rJ^Y^zlc, Der Mann mit der Augenverletzung 

sTiXrjY'^ jxiv xaxa toü ßXscpapou, lou hatte dieselbe zwar nur am Lid, aber 
OS Yj dxl; ixavuJc' o ok dUTjp Trpoau- die Spitze drang tief genug ein; jedoch 
TTcpsTj^cV. TixTjOsvToc Tou ßXscpdpou, blieb der Widerhaken hervorragend. 
T^pUrj TrdvTa* ouoev cpXaupov o Y'^'p Als man das Lid aufgeschnitten hatte, 
ocpUaXjj-o? üi£[X£i.v£, xai ö'(ir^c, £-j'£V£7o schwoll alles an; doch war es nicht 
^uvTo'ixcu;;' aFfxa 0£ Eppur| Xaupov, schlimm, denn der Augapfel blieb er- 
ixavov TO) kXyjOsi. halten und der Verletzte genas rasch. 

Blut war aber ungestüm hervorge- 
brochen, in genügender Menge. 

Bekanntermaßen war Critobulus so glücklich, den König Philipp von 
Macedonien wenigstens vor Entstellung zu bewahren, obwohl es ihm nicht 
glückte, die durch Pfeilschuss zerstörte Sehkraft des einen Auges wieder 
herzustellen. 

§ 82. Zum Schluss habe ich noch zweier Operationen zu gedenken, 
die nicht am Auge, sondern am Kopfe, aber wegen eines Augenleidens, 
ausgeführt wurden. 

A. Einschnitte in die Kopfhaut, am Scheitel, nach der Lid- 
Schabung und Aetzung4). (Vgl. oben § 74.) 

"raT£pov OS xo TTjC Euaio? xat to Nach dem Schabea und Aetzen, 

T^c xauaioc, otav ai Eaydpai sxitiowot. wenn die Brandschorfe abgefallen, und 

xai x£xai}ap[j.£va r^ xa sXxsa xal ßXa- die Geschwüre gereinigt sind und wu- 

ardv^j, Tdjj,V£iv top-TiV oia tou ßpsy- ehern, macht man einen Schnitt durch 

[xaro?. die Scheitelgegend dos Schadeis. 



1) KÜHN III, .")37; FoEs. II. 1136; LittrkV. 184. Vgl. oben § 4d. 

2) Fuchs übersetzt: Bei denjenigen, deren Augen vereitern, werden die von 
selbst) aufbrechenden Verschwärungen groß, die mit dem Messer eröffneten tief. 
In beiden Fällen verschwärt die Regenbogenhaut U. 214). Kein Wunder, dass 
er hinzufügt — »Wiederum ganz unsiclier«. 

3; KÜHN III. .'if)?;; Foüs. II1158; Littuk V, 236. 
4) Von der Sehkraft § 4. Littuk IX, 156. 



142 XXIII. Hirschberg, 

Im Buch von den Orten § 13') wird bei langwierigen Schleimflüssen 
empfohlen Tr,v xscpaÄyjv xaTaTc'fjtvsiv iat av rpo? t6 ooteov X-^^c, »den Kopf 
einzuschneiden bis auf den Knochen«. 

Dies wahrscheinlich von Barbaren erlernte und übernommene Verfahren 
war die verhängniss volle Einleitung zu den barbarischen Eingriffen gegen 
Augenentzündung, welche wir bei den späteren Griechen als Periskyphismus 
und Hypospathismus noch kennen lernen werden 2} und die in Gestalt der 
künstlichen Blutegel an der Schläfen-Gegend bis auf unsre Tage sich er- 
halten haben. Ich habe von den letzteren eine sichere Wirkung gesehen, 
die hässlichen Narben in der Schläfenhaut ^). Ur 
auch die altgriechischen Verfahren nicht gehabt. 



die hässlichen Narben in der Schläfenhaut ^). Und andre Wirkungen hatten 



§ 83. B. In demselben Buche von der Sehkraft (§ 1) ist die Bede 
vom Brennen des Kopfes bei (stariger) Trübung der Sehe. 
Euficpepst 0£ TouTsc!) xa&apai'e; xe xai xauaic rrj? xscpaXrjC. 
»Ihm nützt die Reinigung^) und das Brennen des Kopfes.« 
Eine merkwürdige Stelle findet sich im Buche von den Orten § 13^): 
[Wenn zu der reinen Feuchtigkeit in die Sehe etwas blutige Feuchtig- 
keit eindringt, so erscheint die Sehe nicht mehr rund, und der Kranke 
sieht etwas vor seinen Augen schweben und sieht nichts mehr so, wie es 
wirklich ist.] Diesen Kranken muss man die Adern fortbrennen, welche 
die Sehe (die Augen) pressen und immer pulsiren und zwischen Ohr und 
Schläfe liegen 6). Totiiou y^pr^ xac, cpXsßa? aTcoxaieiv xa? TrisCouaa? xac o'j/tac, 
ai acpuCouatv äzl xal [xsxalu xou xs vnbc, xai xo5 xpoxacpou Trscpuxaai. 

Nicht bloß den Griechen, sondern auch den Arabern sagte dies 
Brennen des Kopfes sehr zu. Noch in der Neuzeit wurde es wieder auf- 
gefrischt und erst von de Haen''] herb getadelt. 

§ 84. C. In dem nämlichen Buch von der Sehkraft § 3^) wird genau 
geschildert, wie man am Rücken die Venen mit dem Glüheisen bis 
auf den Knochen brennen soll. Gegen welches Augenleiden, ist aus dem 
verstümmelten Text nicht ersichtlich. 

Auch diese barbarische und nutzlose Behandlungsweise hat bis zu 
unsren Tagen sich erhalten. Ich muss leider gestehen, dass ich, den 



'I) LiTTRE VI, 300. 

2) Vgl. Paull. Aeg. vi, c. 6. und 7; Gels. VIT, 7, 15. 

3) Vgl. meine Einführung in die Augenheilk. I, S. 22. 

4) Durch Abführ- und Nasenmittel. Vgl. von den Orten, § 13, Littre VI, 300. 

5) LiTTRE VI, 300. 

6) Es ist die Schläfen-Schlagader (Art. temp.l, die Galen (X, 942) bei Augen- 
Entzündung nach doppelter Unterbindung, ausschnitt. 

7) Nat. medendi, Ed. II, Viennae 1 763, VI, 6, S. 239—287. 

8) LiTTRE IX, -154. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 143 

Vorschriften meines Lehrers A. v. Graeke folgend, ein Mal, im Beginn meiner 
eignen Thätigkeit, bei dem Sehnervenleiden eines 3Iannes, in Folge von 
Rückenmark-Erkrankung, die entzündlich zu sein schien, das Glüheisen auf 
die Rückenwirbelsäule angewendet habe, — aber nur ein Mal. 

D. Die kühne Behandlung der Amaurose mittelst Trepanation des 
Schädels imd Herauslassen des Hirnwassers soll hier nur der Vollständig- 
keit halber angeführt werden. Die betreffende Stelle^), ihre Uebersetzung 
und Würdigung ist schon oben (§ 49, B, b), bei Besprechung der Amau- 
rose, geliefert worden. 



Wir sind zu Ende mit der Augenheilkunde der llippokratiker. 

Die ausführliche Erörterung war gerechtfertigt; hier entspringen 
die wirklichen Quellen des Stromes der Wissenschaft, der heute noch 
durch unsre Lande fließt. Dazu kommt, dass die echten Schriften des 
großen Hippokrates eine solche Uebereinstimmung zwischen Inhalt und 
Form, d. h. wahre Schönheit, zeigen, dass sie, wie die Gespräche des 
Plato, für immer als klassisch gelten werden, solange man noch auf 
diesem Planeten die Sprache des Homer verstehen wird. 

Ich gebe mich keiner Täuschung hin, die Zahl der Kenner wird immer 
geringer werden. Ich verwechsle auch nicht meine Neigungen mit den Be- 
dürfnissen des heutigen Tages. Im Gegentheil, mein Bestreben geht grade 
dahin, unsre Wissenschaft von allem schwerverständlichen und fremd- 
sprachlichen Beiwerk zu läutern. 

Aber wer Geschichte ärztlicher Wissenschaft begreifen will, muss 
Hippokrates studiren. Meinen Fachgenossen dies zu erleichtern, war der 
Zweck der vorstehenden Erörterungen, in denen ich allerdings, neben den 
Uebersetzungen, ohne zu kargen, die Urtexte beigebracht. Das verdient 
der Mann, der den Aerzten die goldnen Worte '^) geschenkt: 

'0 ßi'oc ßpa)^uc, Yj 0£ Tt/yt] [Aaxpr^, Das Leben ist kurz, die Kunst 

8s y.aipoc o^uc, -q ok TrsTpa acpaAspY], ist lang, die Gelegenheit ist flüchtig, 
Tj öS xpiai? yoXzrä^. der Versuch trügerisch, das Urlheil 

schwierig. 

§ 85. Die Alexandriner. Der Vorhang zwischen der hippokra- 
tischen (griechischen) und der nachhippokratischen (hellenistischen) Lite- 
ratur der Heilkunde sinkt nieder um die Zeit der Gründung der großen Bücher- 
sammlungen von Alexandrien und Pergamon. Und wenn er sich wieder erhebt, 



-1 ) Von der Sehkraft § 8, Littre IX, \ 38. 
2) Aphor. I, \. (Littre IV, 458.) 



144 XXIII. Hirschberg. 

zur Zeit des römischen Kaiserreiches, hat eine gewaltige Aenderung Platz 
gegriffen. Die Alexandriner d. h. Griechen auf ägyptischem Boden, der 
seine sprichwörtliche Fruchtbarkeit auch auf dem geistigen Felde bewährte j 
haben das Gesammtgebiet der uns hier interessirenden Wissen- 
schaften neu bearbeitet: Physik und namentlich Optik, sogar die An- 
fangsgründe einer Art von empirischer Chemie, soweit sie zu der syste- 
matischen Darstellung der Arzneimittellehre erforderlich war, Anatomie, 
Physiologie, Pathologie, Therapie, Chirurgie. Geist und Kunst haben die 
Griechen mitgebracht, die wirklichen Leistungen sind aber nur aus der 
Berührung mit der uralten ( aütur der sogenannten Barbaren hervorgegangen. 
Der Vorgang steht einzig da in der Weltgeschichte'). 

Aber wie er eigentlich sich vollzog, wenigstens auf dem Gebiete der 
Heilkunde, wird uns vorläufig (vielleicht auch für immer !j unbekannt bleiben, 
da ein neidisches Geschick uns kein einziges der alexandrinischen Werke 
erhalten hat. Nicht einmal Ueberlieferungen von Zeitgenossen stehen uns 
zu Gebote, sondern nur gelegentliche Bemerkungen Späterer, wie des Gale.v, 
oder nur mäßig Sachkundiger, wie des Celsus -). 

Darum verlohnt es nicht, die ganz vereinzelten, zerstreuten Bruch- 
stücke zusammen zu suchen; es wird doch kein vollständiges Bildwerk daraus 
sich zusammensetzen lassen. 

Auf die großen Anatomen Erasistratvs -^j und IlEuopinLis*), der für uns 
als Beschi'eiber der Netzhaut immer merkwürdig bleiben wird, und ihre dog- 
matischen Schulen, aus denen der große Chirurg Philoxenes^) hervorgegangen 
sein soll, folgten die Empiriker und mit dem nach Rom übergesiedelten 
AsKLEPiADES, dem Freunde des Cicero, und seinem Schüler Themison die 
Methodiker, die den hippokratischen Hunioralpathologen gegenüber mehr auf 
die BeschalTenheit der lesten Bestandtheile, auf die Verschließung oder Oeffnung 
der Poren großen Werth legten, und sich rühmten, ihre Gemeinplätze über 
Heilkunde binnen sechs Monaten dem Schüler beizubringen, und noch zur Zeit 



1) Ueberhaupt stammen die meisten griechischen Schriftsteller über Heilkunde 
nicht aus Athen, Korinth, Theben, sondern aus Asien, w^ozu im AlterthumAegypten 
gerechnet wurde. 

HiPPOKRATES wie Praxagoras aus Kos, Galen und Oribasius aus Pergamus, 
Aretaeus aus Kappadocien, Asclepiades aus Prusa, Dioscorides aus Kilicien, 
Ai^Tius aus Amida in Mesopotamien. Alexander aus Tralles, Rufes und Soraxus 
aus Ephesus. (Vgl. Huber, Vorwort zur Gyncäkologie des Soraxus, München 1894. 

Euklid, Herox, Ptolemaeus, die 3 namhaftesten Optiker der Griechen, lebten 
zu Alexandrien in Aegypten. 

2) Klarheit ist auch nicht geschaffen durch den 1891 gefundenen medizinischen 
Papyrus: Anonymus Londinensis, Auszüge eines Unbekannten aus Aristoteles- 
Mexox's Handbuch der Medicin, griechisch herausgegeben von H. Dietz, Deutsche 
Ausgabe von H. Beck und F. Spät, Berlin -1896. 

3) Starb um 28ö v. Chr. 

4) Geboren um 300 v. Chr. 

5] Im letzten Jahrh. v. Chr. Vgl. Celsus VII. praef. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 145 

des Trajax in Sorams einen vorzüglichen Vertreter fanden, ja in Caelius 
AuRELiANUs nocli im Anfang des i. .lalirh. n. Chr. einen eifrigen Uebersetzer 
des SoRANUs. 

Aber die Methodilcer hatten nicht die Aliein-Herrschaft. Außer den Pneu- 
matikern, ^Yelche schon in den hippokratischen Schriften einige Vorläufer ge- 
funden, und RuFis sowie Cassius zu ihren Anhängern zählten, gab es Eclectiker 
wie Aretaeus. 

Die großartigste Persönlichkeit nach Hippokrates war Galenüs (131 — 201 
n. Chr.). Er hat das ganze Wissen seiner Zeit und der Vorzeit zusamnien- 
gefasst, durch eigne Forschungen und Erfalii'ungen bereichert und zu einem 
System abgerundet, das bis zum Beginn der Neuzeit als Dogma galt und auf 
dem Sondergebiet der Augenheilkunde erst im 17. und 1 8. Jahrhundert durch 
neue Forschungen umgestoßen wurde. Nach Galen kommen die Vf. von 
Sammlungen, Lehrbücliern, Auszügen. 

Weit wichtiger scheint es mir, zunächst im Zusammenhang die theo- 
retischen Grundlagen der Augenheilkunde zu schildern, wie sie von 
den Alexandrinern und ihren Nachfolgern geschaffen sind. Danach werde 
ich auf den Inhalt der praktischen Augenheilkunde ühergehen, wie 
wir sie in den Darstellungen des Celsus, des Galen und der späteren Lehr- 
buchverfasser, wie Oribasius, Aijtils, Paullls von Aegina noch besitzen. 

Aber zum Verständniss des Weiteren dürfte es nothw^endig sein, 
vor Allem eine Uebersicht der Schriften über Heilkunde, welche 
die griechisch-römische AVeit uns als Erbtheil hinterlassen, und 
ihrer wichtigsten Ausgaben voraufzuschicken: zumal eine der heutigen 
Zeit entsprechende Zusammenstellung der Art nicht existirt'). 

Die kritischen Ausgaben sind mit einem Stern (*) bezeichnet. Diese 
sind in meiner Darstellung ausschließlich benutzt. Es ist recht unwissenschaft- 
lich, aber leider in ^\'erken über Geschichte der Heilkunde ganz gewöhnlich, eine 
Ausgabe aus dem 16. Jahrhundert zu citiren, auch wenn eine bessere aus dem 
1 9. Jahrhundert vorhanden ist. Wo kritische Ausgaben nicht vorliegen, muss 
man mit den andren vorlieb nehmen. Die von mir benutzten sind gesperrt 
gedruckt. Alle Werke, welche eine zusammenhängende Abhandlung über Augen- 
krankheiten enthalten, sind mit f versehen. Alle liier erwähnten Ausgaben der 
alten Aerzte finden sich in meiner Bücher-Sammlunc^. 



ij Was uns gar nicht interessirt, Schriften über Nahrung, Puls, Recept- 
sammlungen, habe ich nicht mit angeführt. 

Vgl. Choulant, Bücherkunde, Leipzig I8i1. 

Christ, G. d. griech. Lit. München 1890, S. 7M— 717. (Handb. d. klass. Alter- 

thumswiss. VII. 
Krumbacher, G. d. byz. Lit. Münch. 1897, S. 613—620. Handb. d. klass. Alter- 

thumswiss. IX, 1.1 
Daremberg, Plan de la collect, d. med. grecs et latins, in der Einleitung z. 

;;. Ausg. d. Oribas., I, S. XXI— XLI. Paris I8ö1. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. -| 



146 XXIII. Hirschberg, 

Die ärztlichen Schriften der Griechen und Römer. 
§ 86. A. Griechen. 

I. Die hippokratische Sammlung. Vgl. § S'ä. 

HippOKRATES aus Kos, 430 v. Chr. 

1. Ausg. von Foüs., Genf 1657, mit latein. Uebersetzung. 

2. Ausg. von Kühn, Leipzig 1823 — 1827, mit latein. Uebersetzung. 

3. *Ausg. von LiTTRE, Paris 1839^1861, mit franz. Uebersetzung. 

II. DioscoRmES aus Anazarba in Cilicien, 60 n. Chr. 

-spi uXr,c iaTptx9)c, de materia medica, über Arzneimittel-Lehre. 

TTspt £'jTTOpi3Tiov, Über Hausmittel -f. 

*Ansg. von Kirt Sprengel, mit latein. Uebersetzung und Erläuterungen, 

Leipzig, 1829, 1830. (Bnnd 29 und 30 fler KüHiN'schen Sammlung 

der griech. Aerzte.) 

III. Aretaeus Cappadox, um 90 n. Chi*. (?) 

1 . Ueber die Ursachen und Zeichen der akuten und chron. Krankh. 

2. Ueber die Behandlung der akuten und chron. Ki'ankh. 

Ausg. von Kühn, Leipzig 1828, mit lat. Uebersetzung. ^In der Kühn'- 
sehen Sammlung.) 

IV. RuFUS aus Ephesus, um 100 n. Chr. 

Ueber die Namen der Kürpertheile, u. A. f. 

*Ausg. von KuELLE u. Daremberg, Paris 1879, mit französ. Uebersetzung 
und mit Erläuterungen. 

V. SoRANis aus Ephesus, 125 n. Chr. 

Ueber Frauenheilkunde, u. A. 

*Deutsche Ausg. Aon Hiber und Lüneburg, München 1894, mit An- 
merkungen. 

VI. Galenus aus Pergamos, 131 — 201 n. Chr. 

Ausg. von Kühn, Leipzig 1821 — 1832, in zwanzig Bänden f. 

Die unechte Sclmft de oculis (lat.) steht in den lat. Ausgaben, A'enet. 1 362 
und Basil. 1 542. 

A. Lacunae epitome Galeni op. Basil. 1571. (1 298 Seiten.) 

*I. Müller, Claudii Galeni de placitis Hipp, et Piatonis, Lips. in aed. Teubn. 
1874, mit lat. Uebersetzung und mit Anmerkungen. 

*Bei Teubner sind neuerdings 3 Bändchen der kleineren Schriften des 
Galen erschienen, ferner die Schrift über die verdünnende Diät. An- 
gekündigt ist das wichtige Werk vom Nutzen der Theile. 

Vn. Oribasiüs aus Pergamos, 360 n. Chr. 

SluvaYtoYat Jarpixat, Collect, med., ärztliche Sammlungen f. 

Suvo'litc, Uebersicht, •}-. 

E'j-opiata, Hausmittel, -j-. 

*Oeuvres d'Oribase, herausgegeben von Bissemaker & Darem- 
berg, Paris, 1851 bis 1876, mit französ. Uebersetzung und mit Er- 
läuterungen, in sechs Bänden. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 147 

VIII. Aetius aus Aniida in ^lesopotamien, um öiü n. Chr. 
|Siß>a'a lrt.-oiy.rj. £-/y.aiO£y.a, 1 6 Bücher üher Heilkunde f. 

Nur die ersten 8 sind griechisch gedruckt, Venet. |."i.34 in aed. 
Aid. Manut. & Andr. Asulan. 

Das 7. Buch handelt von den Augenkrankheiten. Die Ausgahe ist so 
selten, dass Lüring 1888 (vgl. ohen § 4j zu Straßhurg dieselbe gar nicht er- 
halten konnte, und ein beriihmter Geschichtsforsclier ihre Existenz bezweifelte, 
bis ich sie ihm aus meiner Bücherei vorwies. 

C. Weigel in Dresden ( I 769 — 18 45) hatte eine neue Ausgabe des ganzen 
Werkes vorbereitet; seine Handschriften befinden sich in der Königl. Bibliothek 
zu Berlin. 

Die lateinische Uebersetzung des ganzen Werkes ist in der Collect. 
Stephaniana (Paris I ö67) enthalten. 

Eine neue, vollständige Ausgabe des ganzen griechischen Textes ist wün- 
schenswerth. 

IX. Alexander aus Tralles in Lydien, .ä.50 n. Chr. 

ß'.ßXia larpixa Suoxaiosxa, 12 Bücher von der Heilkunde f. 
Das zweite Buch handelt von der Pflege der Augen. 

*Ausg. von Theod. Puschmann, Wien 1878 — 1879, in zwei Bänden, mit 
deutscher Uebersetzung und mit Erläuterungen. 

*Ueber Augenkrankh. von Alexander aus Tralles (?), h. von Th. Pusch- 
mann, Berlin 1886. 

X. Theophilus Protospatharius, 610 — 641 n. Chr. 

TTspl T^c Tou avöpcü-ou v.aTaT/.£ur|;, vom Bau des Menschen f. 
*Ausg. von Greenhill, Oxford 18 42, mit lat. Uebersetzung und Anmer- 
kungen. 
Außei-ordentlich selten. Deshalb bleibt auch die ältere Ausgabe wichtig: 
Parisiis, mdlv, ap. G. Morelium. 

XI. Paüllus von Aeglxa, um 66 8 n. Chr; 

'EiTiToiir^c (latpiy/^c) fjip^irj. k~Ta, Auszug aus der Medicin, in 7 Büchern f. 

Das dritte Buch enthält die Augenki'ankheiten , das sechste die 
Augen-Operationen. 
Griech. Ausgabe, Basil. 1538. 

Eine lat. Uebersetzung findet sich in der SiEPHAN'schen Sammlung. 
*Das sechste Buch ist neu herausgegeben: 
Chirurgie de Paul d'Egine, text grec avec traduct. francaise, p. Rene 

Briau, Paris 1 855 f. 
Eine neue Ausgabe des ganzen griechischen Textes ist ein Bedürfniss. 

XII. Leo, 829 — 842 n. Chr. 

26vo'|ii? ia~ptxTj, Uebersicht der Heilkunde f. 

*Ausg. von Ermerins, in Anecdota medica graeca, Lugd. Batav., 
18 40. Mit lat. Uebersetzung und Anmerk. Nicht unwichtig, aber 
selten, da es sogar den Vf. d. Gesch. d. bvz. Literatur') unzugäng- 
lich war. 



I) München I 897, S. 61 6, in I. v. M üller's Handb. d. klass. Alterthumswiss. IX. I . 

10* 



148 XXIII. Hirschberg, 

XIII. Theophanes Non.ms, X. Jahrli. n. Chr. 

Zuvo'^i? ev STTiTOjx-^ rf^? larpix^; d-aar,; 'i'/yr^c, Uebersicht im Auszug 

Aon der ganzen Heilkunsl j. 
*Ausg. von J. 0. Steph. Bernard, Gotha 1794 u. I79Ö, 2 Bände, mit 

lat. Uebersetzung und Anmerkungen. 

XIV. Joannes Aktuarius, um 1328 — 1341 n. Clu\ 

Alsflooo; OspaTTSUTixT), Ueber die Heilkunst, in 6 Büchern (f), u. A. 

*Ausg. der beiden ersten Bücher, Trspi oiaYvtuoötu; -aUtüv, über Dia- 
gnostik, in Physici et medici graeci minores, ed. J. L. Ideler, 
Berol. 1841 und 1842, 2 Bände. (Text- Ausgabe.) Die vollständige 
lateinische Uebersetzung der ganzen Schritt findet sich in der 
STEPHAN'schen Sammlung. 

Die Augenheillv. des Joann. Akt. (griech. Text mit deutscher Uebersetzung) 
ist von J. Hirschberg herausgegeben. (Arch. f. Ophth. XXXIII, I. I 887.) 

XV. Recht brauchbar ist die SxEPHAN'sche Sammlung: 

Medicae artis principes, post Hippocratem et Galenum, Graeci, 
Latinate donati, Aretaeus, Ruffus Ephesius, Oribasius, PauUus Aegineta, 
Cassius, Aetius, Alex. Trallianus, Actuarius, Nie. Älyrepsus : Latini, Cornel. 
Celsus, Scrib. Largus, Marc. Empiricus, Aliique quorum unius nomen 
ignoratur. Anno 1078. Excudebat Henricus Stephanus, illustris viri 
Huldrichi Fuggeri tvpographus. Ein Index erleichtert das Auffinden. 
Das vollständige Werk ist selten. 

§ 87. B. Römer. 

XVI. A. Cornel. Celsus, 2 5 v. Chr. bis 30 n. Chr. 

*Ausg. von Daremberg, Lipsiae, in aed. Teubneri, I8ö9 f. 
*Ausg. von A. Vedrenes, Paris 1876, mit franz. Uebersetzung und An- 
merkungen f. 

XVII. ScRiBON. Largus, um 43 n. Chr. 

*Scrib. Largi conpositiones, ed. G. Helmreich, Leipzig, Teubner. 1887 t. 

XVIII. *G. Plini secundi naturalis historiae libri XXXVII, rec. J. Sillig, 

Hamburg und Gotha, 1851 — 1858, 8 Bände. 
*C. Plini secundi n. h. 1. XXXVII, rec. . . . L. Janus, post L. Jani obitum 

C. Mayhoff, Leipzig, Teubner 1875 — 189 8. (Noch nicht ganz fertig. 
Doch soll der letzte Band baldigst erscheinen.) 

XIX. *Theodori Prisciani (Ende des 4. Jahrb.) Euporiston libr. HI, ed. a. 
Valent. Rose, Leipzig, Teubner, 1894 f. 

XX. *Plinii secundi quae fertur (una cum Gargihi Martialis) medicina, nunc 

primum edita a Valentino Rose, Leipzig, Teubner, 1875 7. 

XXL Caelii Aureliani (Auf. d. 4. Jahrb. n. Chr.) de morbis acutis et chro- 
nicis 1. Vin. ed. J. C. Amman, Amstelodami 1745. 

XXII. *Cassii Felicis (447 n. Chr.) de medicina 1., nunc primum ed. a 
Valent. Rose, Leipzig, Teubner, 1879 f. Noch Daremberg verwechselt 
ihn mit dem von Celsus gepriesenen Cassius. 

XXIII. *Marcelli (um 400 n.Chr.) de medicamentis liber, ed. G. Helmreich, 
Leipzig, Teubner, 1879 t. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 149 

Wie man sieht, sind die Teubner sehen Ausgaben der römischen Aerzte 
von Rose, der zwei Schriften erst neu entdeclit hat, von IIelmreicii, von Darem- 
BERG , maßgebend geworden. Mochten sich recht bald Teubner'sche Ausgaben 
der griechischen Aerzte anreihen, und das Fehlende von Hippokrates und 
Galen, ferner Paullus und Aetius in kritischen Texten uns bringen. 



Die Optik der alten Griechen i). 

§ 88. Was die alten Griechen auf dem Gebiet der physikalischen 
und physiologischen Optik gewusst und gekonnt haben, vermögen wir 
nicht aus gelegentlichen Aeußerungen ihrer Philosophen, Dichter, Geschicht- 
schreiber, sondern nur aus ihren Schriften über Optik zu erfahren. Leider 
hat uns der Zahn der Zeit von den letzteren nur wenig übrig gelassen, 
aber auch dieses ist bisher noch nicht genügend verwerthet worden. 

Wir besitzen gute Darstellungen der altgriechischen Optik. Aber 
in einigen, wie bei A. Hirsch-), werden nur die Meinungen der Philo- 
sophen 3) erörtert, hingegen der hihalt der optischen Schriften gar nicht 
erwähnt, abgesehen von den physiologischen des Galex. Doch wer wird 
die Optik des 1 8. Jahrhunderts bei Goethe und nicht eher bei Newton 
Studiren ? 

Andre, wie Poggendorff^) und S. Günther^), mussten, bei der ihnen 
auferlegten Kürze der Darstellung, darauf verzichten, uns eine ausführliche 
Erörterung der optischen Schriften zu liefern. Diejenigen endlich, welche 
dies konnten und wollten, J. Priestley^') im vorigen und Wilde') vor der 
Mitte unsres Jahrhunderts, hatten nur unkritische Ausgaben der alten 



-1' Vgl. meine Arbeit in der »Zeitschrift für Psychologie der Sinnesorgane«, 
Band XVI, 1898. 

2 Gesch. der Augenheilk., 1877, § 7 und §20. 

3 Wer für die griechischen Texte sich interessirt, findet eine Zusammen- 
stellung derselben in Schneider, Eclogae physicae, Jena und Leipzig, ISOI S. 359 ff. 
und in Fergel, die physik. Kenntnisse der Alten, IX. Jahresber. d. Gymn. zu 
Mährisch-Neustadt, M. N. 1 896. Vgl. auch Anm. 1 und 2 der folgenden Seite. 

4) Gesch. d. Physik, 1879, S. 18—30. 

5) Abriss d. Gesch. d. Math. und. Naturwiss. i. Alterthum, im Handwörterb. 
d. Alterthumswiss. V, \, 1894, S. 268—271. — Die Abhandl. von II. Magxus, Die 
Kenntniss der Sehstörungen bei den Griechen und Römern Arch. f. 0. 23,3. S.24ff.) 
erwähnt nur gelegentlich die optischen Schriftsteller der Alten, aber gründ- 
lich und kritisch. 

6) The history and present state of discoveries, relating to vision. light 
and colours. London 1774. Das erste Werk dieses Inhalts und darum sehr 
wichtig, trotz zahlreicher Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten, die von dem deut- 
schen Uebersetzer zum großen Theil berichtigt sind. iGesch. d. Optik, v. J. Pr., 
übersetzt von Simon Klügel, Leipzig, 1776., 

7; Gesch. d. Optik von Dr. Emil Wilde, Prof. d. Math, und Physik am Ber- 
linischen Gymn. z. grauen Kloster, Berlin 1838 — 184 3. II Bände. Bei weitem das 
beste Werk über diesen Gegenstand. 



15.0 XXIII. Hirschberg. 

Optiker zu ihrer Verfügung, während der wichtigste, Ptolemaels, dem 
ersteren gar nicht, dem letzteren nur in einem ganz unvollkommenen Aus- 
zug vorlag. 

Heutzutage besitzen wir neue, kritische Ausgaben von allen 
vier hauptsächlichsten griechischen Schriftstellern über Optik, 
die auf unsre Tage gekommen sind, von Euklid, Hero.\, Ptolejiaeus, 
Damianos; wenngleich Heron und Ptolemaeus nur in mittelalterlich-latei- 
nischen Uebersetzungen, der letzte und wichtigste noch dazu verstümmelt 
uns überliefert ist. Da lohnt es sich doch schon, an der Hand der Quellen 
eine neue Darstellung der Optik der Griechen zu versuchen. 

Ueber die Meinungen der altgriechischen Philosophen sollen wenige 
Worte genügen, zumal sie vielfach nicht aus ihren eignen Schriften, sondern 
aus denjenigen andrer Schriftsteller, wie des Aristoteles, oder späterer 
Sammler, wie Plutarch und Diogenes Laertius, geschöpft sind. 

Nach Epikur erfolgt das Sehen durch Ausströmen des Lichts aus den 
Augen. Es ist das die sogenannte Fühl fade ntheorie^). Demokrit nahm 
an, dass vom Gegenstand ähnliche, farbige Bilder sich ablösen und zum 
Auge gelangen. Empedokles und Plato lassen die Strahlen des Gegen- 
standes und des Auges einander begegnen (Synaugie). Das vernünftigste 
war noch die Anschauung des Aristoteles: das Licht ist eine Bewegung, 
die von dem leuchtenden Körper ausgeht und durch durchsichtige Mittel 
hindurch der durchsichtigen Augenfeuchtigkeit sich mittheilt, wodurch die 
Wahrnehmung des leuchtenden Körpers erfolgt'^). 



1) Am bündigsten Aristot. (?j, Problem. III. 10 (II. 872, b. 8): ä-sr, o'];£to; öpäTai 
t6 6p(u[ji.£';ov. »Durch die Betastung des Sehstrahles werden die Gegenstände ge- 
sehen.« — Diese Anschaiumg ist der Aristotelischen gradezu entgegengesetzt. 
Aristoteles konnte diesen Satz nicht schreiben. Die »Probleme« sind nicht 
von Aristoteles. ;Vgl. § ns.) 

2, de sens. 2, S. 438. Z. 3: äXX' eixe aw; tiz äfjp eo-i tö [j.£Ta;'j toO öpojalvoj 
•/,al ToO ofxijLaTOi, 'fj oiä touto'j v.ivtqoi; dcxiv tj TotoÜGa tö öpäv. »Aber sei es Licht, sei 
es Luft, was zwischen dem gesehenen Gegenstand und dem Auge sich befindet, 
die durch dieses Mittel fortschreitende Bewegung ist es, welche das Sehen ver- 
mittelt.« 

de anim. II. 7: S. 419 a, 9: aÜA tö [j.£v ypib[).rj. v.ivei tö of/ccavs;, oTov töv cisoc«. 
Orö TO'JTO'j Ö£ auvsyoü; ö'vto; -/.iv^iTai tö aiaS-rjTfjptov. «Aber die Farbe erregt das 
Durchsichtige, z. B. die Luft, und von dem letzteren, das zusammenhängend ist, wird 
das Sinnes-Organ erregt.« 

de gen. anim. S. TSI , a, 3: cjoev y*P oia'sicjti tö Ki-[ei'^ <j[jd.'i, öjaTiep tivs; cact, 
TW rrjV fj'iitv e^ievoci . . . r\ ar.h töjv öptufAsvcuv -/ivf]a£i öpäv. Ojj-otou; y^P ^"'Ö-'^'at^ t-oX tt,v 
o'iiiv TY] xtvT)<J£t opäv. [j.aXi3T(x [A£v o'jv öpäxo av Td -Qppco&ev, £1 «7:0 T-^; ö''i;£U}; £'j9'jc 
G'JVEyrj; YJv irpö; t6 opwfjisvov otov a'j?.o; . oü "{äp av öieXueto 'f] ziv-rjot; f\ dizb töjv öpaTow. 

»Es ist dasselbe, zu sagen, dass man sehe durch Heraustreten der Sehstrah- 
lung, oder durch eine von den gesehenen Gegenständen kommende Bewegung. 
Denn in gleicher Weise ist es nothwendig, dass die Sehe durch Bewegung sieht. 
Am besten würde man das Ferne sehen, wenn von der Sehe (Pupille; gradlinig 



Geschichte" der Augenheilkunde im Alterthum. 151 

Aber grade diese Theorie hat bis zum Wiedererwachen der Wissen- 
schaften weder bei Aerzten noch bei Optikern irgendwelchen Ein- 
fluss erlangt'). 

§ 89. Somit wollen wir sogleich dem Inhalt der optischen 
Schriften aus der Zeit der alten Griechen näher treten und versuchen, 
daraus gewissermaßen ein photographisches Bild von ihren Kenntnissen 
auf diesem Gebiet uns zu verschaffen. 

I. EucLiDis Opera omnia ed. J. L. Heiberg et H. Menge. Vol. All. 
EucLiDis Optica, Opticorum recensio Theonis, Catoptrica, cum scholiis 
antiquis ed. J. L. Heiberc;, Prof. Dr. phil. Lipsiae, in Aed. B. G. Teubneri. 

MDCCCXCV. 

Eine werthvolle Gabe für den Liebhaber der Geschichte. Ist es nicht 
rührend, das erste, noch jugendliche Stammeln derjenigen Wissenschaft zu 
hören, deren vollkommnere Ausbildung uns mit dem Augenspiegel, dem 
Vergrößerungsglas, dem Fernrohr beschenkt hat? 

Als ich meine ersten Studien machte, galt es für ziemlich ausgemacht, 
dass die unter dem Namen des Euklides uns überlieferten '0--ixa und 
Ka-o-Tpixa so unvollkommen und nachlässig geschrieben seien, dass sie 
unmöglich für echte Schriften des berühmten Vaters der Geometrie'^) ge- 
halten werden könnten. Diese Ansicht hat auch der Verfasser der ersten 
Geschichte der Optik'), Joseph Priestley, nachdrücklich vertreten. Aber, 
obwohl damals das eigentliche Werk des Euklides noch unbekannt gewesen, 
und nur die Ausgabe des Theon gedruckt vorlag, waren doch andre, der 
Optik und des Griechischen mehr kundige Männer für die Echtheit mit 
Wärme eingetreten: so schon der berühmte.!. Kepler^), so unser gelehrter 
Landsmann E. Wilde, Verfasser der zweiten Geschichte der Optik ^). 



und ununterbrochen eine Art von Röhre zu dem Gesehenen hinleitete. Denn dann 
würde die von den gesehenen Gegenständen ausgehende Bewegung nicht zerstreut 
werden.« 

■I, IssiGOKEs aus Smyrna hat sorgsam und liebevoll die Theorie des 
Sehens bei Aristoteles behandelt. (Basel 1880, Dissert. 

2 Er lebte um 300 v. Chr. zu Alexandria in Aegypten am Hofe des Ptole- 
MAEUs Lach. Nach unsren heutigen Begriffen wird der Grieche von den Barbaren 
'Aegyptern) viel gelernt haben, ehe er es unternehmen konnte, die Welt mit den 
Anfangsgründen der Geometrie zu beschenken und die Grundsteine zu einer neuen 
Wissenschaft, der Optik, zu legen. Uebrigens sollen schon vor ihm Schriften 
über Optik verfasst worden sein. z. B. eine Aktinographia von Demokritos 'geb. 
4 60 V. Chr.); doch ist uns gar nichts davon erhalten. 

3) Deutsch von G. S. Klügel. Leipzig 1777. S. 7. — Aehnlich Poggendorff 
(Gesch. d. Physik S. 23; und die neueren Encyclopädien. 

4) Euclidis Catoptrica voi)£'j£w arguis, meo judico perperam. (Epistel, ad J. 
Keplerum, von Ha:^sch. Epist. CLII.) — voDeucu. fälschen. 

5) Gesch. d. Optik von Dr. E. Wilde. Prof. d. Math. u. Physik, I, Berlin 1838. 
Vgl. auch Christ, Geschichte der griechischen Literatur. München 1890, S. 719. 
Günther, G. d. Naturwiss. im Alterthum. München 1894, S. 269. 



152 XXIIl. Hirschberg, 

Heutzutage besitzen wir nun auch die echte Schrift des Euklid über 
Optik, welche J. L. Heiberg aus Kopenhagen zuerst aus einer Wiener 
Handschrift 1882 herausgegeben und in dem Bande, der hier besprochen 
wird, wieder abgedruckt hat; zusammen mit der von Theon (gegen Ende 
des 4. Jahrh. n. Chr., zu Alexandrien) besorgten Ausgabe desselben 
Werkes, die seit dem Wiedererwachen der Wissenschaften allein bekannt 
gewesen; und mit einer lateinischen Uebersetzung des erstgenannten Textes 
aus dem Mittelalter, des letztgenannten aus der Renaissance-Zeit; endlich 
mit der Katoptrik, die nach Heiberg wegen sachlicher hTthümer und 
wegen der Sprache dem Theox zuzuschreiben ist; und mit alten (griechi- 
schen) Schollen zu den genannten Schriften. 

Der griechische Text ist verständlicher, als die lateinische Ueber- 
setzung; einmal weil die griechische Sprache zu solchen Erörterungen ge- 
eigneter ist, sodann weil der Verfasser des Griechischen seine Sprache 
besser beherrschte. 

§ 90. Euklid beginnt mit Begriffserklärungen (opoi), die er als Er- 
fahrungssätze hinstellt : 

1. 'YTTOxsiailo) Tac Ätto tou o|j.- Wir niiissen annehmen, dass die 
[xoLTOc o'\)Bic, xar zubeiac, YpaixfjLa? vom Auge ausgehenden Sehstrahlen 
cpspso&ai oidtoTTjtxa rt TToiouoa? a~' fortziehen in graden Linien, die ge- 
dXXTjXtüv^j. wisse Zwischenräume zwischen sich 

lassen. 

2. Kai tÖ [X£v utto tu)V o«|^£ü)v Die von den Sehstrahlen gebildete 
7:£p',e5^d[jL£vov <3yr^\ia. slvat >ta)Vov ty]v Figur ist ein Kegel, dessen Spitze am 
y.opucpr|V [x£V dyowxa. irpcn; xoi o[X[xaTi, Auge liegt, die Grundfläche aber auf 
TTjV 0£ ßaoiv Tipo? ToTc Tiipc/ai Tav den Grenzen der sichtbaren Gegen- 
bp«)[xeva)V. stände. 

3. Kai opaoüai fisv TctuTct, Tupoc Wir sehen nur das, worauf Seh- 
et av ai otjj£i? irpoa-iirTüjaiv, p./] opaa- strahlen fallen; wir sehen aber das 
öai o£, TTpOs oc av u-r^ izpooniTzxvi^iv nicht, worauf keine Sehstrahlen fallen. 
ai o^£ic. 

Was unter höheren Sehstrahlen gesehen wird, erscheint höher; was 
unter tieferen, tiefer; was unter rechtsseitigeren, mehr rechts; was unter 
linksseitigeren, mehr links. — 



ij Ich kann nicht umhin, hier die Lesart der TnEON'schen Bearbeitung vor- 
zuziehen, der ursprünglichen ota3-r](i.a [j.£y£&üjv p-e^aXtuv, d. h. bis in unendliche 
Ferne, die Heiberg selber für verdorben hält (1. c. S. XXIX). Denn, dass die Seh- 
strahlen Zwischenräume zwischen sich lassen, wird in der dritten Erklärung 
nothwendig gefordert, muss also in der ersten gesetzt sein. Außerdem steht im 
ersten Lehrsatz des Euklid (S. 4) i-Kd £v oia!:xTjfj.aTt cpspovrat a[ TrpoaTTiTrxouaai o'bzic, 
was nicht so angeführt werden konnte, wenn es nicht schon in den Erklärungen 
stände. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 



153 



§ 91. Wenn der Grieche annimmt, dass die einzelnen Sehstrahlen in 
dem kegelförmigen Bündel Zwischenräume zwischen sich lassen und 
nicht ununterbrochen (ou auvzyzlc) den Raum des Kegels ausfüllen, so 
ist das derselbe Gedanke, wie wenn wir heute sagen, das Netzhautbild ist 
musivisch und besteht aus einzelnen Punkten, die den lichtauffangenden 
Endorganen (Zapfen und Stäbchen) entsprechen: das musivisch zusammen- 
gesetzte Auge der Insekten würde allerdings noch eher den Gedanken des 
Griechen, der von Lichtbrechung nichts versteht, ausdrücken, als das 
dioptrisch gebaute Auge der Wirbelthiere. Nur wenn man dies erwägt, 
wird man verstehen, wie Euklid das Vorhandensein eines kleinsten 
Unterscheidungswinkels oder vielmehr eines Minimum visibile (eines 
physiologischen Netzhautpunktes nach Aubert) zu beweisen unternimmt. 
Es lautet nämlich der dritte Lehrsatz folgendermaßen: 






OU/cTt 0P7.T7.1. 




eoTo) Y«p ofi-jxa 
[XSV TÖ B, 6pa>[X£- 
vov Be to FA. 

Cp 711x1 0-^, ort TO 
rÄ Iv TlVl ttTTO- 

aTTjfxaxt Ysvo'fxsvov 

O'JXSTl OpaOT|a£T(Xt. 



•(Z'(zvrpb(ii "(ap TO TA ev toj \iz- 
Ta;u oiaaTVjjxaTL Tuiv o'^scuv ecp' ou to 

K. OUXOUV Tipo; TO K OUOEflia Tüiv 

y.-o Tou B o'|i£tov TTpoaKoOsTTai x. t. A. 



Für jeden sichtbaren Gegenstand 
giebt es eine gewisse Entfernung vom 
Auge, in welcher er aufhört, sichtbar 
zu sein. 

B (Fig. i ) sei das Auge, F^f der 
sichtbare Gegenstand. Ich behaupte 
nun , dass Fz/ in einem bestimmten 
Abstände vom Auge nicht mehr sicht- 
bar bleibt. 



^lan bringe i'-7 in den ZAvischen- 
raunj der [zwei benachbarteni Seh- 
strahlen, wo K liegt: dann wird kein 
von B ausfahrender Strahl auf K 
treffen u. s. w. 



Hiermit in Uebereinstimmung erldärt Euklid, dass von zwei gleichen 
und gleichlaufenden Längen die nähere genauer erscheint, da sie unter mehr 
Sehstrahlen (utto TTÄsidviuv o'];£(ov) oder unter mehr kleinsten Winkeln 
(uTTo 'irXEidvwv Yovt^^v) gesehen wird. 

[Beiläufig sei erwähnt, dass in einer freien lateinischen Uebersetzung 
von Euklid's Optik (die Handschrift ist aus dem Jahre 1359 n. Chr.) 
Folgendes steht: Sit igitur dbg. mini mus angulus determinatus visui.] 

Es sei hier gleich angeführt, dass die Messung des kleinsten Gesichts- 
winkels, den Euklid unzweifelhaft zuerst betrachtet hat, erst 2000 Jahre 
später (durch Hooke 1674 n. Chr.) ausgeführt wurde, als dies durch die 
Erfindung des Fernrohrs nothwendiff geworden')- 



■I) Vgl. J. Hirschberg, Historical notice on the smallest Visual angle, Oph- 
thalmie Hospital Reports, London 1879. 



154 XXIII. Hirschberg, 

In Ueberoinstimmung mit Euklid's Vorstellungen von den gelrennten 
Sehstrahlen steht auch der Satz, den er als ersten an die Spitze der Er- 
örterung gestellt hat: 

Kein sichtbarer Gegenstand wird gleichzeitig ganz gesehen. Es 
bleiben eben Lücken, auf welche Sehstrahlen nicht auffeilen. Wir glauben 
aber das Ganze gleichzeitig zu sehen, da die Sehstrahlen rasch zur Seite 
bewegt werden '). Offenbar liegt diesem Satz die Ungenauigkeit des ex- 
centrischen Sehens und ihre Ausgleichung durch Seitwärtsbewegung der 
Blickachse zu Grunde ^j. 

Das Weitere enthält solche Sätze, wie die folgenden: 

Von gleichen Grüßen erscheint diejenige grüßer, die dem Auge näher 
ist. Gleiche Grüßen, die vom Auge ungleich entfernt sind, erscheinen nicht 
ihren Entfernungen proportional. Von Ebenen, die unter dem Auge liegen, 
erscheinen die ferneren Theile hüher. Die Aufgabe, eine Hübe zu messen, 
wird in doppelter Weise gelüst: 1. mit Hilfe des Schattens, 2. mit Hilfe 
eines ebenen Spiegels. Es wird untersucht, wie viel das Auge von einer 
Kugel, einem Cylinder, einem Kegel überschaut; wie bei gleichfürmiger 
Bewegung nähere und fernere Gegenstände sich gegeneinander verschieben, 
u. a. m. 

Kurz, es werden die Hauptaufgaben der sogenannten Linear-Perspek- 
tive abgehandelt. Euklid's Buch enthält die Orthoptik, aber nichts von 
Katoptrik oder Dioptrik. Obwohl vom Fixationspunkt mehrfach die Rede 
ist, wird er nicht ausdrücklich erwähnt, auch die Grüße des Gesichtsfeldes 
nicht besprochen. Doch erläutert Theon die Lehre vom Fixirpunkt durch 
das Beispiel der am Boden liegenden Nadel und erwähnt auch (nach 
Euklid's Vorlesungen), dass gleichzeitig immer nur einige Buchstaben einer 
Seite erkannt werden, worauf im vorigen Jahrhundert Euler (in seinen 
Briefen an eine Prinzessin) wieder zurückgekommen ist. 

§ 92. An vielen Stellen ist der neugefundene Text wesentlich ver- 
ständlicher. Man könnte sich wundern, dass diese griechischen Optiker 
nicht nachdrücklicher gegen die Annahmen der Philosophen über die vom 
Auge ausgehenden Sehstrahlen aufgetreten sind. 

Nun, Euklid selber macht uns gar keine Bekenntnisse über seine 
philosophischen Glaubenssätze. Er behandelt die Sehstrahlen als geome- 
trische Linien zwischen Pupille und Lichtpunkt. Die Richtung dieser 
graden Linien (ob vom oder zum Auge) ist ihm und kann ihm für seine 



ij Wilde's Uebersetzung, »wegen der Schnelligkeit, mit welcher die Licht- 
strahlen sich bewegen«, ist ungenau. 

2j Ptolemaeus, fast 500 Jahre später, bekämpft Euklid's Ansicht von den 
Zwischenräumen zwischen den Sehstrahlen und kommt der Wahrheit näher. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 155 

Konstruktionen gleichgiltig sein. Ucbrigens wussten die griechischen Optiker 
ganz gut, dass von dem leuchtenden Körper Strahlen ins Auge dringen; sie 
meinten aber, dass zur Wahrnehmung noch eine Thätigkeit des Auges 
(oder des Gehirns) hinzukommen müsse. So heißt es in der erläuternden 
Vorlesung des Theon (S. 146): »'Evap^ou; o5v ovto; tou, oxt Tiav cpui? xat 
EuilsTav Ypa[jL[xrjV '^spsrai, xal Taat. TrpoorjXoo [jtsTaßaivsiv zlc, tyjv o<^a 
Ti^iou . . . »Da es eine Thatsache ist, dass jedes Licht gradlinig sich aus- 
breitet, so stellte er es als Axiom auf, dass dasselbe in die Pupille ein- 
dringe (und dass auch die aus dieser ergossenen Strahlen gradlinig und in 
Zwischenräumen sich ausbreiten).« 

Wir werden ja sogleich sehen, dass, wenn wir die Sehstrahlen der 
Griechen sowie unsre Projektionslinien behandeln, die griechische Kon- 
struktion mit der unsrigen genügend übereinstimmt. 

Allerdings sucht Theon zu beweisen, dass der Sehakt in einem Aus- 
fluss von Sehstrahlen aus dem Auge bestehe, da dem letzteren ein solcher 
Hohlraum zur Aufnahme, wie ihn das Ohr besitze, abgehe. 

Die der Optik des Euklid angehängte Katoptrik entwickelt die Haupt- 
sätze von der Zurückwerfung des Lichts, von dem Ort und der Stellung 
der Bilder ebener wie gekrümmter Spiegel. (Wir brauchen diese Sätze 
nicht auszuführen, da sie zeitlich nach Ptolemaeus, wohl von Theon, ver- 
fasst sind und wir ja sogleich in des ersteren Werk dieselben Sätze be- 
sprechen werden').) Dass in dieser Katoptrik der Verfasser dem Brenn- 
punkt der Hohlspiegel nicht die richtige Lage gegel^en, wird derjenige 
verzeihen, der berücksichtigt, wie selbst ein Kepler hierin noch irrte, und 
anerkennt, wie schwer es war, die ersten Bausteine der Optik zu 
begründen. 

§ 93. 2. Ptolemaei über de speculis, das in einer lateinischen, 
aus dem griechischen Text, 1269 (wahrscheinlich von Wilhelm von Moer- 
begk) angefertigten Uebersetzung auf uns gekommen, 1518 zu Venedig ge- 
druckt und durch V. Rose's kritische Ausgabe (Anecdota graeca et graeco- 
latina, H. 31 7 ff., 1870) uns erst bequem zugänglich gemacht ist, scheint 
nach der Ansicht von Venturi, Martin, V. Rose selber u. A. von dem 
Mechaniker Heron aus Alexandrien verfasst zu sein, der im 2. Jahrh. 
V. Chr. unter Ptolemaeus Evergetes gelebt hat. Dem Charakter des Ver- 
fassers entsprechend, enthält es hauptsächlich einige Winke zur Anfertigung 
von Vervielfältigungs-, Neck- und sogenannten Zauber-Spiegeln; aber doch 
auch einen theoretisch wichtigen Satz, den schon das Alterthum dem 



1) Ich möchte bemerken, dass Wu.de in den Grundsätzen der Katoptrik toj 
To-o'j -/.aTaXrjCc&sv-o; irrig übersetzt »vom Auge eingenommen wird« ; es heißt »wenn 
der Ort zugedeckt wird«. 



156 XXIII. Hirschberg, 

Heron zugeschrieben'), und den die Neuzeit-) fruchtbringend für die Dar- 
stellung der Spiegelung und Brechung verwerthet hat. 

Dieser Satz lautet (a. a. 0. S. 320, Z. ?OfT.): quoniam autem et refrac- 
tiones faciant in angulis equalibus in speculis planis et circularibus, per 
eadem demonstrabimus, celeritate enim incidentie et refractionis. necessa- 
rium est enim rursum per ipsas minimas reetas conari. dico igitur, quod 
omnium incidentium et refractorum in idem radiorum niinimi sunt, qui se- 
cundum equales angulos in speculis planis et circularibus, si autem hoc, 
rationabiliter in angulis equalibus refringuntur. 

Der Gedankengang des Verfassers ist der folgende: Alles, was mit 
großer und ununterbrochener Geschwindigkeit sich fortbewegt, thut es in 
grader Linie. So die Sehstrahlen. Wegen der Augenblicklichkeit des Ein- 
falls und der Rückstrahlung müssen sie den kürzesten Weg wählen. Von 
allen auf dieselbe Fläche einfallenden und zurückgeworfenen Stralilen 
(zwischen Auge und Gegenstand) sind die kürzesten die, welche unter 
gleichen Winkeln zurückgeworfen werden, 

§ 94. 3. Die Lichtbrechung ist in den echten Schriften des 
EuKLiDES, Avelche wir besitzen, nicht abgehandelt; in den Vorbemerkungen 
zu der unechten Katoptrik findet sich zum Schluss ein weiter nicht er- 
örtertes Einschiebsel: »Wenn ein Gegenstand in ein Geiäß geworfen und 
soweit abgerückt wird, bis man ihn nicht mehr sieht, so wird er bei der- 
selben Entfernung, wenn Wasser eingegossen wird, sichtbar werden.« Nun 
die Thatsache der Lichtbrechung konnte natürlich auch den älteren 
Griechen nicht verborgen bleiben. Aber ihre Erklärung gelang ihnen 
nicht. Vergeblich fragt Aristoteles, warum ein in Wasser getauchter 
Stab uns gebrochen erscheine. Darum darf man die Erwähnung des 
Brennglases bei Aristophanes ^) (444 — 388 v. Chr.) nicht als ein Zeichen 
von Kenntnis der Lichtbrechung auffassen. Denn die Griechen wussten 
nicht, dass diese Brennwirkung auf Lichtbrechung beruhe. 

Die erste wissenschaftliche Erwähnung der Lichtbrechung finden 
wir bei dem Astronomen Cleomedes (im 1 . Jahrh. n. Chr.), der hauptsäch- 
lich die Schriften des Posidoniüs (aus dem 1. Jahrh. v. Chr.) benutzte. Es 
heißt in des ersteren Werk xuy.Xiy.% OsopioK; ixeTstuptov ßtpXia ouo, welches 
uns heutzutage in der trefflichen Ausgabe von Ziegler (Leipzig, Teubner 
1891) vorliegt, II, c. 6, S. 224: 

»Es könnte der von den Augen ausgehende Sehstrahl, auf dunstige 



1) Damian's Optik § 14. Ausgabe von R. Schöbe, Berlin 1897. S. 20.] 

2) Fermat (1601 — 1665; Und Heljiholtz, Physiol. Optik, erste Aufl., S. 238, 
-1867, und Wissensch. Abb. II, 147 — 182. Leipzig 1883. 

3) Wolken. V, 766 ff. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 



157 



und feuchte Luft treffend , herabgeknickt (xaxaxXaoi)«'.] werden und die 
Sonne treffen, wenn sie schon unter dem Horizont verborgen ist. Eine 
ähnliche Thatsache kann auch in unsrer Nähe beobachtet werden.« — 
Und nun folgt der Versuch mit dem Ring im Gefäß, der erst durch Ein- 
gießen von Wasser sichtbar gemacht wird. 

Ich kann mich denen nicht anschließen, welche hierin eine wissen- 
schaftliche Behandlung der Lichtbrechung erblicken; oder gar irrthümlich 
den Fund des Ptolemaeus dem Gleomedes zuschreiben: möchte aber zwei 
Worte über die griechischen Kunstaus- 
drücke beifügen^). 

Der Grieche stellte sich vor, dass vom 
Auge (fl) der Sehstrahl (ab) (o'];tc) ausgeht 
und, wenn er auf die spiegelnde Wasser- 
fläche (e/) fällt, entweder nach bc zurück- 
geworfen, oder nach bd gebrochen wird. 

Die Zurückstrahlung hieß av7xX7.-ic, 
d. h. Emporknickung. Die Brechung hieß 
zuerst (bei Gleomedes, im I. Jahrh. n. Ghr.) 
xaTaxÄaoi?, d. h. Herabknickung '■^) ; später 
(bei Damian) oiaxAaotc, d.h. Durchknickung 3). 




Fiff. 2. 



§ 95. 4. Brauchbare Messungen über die Lichtbrechung hat 
zuerst Ptolemaeus^) geliefert. Seit kurzem besitzen wir sein lange als ver- 
loren betrauertes Werk-''), zwar nur in einer lateinischen Uebersetzung aus 
der arabischen, aber diesen Text doch in guter, kritischer Ausgabe: 
L'ottica di Glaudio Tolemeo, da Eugenio Ammiraglio di Sicilia, scittore del 



I, Sogar ein Lessiag hat in den antiquar. Briefen einen h'rtlium begangen. 
Vgl. meine Anmerkung im Philologus, Apr. — Juni 1898. 

2) Allerdings lesen wir schon in den sogen. Problemen des Aristoteles 
(Ausg. d. Berl. Akad. II, S. 901, 23): -i^ oxt (cpwvfj;) ävd7iXaat; diTtv, dikV oü yciTaxXaai;: 
Im Thesaiu'us ling. Graec. fehlt -/.aTa-/Xaat; nach Gleomedes und oiaxXaai; nach 
Damian. 

3) Vgl. Damian's Optik, Ausg. v. R. Schöne, S. 2: ort xd öpwiAsva fjoi x^x-z' 
t&'jcpävE'.av (in gradliniger Erscheinung) öpäf/i tj v.c(Td ävdxXaatv tj -/aTa otd-/.).aa'.v tt,; 
ö''L£(m; ttj; ^iixsTspa;. Auch wurde der iSucpavsta (Grad-Schein' die ävTtcfd^^eia (Gegen- 
schein) und die oiaoavsta (Durch-Schein' entgegengestellt. Die Biegsamkeit des 
Griechischen tritt klar zu Tage. Im Lateinischen wimmelt es von Ungenauig- 
keiten in der Sprache der Optik. 

4) Er lebte um läO n. Chr. zu Alexandrien. Sein Welt-System hat bis zur 
Neuzeit die unbestrittene Herrschaft behauptet. Sein Hauptwerk ist yU-ia/.r^ auvTa- 
lu, constructio mathematica, (in der 827 n. Chr. veranstalteten arabischen Ueber- 
setzung Tabrir al magesti. 

5) Die Geschichte der Trauer kann man bei Wilde I. ,11 IT., die des freudigen 
Wiederfindens in der Vorrede der Ausgabe von Govi nachlesen. 



158 



XXIII. Hirschberg, 



See. XII, ridutta in latinoi), sovra la traduzione araba di un testo greeo 
imperfetto, opere per la prima volta . . . pubblicata da Gilberto Govi, 
Torino 1885. (169 Seiten, 98 Figuren). 

Auch Ptolemaeüs lässt das Sehen sich vollziehen durch Sehstrahlen, 
die vom Auge ausgehen und die Punkte des Gegenstandes treffen. Doch 
kannte er (mit Euklid und den andren Optikern) auch die von den leuch- 
tenden Körpern ausgehenden Strahlen und ließ beide nach denselben 
Gesetzen zurückstrahlen und sich brechen. 

Die Brechungswinkel, die er gemessen, sind nicht ganz genau, 
kommen aber der Wahrheit schon nahe. 



A. Uebergang des Lichts aus Luft in Wasser. 



Einfalls- 
winkel. 


Brechungswinkel, 

von Ptolem. 

gemessen. 


Brechungswinkel 
berechnet, 
n = 1,3335. 


0° 


0° 


0° 




10° 


8° 


7° 


29' 


20° 


15° 30' 


14° 


51' 


30° 


22° 30' 


2-2° 


1' 


40° 


29° 


28° 


49' 


äO° 


33° 


33° 


3' 


60° 


40° 30' 


40° 


30' 


70° 


45° 30' 


44° 


48' 


80° 


50° 


47° 


36' 


(90°) 




48° 


34'. 



1) Die Sprache ist schrecklich, schwer verständlich und wegen des arabischen 
Originals überaus schleppend. Das Lesen des Werks ist eine wirkhche Qual, trotz 
des merkwürdigea Inhalts. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 



159 



B. Uebergang des Lichts aus Luft in Glas. 



Einfalls- ' 


Brechungswinkel. 


Brechungswinkel 


Winkel. 


von P 


TOLEM. 


bereciinet, 




gemessen. 


« = 1,3289. 


0° 


0° 




0° 


10° 


7° 




6° 31 ' 


20° 


■13° 


30' 


12° 36' 


30° 


19° 


30' 


19° 5' 


40° 


25° 




24° 51' 


30° 


30° 




30° 4' 


fiO° 


340 


30' 


34° 30' 


70° 


38° 


30' 


37° 35' 


80° 


42° 




40° 3' 


(90°) 






41 ' 48° 



Im ersten Buch des Werkes, das nicht erhalten ist, war, wie im 
Anfange des zweiten erläutert wird, von der Aehnlichkeit und dem Unter- 
schied zwischen dem Sehen und dem Licht die Rede, also wohl von der 
Theorie des Sehens, die uns leider verloren gegangen ist. 

Im zweiten Buch heißt es, das Sehen erkennt den Körper, seine 
Grüße, Farbe, Gestalt, Lage, Ruhe oder Bewegung. Was gesehen wird, 
muss leuchtend sein und körperhaft (spissaj. Tastgefühl und Sehen sind 
ähnlich, aber die Farbe dem letzteren eigenthümlich. Ein Gegenstand 
scheint uns an einem andren Ort, wenn wir ihn mit einem Auge ansehen, 
als wenn mit beiden. Das Sehen mit zwei Augen dient dazu, dass wir 
besser ftxiren, und dass unser Blick geordnet und begrenzt sei '). 

Wenn wir einen Gegenstand a beachten und mit beiden Augen einen 
merklich näheren oder ferneren b fixiren, so erscheint a doppelt, und eines 
von den beiden Bildern verschwindet, wenn wir eines der beiden Augen 
verdecken: imd zwar verschwindet das Bild auf der Seite des geschlossenen 
Auges, wenn wir einen näheren Punkt üxirten ; dagegen das Bild auf der 
andren Seite, wenn wir einen ferneren Punkt fixirten. Ein schwarzer und 
ein weißer Cylinder werden zum Versuch benutzt und die Erklärung ganz 
richtig gegeben 2j. 



1) natura ideo posuit visum duplicem, ut magis aspiciamus. utque sit visus 
noster ordinatus et terminatus. Das erinnert sehr an die Horopter-Linie des 
Aguilonius. (Optic. I. VI, Antwerpen 1G13, S. 110': Haec visum finit ac terminal. 

2) Galen irrte in ähnlichen Versuchen. 



160 XXIII. Hirschberg. 

^N'enn wir, parallel zur Basallinie'), grade vor dem rechten Auge den 
weißen Cylinder senkrecht aufstellen und vor dem linken den schwarzen, 
so erscheint durch die gekreuzten Strahlen ein dritter Cylinder in der 
Mitte, dessen Farhe aus den beiden zusammengesetzt ist 2). 

Ueberhaupt wird ganz richtig angegeben, dass alle diejenigen Punkte 
beim Sehen mit zwei Augen einfach gesehen werden, zu denen von beiden 
Sehpyramiden symmetrisch, z. B. unter gleichen Winkeln nach rechts von 
den Achsen belegene Sehstrahlen hinziehen. Hier (und nicht bei Galex) 
ist eine Andeutung von Jon. Müller's Lehre von den identischen Punkten 
gegeben. 

Bei den Seitenbewegungen der beiden Augen können wir willkürlich 
bis zu einem gewissen Grade die Achse der einen Sehpyramide ablenken, 
bis beide auf dem fixirten Punkte sich treffen (d. h. Doppeltsehen vielfach 
vermeiden). Aber nach oben und unten drehen sich beide Achsen immer 
nur gemeinschaftlich. Die scheinbare Größe des gesehenen Gegenstandes 
hängt ab vom Sehwinkel in der Spitze der Sehpyramide. Mit Schärfe 
wendet sich P. gegen die (oben in 4 , nach Euklid, vorgetragene) Ansicht, 
dass die Sehstrahlen von einander getrennt seien, und darum Ideine 
Gegenstände in einer gewissen Entfernung aufhörten, sichtbar zu sein. Die 
Sehstrahlung ist zusammenhängend und nicht getrennt, sonst müsste der 
ferne Gegenstand durchlöchert erscheinen. 

§ 96. Von den Sinnestäuschungen sind erst solche zu erwähnen, die 
mehreren Sinnen gemeinsam sind und auf ein mehr oder minder oder auf 
einen Vergleich zwischen zwei Größen sich beziehen. 

Die Eigenfarbe des Mondes erkennen wir erst bei der Verfinsterung. Wird 
eine Scheibe mit verschiedenfarbigen Sektoren rasch gedreht, so erscheint uns 
nur eine Mischfarbe >*) ; und ein Punkt auf der Scheibe, seitl'ch von der Achse, 
erscheint als Kreislinie. Ebenso erscheinen Sternschnuppen a Lichtlinien wegen 
der Schnelligkeit der Bewegung. ' 

Täuschungen entstehen auch, nicht vom Sehakt sondern vom Urtheil aus. 

Entfernte Gegenstände, die sich bewegen, scheinen still zu stehen. Sehr 
ferne Gegenstände, am Himmel, scheinen, wenn wir uns bewegen, mit uns sich 
zu bewegen. 

Von gleicli schnell bewegten Körpern scheinen die näheren schneller sich 
zu bewegen. 



1 Das Wort gebraucht Ptolemaeus nicht, aber den Begriff: die Linie, 
welche die Spitzen der Selipyramiden vereinigt. Ft. spricht von Seh-Pyramiden, 
nicht von Sehstrahlen-Kegeln. 

2; Diese Art der stereoskopischen Verschmelzung zweier Bilder ohne 
stereoskopischen Apparat ist in Helmholtz' Physiol. Optik II. Aufl. S. 784) be- 
schrieben. Aber dass Ptolemaeus schon derartige Versuche gemacht, scheint 
man bisher noch nicht beachtet zu haben. 

3; i^pparent enim omnes colores per totum trocum in eodem tempore quasi 
unus et quod sit similis coloris qui vere fieret ex commixtis coloribus. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 161 

Dann giebt es Täuschungen aus dem Sehalct selber, z. B. über die Farbe 
eines Gegenstandes, durch die Wirkung eines andren Gegenstandes. Haben wir 
lange auf eine leuchtende Farbe geblickt, und bhcken dann auf einen andren 
Gegenstand; so scheint dieser etwas A'on der erst angeschauten Farbe zu be- 
sitzen, weil der Eindruck glänzender Farben lange im Sehorgan verharrt. Dies 
Nachbild rechnet P. zur coloratio praecedens. 

Eben dazu rechnet er die Rothfärbung eines Gegenstandes, der durch einen 
dünnen, rothen Schleier hindurch betrachtet wird. Endlich die Färbung eines 
in einem gefärbten Spiegel betrachteten Gegenstandes. 

Wenn die untergehende Sonne über leicht bewegtem Wasser steht, so er- 
scheint darin ein langer Lichtstreif, und jedem Beobachter, von seinem ver- 
schiedenen Standpunkt aus, ein verschiedener. 

Nach der Zurückwerfung und nach der Brechung erscheint uns der Gegen- 
stand in der Richtung des letzten Strahles zum Auge hin belegen zu sein. 

Ferner sollen ragende Inseln vom Meere aus niedriger erscheinen, weil die 
in das Meer fallenden Strahlen nach oben zurückgeworfen werden. Ich weiß 
nicht, ob hier vom Spiegelbild der Insel die Rede ist, oder vielmelii* von der 
scheinbaren Erhebung ferner Inseln über den Wasserspiegel ') ; denn über die 
Kugelgestalt der Erde und ihre Wirkung konnte ein Ptolemaeu.s doch einer 
Täuschung sich nicht hingeben. 

Ebenso kann durch Zurückstrahlung derselbe Gegenstand an mehreren 
Orten erscheinen, wie bei den concaven oder den Winkel-Spiegeln. Das ein- 
getauchte Ruder erscheint gebrochen, der eingetauchte Theil der brechenden 
Fläche angenähert. 

Alle diese Täuschungen entstehen, wenn der Sehakt von den gewöhnlichen 
Bedingungen abweicht. 

Ein beständiges Hin- und Herdrehen des Sehstrahls erzeugt eine Empfin- 
dung, als ob der gesehene Gegenstand gedreht würde : aber dies entsteht wahr- 
scheinlich im Hauptorgan des Sehens (in principio visus), z. B. beim Schwindel, 
der zum Auge emporsteigt. Wenn die (ruhig gelialtene) Sehstrahlung schnell 
auf immer andre Gegenstände fällt, so scheint sie selber bewegt zu werden. 
So ist es bei bewegtem Wasser. Sie scheint bewegt zu werden, weil mit 
der Bewegung c'er Wasseroberfläche ihr immer wechselnde Orte angewiesen 
werden 2]. ; 

Was di' .äuschungen hinsichtlich der Lage anlangt, so scheinen die 
glänzenden Gegenstände näher zu sein, und umgekehrt. Sonne und Mond 
scheinen näher. Die Landschaftsmaler geben den entfernten Gegenständen un- 
bestimmte Luftfarben (colores aereos latentes) ^j. Darum unterschätzen wir auf 
hohen Bergen die Entfernungen 4). 

Ebenso täuschen wir uns über die Größe. 

Von Dingen, die gleiche Winkel umspannen und gleich weit entfernt sind, 
erscheint uns dasjenige größer, das mindere Farbe besitzt. 



1, Müller. Kosm. Physik, III. Aufl. S. 396. — Ich habe die Erscheinung recht 
häufig im Süden, z. B. im rothen Meer, beobachtet. Ursache ist Brechung des 
Lichts; Bedingung, dass unmittelbar über dem Wasser eine dichtere, kühlere Luft- 
schicht steht. — Vielleicht ist hier der Text verdorben. 

2 Es ist der scheinbare Schwindel gemeint, den der auf einen Wasserfall 
oder Strudel Starrende empfindet. 

3) Luftperspektive. Helmuoltz. Physiol. Opt. II. Aufl. S. 774. 

4) Helmholtz. ebendaselbst. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIll. Kap. H 



162 XXIII. Hirschberg, 

Es giebt auch eine iihnUche Täuschung über die Gestalt der Dinge, wenn 
man die Art ilii-er Oberfläche nicht unmittelbar zu erkennen vermag. Wegen 
der Ai't der aufliegenden Farben erscheinen die Oberflächen bald erhaben, bald 
ausgehöhlt. Der ^laler legt helle Fai"be auf den Theil, den er als hervorragend 
angesehen wissen will. Ein concaves Segel erscheint uns aus der Ferne convex, 
wenn die Mitte leuchtet, der Rand dunkler bleibt, weil so ein convexer Gegen- 
stand erscheinen würde. Wenn wir ein Glas (-Prisma), das auf der einen 
ebenen Endfläche ausgravirt ist, von der andren, nicht bearbeiteten her be- 
trachten; so erscheint uns diese Oberfläche nicht eben: sondern erhaben er- 
scheint uns, was über der Aushölilung der andren Fläche liegt, und ausgehöhlt, 
was über der Erhabenheit liegt']. 

Aehnliches ereignet sich bei Bewegungen. Dinge, die nicht schnell sich 
bewegen, aber schnell aus unsrem Blick verschwinden, scheinen eine schnelle 
Bewegung zu besitzen, wie erlöschende Feuerfunken, und bewegte Dinge, die 
wir durch enge Löcher erblicken. Dinge, welche die ganze Sehpvramide in 
kurzer Zeit durchlaufen, scheinen uns eben schnell bewegt zu sein. 

Und hinwiedermii, wer vom verankerten Schiff auf die Ebene des ruhig 
aber rasch dahinströmenden Flusses blickt, glaubt, dass dieser still steht, und 
das Schiff rasch in entgegengesetzter Richtung sich bewege (ascendere), da er 
wegen der Gleichheit der Theile der Wasseroberfläche deren Bewegung nicht 
wahrnimmt. Visirt er aber von einem Schiffstheil auf das Land, so erkennt 
er, dass das Schiff still steht und das Wasser fließt. Fahren wir in der Durücel- 
heit zu Schiff an der Küste entlang, so scheint es uns, dass die Bäume am 
Lande sich bewegen. 

hn Spiegelbild ist rechts mit links vertauscht; wenn wir die rechte Hand 
bewegen, zeigt das Auge die grade gegenüberliegende Hand des Bildes bewegt, 
die Vorstellung aber die linke des gespiegelten Bildes. Da die untere Luftschicht 
dicker ist, glauben wir einen Himmel zu sehen. Von einem tiefen Brunnen'^) 
aus erblicken wir die Sterne, da wir den erheUten Raum darum nicht sehen. 
Aber, wenn wir uns beim Tageslicht im Freien befinden, sehen wir die Sterne 
nicht, weil das Licht, das zwischen ihnen und dem Auge sich befindet, sie 
auslöscht. 

§ 97. Das dritte Buch handelt von der Spiegelung. 

Drei Grundgesetze werden angeführt: 

1. Der gespiegelte Punkt erscheint in Richtung des Sehstrahls, der 
nach der Spiegelung zwischen Spiegel und Pupille liegt -^j. 2. Der ge- 
spiegelte Punkt erscheint in der von ihm auf die Spiegelfläche gefällten und 
verlängerten Lothlinie. 3. Der Strahl vom Lichtpunkt zum Spiegelpunkt 
und der vom Spiegelpunkt zur Pupille schließen mit der Lothlinie am 
Spiegelpunkt gleiche Winkel ein. 

L a. In allen Spiegeln fmden wir, dass, wenn wir auf der Oberfläche 
den Punkt markiren, wo (dem unverrückten Auge) der gespiegelte Gegen- 



-l; Aehnlich erscheint uns die ausgehöhlte Schrift des Fetschafts erhaben-, 
wenn wir ungewöhnlicherweise das umgekehrte Bild derselben mit Hilfe eines 
Convexglases entwerfen. 

2) Allerdings steht nur in tenebroso loco. 

3) Ptol. hat eine leicht abgeänderte Fassung, wegen der Ausfluss-Theorie. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 163 

stand erscheint, und dann diesen Punkt bedecken, sofort der gespiegelte 
(Gegenstand verschwunden ist. b. Wenn man an dem markirten Punkt des 
Spiegels einen dünnen, nicht zu langen Gegenstand senkrecht zur Spiegel- 
fläche aufsetzt, so erscheinen Gegenstand und sein Spiegelbild auf derselben 
graden Linie. Aus a und b zusammen folgt c. : der gespiegelte Gegen- 
standspunkt erscheint in dem Punkt, wo der Sehstrahl zwischen Spiegel 
und Pupille einerseits und die Lothlinie vom Gegenstandspunkt auf die 
Spiegelfläche andrerseits einander schneiden. 

Somit vermag ein Auge das andre zu erblicken, wenn jedes von 
beiden gleichzeitig denselben markirten Punkt des Spiegels fixirt'). Der 
einfallende und der gespiegelte Strahl können ihre Rolle tauschen 2). Hier- 
aus folgt auch mit Nothwendigkeit, dass die Rückstrahlung unter gleichen 
Winkeln geschieht. 

Das bisherige und, dass einfallender, zurückgeworfener Strahl und 
Einfallsloth in derselben Ebene liegen, wird (mittelst eines in Grade ge- 
theilten Kreisquadranten und eines Diopters) für den ebenen, den erhabenen 
und ausgehöhlten Kugelspiegel durch Versuch erwiesen und auch theoretisch 
erläutert. 

Ehe aber die schwierige Aufgabe der von Kugelspiegeln entworfenen 
Bilder in Angriff genommen wird, muss noch, was im 2. Buch ausgelassen 
ward, der scheinbare Ort des mit beiden Augen 
betrachteten Gegenstandes allgemein erörtert wer- 
den 3). 

Wenn a und h (Figur 3) die Spitzen der beiden 
Sehstrahlpyramiden sind, so wird der Schnitt- 
punkt cl der beiden Pyramiden-Achsen einfach 
gesehen und an seinem Ort, und ebenso jeder 
Punkt der (kleinen) Geraden e d z. Aber von der 
Geraden h t k wird t doppelt gesehen , von dem 
in b befindlichen Auge (in der Richtung) nach h 
verschoben, von dem in a befindlichen Auge (in der 
Richtung) nach k verschoben. 

Zwei Punkte, welche durch symmetrische Strahlen der beiden Augen 
gesehen werden, erscheinen in einem Punkte. Ein Punkt, der nicht 
durch symmetrische Strahlen beider Augen gesehen wird, erscheint an zwei 




i) Man sieht dann zweiäugig ein Cyklopen-Auge über der Nasenwurzel, und 
daneben noch einäugig sein rechtes Auge mit dem rechten und sein linkes mit 
dem linken. 

2; Gelahrter ausgedrückt, sie sind reciprok. Radii visus refracti (geknickt) 
sunt ad invicem. 

b'j Dies scheint mir nächst der Bestimmung der Brechungswinkel der wich- 
tigste Theil des Werkes zu sein. 



J64 XXIII. Hirschberg, 

Orten. Ein Gegenstand in d erscheint uns in der Richtung rj d, das ist die 
gemeinschaftliche Achse zwischen den beiden Pyramiden-Spitzen ^). Im 
Centralorgan sind die beiden Pyramiden-Achsen verbunden (utriusque axes 
. . . conjuncti a principio)^). 

Aber die Auseinandersetzungen über die Bilder der gekrümmten Spiegel 
wollen wir übergehen, da der Grieche zu einer befriedigenden Lösung dieser 
Aufgabe nicht gelangt ist. 

§ 98. Im 5. Buch wird die Lichtbrechung abgehandelt. Zuerst 
die Thatsache, durch Versuch mittelst der Münze im Gefäß, die erst 
nach dem Zugießen von Wasser sichtbar wird. Die Messung wird mit 
einer halb in Wasser getauchten, ehernen Platte gemacht, auf der ein Kreis 
gezogen, in 4 Quadranten getheilt ist, und diese wieder in je 90 Theile, — 
genau so, wie es uns noch im Gymnasium gezeigt wurde ! Bei senkrechtem 
Lichteinfall findet keine Brechung statt. In allen übrigen Fällen findet 
Brechung statt, stets ist der Einfallswinkel c (des Straliles in Luft, mit dem 
Loth) grüßer, als der Brechungswinkel b (des Strahles in Wasser, mit 
dem Loth). Ist e = 10°, so wird & = 8"; ist e = 20° wird /;= 151/2° 
u. s. w. 

Eine merkliche Verschiedenheit (in Beziehung auf Dichtigkeit) zwischen 
den verschiedenen Arten des Wassers konnte nicht gefunden werden. 
(Die Genauigkeit der Versuche ist zu loben.) 

Um den Uebergang des Lichtes aus dem dichteren in das dünnere 
Mittel zu messen, wurde aus reinem Glas ein Halbcylinder verfertigt, mit 
einem Durchmesser des Halbkreises 3), der nur wenig kleiner, als der des 
Messkreises; und die Mittelpunkte, Hauptdurchmesser und Peripherie beider 
aneinander gelegt: vmd nun die Versuche wiederholt. Bei senkrechtem 
Lichteinfall findet wieder keine Brechung statt ; bei schrägem ist der Winkel 
des Strahles im Glas mit dem Loth kleiner, als der des Strahles in Luft 
mit dem Loth. Die Unterschiede sind jetzt grüßer, als bei dem vorigen 
Versuch; denn es entsprechen sich 

7° und 10'V 
1372° und 20° u. s. f. 

Vi Fixationslinie des imaginären Cyklopen-Auges, Helmholtz, Phys. Opt. 
II. Auflage, S. 756. 

2; Bemerkenswerth ist eine Mittheilung über zweiäugiges Doppeltsehen bei 
dem Kirchenvater Lactantius, dem christlichen Cicero (31 2 n.Chr. — De opificio dei 
c. IX. Patrolog. curs. complet, VII, S. 39, Paris 1844;: Furiosis et ebriis omnia 
duplicia videntur .... quia duo sunt ocuH . . . sed et sanis. Nam si aliquid nimis 
propius admoveas, duplex videtur. Certum enim est intervallum quo acies ocur 
lorum coit. Item si retrorsum revoces animum, tum acies oculi utriusque di- 
ducitur. 

3) Es ist wunderbar, dass Ptolemaeus nicht die Vergrößerungslinse erfunden! 
Wahrscheinlich waren die Vorrichtungen zum Schleifen des Glases ungenügend. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 165 

Schließlich wurde der Uebergang des Strahles von Glas in Wasser, 
zwischen denen der Unterschied der Dichtigkeit geringer ist, als zwischen 
Glas und Luft, gemessen durch Vereinigung der Anordnung i und 2. Es 
wurden gefunden 

9'/2° und 10°, 
181/2° und 20° u. s. f. 

Auch an der Grenzfläche zwischen Luft und Aether findet Lichtbrechung 
statt. Die stets sichtbaren Gestirne haben einen geringeren Abstand vom 
Nordpol, wenn sie in der Mittagslinie nahe dem Horizont sind. Ist der 
Stern im Zenith, so findet keine Strahlenbrechung statt. 

Beim Uebergang in ein dichteres Mittel wird immer der Strahl nach 
dem Loth zu-, umgekehrt beim Uebergang von einem dichteren Mittel in 
ein dünneres vom Loth ab-gelenkt. Der Unterschied ist um so größer, je 
größer der Einfallswinkel, und je grüßer der Unterschied zwischen den 
beiden Mitteln. 

Ist die Grenzfläche eben, so kann der gebrochene Strahl im zweiten 
Mittel (mag dieses dichter oder dünner sein, als das erste, nicht mit dem 
verlängerten Loth vom Augenpunkt auf die Grenzfläche sich schneiden. Ist 
aber die Grenzfläche kuglig, so kann der gebrochene Strahl im zweiten 
Mittel, wenn dieses dichter ist, mit dem verlängerten Loth vom Augenpunkt 
auf die Grenzfläche sich schneiden. 

An den Gestirnen wird die Abweichung durch Brechung schwer er- 
kannt, weil der Unterschied zwischen Aether und Luft gering ist. Schwer 
ist es auch, Unterschiede zu erkennen, wenn man das Auge unter Wasser 
öffnet. Deshalb ist es am besten, das Auge in ein dünneres Mittel zu 
stellen, und den Gegenstand in ein dichteres. Man nimmt drei Körper aus 
Glas, einen Würfel, einen Cylinder und einen Hohlcylinder, der in einen 
AVürfel eingeschliff"en ist. 

Ein in Wasser befindlicher Punkt 1 wird da gesehen, wo das von 
ihm auf die Grenzebene gefällte Loth den in das Wasser hinein verlängerten 
Einfallsstrahl trifft, also in kleinerem Abstand, als dem wahren; und ein 
in Wasser auf dem gebrochenen Strahl merklich ferner liegender Punkt 2 
wird nicht blos ferner als 1 gesehen werden, sondern auch im Verhältniss 
von Jh : TT ferner: wenn b Schnittpunkt zwischen einfallendem Strahl und 
Lothlinie. Ist das Auge in einem dichteren Mittel, so wird der schein- 
bare Abstand des durch Brechung gesehenen Punktes größer sein, als 
der wahre. 

Es folgt auch leicht, dass ein in Wasser gesehener Gegenstand größer 
erscheint; und ein in einem dünneren 3Iittel, als das Auge, befindlicher 
kleiner. Die Gestalt bleibt ähnlich, wird aber doch gesetzmäßig ab- 
geändert. 

Mit einer Betrachtung über die Brechung bei kugliger Grenzfläche 



166 XXIII. Hirschberg, 

bricht das Buch ab, — bei weitem das wissenschaftlichste und 
wichtigste über Optik, das uns vom griechischen Alterthum überliefert 
ist, — ein Werk, dessen unvollständige Erhaltung der Freund der Wissen- 
schaft beklagen muss. 

Trotz der drei Mängel, dass 1 . Ptolemaeus die Sehstrahlung vom Auge 
ausgehen lässt; dass er 2, die allgemeine und richtige Lösung der die 
Kugelspiegel betreffenden Bilder nicht gefunden; dass er 3. aus seinen leid- 
lich richtigen Messungen der Brechungswinkel das Brechungsgesetz nicht 
abzuleiten vermochte, ist doch sein Werk als eine hochbedeutende Leistung 
des menschlichen Scharfsinnes zu bezeichnen. 

Nach Ptolemaeus folgt ein fast tausendjähriger Stillstand der For- 
schung, bis die Araber die Neubearbeitung der Optik übernehmen. Ueber 
die optische Unwissenheit der Rümer zu reden, verlohnt nicht der Mühe. 

§ 99. Anhangsweise wollen wir die berühmte Frage erörtern, warum 
der Mond nahe dem Horizont größer erscheint, als nahe dem Scheitelpunkt 
des Himmels, — eine Frage, die ja auch in der H. Auflage von Helmholtz' 
Physiol. Optik (S. 774) gründlich erörtert wird, aber nicht mit völliger Ge- 
nauigkeit in geschichtlicher Hinsicht^). 

Ptolemaeus hat zwei verschiedene Vermuthungen aufgestellt. In seiner 
Astronomie (AI mag est) wird als Ursache der Vergrößerung der Gestirne 
in der Nähe des Horizontes die Brechung der Strahlen durch die Dünste 
angegeben. 

In seiner Optik hingegen heißt es: Quae sunt prope horizontem vi- 
dentur diverso modo secundum consuetudinem ; res autem sublimes videntur 
parvae extra consuetudinem, et cmii difficultate actionis. 

Eine dritte Ansicht ist die, dass die Phantasie die Gestirne im Hori- 
zont, wegen der Menge der dazwischen gelegenen Gegenstände, in größere 
Entfernung setze, als wenn sie im Zenith stehen; und so müsse, da der 
Sehwinkel in beiden Fällen derselbe bleibt, der Durchmesser im Horizont 
größer erscheinen: diese Ansicht gehört allein dem Araber Alhazen^) an. 

§ iOO. 5. Damianos' Schrift über Optik. Mit Auszügen aus Geminus 
griechisch und deutsch herausgegeben von Richard Schöne, Berlin 1897. 
(Aajxiavou cpiXood^pou xoü ^HXioowpou Aapiaaai'oo xscpaÄEia rtuv d-xiy.wv.) 

Ueber die Lebenszeit des Verf. wissen wir nichts, Govi hält ihn für 
einen jüngeren Zeitgenossen des von ihm selber citirten Ptolemaeus, wäh- 
rend Tannery ihn wohl richtiger für einen Zeitgenossen des Mathematikers 
Proklos (415—485 n. Chr.) ausgiebt. 



-I) Wilde ist hier genauer, als Priestley. 
2) Um liOO n. Chr. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 



167 



Obwohl die Schrift nur kurz ist und nicht blos den bekannten 
Fehler der griechischen Optiker gegen die Physiologie, sondern auch einen 
sehr groben gegen die Geometrie enthält; so ist sie doch immerhin von 
Wichtigkeit, da sie namentlich eine bedeutsame Messung des Ptolemaeus, 
die älteste über die Ausdehnung des Gesichtsfeldes'), die leider mit dem 
ersten Buch des Ptolemaeus uns verloren gegangen, aufbewahrt hat; und 
ferner ein gleichfalls in der Urschrift für uns verlorenes Theorem des be- 
rühmten Heron von Alexandrien, dass das Licht bei der Spiegelung den 
kürzesten Weg einschlägt, der zwischen Gegenstand, Spiegel und Auge 
möglich ist. 

Damian beginnt mit den folgenden Grundsätzen und Voraussetzungen 2). 



{xsvTjC £-i|3aAXo[j,EV roT; opa)[j.ivou. 

OTl TOUtO TO 7:pOj37.XXo[J.iVOV O-'S 

OTl TO TrpoßcXAo'i.svov oiaz i~ 
suBsia? cpspsTat. 

OTl y.al £V ay^TjfxoLT'. xtovr/w. 

OTl y.oX £v opiloycDVioj cpspsTai Tto 
xtuvto. 

o'ti b T"^; o'LcOic ■/u)Vo; oux laTi 

TtXyJPTj? btXOl'oU '-p(UT0C. 

OTl Ta opoijjLSva v.ctT öpDa; t^ xot' 
ö^£ia? bpärai -j'twvic/.:. 



017. 



6~b [XciCovo; Ytuvic? 



op(u[j.cV7. |j.£i,ova cpaivETai. 

OTl TU) TTSpi TOV (Z^OVa TOU y.CUVO'.» 

cpo)Ti |xaXiaT7. xailopojjxsv. 

OTl Tj O-TlXTj OtivatXi; ZpO; T7. 3[X- 
TTpOOllsV |X7.AiaT7. TlicpUXcV SVcpYsIv. 

OTl Yj TOÜ TTjC O^l^cODC XtOVOU XOpU^Yj 

'aTi xr^^ xop"/;; X7.i xsvTpov sotIv 

T£T7pTr|;jLOplOV 7.-0- 



£VTO? 

3(pai[ 

r£ixv£T7.i xuxXo; T^; xop"/jc 



acpaipac, Ei'-Ep^ 



1 . Dass wir vermöge einer von uns 
ausgehenden Ausstrahlung (Projektion) 
die Gegenstände treffen, die wir sehen. 

2. Dass das, was von uns ausstrahlt, 
Licht ist. 

3. Dass das ausstrahlende Licht in 
grader Linie sich bewegt. 

4. Und zwar in Gestalt eines Kegels. 
3. Und dass rechtwinklig der Kegel 

ist, in dem es sich bewegt. 

6. Dass der Sehstrahlenkegel nicht 
gleichmäßig von Licht erfüllt ist. 

7. Dass wir die Gegenstände, die wir 
sehen, nur unter rechten oder spitzen 
Winkeln sehen. 

8. Wesshalb die Dinge, die unter 
einem größeren Winkel gesehen wer- 
den, größer erscheinen. 

9. Dass wir hauptsächlich mit dorn 
axialen Theil der Lichtstrahlung des 
Kegels genau sehen. 

1 0. Dass die Sehkraft von Natur 
hauptsächlich nach vorn wirkt. 

I I . Dass die Spitze des Sehstrahlen- 
kegels weiter nach innen (im Auge) 
liegt als die Pupille, und den Mittel- 
punkt jener Kugelobcrfläche darstellt, 
von der der Pupillen-Uuikrcis 1/4 ^'^" 
schneidet. 



\) Vgl. Hirschberg, Centralbl. f. A. 1890. S. 350. 

2) Die Uebersetzung von R. Schöne ist so vortrefflich, dass ich einige Male 
von meinem Grundsatz, eigene Uebersetzungen zu liefern, abgehen musste. 
Sj Ich möchte -^; lesen. 



16§ XXIII. Hirschberg, 

Ott, xa opu)}iSva r]Toi xar iDu- 12. Dass wir die sichtbaren Gegen- 

cpavsiav bparai Tj "/ata dvaxÄaaiv yj stände sehen entweder mit gradliniger 
■/.a-a oiaxXaaiv ~r^c o'^sto? tf^; r^iXi- Ausbreitung unsrer Sehstrahlung oder 
Tsoac. mit Zurückwerfung oder mit Brechung 

derselben. 

7:£pl TT;? Kpcc Tov v^Xiov o\i.oi6~r^- 13. Ueber die Verwandtschaft un- 

TO? -■^i; TjfXETspac o'}e(üc. sres Sehorgans mit der Sonne. 

oTi xXa)|jL£VTj Yj vjfjiETspa o^j^i? toa? I 4. Dass bei der Reflexion unsre 

zoici -(-(üvia; tac Ttpoc o -/Xaraf Sehstrahlen gleiche Winkel mit der 
ouot'o)? 0£ -/at ai axrTvsc tou yjXi'ou. reflektirenden Fläche bilden. Dasselbe 

gilt von den Sonnenstrahlen. 

§ 101. Von der weiteren Ausführung dieser Sätze, welche das Schrift- 
chen enthält, wollen wir nur einiges Wenige hervorheben. 

3. Dass das, was wir von uns nach außen projiciren und Sehstrah- 
hmg nennen, gradlinig sich fortpflanzt und zwar in Gestalt eines recht- 
winldigen Kegels, hat auch schon der berühmte Ptolemaeus durch Instru- 
mente (d. h. durch Experimente) bewiesen in seinem Lehrbuch der Optik i). 

5. Vom Himmel, der eine Kvigeloberfläche darstellt, überschauen wir 
auf einmal (ohne Bew^egung des Blicks) den vierten Theil, und auch vom 
Horizont, der eine Kreislinie darstellt, sehen wir gleichzeitig den nämlichen 
Theil, d. h. 1/4 . . . Dies wäre nicht möglich, wenn nicht der Sehstrahlen- 
kegel ein rechtwinkliger wäre. 

Bald überschauen wir die sichtbaren Gegenstände in ihrer Gesammt- 
heit, bald sehen wir (etwas) mit möglichster Genauigkeit, [Die Ausdeh- 
nung des Gesichtsfeldes wird der Schärfe des centralen Sehens gegenüber- 
gestellt.] 

Mit den axialen Strahlen sehen wir am schärfsten. Wenn wir etwas 
genau sehen wollen, richten wir immer die Mitte der Grundfläche des Seh- 
strahlkegels auf den zu sehenden Gegenstand. 

Die Sehkraft hat ihre größte Kraft grade nach vorn, nach den Seiten 
zu ist sie von Natur nicht in gleicher Weise entwickelt. 

H. Es ist klar, dass die Spitze des Sehstrahlenkegels nicht auf der 
Pupillenfläche des Auges sich befindet. Denn sonst würden wir gewiss 
nicht von jedem Punkt der Pupillenfläche aus sehen. Vielmehr befindet 
sich die Kegelspitze weiter nach innen und mehr in der Tiefe des Auges. 
Die erste und kleinste Grundfläche des Kegels ist die Kreisfläche, deren 
Grenze die Umkreislinie der Pupille. Denn die Pupille selber ist keine 
Kreisebene, sondern eine (krumme) Fläche (vom Werth) des Viertels einer 



1) "Oti OS TÖ 7rpOt3ctXX6[X£vov toüto a^p' '^i[J^wv, Q h-q %at o'Lw I80; -iCCiXeiv, iiz £'j&£ia; 
Te cpspexat xotl ^v ayrni^zi -/.tovo'j öp&OYtoviou, %ai 6 nTfj?v£[jLaiö? 01' öp-^avcuv aTtiSei^iv dv 

TT] OfJTOÖ ÖTTTl-/.-^ -pC(Y[-«-''jtT£lO'., 



Geschiclite der Auffenheilkunde im Alterthum. 



169 



Kiigelobeiiläche, insofern ja der Schstrahlenkegel, wie wir nachgewiesen, 
rechtwinklig ist '). 

Was Damianos sich vorstellt, ist einleuchtend, da er es klar aus- 
drückt, allerdings kurz und in streng mathematischen Worten. Aber seine 
geometrische Rechnung ist ganz falsch, da er wohl Planimetrie, 
aber nicht Stereometrie versteht, trotzdem er aus Euklid's Elementen, wie 
auch aus des Archimedes Schrift von der Kugel und vom Cylinder Sätze 
anführt, und mit Benutzung dieser Schriften den Fehler hätte vermeiden 
können. Damianos sagt also Folgendes: 

1. Die Spitze des Sehstrahlenkegels liegt hinter der Pupillonfläche. 
Das ist ganz richtig. .Der Knotenpunkt des Auges liegt ungefähr 3,6 mm 

hinter dem Mittelpunkt des Pupillenkreises. 

2. Der rechtwinklige Kegel der Sehstrahlung schneidet von der Kugel- 
fläche, welche der Pupillenkreis umgrenzt, und ebenso, weiter fortgesetzt, 
von der Kugelfläche des Himmels den vierten Theil aus. 

Das ist falsch. 




i'iff. 4. 



Die Oberfläche der Kugel ist gleich 4 r^ ^r, 

also '/4 = r^ yr. 
Die Größe einer Kugelhaube H ist 2 r tt h. 



\] o'^Xov ci£ ort Tj ToO T-fjS '"'Lew; v.(uvou v.of/JCi'^j 'yj-A Iotiv i~\ ttj; toü f>'ii)aX|J.oü 
-/.«■jprj;' O'j Y^P OM ttotc ä-o Travio; (jtlpoui; r?); y.opY); £(up(I)[jL£v • äXX' i'oTiv dvTo; v.'xi £v T«p 
Toü öcp9otX[j.oJ ßd&£i. ßäat? oe daxiv -r] toü -/cüvou rj Trpo'jT-r] -/.al eXa/iatT] 6 -/uxXo;, ou 
zspa; saxlv -r] ttjv v.op-^v zsptYpaco'jaa Treptctlpeta. ct'JTr, y^P '^o' '^ xop-^ oO -/.'j-aKoz, dWa. 
Ti-o(pT-fj[j.opio'J o'^aipa; toxtv eTriciavetct, eiTisp y^ öpOoYwvto; £3tiv 6 rq; ö-Lew; vciTjvo;, tu; 

£0£l^a[i.£V. 



170 XXIII. Hirschberg, 

h' = ^ bedinet H'=rhc = U, 0. 
li" für den vom Mittelpunkt der Kugel bis zu ihrer Oberfläche fortgesetzten 

rechtwinlcligen Kei^el ist fast eleich — ; folgUch ist für diesen Fall 

e " '^ 3 

H" fast gleich '/o 0. \h" = r / 1 L-\ = 0,3 . r^ 

Es ist merkwürdig, dass dieser Fehler bisher übersehen 
worden, sogar von einem Arago und Hankel. 

Es heißt in Arago's Astronomie I, ! 45, bezw. in der genau damit über- 
einstimmenden Uebersetzung von Hankel, I, 122: 

»Ptolemaeus behauptete, durch Versuche gefunden zu haben, dass das 
Sehfeld, d. h. der Raum, den das unbewegte Auge gleichzeitig übersieht, durch 
einen rechtwinkligen Kegel begrenzt wird, nämlich durch einen Kegel, dessen 
Scheitel in ') der Pupille liegt, und dessen diametral gegenüberstehende Seiten 
aufeinander senkrecht sind. Diese Angabe hat uns Heliodor aus Larissa über- 
liefert, denn das erste Buch der Optik des Ptolemaeus ist nicht mehr vor- 
handen. Die neueren Schriftsteller haben diese Behauptung zur ihrigen gemacht. 
Es folgt daraus, dass man, um mit einem Blick Horizont und Zenith zu übersehen, 
die Augenachse auf 45° Höhe richten muss, und dass man niemals, ohne das 
Auge zu drehen, mehr als den 4. Theil des Himmelsgewölbes (surface du ciel, 
im Original) gleichzeitig übersehen kann.« 

In dieser Form wird die Gesichtsfeldmessung des Ptolemaeus in augen- 
ärztlichen Schriften citirt, z. B. von Landolt, in Wecker u. L., I, 611. 

1 4. Bewiesen hat der Mechaniker Heron in seiner Katoptrik, dass die 
unter gleichen Winkeln geknickte Gerade (zwischen Auge, Spiegel und Licht- 
punkt) stets die kleinste Länge hat gegenüber allen unter ungleichen Win- 
keln geknickten Geraden, 

Der griechische Text 2) ist nur scheinbar unklar; er stimmt mit dem 
genaueren und ausführlichen (oben angeführten) der lateinisch erhaltenen 
Schrift Ptolemaei de speculis (Anecdota graecolatina, ed. Y. Rose, II, 320], 
die wohl mit Recht als IIeron's Katoptrik anzusehen ist. 

Zum Schluss lesen wir, dass nach dem vorliegenden Text auch die 
Lichtbrechung unter gleichen Winkeln geschehen soll: b\ioiu>c. os osi/Uyj- 
OcTai on xal yj oiaxXaot,? x/j? o'^izmc t^? -/jixstipoic irpoc loa? s-iTSÄEtrai 
"(lüviac. Herr R. Schone bemerkt, dass dieser wunderliche Irrthum 



1) Arago hat noch eine kleine Ungenauigkeit: un cöne ayant son sommet 
ä la pupille. 

2) ärzirjeiz- ^ap (> arjyaviv.o; Hpojv Iv toi; a'JT&5 -/.ocrortpiv.rjü, OTt r/.l -po; taa; 
Yw^ta; y.Xoj;j.£va.i £'ji)£tat dXdyioxai dai töjv jasoojv (ein Minimum darstellen im Ver- 
gleich zu den mittleren) töjv dm ttj; aüt-fj; v-ai 6[j.oio;j.jooö; (homogenen' Ypa}Aij.f(; 
TTpo; Ta a'jxd. 7.Xoj;j.£vojv zpo; dviGO'j; •jm'/i''xi. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 171 

keineswegs dem Heron zuzutrauen sei. Ich vcrmuthc, nicht einmal dem 
Damian, sondern — einem Abschreiber, der das Obige schrieb für 
l'acü? .... Ttpo? 6fj.oiac. Denn so drückt sich auch Ptolemaeus über die 
Lichtbrechung aus: quod nulla fit in eis flexio ad aequales angulos, sed 
habent similitudinem quandam et quantitatem, ([uae sequitur habitu- 
dinem perpendicularium. 

§ 102. 6. Galen') muss zu den Schriftstellern über physiologische 
Optik gerechnet werden. Im X. Buch seiner Schrift vom Nutzen der Theile 
des menschlichen Körpers 2) spricht er in seiner ausführlichen, rednerischen 
Art, leider mit zu starker Betonung des teleologischen Standpunkts, über 
Anatomie und Physiologie des Sehorgans. Folgendes ist in aller Kürze der 
Hauptinhalt seiner Auseinandersetzung. 

Die Sinnesorgane sind zwiefach angelegt^) und mit einander verwachsen. 
Aus dem Gehirn kommt jederseits ein Nerv hervor, gelangt zum Auge, geht 
über eine dünne (Netz-)Haut, welche den Glaskörper umgiebt und (schließ- 
lich am Rande) der Krystall-Feuchtigkeit anwächst. Die Krystall-Feuchtig- 
keit ist das Hauptorgan des Sehens-*). So vermag das Gehirn die Affekte 
des Krystalls zu erkennen 5). Der Sehnerv ist für die Affekte des Krystalls 
ein guter Bote zum Gehirn^'). 

Durch seine reine Durchsichtigkeit ist der »Krystall« befähigt, von den 
Farben verändert zu werden. Ernährt wird der Krystall von der Glas- 
feuchtigkeit und diese von der Netzhaut, beide Feuchtigkeiten gefäßlos, 
durch Endosmose'). Durch die harte, aber durchsichtige Hornhaut wird 
das Innere geschützt, und der Lichtstrahl doch durchgelassen. Zwischen 
Hornhaut und Krystall liegt der mit Pigment geschwärzte, von dem Seh- 



1) Geb. 131 n. Chr. zu Pergamos, lebte dort, in Alexandrien, in Rom und 
starb 210 n. Chr. 

2) Ausgabe von Kühn, Band III, S. 759 — 84'1. Leider ist der Text recht ver- 
dorben. Doch haben wir bald eine kritische Ausgabe von Helmreich, aus dem 
Teubner'schen Verlag, zu erwarten. 

Vgl. Oeuvres de Galien par Daremberg (HB.), Paris 1854. 

Vgl. auch die unter meiner Aufsicht angefertigte Dissert. von Otto Katz 
(Berlin 1890), Ueber die Augenheilk. des Galen, I. Ueber Anatomie und Physio- 
logie des Sehorgans. (124 S.) Enthält den (einigermaßen verbesserten) griechischen 
Text des X. Buches der Schrift und die deutsche Uebersetzung. 

3) oict'jfj v.'xl c'j[j.cf'jfj 'i'ritQ\)ai -Jj. tüjv «iai)-(]a£ojv ö'pyavc«. Ich lernte als Stuüent 
auf deutscher Universität: Das Sehorgan ist bilateral-symmetrisch. 

4) a'jTÖ ih y.p'jOTa/.Afjeicis; '>^[jii-^ t6 "ptuTOv äa-rtv l't^yiM'y^ ttj; l'i'btm':.. 

5) Das steht, worauf hier verwiesen wird, schon an einer früheren Stelle 
der nämlichen Schrift, nämlich Buch VIII, c. 6, S. 642: ä-erewe y^^"' '' sauToö .aoptov 6 
£7v.£'iaXo; irX to y.p'jaTa/vXosios; ü^pöv s'vsv.oc t'?); '[srnznaz, töjv '/.at aÜTÖ "aör^aoi-ujv. 

6) Tj avüji}£v ä-ott'jat; . . . o'jvaxcd xöjv -/.ar aÖTO (xo 7.p'jOTO(XXo£iO£;) TraÜifjadTouv 
aYV^Z-o; ^^«1)6; b[-/.zvi6j\m YivsaUctt. 

7) oidooot;. 



172 XXIII. Hirschberg, 

loch durchbohrte Fortsatz der Aderhaut, die beerenartige Haut'), um die 
Zerstreuung des Lichtes zu verhindern, und den Krystall mehr zu be- 
schatten. Durch das Sehloch wird die Begegnung und Mischung der 
äußeren Lichtstrahlen mit den aus dem Innern kommenden ermöglicht 2). 
Zwischen Hornhaut und Krystall ist Feuchtigkeit, in der Pupille Luft^) (!). 

Die vordere Hälfte des Krystalls ist mit einem Häutchen überzogen, 
feiner und durchsichtiger als Spinngewebe, die hintere ist nackt*]. Auf 
der ersteren entsteht auch das bekannte Bild des Püppchens, wie in einem 
Spiegel ^). 

Zum Schluss kommt Galen auf die Theorie des Sehens. Diese wollte 
er zuerst ganz auslassen, da er hierbei die Mathematik berühren musste, 
die den Meisten von denen, welche sich für gebildet ausgeben, ganz un- 
bekannt ist, so dass sie sogar die darin Kundigen vermeiden und ver- 
abscheuen^). Aber ein Traum zwang ihn, das Werk nicht unvollendet 
zu lassen. 

Die beiden Sinnesnerven, welche zu den beiden Augen gehen und am 
deutlichsten von allen Nerven den Kanal der Innervation erkennen lassen'^), 
entstehen an getrennten Stellen des Hirns, nähern sich dann einander, ver- 
einigen sich 8) und gehen wieder auseinander. Sie überkreuzen sich dabei 
nicht, sondern vereinigen nur ihre Kanäle. 

Die Sehstrahlung ist nun ein gradliniger Kegel, dessen Spitze die 
Pupille'«*), dessen Grundfläche der Sehkreis. Jeder Gegenstand wird in 
grader Linie gesehen. Nichts wird für sich allein gesehen, ohne die Um- 
gebung. Ein Gegenstand, der von dem rechten Auge allein gesehen wird, 
wird, wenn er näher liegt, mehr nach links zu gesehen; wenn er ferner 
liegt, mehr nach rechts zu. Das entsprechende gilt für das linke Auge. 
Ein einfach gesehener Punkt erscheint doppelt, wenn die Pupille, durch 



1) Unsre Regenbogenhaut. Bei Galen ist ipic die Ciliarkörpergegend. 

2) -q TfjS evoov ocj-f^? ~p<K ttjV e^co y.otvojvia v.cd v.päai? •({■^£-lci.i. 

3) Mit Leichtigkeit, wie in einem Märchen, setzt sich der Grieche über die 
Naturge-etze hinweg, wenn nur die Darstellung geordnet scheint. Die Luft (nvsOix'-;.) 
ist ihm dasselbe, wie die vom Hirn kommende Innervation, auch nach dem 
Wortlaut. 

4, In der That ist die vordere Hälfte der Linsen-Kapsel bis 0,018 mm dick; 
die hintere misst nur 0,005. 

5) das ja allerdings wirklich an der Hornhaut gespiegelt wird! -/.al ot, v.al to 
TTJ; -/.opr,; siow/.ov oiov £v -/.ctTo-Tpo) twI toüt(|) a'jviaTarai. Daremberg übersetzt »et 
fixe rimage de la pupüle«. Das scheint mir nicht richtig. 

6) Obwohl ein Lehrer der Augenheilkunde ihm nachfühlen kann, so ist es 
doch geziert von dem guten Galen, da das Wenige, was er vom Kreis und Kegel 
schheßhch vorbringt, ebensogut damals, wie heute, jedem gebüdeten Jüngling 
bekannt sein müsste. 

7) Den mittleren Kanal mit der Schlagader! ... 

8) Chiasma. 

9) %op'jcf?]v o£ aÜTw vo£i T-r,v y.opTjv. Damianus ist genauer. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. ] 73 

Druck gegen das Auge, nach oben oder nach unten verschoben wird. Ob- 
wohl Galen auch dies, wie das vorige, durch Versuche beweist: so irrt er 
sich, der Theorie zu Liebe, indem er bei nach unten verschobener Pupille 
das Nebenbild nach unten versetzt. 

Die Achsen der Sehkegel liegen in derselben Ebene. Sie nehmen ihren 
Anfang von den Kanälen, die vom Hirn her kommen. 

Zwei Gerade, die in einem Punkte sich schneiden, liegen in einer 
Ebene, nach Euklid, IX. Auf diesen Geraden liegen auch die Pupillen 
(-Mitten). Das Gehirn nimmt alle Empfindungen auf. Die Nervenbahnen 
müssen an sich getrennt verlaufen. Der Hauptzweck der Vereini- 
gung der beiden Sehnerven ist das Einfachsehen mit beiden 
Augen. 

Wie man sieht, entbehrt die Darstellung der Folgerichtigkeit, obwohl 
zahlreiche Einzelbemerkungen ganz interessant sind. Bald wird angenommen, 
dass die licht-aussendenden Gegenstände den Krystall afficiren, dessen Aende- 
rung durch die Netzhaut und den Sehnerven dem Hirn mitgetheilt wird. 
Bald wiederum fließt die Innervation vom Hirn zum Auge und die Seh- 
strahlen von der Pupille zu den Gegenständen. 

Wir vermögen Klarheit nicht zu gewinnen, weil keine vorhanden ist, 
auch wenn wir noch die andren Stellen über den Sehakt aus Galen's so 
zahlreichen Schriften zu Hilfe nehmen. Am berühmtesten ist die Stelle aus 
seiner Schrift von den Grundsätzen des Plato und des Hippokrates'). 

To ßÄ£-o|j.£vov ou>[ia ouoTv Odttö- Der gesehene Körper muss entweder 

pov Tj Tr£[i.7:ov Tt TTpo? Yj[j.as aö ka'j- etwas von seiner Substanz zu uns sen- 

TOü auv ey.civü) */ai rr^v loi'av svosi'/- den und damit zugleich uns seine eigne 

vorai oiaYVwaiv t^ , . Trspijxsvsi xiva Erkennungsmöglichkeit anzeigen, oder 

T.aoa T/itiüv dcsf/ijilai 0'jvau,t.v ah- wai'ten, dass von uns zu ihm 



eine 



{IrjTix-pjv £cp' iauid. Sinneskraft gelangt. 



Die erste Möglichkeit verwirft er, da er von dioptrischen Bildern keine 
Ahnung hat. 

siTTcp ouv ■/] o'];i; [xdvr| xtov ocÄÄtuv Da nun die Sehkraft allein von 

aiai)Tja£u>v ai3{>av£Tai xoo xivouv-o; allen Sinnesempfindungen das sie ei'- 

autTiV aiaÖTiTou oia jxiaou too aipoc, regende percipirt durch das Mittel der 

ouy^ (i)c ßaz-ripia; Tivoc, aXAa ü)z Luft, nicht wie durch einen (tastenden) 

ö[jLO£!.ooü? T£ X7.[ o'jixcp'jou; iautrj Stab, sondern wie durch einen Theil, 

[xopiou 7.0.1 [xdvT] TouTo £?aip£TOV cnj-Tj der ihr gleichartig und verwandt ist, 

SiooTai {i£ta -ou -/.7.1 oia 7.va-/.Äaa£(oc und ihr allein dieser Vorzug gewähi't 

opav, £ixdt(ju; £0£Y,()rj :rv£U[iaTo; £-'.- ist, gleichzeitig mit der Fähigkeit, auch 

piovTo; auyOitoou; 8 Trpoa-T-rov toi mittelst der Zurückstrahlung zu sehen; 



1) Buch VII, c. ;j. Ausg. V. I. MiJLLER, S. (315U.635; A. v. Kühn. Bd. VII. S. 618. 



174 XXIII. Hirschberg, 

-ipi; aipL xal oiov £üi7rXr,--ov a'jTov so brauchte sie natürlich ein zuströmen- 
iauTtö auvc^otj.ouöasi. des Pneuma, das leuchtend ist und 

eindringend in die umgebende Luft 
und diese gleichsam erschütternd sie 
ihrer eignen Substanz gleichartig macht. 

Das ist eine verfeinerte Fühlfaden-Theorie, etwa wie Tele- 
graphiren ohne Draht. 

Die Griechen haben wohl gelegentlich den Sehakt durch Spiegelung 
der Gegenstände auf der Krystall-Linse erklärt, die dem Gehirn sich mit- 
theile*). Aber ei^st der Araber Alhazen (1100 n. Chr.) hat die Aus- 
strahlung vom Auge definitiv aufgegeben. 

Wer zum Schluss noch einen hübschen Roman lesen will, nehme zur 
Hand meines leider kürzlich verstorbenen Freundes Anagnostakes fieXs-al 
Tspi ~r^c ö-TixTjC TÜiv ap/7,i(uv, £v 'AU7)vaic, 1878, — eine Schrift der schönsten 
Schreibart, des grüßten Fleißes, natürlich auch der größten Liebe für die 
alten Griechen, in der aber nicht eine Behauptung erweislich richtig ist. 

§ 103. Das Gesammtergebniss der geschichthchen Untersuchung 
über die Optik der alten Griechen ist das folgende: 

In der Lehre von der gradlinigen Fortpflanzung des Lichts haben sie 
das Wesentliche richtig aufgefasst und die gradlinige Linearperspektive 
geometrisch richtig dargestellt. Das Gesetz von der Spiegelung des Lichts 
war ihnen geläufig, aber die Construktion der Bilder von Kugelspiegeln 
gelang ihnen nur für einzelne Fälle. Die Lichtbrechung haben sie durch 
brauchbare Versuche erforscht, aber die mathematische Gestaltung des Ge- 
setzes nicht gefunden. 

In der physiologischen Optik kannten sie solche Begriffe, wie Fixir- 
punkt und Gesichtsfeld-Ausdehnung. Sie fanden schon mit einer gewissen 
Annäherung das Gesetz vom zweiäugigen Einfachsehen und Doppeltsehen. 
Ueber Gesichtstäuschungen machten sie gute Beobachtungen und gaben nicht 
üble Erklärungen. 

Aber das Wesen unsres Sehaktes mit dem dioptrisch gebauten Auge 
musste ihnen verborgen bleiben und wurde erst, nach Snelliüs-Descartes, 
durch Kepler (und Scheiner) klargelegt. 

§ 104. Zwei Fragen müssen wir noch behandeln, ehe wir diesen 
Gegenstand verlassen. 



-l) Vgl. Lagtant. de opilicio dei c. VIII. (Patrolog. VII, S. 37, Paris 1844): ut 
imagines rerum contra positarum tanquam in speculo refulgentes ad sensum in- 
timum penetrarent. Vgl. Galen X. 48. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 175 

I. Was wussten die Alten von geschliffenen Gläsern oder 
Brillen? 

II. Wie stand es um die Kenntniss der Farben bei den Alten? 
I. Nicht blos Alterthumsforscher aus dem vorigen Jahrhundert, son- 
dern sogar noch Aerzte und Naturforscher') aus dem unsrigen haben be- 
hauptet, dass von den Alten hohl und erhaben geschliffene Linsen aus Glas 
oder durchsichtigem Edelstein verfertigt; die ersteren von Kurzsichtigen, 
wie von Nero, zum Fernsehen, die letzteren zur Herstellung sehr feiner 
Kunstwerke (Gemmen, Cameen) benutzt worden seien '^j. 

Dieser Gegenstand erledigt sich durch die folgenden vier Sätze: 

1 . Den alten Griechen (und Römern) waren die Brillen vüllig unbekannt. 

2. Sie wussten wohl, dass mit Wasser gefüllte Hohl-Kugeln aus Glas, 
wenn die Sonnenstrahlen von vorn auffallen, dicht dahinter befindliche, 
leicht brennbare Gegenstände entflammen'). 

3. Sie lernten auch später, dass diese Kugeln das Bild kleiner Gegen- 
stände vergrößern. 

4. Aber sie schoben diese Vergrößerung auf das Wasser, nicht auf 
die AVirkung der kugligen Flächen. 

Zu I. Keiner der alten Aerzte, welche von der Kurzsichtig- 
keit handeln [von Galen (im 2. Jahrh. n. Chr.) und Oribasius an bis zu 
AüTius und Paullus und bis zu Joannes Akt. im 14. Jahrh. n. Chr.], er- 
wähnt ein Mittel gegen »den Zustand der Kurzsichtigkeit, der un- 
heilbar sei, weil er auf Schwäche der optischen Ausströmung (oder In- 
nervation) beruhe« *). Keiner erwähnt ein Hilfsmittel gegen Altsichtig- 
keit. Sogar in dem Volksbuch des Oribas. (Hausmittel, IV, 23, B. V, S.714) 



i) A. Hirsch, Gesch. d. Augenheilk. (1877), S. 307; A. Anagnostakes, Optik 
d. Alten, Athen -1878, S. -lO; J. Stilling (4, S. 185). S. Gijnther, Gesch. d. Math, 
u. Naturwiss. im Alterth. S. 274 'im Handb. d. klass. Alterthumswissensch. von 
I. v. Müller, V, ^, 4 894): »Man hat sich der Vergrößerungsgläser sowohl beim An- 
schauen von theatralischen Vorstellungen als auch beim Anfertigen von geschnit- 
tenen Steinen bedient.« 

2) Karl Sittel, Archaeol. d. Kunst, München 4 893, S. 4 9ö (Handb. der klass. 
Alterthumswiss. VI. Band^ : »Wohl die interessanteste Frage bezieht sich darauf, ob 
die antiken Graveure Vergrößerungsmittel (z. B. Glastropfen oder eine mit Wasser 
gefüllte Glaskugel; anwendeten; bezeugt ist darüber nichts. Jedenfalls existiren Steine 
von außerordentlicher Kleinheit (wie ein Bild der Plotina von 6 mm Durchmesser).« 
— WiNCKELMANN Gcsch. der Kunst, Wien 4 776, S. 534) hielt es für wahrscheinlich, 
dass die Alten zur Herstellung der Gemmen Vergrößerungsgläser gebraucht. Die 
Herausgeber von W. 's Werken (H. Meyer und Johann Schulze) mochten diese Ansicht 
nicht theilen. (W.'s Werke, Dresden 4872, V, 420, Anm. 354.) — Heutzutage 
benutzen die Graveure bei der Arbeit meist die Lupe; wie mir ein Sachkundiger 
sagte, unter 40 nur einer nicht, da er besonders gute Augen hat. 

3) Für diese » Schuster-Kugel « liegt die Brennebene um die Größe des 
Krümmungshalbmessers hinter der Hinterfläche der Kugel. [Einführung in die 
Augenheilk. I, 233.) 

4) 'jTTö ä^ötveta; -ji^iOit-i-^-f] xoö öztf/.oü zv£U|j.7.to;. 



176 XXIII. Hirschberg, 

wird den Graveuren (oaxTuXioYX-jcpot;) , Malern und Goldschmieden sowie 
den Greisen nur eine augenstärkendc Salbe (aus dem Saft der Granat- 
kerne und Honig) empfohlen. 

Selbst der große Ptolemakus, welcher bei seinen Versuchen über den 
Brechungswinkel der Sache am nächsten kam, hat das Vergrößerungsglas nicht 
erfunden und mit keiner Silbe erwähnt^). Ein in den Ruinen von Tyrus 
gefundener, angeblich über 22 Jahrhunderte alter Knopf aus Bergkrystall, 
den ich selber zu Athen gesehen habe, und den Anagnostakes für die älteste 
Vergrößerungslinse auf unsrem Planeten ausgiebt^), ist eben — ein Knopf. 
In Pompeji ist nichts der Art gefunden. Bei keinem der alten Schrift- 
steller ist die leiseste Spur von einem zu optischen Zwecken oder optischer 
Wirkung geschliffenen (oder gegossenen) Glas, oder Krystall zu finden; wenn 
man von den zum Schmuck und Spiel hergestellten Glas-Stäben (Prismen) ab- 
sieht, welche gegen die Sonne gehalten, Regenbogenfarben erscheinen lassen^). 

Was nun Herrn Nero betriift, so war derselbe gar nicht kurzsichtig, 
sondern wohl übersichtig oder astigmatisch *). In der vielbesprochenen 
Stelle des Pllmus^) ist nur von Spiegelung die Rede. 

Tertia auctoritatis zmaragdis perhibetur pluribus de causis. Ouippe 

nullius coloris adspectus jucundior est lidem (zmaragdi) plerumque 

concavi, ut visum colligant^); quamobrem decreto hominum iis parcitur 
scalpi vetitis, quanquam Scythicorum Aegyptiorumque duritia tanta est ut 
non queant vulnerari. Quorum vero corpus extensum est, eadem 
qua specula ratione supini rerum^) imagines reddunt. 



1, Vgl. § 98. Lessing 1; S. 26(J: Die Alten thaten den letzten, entscheiden- 
den Schritt zum Ziele nicht, weil sie mit dem Rücken gegen das Ziel standen . . 
Der Tag brach für sie an, aber sie suchten die aufgehende Sonne im Abend. 

2 Optik der Alten, S. 1 1 . Allerdings hatte Brewster bezüglich eines Fundes 
aus Ninive's Ausgrabungen dieselbe Ansicht geäußert. Vgl. Arago, Astron. I, 143. 
(Deutsche Ausgabe. 

3) Senega, quaest. nat. I, 7, Ausgabe von F. Haase (Leipzig, Teubner, IS93), 
II. B. S. 173, I. [Geb. 4 v. Chr. zu Corduba in Spanien, gestorben, auf Befehl von 
Nero, 65 n. Chr.] Seine quaestiones naturales stellen das erste und einzige physi- 
kalische Lehrbuch der römischen Literatur dar; es ist hauptsächlich aus stoischen 
Quellen geschöpft und diente im Mittelalter lange als Hauptquelle der Physik. 

Die betreffende Stelle lautet: Virgula solet fieri vitrea, striata, vel pluribus 
angulis in modum clavae torosa: haec si in transversum solem accipit, colorem 
talem, qualis in arcu videri solet, reddit . . . Die älteren Ausgaben haben ziem- 
lich abweichende Lesarten. 

4) Plin. N. h. 1. XI, c. 54: (Oculi; Neroni, nisi cum conniveret, ad prope 
admota hebetes. »Nero's Augen waren, außer wenn er blinzelte, für die Nähe 
schwach.« (Die Kommata nicht bei Sillig, wohl aber bei Jan-Mayhoff. Stillixg 
wünscht das zweite vor hebetes!). Sueton, c. 51: oculis caesiis et hebetioribus. 

5) 1. XXXVH, § 64. (Sillig V, 403; Jan-Mayhoff V, 409.1 

6) »Die Smaragde werden meist hohl geschliffen, damit sie die Sehstrahlung 
zusammendrängen 'als Hohlspiegel).« 

7) So die neueste Ausgabe von Jan-Mayhoff. Sillig hingegen supinis rebus. 
Specula supina erwähnt Plin. XXXIII, 129. Aber die Lesart ist nicht sicher. Die 



Gescliiclite der Augenheilkunde im Altertlium. \f^ 

Nero princeps gladiatorum pugnas spectabat in zmaragdo. 

»Diejenigen, deren (irüße genügt, geben, wie Spiegel rück- 
wärts gelehnt, die Bilder der Gegenstände wieder. Kaiser Nero 
pflegte der Fechter Kämpfe in einem Smaragd zu scliauen.- 

Und darauT hin sagt A. Hibsch '], dass Kaiser Nero, der kurzsiohtii; war, 
die Gladiatorenkämpfe mittelst eines concaven, das (Jesicht sammelndon Snin- 
ragdes angeschaut habe ! 

Darauf hin behauptet Anagnostakes''^), dass Nero's dioptrischer Apparat 
absichtlieli aus Smaragd verfertigt wurde! Und Dr. Boggs ■*) erklärt frischweg, 
nach beridunten Mustern, wohl nach Renan, dass Nero sein concaves Monocle 
ins Auge geklemmt hätte, wie irgend ein Stutzer unsrer Tage. 

»Nous savons cependant, que Neron etait myope et qu'il assistait au jeu 
de Cirque avec une cmeraude taillee dans l'axe concave, qu'il plafait dans le 
coin de l'oeil ... I am sorry I cannot give you the source of the above quo- 
tation ; but as it is in print, it may be considered authentic . . . . « 

So ungereimte Beliauptungen werden am besten widei'legt durch die 
gereimte Chronik der Optik (Berlin 1882, S. 13): 

»Aber Nero, wird man sagen, 

Nero war so weit in seinen Tagen; 

Renan thät es uns vertrauen, 

Und er ließ es di'ucken gar: 

»»Nero sah auf schöne Frauen 

Und der Gladiatoren Schaar 

Im Theater nur durcli Gläser, ' 

Da er so kurzsichtig w^ar. «« 

Glaubt nicht Alles, was geschrieben. 

Ich bestreit' es, meine Lieben. 

Nero saß in seiner Loge, 

Wendete dem Publikum den Rücken zu 

Und in einem schönen grünen Spiegel 

Schaute er die Kämpfer an in guter Ruh.« 

Seneca spricht von Spiegeln, die vergrößern, verkleinern, in die Länge 
oder Breite verzerren, vervielfältigen, von solchen, welche die Höhe des 
menschlichen Körpers erreichten. 



meisten (7) Handschriften haben supini rerum. zwei aber supinis rebus. Ja.x- 
Mayhoff vermuthet supinis rerum imagines reddunt, und setzt supinis = 
s. intuentibus. (Vgl. Plin. XXVIII, 48.) 

»Diejenigen, deren Körper ausgedehnt ist, geben, ebenso wie 
Spiegel, den zurück gelehnten Beobachtern die Bilder der Gegenstände 
wieder.« 

1) S. 307 (1877). 

2) Optik der Alten (Athen 1878;, S. 10: T6 oto—pov Neowvo; v.'xztT/.vjäoWr] 
izirrjoe; iv. <sij.'j.pä'(00'j. 

3' Brit. med. J. 1880, 25. Dez. — Ich erwiderte in demselben Journal, d. 8. Jan. 
1881: I have less confidence in printed matter. Das heißt auf Deutsch: Papier 
ist geduldig. — Aber der alte Irrthum wird wiederholt Brit. med. J., 26. Nov. 1898, 
S. 1641. 

Handbuch der Augenheilkunde. 'J. Aufl. Xll. Bd. .\Xni. Kap. < 2 



178 XXIII. Hirschberg. 

Plixius') spricht von Spiegeln aus Zinn nnd Kupfer, aus Silber, aus 
Obsidian und aus Glas 2). 

Zu 2. In des Aristophanes Lustspiel »die Wolken« 3) sagt der schlaue 
Bauer Strepsiadks , der beim Sokrates den Schwindel studiren will, 

(Vers 7G6fgd.)-*): 

S'jpr^x' acpaviaiv r?,; oUr^z oocpto- Str. Gefunden hab' die schlaueste 

Ta-TjV, Nichtigmachung der Klage, dass du 

(uot auTov o[xoXoY£Tv 0' i[ioi. selbst es zugestehen musst. Sokr. Welche 

20. Tioi'av Tivdc; denn"? Str. Hast du schon bei den 

2TP. Tjor, TCtpa tolai oapii-cxo- Ai'zneihändleni diesen Stein gesehen, 

TTciXai? T7]V Xi'Dov den schönen , den dui'chsichtigen, mit 

Tatirr^v sdpaxa;, r/jv 7.7.Ä7JV, 7y)v dem sie Feuer anzünden? Sokr. Du 

oiaciavr,, meinst das Glas? Str. Natürlich. 

<■/.(£ r^c To TTUp aTCTOuoi; —Q. rr^v Nun, wie wär's denn, wenn ich den 

uaXov XeYEic; nähme, wann grade der Gerichts- 

ZTP. syoJYS. 'fsps, Tt or^T civ, schreiber die Klage niederschreibt, so 

si taurr^v Aa[3u)V, ein bischen abseits (mit ihm) gegen 

oTTOTc YpacpoiTo TYjv öi'y.y]v -j'pajx- die Sonne träte und die Schrift der 

\ia~t6:, gegen mich gerichteten Klage fort- 

ä-viiipoi atot; (Los üpoc tov r^Ätov schmelze? 

ta Yp7.[jL;xa7a £y.Trj;7.i|xi ~r^c S[x^c 

»Dass Aristophanes allgemeine Kenntniss einer derartigen Vorrichtung 
bei seinem Publikum voraussetzt, ist ganz klar: ferner auch, dass dieselbe 
zu den neueren Erfindungen gehören mochte, welche der Dichter über- 
haupt zu verspotten liebte« (Prantl). ^ 

Pliniüs lehrt uns, warum solche mit Wasser gefüllte Hohlkugeln bei 
den Arzneihändlern feil standen: weil sie von den Aerzten zum 
Brennen benutzt wurden. 



■I) hist. nat. 1. XXXIII. c. 45; 1. XXXVI, c. 66 u. 67. 

2) Die auf der Rückseite mit Metall belegten Glasspiegel kamen erst im 
13. Jahrh. n. Chr. auf. (Poggendorff's Gesch. der Physik, S. 93.) 

3) 423 V. Chr. zu Athen zum ersten Male aufgeführt. 

4, Vgl. Aristoph., Ausg. von Bergk, bei Teubner. 1884. I, S. 143; HmscHBERC. 
Hilfswörterbuch z. Aristoph. I, S. 45; Aristoph.. Ausgabe von Blaydes, Halle 1890, 
S. 423; Ausg. von Kogk, Berlin 1876, HO; Scholia graeca in Aristoph., Ausg. von 
DüBNER, Paris 1883, S. 116. Liebhaber verweise ich auch auf Droysen's Ueber- 
setzung. Leipzig 1881, I, S. 204. 

Die Stelle, welche Blaydes zur Erklärung herbeizieht (Theophrast. de igne. 
§ 73, p. 760, ed. Schneider), handelt nur von Brennspiegeln aus Glas. Erz 
und Silber. 

Ein Scholiast sagt zu obiger Stelle des Aristoph.: KaTrxaxe'jaaaa io-riv -jaXo-j 
Tpoyoitofj; (rundlich) eU toüto TsyvaoHiv, o7T£p i'Ka'iv) yptovre; -/.cti -ri/J.w öepii-aivo'/Ts; 
7:pocoi-;o'jai i)p'ja/.}.ioa v.ai aTi'coucJt. Äuch dies ist eher mit Brenn sp lege 1. (Prantl. 
Aristot. über d. Farben. S. 37. 1849, hatte dieselbe Ansicht.) 

Ein andrer Scholiast erklärt üc./.o; als Bergkrystall; dagegen die neueren Er- 
klärer richtiger als Glas. Das letztere hieß zur Zeit des Herodot 3. 24) yy^i, 
Xi8o;, geschmolzener Stein. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 179 

1. XXXVI, s. 67. Addita aqua vitreae pilae sole adverso in tantum ex- 
candescunt, ut vestes exurant. 1. XXXYII, s. 10. Invenio medicos quae 
sunt urenda corporum, non aliter utilius id fieri putare '), quam crystallina 
pila adversis posita solis radiis. 

Ob er in dem zweiten Satz eine Kugel aus Bergkrystall meint, oder 
dieselbe Glaskugel wie zuvor, könnte fraglich scheinen. Jedenfalls war 
es bei Plinius u. A. üblich, das Glas als Krystall zu bezeichnen. Berg- 
krystall war für den ärztlichen Zweck wohl zu kostbar und, da es nach 
der ^leinung der Alten (Plix. XXXYII, s. 9) eigentlich Eis war und die Hitze 
nicht vertrüge, würden sie zum Brennen auch aus Bergkrystall nur eine 
Hohlkugel hergestellt und dieselbe mit kühlem Wasser gefüllt haben. 

Auch Lactantius (f 325 n. Chr.) sagt, dass eine mit Wasser gefüllte 
Kugel zünde, selbst wenn das Wasser ganz kalt sei 2), 

Zu 3 u. 4. Senec. nat. quaest. I, c. 6 3). Omnia per aquam videnti- 
bus longe esse majora. Literae quamvis minutae et obscurae per vitream 
pilam aqua plenam majores clarioresque cernuntur. 

Dass die in Wasser eingetauchte Hand grüßer erscheint, mussten die 
Alten doch auch beobachten. Mögen sie immerhin hierbei, nach Lessing, 
an eine verborgene Eigenschaft des Wassers gedacht haben ^j. Jedenfalls 
ist bei diesem Versuch die Trennungsfläche eben, nicht kuglig. Dadurch 
konnten sie nicht auf die Erklärung der vergrößernden Wirkung einer 
solchen Schusterkugel kommen. Ptolemaeus, der über 100 Jahre nach 
Sexeca lebte, hat richtig aus der Lichtbrechung erklärt, dass ein in Wasser 
beündlicher Gegenstand dem in Luft befindlichen Auge vergrößert er- 
scheinen muss. 

Literatur. 

1. Lessing, antiquar. Briefe (35): in der Göschen'schen Ausg.. Leipzig 1866. 

IV, 237. 

2. AVilde, Gesch. d. Optik, I, 67. Berlin IS-SS. 

3. Poggendorff, Gesch. d. Phys. S. 25. 

4. J. Still in g, Untersuch, über die Entstehung der Kurzsichtigkeit. München 

1887, S. 184— 193. 
3. Magnus, A. v. Graefe's Arch. 23. 3, 37. Note. 1877. 



1) Grade, wie in unsren Tagen Aerzte sich finden, welche einfache Binde- 
haut-Bläschen (Phlyktaenen; mit Galvanocausis behandeln. — mit Kanonen nach 
Spatzen schießen. 

2) Herrn Prof. IIarnack verdanke ich die Stelle de ira dei c. 10): »orbem 
vitreum plenum aquae si tenueris in sole, de lumine quod ab aqua 
refulget ignis accenditur etiam in durissimo frigore. num etiam in 
aqua ignem esse credendum est? atquin de sole ignis ne aestate quidem accendi 
potest.« 

3 Ausg. von F. Haase (Leipzig, Teubner. ■189.J . 11. Band, S. 172, 5. 

4 Seneca. a. a. 0.: acies nostra in humide labitur. 

ii* 



180 XXIII. Hirschberg, 

6. Hirschberg. Einführ, in die Augenheilk. I. 93; ferner Brit. med. J.. d. S.Jan. 

•1881. sowie Centralbl. f. A. 1881. S. .'<1. 

7. Anagnostakes, ixzXtzal -zrA t-^; örTtxf,; -rtuv äoyaitov. ev 'A9T,v(xt;. 1878. 

§ 106. II. Die angeborene Farbenblindheit sehkräftiger Augen, 
über welche in den letzten 20 Jahren ganze Bibliotheken geschrieben sind, 
wird vor dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts in der Wissenschaft 
nie und nirgends erwähnt. 

Das ist gewiss sehr seltsam. Man könnte daraus schließen, dass es 
früher keine Farbenblindheit gegeben. Dies wäre ungefähr ebenso gerecht- 
fertigt, wie die entgegengesetzte Annahme, die man uns wirklich zu- 
gemuthet hat, dass früher alle Menschen farbenblind gewesen seien, 

Nämlich auf Grund der Thatsache, dass alte Dichter, wie Homer, 
nicht vom blauen^) Himmel und nicht von grünen Bäumen reden, hat 
der Staatsmann Gladstoxe 2), der Philosoph Geiger 3) und mancher zu sehr 
darwinistische Arzt die .\nsicht verfochten, dass vor einiger Zeit, sagen wir 
vor etwa drei Jahrtausenden, das ganze Menschengeschlecht farben- 
blind und zwar blaublind^) gewesen sei: und dass wir durch die Kultur- 
arbeit der letzten drei Jahrtausende unser Sehwerkzeug um die Blau- 
Empfmdung bereichert hätten. 

Ich will gar nicht davon sprechen, dass die heutigen Naturvölker 
alle einen ganz vollkommenen Farbensinn besitzen: ja dass die 
heutigen Vögel, Frösche, Schmetterlinge nichts weniger als farbenblind sind. 



I Natürlich hängt das nur von seinem Geschmack ab. Auch bei Cor- 
neille kommt blau nicht vor; im Nibelungen-Lied weder blau, noch gelb, — nach 
Preyer die erstempfundene Farbe. 

2) Homer. Studien, deutsch von Schuster 18G3. Der Farbensinn, mit be- 
sonderer Berücksicht. der Farbenkenntniss des Homer. Breslau 1878. Uebrigens 
verdient die folgende Stelle von Sichel wohl beachtet zu werden Annal, d'Oc. 
VI. 1841, S. 222): En general les connaissances imparfaits en physique des anciens 
fönt que leur notions des couleurs son bien differentes des notres, et leur doctrine 
sur ce sujet forme un point interessant d'optique et d'ophthalmologie archeo- 
logique, dont il ne serait pas sans fruit de s'occuper davantage; j'espere pouvoir 
le faire dans l'avenir. 

3) Urspr. d. Sprache. Stuttgart 1S69. 

Zur Entw.-Gesch. d. Menschheit. Stuttgart 1871. 

Ursprung und Entwicklung der menschl. Sprache und Vernunft. Stutt- 
gart 1872. 

4) »Geiger hat es in schroffer, Magnus in mehr bedingter Weise behauptet; 
Marly und Hoghegger haben sich mit größter Entschiedenheit gegen diese — 

von Gladstone besonders auch für Homer vertretene — Hypothese erklärt 

Die Alten waren nichts weniger als farbenblind. Aber eine gewisse Gleichgiltig- 
keit des antiken Auges, die sich namentlich in der Bevorzugung langwelliger 
Farben kundgiebt. hat unleugbar bestanden.« S. Günther, a. a. 0. S. 271. 

Veckenstädt (4, § 107) giebt zu, dass die Zahl derjenigen Farbenbenennungen 
größer ist, welche auf die lichte Seite des Spectrum gehen; aber gleiche, ja ge- 
steigerte Verhältnisse finden wir im Mittelalter. (Roland-Lied, Nibelungen-Sang.) Die 
Erklärung liegt im Kunstgeschmack, nicht in der physiologischen Empfandung. 



Geschiclite der Augenheilkunde im Altertlmm. ISl 

Steigen wir, wie mir es bescliieden ward, in ein frisch erüü'netes 
Felsengrab der alten Aegypter, wie das bei Assuan, welches dem Se-llenpu 
aus der 12. Dynastie angehört und mindestens 44 00 Jahre alt ist: da 
können wir sinnfällig an der gesättigten Farbenpracht der Bilder und der 
Hieroglyphen uns überzeugen, dass Menschen, die i500 Jahre vor Homer 
gelebt, einen ebenso guten Farbensinn und namentlich auch Blau- 
Empfindung besaßen'}, wie wir am heutigen Tage. 

Wir werden also nicht mehr zweifeln, dass »die griechische AVeit zur 
Zeit der homerischen Sänger ein farbenbewusstes und farbenfrohes Dasein 
geführt hat. < 

Es war immer so. Die Anwendung eilt der Wissenschaft vorauf. Die 
klassischen Malerschulen in >'iederland, Deutschland, Italien hatten schon 
lange geblüht, ehe es, im Anfang des vorigen Jahrhunderts, dem Engländer 
Newton gelang, eine wissenschaftliche Farbenlehre aufzustellen: und 
erst auf dieser Grundlage konnte das weitere aufgebaut, und ein Verständ- 
niss der Farben -Empfindung und Farben -Blindheit gewonnen werden. 
Darum hat die Farben-Lehre der Alten für den Naturforscher 
unsrer Tage nur geringes Interesse, so große Beachtimg ihr auch 
noch ein Goethe geschenkt hat. 

§ 107. Die Literatur dieses Gegenstandes ist sehr reichhaltig. Ich 
nenne die folgenden Schriften: 

1. Goethe, Materialien zur Farbenlehre. 29. Band der Ausgabe in 30 Bänden. 

Stuttgart, Cotta, ISöS. 

Das Werk ist sehr interessant und lesenswerth, aber ebenso in physi- 
kahscher Hinsicht misslungen , wie den Forderungen der Philologie nicht 
genügend. 

2. Eberhard, Die Lehre des Aristoteles von den Farben, Coburg 1837. 

3. Aristoteles, Ueber die Farben, erläutert durch eine Uebersicht über die 



■li Bei denAegyptern sind Blätter und Gras grün, das Wasser des Niles ist 
blau; blau sind Stahlgeräthe, blau auch die Augen blondhaariger Fremdlinge dar- 
gestellt. — In den uralten Trümmern von Nimrud undKhorsabad sind Spuren 
A'on Bemalung gefunden, die auch zartes Grün und Blau enthalten. Die alten 
Hebräer kannten alle Farben. Die Edelsteine des Oberpriesters hatten die Farben 
roth, gelb, grün, blau, violett. Das Blau ist klar angedeutet Exod. XIV, 10, wo der 
Saphir mit dem klaren Himmel verglichen wird. In den vorgeschichtlichen Ruinen 
von Santorin (Thera), vielleicht aus dem 15. Jahrb. v. Chr., hat man Spuren von 
Wandgemälden mit roth, gelb, blau und braun entdeckt. Aehnlich in den Ruinen 
von Tiryns und Mykene aus dem -12. Jahrh. v. Chr. Die Angabe, dass klassische 
Maler, wie Polygnot, nur mit den vier Farben schwarz, weiß, roth und gelb 
gemalt hätten, welche Plinius (h. n. XXXIII, 39) vielleicht aus Cicero (Brutus, c. -18) 
entlehnt hat, war schon widerlegt durch den Augenzeugen Paüsanias (X, 28, 7) 
und ist vollständig widerlegt durch die Reste von Blau, die man bei den Aus- 
grabungen von Delphi gefunden in der Lesche der Knidier, deren Wände mit 
Polygnot's Kalkmalereien geschmückt gewesen. 

Vgl. Benaky (6, § 107). 



182 XXIII. Hirschberg, 

Farbenlehre der Alten, von Dr. C. PrantI, Professor und Mitglied der 
Akademie zu München, München 1849. 

Enthält die Aristotelische (?) Abhandlung zepl yptoij.a-cuv im Urtext. 
Diese Schrift, die einzige zusammenhängende über unsren Gegenstand 
aus dem Alterthum, ist in der uns überlieferten Form sicher nicht von 
Aristoteles, auch nicht dem Inhalt nach; wohl auch nicht von Theo- 
phrast: aber wahrscheinlich aus der peri patetischen Schule. 

Das Werk von PrantI ist ausgezeichnet, aber unlesbar für den des 
Griechischen wenig Kundigen : in Folge dessen auch von Aerzten bisher 
nicht gelesen, was Veckenstädt (4 mit Recht gerügt hat. 

4. Geschichte der griechischen Farbenlehre von Veckenstädt, Oberlehrer, 

Paderborn 1888. 

Vollständiger und dabei lesbarer, als PrantI. — Mit den »Augen- 
Darwinisten« geht V. streng in's Gericht und betont (mit Recht), dass Homer 
durch Farbenprüfung von Hottentotten und lallenden Kindern nicht zu er- 
klären sei. Gladstone's Thorheit war es vorbehalten auszusprechen, dass 
heute ein dreijähriges Kind mehr von Farben wisse, als einst — Homer! 

5. A. KopoeXXrx, yptufj-ct-oXo-fia, 'J^tot izepi cpuaso)?, 6^;o[j.acia? -/.al f?]; ■/■r]\U7.-7^i joata- 

cew; Tiov ypco.aa-ojv, 'Aöfjvat 1880 (Fol., -I-IS S., mit U Tafeln): ein Werk, das 
ich auf meiner zweiten griechischen Reise von dem Verfasser erhielt, das 
aber vor mir i) noch nie in deutschen Schriften erwähnt wurde. 

6. Du sens chromatique dans l'antiquite, sur la base des dernieres decouvertes 

de la prehistorie, de l'etude des monuments ecrits des anciens et des 
donnees de la glossologie, par le docteur N. P. Benaky de Smyrne, Paris, 
Maloine, 1897, 363 S. Lebhaft geschrieben, im Anschluss an Vecken- 
städt, mit bemerkenswerthen Einzelheiten aus der Vorgeschichte und 
der Sprach-Entwicklung. 

Ueber die geschichtliche Entwicklung des Farbensinns handeln 

7. Magnus, Leipzig 1873. 

8. Marly. Wien ■1879. 

9. Hochegger, Innsbruck I8S4. 

§ 108. Von einer Theorie der Farben bei den alten Griechen 
kann keine Rede sein, obwohl wir einzelne scharfsinnige Beobachtungen 
wiederholt bei ihnen antreffen. 

Der Eleat XEN0pn.\i\ES (540 v. Chr.) unterschied drei Farben am Regen- 
bogen 2]. Empedokles (492 — 432 v. Chr.) nahm vier Hauptfarben an. in 
gleicher Zahl mit den vier »Elementen« (Feuer, Wasser, Erde, Luft), nämlich 
das Weiße, Schwarze, Rothe, Blassgelbe 3). Demokrit (460 — 360 v. Chr.) er- 
kannte das Subjektive der Farben-Empfindung^). Bei Plato (428 — 347 v. Chr.) 



1) Centralbl. f. A. 1898 S. 2t. 

2) Topcfupeo^ 7M a;orn7.£ov y.oti yXtupöv io£cS}ai. Aus diesem Vers zu schließen, 
dass damals die Griechen blaublind gewesen, ist lächerlich, wie Veckenstädt 
richtig bemerkt. ::. ist roth mit Blauschimmer, cp. roth, y. gelb-grün. Die 
Reihenfolge ist durch das Versmaß beherrscht. 

3) TcTTapot 0£ TOt; cTor/Eioi; iaapi}}fj.a (ypoj[j.aTa), Xsuv.ov [AsXctv sp'j^pov wypov. 
(Bei Stob. ecl. phys. I, 17.) 

4) A-^[j.6xpiTo; ypoiav o'j OTjOiv zhar xpor-j] y«P ypiofjLaTtCecllat. (Arist. d. gen. 
et corr. I, 2, 31 6a, i.) 

Auch er hat vier Grundfarben und sieben Mischfarben, im ter denen Indigo 
(icaTti) genannt wird. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertlium. 183 

ist die Farbe eine Abströmung von den Gestalten, dem Sehwerkzeug angemessen 
und wahrnehmbar '). Er kennt vier Hauptfarhen, schwarz, weiß, roth, gelb. Im 
Timaeus^) äußert er sich ausführlich über die Mischfarben erster Ordnung 
(sieben an Zahl) und deutet an, dass es zahlreiche Misclifarben zweiter Ord- 
nung giebt. 

Dem Aristoteles (384 — 322 v. Chr.), in seinen echten Schriften, ist 
Farbe das im Licht gesehene''). Die Grenze des Durchsichtigen in den Körpern 
ist deren Farbe ■']. Das Durchsichtige ist sichtbar in Folge einer Farbe, die 
einem andern Körper angehört 5). 

Von den Elementen ist das Feuer weiß (hingegen das Kalte schwarz) ; 
auch die Luft, die man für feurig hielt, ist weiß. Hingegen ist das Wasser, 
dem das Warme fehlt, schwarz. Die Erde, welche weder warm, noch auch 
durchsichtig, tritt in eine etwas unsichere Beziehung zu den Farben und zwar 
zu der schwarzen. 

(ha der Schrift 7:epl -/p«)[xaT(ov werden alle Elemente als Aveiß bezeichnet, 
nur das Feuer als lichtgelb.) 

Weiß und Schwarz sind die Hauptfarben; durch Mischung entsteht eine 
endliche Zahl von Farben , nämlich sieben : schwarz (ixsXav) , weiß (Xsuxov), 
gelb (Eavf}dv), roth ((poivtxoijv), violett (braunviolett, a^oupYOv), grün (-paaivov), 
blau (xuavouv). 

Aristoteles nimmt drei subjektive Grundfarben an, roth, grün, 
violett«). 

Darum sieht er im Regenbogen, den er durch Spiegelung der Sonne 
an einer feuchten Regenwolke erklärt, drei Hauptfarben (Roth, Grün, Blau); 
das Gelbe, das zwischen Roth und Grün erscheint, hält er für etwas subjektives ''). 



1) Plato, Meno p. 76, -1. 

2) Hier steht die dem Augenarzt wichtige Stelle: -/-■j7.'Kjj oe '/.vr/M 7.£r>7.vvj|jivo'j 
yX^uv-üv. (Timaeus. c. 68.) 

3) De an. IL 7. 419 a, 7. vjv o' i-\ toioüiov cjavs^^ov ioTi-i, oxi t6 h cwrl öpoj- 
i^.Evov yp(W[j.a. 

4) D. sens. 3. 439 a 25: toj o vi toic ooj;j.7.at oia'^civoü; -ro Ir/atov . . . toöt' iz-l 
TÖ yrjGiy.'-x. 

5) De an. 7i8. b, 4. 

6) Meteor. III, 4, 374'' 37, u. B. III, -195. 

dv ToT? Tpiotv (sc. ccoivr/.oOv, Trpofawov, äXo'jpYOv) ihirzerj y.al tcüv rj,}j,m-i xa r.Lil^'n. 
■Aal TouTüjv iay£ tIXoc, tion* 6' aXXouv ävotiaft-^xo; tj [j.£xc(ßoXT). Ut plurima quoque alia, 
ita et hi ternario defmiti sunt, aliorum autem colorum mutatio insensibilis est 
Die Drei-Zahl wird gewählt, um Uebereinstimmung mit der Zahl der Ge- 
schmäcke zu erzielen, wie auch Newton die Sieben-Zahl vorzog, um Ueberein- 
stimmung mit der Zahl der Töne in der Octave herzustellen. 

7) Die Anm. 6 erwähnte Stelle hat dann weiter: oiö -/.aX yj tpi; xp(y poj; oaiv^xat. 
Ferner Meteor. III, 2, 372a 9: y] o' ipi; xaüx' i'/si xd ypojtx'nx'-/ (nämlich die 3;- x6 oe 
[Aixa;u xoö cpotviy.oö -/.nl Trpoiotvo'J cpaivExon roX/.ay.'.: ^avOov. — Auch in der Ilias XI, 
26—28 ist der Regenbogen dreifarbig, bei Ovid (Met. 6. 65 und Virgil Aen. IV, 
701) tausendfarbig. 

Milton, der 1667 sein verlorenes Paradies diclitete. 38 Jahre, bevor sein 
Landsmann Newton die berühmten Versuche über die Farben veröffentlichte, 
nennt auch den Regenbogen dreifarbig. (Cli. XI. 866 u. 907, Ilis triple colour'd 
bow.) Seien wir aufrichtig, die Theorie zeigt uns 7 Farben im Regenbogen, 
die natürliche Betraclitunt; vier (rotli. gelb. grün. blau'. 



184 XXIII. Hirscliberg, 

Sdiiiit kann man nur das behaupten, dass er das Violett im Regenbogen mit 
zu dem Blau gei'echnet liat. 

Die Nachbilder und ihr Abklingen werden genau geschildert: das fixirte 
Sonnenbild erscheint bei geschlossenen Lidern erst in der eignen Farbe, dann 
roth, dann purpurn, dann schwarz und dann verschwindet es ^). Auch vom 
Simultan-Contrast und von der Beeinilussung des Bunten durch künstUche Be- 
leuchtung ist die Rede 2). 

Von Galex (geb. 131 n. Chi'.) ist zu erwähnen, dass er, nach dem Vor- 
gang einzelner Hippokratiker •*), die Farben in den lebenden Körpern von 
den Säften ableitete, nicht von den festen Bestandtheilen des thierischon 
Organismus'*). 



Die Anatomie des Auges bei den alten Griechen^). 

§ 109. Die Anatomie des Auges, wie sie von den Alexandrinern'') 
und ihren Nachfolgern geschaffen wurde, hat eine w'eit größere Be- 
deutung in der Kulturgeschichte der Menschheit gewonnen, als die Optik. 

Nicht hlos, dass formal die damals eingeführten Namen noch heute 
von uns angewendet und in der Krankheitslehre verwerthet werden; auch 
stofflich hat die mittelgriechische Anatomie des Auges ihre unbestrittene 
Geltung über mehr als anderthalb Jahrtausende behauptet. 

Keineswegs bei dem A>'iedererwachen der Wissenschaften im Beginn 



I; De insomn. 2; 459'', 4 5. 

2) Meteor. III. 2; 372^'. 9. 

3) Von den Säften Anfang). Littre V, S. 476: Tö asv ypä)[j.a twv yjij.ü)v. 

4 Von den Säften. Galex B. XVI. S. 9 : Tö -(ärj ypöijj.o'. twv y;j;j.iT)v i^-zi , oj 

TÖJ^^ O-epSÜJV TOÜ CwO'J (XClplOJV. 

5j Am ausführlichsten liandelt von diesem Gegenstand »die Anatomie des 
Auges bei den Grieclien und Römern« von Dr. H. Magnus. Privatdocent an der 
Universität zu Breslau. Leipzig -1878. 61 S. 

0) Die Anatomie vor den Alexandrinern finden wir bei Aristoteles, liist. 
an. L 8—10. S. 491. 

y-'o c-£ töj [j.£tu)7:w rjcf.p6£; oiciUEi? . . Unter der Stirn sind die doppelten 

b(f' ai; öcp9aXfjLot. outoi 7.aTa cpuciv o6o. Augenbrauen. Unter diesen die Augen. 
To'jTojv fAEpT] s7.aT£pov» ßÄlcpoipov To avoj v.cl DiesB sind zwei an der Zahl. Die Theile 
TÖ '/Arm. TO'jTO'j Tpiye; vi zT/axai j3XE;cpa- eines jeden sind das Ober-Lid und das 
piÖE;. TÖ ö' £^TÖ; Toü öcpSaXfAGü, TÖ fj.£v Unter-Lid. Die Haare an deren Rand 
VYpöv, V) ßXszEi , -AÖp-f] , TÖ 0£ iTEpl TOÖTO slnd die Wimpern. Das Innere des 
p.£>.av, TÖ o' i'Axrjz TouTO'j, Xe'jv.ov . . . tö Ö£ AugBs . die Feuchtigkeit, womit man 
[AE/.'/v . . . Toi; [ji£v |i.£Aav, Toi; oe '{lvx/.vi. sieht, ist die Pupille; das. was sie um- 

giebt. ist das Schwarze, das nach außen 
von diesem das Weiße. Das Schwarze 
aber ist bei emigen wirkUch schwarz, 
bei andern aber hellblau. 

Man kann nicht leugnen, dass der große Stagirite hier ganz außerordentlich 
dürftig erscheint und nicht um eines Haares Breite über das. was seine Vor- 
gänger wussten, ja was jeder Laie sehen konnte, fortgeschritten ist. 



Gescliichte der Augenheilkunde im Alterthum. 185 

der Neuzeit, auch nicht durch den großen Ve^al ist sie entthront worden, 
wie diejenigen, welche ihn nie gelesen, zu hehaupten pllegen; sondern erst 
im vorigen Jahrhundert ist durch Zmx ein neues, auf eigner Beohachtung 
jjeruhendes Lehrbuch geschaffen worden, welches die Grimdlagen für die 
Forschungen unsres Jahrhunderts geliefert hat '). 

Beginnen wir mit den Namen. Trotz der großen Mühe, die viele 
Andre und ich selber 2) mir mit diesem Gegenstand gegeben, kann ich nicht 
behaupten, dass er allen augenärztlichen Schriftstellern unsrer Tage ge- 
nügend vertraut geworden sei. Wollte doch noch 1896 ein ausgezeich- 
neter Forscher 3] den Namen Netzhaut aufgeben, da in dieser Haut 
nirgends ein nervöses Netz vorkomme, während jener Namen («[i-'-i'-- 
[tlXrja-posioYjc) bereits das ehrwürdige Alter von 2200 Jahren erreicht hat und 
überhaupt von Herophilus (um 320 v. Chr.) wegen des makroskopischen 
^'ergleiches der betreffenden Haut mit einem zugezogenen Fischnetz ge- 
schaffen ist. 

Von den Namen der Theile des menschlichen Körpers (und 
alsi) auch des Sehwerkzeuges) handelt eine wichtige Schrift des vortreff- 
lichen RuFcs aus Ephesus^). 

Obwohl dei'selbe für den ersten Arzt seiner Zeit galt, weiß man doch von 
seinem Leben fast gar nichts ^). "Walu'scheinlich lebte er am Ende des ersten 
und am Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Chr. Von Galex, der ihn häufig 
erwfihnt, wird er zu den neueren (vstotspoi) gerechnet. Er hat, nach einer 
Stelle seiner Schrift von der Krankenuntersuchung, einige Zeit in Aegypten ge- 
lebt. Seine Schriften sind im Geiste der aristotelischen Philosophie abgefasst, 
in einem üanz eiiienartisen Stil. Seine Entdeckunsen betreffen die Anatomie. 



I Descriptio ocuh luimani. Gottingae 1733. Ausg. von H. A. Wfjsberg. 
Gottingae 1780. 

i hl meinem Wörterbucli d. Augenbeilk.. Leipzig 1887 >S. 9; vgl. insbesondere 
Anmerk. 3 . 

3~ R. Greeff, der Bau der menschl. Netzhaut, Heft X der augenärztlichen 
Unterrichtstafeln von H. Magnus. 

Kraus (med. Lexic. 1844 S. 887) erklärt sie gar »für ein höchst feines Gefäß- 
und Nervennetz, welches, wie man sonst meinte, das Licht durch seine Maschen 
durchlassen sollte.« (!: 

In der Einleitung heißt es: (»/.oöv v.al täc äXXa; 'ziyyx:; äzJj twv övoaaTOJv 
ap/ovTai oiMtaeis. »Man beginnt den Unterricht auch in den andren Künsten mit 
den Namen.« Das erinnert an Plato's Ausspriach: äp/T, ty,; TT^^tosuasw; q töjv övoaa'tcov 
iTATAvliz. »Der Anfang der Unterweisung ist die Erörterung der Namen.« Ziemlich 
brauchbar, wiewohl nicht fehlerfrei, ist die Ausgabe des Rufus von Clinch. 
London 1726, fast die einzige in England gedruckte eines griechischen Arztes, die 
wir zu erwähnen haben. Sie wurde von Brücke in seiner Anatomie des Auges. 
Berlin 1847, benutzt. Gelegentlich auch von mir. in dem Wörterbuch. Vorzüglich 
aber ist die Ausgabe von Daremberg und Ruelle. Paris 1879. 

5 Vgl. die Einleitung der Pariser Ausgabe; ferner Gurlt, Geschichte der 
Chirurgie I, 421. 



186 



XXIII. Hirschberg, 



Botanik, Therapie, und in der letzteren auch die Augenheilkunde. Das Chiasma 
hat er zuerst beschrieben und den Unterscliied zwischen Empfindungs- und Be- 
wegungsnerven eriasst. Anatomie lehrte er so, dass er die äußerlich siclitbaren 
Theile an einem Sklaven zeigte, und danach zu der Zergliederung eines AfTen 
überging. Er fügt hinzu, dass man in früherer Zeit kühner die Zer- 
gliedei-uuü von menschlichen Leichen zum Unterricht vornahm'). 



§110. Die Hauptstelle seines 
betrifft, lautet folgendermaßen 2) : 

'O^pUiC 03 -a. T£TpiJ(a)JJ.iv7. TO'J 

fiiTtÜTTOü TTspatot, «)V To [jL£Ta;u asao- 
cppuov. "^Ttto 0£ toTc äcppuoi. ßXscpap«, 
TO [x£v avojösv, TO 03 xaTtoilsv. lo'J- 
Tcov 03 7.1 |j.£v £y.-39'j-/.oTat 7rAyz:, 
Tc/.paoi y.a\ [iktrsapiozc. Ta os 67.uovTa 
7.äXtjX(ov Tzipara sv toj xailstjosiv r^iJ-ac, 
0T3»7.vai -^j, X7.1 y'r^Xo.i. ToG 03 avw 
ßXscpapou TO i-i-oXr^c, 7.uAov|i. Tä 
03 y.oIXa 7:3p7.Ta tou t3 avo) y.al too 
v.7.Tto ßA3'^apoo, y.7.vi)or 6 ]ikv [jlsi'Ccdv, 
Tzpoc TTjV plv7. , 6 03 sXaa^ojv, 
rrpoc T(ü xpoTacpoj. 



'OcpöaXu-O'j 03, TO ;j.3v iv aiofo 



ßXeTTOJJlEVOV , O'llC y.7l y.o'pTj. 



Kai 



Werkes, welche das Seh Werkzeug 



Die Augenbrauen sind die beliaar- 
ten (unteren) Grenzen der Stirn ; Zwi- 
schenbraue der Baum, der sie trennt. 
Unter den Brauen (folgen) die Lider, 
ein oberes und ein unteres. Aus diesen 
wachsen (vom Rande) Haare hervor, 
die Darren oder Wimpern. 

Ihre einander, beim Schlaf, berüh- 
renden Ränder heißen Kränze oder 
Krallen. Der Raum oben an der Ober- 
fläche des Oberhdes heißt die Grube. Die 
ausgeschweiften Enden des oberen und 
unteren Lids bilden die Winkel; der 
größere ist der nach der Nase , der 
kleinere der nach der Schläfe. 

Am Augapfel heißt der Theil, wel- 
cher in der Mitte ims sichtbar wird, 



I) ~.dhai o£ •[S'rj'j.i'j-tpo^i z~\ c/.vftpo'jrwv ioiooioy.ov -a roia/j-a. 

2^ D. U. R.. S. 135. 

Ich habe mich stets an den griechischen Text gehalten, nie an die 
lateinischen Uebersetzungen. Einer unsrer besten Geschichtsforscher sagt 'die 
Anat. des Auges bei Griechen und Römern, 1878. S. 42): »So scheint Asciepiades 
bereits festgestellt zu haben, dass die Sinnesnerven nur als Leitungsorgane 
functioniren und nicht den Sinneseindruck direkt zu empfinden vermögen. So 
möchte ich wenigstens eine Stelle des Rufus (1. II, c. 17) deuten, welche in der 
Stephan'schen Sammlung folgendermaßen lautet: Secundum Erisistratum quidem 
et Herophilum sensorii nervi sunt. Asciepiades autem ipsos sensu vacare 
testatus est.« 

Aber der Text lautet: Koc-a ij.iv oüv tov 'Epa^iSTpatov '/.rn 'H^öz^O.w, otiaOr^Tr/.a 
vEjpa i'ottv %rizä os 'Aa7-XT)T:iäoTv oj?/ öXio;. Das heißt: »Nach E. u. H. giebt es 
(außer den soeben genannten motorisclien, auch noch) sensible Nerven; nach A. 
aber keineswegs.« Im griechischen Text ist schon der Accent von i'aTtv ent- 
scheidend. Ich könnte yiele Beispiele der Art anführen. Das eine genügt. 

3) Bei Hipp. (?) v. d. Sehkraft § 4 (Littre IX, 136) wird a-Ecpävrj der Kranz der 
Bindehaut um die Hornhaut, d. h. die Bindehaut des Augapfels, genannt. Ebenso 
alsbald bei Rufus. 

4) Die Wurzel v.-j- bedeutet geschwollen: a. hohl. b. voll. Gurt. S. 157.; — 
•/.•JAa xd 'jTToy.äTtu tiov ßXecpapwv v.or/.wjj.aTot. Hesych. Die Neueren sagen >circum- 
bi^lbäre« Grube. Die französische Uebersetzung des Abschnittes bei Daremberg- 
RuELLE ist imgenügend. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 



187 



yAtjV/jv ') xo eiotüÄov t6 ev x-q o'j^st, 
'iaivdijisvov xaXouaiv x6 ok auvs/sc 

T-(^ 0(];£l [J-S/pt TOÜ AeUXOU, ipiV. ToOTO 

0£ (üc £y(£t )jpa)[jLaTO;, [iE^av Yj Truppov 
r, /aporcov övofxaCouaiv^). OepiOeI 
&£ o-EcpavTj -ö fjLEÄav, -/ai airoxpivEi 

TOÜ Ä£'J/.OU. KuxAo? 03 Tj OTECpaV/j 

xai auvosatjLoc täv ^itouvcdv tou öcp- 
tJaXfj-ou, uJv OYj 6 TcptoToc ouo eyjiov 

CCUO£lC, ouo dv(^(X(/Ta £/£l* XEpaXOElOTjC 

v.axa. xb ixEoov X7.l fA£);;pi tr^; ipiooc" 
TouTO yap xai eoi/sv a^jro'j roTc ^oo- 

aivoiC X£p7.3lV 



Ä£uxo; 0£ To aX?;o [i-ipoc -av, 

oidcTTEp Xal ß^ETTETai,, 0U0£V ioixfoc 

Toj jj-iatp, ouT£ Tr]V cpuaiv, oute t/jv 
/poiav. 



Sehe oder Mägdlein, Und Püppchen 
(Augenstern) nennt man das in der 
Sehe erscheinende Bildchen. Und was 
vom Sehloch bis zum Weißen des 
Auges reicht, Regenbogen. Derselbe 
heißt, je nach seiner (individuellen) 
Farbe, das schwarze oder gelb-braune 
oder grau-blaue des Auges. (Besser 
»schwarze oder blaue oder graue«) 2). 
Aber ein kranzförmiger Saum umgiebt 
das Schwarze des Auges und scheidet 
es von dem ^^'eißen. Ein regelmäßiger 
Kreis ist dieser Kranz und das Band 
der Augenhäute : von den letzteren 
besitzt die erste (oberste) eine zwie- 
fache Beschaffenheit und desshalb 
zwiefachen Namen. Flornähnlich ist sie 
am vorderen Mittelpunkt des Auges 
und soweit sieh die Regenbogenhaut 
erstreckt. Dieser Theil der obersten 
Haut gleicht den geglätteten^) Horn- 
platten. 

Rein weiß ist aber im ganzen Rest 
die erste Haut, wie sie auch unsrem 
Blick erscheint , ganz ungleich ihrem 
erstgenannten mittleren Theil , sowohl 
nach ihrer BeschafTenheit als auch nach 
ihrer Farbe. 



1) Von -/•Xrx- glänzen: Püppchen, Pupille, Gelenkpfanne. 

2) Gelb sind wohl nur Thier-, nicht Menschenaugen. Fl-j^po; ist aber nicht 
feigentlich braun. 

-/dpoTTOT-^; wird von Plutarch (Mac. 11) den Augen der Deutschen zuge- 
schrieben. (Sonst 'i\a'Jv.6-Lr]t.) 

Vielleicht haben. wir übrigens an dieser Stelle, nach dem uns erhaltenen 
Auszug aus der Schrift des Rufus (vgl. D. u. R., S. 238), überhaupt yXol'jv-öv 
zu lesen, statt -urjpov: also das schwarze oder blaue oder graue des 
Auges. 

Vgl. Aristot., bist. an. I, 10; 419 'J, 34 fgd.: 

TÖ xaXo'j[i.£vov [xeXctv oioccfspet. xoi? fA£v Das sogen. Schwarze zeigt Ver- 

schiedenheiten. Bei einigen ist es schwarz, 
bei andern blau, bei andern grau, bei 
wenigen aber ziegen-grün. 



ToT; 0£ yapoTTov, dvtot; os ociyojttov. 

Und de gen. an. V, 1; 779^ 35: 
■/.cd 'jap '(L'y.u-AOi Tcoti yctpoTTol v-vt jj.cXa^- 
ocüdaXfj-ot, Ol 0£ a^YtuTioi. 



Es giebt blaue und graue und 
schwarze Augen, auch grüne. 
Die den Griechen geläufiige Farbe der Regenbogenhaut ist die schwarze. 
Darum fährt Rufus fort : Es umgiebt aber das Schwarze . . . 
3 polirten. 



188 



XXUI. Hirscliberg, 



'Er.Uzi-ai ÖS aij-iii avtuUsv r, 7.7.- Es liegt aber oberflächlich auf 

Äouasvr^ s-iO£p[xic, 75-1? xat ev vioic, diesem weißen Theil die sogenannte 
y.<y.\ £v -r>saßuTau, xai sv rqj TraUr,- Oberhaut (Augapfel-Bindehaut), welche 
|xari TV) /Tjuwasi accesTatj-ivr^ ts xat einerseits bei Ideinen Kindern, andrer- 
£7:ai'oo'joa to -ufpov oparai'). Touc seits bei Greisen und bei der Ki'anlc- 
öi aÄÄO'j; y.TÄvxc oiruic )rpr) övoaa- lieit Cliemosis von ihr sicli abhebt und 
Cs'.v, cipr,acrcti rAi-;ou usrspov sv ttj bei letzterer als rothe Erhebung er- 
ot.aioia6t tou Cwou"). sclieint. Wie man aber die andren 

Häute benennen soll, wird alsbald ge- 
sagt werden bei der Zergliederung des 
Tliieres. 



§ III. Täv •*) 0£ tou 6cp^aÄ|jiou 
yitu)Vtov 6 }i£v TTpÄroc ev toTc £~i- 
'^7.v£aiv (uvofiaoTai x£paT0£i6Yjc. Ot 
0£ a^Aoi, 6 [X£v 0£UT£poc, paYO£ior): 
xat y^opiosiorjc" -0 jjl£V UT:ox£ia£vov 
aü-oj TO» x£paTO£to£T, paY0£i07jc, ort 
so'.xE pa-'l T"?^ £;toi}£v Xzi.6~r^7i, xal 

T/j £'v5oi}£V öa3Ur/]Tl^)" TO 0£ 'JTTO TOJ 

ÄE'jxw. yoptostorjc, oTi xaTa'^A£j3dv iaTt 

Tfjj TTSpl TU) £|i.ßp'ja) T£plX£llJL£VO> 
/OplO£'.Ö£T £01X0;* 6 0£ TplTO? •:t£pi£y£l 

jx£v uaÄo£iO£; u-j'pdv xaAslTai os ap- 
•/aTov dvoaa apayvo£iOYjc oiä Xzizro- 
Tr,Ta • £-£iör; os 'HpdcpiAoc £ixa^£i 
a'jTov äij-'^ißATjOTpü) dvaaz«)[X£V(i), £vtoi 
xat äu.'ii|jArj3Tpo£ior| xaXouaiv. otAÄot 
0£ xat uaXo£to"7j dtTio tou u-j-pou' 6 os 

T£TapTOC -£pl£y£t }X£V TO XpüaTaAXoSt- 

OEc ^Ypov, avu)V'jij.oc 0£ a)V £^ ap/r|C, 
uaT£pov '^axoEtoTjc'') ij,£v oia to ayr^ixa, 



Von den Häuten des Augapfels ist 
die oberste bereits in der Auseinander- 
setzung der oberflächlichen Tlieile als 
Hornhaut bezeichnet worden. Von den 
andren heißt die zweite Beerenliaut 
und Zottenhaut. Und zwar heißt der 
Theil, der unter der eigentlichen Hornhaut 
liegt, Beerenhaut, weil er einer Wein- 
beere gleicht durch die Glätte der Außen- 
fläche und durch die Rauhigkeit der 
Innenfläche. Aber der unter dem weißen 
Abschnitt der ersten Haut liegende Theil 
der zweiten heißt Zottenhaut, weil er 
gefäßreich ist und dadurch der um das 
Embryon liegenden Zottenhaut ähnlich 
sieht. Die dritte Haut des Auges um- 
giebt die glasartige Feuchtigkeit und 
heißt mit ihrem alten Namen die spinn- 
gewebige Haut wegen ihrer Dünne. Da 
aber Herophiliis sie verdeicht mit einem 



I ) Text unsicher. Handschrift ä.zeaTrj.ij.s\-q t-bX y.7.t .... (Vielleicht rXei, sich 
lockert. 

2; Eine Darstellung der äußerlich sichtbaren Theile des Auges findet sich 
auch in Galen's ? Einführung XIV, 701 — 702. 

3 D. u. R., S. 134. Die franz. Uebersetzung wimmelt von Ungenauig- 
keiten. 

4 Bei Thieren setzen sich die Faltungen des Strahlenkörpers weiter fort auf 
die Hinterfläche der Regenbogenhaut. 

5) ciazö?, die Linsenfrucht. Ebenso Aüt. VII. Ij: Der Krystall gleicht an Ge- 
stalt einer Linsenfrucht. Daher unsre Linse. Krystall-Linse. Nach der Erfindung 
der doppelt-erhabenen Sammelgläser wurden auch diese Linsen genannt. Von 
dem Worte 97.-/.0;. Linse, haben die Neueren gebildet: A-phakia, Fehlen der 
Linse, und aphakisch; ferner die ganz entbehrlichen Phako-malaxis, Linsen- 
Erweichung; Phako-scleroma, Linsen -Verhärtung; Phako-Kele, Linsen -Bruch; 
Phako-meter. Linsen-fBrennweiten- Messer. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertlnim. 189 

y.puaTaXXoiior^? Sia ~o u-j-pov tovo- hei'ausgezogenen Fischnetz, so nennen 
ixaailr^. einige Aerzte sie auch die netzähnliche 

Haut'). Andre aber Glashaut, von der 
(eingeschlossenen) Feuchtigkeit. Eine 
vierte Haut umgiebt die Krystall-Feuch- 
tigkeit; sie hatte ursprünglich keinen 
Namen, wurde aber später die Linsen- 
haut von ihrer Gestalt, die Krystalllunit 
von der (eingeschlossenen) Feuchtigkeit 
genannt. 

§ 112. In den Ausgaben des Rufus finden wir noch zwei namenlose 
Abhandlungen über Anatomie. 

Die eine (D. u. U., S. 233 fgd.) ist nur ein Auszug aus der echten Schrift 
des Rufus. Die zweite ergänzt den Text des Rufus, obwolil sie, offenbar 
spät, in schlechter Sprache abgefasst und nicht fehlerfrei'-^) überliefert 
ist. (D. u. R., S. leOfgd.) 

Bemerkenswerth sind daraus zwei Sätze: 

1. Herophilus benannte die Beerenhaut (paYosto-^c), weil sie gleicht 
oopa payo? 07pacpü>.%, der Haut einer Beere der Weintraube. 

2. Die vordere Hälfte des Krystalls liegt an (auvs^s? uTiap^ov) dem Loch 
der Beerenhaut. 

Dies ist ganz richtig, steht aber im Widerspruch mit der griechischen 
Lehre vom Hypochyma, das ja eine Ausschwitzung in den freien Raum 
zwischen Regenbogenhaut und Linse darstellen sollte. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch hervorheben, dass die Augen- 
höhle, in welcher der Augapfel liegt, nach Pollux (2, 71 und 2, 86) 
-/.dyj(oc oder v.6'C/ri (d. h. wörtlich Muschel) genannt worden: übrigens nicht 
sowohl die eigentliche Augenhöhle, als vielmehr die an ihrem vorderen 
Ausgang liegende Grube um den Augapfel. 

Den Namen hat man noch in unsren Tagen überflüssig zur Bildung 
von Conch-eurynter (Augenhöhlen-Erweiterer) 3) verwenden zu müssen 
geglaubt. 

Ich bin der Ansicht, dass der eigentliche Name für die Augenhöhle ein- 
fach lautete /wpa ocpöaXfiou, Raum für den Augapfel. Vgl. Hippokr., 



1] Hirsch irrt S. 255, Note 3. wenn er äfAcsiß^oTpov nicht mit Netz-, sondern 
mit Umhüllungs-Haut übersetzt. ävaaTräw ist der richtige Eis eher -Ausdruck. 
LuciAN d. mar. 12, 2; Pisc. c. 48; Aelian. N. H. 15, 10.) Das herausgezogene 
Netz ist zusammengezogen. Uebrigens hat Hyrtl (Onomat. anat. 1880 S. 432) den 
gleichen Irrthum. Leider citirt er meist die lat. Uebersetzung der Griechen. 

2) S. i71, 2, ;^ verbessere ich dcp' f,; otaataat-^ souCsi vm -/.iTd. ttjv iauTOÜ \).s.zrj-f {zn 
•:£tpr,Ta[ -/.•jy./vOTEpüJ:. 

3) Aus Gummi, gegen Blutung nach Ausschälung des Augapfels. 



190 XXIII. Hirschberg, 

LiTTRfi Vü, 28; ferner (ialen VI, 642 und Oribas. IV, 483, sowie die 
Weihe-Inschriften zu Epidaurus. (Vgl. § 30, S. 58.) 

Bei Galen heißt es vom Sehnerven: 'Etlöiooiv os -KpÄ-ov s\n:i^r^ taTc 
UTTO rac ö'f puc xoiXd-rjoiv, ä; or; /(«pac ocpöaXfjLÖiv övofjLaCouoiv ... Es ist 
also der vordere Abschnitt der knöchernen Augenhühle. 

Aehnlich dem Wort y.otXor/j; steht bei Pollux (II, 4j £77.01X7. twv 
ocpöctXfjLuiv, Höhle der Augen. 

Nicht RuFus, den Hyrtl, on. an. S. 366, anführt, sondern der zweite 
Anonymus nennt die Augenhöhle ttusXi'c, Trog. 

Unsren Namen Orbita erfand Gerardus Cremonensis (I1 14 — 1180 
n. Chr.), der Uebersetzer des Avicenna, obwohl dieses Wort nur Rad 
oder Gel eis bedeutet, also gewissermaßen die Fläche, auf welcher der 
Augapfel sich dreht. Natürlich hat man dann noch das Beiwort orbitalis 
neu gebildet. 

§113. An den Namen der Griechen hat der erste römische Schrift- 
steller über das Auge, der brave Celsüs i), zu rütteln nicht gewagt oder nicht 
vermocht. (Die lateinischen Kunstausdrücke, mit denen man noch 
heute die Jugend letzt, entstammen erst den spätmittelalterlichen Ueber- 
setzungen der Araber, die ihrerseits wieder aus den Griechen geschöpft 
hatten.) 

Klar ist die Darstellung des Celsus^) nicht, — aus dem einfachen 
Grunde, weil er die Sache nicht recht verstand. 

Wir kommen auf die Celsische Anatomie des Auges noch einmal zu- 
rück. (§153.) 

§114. Diejenige anatomische Beschreibung des Auges, 
welche die .Jahrhunderte beherrscht hat, bis zu dem vergan- 
genen hin, verdanken wir Claudius Galenus. Wieviel er von seinen 
Vorgängern übernommen, wieviel selbst gefunden, — das entzieht sich 
unsrer Beurtheilung, da von den Schriften der Vorgänger, außer dem 
Namenverzeichniss des Rufus, nichts uns erhalten blieb. 

Auch Galen's anatomisches Lehrgebäude ist nur unvollständig auf uns 
gekommen, die eigentliche anatomische Beschreibung des Auges ist ver- 
loren gegangen^]. Aber an unzähligen Stellen seiner zahlreichen 



-1) 25 v. Chr. bis 50 n. Chr. 

2) De med. VII, 7, i4. 

3) Periere etiam anatomicarum demonstrat.) IIb. X. de oculo etc. . . Galex. 
Ausg. V. Kühn I. lxxxui. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 



191 



Schriften spricht er vom Auge'j, das er. wie unser Virchow, mit ^'üdiebe 
als Beispiel zum Beweise seiner Sätze herbeizog: 

A) kurz und bündig in der Schrift über die Grundsätze des Hipp. 
und Plato (1. VII, c. 5) ; 

B) ausführlich in der Schrift vom Nutzen der Theile, deren zehntes 
Buch ganz und gar dem Sehwerkzeug gewidmet ist. 



A.'^) . . aacsü); av7.T£jjLa)v (tov ocp- 
DaAjj-dv). zupr^osic, yap utto toT; yi- 
TÄaiv s'voov uypa acpaiposiö-^ OiT~7., 
To }xsv o'JT«> [xaXaxdv, oTaTrip saxiv 
uaXo; Yj fis-piio; ÄuösTaa, to Os outto 
oxXyjpdv, olo; [xsTpico? TraYSi? xpu- 
oraXXoc. ovojxaCiXai os utto twv la- 
Tpüiv oaXocios; itsv TO [jLaXaxa)T£pov, 

XpUOT7.XXo£t.0£? 0£ TC OXÄr|po'T£pOV, 

dTCo TTj? TTpo; CiaXo'v xe xat xpuoraXXov 
b[xoidTY)Toc, Ol? ou jxdvov Tai? auara- 
o£at,v, aXXa xai talc ^po'.aTc £oix£V 
axpijSco? Y^P s^"'' V'Ciilapa xal oiauyr^ 
xat Aa[j.-pa. 7rpo'-£pov [X£v ouv £xo£- 
)(£Tai TOV £; £YX£cpaXou xai>Y]xovia 

Tto'pOV £IC £XaT£p0V aUTÜiv TO 6aXo£tO£;, 

iziz'zric, o' auTto to xpuaTaXXo£iO£c 
£01X0? dTp£[jL7. Tr£T:XaTU3}Ji.£v;fj acpaipa. 
xai Totvuv Tidpo? auTo; ap.a Tto 

Tr£pi£/OVTl ViUp«) Ol£^£Xl}a)V TOV l^tU- 

Oöv ^iTÄva xaTa tov öcpf}7X[xov d[xcpcu 
TauTa 7rda}(£f xaTot Tr^v -ptuT/jV 

Efx-Tcuaiv TjV £1? TYjv jwpav auTou 

TrOt£tTai, EX£t fi£V TO TTVÖUjXa X£p7.V- 
VUEl TOi; ^•'([joic, £V£Xa TOU -j'£V£0l}7l 

T/jV ouaiav auTÜiv oXr|V aiaUr^TixT^v • 

Tr£ptXa[i.i37.V£l o' 7'JI>IC XuÜElViTi T£ xal 

7rXaTuvÖ£io"(i r?j x7.t7. to Vcupov ouai'a 
TO 'J7.Xo£iO£? uypov £[jL<pod;x£vo; xaT7. 

TO Tlipa; E7UT0U TO) fXcYtaTü) xuxX(o 
^ . i l I l ^ 

TOU xpuoTaXXoctoou; ouote aoi to 
oyTiiia. od^£t tou TrXaTüvi^ivTo; VEupou 
'ir7p7-XT,oiov du.'iißXrjaTp(|> •(Z'^o^dvj.i' 



. . . wenn man das Auge sorgfaltig 
zergliedert. Man findet dann u n t e r 
den Häuten, im Innern, zwei kugel- 
förmige Feuchtiglceiten : die eine ist so 
weich, wie mäßig geschmolzenes Glas; 
die andere so hart, wie mäßig er- 
starrtes Eis. Genannt wird von den 
Aerzten glasartige Feuchtigkeit die 
weichere, krystallartige F. aber die 
härtere, von der Aehnlichkeit mit Glas, 
bez. Krystall, denen sie übrigens nicht 
blos in ihren Consistenzen , sondern 
auch in ihren Farben gleichkommen. 
Denn sie sind ganz rein und durch- 
sichtig und glänzend. Zuerst nun em- 
pfängt den aus dem Gehirn zu ihnen 
beiden herabkommenden Sehnerven 
(Kanal) der Glaskörper, gleich nach 
ihm aber der Krystallkörper, der einer 
sanft abgeplatteten Kugel gleicht. Und 
fürwahr der (Innervations-)Kanal selber 
mitsammt dem ihn umgebenden Nerven, 
sowie er die äußere Haut (des x\uges) 
durchbohrt hat, macht er im Auge die 
folgenden beiden Dinge: zunächst bei 
dem Eindringen, das er in den Kaum 
desselben (des Auges) sich bewirkt, grade 
dort mischt er einerseits die (Innerva- 
tions-)Luft zu den Augen-Feuchtigkeiten, 
damit dieselben ganz in Sehsubslanz 
sich wandeln; andrerseits umfassl er 
gleich danach mit der entfalteten und 
abgeplatteten Substanz des Sehnerven 



f; In der unechten Schrift von den ärztlichen Grundbegriffen ;B. XIX. :{5S) 
heißt es: Das Auge besteht aus 4 Häuten ;Netz-. Ader-. Hörn-. Binde-Haut und 
8 Feuchtigkeiten (Glas, Krystall. Eiweiß) sowie aus dem Sehnerven. 

2; Ausg. v. KiJHN V, 623; Ausg. v. I. Müller. S. ü21. 



192 XXllI. Hirschberg. 

Wj xat Trposrj-j'opiüxaaiv äa'fi[jÄ-/,- die (iltiskörperfeuchtigkeit und verwachst 
arpoäior^ ^itöüva Toutt to otufia. an seiner (vorderen) Grenzhnie mit dem 

Aequator des Krystall-Körpers^). Somit 

erscheint uns die Gestalt der abgephitte- 

^ ten Nervenhaut einem Fischernetz ähn- 

Hch; deshalb hat man dies (iobilde 
auch Netzhaut genannt. 

§ 115. B. Das zehnte Buch der Galenischen Schrift vom Nutzen der 
Theile handelt vom Sehwerkzeuge 2). 

Sowie der Sehnerv •*) vom Gehirn (Chiasma) zum Auge gelangl ist, so 
breitet er sich aus zu einer Haut und umgiebt als Kugelschale den Glas- 
körper und verwächst mit dem Rande des Krystallkürpers^). 

Dieser ist das Hauptorgan des Sehens^). Er ist ganz farlilos und 



■I) Das Aufhängeband der Linse wird also zur Netzhaut gerechnet. 

2) Galen, Ausg. v. Kühn, Band III. S. 759 — 819. (Die verheißene Ausgabe 
von Helmreich ist noch nicht erschienen.) Vgl. die unter meiner Leitung ver- 
fasste Dissertat. von 0. Katz : Ueber Anatomie und Physiologie des Sehorgans bei 
Galenus. Berlin 1890, 124 S. 

Bitter. Arzt zu Rottenburg. Galenus' Leistungen in der Augenheilkunde, 
in V. Walter und v. Ammon's J. f. Chir. und Augenheilk., N. F, B. I. H. 3. Berlin 
1843. (Enthält nur die Anat. u. Phys. d. Galenus. 

Magnus, Anat. d. Aug. b. Griechen u. Römern. 1878. 

Daremberg. Oeuvres de Galien. Paris 1834—1856. 

Hirschberg, Wörterbuch d. Augenheilk.. Leipzig 1887, S. 10 ff. 

Der Text des Galenus ist sehr verdorben und auch mit Hilfe des Auszugs, 
den Oribasius uns hinterlassen, nicht immer richtig zu stellen. (Vgl. Oribasius, 
Ausg. von Bussemaker und Daremberg, Paris 1858. Band III, S. 294 — 304. 

Die Darstellung des Galen ist wortreich und langweilig, da er stets den 
teleologischen Standpunkt in den Vordergrund drängt. Der Auszug des Oribasius, 
welcher den Wortlaut ziemhch gewahrt hat. ist weit angenehmer und lesbarer; 
doch fehlen ihm die Lider. Muskeln. Thränenwerkzeuge. Meine Uebersetzung ist 
gekürzt und nicht wörtlich, sondern sinngemäß. 

3) vsöpov. wörtlich Sehne, Schnur; latein. nervus (mit Metathesis,. althoch- 
deutsch snara. snuor; sanskrit snavan, Sehne. (Gurt. Etym. S. 316. Galen (?) 
de mot. musc.) leitet das Wort vsüpov irrig ab von vetistv. nicken. Das Beiwort 
vcuptTTj; foder vEupI-rtc) ist Name eines Steins in des Orph. Abhandlung von den 
Steinen. Die Neueren gebrauchen Neuritis für Nervenentzündung Neuritis 
optica. Sehnerv-Entzündung; N. retrobulbaris, Entzündung des Sehnerven hinter 
dem Augapfel; Neuro -retinitis. Sehnerv-Netzhaut-Entzündung;. Wer das Wort 
Neuritis zuerst in diesem Sinne gebraucht hat. ist schwer zu ermitteln. Castelli 

Lexicon med. 1746) hat es noch nicht, wohl aber Kraus (1844 und Littre 1863, 
in ihren medizinischen Wörterbüchern. Neurosis heißt eigentlich Bespannung 
des Bogens. (Hyrtl. Onomat. anat. 1880, S. 353.) 

4) Kp'jG-a)./.o-£toT|;, krystall - artig (eioo;. Art). Die Namen Crystallinitis, 
Crystallitis (Desm.^rres) sowie Crystallo-capsuhtis sind in Vergessenheit gerathen. 
Vom Stamme -/.p'j-,. Frost, kommt -/.pusTa/.Xo;. Eis. 

5) a'JTÖ TO -/.p'ja-oiX/.oEicEC UYpöv to rrpöJTOv iartv ö'pYotvov tt,; o'Leoj;. Wie bei uns 
die Netzhaut. Beweis dessen ist dem Galen der Star, der zwischen Krystallkörper 
und Hornhaut liege und die Sehstrahlen absperrt, bis der Star-Stich gelingt. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 193 

durchsichtig; nur so konnte er von den Farben afficirt werden. Deshalb 
konnte er nicht direkt vom Blut ernährt werden, sondern von dem (mehr 
gleichartigen) Glaskörper']. Der letztere verhält sich, wie in der Wärme 
geschmolzenes Glas; ist also weicher, als der Krystall-Kürper, und etwas 
weniger farblos-durchsichtig. 

Keines der beiden durchsichtigen Mittel enthält eine Blutader; ernährt 
werden sie durch Austausch'^), der krystallne Körper von dem glasigen, 
der letztere von der ihn umgebenden Nervenhaut. 

Diese wird von Einigen Netzhaut genannt-'). Sie ähnelt zwar einem 
Netz von Gestalt; eine Haut ist sie aber keineswegs, weder nach 
Farbe, noch nach Substanz: sondern sieht zusammengeballt wie ein Stück 
Hirn aus^). Ihre Hauptfunktion besteht darin, die A'eränderungen des 
Krystall- Körpers wahrzunehmen: sie ist dem Gehirn ein guter Bote der 
Vorgänge in dem Krystall -Körper. Sodann muss sie dem Glaskörper 
Nahrung zuführen. Sie hat Schlag- und Blut-Adern, mehr und größere, 
als ihrer 31asse zukommt. Auch die Aderhaut, welche die Netz- 
haut umgiebt, enthält zahlreiche Blutgefäße. Ihren Namen hat sie davon, 
dass sie eine Verflechtung zahlreicher Blutgefäße darstellt, wie die Hülle 
der Frucht'';. Sie bildet eine Fortsetzunü; der weichen Hirnhaut. Vorn 



1) 'ji'i.'j-zujit ÜYpov. (Von 'ja'/.oc, Glas; dies wohl von j- regnen, also ursprüng- 
hch Regentropfen. Gurt., Etym. 395.; Noch heute wird das Wort Hyalitis, Ent- 
zündung des Glaskörpers, gebraucht. — Latein, humor vitreus. corpus vitreum. 
Vitrum. Glas, durchsichtiges Ding, von vid. (Gurt.. Etym. S. 242. und Vaxicek, 
etym. W. d. lat. Sprache, S. 282. Vitrina oculi wird von Hyrtl On. anat. S. 253 
mit Recht verworfen. 

2j oicxoo3'.c, nach unsren Begriffen Endosmose. 

3) 7.acsi^/.r|3Tpo-£tOT|: yi-ujv. netz -artige Haut. äa'^t,j/.r,2Tpov von 'j.\j.zi?A'iJv). 
herumwerfen heißt das Zugnetz der Fischer. Ferner heißt or/.T'jov das Fisch- oder 
Zug-Netz, von or/.slv = ßa/.eiv, werfen. Somit dürfen wir uns nicht wundern, bei 
HiMLY 11, 390 zu lesen Amphiblestroi'ditis , inflammatio retinae; bei Stellwac. 
VON Garion Dictyitis. 

Lateinisch heißt das Netz rete. netzförmig reticulatus; neulateinisch retin a 
{sc. membrana; Netzhaut. In Avicenna's Ganon steht rescheth = retiformis . Der 
Uebersetzer Gerardus Cremonensis bildete dafür das Wort retina. [Avicenna, 
Ganon III, 3. 1. 1; vgl. Hyrtl. Onom. anat. S. 453.; Bei den Römern war Retina 
der schöne Ort, den wir heute Resina nennen. Das Wort retina ?; ist heutzu- 
tage das übliche, obwohl nicht eine Spur schöner oder bezeichnender, als Netz- 
haut. Indem man an das latinisirende Beiwort retina die griecliische Beiwort- 
Endigung -iTi; anhing, schuf man das barbarische Wort Retinitis = Netzhaut- 
Entzündung, das bei Gastelli noch nicht gefunden wird, wohl aber bei Kühn 
IS32) und Kraus ;i844;. 

4; Die Netzhaut ist ein Hirntheil. auch bei Schwalbe. -ISSü. So begegnen sicli 
alte und neue Anschauungen. 

.•; -/optov heißt Haut, auch Leder verwandt mit corium . besonders aber die 
Hülle der Leibesfrucht, die ihr. als Nachgeburt, folgt. Aristoteles sagt dafür 
auch gelegentlich bist. anim. VI. c. 3 yopto-^tor,; ;'jtj.r,v; hautartige Hülle, yopic- 
£'.rjfj; wurde auch die Aderhaut genannt. Man sieht, die Schreibart Ghoroides 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXI iL Kap. (3 



j94 XXIII. Hirschberg. 

venvächst sie mit dem vorderen Ende der Netzhaut; die Ansatzstelle hat 
Aehnlichkeit mit der der Wimpern i) am Lide. Ihre Verwachsungs-Stelle ist 
eine Kreislinie. Nämlich der größte Kreis (Aequator) des Krystall-Kürpers 
ist sowohl gemeinsame Grenze zwischen diesem und dem Glaskörper, als 
auch gleichzeitig Bindeglied für beide und noch dazu für Netzhaut und für 
Aderhaut 2). 

§ 116. Die Aderhaut ihrerseits wird umgeben von der harten Haut^). 
Die letztere ist getrennt von der ersteren in der ganzen Ausdehnung, indem 
nur durch hinübertretende Blutgefäße eine gewisse Verbindung vermittelt 
wird; aber vorn in der Gegend des Krystall-Aequators besteht eine feste 
Verwachsung zwischen beiden. 

So ist hier^) verwachsen \. die harte Haut mit der Aderhaut, 2. die 
Aderhaut mit der Netzhaut, 3, die Netzhaut mit dem Krystall-Körper, 4. die 
Netzhaut mit dem Glaskörper, 5. Krystall-Körper mit Glaskörper. Dazu 



obwohl sie sogar bei Magnus. S. 38. mit griechischen Buchstaben vorkommt; ist 
falsch; das könnte nur r eigen -artig heißen, von yorAji. 

Uebrigens hieß auch die Arachnoides des Gehirns bei den Griechen Chorioides. 
Hyrtl On. an. 'Ii3) irrt ganz und gar. wenn er glaubt, dass die Alten yopfietof,; 
geschrieben; in den guten Text-Ausgaben des Rufus, Oribasius u. A. steht nur 
yopiostOTj;. 

1) Daher stammt unser Name corpus ciliare, Strahlenkörper, — durch eine 
wunderliche Verkettung von Irrthümern. 

Cilium heißt bei den Römern nur das Lid und zwar besonders das Unterlid, 
[Plin. H, 39 93), 227; U, 37 (ö7), ■157]; supercilium die Augenbraue. Das Wort 
cilium kommt von -/.uX'-/ (xa 'j-ov-aro) twv ß/.scpäotov v.oÜMiJ.a-'j., Hesych., die Grube 
unter dem Lid, Grundbedeutung »hohl«. Vgl. Gurt., gr. Etym. -158 und Vanicek, 
latein. Etym.. 3U, der allerdings die Bedeutung Hülle bevorzugt, nach Isidor., 
Orig. II: cilia sunt tegmina. quibus cooperiuntur oculi, et dicta cilia. quod celent 
oculos. 

Im Neulatein heißen cilia die Wimpern. :Barthol. 1.3. Anat. c. 8; Hofmann in 
comm. ad Galen, de U. P. n. 737, 74l.i Dieser Mis.sbrauch stammt nach Hyrtl On. 
anat. S. 14 8! daher, dass nach Plin. fXI, 37, 157, A. v. Sillig II, 293; die Alten 
den Rand des Oberlids »cilium« nannten. — Nun wurde auch das Beiwort ciliaris 
geschaffen und der Strahlenkörper des Auges corpus ciliare genannt, und Ciliar- 
Muskel. Cüiar-Ganglien. Ciliar-Nerven und -Arterien, Cihar-Neuralgie eingeführt, ja 
sogar die Flimmerhaare als Cilien bezeichnet! 

2j Der Text ist hier falsch JII, S. 766, 4. Z. v. u.;, richtiger wohl so: -/.ctl 
Toi-rjv v-aX c'jVECC'jOEV a'jTÖ, -/.ctTa Öa-epov [j.£po;, tö oiov -fjaiocpaipiov toO -/.p'jGTc/././.oeiooü; 
d'j-s.'-jXziai hev-a, y.'Jv.Xo; oe ei; . . . opo; te. 

3" G-/.Xr,poc -/i-tü-i oder !:-/Xr,pa [i-r^-n-^c, (wie bei dem Hirn). Daher unser Name 
Scieritis für Lederhaut-Entzündung. Griechisch ist das nicht. 

Die Endung -itic, an ein Hauptwort gehängt, schafft ein Beiwort. Aber 
Sclera ist schon ein Beiwort, in weiblicher Form. Noch schlechter sind die 
Namen Sclerotica fseit den latein. Uebersetzungen des Rases und Avicenna) und 
Sclerotitis; das Zeitwort av./.TjOooj ist mehr als fraglich, und seine Spur nur in dem 
Wort cy.Xripojjj.'-/, Verhärtung, erhalten. — Die Namen dura (und Cornea) werden von 
sehr vielen Anatomen des Mittelalters und der Neuzeit für die ganze häutige 
Kapsel des Auges gebraucht. Brücke.; 

4 Am Hornhautrand, in der Gegend des Strahlenkörpers. 



Geschidite der Augenlieilkimde im Altertlium. 195 

kommen hiersclbst noch zwei äußere Verwachsungen: 6. die Sehne') der den 
Augapfel bewegenden Muskehi, welche nahe dem genannten Kreise mit der 
(Außenfläche der) harten Haut verwächst. 7. Darüber liegt die Bindehaut, 
welche die Muskeln bedeckt, die Lage des Augapfels sichert und an der 
Grenze des Weißen und des Schwarzen im Auge endigt, äußerlich über 
den erwähnten Kreisen. 

Die beschriebene Gegend 2) wird Regenbogen genannt oder Kranz. Wenn es 
dir gut glückt mit der Zergliederung, erblickst du deutlich sechs-') Kreise, einen 
über dem andren, jeden von den andren an Dicke und Färbung verschieden, 
so dass der Name Regenbogen für diese Gegend sich von selber aufdrängt'). 

§ 117. Aus der harten Haut, die genügend dick, aber nicht fest genug, 
entsteht, zum Schutz der Augenfeuchtigkeiten, vorn eine Haut, die dünner 
und dabei noch fester ist""»); sie ist ähnlich einer dünnen Hornplatte. Des- 
halb hat sie den Namen Hornhaut*") erhalten und bis heute behalten. 
Sie ist durchsichtig und gefäßlos. 



■1) äTTOveopojat;. 

2; Es ist unsre Strahlenkörper-Gegend. Galen sagt Ipt; und c-s^äv-rj. Es ist 
wohl zu beachten, dass lote ;der Regenbogen, die Götterbotin, entweder von fdpm 
reden, oder von ceI'ooj knüpfen,) zunächst nicht unsre Regenbogenhaut, sondern die 
Strahlenkörper-Gegend des Auges bedeutet, welche von all' jenen Kreisen noch 
den Namen v.'J7./.o; (= Kreis . wenigstens in Cyclitis = Strahlenkörper-Entzündung 
und in Cycloplegia = Strahlenkörper-Lähmung (von -hq-cq, Schlag, bis auf unsre 
Tage gerettet hat. 

Was wir Regenbogenhaut nennen, nannten die Griechen Beerenhaut. ö'/yoeioTj:. 
Unser Name Regenbogenhaut ist schlecht gewählt; denn nicht so in demselben Auge 
ist jene mannigfaltig gefärbt, sondern eher bei verschiedenen Menschen. Freilich 
hat schon Rufus 's. oben § MO) die Vorderfläche der Regenbogenhaut, zwischen 
Pupille und Strahlenkörper. Iris genannt. Und ebenso heißt es in der unechten 
Galenischen Schrift vom Arzt lGalen. A. von Kühn, XIV, 703]: 

'Ev [xi'z«) Toö ö'i&ot/.aoO -q ipt; •/.'J7.Äo; -oiv.O.oz toi; yryojrj.act oto -/.c.i i'pt; sy./.Tjilr, 
dr-J, rrj; r.pfjc, tt^-; ü-'/tDoiov iptv iij.^epiio.c. »In der Mitte des Augapfels liegt die Iris, 
eine bunte Kreisfläche, deshalb wurde sie auch Iris genannt von der Aehnlichkeit 
mit dem Regenbogen am Himmel.« 

Theophil. S. 64 setzt die paYoeiorj; gleicli der ganzen Aderhaut-Ausdehnung 
Iris und Choriod.) und leitet den Namen davon ab, dass sie kugelartig sei, wie 
eine Weinbeere '6 paYOstOT,; a'^iotipoetoTjc ij.b/ np a-/'qii.aTi' pct-fl cTa'y'jÄf^; Eoiv.s.]. Dann 
kann man schon das Sehloch mit dem ausgerissenen Stengel vergleichen ;Hyrtl, 
On. an. S. 389 ; obwohl ich das bei den Alten nicht gefunden habe. 

3) Man könnte sieben erwarten. So steht bei Oribasius. Aber die Lesart 
sechs (bei Galen) ist auch zu rechtfertigen. Der 7. Kreis, der der Sehnen- 
Endigungen, steht weiter ab von den andren. Allerdings folgt sogleich auch bei 
Galen im Anfang des folgenden Kapitels wieder sieben. 

4) Nach Magnus spricht der Vergleich nicht für die Feinheit des Farbensinns 
jener Periode. Ich sollte meinen, recht sehr. — wenn sie 7 Farben im Regen- 
bogen unterschieden! Der Vergleich bezieht sich aber nicht auf die Färbung 
jener Stelle, sondern auf die concentris chen Bogenlinien. 

5 Dass die Hornhaut fester als die Lederhaut, wird richtig hervorgehoben 
und macht sich bei Verletzung mit stumpfer Gewalt deutlich, wo gelegentlich die 
Lederhaut reißt, die Hornhaut unverändert bleibt. 

6) [j.£/pi oiOpo . . . v.£p7.To-£tvr,; (ytTcuv) Horn-ähnliche Haut. So auch Celsus, der 

4 3* 



196 XXIII. Hirschberg, 

Von der weichen llaul (Aderhaut) geht aus dem Kreise (des Strahlen- 
Körpers) eine Haut nach vorn, die Hornhaut zu ernähren, den Krystall- 
Körper zu schützen, die Sehe vor Blendung zu hewahren. Sie ist theils 
schwarz, theils grau') und hlau; innen feucht und weich, wie ein 
Schwamm, wo sie den Krystall - Kürper herührl, außen fest, wo sie an 
die Hornhaut grenzt: aher in der Mitte hat sie eine Durchhohrung, 
die Pupille-). Beerenhaut ■^) wird sie genannt, da man sie vergleicht 



die Uebersetzung nicht wagt, während der schwülstige Plix. XI, 37, 53] sagt: 
Media oculorum" cornua fenestravit pupilla. wo cornua = Hornhaut. -6 -/.Epcf; 
heißt das Hörn. Davon wurde ein Beiwort gebildet . v-EoaTiTt; . hornförmig. 
(DioscoR. m. m. IV. 56, ij.T|7.cuv -/.EoariTt;, papaver corniculatum. Ebenso Plix. XX. 19, 
203: ceratitis.) Die Neueren nennen nach dem lateinischen Beiwort corneus die 
Hornhaut cornea, — so schon in der lateinischen Uebersetzung des Avicenna 
■1305 und bei Gorr. 1334; — die Hornhaut-Entzündung Keratitis oder Keratoiditis , 
allenfalls (besonders in England, barbarisch; Corneitis. — Ferner wurden gebildet 
Kerato-kele Hornhaut-Bruch . Kerato-konus (Hornhaut-Kegel . Kerato-globus Horn- 
haut-Kugel , Kerato-malacia Hornhaut-Erweichung. Kera-tomie Hornhautschnitt. 
Kerato-plastice (Hornhaut-Ueberpflanzung . Kerato-nyxis (Hornhaut-Stich). Kerato- 
scop (Hornhaut-Prüfer). 

1) C7.'.6-; wird von Darejiberg falsch mit braun übersetzt; diese Farbe wu'd 
(nach den Alten) erhalten, wenn man schwarz mit weiß mischt! 

2 v-op-f,, Mägdlein, Püppchen; lat. pupa. pupula. pupilla. (Vgl. § 33.) 

Das griechische Wort diente schon den Alten zur Bildung der Aus- 
drücke -XaT'j-/.op(7, -/.•■/T'j-/.optac;'.:, Pupillen-Erweiterung; und GT£vo7.'-jpt7, a-£vo7.opiaat;. 
Pupillen -Verengerung. Tl/.'-a-r'j; breit, ctevo; eng.) Die Neueren setzten sogar 
Acoria = Pupillen-Mangel, während d-/.opta = Unersättlichkeit; sie bildeten ferner 
corectopia Pupillen-Verlagerung (£V.--:oro; entfernt ; coremorphosis , Pupillen- 
bildung (aop-^oj-i;); Polycoria, Vermehrung der Pupillenzahl; Corektomie. Pupillen- 
Ausschneidung (£-/.TO[jLTi) ; Coreoncion, Pupillen -Häkchen ('"-f/.i-.o; = uncinus. das 
Häkchen) u. A., was ganz überflüssig. 

Das lateinische Wort ist in die meisten romanischen Sprachen und 
in das Englische übergegangen. Sehloch. Sehe sagt Oken. — Hyrtl On. 
an. 435 irrt gar sehr, wenn er la prunelle — Pupille, franz.. auf die Iris 
bezieht, weil nur diese blau sein könne. Die Pflaume heißt prune, aber la pru- 
nelle die Schlehe, mit schwarzblauen Früchten. Vergeblich sucht man aller- 
dings im Dictionnaire de l'Academie Francaise. in Diez' etym. W. B., bei Littre 
und RoBix hierüber Belehrung. Man findet sie in Glossar, med. et inf. lat. VI, 349: 
Prunellum, prunum silvestre, nostris prunelle. unde Pupillae nomen .... Prunella, 
prunula aut globuli nigelli instar prunelli. Vgl. Littri: dict. de 1. lang. fr. 
III. -1373 Prunelle. fruit de l'epine noire . . . pupille de l'oeil. So schon im H. Jahrb. 
(Lois de Guill. 21 . Also auch darin irrt Hyrtl. dass Lieutaud das Wort prunelle 
für Pupille zuerst gebraucht habe. Uebrigens steht auch noch im Dict. de TAcad. 
fr.: Pupille, s. f. T. d'Anat.. la prunelle. 

3 paYosioTj; von oa; Beere, lat. acinus. Die Traube heißt ci-racf^-j /.-/,, lat. uva. 
Gewöhnlich wissen das die Aerzte nicht genau. — auch die nicht, die es wissen 
müssten. da sie mit Erklärung der Alten sich beschäftigen. Das Wort pct-coEic^r,; 
ist aus den neueren Schriften verschwunden, dafür ist seit den latein. Ueber- 
setzungen der Araber von dem neugebildeten Beiwort uveus, traubenartig,) das 
Hauptwort uvea eingedrungen und bedeutet: 1. ursprünglich, die ganze Aus- 
dehnung der weichen Haut, d. h. Ader- und Regenbogenhaut; 2. heutzutage, die 
Pigment-Schicht an der Hinterfläche der Regenbogenhaut, Beides ist Miss- 
brauch. 



Geschiclite der Augenheilkunde im Alterthum. 197 

mit der Beere einer Weintraube in Beziehung auf die glatte Außen- und 
rauhe Innen-Fläche. Allein an der Stelle der Durchbohrung ist zwisclien 
Hornhaut und Krystall-Kürper keine (undurchsichtige) Haut vorhanden; sondern 
wie durch die ganz dünne und durchsichtige Ilorn-Scheibe ') (einer Laterne) 
hindurch findet die Begegnung und Mischung der inneren und der äußeren 
Lichtstrahlung statt. 

Damit nun die Hornhaut auch an der Durchbohrungsstelle nicht den 
Krystall-Kürper berühre, ist erstlich dieser (der mittlere) Theil der Hornhaut 
weiter nach vorn geführt, und zweitens eine dünne farblose Flüssigkeit wie 
das Eiweiß-), [vorn] um den Krystall-Kürper ergossen und drittens der ganze 
Raum der Pupille mit leuchtendem ätherischem Hauch erfüllt'^). 

Das Wasser hindert die Austrocknung^). Die Hinterfläche der Beerenliaut, 
welche die Krystall-Feuchtigkeit berührt •''), gleicht einem feuchten Schwamm. 

§ 118. Die hintere Fläche des Krystall-Kürpers, welche auf dem 
Glaskürper ruht (schwimmt) ''), ist ganz nackt. Die beiden Feuchtigkeiten sind 
hier nicht von einander getrennt. Aber der herausragende, vordere Theil des 
Krystall-Kürpers, der die Beerenhaut berührt, ist von einer zarten und durch- 
sichtigen Haut umkleidet. Sie ist glatt und glänzend, mehr als alle unsre 
Spiegel. Und auch das Bild des Püppchens bildet sich in ihr, wie in 

Die Bedeutung I für uvea uviformis, rhagoides; findet sich schon von Carpi 
1Ö23) und Vesal (!543; bis Eschenbagh iTöOi und Duverney ;I761,, nach 
E. Brücke. 

Beerenhaut wollen wir nicht. Bogenhaut können wir nicht sagen. Am 
besten wäre Blend-Haut; denn Blende heißt in optischen Werkzeugen die mit 
einer mittleren Durchbohrung versehene schwarze Metallplatte, welche die Band- 
strahlen abfängt. Der griechische Ausdruck ist T—oYjasvo; -/itiüv, durchbohrte 
Haut, von TiTocttvoj. durchbohren. Lateinisch perforata. 

1 Wir würden sagen Glas-Scheibe. Solche waren den Griechen unbekannt. 

2 Das Kammerwasser hat nicht die Dicke des Eiweißes aus einem Hühner-Ei, 
wird aber von den Alten als 'jyc^v; Jjostoi:, eiweißartige Feuchtigkeit, bezeichnet. 

3 Für diese wunderliche Behauptung giebt Galen folgenden Beweis: Das 
lebende Auge ist prall, das todte schlaff. Wenn am Lebenden ein Auge ver- 
deckt wird, erweitert sich die Pupille des zweiten, — was ja ganz richtig ist. 
Bläst man an einem aufgeschnittenen Auge die Beerenhaut von innen her auf 

mit einer Bohre); so wird das Sehloch weiter. Bei Greisen wird die Pupille 
enger, da ;vom Hirn) die Innervations-) Luft spärlich zufließt, und dadurch die 
Hornhaut runzlig, das Sehen gestört wird. 

4) Glaucom ist dem Galf.n vollständige Blindheit durch Austrocknung und 
durch Erstarrung der Krystall-Feuchtigkeit. 

r>] Wir haben hier wieder den Widerspruch zwischen der anatomischen 
Theorie und der pathologischen des Stars, jedoch nicht so ausgeprägt, wie in 
§ 112. da bei Galen Berührung zwischen Begenbogenhaut und Linsen-Aequator 
angenommen werden könnte. -6 o' •j-Epy.'jr-ov arav eh toüv.to:, -LaOov toö oa-fOiiooD;, 
Tov /.£"ov to5tov v.n). /.au.Ttpöv -rjr/^i'^l-q-y.i yirvyia. »Aber die ganze vordere Hälfte 
des Krystalls), die nach außen hervorragt und die Begenbogenhaut berührt, ist 
mit dieser zarten und glänzend-durchsichtigen Kapsel bekleidet.« 

6, j-;oyoy[j.£vov. [Fehlt im Thes. I. gr.; 



198 XXIII. Hirschberg, 

einem Spiegel '). Die Ci estalt des Krystall-Kürpers ist nicht die einer voll- 
kommenen Kugel; durch ihre mäßige Abplattung ist sie sicherer befestigt. 

Die Hornhaut (und das ganze Auge) ist geschützt gegen kleine Fremd- 
körper durch die Pallisaden -) der Wimpern; gegen gröbere Verletzungen 
durch die vorspringenden Knochen der Stirn, Wange, Nase, die mit Haut 
bedeckt sind, und durch die Lider, welche als Schilde^) wirken. Sie sind 
gut beweglich, da sie einen zwar festen , aber nicht knöchernen Körper 
(den Knorpel) enlhalten. 

Die Knoclienhaut dringt vorn am oberen Rand der Augenhöhle, bei 
der Augenbraue, hinein in das Lid^) bis zu deren Rand; dann kehrt sie 
zurück^) nicht bis zu ihrem Ausgangspunkt [sondern bis zum Gewölbe] und 
verwächst'') mit den unter ihr liegenden, den Augapfel umgebenden graden 
Augenmuskeln und zieht nach vorn bis zur Gegend des Strahlenkörpers, 
um dort mit dem Rand der Hornhaut zu verwachsen. (Unklar ist diese 
Beschreibung nicht, nur die Auffassung von der unsrigen abweichend.) Der 
Raum im Lide zwischen den beiden Blättern des Periosts'') enthält einige 



1) 7.at C/Tj y.nX TÖ ir^i v-opr^; eiciajXrjv olo^ sv v.aTOTrTpto tivI [tootio] ouviaxaTat. [Das 
Wort TO'JTO) fehlt in dem Text des Oribas. III, S. 303, Z. 8. Hingegen hat 
Theophil. S. 65: to'jtw -w yi-öjvi, und erklärt die vordere Linsenkapsel für eine 
Fortsetzung der Netzhaut.) Weder die lateinische Uebersetzung bei Kijhn noch 
die französische bei Daremberg giebt einen richtigen Sinn. Auch Anagnostakes 
hat die Stelle falsch gedeutet, er liest schlank otä rrj; v.oprj;. Kopr^ ist hier das 
Kindchen oder Püppchen, von dem das Sehloch den Namen erhalten. 

Wir wissen ja allerdings, dass dies Bildchen von der Hornhaut gespiegelt 
wird; das von der Linse ist zu schwach und so nicht wahrnehmbar. 

2) oiov yapay.d Tiva -zur) [j-r/.pojv hizy.n. rrpord^a; aoj;j.d-tuv. yäpa; heißt Pfahl , bei 
den Späteren auch Pfahlwerk (/apd-/.oj(j.a). 

3) T-y.'jTt T7. 7£ppa. Das sind geflochtene, mit Leder überzogene Schilde, z. B. 
der Thraker. — Das Lid heißt ß'/.Ecpapov. [Es ist fraglich, ob das Wort aus [il/ir-Zapov, 
vom Stamme ß/iroj, schauen, entstanden ist. Gurt. Etym. S. 505.] Die Wimpern 
heißen jiiXe'fapirjs;. Wir haben theils von den Alten übernommen, theils und 
hauptsächlich neugebildet die folgenden Worte: Blepharitis, Lid-Entzündung; 
Blepharadenitis, Lid-Drüsenentzündung (äoT,v Drüse); äYv-uXcIiÄscfapov, Anvvachsung 
des Lides, von den Neueren irrig als Sym-blepharon bezeichnet; Blepharophimosis. 
Lid -Verengerung (csi;j.üjau, cpt[A6; = Maulkorb) ; Blepharoplastike , Lid - Bildung 
(-Aactt-/.-fi = Bildnerkunst); Blepharoplegia, Lid -Lähme (-/.Tj-ff] Schlag); Blepharo- 
ptosis, Lid - Senkung (—wat; , das Fallen); Blepharochalasis, Lid -Erschlaffung 
(ydXaau); Blepharospasmus, Lid-Krampf (aracp-o?) ; Blepharospat, Lid-Spatel [•z-.öMr^ 
Spatel); Blepharo-stat, Lid-Halter (oTaTÖ; fest); Blepharoxysis, das Lid -Schaben 
(;6gi;).' 

4) Das ist unsre Fascie oder Sehnenhaut. 

5) Das ist unsre Bindehaut und zwar die der Lider. 

6) Als Bindehaut des Augapfels. 

7) An andren Stellen fz. B. XII, 711) nennt Galen dieses Periost auch die 
angewachsene Haut. 

-/.aXoüGi o£ . . . . i-tTrecp'jv-oTGt, otoxi Man nennt sie die aufgewachsene 

7oT; aXXoi; ooot tov 6cp&c<Xp.6v a\)io-i cjv- Haut, weil sie auf den andren Häuten, 
iGTöiat yiTöictv dTttTTscßu-AEv e|oj&ev, cuvosc- die den Augapfel selber zusammensetzen. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 199 

fettbildende Körper '). An der L'mbiegungsstelle des Periosts (dem Rand- 
theil des Lids) befindet sich eine Bildung, die härter ist. als eine Haut, und 
Lidknorpel (Tarsus) genannt wird-). 

§119. Die Bewegungen des Augapfels werden von den Muskeln 
bewirkt. 

Es giebt vier Bewegungen des Augapfels: nach innen zu gegen die 
Nase hin, nach außen gegen die Schläfe hin, nach oben gegen die Brauen, 
nach unten gegen die Wangen. Somit giebt es vier (grade) Augenmuskel, 
einen innen, einen außen, einen oben, einen unten. Nach vorn zu gehen 
sie in Sehnen über und bilden einen Kreis mit einer platten Aponeurose, die 
an der Ciliargegend endigt. Außerdem giebt es für die Raddrehungen'' 
zwei schiefe Muskeln^), einen oberen und einen unteren, die nach dem 
kleinen Augenwinkel sich erstrecken. Es giebt auch noch einen großen 
Muskel rings um die Wurzeln der andren, der den Sehnerv einhüllt und 
schützt 5). 



[j. o; wv v.oil rj:jxhz SXw tÖ) ö'iOaXp.w ttijo; Ta draufgewachsen ist von aui3en und aucli 
-£ot7.£iij.iva Ttov ötJTtüv. selber eine Verbindung darstellt für 

den ganzen Augapfel mit den umliegen- 
den Knochen. 
Daraus wurde bei den Neulateinern tunica adnata (von Vesal richtig für 
•/.axact'jat; des Galen, Nutz. d. Theile, V, 2; falsch ist agnata); conjuncta, (und seit 
Berengarius) conjunctiva. Hieraus hat man gebildet: Conjunctivitis (!), Binde- 
haut-Entzündung, wofür Gelahrtere Syndesmitis sagten (von ouvoeap-oi, Verbindung . 
\) Die MEiBOM'schen Drüsen. Galeist Band III. S. 792, Z. 4 v. u. muss coja-aT'/ 
statt atuij-aro; gelesen werden. 

2) -c([io6; oder Tappo:. Das Wort heißt eigentlich Darre, Flechtwerk, und 
kommt vom Stamme -epc-, trocken machen, althochdeutsch deru , lat. torreo. 
Es bedeutet bei den Griechen das Gerüst der Fußwurzelknochen, die Schwung- 
federn am Ende der Flügel, die Ruder-Reihen, die Lidfugen mit den Wimpern. 
Galen nennt (c. IX) den Tarsus yovopostofj:, knorpelartig, was zufällig — ganz 
richtig ist. In der unechten hippokratischen Schrift von der Sehkraft (c. 4^ wird 
er als yovopo; bezeichnet. (Littre IX. S. 156; s. oben § 74.) Wir gebrauchen 
Tarsitis , Lid-Entzündung ; Tarsorraphia , Lid -Naht (poitifi); Tarsotomia . Lid- 
Schnitt (TOiJ.fj). 

3) 7:epiOTp£Cf£cÖai. 

4) o'jo (J.Ü; Xö;o'j;. Die Rolle (trochlea, Tpo/i/.ia des oberen benannte 
Arantius (1567). Den musculus trochlearis benannte Casseriüs, den zuge- 
hörigen nervus trochl. Molins (London 1670 . Vgl. Hyrtl, On. an. S 571. 

5) Das ist der sogenannte Retractor, der nicht bei Menschen und Affen vor- 
kommt; wohl aber bei denjenigen Säugethieren, bei denen die Augenhöhle nach 
der Schläfenseite hin offen ist, z. B. bei den größeren Pflanzenfressern. Er bildet 
eine trichterförmige Masse, die aus der Tiefe der Orbita gegen den Augengrund 
gerichtet ist und den Sehnerv einschließt. Natürlich liegt der Retractor im Innern 
des Raumes, den die Recti umschreiben. (Leuckart, Organologie des Auges, in 
Graefe-Saemisch, I. Aufl., II. Theil, S. 2()9.) Galex, der an unzähligen Stellen zu- 
gesteht nur Thiere, hauptsächlich Affen und andre Säugethiere zergliedert zu 
haben de dogm. Hipp, et Plat. 1. VI, A. v. I.Müller, Leipz. 1874. S. 530; admin. anat. 
VI, S. 167 , weiß allerdings nicht, dass dieser Retractor dem Menschen fehlt; denn 



200 ^III- Hirschberg. 

Von den Lidern ist das untere fast unbeweglich, das obere kann ge- 
hoben und gesenkt (geölTnet und geschlossen] werden. Trotzdem hat man 
ihm Muskeln abgesprochen. Es giebt aber kleine Muskeln unter der Fascie 
und zwar zwei: der eine zieht das Lid herab, der andre herauf. lieber 
die Muskeln des unteren Lids konnte Galen keine Klarheit gewinnen, auch 
nicht bei den Operationen wegen Thränensack-Leiden. 

§ 120. Im großen WinkeH) ist ein fleischiger Körper 2) angebracht 
zum Schutz für die (beiden) Oeffnungen •*), aus denen die Absonderungen 

er sagt in der von uns hier übersetzten Schrift: Bei Vortreibung des Aug- 
apfels mit erhaltener Sehkraft, in Folge von Verletzung, ist jener Muskel 
zerrissen; bei Vortreibung des Augapfels mit Erblindung auch der Seh-Nerv. 
Wegen des Retractor ist Galen herb von Vesal getadelt worden. Aber ohne 
Grund liat Sprengel Gesch. d. Arzneikunde, II. Aufl. II Th. S. 143 behauptet, dass 
ihm »der wunderbare Drehmuskel des Auges unbekannt« sei. Denn Galen kennt 
beide schiefen Augenmuskeln. 

Weniger klar ist er bei den Muskeln der Lider. XVIII b 923 Von der Zer- 
glied. d. Muskeln) spricht G. von 6 bewegenden Muskeln des Auges, und einem 
im Grund, der es befestigt. Aehnlich VIII, 218 über die Leiden der Theile c. 2. 
Vgl. Band II, 443 anat. administ. 1. IV, c. 5 : »Man brauche keine Affenaugen zur 
anat. Unters., da wir überflüssige Gelegenheit zu solchen Unters, bei größeren 
Thieren haben.« 

1) -/-<j(v!)rj;, Augenwinkel. So schon Aristoteles. Hyrtl, On. an. S. 84, irrt, 
wenn er die ursprüngliche Bedeutung als Radreifen angiebt. Dieser canthus ist 
ein Hispanisches Wort, das Persius aufgenommen. Hyrtl irrt auch mit 
Hesych. -/.ocvtlo;' ö Toü öcft}7?.[j.oO -/.uy.Xo:, da dies nur eine Erklärung von Dichter- 
Stellen ist. Beiläufig heißt der Thränensee dichterisch -rt-ir„ Quelle, oder pav-r^p, 
Befeuchter Pollux, nach Nicander;. 

Die folgenden Namen sind noch heute in Gebrauch: 
I. Canthoplastike, Augenwinkel -Bildung ;-XaaTty.f,j, 

II. i-iv-n-t'^U, a'j;-^a'.; toj -/.avSoj ;Galen VI, S. 870:, Geschwulst der Carunkel: so 
auch noch bei Mackenzie in unsrem Jahrhundert; bei späteren Griechen 
Pollux 2, 71. und Hippiatr. p. 119, IS) dafür auch s-r/.'/viU:. 
III. Epicanthus, halbmondförmige Hautfalte, welche den medialen Augenwinkel be- 
deckt. Der Name ist von v. Ammon im ersten Drittel unsres Jahrb. , aber 
nicht glücklich gewählt. 
2; aotv.pöjoj; ccTj;j.7, lat. caruncula. Schon bei Celsus VII, 7. 4; heißt es: ne 
ex angulo oculi caruncula abscindatur. Wir sehen an diesem Beispiel, wie eine zu- 
fällige, rein beschreibende Bezeichnung im Lauf der Zeit zu einem festen Kunst- 
ausdruck erstarren kann. Uebrigens hat schon Aristoteles in einer allerdings 
nicht ganz klaren Stelle das Wort v.psöjos;, fleischartiges. Zta 9. 491 b, 25: idy ö; 
oiov ol v-iviz 7.p£{üo£; sywat to rpo; tw [j.'jy.T-?jpi, rovfjpia;. »Wenn aber die Falte plica) 
einen Fleischkörper nach der Nasenseite zu besitzt, so ist das ein Zeichen von 
Schlechtigkeit.« Die Stelle wird klar aus dem Citat bei Galen (IV, 796 , der das 
Wort olov vor y.p£(I)0£; stellt. Magnus 1. c. S. 10 übersetzt »v-i^zc. y-pswos;, fleischige 
Falte«. — Aber 01 y.-:£v£c = Nickhaut, Falte, plica. Arist. V, 411.; 

3) Tpfj[j.a-7.. So habe ich in der sogenannten Augenheilk. des Alex. Tralli- 
ANUS, herausgegeben von Puschmann, Berlin I88G, S. 114, eine Stelle verständlich 
gemacht, indem ich Tp-^ixaTo; statt -rpiaiJ.c/.ro; setzte: -131 ij.£\» iv, -roj ci'jsiy.oiJ -rpraa-o; 
:;'jppir eU to'j; [rjy.Tfipa; -rö tOov. »Einigen fließt aus dem natürlichen Loch der Eiter 
in die Nase.« Von oay.p-jov. Thräne. sind die heute noch üblichen Namen: Dacryo- 
cystitis, Thränensack-Entzündung y.'JG-t:, Blase ; Dacryolith. Thränenstein JX'doc); 
Dacryops, nach Analogie von Aegilops, von Schmidt gebildet, = Retentionscyste 
der Thränendrüse. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 201 

der Augen nach der Nase^j fließen: er verhütet, dass die Thränen an dem 
Winkel überfließen und leitet sie in die dazu bestimmten Oefl"nungen 
hinein. Durch unvorsichtige Zerstörung des Fleischkürpers entsteht das 
Thränenträufeln 2). 

Die OefTnungen gehen durch bis in die Nase und geben oder 
nehmen-*) Feuchtigkeit, je nach Bedürfniss. 

Auch zwei Drüsen^) giebt es zur Befeuchtung des Auges, eine obere 
und eine untere, die aus sichtbaren Oefl"nungen Flüssigkeit ergießen, ähn- 
lich den Speichel-Drüsen. Das starre Fett um die Augen dient den letzteren 
zum Schutz. 

§ 121. Die beiden vom (jiehirn zu den Augen gehenden Sinnesnerven s), 
welche Herophilüs Kanäle (^lopouc) genannt hat, weil in ihnen allein die 
Bahnen der Innervation'') deutlich und klar sind, verbinden sich inner- 



I »Arzneien, die man ins Auge streut, werden kurze Zeit darauf ausgespuckt 
oder ausgeschnaubt«, sagt Galen. 

2; öo'.a; o'jdzj. Wir kommen auf die griechische Auffassung dieser Krankheit 
noch zurück, betonen hier nur, dass Galen sowohl die Thränenpunkte kennt, als 
auch den Thränennasengang. Letzteren nach Lykos. Vgl. Galen XVII a, 966: 
A'jy.o; £■/. Ttuv ö'j^il'y./.ij.iuv eU 'j-£poj'y.v cTjai lirfAn-/ -öf/ov. »Lykos sagt, dass vom Auge 
ein Kanal zum Gaumen gehe.« 

3) Das erstere war ein Irrthum der Alten. Vgl. Celsus VII. 7. 4, u. § ITS. 

4) o'Jo äoävic, daher Dacry-adenitis, Thränen-Drüsenentzündung ;oa-/,p'jov 
Thräne , noch in der ersten Auflage von Graefe-Saemisch. 

Es heißt hier bei Galen: dz tt,v eOy.rjXiav twv v.tvrjaeouv vm o'jo äosvec i-iv/o^izo -/.ail" 
ivA-soo^ Ö'y'»^'2/-[J-6v, 6 [j.£v iv. rtüv vA-m [j.£[j(üv, 6 ok iv. -löyi avtu, rropot; aisihfjToT? ei; aÖTou: 
iv.yiOVTEC 'JYfjov, olrr^TTifj ei; to ijtoij.o. to ctd'/.ov i'ioys'VJO'jGVi ot rrapd tyj oi-q ttj; y''-'"~"''(' 
äosve:. »Um leichte Beweglichkeit zu erzielen, sind auch noch Drüsen in jedem 
Auge, eine untere imd eine obere, die durch wahrnehmbare Oeffnung auf das 
Auge eine Flüssigkeit ergießen, grade wie die Drüsen an der Zungenvvurzel den 
Speichel in den Mund ergießen.« Hyrtl On. an. 271 sagt, dass die Thränendrüse 
den Griechen ein räthselhaftes Organ gewesen, dem Galen keinen Xamen zu 
geben wagte. Wharton 1650 habe sie glandula innominata Galeni genannt. 
Erst durch Stensox Steno, IGGT: sei die wahre Natur als glandula lacrimalis fest- 
gestellt. Ich meine, dass Galen schon eine ziemlich richtige Ansicht 
hatte. 

5) v£jpa a[a9rjTt7.7.. 

6 Ol ToiJ -vE'jij-aToc öoof. Diese wunderliche Ansicht ist von den Griechen 
ausgebildet worden, da sie im Sehnerv größerer Thiere den für die Netzhaut-Blut- 
gefäße bestimmten Centralkanal deutlich sehen konnten: was Galen, im l.'j.Kap. 
dieses Buches und in der Schrift von den Ansichten des Hipp, und Plato VII, 4, 
Band V, 612 der KÜHN'schen Ausgabe) ausdrücklich hervorhebt. Vgl. Band II, 823 
und IV, 273. 

Am deutlichsten ist die Stelle aus den Ursachen der Symptome I. c. 2. 
Band VII, 89.) 

Aoy.£i 0£ (J.01 TO ä-' i-[v.s.ffd).ryj v.aTa- Es scheint mir der vom Hirn zum 

c.£p6tA£vov Izl TÖv ('jtpöaXaov v£üprjv, ö oTj Auge ziehende Sehnerv, den die Herophi- 
v.oX TTopov övop.dCo'jaiv ot Trepl tov 'Hpo'.f i- leer Kanal nennen, weil in ihm allein die 
Xov, oTt TOJTt;) ixovov '.ictvepov ia-i to -ryr,- centrale) Durchbohrung sichtbar ist, als 
u7, t:v£jij.7.to; ■jtAo/zim öoo; citsOrjTf/.oO. Bahn der Sinnes-Innervation zu dienen. 



202 XXIII. Hirschberg, 

halb des Schädels, vereinigen ihre Kanäle, und gehen wieder auseinander, 
jeder zu seinem Auge. 

Es ist keine Kreuzung der Nerven, so dass der aus der rechten Hirn- 
hälfte hervortretende Nerv zum linken Auge zieht, und umgekehrt; sondern 
die Figur dieser beiden Nerven ähnelt am meisten dem Buchstaben X',. 
Sie legen sich nur darum aneinander, um ihre Kanäle zu vereinigen. Die 
Achsen der Sehstrahlenkegel beider Augen haben als Anfang die vom Hirn 
her kommenden Kanäle der Sehnerven. Zwei grade Linien, die in einem 
Punkte sich schneiden, liegen in einer Ebene, wie Euclid im 11. Buch 
seiner Elemente bewiesen. Auf derselben Geraden liegt die Pupillenmitte 
und die Eintrittsstelle des Sehnerven und der Vereinigungspunkt beider Seh- 
nerven: folglich liegen beide Pupillen-Mitten in derselben Ebene. Somit ist 
Einfachsehen mit beiden Augen möglich. Denn Doppeltsehen tritt ein. 
nach dem Versuch, wenn die eine Pupille nach oben oder nach unten ge- 
schoben wird, fehlt aber bei dem gewöhnlichen Schielen, wo die eine 
Pupille, in der ursprünglichen Ebene, nur seitlich verschoben ist 2). 



Denn wenn wir ein Auge schließen, erweitere sich die Pupille des andren, 
weil nun in das letztere das ganze Pneuma eintritt. Ein Star-Auge, dessen Pu- 
pille nicht weiter wird, wenn das andre Auge sich schließt, kann nicht zur Seh- 
kraft gebracht werden. 

ic wv äravTwv £'jÖ7]Xov, oj? d-ippsi -i Aus all dem ist ganz klar, dass 

-^je'jij.a ToT; öcpSaXp-oT? i^ i'(v~z^d'kou ii'jyi- den Augen eine seelische Luft zuströmt, 
y.öv, £i; Te tö v.p'jcTaXXoeios; ufpov a'jxo indieKrystall-Feuchtigkeitselberundden 
■/.rix TTjv T:pov.£ip.£vr,v aTziaa-i ywprx^i, r^-i oto- ganzen davor liegenden Raum, den das 
pi'Cjt -0 Tpfj(j.a Toü paYOEiooij:. Loch der Regenbogenhaut abgrenzt. 

In der Schrift von d. Ansicht, d. Plato's u. Hipp. (VII, 4; Band V, 612) er- 
wähnt er auch eine obere Durchbohrung am Anfang des Sehnerven (Tractus. — 
Nach Eristratus sind alle Empfindungsnerven hohl. (Rufus, Anat. , am Ende; 
R. & D., S. 185.) 

A, Hirsch hat diese Stellen nicht richtig aufgefasst. 

)) oaoi'jTatov tÖj X Yoaau.7-1 iGri vs'jpwv to'jTtuv -Jj ayr^ij.'x. Dieser Satz des 
Galex ist seltsam, da er ausdrücklich sagt, dass keine Kreuzung statt hat, wäh- 
rend das yi aus 2 überkreuzten Schräglinien besteht, auch in allen Formen, die 
Thesaurus 1. Gr. Band VIII, 121 3 — 14 dargestellt hat. Wurde der Buchstabe viel- 
leicht doch auch )( geschrieben? Jedenfalls stammt hiervon unser Name Chiasma. 
Bei den alten Griechen bedeutete das Wort yf^.cij.a ydas Zeichen Chi«, das Kreuz- 
holz, die Kreuzung einer Binde; ferner xrxaij.6z, die Kreuzung. Das letztgenannte 
Wort wird schon bei Gastelli für Kreuzung der Sehnerven gebraucht. Eingeführt 
hat es Laurentius (anatom. XI, c. 8). Chiasma ist heute allein üblich, nachdem 
zuerst Vesal als Chiasma den congressus nervorum opticorum bezeichnet hatte. — 
Bei den Römern war X bekanntlich das Zeichen für die Zahl zehn und hieß 
decussis von decem, zehn, und as = el;, eins. Daher Decussatio (Vitruv), der 
kreuzweise Durchschnitt zweier Linien. Unsre Aerzte sagen Decussation und 
sogar — Semi-Decussation, was doch nicht Halbkreuzung, sondern höchstens 
V = fünf bedeuten könnte. Vieussexs /ITIä) hat zuerst von decuss. partialis ge- 
sprochen. Vgl. Hyrtl, On. an. S. 106. 

2) Man sieht, dass an sich richtige Beobachtungen, die aber unvollständig 
sind, in einer falschen Theorie ausgearbeitet werden. Freilich macht sich Doppelt- 
. sehen mit über einander stehenden Doppelbildern störender geltend. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 203 

Also der vornehmste Zweck der Sehnerven-Vereinigung ist 
der, nicht jeden äußeren Gegenstand doppelt zu sehen'). 

Die Bewegungs-Nerven des Auges sind von Galex in seiner Zer- 
gliederung der Nerven abgehandelt 2). 

Da die Riechnerven nicht gezählt wurden, bildeten eben die Sehnerven 
das erste Paar der Hirnnerven. Das zweite Nervenpaar vertheilt sich in 
die Muskeln, welche die Augen bewegen 3j. 

§ 122. AVer den Beruf des Geschichtschreibers nicht darin findet, 
die Ur-Ahnen zu — schmähen, muss zugestehen, dass die auf Grundlage 
der Alexandrinischen^) Forschungen aufgebaute imd durch eigne Unter- 
suchungen vervollständigte Anatomie des Auges, wie Galex sie uns über- 
liefert hat, allen vernünftigen Anforderungen entspricht^); auch eine gute 
Handhabe für Erkenntniss und Behandlung der Augenkrankheiten zu liefern 
im Stande war. Somit dürfen wir uns nicht wundern, dass die späteren 
Griechen, wie Oribasius, Aetius, Theophilus, sie einfach abschrieben oder 
auszogen; dass Araber, Arabisten und sogenannte Wieder-Erwecker der 
Wissenschaft nichts besseres an ihre Stelle zu setzen wussten. Wir werden 
noch sehen, dass der mit Recht so hochberühmte A'esal, der Neubegründer 
der Zergliederungskunst, grade auf dem Gebiet des Auges über Galex nicht 
weit hinausgekommen ist; dass, mit kurzen Worten, Galex's Anatomie 
des Auges bis zum vorigen Jahrhundert ihre unbestrittene Herr- 
schaft geübt hat. Dies rechtfertigt wohl die ausführliche Besprechung, 
zumal auch fast alle noch heute im] Mund und in den Schriften der Fach- 
genossen lebenden Kunst ausdrücke an die griechischen Namen anknüpfen 
oder wenigstens mittelbar auf sie zurückzuführen sind. 

Ueber diese ist das Nöthige bereits in den Anmerkungen zu den letzten 
Paragraphen gesagt. Es dürfte aber von Interesse sein, die A'on der ana- 
tomischen Gesellschaft neuerdings herausgegebene anatomische 



■I) T.rnü-Ti 7.0.1 d^rx-iY.aiozdz-q yp^ia to »j.Tj ösaja'Sat oittÖv s'y.otSTOv tAv iv-tö;. 

2j c. 3, Gal. B. II, 883. Vgl. Über die Leiden der Theile IV. c. 5. Gal. VIII. 
236; III, 732; III, 739; III, 638. 

3) Eine kurzgefasste Anatomie des Auges bringt, als Einleitung zu den 
Augenkr., Aet. VII, c. l. 

4y Den »Entdeckungen« im Einzelnen nachzugehen, ist völlig unfruchtbar, da 
alle Quellen verloren gegangen, und die späten Schriftsteller, auf die man sich 
zu stützen pflegt, ganz unzuverlässig sind. Allerdings haben die neueren Philo- 
logen es als wünschenswerth hingestellt, aus Galex selbst da, wo er nicht den 
Urheber erwähnt, die Leistungen der früheren heraus zu suchen. 

öl Statt Galex's Anatomie, was heute so leicht ist, herb zu tadeln, lese 
man seine zahlreichen Entdeckungen, wenn nicht im Original, so doch wenig- 
stens bei Hyrtl, antiquit. anatom. p. lOG, Vindobon. 1S35. 

Der tiefgelehrte Aless. Massaria (lälO — 1598) that den berühmten Ausspruch: 
Malo cum Galeno errare, quam cum neotericis verum dicere. Das können wir 
ja natürlich nicht billigen. 



204 XXIII. Hirschberg, 

Nomenclatiu' des Auges'), die im Giinzen sehr conservativ ausgefallen, hier 
beizufügen: 

Organon visus. 

Nervus opticus, Bulbus oculi. 

Tunica fibrosa oculi : sclera, Cornea. 

Tunica vasculosa oculi: Chorioidea, Corp. ciliare, Iris. 

Stratum pigmenti: retinae, corp. ciliar., iridis. 

Retina. 

Camera oculi anterior. Humor aqui'us. 

Camera oc. post. Ihimor vitreus. 

Lens crA'stallina. 

Urgani oculi accessoria. 

Musculus orbitalis, rect. sup., inf., med., lat. 

Muscul. obliq. sup., Trochlea, m. obl. inf. 

Periorbita. 

Supercilium, Palpebra sup., inf. 

Angulus oc. lateral., med. 

Tarsus sup., tars. inf. 

Conjunctiva, phca semilunaris conj. Caruncula lacrimalis. 

Glandula lacrimalis sup., gl. 1. inf. 

Ductuli excretorii gland. lacrim. Puncta lacrimalia. Ductus nasolacrimalis. 

Man kann nicht in Abrede stellen, dass (mit Ausnahme des Strat. pig- 
menti) alle diese Namen auf die von Galen uns überlieferte Anatomie 
des Auges zurückgreifen. 

§ 123. Da wir A'on den ärztlichen Namen unsres Gebietes, und ihrer 
geschichtlichen Begründung, gehandelt; wird es nicht unzweckmäßig sein, hier 
eine Literatur-I'ebersicht der medizinischen Wörterbücher anzu- 
schließen 2]. 

A. Schon im Alterthum wurden Glossarien zum Hippokrates geschrieben. 
Wir besitzen 

1. Tuiv Trap' *^l7:7:oxp7.r£t Xilswv o'y/rx-^vi'^ri \on Erotiktsvs (um 100 nach 
Chr.], in alphabetischer, nicht von dem Yf. herrührender Ordnung. Abgedruckt 
im ersten Bande der Hippokrates-Ausgabe von Foe.sius. Neu bearbeitet 
von Klein, Lips. 1865. 

"2. Ta>v Tou 'l--oxp7.Touc ''iMG^MV £;r|Y''i^-? ^'^^^ Galen (131 — 201 n. 



i) Die anat. Nomenclatur, Verzeichniss der von der anatom. Gesellschaft in 
ihrer IX. Versammlung in Basel angenommenen Namen. Herausg. von W. His. 
Leipzig 1895, S. 95 ff. 

2 Ich werde hier gleich alle die Wörterbücher anführen, die ich überhaupt 
in meiner Geschichte der Augenheilkunde benutze, und besitze, damit ich auf 
diesen Gegenstand nicht wieder zurückzukommen brauche. 

Die Wörterbücher dienen übrigens nicht blos zur Wort-Erklärung. Sie 
lehren auch gechichtliche Thatsachen. Aus Thes. ling. Graec. folgt, dass zu- 
erst Philo (20 v. Chr. bis 54 n. Chr.) und Dioscor. um 50 n. Chr.) das Wort- 
•jro/EiaO'v.t, den Star bekommen, und Celsus (25 v.Chr. bis 50 n.Chr.) zuerst das 
Wort •jTtoyjGi:, Star, gebraucht hat, — unter allen uns erhaltenen Schriftstellern 
des Alterthums. 



Gescliichte der Augenheilkunde im Alterthum. 205 

Chr.). Abgedruckt in der Ilipiinkrat es-Aiisgabe von Foesius, wie in der 
Galen-Ausgabe von Kiii.\. 

3 — 7. PoLLUX (rioA'jos'jxrjC, um ISO n. Chr., unter Kaiser Com.modus] hat 
in dem zweiten der zehn Bücher seines 'Ovo[jiaa-iy.dv an die Schrift des RuFis 
über die Namen der Körpertheile sich angelehnt. Daremberg wollte dies Buch 
seiner Sammlung der griechisch-i'ömischen Aerzte beirügen. (Ausgabe des Ono- 
mastikon von Dindorf, Lipsiae ISii, ö Yol.) 

Auch das Lexikon von Hesycihls aus Alexandrien (im .'3. Jahrb. n. Chr.), 
ferner die im 10. Jahrh. n. Chr. entstandenen Wörterbücher von Siidas und 
das sogen. Etymol. magn., die übrigens in den Thesaur. 1. gr. hinein ver- 
arbeitet sind, ja sogar noch das von Varinus Phavorinus Camers (f 1537 n. 
Chr.) wird von uns zur Erklärung einzelner Ausdrücke herbeigezogen werden. 

So werthvoll hierfür diese Grammatiker, auch auf unsrem Gel)iel, er- 
scheinen; so schädlich haben sie auf kritiklose Aerzte durch Aufbewah- 
rung ganz ungebräuchlicher Worte eingewirkt. Ein Beispiel statt vieler. 

C. Gräefe fand unglücklicher Weise in Foes. Oec. Hipp, (unter o'icVodvTj 
= Schleuder, Binde) und in Gorr. Def. med. (unter Xo'(äz) den Hinweis auf 
PoLLLx II, 75: To }X£Ta TYjV v.opTjV Xsuv.ov aTioLV Gcpsvoovrj v.rj.i XoYC/.?. »Das 
Weiße im Auge heißt Binde undLogas^).« (Aehnlich der Scholiast des Nicand., 
Hesych., Suidas. Vgl. Thesaur. ling. gr. III Ed. Y, 3 45.) 

Also gab er seinem großen, den Souveränen Europas (1825) gewidmeten 
Werk über die ägyptische Augenentzündung den Titel : 

Logado-blennorrhoea! 

El [jLYj laTpol Tjaav, ouoiv t(uv -'p7.[j.a7.Tt.7.(i)v [xoptu-spov. »Gäb's keine 
Aerzte, so war' nichts thörichter, als die Grammatiker.« (Athenaeus, XY, 

p. 666 A.) 

B. Aus dem abendländischen Mittelalter besitzen wir 

[8. von Simon Januensls (1270 — 1303) synonyma medicinae s. clavis sana- 
tionis, ein Wörterbuch der Arzneimittel-Lehre. J 

C. Sowie im Beginn der Neuzeit die gelehrten Aerzte von den Arabern 
sich los machten und zum Studium der Griechen zurückkehrten, entstanden 
medizinische Wörterbücher, die noch heute ihren Wertli be- 
haupten. 

9. Jo. GoRRAEi Parisiensis Def. med. lib. XXIV, Paris 1564 u. Frankf. a. M. 
1568. Sehr gelehrt, hochberühmt, so dass die meisten Einzel-Artikel in die neue 
Ausgabe des Thesaur. ling. Graec. übei-nommen worden sind; aber auf unsrem 
Sondergebiet nicht ganz vollständig. Enthält die griechischen Kunstausdrücke 
der Heilkunde, nach den Alten. 

10. Eine werthvolle Ergänzung zu diesem Werk bildet die Oeconomia 
Hippocratea des Foesius, in dessen Ausgabe des Hippokrates, Genf 1657. 

H. Bartholomaei Castelli Lexicon medicum graeco-latinum, Genf 1746. 
Enthält die griechischen und die lateinischen Kunstausdrücke und außerdem: 
Mantissa nomenclaturae hexaglottae, vocabula latina, ordine alphabetico, cum 
annexis arabicis, hebraeis, graecis, gallicis et italicis, proponentis, cura et 



\) Wie so, ist sclnver zu sagen, da '/.o-p-? = auserlesen, ai /.oyc/.o£; soll das 
Weiße im Auge bedeuten; in Etym. m. aber r/l 'urc/ßs^^i für ctt 'i.vr/Ahzz. Kraus, 
med. Lex. S. 575. 



206 XXIII. Hirschberg, 

studio J. Panci'. Bku.noms, philos. et med. D. hujusque in iiniv. Alldod'. 
prof. publ. 

12. Blancards arzeneiwissenscliaftl. Wörterbuch, neu herausg. nach Isen- 
FLAMM, AVien 178 8, 3 Bände. 

13. Blancardi lexicon nie di cum, ed. nov. a C. G. Ktiix, Lips. 1832, 
2 Bände. 

li. Kritisch-etymolog. mediz. Lexicon von L. A. Kraus, Göttingen 
1844 (3. Aufl.). Unkritisch, obwohl inhaltreich. 

1 5. Terminolog. Wörterbuch der med. Wissensch. von F. .T. Siebenhaab, 
Leipzig I8Ü0. 

I(). ... Medical Vocabulary by R. G. Movke, London I8öö — 1858. Kui*z 
im Stil, aber vollständig. (Ueber 1200 Seiten.) 

17. The medical vocabularv, by Fowler, London 1860. 

18. The nomenclature of diseases (by the R. College of physicians), London 
1869. (Viersprachig: engl., frz., deutsch., ital.) 

19. Dictionnaire de medecine par Littre et Robin. Paris 186ä. 

20. Die Eigennamen in der med. Literatur von R. Sv. Jena 1887. 

2 1. Wörterbuch der klin. Kunstausdrücke von Dornblvth, Leipzig 189 4. 
(148 S. in 8».) 

22. Onomatologia anatomica, v. J. IIyrtl, Wien 1880. 

23. Glossarium im Alterthum u. Mittelalter gebrauchter, in der Jetztzeit 
aber nicht mehr gebräuchl. med. ehir. Kunstausdrücke. Gurlt, Gesch. d. Chir. 
111. Band, S. 8 10 — 8 17. Berlin 1898. 

Wörterbücher der Augenheilkunde. 

2 4. Nomenclatura critica morborum ocular. by J. H. Mauclerc, London 
17 68. (Ohne jede Berücksichtigung der Quellen.) 

23. Wörterbuch der Augenheilk. von J. Hirschberg, Leipzig 1887. 
Enthält die aus den griechischen und römischen Aerzten ausgezogenen Beweis- 
stellen im Ur-Text. 

Unentbehrlich fi'ir unsre Darstellung sind 

allgemeine Wörterbücher der verschiedenen Kultur-Sprachen. 

1. Thesaurus graecae linguae ab Henrico Stephano constructus 
. . . tertio ed. Haase, Sixxer, Fix, Paris, Didot, 1831 — 1863, 8 Bände. 

2. Griech. -deutsch. Handwörterbuch A-on Suhle und Schneidewin, 
Leipzig 1873. 

3. Griech. Wörterbuch von Rost, Braunschweig 1871. 

4. Grundzüge der griech. Etymologie von G. Curtius, Leipzig 1879. 
3. Lateinisch-deutsches Wörterbuch von Georges. VI. Aufl. Leipzig 

1869, 2 Bände. 

6. Glossar, med. et inf. latinitatis, conditum a D. du Gange (1688), 
ed. nova a L. Faure, Niort, 1883 — 1887, 10 Bände. 

7. Etymol. Wörterbuch d. lat. Spr. v. Vanicek, Leipzig 1881. 

8. Lat. -deutsch. Wörtei'b. f. Med. u. Naturwiss. von Dr. E. Gabler, Berlin 
1837. (Werthlos!) 

9. Wörterbuch der deutschen Sprache von Damel Sanders, Leipzig 
1860 — 1865, 3 Bände. 

10. Ergänzungs-Wörterbuch der deutschen Sprache von Daniel 
Sanders, Berlin 1885. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 207 

11. Etyniol. ^A'ortei'])Uch der deutschen Sprache von V. Klige. 
Straßburg 189 4. 

12. Dictionnaire de racademie fran^aise. Paris 188 4, 2 Bände. 

13. Dict. de la langue fran^aise par E. Littre, Paris 1889, ö Bände. 

14. A dictionary of the english language by Noaii Webster, Lon- 
don 1882. 

I ."). Novo dizionario universale della lingua italiana, c. da P. Petrocchi, 
Miliino 189 4, 2 Bände. 

1(3. Diccionario de la Academia Espanola. 1884. 

17. DiEz, etymol. Wörterbuch der roman. Sprachen, Bonn 1869 — 1870, 
2 Bände. 

Augenheilmittel-Lehre. 

§ 'I2;4. Von der Physik haben die Griechen in der klassischen so- 
wie in der alexandrinischen Zeit nur den Namen') und einige wenige That- 
sachen gewusst. Von der Chemie kannten sie weder den Namen ^j noch 
den Begriff, befangen in der Irrlehre von den vier Elementen, Feuer, 
Luft, Wasser, Erde, — die eher unsren drei Aggregat -Zuständen ent- 
sprechen. Auch bei den Alten (Empedokles, 440 v. Chr., und Aristoteles, 
384 — 322 V. Chr.) waren die Elemente nicht verschiedene Grundstoffe, 
sondern verschiedene Eigenschaften einer einzigen Urmaterie^). 

Was bei den Alten die Chemie, auch der Lebewesen, vertreten hat, lehrt 
uns, nach einer verlorenen Schrift des Galen, Oribas. '*) in seiner Sammlung 
XXI, c. I : Aus Erde und Feuer und Wasser und Luft bestehen alle Körper, die 
entstehen und vergehen, und aus der Mischung dieser Elemente {oTOiyJirj.) und 
dem Uebergang des einen in die andren in mannigfacher Aenderung entstehen, 
nach HipPOKR. ■''), Thiere und Pflanzen. Wirksame Eigenschaften giebt es vier, 
die Wäi'nie, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit. Denn diese allein vermögen 



■1) Tä cp'jat/.a sind des Aristoteles Schriften über Natur-Philosophie Aristot. 
M-f] 1. 1042lj'8. *M} 10; 267b 2\ ; 1. 251=1 9; 102^ 53. M;j. 1. 1076^ 9; zt 1—67). 
Bei demselben findet sich ct-joiv.-?] ftewpta (Analyt. 1. l. und de part. anim. I, 1), 
o. £T:i3Tr,[j.-/], cp. cpiXocccyia. — (Bei den späten Griechen und Römern sind Physika 
»Sympathie- oder Zaubermittel«.) 

2) Der Name yriixdrj. (-/r,;j.tc(, ystasiot, irrthümlich auch yyixdr/.] bedeutet bei den 
späteren Griechen und Römern (vom 4. Jahrh. ab, bei FmMicus ÄIaternus. Zo- 
siMUs; bei den Byzantinern SumAs, Georgios Synkellos,; die Goldmacherkunst, 
die Lösung der Metalle in Flüssigkeiten und dergleichen Künste, die ausdrücklich 
aus Aegypten hergeleitet werden. Der Name stammt nicht von dem griechischen 
Wort 7'j[-i.o:, Flüssigkeit, sondern von dem ägyptischen ehem. schwarz, womit 
auch das Land Aegypten, die schwarze Erde, bezeichnet wurde, und bedeutet also 
Schwarz -Kuns t. aber nicht etwa die teuflische Kunst, auch nicht die Kunst 
der schwarzen Erde, d. h. Aegyptens; sondern wahrscheinlicher »die Bereitung der 
Schwärze«, nämlich eines schwarzen Metallverwandlungs-Princips. 

Vgl. die gründliche Abhandlung von Prof. G. HoFFMA^'N im Handwörterb. d. 
Chemie von Prof. Ladenburg, 11. B. S. 516—530, Breslau 1884. 

3) Geschichte der Chemie von Prof. E. v. Meyer in Dresden. Leipzig 1895, 
n. Aufl., S. 7. 

4) Orib. Band III, S. 1. — Vgl. Galen, II, 456 u. 11, ö. 

5) Natur des Menschen, § 1; Littre's A. VI, S. 32. 



208 XXIII. Hirschberg, 

die Ivörper gänzlich nmzuwandehi. Von den Kurpern liat der eine nun eine 
der genannten Eigenschal'ten rein und unvermischt, der andre nur vorwaltend 
an sich. Die letzteren sind nicht primitiv; aber das absolut "Warme oder Kalte 
oder Trockne odei- Feuchte ist an sich ein Element, das wir eben nur in Wasser 
und Erde, Luft und Feuer finden. Dies sind die allgemeinen Elemente aller 
Dinge. Aber es giebt noch eine Klasse von Elementen, die nicht primitiv, je- 
doch den Lebewesen eigenthümlich sind, Blut und Schleim, gelbe und schwarze 
Galle. Dem Feuer analog ist die gelbe Galle, der Erde die schwarze, dem 
^^'asser der vSchleim. Das Luft-Element erscheint im Thier nur bei der Athmung 
und im l'uls. Die verhältnissrichtige Zusammensetzung der Elemente erzeugt 
das reine Blut. 

Die morgenlündischen Völker älterer Kultur, namentlich die 
Aegypter, hatten im Laufe der Jahrtausende eine Reihe wichtiger Erfah- 
rungen bezüglich heilsamer Kräuter und wirksamer Metall-Verbindungen 
gesammelt; diesen Arznei-Schatz lernten die alexandrinischen Griechen 
kennen und bearbeiteten ihn mit griechischer Klarheit und in geschmack- 
voller Anordnung. Was davon auf Augenheil-Mittel sich bezieht, müssen 
wir jetzt betrachten. 

Auch im Alterthum gab es schon Nihilisten der Heilkunde, so 
(wenigstens für die fieberhaften Fälle) der nächst Hippokrates und Herc- 
PHiLus berühmteste Arzt, Asklepiades aus Bithynien, der im 2. Jahrb. v. Chr. 
zu Rom prakticirte. Aber der große IIerophilus aus Chalcedon, des Eri- 
STRATus Nebenbuhler in Alexandrien (im 4. Jahrb. v. Chr.), nannte die 
Arzneimittel die Hände der Götter'). 

Die Hauptquellen sind der treffliche Dioscorides sowie der schwül- 
stige Sammler Pllmus, — ferner, zur Aushilfe, die Rezept-Sammlungen bei 
Celsls und den andren Römern (Scribomus, Cassius, Marcellus), sodann 
Galexüs, endlich Oribasius, Alex. Trall., Aetiis, Paullus, welche aus 
älteren Schriften geschöpft haben. 

Dioscorides. 
§ 125. Peoanius Dioscorides 2) aus Anazarbos in Kilikien (Klein-Asien) 
lebte um 50 n. Chr. und verfasste das älteste Werk über Arznei- 



'I) olov TTEo i'kwv -/£t[ja; ewci Ta 'sf aoij.av.v. (Galex XII, 966. Medicamenta 
divinas manus esse. Scribox. Larg. Conipositiones, Einleitung. S. \. Ausg. von 
Helmreich. 

2 Vgl. Christ, Gesch. d. griech. Literatur, München 1890, S. 7)9. VII. Band 
des Handb. der Alterthumswissenschaft von I. v. Müller;; ferner die Einleitung 
der besten Ausgabe des Dioscorides, die K. Sprengel, Leipzig 1829. als 25. und 
26. Band der Med. Graec, geliefert. K. Sprengel war vermöge seiner Kenntniss 
i. der griechischen Aerzte in der Ursprache, 2. der arabischen und syrischen 
Sprache, 3. der Botanik gradezu einzig befähigt, den Dioscorides herauszu- 
geben und zu erklären. 

Eine gründliche Dissertation über die Augenheilkunde des Dioscorides 
hat Arthur Stern (Berlin tsoo, 71 S. unter meiner Leitung verfasst. Leider sind 
Druck- und Uebersetzungsfehler nicht vermieden.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 209 

mittel-Lehre, das bis auf uiisre Tage gekommen, Trspl 'u'/a^c latpf/r;?, de 
materia medica'). Die Autorität des Dioscorides galt nicht nur in der 
römischen Kaiserzeit, sondern auch durch das ganze Mittelalter, im Morgen- 
wie im Abend-Land, als die höchste imd einzige, so dass es eines neuen 
Aufschwungs der Botanik im Beginn der Neuzeit bedurfte, um überhaupt 
über die 6002] pflanzen des Dioscorides hinauszukommen. 

Zur Beurtheilung seines Hauptwerkes ist die Einleitung wichtig, 
in der er zunächst die Unvollständigkeit, Ungenauigkeit, Unordnung seiner 
Vorgänger hervorhebt, und dann betont, dass er selber seit früher Jugend 
einen unablässigen Trieb zur Erforschung der Arzneimittel besessen, als 
Militär(-Arzt) einen großen The il der Erde besucht und so sein Werk 
in fünf Büchern gesammelt habe. Er bittet den Leser nicht auf seine Wort- 
gewandtheit zu achten, sondern auf seine mit Erfahrung verbundene Sorg- 
falt in den Thatsachen •'). Denn das meiste habe er aus eigner Anschauung 
kennen gelernt; das andre aus der bei Allen übereinstimmenden Be- 
schreibung und aus der Untersuchung der bei den einzelnen Verfassern 
einheimischen Mittel richtig gestellt und endlich eine eigne Ordnung 
in der Darstellung befolgt, um die verschiedei^n Arten der Mittel und die 
Kräfte jedes einzelnen zu beschreiben^). 

Den wissenschaftlichen Geist des Dioscorides muss man bewundern 
und wird ihn in der Darstellung der Einzelheiten nicht vermissen 5). Tausend 
Dinge, die dem in der Geschichte der Arzneimittellehre Unbewanderten als 
neue Entdeckungen unsres Jahrhunderts sich geltend machen, sind schon 
genau in diesem ältesten Buch der genannten Wissenschaft beschrieben ß). 
Die Erfahrung verlicht er gegen Autorität. (Vgl. § 135.) Und wenn er von 



Vj 'jXtj heißt zunächst Holz, Wald silva ; sodann Stoff, materia. 

Der lateinische Ausdruck materia medica hat bis heute sich erhalten. 

2) Der Araber Ibx el Beitar (im 13. Jahrh. n. Chr.) kannte 800, Linke etwa 
10 000, die heutige systematische Botanik 100 000 Species. 

3) [ifj TYjv £v ÄoYCit; o'j'/c<;j.tv TjaiLv oy-orsTv, afXa ty,v dv toi; ~rjä.'ii^).ri.ai |jl£t' Jij.ttii- 
pioi? dTTtfAeXstav. 

4) Versuche Niemand, aus der lateinischen Uebersetzung ein richtiges Bild 
von den Gedanken des Dioscorides zu gewinnen: das ist aussichtslos. 

5) Es finden sich ja Fehler, z. B.: cfuAdiTeT'/t o£ 'jopd[>7'jpo; £v üc/avot; t^ ij-r,- 
X'j^ior/oi; r^ 7.o(oai-£pivoi; -7j äpY'jpscii; ä'-f/eat. »Quecksilber wird aufgehoben in Ge- 
fäßen aus Glas oder Blei oder* Zinn oder Silber.« Aber in 2 Handschriften 
fehlen die beiden letzten Beiworte. Vielleicht fehlte bei Diosc. auch das Blei! 

6] Zwei Beispiele aus unsrem Gebiet. 

a) DioscOR. m. m. II, c. 84 : O't'ajTro; 'Ki'(zzai to i/. töjv oicjrTjptüv ipiojv XtTzo; .... 
T.oitl oe V.Ol', ei; -£pi|is|jp(D!A£vo'j; -/.avOoj; 7.at -l/cupojoet; y.ai jiÄS'fapa 7£-'jÄcu[x£va v.ai 
Tpr/oppooOvTa. 

»Oesypus (Lanolin) heißt das Fett aus ungewaschener Schafwolle . . . 

Es ist wirksam gegen Geschwüre und juckende Ausschläge der Lidwinkel 

und Schwielen der Lider und Wimper-Ausfall.« ■ 

b) Vgl. § 75: Ophthalmoxysis. 

Handliuch iler Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 14 



210 XXIII. Hirschberg. 

Aberglauben auch nicht ganz frei ist, so übt er doch oft gesunde 
Kritik»). 

Allerdings, schlechtes Griechisch sprechen hieß bei den alten Griechen 
Soloekismus, von Soloi in Kilikien, dicht bei der Heimatstadt des 
DioscoRiDES. Wir dürfen uns also nicht wundern, dass auch e r ein mittel- 
mäßiges Griechisch schrieb. Galen ^j^ der den Dioscorides unzählige Male 
citirt und mit seinem Lob nicht kargt, wirft ihm vor, dass er nicht ordent- 
lich Griechisch verstehe; K. Sprengel vertheidigt ihn und behauptet, dass 
bei ihm weit weniger Soloecismen vorkommen, als in den Briefen des 
Paullus, seines Zeitgenossen. 

Dass Dioscorides, sei es luimittclbar, sei es mittelbar, von den Aegyp- 
tern einiges gelernt hat, ist leicht zu beweisen: 

1 . Bei den Pflanzen-Namen giebt er die Benennungen der Römer, Galler, 
Punier, Aegypter, auch der Propheten, d. h. der Priesterärzte Aegyptens, u. A. 
Diese Synonyma sind von den Idassischen Schriftgelehrten für unechte 
Einschiebsel gehalten worden, aber mit Unrecht. Neuerdings hat man, 
trotz der ungenauen Uebeiiieferung und der Verstümmelung dieser Namen, 
darin einzelne echt ägyptische Worte wieder erkannt. 

2. Einige (und zwar mineralische) Mittel werden lediglich mit ihrem 
altägyptischen Namen eingeführt. Die fremde Waare brachte ihren Namen 
mit. Hierher gehören : 

a. G«)pu3), ägypt. se-ur »das große Salz«. Wahrscheinlich Blei- Vitriol. 
Das ägyptische Sory wird von Dioscorides vorgezogen. 

b. jjLi'au, Vitriol-Erz. Diosc. findet das ägyptische wirksamer, zieht aber 
für Augenheilmittel das cyprische vor*). 

c. aTifi-fii, ägypt. stm, Augenschminke, Spießglanz, das natürliche 
Schwefel-Antimon, Sb2S3^). 

3. Einige Ausdrücke, die schon im Pap. Ebers (1500 v. Chr.) vor- 
kommen, also altägyptisch sind, hat Dioscor. zuerst, soweit die erhal- 



1) Fabeln berichtet er oft mit der Einleitung [axopoOaiv, man erzählt; aber 
er fügt hinzu, £|j.ol oi äriDa^ov, ich glaub's nicht. 

2) de fac. med. simpl. 1. Il, c. 2. (B. XII, 33 (g: 6 'Ava^apfiEij; Aioaxopiorj?, Tzo'k'Ka 
[j.äv v.aXö); eipTjxe tüjv zepi t-^; iocrpf/.fj; 'jX-^j; laTOpoujj.svtov, d^^od^ ok t« C'r][xatv6|ji£>.!i 
Töjv 'EXX7]vt7.tT)v övotj-aTtuv. »D. hat viel vortrefflich über Arzneimittellehre abge- 
handelt, verstand aber nicht die eigentliche Bedeutung griechischer Worte.« 

D. hat nämlich das Fett der Ziege oT'j-Tt7.u)T£pov, als das der Schweine, ge- 
nannt, während es doch nicht stärker adstringirend, sondern leichter erstarrend sei. 

3) Diosc. m. m. V, 118. Plin. XXXIV, 120 (80); Galen B. XII, 228 und XI, 668; 
XIII, 407; X, 927; XI, 641; XIII, 732. 

4) Diosc. m. m. V, M6. 

5) Diosc. m. m. V, 99; Plin. XXXIII, 33, 34 (101. 10-2.^ Vgl. 10. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 211 

tenen Reste der griechischen Literatur uns ein Urtheil gestatten, in die 
griechische Sprache eingeführt'). 

Pap. Ebers LVII, 2: Kt nte seq tfd n mrt ch pe n hbne: »Ein andres 
Mittel gegen Verdunklung (Verschluss) der Pupille im Auge, Feilspähne von 
Ebenholz.« 

DioscOR. m. m. I, 129. 'Ej^cvo; .... otiva|jit.v l/st oa-/;-/-i7.r,v -öüv i-i- 
07.0TOUVTIUV raT? xopai;. »Ebenholz hat die Kraft, die Verdunklungen vor der 
Pupille abzuwischen.« 

§ 126. Die in K. Sprengel's Ausgabe des Dioscorides enthaltene Schrift von 
den sogenannten Hausmitteln (Tr^pi suTropioTCDV cp7.p[j.axiov) wurde von Vielen 
für unecht gehalten, deshalb in die ersten Ausgaben (von 1499 — 1549) nicht 
aufgenommen, sondern zuerst in die des gelehrten Saracenus (Frankf. a. M. 1 59«). 

K. SpRErsGEL sagt (I, xv): Cum nee seriores Graeci nee prisci interpretes 
opus illud cognoscant .... injecta suspicio dilui facile nequit. 

Dagegen muss ich doch bemerken, dass in der Einleitung zu den echten 
Euporista des Oribasius (vgl. § 229) unzweideutig von einem ebenso benannten 
Werk des Dioscorides'-') die Rede ist. 

Mever, in seiner Gesch. d. Botanik-^) hält sie für echt dioscoridisch, mit 
Ausnahme einiger späterer Einschiebsel). Auch ich finde eine genügende 
Uebereinstimmung des Textes der Hausmittel mit den Sätzen über Augenheil- 
kunde, die ich aus der echten Arzneimittellehre des Dioscorides zusammen- 
stellen konnte. 

Der zweite Abschnitt des ersten Buches der Hausmittel enthält eine Ab- 
handlung über die Augenheilmittel^). 

Aber immerbin ist es sicherer, wenn auch umständlicher, aus dem 
zweifellos echten Werk des Dioscorides, über Arzneimittellehre, die zer- 
streuten Bemerkungen über Augenheilkunde zu sammeln und so 
eine Uebersicht zu gewinnen, sowohl der von ihm erwähnten Augenkrank- 
heiten") als auch der empfohlenen Augenheilmittel. 

Die Euporista sollen nur zur Aushilfe und Ergänzung mit benutzt werden. 



1) Wenigstens giebtThes. ling. gr. HI. Ausg., EI. Band, Paris 1835, S. 1782, keinen 
Beleg aus einem früheren Schriftsteller für -ä £-ia7.o-oOvTc/. xai; -/.ofjoit;. 

Galen hat den Ausdruck übernommen, XI, 867; XII, 69; XII, 148: an letzterer 
Stelle mit Erwähnung des Dioscorides. 

2) Oribas. V. Daremberg und Bussemaker, V, S. öö9: iiiel oe oütj ■zo.'jza (td tw 
i}a'j[j.aatw FaX-^viTj YpacfdvTa T.e[A tüjv s'jropiatojv cfotp;j.dv,iijv) r^vOev eic, r^xäz, -zd ts "/pi- 
cfivxa Atoay.opiOTj v-ai ' Ar.oU-w/w v.al toI; dXXcn; ctraaiv e'jropta-a Trdvxoj; ehh dotci- 
piara .... E'jTioptaTa sind leicht zu beschaffende Mittel, nicht eigentlich Haus- 
mittel in unsrem Sinne. 

3) Königsberg I8.i7, VI. Buch, S. 110. 

4) Diese betont K. Sprengel I, S. XVI. Doch genügt das nicht, um das ganze 
für unecht zu erklären. 

5) Diosc. V. Sprengel II. B., S. 107— 120 (I.Buch, c. 27— ÖG). Vgl. die Diss. 
von A. Stern, S. 10 — 23. 

6) Noch nie ist bisher Dioscorides systematisch für die Augenheilkunde be- 
arbeitet worden. Den Augenheilmitteln der Alten hat A. Hirscu nur einen §(286) 
gewidmet. Aber dieser Gegenstand verdient, wegen seiner kulturgeschicht- 
lichen und ärztlichen Wichtigkeit, doch eine ausführlichere Betrachtung. Ich 
hatte dabei, wegen des Mangels an Vorarbeiten, große Schwierigkeiten zu überwinden. 

U* 



212 XXIII. Hirschberg, 

§ 127. üebersicht der in der Arzneimittellehre des Diosco- 
BiDEs erwähnten Augenleiden, nebst Andeutung der daz'u gehörigen 
Augenheilniittel '). 

i. OciilaÄtiiuv -sp'.wo'jv lai. Augenschmerzen, CiliarneuralgiCj 
0. oouvai, Augenschmerzen. 

n, 54. Ae/uiJoc ojou, Eigelb. 121. 3Yiaa;j.ov, Sesam. 170. (uxtjxov, Ba- 
silienki'aut, Basilicuni. III, 23. a.(}ivOtov, Wermuth, Ai-temisia absinth. L. 
4S. TTTjYavov, Raute, Ruta L. TV. 90. iXativr^, Linaria Elatine. 

Krankheiten der Bindehaut. 

2. ocpOaX}xi'a, ocpOaXjiol wX&YH'^tvovTE:, Augen-Entzündung, Binde- 
haut-Entzündung. 

I, 147. [joo.. Granat-Blüthe, verschluckt, soll der Entzündung vorbeugen. 
U, 13 2. apvoYÄtoaoov, Plantago, Schafzunge. III, 90. YXa'Jy.iov, Gl. Salt, -ooc 
~a. öcp i)aX[j.'.xa, sv ap)^'^^, gegen Augen-Leiden (-Entz.), im Anfang. 05. ;x7j7.(uv, 
Mohn, Papaver. 69. üo3xua|xo;, Bilsenkraut, Hyoscyamus L. 76. [xavooa- 
-j'opot;, Alraun, Atropa I\Iandr. L. 88. asucoov, Immergrün, Scrapervivum ai- 
boreum. 102. ciX6[xoc, Königskerze, Verbascum. IV, 120. lov, Viola, Veilchen. 
16 1. y.ixi. Ricinus. V, 143. aijxaTi'-r,; Eisenstein. 

3. ocpi>aÄ[xr/ai cpXs-j'fxovai, 6cpi)aÄ[x«iv cp., ociOaA|xot ciÄsYjj.7.i- 
vovTcc, stärkere Augenentzündung. 

I, 11. [xaÄaßailpov, Betel. 14. aaojixov. Klimme. 84. aii)aÄr| Xißavojto-j, 
Weihrauch-Ruß. 102. xu-apijaoc, Cypresse, allein, oder mit Mehl, zum Um- 
schlag. 1ÖÖ. ixupat'vTj, Myrthen-Abkochung, mit Bohnenmelil. 160. xuoojvta 
[xr^Xa, Quitten-Blüthen, zum Umschlag. II, 55. to Xsuxov toü tuoü, Eiweiß. 
79. Tupoc vsapoc, frischer Käse. 107. Weizenmehl. 121. Sesam. 124. ~r/>'.c, 
foenum graecum, Bockshornklee (Ti'igonella f. gr.)'). 125. Atvov, Leinsamen. 
129. cpaxoc, Linsen. 150. dvopa^rvr,, Portlack. 159. aipic. Wegwart, Cicho- 
rium L. 162. xoÄoxuvUa, Gurke. 163. tAt.vvj. Melone. 207. avcixiövr^. 
208. apYcatovrj , Papaver a. 214. Maus-Ohr. III, 3. -(Z'J-io.'rri. Enzian-Saft. 
24. dßpoTovov, Stabwui'z, Artemisia Abrotanum L.? III, 41. ad[X(liu)rov, Majo- 
ran, Origanum Majorana L. 41. |x£AiXoko;, Steinklee, M. offic. 44. ßdxyaoi;, 
Bachuspflanze. 67. aiX'.vov, Sellei'ie, Eppich, Apium L. 127. Yjixspoxa/./.'';, 
Feld-Lilie, Lilium bulbiferum. 

4. p£U[X7.':i.[xd? öci i>aÄ jitöv, ps'jtxot, Augen-Fluss. 

I, 25. xpoxoc, Safran. 84. otiOdAr, Ai|3avtoTou, Weihi-auch-Ruß. 132. Ä'jx'.ov, 
Schwarzdorn (-Harz), Rhamn. infect. 137. Harz d. Oelbaums. II, 63. Gebranntes 
"Hirschhorn. 81. (douTupou Aiyvi);, Butter-Ruß. 82. d[xuAov, Kraftmehl. 170. 



1) Nicht angeführt werden allgemeine Angaben, z. B. Traganth wird zu 
Augenheilmitteln gebraucht. (M. m. III, 20.; — Die Ordnung der Augenkrank- 
heiten rührt natürlich von mir her. Diosc. beschreibt nach selbstgewählter Ord- 
nung die Heilmittel, indem er bei einzelnen derselben die Augenleiden anführt, 
gegen welche jene empfohlen werden. 

2) Was heute Kamille nthee, war Bockshornklee-Abkochung bei den Alten. 
Sie waren sehr genau in der Zubereitung. Galex X. 938: Bähen muss man und 
einträufeln die Augen mit Bockshornklee-Abkochung, aber vorher den Bockshornklee 
sorgsam waschen, damit nicht unbemerkt Staub oder Sand daran hafte. Oribas. 
II, 232 empüehlt den Bockshornklee lange zu kochen, das Wasser abzugießen, den 
Rückstand ordentlich zu zerkleinern und noch einmal in Wasser zu kochen. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 213 

Basilienkraut-Salt. III, 89. aapxov.dXXot, S.-Harz (von Penaea S.?]. IV, 29. spivoc, 
Campanula Erinus. 09. Hjoseyamus. V, ü. oivivUr^, Wildwein-Blüthe. V, 89. 
Asütc, Kupferhammerschlag. 9ö. }x(^Xo|'^ooc, Blei. 149. Milchstein. l.'jl.Mo- 
rochthus-Stein. 172. Stein in der saniischen Erde (Gvps?). 

'6. olor^aa, Chemosis. 

n, 131. Bohnenmehl. IV, 161. Ricinus. 

6. -TspuYiov, Flügelfell. 

I, 133. axazi'a, Gummi der A. vera, aus Aegypten. II, 23. Sepia-Schalen- 
Pulver. III, 5. ~;hr/.ippiZr^, Süßholz. III, 22. aXo"/], Aloe, der eingetrocknete 
Saft. V, 125. Salz. 

§ 128. Hornhaut-Krankheiten. 

7. Ta sTriaxoTouvTa Tal; xopatc, die Verdunkelungen vor der 
Pupille. 

I, 2. otxopo:, Calmus. 14. xLVvajj-cDVOv, Zimmt. 18. |3aXoa[xov. 26. xpo- 
xo[xaYjjLa, Safranfaser. 37. sXaiousXi, Manna. 77. o;i.upv7j, Myrrhe. 81. Xt'ßa- 
vor, Weihrauch. 129. £,3£voc, Ebenholz. 132. Schwarzdorn. 13-3. iTsa, Weide. 

II, 7. [xuaxsc, Mießmuschel-Schalcn, gebrannt. 101. fxsAi, Honig. 104. aax/apov, 
Rohr-Zucker. 189. CiVYt'ßspi?, Ingwer. 2 13. Othonna. 111,7. x£VT7.'jpiov to 
jxixpo'v, kleines Tausendgüldenkraut, Gentiana Centaurium L. III, 85. Saga- 
penum (Asa foet.). IV, 109. Äwtoc, Melilotus. R", 148. ikXi[io[joz Xsuxoc, weiße 
Nießwurz, Veratrum albuni. V, 88. avüoc ^aÄxoo, Kupferblüthe (K.-oxyd). 
V, 122. a-uirr/jp 17., 'Alaun. 12 4. xi'aar^pic, Bimstein. 142. Trupir/jc, Feuerstein, 
gebrannt. 153. Thyites-Stein. 168. Erdstein, Eisemiiere. 

8. xa £v ocpüaXijLoi; £Ax-/), ofiii-aia sAxtooTj, Hornhautgeschwüre. 
1,77. ofjLupVY], Myrrhe. 81. Xl'^a.voc.j Weihrauch. 87. Weihrauch-Ruß. 

46. Xi^vu? il b'ipäz TTiaari?, Ruß aus flüssigem Pech. II, 63. Gebranntes 
Hirschhorn. 84. Ruß von Buttei'. V, 99. aTi'tJLjjLi, Antimon. 149. Milchstein. 
172. Stein in der samischen Erde (Gyps?]. 

9. apY^IJi'a, kleine Hornhaut-Geschwüre und Flecke (unsre Phlyk- 
taenen). 

II, 180. Zwiebelsaft. 208. apYc|i.a)vr|, papaver ai-gemone. 209. avayaAÄi;. 

III, 137. Salbei. IV, 66. Gehörnter Mohn, für das Vieh. IV, 109. Lotus. 

10. xoiXorrjC, xoiXtujxa, xoiX-/jjjLa, Hohlgeschwür. 

11. 123. Kraftmehl. V, 138. xopaUiov. 151. Morochthus-Stein. 
11. cpÄuxTatva, cpXuxTi'c, Pustel der Hornhaut. 

1,136. ayptsXaia , der wilde Oelbaum. I, 149. Gebrannte Dattelkerne. 
II, 123. Kraftmehl. V, I Ö6. Lapis Lazuh. 

12.' ai £V o(pi}aA;xoic ouXai, Hornhautnarben. 

1,23. xaYxrxfxoc. (Myrrhen-Art.) 105. xiopor, Ceder. 141. 7C/ oaxpoov -^? 
aii>to-ix-^c iXaiac, Harz des äthiop. Oelbaums. II, II. xoj(Xia;, Landmuscheln, 
gebrannt. II, 99. Urin eines unschuldigen Knaben, gekocht, mit Honig'). 
207. Anemone. III, 85. Sagapenum (Asa foet.). IV, 167. Euphorb. Chamaisyce. 
V, 92. lo; axu)X-/;c, Grünspan. 128. Salzblüthe (kohlens. Natron). 131. tpu:, 
gebrannte Hefe (Kalisalze). 



k 



1) Wenigstens besser, als unsre Volks-Dreck-Apotheke, die den Urin 
ungekocht auf die Augen bringt. 



2] 4 XXllI. Hirschberg, 

X£UX(0|J.7., Weißnarbe der Hornhaut. 

1,77. ajxupvr^, Myrrhe. 101. vacpUa, Bcrg-Oel. lOö. Cedcr. M\. Harz 
des Oelbaums. II, 7. Mießmuschel-Schalen. ü, 8. Landmuschel-Sch. II, 1 4. Galle 
des Wasser-Scorpions. 23. orjTria, Tintenfisch-Schale, gepulvert, eingeblasen, 
gegen L. des Viehs. 193. Drachenbaum. III, 88. 'A[J.fJ.a)vi(/xov, Amrnon'sches 
Harz, von einer Ferula aus Afrika. 1 37. opixtvov, Salbei, Salvia Horminum L. 
IV, 109. Lotus. 128. Salzblüthe (kohlens. Natron). V, 138. xopaXXiov. 143. 
Haematit. 

13. apYSixa y.al ajXZc^ kleine und feine Narben der Hornhaut. 
U, 99. Urin. 165. ilpioai d^pia, vv^ilder Lattich. 170. Basilienlvraut-Saft. 

193. Drachenbaum. III, 102. 5(a[xaiopu(:, Gamander, Teucrium Chamaidrys L. 
IV, 167. x°^|xatauy.7j, Z^^ergfeige, Euphorbia Chamaisyce. V, 131. Gebrannte 
Hefe (Kalisalze). 

14. vecpeXtov, Nubecula, Hornhautfleck. 

II, 180. xpd[JLfxuov, Zwiebel-Saft. 193. Drachenbaum. 208. Argemone. 

IV, 66. Gehörnter Mohn, für das Vieh. IV, 109. Lotus. IV, 167. Euphorbia 
Chamaisyce. 

Krankheiten der Iris. 

15. aTacpuÄüj|i.a, Iris-Vorfall. 

I, 136. Öelbaum. 149. Gebrannte Dattelkerne. 11, 134. BohnenmehU 

V, 145. aj^iatdc, Eisenoxyd. 156. Lapis Lazuli. 

§ 129. Krankheiten der Lider'). 

16. ^Tj pocpOaX;xi'a, trockne Lid- und Bindehaut-Entzündung. 
I, 129. Ebenholz. V, 137. OTro-fCöi, gebrannte Schwämme. 

17. Sclerophthalmia, bei unsrem Dioscorides ßXecpapa laxXrj pu[i.£va, 
Lid-Verhärtung. 

I, 53. pdoivov, Rosen-Oel. 

18. ixuoYjOsii; T(5v ßÄecpapwv, Triefen der Lider. 
I, 6. Napooc, Baldrian. 93. Harz-Ruß. 

19. r};«)po<pi>aA[j-ia, »jxDpiaaK; yj stci rtov ßÄe'-paptuv, Lidrand- 
Entzündung (»Krätze«). 

I, 82. cpXoio? Aißavou, Weihrauch-Rinde. 129. Ebenholz. 132. ScliM-arz- 
dorn. HI, 22. Aloe. 

20. xvr,a[j.oi;, Jucken, xv. xavilwv, J. der Lidwinkel, gewöhnlich 
mit t|;o)pocpi)aX[jiia zusammen genannt. 

III, 22. Aloe. 

21. xavUoi ßeßpoDixsvoi, x. ß. xai 'JxopoiSsi;, xc/.vi>cov izEpi- 
ßptooet?, sogen. Blepharit. angularis. 

I, 86. Xtyvu? iriTUOi;, Fichtenzapfen-Ruß. 93. X. pr^Tivr^c, Harz-Ruß. II, 84. 
oTouTTOc, Schafwollfett, Lanolin. V, 6. öixcpaxiov, Saft mireifer Trauben, Herling, 
agresto. V, 115. yah/lxic, Kupfererz. 

22. ai Tu)V ßXscpapoiV 5 ta ßpwaeic, Blepharitis ulcerosa. 
I, 137. Oelbaum. 

23. Tpa}(ü)[xa, rpa^^uT-/;;, tpa/sa ßXs^apa, Körnerkrankheit. 
I, 77. oixupvTj, Myrrhe.^ II, 7. Gebrannte Mießmuschel-Schalen, mit Honig. 

\) Zu diesen pflegten die Alten, von Hippokr. bis Aetius, die gewöhnlichen 
chronischen Fälle der Körnerkrankheit (Trachoma) zu rechnen, während aller- 
dings akutere Fälle der Art unter 6'fftaX[j.ia abgehandelt wurden. 



Geschichte der Augenheilkunde im A]terthum. 215 

II, 183. Senf-Saft. III, 88. Ammon'schcs Harz. V, 6. Saft unreifer Trauben. 
V, 89. Xs-i'c, Kupferhammerschlag. 93. lo; otOYjpou, Eisen-Rost. \\6. /aX- 
xTtic, Kupfer-Erz. V, 143. Haematit (Eisen-Erz). 

Zum Trachom gehören auch noch die l)eiden folgenden: 

24. -ira/UTriTs; ßAs'^apojv, Lid-Ycrdickung. (Vgl. § 74 u. 7.5.) 
V, 145. ay^iaxocj Eisenoxyd. 

25. ßXicpapa -STuXwjxsva, schwieliges Trachom. 
II, 84. LanoHn. V, 115. Kupfererz. 

Dagegen sind die beiden folgenden zu unbestimmt und können auch auf 
Hagelkörner, auf Staphylome u. dgl. bezogen werden. 

26. 7.t £"1 -ojv ßXscpapojv oapxsc, wildes Fleisch auf den 
Lidern. 

V, 122. aruTCTTjpia Alaun,. 

27. ai Ev ocpl>aX[jLot<; i)TC£po"/ai, Hervorragungen an den Augen. 
V, 125. Salz. 156. Lapis Lazuli" 

Zu den Folgezuständen der Körnerkrankheit gehören noch die drei folgenden: 

28. Die Haarkrankheit. 

II, 8. TsXAivai, Meermuscheln, gebrannt. 28. Laubfrosch-Blut. II, 84. La- 
nolin. IV, 108. Erdrauch, Fumaria. Die Mittel sollen verhüten, dass falsche 
Wimpern nicht wieder wachsen. 

29. TTTiXa ßAscpapa, Wimper-Ausfall. 
I, 86. Fichtenzapfen-Ruß. 

30. [JLiXcpai, Wimper-Mangel. 

I, 149. Gebrannte Dattelkerne. 

§ 130. Verletzungen der Lider und des Augapfels. 

Hier finden wir mehr Ki*ankheits-Namen, als sonst in den betreffenden Ab- 
schi'iften der Alten, daDioscoRioEs als Militär-Arzt reiche Erfahrung sammeln konnte. 

31. ocpöaÄfxot sx TrXTjyrj? aijxa^tlsvTsc, Blut-Unterlaufung der 
Augen durch Verletzung. 

n, 78. Frauenmilch, mit Weihrauch, eingeträufelt. 

32. 6cpi>aÄ[j,oi ucpai[xoi, Blutunterlaufung der Augen. 
V, 143. Haematit. 

33. UTKUTcia, Brauschen, Blut-Unterlaufung der Lider. 

n, 79. Topo? vsapoc, frischer Käse, ü, 132. Bohnenmehl. II, 181. axo- 
pooov, allium, Knoblauch. 183. Senf. 191. TTTapfjLiXYj, Achillea ptarmica. 
200. ßoXßo? £oa)Oi[jLOc, essbare Zwiebel. III, 22. Aloe. 23. Wermuth. 27. ucjoj-oc, 
Ysop, Hjssopus L. ? 41. Majoran. 62. xuixivov aypiov, Kümmel, Cuminum. 
63. ajAixi, Ammei, amium, Ammi L. 

34. 7zzki(a\ia, Bleifleck der Lider, nach Blutung. 
ffl, 22. Aloe. 

35. --tXyjytj ocpt)aX{i.u)V, Augen-Verletzung. 

II, 132. xuajjLO?, Bohnenmehl, mit Wein. 

36. prj?tc, Zerreißung des Augapfels, prj^t? utxsvtuv, Z. d. Augen- 
häute. 

V, 143. Haematit. V, 157. Lapis Lazuli. 

37. aü^yjjiitj o. sx irXyjy-^c, innere Zerreißung des Augapfels. 
n, 132. Bohnenmehl mit Wein. IV, 12. aToißYj, Poterium spinosum L. 

(oTticpst, sie adstringirt.) 



216 XXIII. Hirscliberg, 

Anm. Geschwülste, wie das gutartige Fibrom (dxpoyopoiov) und der bös- 
artige Ki'ebs (xapxivtüfxa) wex'den oft erwähnt, aber nur allgemein, nicht mit 
Betonung des Sitzes am Auge. 

§ 131. Krankheiten der Thränenwerkzeuge. 

38. o©^aA|xoi oay.piuovrsc, o|i.ji.7.ta oazpuppioouvta, Thränen der 
Augen. 

I, 86. Fichtenzapfen-Ruß. 93. Harz-Ruß. 

39. aiYiAu)'|i, aiY'.XojTciov, Thränensack-Abscess. 

I, 147. Myrthen-Abkochung, mit Bohnenmehl. II, 118. yovopoc, Graupe. 
144. «i-aXa/r,, Malve. 214. Maus-Ohi". III, 44. Baccharis. III, 141. dvb£[xic, 
Kamille, Matricaria Chamomilla. [Das hat sich bis heute erhalten!] FV, 71. oTpuy- 
voc, Nachtschatten, Solanum L. 137. al'^iXoi'l», Aegilops ovata, Unkraut des 
Getreides. 

Krankheiten des Augapfels. 

40. TipoTiTtooic, Vorfall des Auges. 

II, 134. Bohnenmehl. 

§ 132. Sehstörung, Star, Glaucom der Alten, 

41. du-ßXutt)-i7., Schwachsichtigkeit. 

I, 23. y.rj.'('/.a\ioc (Mjrrhen-Art). 39. djiuYodÄivov sÄaiov, Bittermandel- 
Oel. 109. Xetizr^; a'^aipt'a, der Weißpappel Laubknospen. 141. Harz d. äthiop. 
Oelbaums. 11, 11. Muscheln. 14. Galle des Wasser-Scorpions (Knurrhahns). 
99. Natter-Fett. [II, 129. Linsen (cpaxdc) machen Amblyopie. 164. OpToa;, 
lactuca, Lattich, desgl. 178. Trpdaov, Lauch, Allium porrum L., ebenso. III, 60. 
avr^Oov, Dill, A. graveolens, ebenso.] 180. Zwiebel-Saft. 183. Senf-Saft. 193. 
Cyclamen-Saft. 207. Anemone. 209. AnagaUis. III, 23. Wermuth. III, 38. iltijxo; 
d|JLßAutUK0UVT7.c saUio'fjLSVov ev "pocp"^ (ucpcAct. »Thymian hilft den Schwach- 
sichtigen, wenn sie es in der Speise genießen.« III, 45. Raute, mit Fenchel und 
Honig. 85. Sagapenum (Asa foet.). IV, 73. Strychnos, Nachtschatten. IV, 167. 
Euphorbia Ghamaisyce. V, 12 8. Salzblüthe (kohlensaures Natron). 

42. o|xjxa~a doilcVsaTspa, Asthenopie. (Sonst auch gelegentlich dtovia 
bei den Alten genaimt. Vgl. Aet. S. 132 sowie § 250.) 

I, 96. Pech-Ruß. 

Hierher gehören auch noch 

rd Trpoc o^uospy-iav ocpürzX|xtxd, ol'ji.n-io.c cpdp|x7.7.7., Mittel 
zur Stärkung der Sehkraft^ . 

I, 12. "/aaoia, Kassien-Zimmt. 105. Ceder. 118. dza/.aAi';, eine Tama- 
riske. 1 57. z3pdoi7., Kirschen-Gummi. 11,60. /cXioo'vsc, Schwalben, gegessen, 
die Asche derselben eingestrichen. 94. Fett der Flussfische. "197. arpotiiliov, 
Saponaria offic, Seifenkraut. 211. ycXiodviov [xs",'«, Chelidonium majus, Schöll- 
kraut. (Daselbst steht auch die FalDcl von den Schwalben.) III, 50. 7:dvazi? 
'Hpdy.Äsiov, Allheilkraut, nach Sprengel Ferula Opopanax; nach Puschmann 
Laserpitium Siler L.? 7 4. jxdpailpov, Fenchel, foeniculum offic. Der Saft und 
noch melu- der Gummi. [Ist in 'Romer sh aus ens-Essenz zur Stärkung der 



■I) Da die Alten keine Brillen hatten, behandelten sie die Asthenopie mit Salben. 



Geschichte der Augenheilkwncle im Alterthum. 217 

Sehln'al't bis auf unsre Tage gekommen.] 89. Äißavwiic, Rosmarin, Rosmarinus 
offic. L. 109. Trpdcaiov, Andorn, Marrubimn vulgare L. IV, 108. -/airvoc, Erd- 
rauch, Fumaria. V, 6. Omphacium. V, 2o. oxiAXtjTuov o$oc, Meei'zwiebel-Essig. 

43. vuxraAcot}/, Nachtblindheit? 

11, 47. Ziegenleber -Dunst -Räucherung, Brühe -EinträuClung, Braten-Ver- 
zehrung 'j. 

44. a-OYÄauxcDOic, Glaucom der Alten, Amaurose mit Pupillen- 
trübung. 

I, 64. xpdztvov, Safransalbe. 

45. u7:dj(U3ii:, U7rd/U[JL7. , Stai*. 

I, 101. vaoi)a, Berg-Oel. II, 14. Galle des Wassor-Scorpions (KnurHiahns). 
9 4. Natter-Fett. 180. •/po}A[xuou yoXbc, £-'j(pid[jLövoc ßor^Uei , . . ~otc arjyo\ii- 
v&ic li-oyzXa\}ai. »Zwiebelsalt, eingestrichen, hilft beim Beginn des Stars.« 
[Meerzwiebel preisen noch heutige Kurpfuscher!] 193. xuxXajjitvoc, Cyclamen, 
Saubrod-Saft. III, 85. aaya-r^vdv, Ferula Persica (Asa foetida). IV, 168. Euphor- 
bia Chamaisyce. Wiederholt ist hier von beginnendem Star die Rede. 

§ 133. In einer Arzneimittellehre werden rein chirurgische Leiden nicht 
betrachtet. Somit können Mir das System des Dioscorides mit dem des Celsus 
aus dem VI. Buche vergleichen. (§ 170.) Der Vergleich fällt bei weitem zu 
Gunsten des Dioscorides aus; schon das Zahlenverhältniss der Krankheitsnanien 
von 45 : 17 beweist dies. Noch mehr aber der Avirkliche Reichthum an Begriffen. 

Dem Dioscorides fehlt fast nichts, außer solchen Störungen, wie Schielen 
imd Kurzsichtigkeit, bei denen sogar die salben-frohen Griechen nicht das Ein- 
streichen von CoUyrien für angezeigt hielten. 

Auch der Vergleich mit dem berühmten Archigenes -) fällt zu Gunsten des 
Dioscorides aus. Galen hat uns aus des Archigenes Heilmittellehre das erste 
Buch, welches von j\Iitteln gegen Augenleiden handelt, auszüglich aufbewahrt-*): 
darin sind nur 1 7 Krankheitsbegriffe enthalten. 

§ 134. Von den Augenheilmitteln des Dioscorides wollen wir erst, 
mit Berücksichtigung der Hausmittel, die A n wen dungs weise besprechen. 
A. Stirnsalben [irA tou uiTü>-ou E-iriDiusva dvaxoXXTjixa-a) ^). 



1 Schon im Papyr. Ebers finden wir eine Andeutung dieses Mittels (vgl. m.^ 
Aegypten, S. 44), einen deutlicheren Hinweis bei den Hippokratikern. (Vgl. 
§ öl u. 52.) 

Hier bei Dioscorides haben wir die vollständige Vorschrift, welche bei den 
griechischen Aerzten bis auf die spätesten Zeiten in Geltung geblieben ist: 

[j.ö^£f v.av TYjV äxatoa o£ Ti; £'Lo[j.£vo'j oi'jtoö riiyrf:u äveujY'j^t "oi; ö'filaXu.oic w'^iXeiTaf 
ö.vs.'Zz^ rik v-al lai)to,a£-jov ötttov -ooc xd a'Jxa. »Der von Ziegen-Leber, beim Braten, 
abfließende Saft wird mit Vortheil den Nachtblinden ins Auge gestrichen. Und 
wenn einer von diesen Kranken den Dunst beim Kochen der Leber in die geöffneten 
Augen aufnimmt, verspürt er den Nutzen. Vortheilhaft ist es auch gegen dieses 
Leiden, die gebratene Leber zu verzehren.« 

Zahlreiche Parallel-Steilen aus allen griechischen Aerzten lassen sich bei- 
bringen: Alex. Tuall. II, 47, Pauli.. Aeg. S. 77, Theoph. Non. I, 247. 

2 Lebte unter Tuajan 98 — Itö n. Chr.). 

3j Oertl. Heilmittel IV; Band Xlt, S. 790— S0;<. 

4) Damals so — wirksam , wie heute. Seit Jahrzehnten verschreibe ich 
keine mehr. 



218 XXIII. Hirschberg. 

B. Ueb ergießung (xaTavTXrjOt?) : hierzu wird hauptsächlich kaltes 
Wasser benutzt. (riposavTXr^ot? mit Mohnabkochung. Das ist eine Art von 
Bähung.) 

C. Umschläge (y.a-aXaojAaTa) sowohl a) auf die Augen, wie auch b) auf 
die Stirn und c) um den Hals. Zu C. a) gehört noch die warme Bähung 
(irupitofjisva xou ocp&aX[i.o5). Statt unsres Kamillenthees gebrauchten die 
Alten hauptsächlich die Abkochung von Bockshorn (ttjXic, Trigonella Foe- 
num graecum). 

D. Eingießungen, Einträuflungen {e'(y^u\ia.~iC,6\i.zwa.]. 

E. Räucherungen des Auges (u7ioi)uu,i7.&£v-a). 

F. Klebemittel für einwärts gekrümmte Wimpern: 1, 97, f//)Tiv/) o/i- 
vi'v/), Mastix-Harz; jj-aaTi;^-/], Mastix; 98, T£p[i.ivi}o;, Terebinthus, Terpentin. 

Es werden auch innerliche Mittel (Kümmel, mit Wein und Wasser 
getrunken, gegen chronische Augenflüsse) empfohlen; ferner das Verschlucken 
von Mohnköpfen gegen Augen-Entzündungen. 

Was die Art der Mittel anlangt, so wollen wir nicht berücksichtigen 
diejenigen zahllosen pflanzlichen Stoffe^), deren wässrige Auszüge 
nur als feuchtwarme, allenfalls schleimige Mittel wirken; wohl aber die 
wirklich kräftigen, z, B. alkaloTdhaltigen pflanzlichen, sowie die minera- 
lischen Mittel durchgehen. 

§ 135. A. Pfanzliche Stoffe2). 

1, uooxua[xou cpuXXa, Bilsenkraut -Blätter. Umschlag bei Augen- 
entzündungen. In seiner Arzneimittellehre beschreibt Diese, drei Sorten, 
die nach Sprengel Hyoscyamus albus, aureus und reticulatus sind, also nicht 
den von uns heutzutage angewendeten H. niger umfassen. Wichtig ist 
des DioscoRiDES Stelle m. m. IV, 69, B. I, 503: xa ok Ti[j6o's>a-a. 'Sid/Xa. 
xataTiXaaösvTa dvojouvojxaTa ^po? TravTa tzo'vov. »Die frischen Blätter, im 



\) Die ungeheure Menge von pflanzlichen Mitteln, die leider die meisten 
Heilschriften der Griechen und der Araber so schwer lesbar macht, von der die 
vorigen Paragraphen genügend Zeugniss abgelegt, und die sich bis in unser Jahr- 
hundert hinüber gerettet hatte, wie man in C. Graefe's Repertorium augenärzt- 
hcher Vorschriften (Berlin ISI?) sattsam studiren kann, ist zum Glücli heutzu- 
tage aus unsren Arzneivorschriften geschwunden. Sogar der Augentrost 
(Euphrasia). Gelegentlich wird wohl noch Kamillenthee oder Hafergrütze zu 
warmen Umschlägen verordnet. (Keimfrei kann man diese herstellen.) Sonst 
verwenden wir hauptsächlich Pflanze n- Alk aloi'de. 

2) Zur Deutung der griechischen Namen dienen, da die Wörterbücher un- 
zulänglich sind: 1. die Anm. von K. Sprengel, in seiner Ausgabe des Dioscor. 
2. Berendes, Pharmacie bei den alten Kulturvölkern, Halle 1891. 3. die geschicht- 
lichen Anmerkungen von F. A. Flückiger, in seiner Pharmakognosie des Pflanzen- 
reichs, Berlin 1882. 4. das Register zu Puschmanx's trefflicher Ausgabe des 
Alexander von Tralles, Wien -1879, II. Band. 5. Die Heilpflanzen von Dragen- 
dorff, 4 898, Stuttgart. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 219 

Umschlag, sind schmerzlindernd bei jeglichem Leiden.« Das Kraut des dem 
Mittelmeergebiet angehörenden Ilyosc. alb. L. enthält geringe Mengen von 
Hyoseyamin. (Flückiger, 674.) 

In dem erwähnten Kapitel wird Hyoscyamus gegen Augenleiden 
empfohlen, und zwar wird der Saft des Krautes und des trocknen Samens 
zu schmerzstillenden Augenwässern verwendet, gegen heißen und scharfen 
Augenfluss; der Samen (ein Obol = Yg Drachme = 0,6) auch innerlich. 

Hier haben wir deutlich vor uns die Anwendung schmerzstillender, 
narkotischer, auf das Auge selber angewendeter Heilmittel, die den 
Hippokratikern noch fremd geblieben waren. Vgl. § 41. 

Auch ox^oyyoc, Nachtschatten, Solanum; und axdvtTov, Sturmhut, Aco- 
nitum Napellus, werden zu Collyrien verarbeitet. (M. m. IV, 71, 72, 77.) 

2. [i.y]v.(}iVQc^ xoDoitüv a^i<bri\xrj. TcposavxXoujxsvov y.oX autai ai -/.mriiai 
xaiaTiAaoaoixEvai, Eingießung von Mohnkopfabkochung und Auflegen von 
Mohnköpfen, gegen (pXsYJJ-ovai. 

Schon Theophrast (390 — 305 v. Chr.) kannte das Opium. Ausführ- 
liche Angaben über Gewinnung, Eigenschaften und Verfälschung desselben 
finden sich bei Dioscorides, Plinius, Scribon. Larg. (im 1 . Jahrb. n. Chr.). 
Man unterschied ottoc, den Milchsaft des Mohn-Kopfes (lacrima papaveris), 
von [x-A)xu)V£iov, dem weniger wirksamen Auszug der ganzen Pflanze (Papaver 
somniferum). Diese, (m. m. IV, c. 65; B. I, S. 557) empfiehlt Opium zu 
örtlichen Mitteln gegen Augen-Entzündung. »Erasistratus') giebt an, dass 
DiAGORAS seine Anwendung bei Augen-Entzündung missbillige, da es 
Seh Störung mache. Andreas sagt, dass diejenigen, denen man es 
in die Augen streicht, erblinden würden, wenn es nicht verfälscht 
wäre .... Alles das ist falsch, wie die Erfahrung beweist.« Uebrigens 
erklärte auch nach Dioscorides noch Galen 2) die Collyrien aus Opium, 
Mandragora und Hyoscyamus für schädlich, da sie Amblyopie, Star, My- 
driasis, Phthisis verursachen. Und an einer andren Stelle 3) behauptet er, 
dass die Collyrien aus Opium Amblyopie hinterlassen. 

3. x(uv£iou ^uXiofxa, Schierlings-Saft, gegen cpXsYjxovai xal p£U|jLaTa (wohl 
einzustreichen in die Augen). Conium maculatum (bei den Römern cicuta) 
enthält das Alkaloid Coniin. Diosc. (m. m. IV, c. 79; B. I, 576) erwähnt 
die Giftwirkung und empfiehlt den Saft, mit Wein gemischt, zu schmerz- 
stillenden Collyrien. 

Beiläufig seien noch zwei pllanzliche Stoffe erwähnt, die geschichtlich 
bemerkenswerth sind : 

a. sßivou pt,vy]^aTa, Ebenholz-Raspelspähne , gegen Amblyopie: ein alt- 



1) Vgl. Plin. n. h. XX, 76. 

2) Meth. med. HI, B. X, S. m. 

3) Oertl. Heilmitt. II, B. XII, S. 333. — Ebenso Alex. Trall. II, S. 3. 



220 XXIII. Hirschberg, 

ägyptisches Heilmittel, auch im Pap. Ebers geiren » Dunkel < empfohlen. 
Vgl. §11,16. 

b. aux/jC ouXaoi; Tpa/iciv, mit li;u'ten Feigenblättern das Trachom zu 
reiben. Vgl. § 7ö. 

(Anm. Ueber i)Upillen-erw eiternde Mittel bei den Alten vgl. § 198.) 

§ 136. B. Thierische Stoffe. 

1. -/.dcvilapi:. Vgl. Kürt Sprengel B. II, S. 442. Üioscorides kannte 
zwei .\rten, ünsre Art, Lytta vesicatoria, scheint nicht gemeint zu sein. 
(Wirksamer Bestandtheil Cantharidin. (:-,H,;02.) Die Hausmittel (I, 40) 
empfehlen eine Salbe aus zerstoßenen (lanthariden gegen Staphylome. In 
der Arzneimittellehre (II, c. 55; Band I, S. 192) steht nichts davon, 
überhaupt nur die Wirksamkeit gegen Wassersucht (und zwar in dem 
folgenden Kapitel 56, über !3ou-p-/jaTic, Rinds-Käfer). 

2. otouTToc x3y.7.'j;x£vo;, gegen Trachom: Schafwollfett, dasselbe, aus 
dem 0. Liebreich das für die Augenheilkunde so brauchbare Lanolin her- 
gestellt hat. 

3. 3Iilch, auch von Frauen. 

4. Eigelb, Eiweiß. 

5. Wachs. 

6. Blut. 

7. Urin. 

§ 137. G. Mineralische Stoffe i). 

i. OTu-rrT-zipia, Alaun 2), gegen cAe-'uovv.i, im Stirn-Umschlag auch 
gegen Amblyopie. 

Schon die Hippokratiker wenden dieses ägyptische Heilmittel vielfach 
an. (Ausg. von Littre, V, 245, 431; VI, 417, 423, 443; VII, 415; VOI, 
131, 167, 179, 507.) 

Diosc. (m. m. V, 122, B. I, 788) giebt dem ägyptischen Alaun den 
Vorzug und zwar dem spaltbaren (a/io-yj) oder haarfürmigen (-pi^f^Tti;) : »er 
reinigt die Verdunklungen vor der Pupille, und schmilzt fort das wilde 
Fleisch von den Lidern.« 



1) Erläuterungs-Schriften: Mineralogie der alten Griechen und Römer von 
Dr. H. 0. Lenz, Prof. in Schnepfenthal. Gotha 1861. — Berexdes S. 67 — 79. Doch ist 
nicht alles bei ihm richtig, (särccsipo; ist nicht unser Sapphir, sondern Lapis La- 
zuli.) Auch fehlen grade einige der schwierigsten Namen, wie ;j.(a'j, acüpo. — Vgl. 
auch Kopp, Gesch. d. Chemie, IV. Heft ■1847; Mineralogie von Quexstedt,' 
Tübingen 1835. 

2) Alaun ist ein Doppelsalz, schwefelsaure Thonerde und schwefelsaures Kali : 

Al2 3S04,K2S04 + 24H2 0. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthuni. 221 

Alaun ist noch heute ein heliebtes Augenheilmittel, nament- 
lich in England. Vgl, Nettleship, Diseases of the Eye, 4 887, S. 421: 
Alum-Stick and Alum-Lotion (gr. IV: 1 5). 

2. Die von Dioscorides erwähnten Erd- Arten sind wohl sämmtlich 
Thon- oder Mergel-Sorten'}, die wir heutzutage nicht für diese Zwecke an- 
wenden. 'H aafit'a 7-^, die samische Erde (m. m. V, c. Mi) hat zwei Unter- 
arten: eine weiche, die -/.oXXupiov (Teig, Kuchen); und eine festere, die 7.3-7^0 
(Stern) genannt wird. 

3. Äii)o? liuiTTjC, gegen alte Geschwüre und Flüsse. Es ist ein jaspis- 
ähnlicher Stein , der das aufgegossene Wasser milchig macht , nach 
K. Sprengel'-) orientalischer Turquis, der nach Berzelius aus phosphorsaurer 
Thonerde, phosphorsaurem Kalk mid kohlensaurem Kupferoxyd besteht. 
Der phosphors. Kalk kann das Wasser milchig machen. Nach Lenz ist 
der Thyites nicht bestimmbar. Galen (B. XII, S. 198) hat ein besonderes 
Kapitel über des Dioscorides Thyites, eiidärt ihn für beißend und als 
Augenheilmittel nur anwendbar bei nicht entzündlicher Verdunklung der 
Pupille, z. B. bei frischen Narben. Nach Dioscor. (m. m. V, 108, B. I, S. 816) 
vermag er die Verdunldungen vor der Pupille zu klären. 

4. Äi'i>o? '(aXay.-i-r^c, gegen alte Geschwüre und Flüsse. Der Milchstein 
ist ein kalkhaltiger Tophus, der am Reibstein unter Wasserzusatz verrieben 
einen milchigen Saft erzeugt; er stellt eine Art Kreide dar, enthält also 
kohlensauren Kalk. (Sprengel II, 656.) 

Nach Lenz ist auch dieser Stein nicht bestimmbar. 

Diosc. (m. m. V, c. 149, B. I, 814) erklärt, dass er sich eigne, gegen 
Flüsse der Augen und Geschwüre eingestrichen zu werden. Es besteht also 
wieder gute Uebereinstimmung zwischen den Hausmitteln und der Arznei- 
mittellehre. 

5. AiiJo? [xopo/iloc, wohl Speckstein (Magnesium-Silicat) und Seifenstein 
(Magnesium-Aluminium-Silicate), nach Sprengel II, 657. Diosc, m. m. V, 151, 
B. I, S. 815: »Morochthus wird zu den milden Augenmitteln gemischt, füllt 
Ilohlgeschwüre und hemmt Augenflüsse.« 

6. aa-cpsipoc auv •j'aXax-i . . . Trpö; rä y.iypoviotjLiva ^Xv.r^ xal 'rjt6\xa.~a. 
»Lapis Lazuli mit Milch . . . gegen die eingewurzelten Geschwüre und Flüsse 
■des Auges«. (Hausmitt. I, 34.) Dies ist eine altägyptische Vorschrift aus 
Papyrus Ebers: »Ein andres (Mittel) zum Beseitigen des Aufsteigens von 
.Wasser in die Augen (Augenfluss) : Lapis Lazuli, Grünspan, Harz, Milch . . .« 
Vgl.§ 11,8. ysbd der Aegypter, odc-üeipo; des Tiieophr. •*) und Dioscorides, 

i) Thon ist ein wasserhaltiges Aluminium-Silicat (meist mit Carbonaten von 
Calcium, Magnesium und Eisen). Mergel ist ein Gemenge von Calcium-Magnesium- 
€arbonat mit Thon. 

2) 11,658. In der Ableitung des Namens irrt er wohl, mit seinen Vorgängern, 
ij'jcij heißt ursprünglich brausen, y-ji-T^; Brause-Stein. 

3) Von den Steinen, c. 23: yrj'jaora'j-rov, mit Gold-Punkten. 



222 >^XHT- Hirschberg, 

ist nicht unser Sapphir, suudeiu der Lasur-Stein, Lapis Lazuli. Derselbe 
besteht aus einem Silicat mit Thonerde, Natron, Kalk, etwas Eisen und 
einem Sulfat. M. m. V, 156: »Die Hervorragungen in den Augen und die 
Staphylome und die Pusteln bringt er nieder und die Zerreißungen der 
Häute bringt er zusammen.« 

7. ar^TTia? oarpaxov AsTov, zerriebene Sepia-Schale, (mechanisch) gegen 
Flügelfell. Vgl. § 75. 

8. 7.ia3-/ipic, Bimstein'j, reinigt die Verdunklungen vor der Pupille. 
(M. m. V, c. 124). Er wirkt wohl mechanisch. 

9. aXzc, Salz, d. i. Kochsalz, (opuxtov, Steinsalz; OaXacjtov, Seesalz.) 
>I. m. V, '125: »Die Hervorragungen in den Augen bringt es nieder und 
schmilzt die Flügolfelle.« 

iO. äXoc, a}(vrj 2), Salz-Schamn, wirkt ähnlich. (M. m. V, 126.) Es ist 
lockeres Seesalz. 

11. aXoc avi>oc, Salzblüthe, stammt aus den ägyptischen Seen (V, 128) 
und ist wirksam gegen Amblyopie, Hornhautnarben und Leukome. 

Das ist ein unreines Natronsalz. 

§ 138. 12. 7.ao|jLia, Galmei, Zink-Garbonat. Ein ägyptisches Wort 
und Heilmittel: hetem (;((xtmi), eine Augenschminke. Vgl. § 11, b^). [Wegen 
der Aehnlichkeit auch nix alba (Schneeflocke) oder nihilum album genannt.] 

DioscoR. (m. m. V, 84, B. I, S. 740) handelt ausführlich von der y.ao- 
IJ.C17., versteht aber hier nicht das natürlich vorkommende 3Iineral Galmei 
(kieselsaures Zinkoxyd), das bei Strabo (III, 4) als xaofxsia Äiiloc bezeichnet 
wird; sondern ein (mit Kupfer) verunreinigtes Zink-Oxyd, wie es in 
Schmelz-Oefen sich ansetzt, wo Kupfer mit natürlichem Galmei zu Messing 
zusammengeschmolzen wird, während ein Theil des im Galmei enthaltenen 
Zinks oxydirt im Ofen als »Rauch« aufwärts steigt. 

»Sie hat die Kraft zusammenzuziehen, Hohlgeschwüre auszufüllen, Un- 
reinigkeiten zu beseitigen.« 

13. no|jLcp&Xo^ (Diosc. m. m. V, 85) ist gereinigtes (durch Hitze sublimirtes) 
Zink-Oxyd, dem die nämliche »Kraft« zugeschrieben wird, wie dem vorigen. 



^) Chemisch ist er ein wasserarmes Glas (55 — 7öX Kieselsäure, 5 — 15 X Alka- 
lien. Kali und Natron). 

2) Aber auch der Meerschaum der Alten, Halcyonion (Korallen und 
Schwämme) führte diesen Namen. Vgl. Diosc. m. m. V, 126 mit 13ö und unsrem § 43. 

3) Thes. 1. gr. (IV, 732) leitet •/.c/.o|j.£ia ab — vonKdop-o;! Ebenso K.Sprengel, 
II G4 : Cadmiae nomen a Cadmo Phoenice derivatur. (Hygin. fab. 274.) — Kdo,ao; 
enthält die phönicische Wurzel (kdm) für Osten. Das deutsche Wort Galmei 
(nhd.), mittelhd. einmal Kaiemine, kommt aus dem mlat. lapis calaminaris, frz. 
calamine (Kluge, i23). Lateinisch im 13. Jahrb., frz. im 14. Jahrb. (Vgl. Gloss. 
m. et i. 1. U, 20 und Littre, Dict. d. 1. I. fr. I, 456.) Der Name kommt von der 
Stengel-Form, in der es an der (das geschmolzene Metall umrührenden) Stange 
haftet. (Castelli, läl, der calamitis schreibt.) 



Geschiclite der Augenlieilkunde im Altertlium. 223 

Das ist wohl das berühmteste und gebräuchlichste Augenheilmittel 
der Alten, das bei ihnen die Stelle unsrer Zink-Lösung vertrat. 

Galen (einf. Heilm. IX, c. 25, B, XII, 234) berichtet, nach eignem 
Augenschein, über seine Bereitung sowie über seine Eigenschaften und An- 
wendungen und rechnet es (örtl. Ileilm. IV, c. 1, B. XII, 699) zu den ganz 
reizlos trqcknenden Mitteln, das gegen dünne und scharfe Augenflüsse Ver- 
wendung finde. Aetius (VII, eil, S. 1 26, A) hat ein besonderes Kapitel 
über die Prüfung der Zink-Blume: »Die beste Zink-Blume ist nicht rein 
weiß, sondern in's Bläuliche ziehend. Beste Probe derselben: Auf Kohle 
gestreut, bringt sie das Bild des Feuers hervor.« 

1 i. a-oodc, a-ooiov, Ofen-Bruch, Metall-Asche, mit Pllanzensäften g<!- 
mischt und eingestrichen, gegen Epiphora und Geschwüre. (Hausmittel. 

Es ist Metall-Asche aus den Erzbearbeitungs-Oefen, von den Wänden ab- 
gekratzt, hauptsächlich ein mit erdigen Bestandtheilen verunreinigtes Zink- 
Oxyd. 

Es giebt auch einen bleihaltigen Ofen-Bruch (a-ooidt). 

15. yakv.oc '/.v/,au\xivoc , geglühtes Kupfer-Erz, gegen Ciliar -Schmerz 
(-cpiojouviVaij. (Hausmittel.) Nach Diosc. (m. m. IV, 87, B. I, S. 749) wurde es 
bereitet aus den kupfernen Nägeln zerlegter Schiffe, indem man die ersteren 
in ein rohes Thongefäß that und Schwefel, oder Schwefel und Salz, oder 
Alaun, oder Schwefel und Essig, oder nur Essig beifügte. 

Auf diese Weise bekommt man (nach Lenz S. 70) sehr verschiedene 
Kupferverbindungen: 1. Bei schwächerem Glühen des Kupfers, ohne Zu- 
satz, rothes Kupfer-Oxydul. 2. Bei stärkerem Glühen, schwarzes Kupfer- 
Oxyd. Von einem rothen und einem schwarzen Präparat spricht Dioscorides. 
3, Mit Schwefel, graues Schwefelkupfer. 4. Mit Kochsalz, gelbes Ghlor- 
kupfer. 5. Mit Essig, Grünspan. 

Somit kann bei den Alten derselbe Name verschiedene Körper 
bedeuten, während gelegentlich auch umgekehrt derselbe Körper mit 
verschiedenen Namen belegt wurde. 

»Es vermag zusammen zu ziehen, zu reinigen, zu vernarben, [die Trü- 
bungen] in den Augen abzuwischen (3fj,rjj(c!.v ta sv öcp^aXjxoic). Ebenso 
wirkt Kupfer-Schlacke (axojpi'a).« 

1 6. yalv.oo aviloc, Kupfer-Blüthe, löst sich von der Oberfläche des ge- 
schmolzenen Kupfers ab, wenn sogleich kaltes Wasser aufgegossen wird. 
Diosc, (m. m. V, 88): »Es zieht zusammen, verkleinert Auswüchse, beseitigt 
die Verdunklungen vor der Pupille, beißt aber.« 

Nach Lenz (S. 70) ist es rothes Kupfer-Oxydul. 

Man muss, von yaX'Aod avUoc, wohl unterscheiden -/aV/cavöo; [/(ö.Xy.oM- 
i>ov, /aXy.avi>£c): das letztere ist Kupfer- und Eisen-Vitriol. 

■/ak'Arjc, ist Kupfer und seine Legirungen (Messing = Kupfer und Zink ; 
Bronce = Kupfer und Zinn). 



224 XXm. Hirschberg. 

17. Diosc. (m. m. >', 89, B. I, S. 7ö2i beschreibt den Hammerschlug 
(as-ic) von den Nägehi aus kyprischen Kupferschmieden als s'YZ'.ppoc d. h. 
gelblich. »Auch dies gehurt zu den zusammenziehenden Mitteln und wird 
den augenärztlichen Heilmitteln beigemischt.« 

18. 10? suaToc, geglätteter Grünspan'), in Salben gegen Kürnerkrank- 
heit. In der m. m. (V, c. 101, I. S. 754) giebt Diosc. verschiedene AOr- 
schriften, um aus Essig und Kupfer Grünspan (essigsaures Kupferoxyd i zu 
bereiten; und spricht auch von dem natürlichen. 

Den natürlichen Grünspan bildet (nach Lenz, S. 71) einerseits das 
kolilensaure Kupfer-Oxyd ; andrerseits der Malachit, d. i. kohlensaures Kupfer- 
Oxyd, mit Wasser chemisch verbunden. 

In dem folgenden Kapitel der m. m. handelt Dioscorides von wurm- 
förmigem Grünspan (lo? a'/cuXr^;), der aus Essig und Kupfer, unter Zusatz 
von Alaun und Stein- oder See-Salz, gewonnen wird. 

»Jeder Grünspan vermag zusammenzuziehen, die Narben im Auge zu 
klären, die Lider zu verdünnen.« 

19. /aÄxocvilo? (-OVI, in Salben, gegen Kürnerkrankheit. Dies beschreibt 
Diosc. (m. m. \, 114, B. I, S. 779) als eine festgewordene Flüssigkeit 'ü^pov 
ttstctjY&c). Es erstarrt in AVürfeln. Das Beste ist blau (x'javsov) und durch- 
scheinend. Es ist ofYenbar Kupfer-Vitriol, schwefelsaures Kupfer-Oxyd; 
allerdings bei den Alten stets mit Eisen-Vitriol vermischt. 

»Es wirkt adstringirend , innerlich tütet es den Bandwurm, bewirkt 
Erbrechen und hilft gegen giftige Pilze-).« 

»Da die Griechen noch keine freie Schwefelsäure kannten, haben sie ihr 
5(aXxavi>ov ausschließlich aus den durch Verwitterung der Schwefelverbin- 
dungen des Kupfers bei Gegenwart von AA'asser entstehenden Gement- Wässern 
(durch Abdampfen) erhalten. (Jedoch heißt /c/.ax7.vUov, soviel ich habe er- 
mitteln künnen, recht oft Kupfervitriol-Lüsung.) Nun ist aber ganz reines 
Schwefelkupfer (Cu^S) fast gar nicht vorkommend; stets enthält es mehr 
oder weniger Schwefel-Eisen. Bei der A'erwitterung namentlich des Kupfer- 
kieses (Cu2 S. Fe2Sj) und des Buntkupfer-Erzes (3Cu2 S. F^S.i) entsteht 
neben Kupfer-Vitriol auch Eisen-A^triol, der mit jenem zusammenkrystallisirt. 

Das wichtigste Kupfer-Erz der Alten ist yaKvJ-r^c (Plin. 34, 1), das ver- 
wittert nach Dioscorides /aXxlTri; heißt und ein Kupfer-Eisenvitriol ist. Es wurde 
in Cypern auf Kupfer verarbeitet.« (Bischoff, das Kupfer und seine Legirungen, 
Berlin 1 865.) Vgl. Gorup Besanez, Anorg. Chemie, lA'. Aufl., S. 626. 

20. Auch -/7.a/.It'.c wird benutzt zu der Honi2,-Salbe a,e2,en Kürner- 



i) Grünspan oder Spangrün bedeutet spanisches Grün. 

2) Es ist ein Irrthum verschiedener Geschichtsforscher , dass die alten 
Griechen metalhsche Mittel nicht innerlich gegeben hätten. Der Irrthum dürfte 
aus Haeser abgeschrieben sein. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 225 

krankheit. (Hausmittel.) In der m. m. (V, 115, B. I, S. 78!) sagt Dioscou., 
dass gebrannte Chalcitis, gepulvert, mit Honig, zu Augenmitteln diene; es 
reibt ab die körnigen und schwieligen Lider. 

Die Römer übersetzten yjzXxavOo; mit atramentum sutorium. (Cels.A', 1.) 
Das ist weder Schusterpech, noch Tinte; sondern Leder-Beize. Wir 
kommen darauf noch zurück bei Galen's Vorschrift zur Färbung der Horn- 
haut-Weißnarben. (§ 241.) 

21. •'jtorjv/.ov, das Mittel gegen Jucken (»Krätze« bei den Alten), auch 
der Lider, wird bereitet aus 2 Theilen Chalkitis und 1 Theil Kadmia, mit 
Essig zusammengerieben. 

22. 7.pfj.£viov, Kupfer-Lasur, 3Iineral aus basisch kohlensaurem Kupfer- 
oxyd, »macht Wimpern wachsen«. Diese, m. m. V, c. 105. 

23. ypiiJov.rjXXa (V, c. 104), Malachit, wasserhaltiges, basisch kohlen- 
saures Kupferoxyd. Wirkt gegen Geschwüre^). 

§ 139. Die beiden folgenden werden weder von Kopp noch von Lenz 
erklärt. 

24. aiau wird allgemein für ein ägyptisches Wort gehalten, von den 
Alten ^svizo'v (fremd) genannt. Diosc. erwähnt das ägyptische (m. m. V, 1 1 6). 
»Galenus qui in Cypro praegrandem acquisiverat misyos bolum, vidit 
s-avi>io|i.a esse chalcitidis, sola igitur mutata forma.« (Sprexgel H, 648.) 
Also eine Krystallisation aus Schwefel-Eisenkupfer, ein A'itriol-Erz. 

Nach Diosc. (m. m. V, 116) steht es als Augenheilmittel weit hinter 
dem Psoricum (21) zurück. 

25. oÄpo, ist nach Dioscor. nicht, wie manche angenommen hatten, 
[j.2Xavty;pia (V, c. 1 18, Kupfer- A'itriolsalz) 2) ; sondern diesem nur ähnlich. Das 
ägyptische ist das beste: es mag Blei-^'itriol gewesen sein. Das ägyptische 
Wort se-ur heißt großes Salz. (Vgl. §11, VL) 

26. aTiijL]j.i, Grauspießglanz-Erz, Sb2S3. Vgl. § 10. »Es reinigt 
che Augengeschwüre«, Diosc. m. m. V, c. 99. 

27. ixoXußooc, fein zerkleinertes (wohl zum Theil oxydirtes/ Blei, be- 
seitigt Augenflüsse. (M. m, V, 1 05.) 

28. txoX'j(3öo; -/sy.7.o|jL£vo;, mit Schwefel geglühtes Blei (Schwefelblei), 
ist noch wirksamer. 

29. Ferner oxwpi'a jjLoAußoou, Blei-Schlacke, und X-'Do; |j.oXu[5oOi'.OY;;, 
Bleistein, = Schwefelblei mit Schwefeleisen. 

30. fxoXußoaivct, unreine Bleiglätte. 

31. AiöapYupo?, Bleiglätte, Bleioxyd, galena. Es giebt silber- und 
iioldfarbi£,e. 



t Behendes fl, 202) behauptet, es müsse Borax sein (?], weil es wörtlich 
Gold-Leim bedeute. 

2, Behendes (I, 302) hält es irriger Weise für eine Eisenverbindung. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIU. K'.ip. ^^ 



226 XXIII. Hirschberg, 

3ä. (IfLfiuOiov, Bleiweiss, basisch ktjhlensaures Bleioxyd. Doch 
entsteht nach der N'orschrift des Diese. A , 1 03 (wie der des Theophrast, 
von den Steinen, 101) eher ßleizucker, essigsaures Bleioxyd. 

33. auaiov, Mennige (PbjO,). 

Von den Bleipräparaten wird ganz besonders die Bleiglätte als Be- 
standtheil von Augenheilmitteln empfohlen. (Diese, m. m. V, c. 102.) 

§140. 34. Äii}o? ai|xaTir/;; 1), gegen Blutuntorlaufungen. (Hausmittel.) 
»Zu Collyrien und Augenpulvern«, Diosc. m. m. V, 143. Nach Lenz ist es 
Rotheisenstein. Kukt Sprengel, II, p. G55: Haematitis est minera ferri 
quae ferrum oxydatum continet. 

Auch dies ist ein ägyptisches Heilmittel (Pap. Ebers): »menst (nach 
Brugsch}, Röthel, Haematit, (großentheils) Fe^O^ ^Eisenoxyd), das im Alter- 
thum aus Aegypten ausgeführt W'urde. Es ist ein Produkt der Oasen, wo 
es noch heute vorkommt. Es diente in ausgedehntem Maße als 3Ial- und 
Schreibfarbe« '^). Diese, m. m. \, c. 143 irpoc dcp^aXfii'a? v.a.1 [jt^z'-- /.«'^ 
'jcpai'ixouc ocpÜaXfiouc . . -ivsTai ok xai xoÄAtipia s? auTOU v.olI dxdv.ot, T^rjoc 
~a £v ToTc 6cpUaÄ[xoTi; sTTtTTjOsia, »Gegen Augen -Entzündungen und Zer- 
reißungen und Blutunterlaufungen . . . Man macht auch Collyrien und 
Pulver aus ihm, zu Augenmitteln. <: Dies stimmt genau mit Pap. Ebers 56, 
2; 57, 4, 14, 18 . . . G. Ebers übersetzt Mennige, Roth. 

35. a-/iaT6c ist nach Sprengel (II, 655) ein fasriger Haematit. 

36. aioTjpou oxwpi'a, Eisenschlacken"^}, gegen Trachom. Nach Diese, 
m. m. V, c. 99 (I, p. 759) ähnlich, aber w'eniger wirksam als das folgende. 

37. XsTTti; oioYjpou, Eisenhammerschlag, mit Kupferhammerschlag zu- 
sammen empfohlen. 

38. löc oioTJpou, Eisenrost'*). Diese, m. m. Y, c. 93, I, 758: »Mit 
Essig eingestrichen sehr nützlich gegen Flügelfell und Körnerkrankheit«. 



r Die Heilmittel der Alten enthalten öfters in ihrem Namen einen Anklang 
an den des damit behandelten Leidens. Es kann zweifelhaft bleiben, ob der Name 
dem Heilmittel wegen des vermutheten Nutzens gegeben wurde (vgl. Theophr. 66;, 
oder Anlass zur Empfehlung war. Beispiele: 1. aitj-a-irr^c, gegen üroooop-ä; a'iV'/'o?, 

Blut-Unterlaufungen;. gegen dieselben auch noch verschiedene Blut-Arten. -2. gegen 
Gerstenkorn, Gerstenabkochung Galen. Paullus Aeg.I 3. gegen Aigilops die ebenso 
genannte Pflanze. 4. Bleiwurz (molybdaena, plumbago) gegen plumbum in oculis 

Bleifarbe? Scleritis). Plin. 25, 155. 

2) Hirschberg, Aegypten, S. 6(). 

3) Schlacken sind meist metallhaltige Silicate. Eisenrost ist Eisen-Hydroxyd, 
Eisenhammerschlag enthält Eisen-Oxyduloxyd, Kupferhammerschlag enthält neben 
Kupfer etwas Kupferoxydul. 

4i Die Verrostung des Auges 'durch eingedrungene Eisensplitter, ward, 
heutzutage Siderosis bulbi genannt. Doch bedeutet atoT,fj(uatc den Eisenbeschlag. 
Denjenigen, die niclit deutsch reden mögen, gebe ich an die Hand oior,p-(«)at;, von 
uuai? Verrostung. — Wir verwenden Eisen nicht mehr zu Augenheilmitteln. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 227 

39. xivvr/.ßapt, Zinnober, Schwefelquecksilber (HgS), »passt zu Augen- 
heümitteln«. (Diosc. m. m. V, c. 109.) 

40. aavoapaj(a, nach Sprex\gel Arsenicum sulfuratum rubrum, s. Real- 
gar (As. S.). (DiosG. m. m. V, 121.] — Lenz »vermag es nicht zu bestimmen:. 
In des DioscoR. m. m. V, c. 121 steht nichts von Augenkrankheiten; wohl 
aber IV, c. 103 (und Hausmittel, I, 51) heißt es, dass Sandarache zu- 
sammen mit Staphis agria (Läusekraut) Läuse, auch an den Wimpern und 
Brauen, beseitigt. Eine ähnliche Vorschrift hat Celsus, VI, 6, 15. 

Mit der Zahl und Anwendungsweise der Augenheilmittel bei 
DioscoRiDES können wir schon zufrieden sein. 

§ 141. Wir dürfen Dioscorides nicht verlassen, ohne rühmend hervor- 
zuheben, dass er zuerst die auch für die Augenheilkunde so überaus wich- 
tige wundärztliche Betäubung^) wissenschaftlich dargestellt hat. 

A. Allerdings verdankt er wohl hierin, wie in manchen andren Dingen, 
seine Kenntnisse den Knechten Pharao's: dafür haben wir einen ausge- 
zeichneten Gewährsmann, unsren (leider vor kurzem verstorbenen) Meister 
H. Brugsch^). 

a. In seinem hieroglyphisch-demotischen Wörterbuche 3) hat er dem 

Worte ° 'AA ° , d= — d? (und seinen Varianten) das ebräische 

dudaim, mit der Bedeutung von Mandragora, Liebesapfel, Alraune, gegen- 
übergestellt. 

b. In einer uralten ägyptischen Sage wird die mit der Vernichtung 
des Menschengeschlechtes betraute Göttin berauscht mittels der ins Bier 
gemischten, zermahlenen Alraune aus Elephantine. (Die sogenannte Inschrift 
von der Vernichtung des Menschengeschlechts im Grabe des Königs Seti I. 
ist im 15. Jahrhundert v. Chr. angefertigt worden. Dass das Original weit 
älter sei, darf nach H. Bri'gsch nicht bezweifelt werden.) 

c. In der Heilkunde der alten Aegypter fand die Alraune ausgiebige 
Anwendung. Dies folgt aus Papyrus Ebers (1500 v. Chr.): XXII, gegen 
Eingeweidewürmer; XXXIX, gegen Magenleiden, Alraune von Elephantine 
zermahlen; LXXIV, gegen Geschwüre, Alraune aus Elephantine; LXXX, 
LXXXII, LXXX VI 4). 

Dagegen wissen wir gar nichts von einer Anwendung zur chirurgischen 
Betäubung, aus dem einfachen Grunde, weil wir keine einzige altägyptische 
Schrift über Wundarzneikunst besitzen. 

4) Vgl. m. Mittheilung in der deutschen med. W. 1892 N. I. (Merkwürdiger 
Weise nicht benutzt in Gurlt's vortreffl. Gesch. d. Chir. I, 398 u. III, C28.) 

2) Die Alraune als altägyptische Zauberpflanze. Auszug aus d. Zeitschr. f. 
ägypt. Sprache, XXIX. Band, ■1891. 

3) Leipzig 1867—1882, 7 Bände, 7. Band, S. 1399. 

4) Vgl. die Uebersetzung von Joachim, Berlin 1890. 



228 XXIII. Hirschberg, 

d. Nur soviel lehrt uns Brlgsch, dass den allen Aegyptern der Schlaf- 
trunk bekannt gewesen. Derselbe kommt dreimal in der oben erwähnten 

Inschrift vor und heißt sdr: I ^ <^v^ = , ; die drei ersten Zeichen von 

links lier sind die drei Buchstaben, dann folgt das Deutzeichen für Schlaf- 
Trunk. 

Ein Fest des Schlaftrunks konmit in einer Stelen-Inschrift aus der 
XII. Dynastie vor, die also etwa 4000 Jahre alt ist. 

II, In der Bibel linden sich die dudaim zweimal vor: 1) Genes. 30, 14 
([xyjXa [jLavopaYOpcTa in LXX) und 2) Cant .cantic. 7, 12. — BertoloniI) will 
diese Liebesäpfel für ("-ucumis Dudaim L. erldären. 

§ 142. B. 1. rieoavio'j AioT/.opi'oou Trepl uXr^c la-pur^c A, o;' (m. m., 
1. IV, c. 76, Edid. Curt. Sprengel, B. 1, p. 570—571): 

MavSpayopac . . . svioi os xaOs- »Einige kochen die Wurzel der 

•vouaiv ol'vu) "oic pi'^^a? o.ypi xpitou xal Mandragora mit Wein bis zum Drittel ein, 
oiuÄiaavTcc a-oTi'ösvxai, )^pa)[X£Vot stti seihen durch und heben die Flüssigkeit 
T(üv dypuTTVtov xal TrsptoouvtovTtov auf und geben davon einen Beclier: 
x'ja6(ji EVI, xal scp' tcv jSouXovtai l) bei Schlaflosigkeit, 2) bei heftigem 
dvaiotJrjOiav t£[xvo|xsvtov r, xaiotxsvtov Sclunerz, 3) um Unempfmdlichkeit für 
7:ot"^aai. das Schneiden oder Brennen hervor- 

zurufen. « 

Auffällig sind mir hier drei Dinge: 1) Es heißt i'vioi, also war das Ver- 
fahren nicht allgemein im Gebrauch. 2) Trotzdem wird ganz klar — wie 
im XIX. Jahrhundert, das den Schmerz getödtet! — von chirurgischer 
Anästhesie gesprochen^). 3] Die Gabe ist nur ungefähr angedeutet: ta; 
pi^a; heißt hier übrigens die Wurzel einer Pflanze, wie schon L. Fuchs 3) 
richtig übersetzt; denn sie ist (häufig) zwei- oder drei-getheilt. Aber wie viel 
Wein zur Abkochung zu nehmen sei, wird nicht gesagt. (Vielleicht können 
wir annehmen, dass bei einer Einkochung auf Y3 die Menge des W^eines im 
A'erhältniss zu der der Droge eine hergebrachte war.) Aus der Unbe- 
stimmtheit der Dosirmig folgte die Gefahr, der seltene Gebrauch (siehe 1) 
und ferner die Erwägimg, dass örtliche Betäubung gefahrlos sei. 

2. Diosc. m. m., 1. V, c. 157: 

At6o; ijLEixcpiV/]? sljpioxsTai sv Der memphitische Stein ^) wird in 

AiytiTTTfo xata Mifxcpiv, i'y^ouv '!;r/,piotov Aegypten gefunden, zu Memphis, von 
tisysÖoc, XiTTapoc xai koi'xiÄoc" ou~o: der Größe der Kieselsteine, glänzend 
laxopsixai xa~aj^pia(Iei? AsToc i~i tojv und bunt. Von diesem erzählt mau, 



1) Siehe unten. 

2; Nur stellen bei den Griechen die Worte vav/.wsi; und äv7.tGt}rjc[c( stets in 
leidender Bedeutung, nicht in thäti.aer. 

3) S. unten. 

4) Was Memphit sei. konnte Lea'z S. 78 Anm. 290, nicht ergründen. Viel- 
leicht war es eine Art Marmor. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 229 

u.3Aaov-<ov -i|xv£oi}at r^ xai'caüai to- dass er, ge|)ulvert eingerieben auf die 
TTtov, avaiaUr^oi'av d7.''vouvov süi- Stellen, die geschnitten oder gehrannt 
cssosiv. werden sollen, gefahrlose Betäubung 

hei*vorbringe. 

Das Wort lOTopst-ai spricht wieder dafür, dass auch diese Uebung 
selten, und dass sie dem Dioscokides nicht aus eigner Anschauung bekannt 
gewesen. 

3. Am Schluss des Kapitels '] über .^fandragora (IV, c. 76, Ed. Spkengel 
I, 573) erwähnt Dioscorides noch einer andren (dritten) Art 2) mit folgenden 
Worten : 

'loTopouGt ok xat s~£pav ao'piov »Man erzählt auch von einer an- 

X£YO[X£vrjV .... r^v cpaat TrtvotjLSVYjv dren Art der Mandragora, die Morion 
ooov <C''J.', Tj [iz~a aXcsiTojv EOiliojJti- heißt .... ]N"imnit man davon eine 
V7,v £V[iaC"f/ "/)0']>oj 7.-07. otpoov* y.7.Ü£uO£t. Drachme, mit Mehl in Teig oder mit 
yotp b avi>poj-oc £v fo-£p 7.v cpayoi Gemüse ; so tritt Betäubung ein. Es 
oyr,ita"i, aiaDavoitiVoc o'jO£vb; ir.l schläft der Mensch in der Stellung, in 
(opat; Y '/j , 7cp ouTTip av -pocs- welcher er eingenommen, 3 — 4 Stun- 
VEYv.Tjtai' }(p(J5vTat os v.at t7.u~(] oi den. Auch diese brauchen die Aerzle, 
i7.~oo[, 'o~7.v TsaViiv Tj xaisiv ;j.sXXouoi. wenn sie schneiden oder brennen wollen. < 

Diese Stelle ist noch brauchbarer, als die erstgenannte. Die Gabe ist 
bestimmt angegeben, die physiologische Wirkung; ferner ist nicht von 
einigen Aerzten, sondern von den Aerzten die Rede. Ja, es wird sogar 
hinzugefügt, dass Strychnos die Wirkung aufhebe! 

M. m. V, c. 81: 

Mavop7.Yopi--A;s oacppaivotxsvo; os Mandragora-Wein (belaubt) ^). Mag 

X7.1 EYV.ÄuCo[X£VO? X7.1 TTivotxEVoc tb man daran riechen oder ihn im Klv- 
7'j~b ~o'.zi. stir nehmen oder trinken, die ^\'irkung 

ist dieselbe. 

C. Jedermann weiß, dass Pllmus mit seinem Zeitgenossen Dioscorides 
in vielen Punkten übereinstimmt; deshalb wollen wir die betreffenden Stellen 
des Flinius gleich hier zur Erläuterung hinzusetzen: 

1. PuN. sec. nat. bist., 1. XXY, c. 13., s. 94. (Ed. Sillig, IV, 150.) 
(Mandragorae) . . . radices tunsae vel in vino nigro ad tertias decoc- 

tae Vis somnifica pro viribus bibenlium ; media potio cyathi unius. 

Bibitur et contra serpentis et ante sectiones punctionesque, ne sentiantur; 
ob haec satis est alicjuis somnum odore quaesisse. »Einigen genügt es 
schon, wenn sie durch den Geruch einzuschlafen suchen«: also die jetzt 
sogenannte Hypnose an Stelle der wirklichen Betäubung. 

2. 1. XXXVI, c. VII, s. II, § 56 'Sillig V, 316). 

^lemphitis . . . usus conteri et iis quae urenda sunt aut secanda ox 



1) Einigen Handschriften fehlt dieser Satz. 

2) Davon sogleich mehr. 

3) Hier ist eine Text-Lücke. 



230 XXIII. Hirschberg, 

aceto illini; obslupescit ita corpus nee sentit cruciatum. — Littr£ nimmt an, 
dass die aus dem Marmor du 
örtlich betäubend gewirkt liabe. 



dass die aus dem Marmor durch die Essigsäure entwickelte Kohlensäure 



§ 143. Also hier finden wir eine Ausnahme von der Regel, dass die 
neueren Aerzte aus den Griechen und Römern zwar allgemeine Weisheit, 
jedoch keine besonderen Kenntnisse für die Praxis schöpfen können: 
denn bis zu unsrem Jahrhundert hin wäre es möglich gewesen, aus den 
obigen Stellen des Dioscoridks und des Plinius Nutzen für die Praxis zu 
entnehmen. Dies ist nicht geschehen; nicht einmal A'on den späteren 
Griechen, obwohl Dioscorides zu allen Zeiten bekannt und berühmt 
gewesen. Das bloße Lesen scheint nicht den genügenden Eindruck zu 
machen. 

Was ist nun Mandragoras? Dioscorides kannte aus eigner Anschauung 

2 Unterarten, »eine männliche und eine weibliche«. Die erste ist nach der 
vollgiltigen Autorität von K. Sprengel (Dioscor. Band II, S. 605) Mandra- 
gora vernalis, Bertoloni; die zweite M. autumnalis, Bertoloni. Die dritte 
Art, von der Dioscorides nur gelesen, sei entweder mit der ersten iden- 
tisch, oder mit Theophrast's Mandragora, d. i. der Atropa Belladonna. 
Während man schon im Alterthum die Pflanze zu den Liebesmitteln rech- 
nete, ist die Fabel, dass die Wurzel Menschengestalt i) und Zauberkraft 2) 
besitze, erst im Mittelalter aufgebracht worden. 

Nach dem Wiedererwachen der Wissenschaft hat unser Leonhardt 
Fuchs die erste Abbildung (nebst Beschreibung) in seinem Kreuterbuch 
(Basel 15 53. Isingrin, cap. CGI) geliefert; er spricht auch von der ärzt- 
lichen Anwendung und hält die innerliche für gefährlich. 

LiNNfi kannte nur eine Art, Atropa M. — Bertoloni schied dieselbe in 

3 verschiedene Arten; von ihm haben wir die vollständigste Beschreibung 
und Abbildung: Antonii Bertolonii M. D. commentarius de Mandragoris. 
Bononiae, MDCCCXXXV, i% 13 S., 3 Tafeln. 

Er bespricht zum Sclilusse auch noch kurz die ärztliche Anwendung 
und bemerkt, dass die Pflanze in Italien ganz außerordentlich selten anzu- 
treffen sei. In den ärztlichen Schriften unsrer Tage ist von Älandragora 
nicht mehr die Rede''). 



1; Aber schon von Pythagoras wurde sie wegen der getrennten Wurzeln 
c/.vl)f-io7:6jj.opcfo; genannt und von Columella i'IO, 19; semihomo. 

2 »Alraune<: aus mhd. alrüne, ahd. alrüna, »Mandragora. Alraune«: ein ur- 
alter Name, hinter dem man altgerm. mythische Wesen, die im Geheimen (goth. 
rüna. Geheimniss, vgl. raunen) wirken, vermuthet. (Kluge.) 

3) Auch die große Real-Encycl. der Pharmacie (Wien 1889, Band VI 
S. 518) liefert uns keine Ausbeute. 

Der geschichtskundige Flückiger hat wenigstens eine Anmerkung über die 
Alten. (Pharmakognosie des Pflanzenreichs, Berlin 1882, S. G68.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 231 

Das Alkaloid Mandragorin hat F. B. Ahrens aus der Mandragora- 
wurzel hergestellt. Es bewirkt Pupillen-Erweiterung sowohl bei (hllicher An- 
wendung auf das Auge, als auch bei innerlichem Gebrauch und scheint 
isomer mit Atropin zu sein^). 

Höchst interessant ist es, die griechisch-römische Literatur über Man- 
dragora zusammenzustellen. Daraus folgt der merkwürdige Satz, dass die 
schlafmachende Wirkung zwar allgemein, auch den Nichtärzten, be- 
kannt und sogar sprüchwörtlich gewesen; dass aber die chirurgische 
Betäubung mittels dieser Pflanze, außer bei Dioscorides und Plinius, 
nirgends wieder erwähnt wird; auch nicht bei den beiden Schriftstellern, 
die allein aus dem Alterthum uns ein einigermaßen vollständiges System 
der Chirurgie hinterlassen haben, nämlich bei Celsus und Paulus von 
Aegi.va. 

Beweisend ist die folgende Zusammenstellung. 

A-. Nicht-Aerzte. 

Demostu. Phil. 4: A\k ouo av^Ysp^r^vci o'jv7.[j.£i)a akXa jj,7.vop7.-'op7.v 
TTs-oy.o 31 . . . sor/ajxsv. »Aber wir können nicht einmal aufwachen, son- 
dern ülcichen denen, die Mandragora getrunken haben.« Demosth. Enc. c. 36; 
adv. Ind. e. 23. Xenoph. Conv. 2, 24. Plato Reip. 0. Lucian. Tim. c. 2 
OTTOU z7.Ua-£p uTTo fjL 7. V p 7.-' p u 7. 7. U ö u £ i c ; »Wo Schläfst du, wie unter 
Mandragora '?<• Julian. Caes. Epist. 21. 

B. Aerzte". 

I. IIh'pokrat.: 1) Gegen Selbstmord-Trieb. FIspi to-ojv, 39. Littre VI, 
32 8. Tou; dvitojjLSVou? xal voosovra? v-r/.l aTrayysoöat ßouXojxivou? jj.7.v- 
op7.Y^^poo pi'Cav Tipu»i Tinrta-/£iv ^Xr/.ooriV -q «>? ;j,7.iv£3i}7.i. »Die bekümmerten 
und leidenden und zum Erhängen geneigten sollen von der Mandragora- 
wurzel morgens nehmen, eine kleinere Gabe, als zum Delirium.« 2) Aeußerlich, 
gegen Mastdarmvorfall. Ilöpt aopiy-'ojv, 9. Littre VI, 438. 3) Gegen vier- 
tägiges Fieber, innerlich in Körnchen. flcpi vouacDV H, 43. L. AH, 60. 
4) Regelförderndes Pessarium. ruv7LX£itüV I, 74. L. VIII, 160. Gebärmutter- 
Einspritzung. Fov. I, 80. L. Vin, 202. 6) Pessarium gegen FIuss. Puv. II, 
199. L. VIII, 382. 

II. 1 Aretaeus: i) m. chron. c. VI (Ed. Kühn S. 78): ixixaivci 0£ -/.al twv 
eosaTÜiv |X£T£^£T£p7. Tj fjLavopaYopTj Tj uoazoajxoc .... »Delirium bewirken von 
den innerlich genommenen. Mitteln einige, wie Mandragora oder Bilsenkraut.« 
2] m. ac. II, II (Kühn, s. 290) M. in Salben gegen Satyriasis. 

III. Celsus: \) 1. III, c. 18 (Daremrerg S. 100, Z. 25): Alii mandra- 
gorae mala pulvino subjiciunt (insanorum). 2) 1. VI, c. VI (D. 227, Z. 6) 



\) Annalen d. Chemie und Pharmacie von J. Liebig 1889. B. 251. S. 'MS und 
a. a. 0. — Jahresbericht der Pharmacie von Prof. H. Beckurts. Bericht f. 1889. 
Göttingen 1891, S. 408. 



232 XXIII. Hirschberg, 

örtlich in Augemnitteln. 3) 1. VI, c. IX (1). *i(i, Z. I o) örtlich gegen Zahn- 
schmerz. 

Anni. In der Einleitung zur Chirurgie spricht Cels. nicht von Betäubung. 
1. Vn praef., D. 263, Z. 1 : non ut clamore ejus inotus . . . vel magis pro- 
peret vel minus secet. 

IV. DioscoR., außer an den oben angeliUirten Stellen, noch in der Schrift 
von den Giften, c. IG, Band II, S. il: iJLavopayopoo os -oflivTo; sübitu; 
xapo; £7raxoXou{>£l '/at IxXoatc, xaracpopa tö to/upa, xara \xrfikv oiacpipouaa 
■üäbooc Tou X£YO[x£voi) Xrj&apYOo. »Sowie einer Mandragora verschluckt hat, 
folgt sogleich Betäubung und Lähmung und tiefer Schlaf, der sich in nichts 
unterscheidet von der sogenannten Schlafsucht.« 

V. Plimu.s: 1) Hauptstelle s. oben 1. XXV, s. 130. 2) 1. XXVI, s. 9 2 
(äußerlich gegen Geschwüre). S) 1. XXVI, s. lOi (äußerlich gegen Podagra). 

4) 1. XXVI, s. 121 (äußerlich gegen Rothlauf). ö) 1. XXVI, s. löfi (innerhch 
gegen Fluss). 

VI. Galen, Ausgabe von Kühn: l) B. I, 649. 2) B. I, 674. 3j Vll, 
14 (auch tödlich). 4) X, 816 (Anodyna sind mit Vorsicht zu verordnen). 

5) XI, 404. 6) XI, 421. 7) XI, 596. 8) X!, 7ÖI. 9) XI, 766. I O) XII, 
67. H) XIII, 106. 12) XV, 489. 13) XVlIa, 904: Die Betäubungsmittel 
[Opium, Mandragora, Hjosc^'amus] sind nur bei heftigen Schmerzen gelegent- 
lich von Nutzen. 14) XVIII a, 69 3. I o) XIX, 736. 

VII. Aetius, A. v. Steph. 41g, ferner 628 c, endlich 6 i 4 h. 

Vni. Oribas., Ausgabe von Daremberg: 1) Collect, med. XIV, 10 (Bd. II, 
492, 493). 2) C. m. XV, 1 (II, 66 1). 3) Eupor. II, 1, M. (V, 6 27). 

IX. Alex. Trall., Ausgabe von Pischman.x: l) I, 429. 2—3; H, M, 23, 
3i9, 32 1. 

X. Paull. Aeginet: I) A', c. 43 (Steph. 5l7d). 2) 1. VII. (Steph. ()32c.) 
XI. Theoph. Xonx. (Ed. Bernard): c. 2 6, c. 76, c. 143, c 2 46. 

Die Gollyrien der Alten. 

§ 144. (^ollyi'iinn ist ein Namen und Begriff, der weit über 
2000 Jahre zählt. Denn er findet sich einerseits schon bei den Hippo- 
kratikerni), andrerseits noch in den besten Werken nnsrer Tage^) 
und soll in den letzteren Augenwasser bedeuten. Dass diese Bedeutnng 
nicht ganz richtig ist, wird die Entwicklungsgeschichte des Namens 
lehren. 

xoXXupa' £100? ap-ou r^ TiXaxouvToc. xoXXopi!lu)" to rdc XaXaYya; (ta xoXXu- 
pta) r/j/avi!I(y. So heißt es in dem alten Wörterbuch des Süidas (970 n.Chr.). 
.\lso >xoXXupa ist eine Art von Brot oder Kuchen, xoXXupi'^to heißt Kuchen 



i Hier allerdings in der Bedeutung Gebärmutter-Zapfen oder Stift. Von den 
Frauenkrankh. I. Foes. (509, 44,: xwv ij-Yj-rpsiov -/.oX/.o'jpta. 

•1; E. Fuchs. Lehrbuch d. Augenheilk.. 1 898. S. 61; Ewald, Arzneiverordnungs- 
lehre, 1892, S. 85, 262, 263. 



Gescliiclite der Augenheilkunde im Altertlium. 233 

backen.« zoXXijpiovi) ist ein kleines Brot, ein kleiner Kuchen. Die ionische 
Wort-Form, die in der liippokratischen Sammlung sich findet, lautet v.ol- 
ÄotSpiov. Noch heute kann man in Griechenland ein Kind mit einem Kolluri 
Kuchen) erfreuen -). 

Jedenfalls müssen diese Brödchen (Stangen) •*] bei den alten Griechen 
eine bestimmte, länglich-walzenförmige Gestall besessen haben, so dass die 
aus Arzneimischungen hergestellten Zäpfchen und Stifte mit demselben Namen 
(y.oAXupiov) belegt werden konnten. 

Die Arznei-Zäpfchen oder Stifte hatten also ebenfalls eine läng- 
liche, walzenförmige Gestalt. Nach Gelsus *) sollen die für die Fisteln vorn 
dünner, hinten etwas dicker sein, also wirklich von der Gestalt eines Zäpf- 
chens. Nach Oribasius^) sollen die für die Gebärmutter eine gewisse Aehn- 
lichkeit mit einem Mäuse-Schwanz besitzen. 

Nachdem einmal die feste, geformte Arznei-Misclumg mit dem Namen 
Collyrium belegt worden war, vei'gaß man die ursprüngliche, rein beschrei- 
bende Bedeutung des AVortes und erfand auch Kugel *>)- und Schuppen ")- 
Gollyrien, — wie ja auch heute noch Kugeln von grauer Salbe und 
Gelatine-Plättchen mit Alkaloiden gebraucht werden. 

§ 145. Die Arznei-Zäpfchen waren von verschiedener Zusammensetzung, 
Größe und Gestalt und dienten zu sehr verschiedenen Anwendungsweisen: 

1 . Für die Augen. Dergleichen sind uns bei Celsus, Scribonius, Cassils 
Felix, Marcellls, Galenus, Oribasius, Aütius, Paullus, Alexander Trall., in 
schier unzähliger Menge aufbewahrt. 

2. Für die Fisteln. 

3. Für den After. 

4. Für die Harnröhre. 

5. Für die Nasenhöhle, 
ö. Für den Gehörgang. 



4) Die Ableitung des Wortes, dessen Curtius in seiner Etymologie nicht ge- 
denkt, ist unbekannt. Die Alten glaubten, dass Stutzschwanz (7.6X0; = y.o/.oßo; 
gestutzt, oüpd der Schwanz; die ursprüngliche Bedeutung sei; u. dgl. mehr. 
Wichtiger ist aber der Hinweis, dass Suidas, aus Callimaghus. -/.oXoupata zsTpa er- 
klärt durch c-poY7uX7], rund. iThes. ling. Graec. IV, 1761 u. Gorr. a.a.O.; Royle 
iUeber das Alterthum der ind. Medizin, aus d. Engl. v. Wallach. Cassel 1839) 
will von dem alten orientalischen Wort Kol, von dem auch das arabische ab- 
stamme, das Wort Collyrium herleiten. Das ist — Kolil! 

2) y.o'jXXojpt bedeutet jetzt allerdings Kringel. 

3) So nennen auch wir ja noch heute eine Form von Brödchen. 

4) V, 28. Ausg. v. Daremberg, S. 21 4, Z. 29 collyrium fieri debet altera parte 
tenuius, altera paulo plenius. 

5) Aerztl. Sammlung, X, c. 23. 

6- Cels. vi, 6, 21 (otpaiptov) ; Galen, örtl. Arzneimittel. IV. 7. 
7) Akt, VII, 67, c. 43: Fisch-Schuppen ähnliche Gollyrien. 



234 XXIII. Hirschberg, 

Hauptsächlich aber hießen die Augenmiltel-Zäpfchen »Collyria« ^). 

Ueber die Bereitung der letzteren haben wir ganz genaue Vorschriften 
bei Celsus, Scribonius, Oribasius u. A. Die einzelnen Stoffe, metallische 
und pflanzliche, wurden zerstampft und zerkleinert, imter allmählichem 
Wasserzusatz vermischt und verrieben und endlich durch Hinzufügen von 
Harz und Gummi in eine zähe oder feste Masse verwandelt. Einige wurden 
sofort nach der Fertigstellung auf das Auge angewendet, die meisten in 
einer Büchse oder einem Gefäß für späteren Gebrauch aufgehoben, selten 
flüssig, häufiger trocken; und zwar, was das gewöhnlichste war, in Gestalt 
eines trocknen Zäpfchens oder Kuchens^). Das war das eigentliche 
Collyrium. Von ihm ging der Name auf die übrigen Augenheilmittel über. 

Zum Gebrauch wurde von dem Augenmittel-Zäpfchen ein Stückchen 
entnommen und entweder gepulvert oder mit einer Flüssigkeit verrieben und 
dann auf oder zwischen die Lider gebracht. Der Arzt selber verabfolg-te 
das Heilmittel 3). In seinen Händen lag also die Verdünnung, mit andren 
Worten die Größe der Gabe des wirksamen Stoffes. 

Bei den späteren Schriftstellern werden ^rjpoxoXX!j[>i7., trockne Augen- 
heilmittel, und oYpoxoXXupt7., feuchte Augenheilmittel, unterschieden 4). 

Die Pulver wurden entweder sogleich hergestellt, oder aus einem 
Augenzäpfchen verrieben; sie wurden ins Auge gestreut oder (mittelst 
eines Rohrhalmes) geblasen. {'E\nzaoxd, TrapaTraora.) 

Die Flüssigkeiten wurden, frisch bereitet, oder nach längerer Auf- 
bewahrung, oder aus einem Stückchen Collyr frisch aufgelöst, mittelst 
Wasser, oder Eiweiß, oder Frauenmilch, oder Meth, auf oder in 's Auge 



■1; Oribas., Aerztl. Samml. X, 23 (B. U, 432). Ko/.Xiipia 7« [j.£v loit»; }.z-irji).e\r/. 
6cc&aX[jLoTc "poocpsperai Xeavfte^^Ta" "zä ok y.oiv&c, T.po<sa'(opeu6iJ.t\a bXörSKqpa to as^ TrpocTi- 
%Tlxai, Ta 6s lvtUV;Tott. »Die besonders sogenannten Collyrien werden auf die 
Allgen angewendet, nachdem man sie zerkleinert hat. Die allgemein als ganze 
C. bezeichneten werden theils an, theils in die Organe eingesetzt.« Auf Aegyptisch 
hieß das Collyrium auss (Kuchen) im Pap. Ebers (ISOO v. Chr.). Es ist nicht un- 
wahrscheinlich, dass die Griechen von den arzneikundigen Aegyptern Namen, 
Begriff und Anwendung überkommen haben. Arabisch hieß später collyr »sief«^. 
Das letztgenannte Wort ist in die lateinischen Uebersetzungen übergegangen, aus 
denen die europäischen Aerzte im Mittelalter und im Beginn der Neuzeit die 
Schriften der Araber .studirten. 

2) Also wie wir heutzutage ein Stück chinesischer Tusche aufbewahren, 
und im Bedarfsfall davon ein wenig in einem Schälchen mit (keimfreiem) Wasser 
verreiben. 

3) Im Großen und Ganzen war bei dieser Art der Bereitung, Aufbewahrung 
und Anwendung die Uebertragung schädlicher Verunreinigungen auf das kranke 
Auge wenig wahrscheinlich. 

4) ^Tjpoc, trocken, b-fpöc, feucht. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertlium. 235 

gestrichen. Die ersteren hießen TTspi'/r^ia-a, I^idsalben '), die letzteren sy/pt-T^., 
Augensalben. Die eingeträufelten hießen arax-a oder hoTav-r/.. 

?sach der Anwendung des ('ollyr wm-den die Augen gebäht, auch wohl 
verbunden. 

Die Collyrien wurden unterschieden nach ihrer Beschaffenheil 
(vgl. § 148): 

1. In milde (dor^v-r/., nicht beißende). 

2. In zusammenziehende (arucpovraj. 

Die leichteren unter den letzteren hießen -atoixa, Augensalben ffir 
Kinder. 

3. In schmerzstillende, ivfjuouva, v7.px(0Tixa, aus Opium, Schierling, 
Mandragora. 

§ 146. Die Namen der Collyrien sind seltsam und grillenhaft, — 
grade so, wie die unsrer neuesten Erfindungen auf dem Gebiete der 
Heilkunde. 

A. Nach dem Erfinder. 

So bei Celsus: Collyr des Philo, Dionysius, Cleon, Euelpides, Asclepios, 
Hermon und vieler Andrer. 

Und bei Galen: Collyr des Asciepiades, Diomedes, Philoxenus, Bassus, 
Nilus und vieler Andrer. 

Manchmal führen die Collyrien zwei Namen, nach dem Erfinder und 
dem Yerbesserer^): z. B. Theodotium Severi^), Nileum Demosthenis. 

Oder nach dem Erfinder und nach der Zusammensetzung, z. B. 
KiwaßoLpiov 'A^i'o'j, das Zinnober-i^ollyr des Axios. 

Oder nach dem Erfinder und nach der Eigenschaft des Mittels, z. B. 
Flay/orjaro: 'Epaata-paroo, das Allbrauchbare des Erasistratus '). 



r Wie man Salben auf den Lidrand auftrug, beschreibt Galen (san. tuend. 
VI, 12; B. VI, S. 439): 'Oc|>i}aX|j.o'j? 0£ Tovojaet; töj oia cpp'j-fW'J Xi&o'J ypo\aE>;o; r'jpw 
■/.oXX'jpi';) , ToT; ßXecpdcpoi; i~d-[(u') tTjV (jlyjXtjN yojpt; toü 7:poaarT£3i}a[ toü y.ctTa töv 
öcti}aX[j.ov i'voov 'j[j,£vo; ■ o'jtco ■p'J"^ zpaTTO'jciv 6oT,[j.£pai -/ai oti aTt|j.at^o|j.£V'xt -"jvaTys:. 
>Die Augen stärkt man durch Anwendung des trocknen Mittels aus phrvgischem 
Stein Gelb-Erde, eisenhaltigem Thoni, indem man die Sonde anwendet, ohne die 
Augapfel-Bindehaut zu berühren, wie es alltäglich die Frauen machen, welche sich 
die Lider schminken.« — Vom Einstreichen wird alsbald noch die Rede sein. 

2) Das haben manche Herausgeber der Alten nicht beachtet. 

3) Hirsch (S. 273 Anm. 2) zeiht Hecker des Irrthums, weil er dem Severüs 
den Beinamen Theodotius beilege; irrt aber selber, indem er annimmt, dass das 
Wort Theodotium zur Verherrlichung des Heilmittels diene. ßsooÖTiov heißt eben 
nicht Gottesgabe. — OsoooTict v.oU'jptc«, a Theodoto inventa, ap. Alex Trall. 2. 
p. 148, 149, 139; cf. Galen, vol. 1 3, p. 440. (Thesaur. ling. gr. IV, 292.) — Uebrigens 
lesen wir schon bei Celsus VI, 6, 6 : (coUyrium) ipsius Theodoti . . . 

4) Hier folgt noch zpo? Tpaytu^'/Ta ■/.. t. X., so dass der Name dreifach ist. 



236 • XXlll. Hirschberg, 

Oder nach tlciu Erfinder und nach der Anwendung des Mittels, z. B. 
Koi-i~(i>vo; -poc cTipocpUaXjxi'ac. 

B. Nach den Eigenschaften, z. B. aor^xxov, nicht beißend. 

C. Nach der Wirkung und Anwendungsweise: xaXXißXscpapov, zur 
Lid-Verschönerung; o;oo£pxi.7.ov, zur Schärfung der Sehkraft. Hierher ge- 
hört, dass einige auch nach den Krankheiten bezeichnet werden, gegen 
welche sie in Anwendung gezogen werden : 

Tpci;(u)}i.a-ty.dv, gegen Kürnerkranldieit ; ?{^a>pixov, gegen Lidrand-Entzün- 
dung (»Krätze»). 

D. Zur Lobpreisung: 

suTovov, das nervige; [xovvjixspov, das eintägige; [jLovo[jL-/iXov, für eine 
Sonden-Anw' endung ; 7iaY/prjo-ov, das All-brauchbare; xoivov, das allgemeine; 
pivi'ov. Feile; stxiXiov, Scalpell; cuarr^p, Raspel; avi'xr^tov, das unbesiegbare; 
äouyxpiTov, das unvergleichbare; o cpoivi?, der Phönix; ßaa'.Xr/.ov, das 
königliche; cpcüc, das Licht; cpcuacpopoc, Morgenstern; cpavi'ov, die Fackel; 
■/;Äioc, die Sonne; oupaviov, das himmlische; laoösov, das göttliche; dso- 
ypioTov, Göttersalhe; d[xßpootov, das unsterbliche^). 

E. Nach der Zahl der Bestandtheile : 

To £X7.-ovTap)^iov, die Hundertloth-Salbe 2) ; sxatoajBr, , die Hekatombe, 
das Hundert-Opfer 3); ap[j.a, Viergespann. 

F. Nach der Art der Bestandtheile: 

ota pooou, aus Rosen; oia xpoxou, oiaxpoxov, xpoxüios?, aus Safran; 
oia XsTTiooc, aus Hammerschlag; oia Äißavou, aus Weihrauch; oia Y^au/iou, 
aus Glaucium (Schöllkraut) ; oia aiiupv/jc, aus Myrrhe; oia [xi'ouoc, aus Misy. 

G. Nach der Farbe: 

Asuxov, das w-eiße; cpaiov, xicppiov, oTcooiaxov, das graue; y^Äojpov, das 
grüne (psitacinum) ; xuxvo;, der Schwan. 

H. Nach den dem Collyr aufgepressten Stempel: 

1 . 'AvTiydvou xpoxuios? ÄsovTapiov STitYpacpdji.evov, eTrstOTj ttso -'Äu{jL[xa-i 
TouTü) sacppaYiCiTo-*). 

»Des Antigonus Safran-Gollyr, als kleiner Löwe bezeichnet, da es mit 
der Gravüre eines solchen gestempelt wurde.« 



•11 Diese Ausdrücke sind noch nicht ganz aus der Augenheilkunde ge- 
schwunden. Seit dem vorigen Jahrhundert nennt man den Stift aus Kupfer-Alaun 
lapis divinus und den aus Silbersalpeter lapis infernalis. Doch ist das höllische 
Mittel wirksamer, als das himmlische. 

2) Aet. VII, c. M (S. '126A, Z. 10). Vgl. GoRR. 12(5. Das Wort fehlt im 
Thesaur. 1. gr. 

3) Alex Trall. II, S. 49. 

4) Galen, örthche Heilmittel, IV; B. XII, S. 773. Xeovxiov der kleine Löwe, 
/.£ovTapiov, das kleine Löwechen. Das Wort fehlt in den gewöhnlichen Wörter- 
büchern, fmdet sich Thesaur. 1. gr., aber nicht mit dieser Stelle. 

Das Collyr mit dem Löwen erinnert an die heutige — Seife mit der Eule. 



Geschiclite der Augenheilkunde im Alterthum. 237 

2. Ebenso ist das schildförmige bei Akt. VII, 99, 102 aufzufassen. 

Recht ausführlich waren die Aufschriften, die auf den Gelaßen der 
(lollyrien oder auf der darüber gebundenen Haut angebracht wurden. \g\. 
Galen XII, 749, 768: 

A. T& ocy^aptaTov ET:iYpcic50[X£Vov, irpo? xa? [xs^isra; s-icpopa;. [jlovoj tooto) 
Iv AtYUTiTfo Ol ta-pot £ur^}X£pouoi X7.1 iiaXia-r/. i-\ twv aypoiTspojv. »Das mit 
der Aufschrift »:>Ohne Dank««'), gegen die stärksten Augen-Flüsse. Durch 
seine alleinige Anwendung haben in Aegypten die Aerzte glücklichen Er- 
folg, besonders in der Land-Praxis.« 

B. KoXXupiov (o iyjtr^aaxo OAwpo; i-l ^Avxcuvia; rr^z Apouaoo [jLr,Tpo:, 
Ttap' oXi'yov uko T(Juv aAXcov larpÄv 7:rjp(oi)£tarjC. »Collyr, das Florus bei 
Antonia, der Mutter (?)2) des Drusus anwendete, die beinahe von den andren 
Aerzten blind gemacht worden.« 

.\uf die Gollyrien-Stempel der spät römischen Aerzte werde ich 
noch zurückkommen. (Vgl. § 193 — 194.) 

Literatur. 

Gorraei def. med., 1578. S. 23ü. 

Thes. 1. gr. hat, wie überhaupt auf ärztlichem Gebiet, so auch unter y-oXX'jptov, 

seine ganze Weisheit aus Gorraeus. 
Triller, de variis veterum medicorum oculariorum collyriis, Viteb. 1774, 4". 
J. H. Jugler, de collyriis veterum dissert., Bützowii 1784. 
Bussemaker und Daremberg, in ihrer Ausgabe des Oribas.. IL S. 889. 
J. Hirschberg, Wörterbuch d. Augenheilkunde, S. 19. 

§ 1 47. Es ist ganz unmöglich, alles was die Alten, in den uns hinter- 
lassenen Resten, über Gollyrien geschrieben, und die gradezu ungeheuren 
Sammlungen von Augenheilmittel-Vorschriften, wie sie namentlich Celsüs, 
ScRiBONiüs, Galev, Oribasiüs, Aetiüs, Alexander, Paullüs, Nicolaus Myrep- 
sus^j der Nachwelt überliefert haben, hier in aller Ausführlichkeit wieder- 
zugeben, zumal dies weder interessant noch lehrreich wäre. V^'ir wollen 
uns mit einer kurzen Auslese begnügen. 

Wenn man berücksichtigt, dass die ziemlich genaue Einführung in 
die Augenheilkunde vom Jahre 1892 mit 27 Vorschriften örtlicher 



1) Weil es — zu schnell hilft! 

2) Die Gelehrten erklären, dass sie des Drusus Weib gewesen. 

3; Nty-oXoto; Mups-Lo; (d. h. der Salbenkoch) aus Alexandrien, Aktuarius, d. h. 
Hofarzt, beim Kaiser Johannes Dukas Vatatzes (1222 — 12;)5, schrieb ein Anti- 
dotarium oder Apothekerbuch, das in 48 Abtheilungen 2656 zusammengesetzte 
Arzneivorschriften enthält. Darunter sind, im 24. Abschnitt, 87 Gollyrien. Die 
Schrift ist nur in lateinischer Uebersetzung gedruckt, in der STEPHAN'scheu 
Sammlung. 

Ich habe das hier angeführt, weil ich auf den Salben koch nicht weiter 
zurückkommen möchte. 



238 XXllI. Hirschberg, 

Augcnheilniiltel auskommt, Avähi^cnd die Allen 11 linderte uns hinleilassen 
haben; so nmss man nach Erklärungsgründen für die Vielgeschäftigkeit der 
letzteren suchen. Nun, sie hatten 1. keine Chemie, sie kannten nicht die 
wirksamen Stoffe der Drogen, benutzten also Dutzende von ähnlich wirken- 
den Pflanzen und Erden, wo je eine genügt hätte. 2. Sie hatten keine 
chemisch reinen Stoffe; daher war die Wirkung derselben Vorschrift eine 
wechselnde: folglich wurden die vorhandenen A'orschriften in's unbegrenzte 
abgeändert. 3. Sie hatten keine Apotheken und konnten nicht immer 
jedes gewünschte Mittel haben, brauchten also für jeden Zweck eine ganze 
Reihe ähnlich wirkender Stoffe, auch solche, die man leicht beschaffen 
konnte. 4. Sie besaßen keine Brillen und mussten allen Klagen, die auf 
mangelnde Ausdauer beim feineren Sehen sich bezogen, örtlich wirkende 
Mittel entgegenbringen. 5. Endlich war die Zahl ihrer Augen-Operationen 
sehr beschränkt, so dass sie vielfach zur Linderung Collyrien anzuwenden 
versuchten, wo wir sogleich zur Operation schreiten. 

§ 148. Am kürzesten gelangen wir zu einer klaren Anschauung der 
Collyrien-Lehre der Alten durch des Paullus von AeginaI) Grundriss der 
Heilkunde, der aus Oribasius und somit mittelbar aus Galen 2) geschöpft ist. 

»Ueber Augenheilmittel und Salben. 

Mannigfaltig ist der Arzneischatz der Augenheilmittel. Denn einge- 
dickte und dünne Pflanzensäfte (ottoI xal ^uÄoi) und Samen und Früchte 
und andre Pflanzentheile und metallische Mittel werden dazu genommen. 

1. Von diesen Dingen haben einige die Eigenschaft, Schärfen zu mil- 
dern und gewissermaßen zu ver stopf en^). Hierher gehört Pompholyx 
(Zinkoxyd), Metall-Asche, Mehl, Blei, samische Stern-Erde (Mergel), Cadmia 
(Galmei, Zinkoxyd), — alle in gewaschenem Zustande — und Eiweiß . . . 

2. Die diesen entgegengesetzten Stoffe, von scharfer Natur, haben 
die Fähigkeit zu eröffnen 4) und das lange Zeit eingesperrte zu entleeren. 
Hierher gehören Asa foetida, Sagapen &) und Wolfsmilch. 

3. Andre reinigen unreine Geschwüre, wie Kupfer-Hammerschlag, 
Kupfer und Kupfer-Erz, und Misy und Sory, und Kupfer-Blüthe, und 
Spießglanz, alle geglüht. 



•1) ßißXiov sßoofAOv, K. 

2) Galen, von den örtl. Heilmitteln, Buch IV, das uns erhalten ist. Vgl. 
Band XU, S. 699 fgd. 

3) d(j.cppa%Ti7,ä. 

4) £y.cppaxTi7,a. 

5) Nach K. Sprengel ferula Persica = Asa foetida. (Dioscor. B. II. S. 534.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 239 

4. Andre, diesen ähnliche, heißen die schmelzenden Mittel, wie 
Arsen, Realgar und die Blüthe des Steins aus Assos'). 

5. Die andren sind astringirend"^). Und von diesen sind die mäßig 
zusammenziehenflen recht passend für Bindeliaut-Entzündungen und Horn- 
hautgesclnvüre und Augenflüsse, wie von der Rose die Blätter, Blüthen und 
Früchte und Safran und Schöllkraut (Glaucium) und andre. 

Die stärker zusammenziehenden sind die, von denen ein wenig den 
Mitteln zur Stärkung der Sehkraft beigefügt wird, z. B. Herbling, Akacie, 
Granatapfel-Blüthe und Kelch, Galläpfel. 

6. Andre sind reifend und zertheilend (ttstttixo: xai oia'fopr^-ixa), wie 
Myrrhe, Safran, Bibergeil, Weihrauch und der Saft des Bockshornklee. 

Von den zusammengesetzten Augenheilmitteln sind einige Salben 
(-Xaara)^) und werden einfach so genannt, die andren heißen Xero- 
collyria und HygrocoUyria .... 

Die Stirnsalben (avaxoXAYjixaxa) werden bereitet aus Manna, samischer 
Erde (Thon), Myrrhe, Schnecken, Akacie, Opium mit Eiweiß.« 

§ 149. Oribasius^) hat uns eine Abhandlung des Antyllus, welche von 
den Gollyrien handelt, aus dessen Werke über die Mittel der äußeren Be- 
handlung^) aufbewahrt. 

»Die eigentlich sogenannten Gollyrien werden auf das Auge angewendet, 
nachdem sie zerrieben sind . . . Man bereitet sie im Frühling. Die Medi- 
kamente darf man nicht trocken zerreiben, sondern indem man allmählich 
Wasser zusetzt. Regenwasser soll es sein. Zum Schluss wird Gummi 
zugesetzt, um Zusammenhalt zu geben und das Zerbrechen, nach dem 
Trocknen, zu verhüten*'). Nachdem man sie geformt hat, werden sie in 
einer Metallbüchse aufgehoben. Die aus Pflanzensaft muss man sogleich 
anwenden, die metallischen werden kräftitier mit der Zeit. 



4) DioscoR. V, 809; Strabo I. 4 3, p. 410; Plin. H6, 27; Galen, de fac. simpl. 
1. 4, p. 696. Es ist wohl ein Kalkstein, der auch zu Särgen verarbeitet wurde, 
QA%oc, aotpvcocpdYo;, lapis sarcophagus, d. i. fleischfressend.) aus Assos in Troas. 

Diosc. spricht von seiner Wirkung auf Geschwüre, aber nur allgemein, nicht 
mit Berücksichtigung des Auges. 

2) Bei Galen heißen die ü Arten ao/^v-xa, optiJLEa, o'j--{yA, rrjTTxr/.o!. iT'j'yOvT«. 
Galen, von den einfachen Mitteln, 5, sagt, dass a7]7rxty.a, wie Realgar, alles weiche 
Fleisch fortschmelzen ohne Schmerz. Vgl. Gels. 7, 2i ; Plin. 34, letztes Kapitel 
und 27. 42; DioscoR. III, 4 4 und II, 67. Bei Paullus steht a|jLr,-/,Tiv.d abwischend, 
was vielleicht ein Fehler ist. 

3) Im Folgenden ist eine erhebliche Abweichung des Paullus vom Oribasiüs, 
aus dem er doch offenbar einen Auszug gemacht, so dass ich bei ersterem eine 
Text-Verderbniss annehmen muss. 

4) AerztUche Sammlungen X, 23, Band II, S. 432—438. 

5) £■/. ToO a kö^o'j Tiöv l^oji^ev zposTTiTTTÖvrojv ^o'f)i)T](J.aTa)v. Vgl. § 4 56. 
fi) Vgl. Celsus VI. 6, 3. 



240 XXIIl. Hirsclibeig. 

Es passen für die beginnende Ophthalmie, und namentlich zur Sommers- 
zeit, die Collyrien aus Schöllkraut, Safran und Sarcocolla (Penaea S.). Für 
Augentluss die aus Rosen und gebrannten Dattelkernen und Oelzweig-Sprossen. 
Gegen heftige Augenschmerzen die aus Stern-Erde und aus Kraftmehl, die 
sogenannten Babylonischen. Gegen Chemosis die aus Pompholyx (Zink- 
oxyd), Bleiweiß und Narde. Gegen Geschwüre die aus Weihrauch. Gegen 
eingewurzelte Leiden die scharfen. Die niunlichen auch gegen Sehstürungen. 
Die Ingredienzien der Gollyrien sind überall angegeben. 

Man muss sie aber einträufeln {i'c/o\i.a~iCtiv) bei der Chemosis und 
den starken Augenentzündungen, und die Berührung mit der Sonde, welche 
das Leiden reizt, vermeiden. Bei den andren Zuständen muss man sie ein- 
salben (u-aXsi'cpsiv), unter das Lid, mit der Sonde. Aber mit dem Knopf 
der Sonde soll man den Augapfel nicht berühren, sondern vielmehr erst 
das L^nterlid herabziehen, und dann auf seine Innenfläche mit jenem das 
Heilmittel auftragen '). 

Die Salbe unter das abgezogene Oberlid zu streichen oder nach 
Umstülpung desselben aufzutragen, ist zwar theatralisch wirksam, aber 
nicht würdig des Arztes 2). Denn das erstgenannte Verfahren schädigt das 
Auge, da es die Sonde im Gegenstoß darauf reibt. Das letztgenannte 
bewirkt schwielige Narben auf dem Lid. 

Die sogenannten flüssigen Gollyrien sind nützlich gegen Seh- 
störungen und beginnenden Star. Bereitet werden sie aus attischem Honig, 
Balsamsaft und Galle, namentlicli der Hyaene .... 

Bisweilen nimmt man auch Fenclielsaft oder Oel, das durch die Dauer 
der Zeit schon dünnflüssig geworden, oder Asa foetida, oder Zimmt, oder 
den Saft der wilden Raute.« 

Man muss zugestehen, dass die Anwendung der (Irisch hergericliieten) Mittel 
mit dem Sonden-Knopf auf die Innenfläche des Lides ein ganz gutes Verfahren 
darstellte, — weit besser als das, welches ich z. B. als Student und Assistent 
gesehen , nämlich aus demselben Salbentopf mit einem fragviürdigen Haai'pinsel 
verschiedene Kranken einzustreichen. Merkwürdiger Weise pflegte A. v. Graefe 
die Bleisalbe (z. B. bei Körner- Krankheit) stets nach diesem griechischen, von 
Oribasius gerühmten Verfahren auf das abgezogene Unterlid aufzutragen. 

Die wirldichen Rezepte für (Gollyrien brauchen wir nicht (aus Celsus, 



Toü 7.dz<a ßXecpapo'j Iv.eTvo Trapct&eTso v -ro cpdptj.civ.ov. »Sondern, nach- 
dem das untere Lid eingesalbt ist, muss man jenes Mittel heran- 
bringen.« Der Text ist falsch. Aber die augenärztliche Erfahrung giebt 
mir leicht den richtigen an die Hand: -/.a-racrctaftEvro? toö vA-l» ßX^cpdpo-j 
£-/.£iv(;) Tapa&£T£ov xo cfdp;j.'-a-/.ov. »Indem das untere Lid herabgezogen wird, muss 
man mit jenem (dem Sondenknopfj das Mittel auftragen.« 

2) Ai oi £; üroßoXfi; £Y/pic£t; -/.rd oX -/.'rzo. ^y.-po7:-r,v &£atpr/.öv |j.£v Tt 'i/yjv.-t, 
o.-ni-zrjvt li. Vgl. Übrigens § 189 (Scrib. Larg.). 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 241 

Galen und andre) hier anzuführen, da wir deren noch genug kennen 
lernen werden. 

Die Grundlegung der Hilfswissenschaften haben wir jetzt 
beendigt und können zur Betrachtung der klinischen Augenheilkunde 
übergehen, wie sie durch die Arbeit der Alexandriner sich gestaltet hat, 
und von deren Nachfolgern uns überliefert worden ist. 

A. Cornelius Celsus. 

§ 150. Die älteste, uns erhaltene Schrift eines griechisch-römischen 
Arztes, in der die Augenheilkunde systematisch abgehandelt wird, ist das 
Werk des Aul. Cornelius Celsus, welcher von 25 v. Chr. bis etwa 50 n. Chr. 
gelebt hat. 

Literatur. 
A. Quellen. 

1. A. Cornel. Celsus, eine histor. Monogr. von C. Kissel. Dr. der Phil, und pr. 

Arzt in Idstein, Gießen 1844. 

2. Die Einleitungen der verschiedenen Celsus-Ausgaben, besonders der 

von Vedrenes. Vgl. B, in diesem §.; 

3. Handbuch d. klassischen Alterthumswissenschaften, herausg. von I. v. Müller, 

VIII. Band: Gesch. der röm. Literatur von Prof. M. Schanz in Würzburg. 
München 1890. (VIII, 2, S. 424 — 428. j Hier sind auch die Abhandl. der 
Philologen (Jahn und Schanz) benutzt. 

4. Handbücher über Gesch. der Heilkunde und der Chirurgie. 

K. Sprengel {II, 33 — 38) ist ziemlich kurz, weit genauer Daremberg (I, 
190—200); am ausführlichsten Gurlt [l, 334—394), der überhaupt den Celsus 
sehr hoch schätzt. 

B. Die wichtigeren Ausgaben des Celsus^). 
1. A. Corn. Celsi de medicina 1. VIII, c. et st. Th. J. ab Almeloveen, Lugd. Batav. 
■1730. (Mit Scholien.) 
A. C. C. de med. ex rec. et c. notis Leon. Targae. Argentorati 4806. 

II Bände, mit Index rerum. 
Targa hat 70 Jahre seines langen Lebens der Verbesserung des Celsus-Textes 
gewidmet. Seine Ausgabe enthält auch die berühmten Briefe des Morgagni 
über Celsus, von 1720 — 1730. 

(Eine neue Ausgabe des Targa'schen Werkes, von Renzi, ist 1831 zu Neapel 
erschienen.) 
*3. A. Corn. Cels. de med. 1. VIII. ad fidem optimor. libr. denuo recensuit C. Da- 
remberg, Lipsiae, in aed. Teubneri, ls39. (Kritische Ausgabe. 
4. Traite de medecine de A. C. Celsus, traduction frangaise avec texte latin, 
notes, commentaires .... par le Dr. A. Vedrenes, Medecin Principal de 
l'Armee. Paris 1876. (Enthält den Text von Daremberg. 
(5. Chrestomathia Celsiana ed. Ger. Jac. Pool, Med. Doct., Lugd. Batav. 1832.) 

C. Neuere Uebersetzungen^j. 
,1. A. C. Celsus 8 Bücher von der Arzneikunde. In's Deutsche übertragen mit 
Beigabe von Celsus' Biographie und erläuternden Bemerkungen von Bern- 



1) Diese besitze ich alle. 

2) Die Aerzte glauben Latein zu verstehen — ohne Studium. Das ist ein 
Irrthum. Grobe Fehler in der Uebersetzung des Celsus habe ich z. B. Centralbl. 
f. A. 1896, S. 11, aufgedeckt. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIL Bd. XXllI. Kap. jg 



242 XXIII. Hirschberg, 

hard Ritter, Dr. der Med. und Chir. , Arzt zu Rotteiiburg a. N. Stutt- 
gart 1840. 

Diese Uebersetzung ist ziemlich ungelenk und wimmelt von Fehlern und 

Ungenauigkeiten. Weit besser und richtiger (jedoch nicht ganz fehlerfrei) 

ist die folgende. 
-2. A. C. Celsus, über die Arzneiwissenschaft, übersetzt und erklärt von Ed. 

Scheller, Dr. d. Med. u. Chir., Arzt in Braunschweig, Braunschweig ■1846, 

in 2 Bänden. 
3. Auch die französische Uebersetzung von Vedrenes ist ziemlich zuverlässig, 

enthält aber zu viel Latinismen'). 

Ich habe mich stets an den Urtext gehalten. 

D. Die Augenheilkunde des Celsus, 
welche in den allgemeinen Geschichtswerken, auch dem von Gurlt, ab- 
sichtlich übergangen, bei A. Hirsch natürlich berücksichtigt ist, hat schon 
drei Mal eine Sonder-Bearbeitung gefunden: 
■I. De medicina oculorum apud Celsum commentarius, quem c. i. m. o. c. c. 

A. Fr. Halensi veniam docendi impetraturus p. d. d. V. maji 1817 a. Her- 

mannus Friedländer2i. Halae 1817. 29 Seiten. 

2. Ueber die Augenheilkunde des Celsus von Dr. G. E. Dohlhoff, pr. Arzt in 

Magdeburg. Journ. d. Chir. u. Augenheilkunde von C. F. Graefe und Phil. 
V. Walther. V. B., 1823, S. 408—426. 

3. Die Augenheilk. d. Celsus. Dissertation von Franz Franke in Berlin, 1898. 

(Unter Leitung von J. Hirschberg.) 

§ 151. Der Römer A. Corn. Celsus hat eine Encyklopädie (artes) ver- 
fasst, wahrscheinlich in 6 Theilen: 1. Landwirthschaft , 2. Heilkunde, 
3. Kriegswesen, 4. Beredsamkeit, 5. Philosophie, 6. Rechtswissenschaft. 
(Erhalten ist nur der zweite Theil.) 

In dieser Encyklopädie waren also diejenigen Wissenschaften, welche 
für den gebildeten, vornehmen Römer unbedingt nöthig erschienen, zu einem 
Ganzen vereinigt. 

Wie kommt aber die Heilkunde in diesen Kreis? Man nimmt an, dass 
Celsus selber die Medizin erlernt habe, und zieht, zum Beweis, die Stellen 
herbei, wo er eine eigne Meinung ausspricht. (HI, 4; HI, 11; HI, 24; 
VH, 7, 6; YIII, 4.) Auch soll er ganz neue Erfahrungen beibiingen. 
(HI, 19; VI, 7; VH, 16; VI, 6; Y, 27 und IV, 1.) Diesen Stellen kann man 
sofort andre gegenüberstellen, wo Celsus ganz laienhaft urtheilt. (IV, 7; 
VI, 9; V, c. 23, § 7; VI, c. 6, § 39.) 

Celsus handelt ausführlich von der Chirurgie; manche Verfahren 
tragen seinen Namen, als den des ersten Beschreibers. Aber niemals 
spricht er von einer eignen Operation. Es steht dahin, ob er erst das 

1) Ein Beispiel möge genügen. 

S. 396: ubi pituita palhda aut livida est, »si la pituite est pale ou livide«. Das 
ist keine Uebersetzung. Wenigstens weiß der Zehnte nicht, dass »grünlicher 
oder bläulicher Eiter« gemeint ist. 

2) Geb. 1790 zu Königsberg i. Pr., 1819 außerordentlicher und 1823 ordent- 
licher Professor zu Halle, starb 1 851 . Verfasser der Vorlesungen über Geschichte 
der Heilkunde. Mystiker. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 243 

Vieh, dann die Landsklaven^) (familia rustica), nach Art der römischen 
Großgrimdhesitzer — und mancher heutigen — dilettantisch behandelt hat. 

Dass er kein Arzt gewesen, kann dem Kundigen bei dem Studium 
seines Werkes nicht verborgen bleiben. Zum Ueberfluss können wir es aus 
seiner Erwähnung bei Qüinctilian^) erschließen. 

Er war einer der cpiXic-poi, von denen auch später Galenus ge- 
sprochen. Das schließt nicht aus, dass er gelegentlich einen Rath ertheilte 
und gelegentlich eine eigne Beobachtung angestellt hat. (III, 5.) 

Man nimmt sogar an, dass seine Schrift hauptsächlich zur Belehrung 
des Laien-Publikums bestimmt gewesen-^). Aber jedenfalls sollte die Ency- 
Idopädie dem jungen Römer alles leisten, was heutzutage uns die Uni- 
versität, nämlich die Vorbereitung zu jedem höheren Beruf. Vielleicht 
wollte Celsus den Griechen das Monopol der Heilkunde entreißen, was 
schon vorher der alte Cato^) versucht hatte: auch dieser schrieb eine Ency- 
klopädie, imd darin sogar auch über Heilkunde, ohne von dieser überhaupt 
etwas zu verstehen. Dem Celsus kann man Studium und Kenntnisse nicht 
absprechen. 

Aber sein Plan, eine national-römische Heilkunde zu gründen^), ist 
gescheitert. Denn im alten Rom ist die Heilkunde stets griechisch 
geblieben. 

§ '152. Die Abfassung der Schrift de medicina fällt zwischen 28 und 
48 n. Chr., nach Kissel (A, 1) um 40 n. Chr. Das erste Buch handelt 
von der Lebensweise (Diätetik), das zweite von der allgemeinen Pathologie 
und Therapie, das dritte von den Allgemeinkrankheiten, wie Fieber, das 
vierte von den örtlichen Leiden (vom Kopf bis zur Ferse). Das fünfte 
enthält die Arzneimittellehre, das sechste die Krankheiten der Augen, Ohren, 
des Mundes, der Schaam, das siebente die Chirurgie. Das achte handelt von 
den Kno chen-Erkrankungen . 

Die Abhängigkeit des Celsus von den Griechen ist offenkundig. Be- 
sonders hat er die Hippokratiker, ferner Asclepiades und Themison benutzt. 



■1) Hierfür gab es bei den alten Römern bestimmte Bücher (valetudinaria), 
— heute Bock, Reclam, homöopathische Hilfsbüclilein. 

VI, 4 6 sagt Celsus, dass gegen Krätze beim Menschen amurca nützlich 
sei, die er für das Vieh schon empfohlen. (Natürlich in seinem Werk über Land- 
wirthschaft. — a. = äfj.opY'1) Oel-Hefe.) 

2) Lebte 35 bis -100 n. Chr. und schrieb kurz vor 96 n. Chr. seine institutio 
oratoria, in der es heißt (XII, U, 24): Quid plura"? cum etiam Cornelius Celsus, 
mediocri vir ingenio, non solum de his omnibus conscripserit artibus. scd amplius 
rei militaris et rusticae et medicinae praecepta reliquerit, dignus vel ipso proposito, 
ut eum scisse omnia illa credamus. 

3) Broca, Conferences bist. ISiiö, S. 445; Gurlt I, 394. 

4) 243 — U9 V. Chr. 

5) Daremberg. (A, 4.) 

16* 



244 XXIII. Hirschberg, 

Seine Arbeit ist eine freie Uebersetzung aus dem Griechischen, durchaus 
nicht immer fehlerfrei, hie und da gemischt mit oberflächlichen Zusätzen. 
In der Form muss ihm höchstes Lob gespendet werden: dadurch ist er 
berühmt — bis auf den heutigen Tag'). 

Die alten Aerzte haben ihn nie erwähnt 2). Auch im 31ittelalter wurde 
er fast gar nicht gelesen 3). Desto mehr in der Neuzeit. 

Seit dem ersten Druck (Florenz 1478) sind bis '1835 nicht weniger 
als 48, bis heute an 60 Ausgaben des Celsus erschienen. Zwei Mal wurde 
er ins Englische, zwei Mal ins Italienische, drei Mal ins Französische, sechs 
Mal ins Deutsche übersetzt, das erste Mal von Khüffner, Mainz 15314). 

Das Werk des Celsus ist das erste und einzige Lehrbuch der 
Heilkunde, das ein Römer verfasst hat; das älteste systematische 
Lehrbuch der Heilkunde, welches wir überhaupt besitzen; eines der 
besten didaktischen Werke, die uns aus dem Alterthum übrig geblieben; 
dazu eine der wichtigsten Fundgruben^) für die Zeit nach Hippokrates, 
namentlich für die Alexandriner, deren Schriften gänzlich verloren gegangen. 
Die Darstellung der Augenheilkunde, welche in dem Werk von Celsus 
enthalten ist, muss als die älteste, welche auf unsre Tage gekommen. 



1) Cicero medicorum heißt er, ja Hippocrates latinus und ^ — medicorum deus. 
Vgl. auch die Chrestomath. Gels., die Einleitung zu Friedlae?\-der D, 1) und 
Daremberg iB, 3;. 

2) Der bei Galen (v. d. örtl. Heilmitt. Buch IX, Band XIII, S. 292; erwähnte 
»Arzt Cornelius« ist er nicht; denn das dort angeführte Arzneimittel des Cor- 
nelius findet sich nicht in unsrem Werk des Celsus. Plinius nennt ihn nicht 
in der Aufzählung der römischen Aerzte; erwähnt aber einige Bemerkungen aus 
seinem Werk, und zwar stets unter den auctores, nicht unter den medici. 

3) Nicht Celsus, sondern Caelius, der Uebersetzer des Soranus. diente da- 
mals zum Studium der Heilkunde. — Vielleicht enthält die alte Uebersetzung der 
Synops. des Oribasius einige Sätze aus Celsus. 

In den Briefen des gelehrten Gerbert iPabst Silvester IL, um 1000 n. Chr.) 
wird CoRNEL. Celsus zuerst wieder erwähnt. Vgl. K. Sprengel, Gesch. d. A. II, 457. 

4) Vgl. Choulant, Bücherkunde f. d. alt. Medizin, IL Aufl., Leipzig 1841, 166 
— 180. Die Handschrift von Celsus' Werk ist im Anfang des 15. Jahrh. von 
Thomas von Sarzana entdeckt worden. K. Sprengel's Gesch. d. A.-W., IL Aufl., 
II, 601. Anm. 11.) 

ö; Von den berühmten Weisheit-Sprüchen des Celsus erwähne ich nur 
die folgenden: Verum est, ad ipsam curandi rationem nihil plus conferre quam 
experientiam. (Vorrede zum I. Buch.) Satius est anceps auxilium experiri, quam 
nullum. Hl, c. 10. Asclepiades officium esse medici dicit, ut tuto, ut celeriter, ut 
jucunde curet. (III, c. 4.) Saepe pertinacia juvantis malum corporis vincit. III. 
c. 12.; Levia ingenia, quia nihil habent, nihil sibi detrahunt: magno ingenio, multa 
nihilominus habituro, convenit etiam simplex erroris confessio ; praecipueque in 
eo ministerio, quod utilitatis causa posteris traditur; ne qui decipiantur eadem 
ratione, qua quis ante deceptus est. (VIII, 4.) Endlich sei noch erwähnt, dass Cel-- 
sus zuerst die IV Cardinal-Symptome der Entzündung uns überliefert hat. 
was noch in ganz neuen, berühmten Werken z. B. Ziegler) dem Galen irrthüm- 
lich zugeschrieben wird. III, x: Notae inflammationis sunt quatuor, rubor et 
tumor, cum calore et dolore. 



Geschichte der Augenlieilkunde im Alterthum. 



245 



unsre Aufmerksamkeit im liüclisten Maße fesseln, obschon wir nicht, in 
blinder Bewmiderung der Antike, die Mängel und wirklichen Fehler des 
Verfassers übersehen wollen. 



§ 153. A. Von der Anatomie des Auges handelt (Ielsus seltsamer 
Weise') erst nach Erörterung aller Augenkrankheiten, und auch der Ope- 
rationen, mit Ausnahme des Star-Stichs, für den ihm allerdings die Kennt- 
niss der Anatomie nothwendig scheint. Die Beschreibung ist außerordent- 
lich dürftig, unbestimmt und fehlerhaft. (VII, 7, 13.) 

Is igitur summas habet duas Das Auge hat zwei Umhüllungs- 

tunicas: ex quibus superior a Grae- häute. Die obere heißt bei den 



eis y.spa-osiOTj; vocatur. Ea, cpia 
parte alba est, satis crassa, pupillae 
loco extenuatur. Iluic inferior ad- 
juncta est, media parte, qua pupilla 
est, modico foramine concava: circa 
tenuis , ulterioribus partibus ipsa 
quoque plenior: quae j^optostSv]? a 
Graecis vocatur. Hae duae tunicae, 
quum interiora oculi cingant, rursus 
sub his coeunt; extenuataeque et in 
unum coactae per foramen , quod 
inter ossa est, ad membranam cere- 
hri perveniunt eique inhaerescunt. 
Sub his autem, qua parte pupilla 
est, locus vacuus est. Deinde rur- 
sus tenuissima tunica, quam Ilero- 
philus ä^rr/yuzifyq nominavit. 



Griechen Hornhaut (xsparosiOYjcj^). 
Dieselbe ist da, wo sie weiß er- 
scheint, ziemlich dick; wird aber 
dünner (durchsichtiger) in der Gegend 
des Sehlochs. Mit dieser ist die in- 
nere Haut verbunden; im mittleren 
Theil, wo die Pupille liegt, wird sie 
von einem mäßigen Loch durchbohrt. 
An dem Umfang des letzteren ist sie 
dünn, weiter ab (nach hinten) aber 
massiger; Aderhaut wird sie von den 
Griechen genannt-). Diese beiden 
Häute umhüllen das Innere des Auges, 
vereinigen sich hinter demselben, ver- 
dünnen sich, verschmelzen und drin- 
gen, durch das Loch in dem Knochen, 
bis zur Hirnhaut und verwachsen mit 
dieser. Unter diesen (Umhüllungs- 
häuten) ist (einerseits) da, wo die 
Pupille sich befindet , ein leerer 
Raum^); (andrerseits) hinter diesem 
aber eine sehr feine Haut, die Hero- 
PHiLus diespinngewebigegenannthat"'). 

i] Diese Planlosigkeit sticht sehr ab gegen die Ordnung eines Galen. 

2,1 Also vermag er einen lateinischen Namen nicht zu finden. In dem Werk 
des Celsus finden sich etwa 200 griechische Kunst-Ausdrücke. Die Hornhaut 
begreift die ganze Kapsel, Leder- und eigentliche Hornhaut zusammengenommen. 

3) Das ist unsre Aderhaut nebst Regenbogenhcaut und Strahlenkörper. 

4) Zwischen Iris und Linse construirten die Alten einen leeren Raum, den 
Galen mit — Luft füllt. 

5 Das ist Netzhaut. Friedlaender beschuldigt den Celsus, dass er die 
Netzhaut gar nicht gekannt habe; das ist ein Irrthum: aber richtig hat er sie 
nicht erkannt. 



246 XXIII. Hirschberg, 

Ea media subsidit; eoqiie cavo Dieselbe wird in ihrem mittleren 

continet quiddam, quod a vitri simi- Tlieil concav ') und enthält in ihrem 
litudine uaXosioic Graeci vocant. Id Hohlraum eine Substanz, die von 
neque liquidum neque aridum est, ihrer Aehnlichkeit mit Glas die glas- 
sed quasi concretus humor: ex cujus artige bei den Griechen heißt. Dieselbe 
colore pupillae color vel niger est, ist weder flüssig, noch fest, sondern 
vel caesius, quum summa tunica tota einegeronneneFlüssigkeit; nach ihrer 
alba sit. Id autem superveniens ab Farbe ist die des Augensterns 2) ent- 
interiore parte membranula includit. weder schwarz oder blau, während 
Sub his gutta humoris est, ovi albo die ganze obere Haut farblos ist. 
similis; a qua videndi facultas profi- Diese Glas-Feuchtigkeit wird (nach 
ciscitur: xpuaraXXosioTj? a Graecis vorn) durch ein von innen her sich 
nominatur. vorschiebendes Häutchen "^j einge- 

schlossen. Darunter^) liegt ein 
Tropfen Flüssigkeit, dem Eiweiß ähn- 
lich. Von ihm geht die Sehkraft 
aus; Krystallkörper wird er von den 
Griechen genannt. 

Klar ist diese Darstellung des Celsus nicht, weil ihm die Sache nicht 
klar geworden. Aber eine Textverderbniss mit E. Brücke'^) anzunehmen, 
liegt gar kein Grund vor. 

Celsus beschreibt nicht den Sehnerven, der vom Gehirn zur Netz- 
haut zieht, wohl aber die aus Leder- und Aderhaut hervorgehenden und 
in die Hirnhäute übergehenden Scheiden des Sehnerven. Er berührt nur 
kurz die Netzhaut als Kapsel des Glaskörpers, verschweigt das Kammer- 
wasser, giebt der Linse eine falsche, ihrem Namen widersprechende Gon- 
sistenz. Zwischen Linse und Regenbogenhaut nimmt er, wie andre Alten, 
einen großen leeren Raum an, — der Doctrin zu Liebe. Er hat nie ein 
Auge mit Erfolg zergliedert, sondern aus griechischen Quellen einen Auszug 
gemacht und dabei mehrfach sich vergriffen. 



1 ) Die Ilebersetzungen dieses Abschnittes sind, mit Ausnahme der Scheller's, 
ziemhch ungenau, allerdings auch schwierig, da Celsus aus Unkenntniss recht 
unklar schreibt. Namenthch irrt Ritter, wenn er im folgenden § »humor« (die 
Star-Ausschwitzung) auf die Linse bezieht. 

2) pupilla ist hier Regenbogenhaut. Natürlich ist die Ansicht des Celsus 
unrichtig. 

3) Zonula und vordere Linsenkapsel. 

4j Man erwartet sub hac (membranula). Sub his kann sich doch nur auf 
membranula und id (humor vitreus) beziehen, kann nicht mit zwischen diesen 
übersetzt werden und entspringt unklarer Anschauung des Celsus. Derselbe 
übergeht das Kammerwasser, das von den Griechen als eiweißartige Feuchtigkeit 
bezeichnet wurde, und wirft dessen Beschaffenheit zusammen mit der Krystall- 
Linse. 

5) Das menschl. Auge, Berlin -1847. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 247 

§ 154. B. Des Celsus Lehre von den Augenkrankheiten (1. VI, 
c. VI) enthält einige Schlagworte, die berühmt geworden sind, eine mittel- 
mäßige Beschreibung der wichtigeren Augenkrankheiten und Symptome, 
und zahlreiche etwas regellos dazwischen gestellte Recepte ürtlicher 
Augenheilmittel (Gollyrien). 

Ingentibus vero et variis casibus Aber gewalligen und verschie- 

oculi nostri patent: qui quum mag- denfachen Zufällen unterliegen unsre 
nam partem ad vitae simul et usum Augen. Da die letzteren zur Brauch- 
et dulcedinem conferant, summa cura barkeit sowie zur Annehmlichkeit des 
tuendi sunt'). Protinus autem orta Lebens sehr viel beitragen, so müssen 
lippitudine^) quaedam notae sunt, sie mit größter Sorgfalt behütet wer- 
ex quibus, quid eventurum sit, colli- den. Sogleich nach Ausbruch einer 
gere possimus. Augenentzündung besitzen wir einige 

Zeichen, aus denen wir den Ausgang 
erschließen können. 

Denn3)j wenn zugleich Thränen, Geschwulst und dickliche Schleim- 
absonderung anheben; wenn der Schleim mit den Thränen sich mischt, die 
Thränen nicht heiß sind, der Schleim weiß und weich, die Geschwulst nicht 
hart; so besteht keine Besorgniss eines langwierigen Leidens^). 

Aber, wenn das Thränen reichlich und heiß, der Schleim sparsam, die 
Schwellung mäßig, und alles dies nur auf einem Auge besteht: so bedeutet 
dies eine lange, wenngleich gefahrlose Krankheit. Diese Art der Augen- 
entzündung verläuft schmerzlos, wird aber kaum vor dem 20. Tag be- 
hoben, mitunter dauert sie zwei Monate^). 

Gegen das Ende der Erkrankung wird der Schleim weiß und weich 
und mischt sich mit den Thränen. Werden beide Augen gleichzeitig 



Ij Hieraus stammt der Satz von Boerhaave: Oculus ad vitam nihil, ad vi- 
tam beatam nihil magis oculo confert. Zu vergleichen mit Celsus ist Plin. XI, 
139: oculi pars corporis pretiosissima. Ferner Quint. Serex. (§ :20l;: Summa boni 
est alacres homini contingere visus. 

2) Lippitudo (Ophthalmia) ist die erste und Hauptkrankheit, an der Celsus 
seine allgemeine Pathologie und Therapie erörtert. Sie begreift Katarrh, Granu- 
lation und Eiterfluss der Bindehaut, nebst den Folgezuständen. 

3) Freie üebersetzung aus den hippokratischen Prorrhet. II. IS 
(LiTTRE IX, 44). Vgl. § 67. A. Hirsch sagt S. 2ü6: »Es scheint den Forschern bis- 
her ganz entgangen zu sein, dass Celsus an dieser Stelle eine fast wörtliche 
üebersetzung des 18. Kap. aus dem lib. II Prorrhet. der Collect, hippocr. gegeben 
hat.« Mir ist es unklar, wie Hirsch zu dieser Meinung gekommen ist. Denn in 
der von ihm (vgl. S. aül, Note 2) benutzten Ausgabe des Targa steht deutlich 
Band II, S. 412, Z. 20): Auetor libri 11 Praedict., unde haec sumpta sunt. In 

der kritischen Ausgabe von Daremberg, die eigentlich hätte berücksichtigt 
werden müssen, steht sogar im Text des Celsus (S. 225, Z. 21) Prorrhet. II, 18. 

4) Man erkennt hier den akuten Bindehaut-Katarrh. 

5) Vielleicht Entzündung der Binde- und Horn-Haut. (Keratoconjunctivitis.) 



248 XXIII. Hirschberg, 

befallen, so kann die Dauer kürzer sein, doch besteht Gefahr der Ver- 
schwärung. 

Trockner, fester Schleim bedingt zwar Schmerz, hört aber eher auf, 
es sei denn ein Geschwür dazu getreten. 

Starke (Lid-) Schwellung ohne Schmerz und ohne Absondrung bedingt 
keine Gefahr; ohne Absondrung, aber mit Schmerz, zieht sie Yersch wä- 
rung nach sich und mitunter Verwachsung des Lides mit dem Augapfel'). 

Eine solche Verschwärung an den Lidern oder dem Pupillentheil der 
Hornhaut ist zu befürchten 2), wenn bei großem Schmerz heiße und salzige 
Thränen fließen, oder wenn, nach dem Abfall der Geschwulst, lange Zeit 
Thränen mit Schleim abgesondert werden. 

Noch schlimmer ist es, w^enn der Schleim gelbgrün oder bläulich wird 3), 
heiße Thränen reichlich hervorquellen, der Kopf heiß ist, Schmerz von den 
Schläfen zum Auge ausstrahlt. Nachts Schlaflosigkeit dem Kranken zusetzt*): 
denn unter diesen Erscheinungen platzt gewöhnlich das Auge; und man 
wünscht innig, dass es endlich vereitere^). 

Ist das Augen-(Hornhaut-)Geschwür nur nach innen durchge- 
brochenß), so hilft Hinzutritt eines Fiebers. Ist Durchbruch nach außen 
und Vorfall eingetreten, so giebt es keine Hilfe. Wenn ein Theil des 
Schwarzen im Auge von seiner Farbe ins Weißliche übergegangen ist, so 
bleibt das lange so. Aber wenn es dazu noch rauh und dick ist, so lässt 
es auch nach völliger Heilung des Grundleidens Spuren zurück. 



1) Hier folgt in der hippokratischen Schrift der wichtigste und klarste Satz 
der ganzen doctrinären Auseinandersetzung: oeivov os (otor,(j.a) v.al ^'jv oa7.p'Jto xe löv 
y.al Ö0UV7]. >Am schlimmsten ist starke Schwellung mit Absondrung und Schmerz.« 
Beginn der akuten Bindehaut-Eiterung. Diesen Satz hat Celsus — ausgelassen. 

2 Das Griechische [auch das Deutsche] ist klarer, das Latein eigentlich 
nicht ganz korrekt: Ejusdem ulcerationis timor in palpebris pupilhsve est. 

3j Die Uebersetzungen von Ritter und Vedrenes sind unbrauchbar. Scheller 
hat einen Satz ausgelassen. Der griechische Ur-Text lautet: t,v ok ?.-^[j.a[ yAiufal yj 
TteXiovai l'cuot. 

4) Bindehaut-Eiterfluss mit Hornhaut-Verschwärung. 

5) Hier hat Celsus den Hippokrates gründlich missverstanden: Vo- 
tumque est, ut tantum exulceretur. Der griechische Text lautet: zh/.or d^id-jr-i] 
YEvsaÖai £v tw 6cf,i}o(X[j.(T) . tkidc, es v.oii pctY-^vai to xotoütov. »Dann muss nothwendiger 
Weise ein Geschwür im Auge sich bilden. Es besteht aber auch die Besorgniss, 
dass solch' ein Geschwür durchbreche«. Littre IX, M, übersetzt richtig: la 
Chance est aussi pour une rupture. Das hat Sinn für einen Arzt, des Celsus 
Worte nicht. Der gelehrte Casaubon. (1539 — 1620 n. Chr. sagt zwar zu »votum- 
que est«: Eleganter hoc positum pro eo quod Graeci dicebant d-^ar.r^Tm av dt] 
SchoHa in Celsum, S. 34, im Anhang der Ausg. v. Almeloveen.) Aber der ein- 
fache Arzt A.NDREAE f1«4i) hat das richtige getroffen. — Keiner der bisherigen 
Uebersetzer des Celsus hat eine richtige Ansicht verrathen. — Ueber D-.U pro 
metus vgl. Thesaur. 1. gr. III, 787, wo auch noch eine Stelle aus Hipp, praen. (Foes. 
p. 41, 45) angeführt wird. 

6) Dies fehlt bei Hippokr. Dagegen sind die nützlichen Sätze desselben 
über Hornhautnarben von Celsus übergangen worden. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 249 

§ 155. Curari vero oculos san- Zu heilen sind die Augen mit 

guinis detractione, medicamento, bal- Blut-Entziehung, Arzneimitteln, Bad, 

neo, vino vetustissimus auctor Hippo- Weintrinken, — das leinet Hippokra- 

crates '] memoriae prodidit. Sed tes, der älteste Schriftsteller. Aber 

eorum tempora et causas parum ex- die richtige Anwendungszeit und An- 

plicuit 2) : in quibus medicinae summa zeigen hat er zu wenig erläutert : 

est. das ist aber grade die Hauptsache 

in der Heilkunde. 

Ebenso viel Nutzen gewähren Diät und Abführen. Also die Augen 
werden zuweilen von Entzündung befallen, mit Anschwellung und Schmerz 
und darauf folgendem Eiterfluss . . . hi einem solchen Fall ist das allererste 
Ruhe imd Diät. Folglich muss der Kranke am ersten Tage in einem dunklen 
Zimmer zu Bett liegen und sogar des Redens sich enthalten, und nichts 
zu sich nehmen ; wenn er es aushält, nicht einmal Wasser . . . Bestehen 
heftige Schmerzen, so ist Blut zu entziehen, besser am zweiten Tage; 
aber in dringlichen Fällen sogar am ersten ... Ist der Anfall weniger heftig, 
also auch eine weniger eingreifende Behandlung angezeigt; so muss man 
abführen, aber nicht vor dem zweiten oder dritten Tage. Bei mäßiger 
Entzündung ist keines der beiden genannten Hilfsmittel angezeigt: es ge- 
nügen dann Ruhe und Diät'). 

Aber andrerseits ist beim Trief-Auge (in lippientibus) keineswegs fort- 
gesetztes Fasten geboten, damit nicht der Schleim zu dünn und scharf 
werde, sondern am zweiten Tage schon muss man solche Speisen reichen, 
welche unter den schleimverdickenden am verdaulichsten sind, z. B. Trink- 
Eier (ova sorbilia); oder, wenn die Heftigkeit der Krankheit geringer 
ist, Mehlbrei (pulticula) oder Brot in Milch. An den folgenden Tagen 
kann man, in dem Maße, wie die Entzündung abnimmt, an Nahrung zu- 
legen, aber von derselben Art, so dass jedenfalls nichts gesalzenes, nichts 
scharfes, nichts schwächendes (quae extenuant) genommen wird; als Ge- 
tränk nichts als Wasser. 

So viel über die Diät, die unerlässlich ist. 

Außerdem aber muss man schon am ersten Tage Safran eine Drachme 
(= 4,0), feinstes Melil zwei Drachmen (= 8,0) ^j mit Eiweiß zu Honigs-Dicke 



1, Aphor. VI, 81. Vgl. § 3.S. 

2 Vgl. aber den §38 erwähnten Commentar des Galen (B. XVII, 1, 45) zu 
dieser hippokratischen Stelle. 

3; Man kann nicht leugnen, dass solche Grundsätze der Behandlung noch in 
unsrem Jahrhundert Anwendung gefunden haben. 

4) In der Uebersetzung von Ritter sind die Medicinal-Gewichte ganz ver- 
kehrt wiedergegeben.- was übrigens schon Scheller IL S. 25^ richtig bemerkt hat. 
Bei Celsus bedeutet P. ohne weiteren Zusatz eines bestimmten Gewichtes 



250 XXIII. Hirschberg, 

vermischen, dies auf Linnen streichen und auf die Stirn des Kranken kleben, 
um die Bhitadern zusammen zu pressen und den Zustrom des Eiters zu 
hemmen . . . 

Aber auf die Augen selbst ist die folgende Salbe zu streichen: Safran 
nimmt man, soviel drei Finger fassen, Myrrhen eine Bohne groß, Mohnsaft 
eine Linse groß, reibt das mit Sekt*) zusammen und streicht es mittelst 
eines Spatels über das Auge 2). Ein andres Mittel für denselben Zweck 
besteht aus folgendem: 

Myrrhe I Drachme '/o Scrupel (4,6), 

Mandragora-Saft 1 Drachme (^,0), 

Opium 2 Drachmen (8,0), 

Rosenblätter, 

Schierlings-Samen äa 3 Drachmen (12,0), 

Akacien-Saft (trocken) 4 Drachmen (16,0), 

Gummi 8 Drachmen (32,0). 

Dies macht man bei Tage. Nachts aber, um angenehmen Schlaf zu 
erzielen, soll man zweckmäßiger Weise Weißbrot-Krume, die in Wein 
aufgeweicht ist, auf die Augen legen. Das verringert die Eiter-Absondrung, 
saugt die Thränen auf und verhindert Yerldebung der Lider, Ist dies zu 
schwer und hart, bei heftigem Augenschmerz; so ist ein Charpie-Bäusch- 



allerdings i Pfund, wörtlich pondo libra; aber P. mit nachfolgender Gewichts- 
angabe (z.B. einer Drachme) bedeutet nur: an Gewicht. (Ablativ von pondus.: 

Man wolle berücksichtigen, dass 1 Pfund = 1 2 Unzen, 1 Unze = 8 Drachmen, 
1 Drachme = 3 Scrupel, 1 Scrupel = 20 Gran. 

I Gran = 0,06 Gramm. 

1 Scrupel = •) ,2 » 

t Drachme = 3,6 (rund 4,0) Gramm. 

1 Unze = 29,2 ( » 30,0) » 

Celsus (V, xvn, 1) theilt die uncia in sieben denarii, den denarius in 
6 sextantes, so dass der Sextant gleich dem öjSoXo; oder V2 scripulus. Somit ist 
bei Celsus denarius = 1/7 Unze = 3,9 Gramm, annähernd gleich der Drachme; und 
hat das Zeichen X- 

Ferner ist sextans denarii = obolus = ^/o scrip. = V42 Unze = 0.7 Gramm; und 
hat das Zeichen z. 

Hiernach ist die Tabelle bei Vedrenes S. 745 zu verbessern. Ritter wimmelt 
von Irrthümern, da er P. stets gleich 1 Pfund setzt. Das sogleich folgende Re- 
zept bei Celsus hat ■120 Gramm, bei Ritter über s Pfund. Eine Augensalbe! 
Ferner für ein Collyrium — 1 Pfund Bibergeil, das heute beim Apotheker 500 M. 
kostet, — statt '/2 Scrupel. 

1) passum ist Trockenbeer- Wein, d. h. aus Trauben, die man an der Rebe 
hängen lässt, bis Sonne und Luft den Wassergehalt der Beeren etwa bis auf die 
Hälfte verringert haben. — Spanisch vino secco, deutsch Sekt, englisch sack (der 
Liebhngswein von Fallstaff). In Norddeutschland hat erst seit Devrient das 
Wort Sekt die Bedeutung Champagner angenommen. 

2) super oculum. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 251 

chen') mit folgender Salbe aufzulegen: Von einem Ei ist das Weiße und 
der Dotter in ein Gefäß zu gießen, ein wenig Meth (mulsum) hinzuzufügen 
und mit dem Finger zu reiben; wenn es gleichförmig gemischt ist, wird 
das Büuschclien eingetaucht. Das letztere ist von geringem Gewicht, hält 
durch Kühlung die Schleim-Absondrung in Schranken, wird nicht trocken 
und verhindert das Verkleben 2). 

Auch gekochtes Gersten-Mehl mit einem gekochten Quilten-Apfel (malum 
cotoneum) kann man mit gutem Erfolg auflegen. Auch ist es zweckmäßig, 
einen gut ausgedrückten Schwamm anzuwenden, der in Wasser getaucht 
war, wenn der Anfall leicht; wenn heftiger, in verdünnten Essig^). 

Die vorher genannten Mittel musste man mit einer Binde befestigen, 
damit sie nicht während des Schlafes abfallen. Das letztgenannte braucht 
man nur aufzulegen, da nöthigenfalls der Kranke selber es wieder auf- 
legen kann; wenn der Schwamm trocken geworden, muss er wieder an- 
gefeuchtet werden. 

Ist die Krankheit so schlimm, dass sie für längere Zeit den Sclilaf 
hindert, so muss man eines von den Mitteln geben, welche bei den Griechen 
dvtüöuva heißen: eine Erbse groß ist für einen Knaben, eine Bohne groß 
für einen Erwachsenen ausreichend'*). 

In das Auge ^) selber darf man am ersten Tage, wenn es sich nicht 
um mäßigen Entzündungsgrad handelt, vernünftiger Weise nichts einspritzen: 
denn dadurch wird oft die Eiterbildung mehr angeregt, als vermindert. 
Vom zweiten Tage ab kann man, sogar auch bei schwerem Eiterfluss, 
durch eingebrachte Arzneimittel (per indita medicamenta) *>) richtig zu 



1) lana mollis bene carpta, »weiche, gut zerzupfte Wolle«. Carpia im mittel- 
alterlichen Latein des 1 3. Jahrhunderts; charpie im 14. Jahrh., charpy bei Ambr. 
Pake im 1 6. Jahrh. (Littre, dict. 1. fr. I, 568). Carpia, schon in den alten Gloss. = 
[j.ot6;; carpita, eadem notione. (Gloss. m. et inf. lat. II, 182.) 

2) Wir streichen Coldcream auf die Lidränder. 

3) Vieles davon hat sich in der Volksheilkunde noch heute erhalten. 

4) So reichlichen Gebrauch wir heutzutage von den schmerzstillenden und 
schlafbefördernden Mitteln Morphium, Chloralhydrat, Sulfonal u. s. w.) zu machen 
pflegen, — Kindern geben wir dieselben nicht. Ich wüsste mich kaum eines 
Falles zu erinnern, wo ich einem noch nicht ausgewachsenen Menschen wegen 
Augen-Entzündung ein Schlafmittel gereicht hätte. 

V, 25, 1 — 3 hat Celsus solche Schlafmittel beschrieben, aus Mohnsaft, Man- 
dragora, oder beiden, von denen das letztere besonders bei Augen-Entzündung 
(lippitudo) empfohlen wird. (Die Herausgeber und Uebersetzer des Celsus haben 
diesen Hinweis vergessen.) 

5; Celsus unterscheidet genau »super« von »in«: das erste bedeutet auf den 
Lidrand, das letztere zwischen Lid und Augapfel. Die Grundsätze des Celsus 
erinnern an die Vorschrift A. v. Graefe's, bei akutem Eiterfluss in den ersten 
zwei Tagen der Erkrankung metallische Mittel nicht auf die Bindehaut anzu- 
wenden. Aehnlich bei akuten Granulationen. (A. v. Graefe's klin. Vortr., S.99,78.) 

6) Von keinem der Uebersetzer richtig wiedergegeben. 



252 XXIII. Hirschberg, 

Hilfe kommen, wenn nämlich bereits entweder Blut-Entziehung oder Ab- 
führung stattgefunden, — oder beides als unnötliig sich klar heraus- 
gestellt hat. 

§ 156. 2. Zu diesem Behuf sind viele, von den verschiedensten Aerzten 
empfohlene Collyrien passend und können noch dazu durch neue Zumischungen 
geändert werden, da die milden und die mäßig zurücktreibenden ^) Arzneien 
leicht und mannigfaltig sich mischen lassen. 

Ich will (nur) die berühmtesten erwähnen. 
Es giebt ein Collyrion des Philo 2). Dasselbe besteht aus: 
Ausgewaschenem Bleiweiß •'), 
.Aletall-Asche (Ofenbruch) 4), 

Ciummi, je 1 Drachme, 

Mohn-Thränen (Opium), geröstet-^), 2 Drachmen. 
Das GoUyrium des Dionys*") enthält: 

Bis zur völligen Weichheit erwärmtes Opium I Drachme, 
geglühtes Kupfer, 

Gummi, jedes 2 Drachmen, 

Metall-Asche, 4 Drachmen, 

Das sehr berühmte Collyrion des Cleo.n ') enlhält : 

Gepulvei'tes Opium, 1 Drachme, 

Safran, % Drachme, 

(iummi, I Drachme. 

Beim Verreiben wird Rosensaft zugesetzt. 

3. Das Collyrion des Theodot, das bei Einzelnen das undankbare**) 
heißt, hat die folgende Zusammensetzung: 
Bibei'geil, 

Indischer Baldrian ■'), je I Drachme, 
Kreuzdornwurzelsaft, 1/2 Drachme, 
Opium, ebensoviel, 

Myrrhe, 2 Drachmen, 

Safran, 

gewaschenes Bleiweiß, 
Aloe, je 3 Drachmen, 

'I) lenia medicamenta et modice reprimentia. 

2) Aus Tarsus, unter Augustus. Ueber sein Antidot vgl. Galen, von den 
örtl. Heilmitteln, IX, S. 297. 

3; cerussa. 

4) spodium, unreines Zinkoxyd. 

5 DioscoRiD. m. m. IV, 63. Das Opium wurde in irdenem Gefäß durch Er- 
wärmen erweicht. 

6; Ai£T. tetrab. II, S. 3, c. 43. 

7j Oribas. Synops. hb. III. 

s; dty otptstov — weil es zu schnell heilt, so dass die Kranken ihr Leiden 
für ein gefahrloses ansehen. Vgl. Marc. Enpm. c. 20; Aüt. XIII, 109. In keiner- 
der CELsus-Ausgaben wird der Ausdruck erklärt, wohl aber im Thes. 1. Graec. I, 
9, 2739, und andeutungsweise in Puschmann's Ausgabe des Alex. Trall. I, 423. 

9) nardus Joder -um). — n. gallicum = Valeriana celtica , n. indicum = 
Patrinia Satamansi. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 253 

Trauben-Gahiiei, gewasclien, 
geglühtes Kupfer, je 8 Drachmen, 
(iummi, 1 8 Drachmen, 

Akacien-Saft, 20 Di'achmen, 

Spießglanz, ebensoviel. 

Dazu Regenwasser [q, s.1. 

4. Ferner gehört zu den gebräuchlichsten Colljrien das aschfarbene-). (Blei- 
weiß u. A.) 

5. Aber Euelpides, welcher zu unsrer Zeit der größte Augenarzt-) war, 
gebrauchte seine eigne Zusammensetzung: er nannte sie Trygodes^). (Biber- 
geil, Kupfer, Galmei, Spießglanz u. A.) 

§ 157. Je heftiger aber im Einzelfall die Entzündung, desto mehr muss 
das Augenheilmittel gemildert werden, durch Zusatz von Eiweiß oder von 
Frauenmilch. Ja, wenn weder ein Arzt noch eine wirkliche Arznei zur 
Stelle, kann jede der beiden genannten Flüssigkeiten mit Hilfe eines für den 
Fall zurecht geschnittenen Schwammes öfters ins Auge geträufelt werden, zur 
Linderung des Uebels. Fühlt sich dadurch der Kranke erleichtert, lässt der 
Eitertluss nach; so kann Bad und Wein die geringen Reste der Krankheit vol- 
lends beseitigen. Der Kranke muss also ein Bad nehmen, nachdem man ihn 
vorher mit Oel leicht eingerieben, und zwar am längsten an den Unter- und 
Ober-Schenkeln ; und danach viel mit lauem Wasser die Augen bähen ; endlich 
den Kopf erst mit warmem, sodann mit lauem Wasser übergießen lassen; nach 
dem Bade vor Erkältung und Zug-") sich in Acht nehmen; darauf etwas reich- 
licher essen, als in diesen (letzten) Tagen, allerdings dabei alles, was den 
Schleim verdünnt , vermeiden ; leichten , herben , leidlich alten W^ein trinken, 
weder unmäßig, noch zaghaft; so dass einerseits keine Unverdaulichkeit entstehe, 
andrerseits der Schlaf befördert werde ; und alle inneren Schärfen gemildert 
werden^). Wenn aber der Kranke merkt, dass im Bade die Entzündung des 
Auges stärker wird, als sie vorher gewesen, — was denen zustößt, die bei 
noch andauerndem Eiterfluss zu früh ins Bad eilten, — so muss er sofort 
heraus aus dem Bad, an dem Tage keinen Wein trinken, weniger essen, als 
Tags zuvor, und erst dann wieder zur Anwendung des Bades zurückkehren, 
wenn der Schleimfluss £;enü!?end aufsrehört hat. 



§ 1 58. In einzelnen Fällen aber geschieht es, durch Ungunst sei es des 
Wetters, sei es der Körper-Gonstitution, dass im Verlauf etlicher Tage weder 
Schmerz noch Entzündung, noch vollends Eiterfluss aufhört. Wenn es sich so 



1) TEcpptov, von T£cfp7, Aschc (bei Scrib. Larg. cinereum,. Der Name -/.'jiltov 
(cythium) ist unerklärt. Aüt. 1. 7 beschreibt dasselbe Mittel, doch etwas abweichend. 

2) ocularius medicus. 

3) Tpu^woT]; hefenartig, tp-j; Hefe, Schlacke. 

4) frigore afflatuve. 

5) So dachten die Aerzte bis zur Mitte unsres Jahrhunderts, so denken noch 
heute die Laien. 

Die gesunde Vernunft in diesen Diätvorschriften und die Formvollendung in 
der Darstellung muss anerkannt werden. 



254 XXIII. Hirschberg, 

lügtj und die Ki'ankheit schon durch ihre Dauer reif geworden; so muss man 
bei denselben Mitteln Hilfe suchen, nämlich beim Bad und beim Wein. 

Denn diese Mittel, so unzweckmäßig sie bei frischer Entzündung sind, weil 
sie dieselbe überreizen und noch mehr entflammen können , so pflegen sie bei 
eingewurzeltem Uebel, welches keinem Mittel weichen will , überaus wirksam 
zu sein. 

Besteht während dieser Tage Verstopfung, so muss man abführen, damit 
die oberen Theile entlastet werden. 

§ 159. Mitunter aber bricht eine gewaltige Entzündung so stür- 
misch aus, dass sie die Augen nach vorn treibt: das heißt irpo-Tiuaii; (Vor- 
fall des Auges) bei den Griechen'). Hier muss man jedenfalls, wenn die 
Kräfte es gestatten, zur Ader lassen^); und, wenn dieses nicht zulässig ist, 
Abführung und längeres Fasten anordnen. Von örtlichen Mitteln können 
nur die mildesten angewendet werden^). Deshalb verwenden einige das 
zuerst genannte des Cleon (§ 156). Aber das beste ist das von Nileüs-*): 
hierüber stimmen alle Autoren überein. Dies Collyrion enthält: 
Indischen Baldrian 5), 

Mohn-Thränen (Opium) je '/o Drachme, 
Gummi, 1 Drachme, 

Safran, 2 Drachmen, 

frische Rosenblätter, 4 Drachmen, 

die mittelst Regenwassers oder mittelst leichten, etwas herben Weines zu- 
sammengerührt werden. Auch ist es nicht unzweckmäßig, Granatapfel-Rinde 



I) Es ist hierunter zu verstehen: a. Eiterbildung hinter dem Augapfel (Abs- 
cessus orbitae); b. hauptsächlich Eiterbildung in dem Augapfel mit 
starker Schwellung der Augapfelbindehaut (Abscessus s. phlegmone bulbi cum 
chemosi); c. vielleicht auch Eiterfluss der Augenbindehaut mit starker Schwellung 
derselben (blennorrhoea c. chemosi). Uebrigens hat das Wort Proptosis seine Be- 
deutung geändert im Laufe der griechischen Literatur. (Vgl. m. Wörterbuch, S. 84.) 

I. Bei Celsus und den Galenikern ist Proptosis die (entzündliche) Vor- 
drängung des Augapfels, welche bei den heutigen Aerzten — Exophthalmus ge- 
nannt wird. (Celsüs VI, 6, 8; Galen XIX, 435, XIV, 769.) 

II. Bei den späteren Aerzten heißt dieser Zustand £-/.7:i£a[j.6;, das Heraus- 
drängen. (Paull. Aeg., S. 77.) Hingegen bedeutet bei ihnen Proptosis den Vor- 
fall der Regenbogenhaut, den unsre heutigen Landsleute — Prolapsus iridis 
zu nennen pflegen. (Paull. Aeg., S. 75; Ioann. Akt., II 771 .) Der gelehrte Gor- 
KAEUS hat die zeitliche Umbildung des Begriffes übersehen, wenn er schreibt: 
Proptosis tum totius ocuU tum partis ejus Vitium est. 

2j Auf diesem Gebiete hat der Aderlass bis zur Mitte unsres Jahrhunderts 
und darüber hinaus, auch in v. Graefe's Praxis, sich behauptet. Vgl. m. Ein- 
führung in die Augenheilk. I, S. 21. 

3) Auch dieser Gedanke ist, z. B. für den akuten Beginn des Eiterflusses, bis 
heute lebendig geblieben. 

4) NeiXoc, bei Paull. Aeg. VII, 1 6. 

5) Nardi indici (von Patrinia Satamansi). — Man sieht leicht, dass dieses 
»milde« Mittel nichts metallisches enthält. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 255 

oder Steinklee in Wein zu kochen und dann zu verreiben; oder dunkle 
Myrthe mit Rosenblättern zu mischen; oder Bilsenkrautblätter') mit ge- 
kochtem Eiweiß; oder Mehl mit Akaciensaft oder Sekt oder Meth^), wobei 
Zusatz von Mohnblättern die Wirksamkeit steigert. 

Mit einer dieser Zubereitungen muss man die Augen bähen und zwar 
mit Hilfe eines Schwammes, der in warme, wässrige Abkochung von 
Myrthen- oder Rosenblättern getaucht und dann ausgedrückt wird; und 
hernach eines von jenen Mitteln auflegen. 

Außerdem muss man am Hinterhaupt einen blutigen Schröpfkopf^) an- 
setzen. Wird hierdurch das Auge nicht zurückgebracht, sondern bleibt 
vorgefallen; so muss man wissen, dass die Sehkraft verloren ist, und das 
Auge danach entweder verhärten oder vereitern wird. Zeigt sich innere 
Vereiterung, so muss man im Schläfenwinkel einen Einschnitt in das Auge 
machen^), damit durch Ausfluss des Eiters Entzündung und Schmerz auf- 
hören, und die Augenhäute zusammenfallen, so dass geringere Entstellung 
folgt. Nachher muss man dieselben Collyrien anwenden, mit Milch oder 
Eiweiß; oder Safran, mit Eiweiß gemischt. 

Aber wenn der Augapfel sich verhärtet und soweit abgestorben^) ist, 
dass er nicht in Eiterung übergehen kann; so muss derselbe, soweit er 
eine hässliche Hervorragung bildet, ausgeschnitten werden^); und zwar so, 
dass man die obere Umhüllungshaut mit einem Häkchen packt, darunter 
mit einem Messer die Hervorragung einschneidet'). 

Danach sind dieselben Mittel anzuwenden, bis der Schmerz völlig ge- 
schwunden ist. Die gleichen Mittel finden auch Anwendung in dem Fall, 
wo das Auge erst vorgefallen, nachher an [einem oder] mehreren Orten 
aufgebrochen ist. 

§ 160. 10. Auch Garbunkeis) pflegen in Folge von Entzündung zu 
entstehen, zuweilen am Augapfel selbst, zuweilen in den Lidern, und zwar 
bald an der Innen-, bald an der Aussenfläche. 



-11 Vgl. § 135. 

2) Wein mit Honig. 

3) cucurbitula. 

4) Also Einschnitt in den Augapfel, Incisio bulbi. 

5) »sclerotisch und necrotisch« geworden, sagen heutzutage — die Deutschen. 

6) excidendum erit. Also Excisio partialis bulbi. excisio staphylomatis. 

7) Der dritte Akt, das Abschneiden der oberen Befestigung des Wulstes 
Staphyloma), wird von Celsus, der es nie gemacht hat, übergangen. Incisio 

bulbi und Excisio bulbi sind zwei Operationen, die Celsus nachher in seinem 
chirurgischen Tlieil nicht wieder erwähnt. 

8) Carbunculus heißt die kleine Kohle (carbo) und bedeutet ein fressendes, 
verzehrendes Geschwür, — wie das griechische Wort »Mlpci;, das ja auch eigentlich 
Kohle bedeutet. Wir beziehen das griechische Wort auf die Milzbrand-Beule 
(Pustula maligna), das lateinische auf andre Beulen necrotischer Entzündung, wie 



256 XXIII. Hirschberg, 

Bei dieser Krankheit miiss man abführen, die Menge der Speisen ver- 
ringern, Milch als Getränk reichen, damit die Schärfen, welche die Störung 
bewirkt haben, gemildert werden. Was Umschläge ') mid (örtliche) Arznei- 
mittel betrifft, so sind solche in Anwendung zu ziehen, welche gegen die 
Entzündungen empfohlen sind. Auch hier ist des Nileus Collyr am besten. 
Sitzt aber der Carbunkel an der Außenseite des Lides, so ist zum Um- 
schlag am besten Leinsamen 2), in Meth gekocht; oder, wenn man das nicht 
hat, Weizenmehl ^), auf dieselbe ^^'eise gekocht. 

H. Auch Blasen können aus Entzündung entstehen. Erfolgt dies 
gleich im Beginn, so ist um so mehr das zu beachten, was ich über Blut- 
entziehung und Ruhe empfolilen habe; wenn zu spät für Blutentziehung, so 
muss man abführen; wenn auch dies nicht angeht, jedenfalls Diät halten. 
Von Arzneien sind auch die milden am Platz, wie das Mittel des Nileus, 
das des Cleon^). 

12. Passend ist auch das, was Wahrheitsfreund (5) genannt wird (aus 
Blei, Spießglanz u. A.). 

13. Aus den Blasen entstehen bisweilen Geschwüre (ulcera). So 
lange dieselben frisch sind, müssen sie gleichfalls mit milden Mitteln be- 



sie z.B. bei Zuckerharnruhr im Unterhautzellgewebe entstehen: eine schlimme 
Namengebung , wo das griechische Wort etwas andres bedeutet . als seine 
lateinische Uebersetzung. Die griechischen Aerzte bezeichneten als Anthrax ein 
brandiges Geschwür des Lids. Das ist unsre Milzbrand-Beule. Anthrax des 
Augapfels ist schwerer zu deuten: wir kommen darauf noch zurück. 

1) cataplasmata; -/.a-:ot7:>.aa|j.'a heißt eigentlich Aufschlag, Aufstrich, Salbe. 

2) Uni semen. Hat sich auch bis auf unsre Tage erhalten, in dem Heil- 
schatz älterer Aerzte wie des Volkes. 

3) tritici farina. 

4) Die besseren Handschriften des Celsus wie des Plinius (vgl. Daremberg, 
praefat. ad Gels., p. XVII, und Sillig zu Plin. 32 § 98) schreiben das Wort 
pusula. nicht pustula, wie wir heutzutage sagen. Das Wort pusula bedeutet 
ein Bläschen (jeder Art), ist verwandt mit c.'jsäoj blasen. (Gurt. Etvmol. S. 309; — 
dagegen nach Vanicek, S. 338, mit spirare , blasen?: Celsus äußert sich V, 
XXVIII, 13 folgendermaßen: Pusulae . . . Nonnunquam plures, similes varis (Finnen) 
oriuntur; nonnunquam majores, lividae. aut pallidae. aut nigrae, aut aliter 
natural! colore mutato: subestque iis humor; ubi eae ruptae sunt, infra quasi 
exulcerata caro apparet ; 'i>.j7.-:aivai graece nominantur. Plinius erwähnt die 
Pflanzen, welche Blasen (pusulas) ziehen, z. B. ranunculus XXV, 173); und andre 
Stoffe, welche Blasen heüen. Aber er braucht das Wort (pusulae in pupillis) auch 
für Hornhautgeschwür (XXIX, 24). Für krankhafte Bläschen steht das Wort auch 
bei Senega , Tibull , Martial. Bei mittelalterlichen Schriftstellern Marios 
AvENTic, Gregor.) bedeutet es böse, epidemische Blattern. 

Auch den Neueren ist pustula nicht einfach eine Blase, sondern eine Eiter- 
Blatter. Pustula maligna plp. = Milzbrand-Blatter (Himly I. ■104). Pustula corneae 
Eiter -Herd der Hornhaut, tiefer greifend, als die Phlyktänen (A. v. Graefe)'. 
Pustula conjunctivae bei Plenk (S. 1152) ist dasselbe, was heute auf deutsch — 
Phlyktäne genannt wird. 

5) cj;iXo(/.T,\}£?. (Daremberg hat »Philalethes«). Die Handschriften sind hier 
unsicher. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 257 

handelt werden, und zwar hauptsächlich mit denjenigen, die ich soeben') 
erwähnt habe. 

Auch bereitet man eigens für diesen Zweck ein (lollyr, das aus Weih- 
rauch^j. 

Dasselbe enthält: Gebranntes und gewaschenes Kupfer, zerriebene 
3Iohnthränen, je 1 Drachme, gewaschenen Hüttenrauch, Weihrauch, ge- 
glühten und gewaschenen Spießglanz, Myrrhe, Giuumi, je 2 Drachmen. 

§ 161. ii. Es kommt auch gelegentlich vor, dass die Augen, ent- 
weder beide, oder eines, kleiner werden'^}, als sie von Natur sind. Das 



4) No. II dieses Capitels, — nicht V, 28, 15, wie Daremberg und mit ihna 
Vedrenes annimmt. 

2) öia /.tßctvo'j. — Griechisch heißt der Weihrauch /.[[iavo;. lateinisch thus (tus; 
oder olibanum. 

Der Weihrauch ist ein Gummi-Harz, der erhärtete Saft, der aus Einschnitten 
in den Stamm verschiedener Boswellia-Arten (an der Südostküste Arabiens) milchig 
ausfließt. Seine Best andth eile sind Gummi. Harz, ätherisches Oel. Er kommt 
hauptsächlich über Aden in den Handel. Seine Benutzung reicht in das älteste 
Alterthum hinauf. Die Aegypter und Hebräer machten reichlich Gebrauch von 
dem Weihrauch, ebenso die Griechen und Römer, hn Mittelalter blieb die An- 
wendung und ebenso in der Neuzeit. Nicht im deutschen Arzneibuch, wohl aber 
im österreichischen, niederländischen und französischen ist Olibanum officinell, 
wenn gleich es nicht mehr als Augenmittel verwendet wird. — Der griechische 
Name /.ißc/.vo;, woher auch Olibanum, stammt aus der hebr. (semit.; Wurzel lebonah, 
weiß, Milch; die Araber nennen es noch heute Luban. Das lat. Wort thus hängt 
zusammen mit ^öoc, Räucherwerk. 

Myrrhe ist ein Gummi-Harz, welches aus der Rinde von Balsamodendron 
Myrrha ausfließt und aus Arabien und der Somaliküste in den Handel kommt. 
Es besteht aus Gummi, Harz und ätherischem Oel und wird seit den ältesten 
Zeiten benutzt. Die alten Aegypter und die Hebräer (Gen. 43, 10, Exod. 30, 23, 24 
u. a. a. 0.) verwendeten die Myrrhe ; ebenso die Griechen und Römer, die Völker 
des Mittelalters und der Neuzeit. Der Name stammt von der arab. Wurzel mur. 
bitter. Griechisch cfji'jpva oder [xuppoi, lateinisch myrrha. Die Myrrhen -Tinctur 
(1 Theil Myrrhe und ö Theile Alkohol) wurde noch in meiner Studienzeit zum 
Verbinden schlecht eiternder Geschwüre benutzt. Myrrhe und Myrrhen-Tinctur 
finden sich noch in der dritten Ausgabe des Arzneibuches für das deutsche Reich, 
vom Jahre 1890 (S. 203 u. 307). De Leuw hat noch in unsrem Jahrhundert die 
der Myrrhen-Tinctur ähnliche Mixt, oleoso-balsam. zu Augenwässern benutzt. 

3, dxprjtita ö'ii}a/.(A'jj bei allen griechischen Aerzten (Galex. Band XIX, 433, 
XIV. 769; Oribas. VIII, 47, B. V, 431; Aet. VH, p. 134; Paull. Aeg. III. p. 76; 
JoANN. Akt. II, B. II, 447). Die neueren Aerzte sagen Phthisis bulbi, während 
bei den alten cpDiat; »Pupillensperre mit Blindheit« bedeutete, wie aus den eben 
angeführten Stellen zu ersehen. 

Aliieloveen hat hier die richtige Ueberschrift de imminutione oculoruni, 
(übrigens rühren diese Ueberschriften ja nicht von Celsus her!. ViiDRiiXES die 
ganz falsche »Phimosis des paupieres«. 

Sonderbar ist es ja, dass Celsus hier gar nicht von der aus der Augapfel- 
Schrumpfung folgenden Erblindung spricht. Er hat eben wieder einmal das 
Wichtigste — ausgelassen, während er die Kleinigkeiten ausführlich schildert. 

Dass man das Auge ausweinen, d. h. durch unablässigen Thränenfluss zur 
Schrumpfung bringen könne, haben die Alten angenommen. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. ^ 7 



258 XXIII. Hirschberg. 

wird bewirkt einmal durch scharfen Eiterfluss, beim Triefauge; so- 
dann durch imablässiges Weinen, endlich durch Verletzungen, die schlecht 
geheilt sind. Auch in diesen Fällen soll man dieselben milden Mittel mit 
Frauenmilch anwenden, von Speisen aber solche, die den Körper möglichst 
nähren und füllen. Zu meiden ist unter allen Umständen jede Veranlassung 
zu Thränen, also auch die Sorge imi häusliche Angelegenheiten; und wenn 
so etwas sich ereignet, muss dem Kranken die Kenntniss vorenthalten 
werden. Und auch die scharfen Mittel und die scharfen Speisen schaden 
hauptsächlich aus dem Grunde, dass sie Thränenfluss anregen. 

15. Es giebt auch eine Art von Krankheit, bei der zwischen den 
Wimpern der Lider Läuse entstehen ij. Da dies Uebel aus einer 
schlechten Beschaffenheit des Körpers entspringt (!) , macht es meistens 
weitere Fortschritte. Gewöhnlich folgt nach einiger Zeit scharfer Eiter-Aus- 
fluss und vernichtet durch Yerschwärung der Augäpfel auch die Sehschärfe 2). 
Diesen Kranken muss man Abführung verordnen, den Kopf bis auf die 
Haut scheeren, und täglich vor dem ersten Frühstück lange Zeit massi- 
ren Auf die Läuse 3) aber muss man solche Mittel bringen, welche 

1) Genus quoque villi est, quo int er pilos palpebrarum pecliculi nascuntur: 
ct&£tpiaaiv Graeci vocant. 

Die Laus heißt griechisch cp&sip (angeblich verwandt mit cptlEipw verderbe; 
nach Benfey die Kratzende, Suhl und Schneidewin S. 'I74r)); lateinisch pediculus 
(nach Vanicek V63 laufendes Gethier: aber das Füßchen heißt pediculus!). Das 
Wort Phthirms (inguinalis) im Gegensatz zu pediculus (capitis) haben die Neueren 
sich zurecht gemacht. Ebenso ist Morpio neulateinisch. (Nach Castelli bei 
Aldrov. de insect. V, 4; nach Littre frz. bei A. Pare, XIV, 16.) — Die Läuse an 
den Wimpern und Brauen waren den Alten wohlbekannt. Die Beschreibung 
und die Behandlung des Celsus (mit Schwefelarsen und caustischer Seife) ist 
besser, als die mancher — Handbücher unsrer Tage. Vgl. noch Galen, B. XIV, 
774 ; Oribas. B. V, S. 449; AiJT. Tetrabibl. II. III, f.ö; Aegin. III, 22; Akt. M. M. II, 
7 und IV, 1 1 ; Cael. Aurel. III, 2. — Als Beispiel geschichtlicher Gelehrsamkeit 
erwähne ich Galezowski's Lehrbuch -187 4, S. 42: Laurence est le premier 
qui ait decrit un exemple de ce genre. Allerdings hatte auch Steffan 1867 
(Klin. Monatsbl.. S. 43) »nichts in der ophth. Literatur gefunden«. Sie hätten 
übrigens in Arlt's vortrefflichem Lehrbuche (1856, III, S. 356) eine Beobachtung 
dieses Forschers und einige Fälle von Scarpa und Chelius finden können. Vgl. 
Hirschberg, Berliner klin. W., 188'!, No. 1. Wir kommen auf die Beschreibung, 
welche die griechischen Aerzte von der Läusekrankheit der Lider geliefert haben, 
noch zurück. 

2) Das ist eine Fabel. Deshalb kürze ich auch die Allgemeinbehandlung, 
welche C. empfiehlt. 

8) Super ipsos vero pediculos alia, quae necare eos et prohibere, ne similes 
nascantur, possint. Ad id ipsum spumae nitri p. X- ^- sandarachae p. X- 1, uvae 
taminiae p. X- 1- simul teruntur Nitrum (viTpov) ist natürhches kohlen- 
saures Natron, Soda. aaMoc/.payr„ ein Mineral — Auripigment, Operment, A.soS-? (mit 
61 % Arsen), noch heute als Äetzmittel verwendet. [Mit Aetzkalk zusammen, Ent- 
haarungspaste , Rusma Turcorum]. Uva taminia ist Rittersporn. Delphuiium 
staphis agria; enthält das Delphinin, ein scharfes, dem Veratrin^ ähnliches Alkaloid. 
Semen staphidis agriae heißt noch heute semen pediculare, Läusekörner. Ewald, 
Arzneiverordnungslehre, 1892, S. 648.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 259 

sie zu tüten und Nachwuchs zu verhüten im Stande sind. Zu diesem 
Zweck werden Soda, Schwefel-Arsen, Läuse-Kraut, je eine Draclime, zu- 
sammengerieben, und, in gleichen Theilen, ranziges Oel sowie Essig zuge- 
setzt, bis die Mischung Honigseim-Dicke gewonnen hat. 

§ 162. 16. Die bis hierher erwälmten Augenkrankheiten werden mit 
milden Mitteln behandelt. Es giebt aber noch andre Arten, welche eine 
andre abweichende Behandlung erheischen. Sie entstehen in der Regel aus 
Entzündungen, bleiben aber nach Beseitigung der letzteren zurück. Vor 
allem bleibt zuweilen ein Ausfluss von dünnem Schleim') hartnäckig 
bestehen. 

Bei diesen Kranken muss man für Abführung sorgen und ihnen etwas 
von der gewohnten Speisenmenge entziehen. 

Auch ist es zweckmäßig die Stirn mit der [Blei-]SaIbe des Andreas 
einzureiben . . . 

Auch wird mit Vortheil ein blutiger Schröpfkopf an den Scheitel ge- 
setzt oder aus den Schläfen Blut entzogen ^j. 

In die Augen aber streicht man die Horn-Salbe^) : 

Kupferspähne, 

Mohn-Thränen (Opium), je 1 Drachme. 

Gebranntes und gewaschenes Hirschhorn*), 

Gewaschenes Blei, 

Gummi, je 4 Drachmen, 

Weihrauch, 12 Drachmen. 

17. Zu demselben Zweck dient des Euelpides gemischte Salbe^) 
(Kupfer, Opium, Gummi u. a.). 

§ 163. 18 u. 19. Aber die Geschwüre^), die nicht gleichzeitig mit 
der Entzündung aufhören, pflegen wuchernd oder schmutzig oder vertieft 



Uebrigens wirkt in dem Recept des Celsus hauptsächlich das ranzige Oel 
durch Verstopfung der Tracheen der Läuse, grade so, wie unsre graue Salbe. 
(Von Bienen, Fliegen, Ameisen wussten dies die Alten. Alexand. Problem. I, 64.) 

■1) Die sogenannte chronische Blenorrhöe, in der That wohl meistens 
der chronische Ablauf der Körnerkrankheit. 

Hier beginnen bei Celsus die metallischen Augenheilmittel, worüber 
allerdings einzelnes schon vorher angedeutet worden. 

2) Wie bei den künstlichen Blutegeln unsrer Zeitgenossen. (Meine Hände 
bleiben rein von diesem Blut.) 

3) oiä zEpaTOi;, aus Horn. 

4) Cornu cervi ustum album (saui-er phosphorsaurer Kalk mit kohlensaurem 
Kalk] wird ja heute noch verwendet, innerlich selten, äußerlich zu Zahnpulvern. 
(Ewald, Arzneiverordnungslehre, -issa, S. 266.) 

ö) a£(AiY(J-£"VOV. 

6) Ulcera supercrescentia aut sordida aut cava aut certe vetera esse 
consuerunt. Es ist von Geschwüren des Auges die Rede, also hauptsächlich von 

17* 



26Q XXIII. Hirschberg, 

oder wenigstens veraltel zu soin. A'on diesen werden die wuchernden am 
besten mit der gemischten Salbe bescliränkt. 

Die unreinen werden gereinigt mittelst eben derselben und auch mittelst 
derjenigen, die Scalpell') genannt wird (aus Grünspan 2), sinopischer Men- 
nige u. a.). 

2 0. Hierzu isl auch das (lollyrium des Euelpidos. das er Gheiron'*) nannte, 
nützlich (aus Kupier, Pfefler u. a.). 

21. In demselben Sinne wirkt auch desselben Arztes Colhr, das er Kü gel- 
chen-') nannte (aus Blut-Eisenstein u. a.). 

32. Auch ein flüssiges Mittel-'') hat er iür denselben Zweck zusammen- 
gesetzt : 

Grünspan, 1 '/g Drachme. 

Gebranntes Kuptervitriol-Erz 6), 

Eisenvitriol '), 

Zimmt*), je 1 Drachme. 

Safran, 

Baldrian, 

Opium, je 1 Yp, Drachme. 

Myrrhe, 2 Drachmen. 

Gebranntes Kupfer, 3 Drachmen. 

Asche aus Räucherwerk, 4 Drachmen, 

Pfefferkörner, 1 5 Stück. 

Dies wird mit herbem ^^>in verrieben, sodann mit ^4 Litern Sekt gekocht, 



solchen der Hornhaut. Die wuchernden sind schwer zu deuten. Einen wirklichen 
Wund-Knopf sieht man recht selten in durchgebrochenen Hornhautgeschwüren, 
häufiger einen Vorfall der Regenbogenhaut. 

4) c[j.iXiov. So gut wie heute noch eine ärztliche Zeitung Scalpell oder 
Lanzette heißt, kann auch ehedeiu ein Heilmittel, das man für schnell wirksam 
hielt, einen solchen Namen geführt haben. 

2) Dürfte rothen Eisen-Ocker bedeuten. 

Die Alten verwechselten gelegentlich drei Dinge : 

I. jjiiXto;, rubrica, Röthel, rother Thon-Eisenstein. 
IL a[j.(j.tov, minium, Mennige, Pb304. 
III. -/.ivvdßapi, cinnabaris, Zinnober, HgS. 

Vgl. DioscoR. m. m. V, 109 und 110; Plin. XXXIII, 7, 38 und 39. 

3; yeipojva, wohl nach dem heilkundigen Kentauren, der dem blinden Phönix 
das Gesicht wiedergegeben. — Aus Vedrene's Schreibweise kann man das nicht 
einmal vermuthen. — Aehnlich ist der Name Asklepios-Collyr, § 25. 

4) ocpaipiov. 

5) Liquidum medicamentum sagt Celsus, nicht liquidum collyrium. 

Nach Celsus scheint EuELPmES der fruchtbarste Autor von Augenheilmitteln 
gewesen zu sein. 
(>) misy. 

7) atramentum sutorium, Lederschwärze, schwefelsaures Eisen und Kupfer. 

8) cinnamomum , eine indische Droge. Man bemerke die zahlreichen in- 
dischen Drogen bei Celsus. Zimmt wurde bei den Alten mit Gold aufgewogen. 
Aber Ritter setzt unbekümmert Zimmt, ein Pfund 8 Denar! 



Geschichte der Augenheilkunde im Alter thum. 



261 



bis es sich in eine gleichförmige Masse inngewandelt. Das ^liUel wird wirk- 
samer, je länger es steht'). 

23. Die vertieften Geschwüre werden am besten ausgefiillt durch Auf- 
streichen der Kügelchen- und der Wahrheits-Salbe . . . 

2 4. Es giebl auch ein Collyr, das für vieles gut ist, am meisten aber bei 
den letztgenannten sich wirksam erweisl. Es soll von Herrn on herrühren und 
enthält : 



Langen Pfeifer, I i/o Drachme. 
Weißen Pfeffer, I '/,; Drachme. 
Zimmt, 



Kostwurz^), je 

Lederbeize, 

Baldrian, 

Cassia^), 

Bibergeil, je \ 

Myrrhen, 

Safran, 



Drachme. 



Drachme, 



Weihrauch, 

Wurzeldornsaft, 

Bleiweiß, je S Drachmen. 

Mohn-Thränen, 12 Drachmen. 

Aloe, 

Gebranntes Erz, 

Galmei, je 1 6 Drachmen. 

Akacie, 

Spießglanz, 

Gummi, je 2ö Drachmen^). 



§ 164. 25. Aber die aus den Geschwüren hervorgehenden Narben-'') 
werden durch zwei liebelst ände gefährdet: sie können vertieft«) oder dick 
sein. Sind sie vertieft, so können sie ausgefüllt werden durch das Kügelchen- 
Collyr oder durch das, was Asclepios genannt wird. Das letztere enthält: 

Mohn-Thränen, 2 Drachmen. 
Sagapen-Gummi ''), 
Panax-Saft^), je I Drachmen. 
Grünspan, 4 Drachmen. 
Gummi, 8 Drachmen. 
Pfeffer, 1 2 Di'achmen. 
Gewaschenes Galmei, 
Bleiweiß, je 16 Drachmen 9). 



1) Wie der Zaubertrank der Hexe im Faust. 

2) costum, 'Mazoc, (costus arabicus L.) eine pfefferartige Wurzel. 

3) casia, Lauras casia. 

4) Wie man sieht, ein Recept aus nicht weniger als zwanzig Stoffen. Aber 
ebensolche best man auch noch in C. Graefe's Repertor. augenärztlicher Vor- 
schriften vom Jahre 1817! 

Unsre Vorschriften für Augenmittel enthalten meistens nur ein einziges 
wirksames Heilmittel, gelegentlich wohl zwei. 

n) cicatrices, es sind die der Hornhaut gemeint. Das Wort ist auf unsre 
Tage gekommen in der edlen Zusammensetzung Cicatrisotomie von cicatrix lat., 
und To;j.rj gr., der Schnitt. 

()) cicatrix cava = »Facette« (frz.), Abschhff. 

7) Sagapenum, sacopenium. ooLYa7rr,vov, der gummi-ähnliche Saft einer Dolden- 
pflanze, Heracleum sphondylium. 

8) Opopanax, succus Ferulae. 

ÖTTÖ-avac. der Saft (oto;) der Pflanze panax, d. i. Ferula opopanax. 

9) Man sieht hier, wie in einem eleganten Recept des Cet.sijs die Mengen 
der einzelnen Mittel mit einer gewissen Regelmäßigkeit anwaclisen. 



262 XXIII. Hirschberg, 

Aber wenn die Narben erhaben sind, werden sie verdünnt durch das 
ScalpcU-Collvr oder durch das des Canopiten i) (aus Galmei, gebranntem Weili- 
rauch, gebranntem Kupfer und andrem) oder durch das buchsbaumfarbige^) 
des Euelpides (Salz, Bleiweiß, Galmei u. a.). 

§ 165. 25, 26. Es gicbl eine iiudre Art von Entzündung, bei der, so- 
wie die Augen anschwellen und schmerzhafte Spannung zeigen, Blut aus 
der Stirn zu entziehen nöthig scheint, ferner reiclilich mit warmem Wasser 
Augen inid Kopf zu hähen, zu g-urgeln, ... die Augen zu salben mit den oben 
erwähnten scharfen Mitteln, hauptsächlich mit dem sogenannten »Kügelchen«. 
Auch andre sind nützlich, die zur Glättung der Rauliigkeit^) dienen. 
Ueber diese letztere werde ich sofort sprechen. 

Ilaec autem (aspritudo) ^) in- Aber die Rauhigkeit ist in der 

flammationem oculorum fere sequitur, Regel eine Folge von Entzündung der 

interdum major, interdum levior. Augen. Bisweilen ist sie größer, 

Nonnunquam etiam ex aspritudine bisweilen geringer. 3Iitunter entsteht 

lippitudo fit; ipsa deinde aspritudi- auch aus der Rauhigkeit (Kürner- 

nem augel, fitque ea-^j in aliis brevis, krankheit) die Triefäugigkeit, die 

in aliis longa, et quae vix unquam ihrerseits wieder dann die Rauhig- 

finiatur. hi hoc genere valetudinis keit steigert. Die letztere kann bei 

quidam crassas durasque palpebras, einigen kurze Zeit, bei andren lange 

et ficulneo folio, et asperato specillo, Zeit dauern oder überhaupt nicht 

et interdum scalpello eradunt; versas- mehr aufhören. Bei dieser Krank- 

que quotidie medicamentis suffricant. heitsform pflegen einige Aerzte die 

Quae neque nisi in magna vetusta- verdickten und harten Lider (an der 

que aspritudine, neque saepe facienda hmenfläche^) mit einem Feigenblatt 

sunt: nam melius eodem ratione vic- oder einer rauhen Sonde oder mit 



1) Aus Canopus, an der westlichen Nil-Mündung. 

2) pyxinum. t:6;wov, von ttü^o?, Buchsbaum. 

3) Tpdyiu(j.v (Rauhigkeit) der Griechen wird bei Celsus und auch bei Sgri- 
BONius L ARGUS (um 43 n. Chr.), gelegentlich auch noch bei Marcellus (am Anfang 
des 5. Jahrh. n. Chr.), mit aspritudo (Rauhigkeit) übersetzt. Eigentlich sollte 
es heißen aspritudo oculorum, palpebrarum. Von dem Beiwort asper (rauh) 
kommt noch ein zweites Hauptwort asperitas, das bei Plinius Heiserkeit be- 
deutet, aber bei Cassius Felix (447 n.Chr.) die Rauhigkeit oder Körnerkrankheit: 
ad trachomata id est asperitates palpebrarum. Die mittelalterlichen Aerzte 
bevorzugen die Form asperitas. 

4) Arlt (Klin. Darstellung d. Krankheiten des Auges, 4 881, S. 47) hat irrig: 
Hanc autem (aspritudinem) inflammatio oculorum fere sequitur. 

5) ea = aspritudo. 

6) Das versasque qnotidie steht eigentlicli an falscher Stelle. Der Theoretiker 
Celsus scheint nicht beachtet zu haben, dass alle von ihm (aus einem unbe- 
kannten Griechen) ausgezogenen Verfahrungsweisen auf die Innenfläche der Lider 
angewendet werden. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthuni. 263 

tus et idoneis medicanienlis peive- einem Messer zu rilzen (scarificiren) 
nitur. und täglich mit Heilmitteln zu massi- 

ren'). Das soll man aber nur bei 
starker imd eingewurzelter Kürner- 
krankheit und jedenfalls nicht so 
häufig machen. Denn besser erreicht 
man das Ziel durch die Diät und 
. durch passende Heilmittel). 

Wir wenden also Gymnastik an, Bäder, häufige Bähungen der Augen 
mit warmem Wasser; die Speisen wählen wir scharf und verdünnend; als 
Heilmiflel das Kaiser-Collyr^) .... 

27. Auch die Falken-Salbe^) ist wirksam gegen Körnerkrankheit. 
Sie enthält: Ammon'sches Räuchei^werk, 1 Drachme. Geschabten Grün- 
span, 4 Drachmen, 

Hat man keine zusammengesetzten Mittel zur Hand, so wird auch durch 
Ziegengalle oder feinsten Honig die Körnerkrankheit gut geheilt. 

§ 166. 28. Es giebt auch einen trocknen Katarrh^). Dabei be- 
steht weder Schwellung noch Fluss der Augen, sondern nur Röthung und 
unangenehme Schwere sowie nächtliche Verklebung durch Krusten. Je ge- 
ringer die Acuität, desto länger die Dauer. Hierbei muss man ileißig spa- 
zieren gellen 6), oft baden und dabei schwitzen, sowie sich tüchtig massiren") 



\) Vgl. unsre Darstellung der hippokratischen Ophthalmoxysis, § 73. 

2) Die Körnerkrankheit war bei den Römern etwas Gewöhnliches 
und Bekanntes. Das folgt aus der obigen Beschreibung des Celsus. Das er- 
giebt eine Blumenlese aus des C. Plinius Secundus' Naturalis Historia (Ausg. von 
J. SiLLTG. Gotha iSäi— 1858, Bd. 7, S. 499), da er an 30 Stellen die lippitudo 
erwähnt und die zahlreichsten, zum großen Theil recht abergläubischen Heilmittel 
gegen das Leiden namhaft macht. 

3; (laesarianum. Dasselbe ist eine Kupfer-Salbe mit Eisen, Zink, Spieß- 
glanz. Das folgende eine reine Kupfer-Salbe. 

4) Id quod Hieracis nominatur. (tepa? Falk, Habicht.) 

:i) Est etiam genus aridae lippitudinis, ?-rjpocpi}a).tj.iav Graeci vocant. 

Lippus heißt triefend, z. B. wie die überreife Feige (Mart. 7, 20) und wird 
von Vanicek (S. 240) mit /.[-oc, Fett, äXetcptu, salben, verglichen. Lippitudo heißt 
Augenfluss, Augen-Entzündung, ö<f%rx\^jJ.rji. Hippokrates unterschied öcptto(Xfj.tai ÜYpat 
und ?-fjpai, feuchte und trockene Augen-Entzündung. Vgl. § 3;;. Natürlich ist 
|-r]pocf>Oa>.ij.iot nicht eine an sich unvernünftige Wort -Zusammensetzung, — wie 
arida lippitudo des Celsus und der trockene Katarrh unsrer Zeitgenossen, da 
-^a-cappo'j; das Herabfließen bedeutet. [Trockner Katarrh entsteht, wenn z. B. Ge- 
treide von einem Thurm auf schräger Bahn in ein Schiff hinabfließt.] 

6) multum ambulare. Gewiss ganz richtig. 

7) Die Massage heißt frictio, Tpi-Li?, ävdTpi'Li;. Vgl. Hippokr., i. d. Werk- 
statt, 19 (LiTTRE III, S. 3221: A'rfaxpi'it; ouvctTat Xüarxi. »Die Massage löst.« V. d. 
Gelenk. 9 (Littre IV, iOO): |[j.7T£tpov oeT eivat töv i7]Tp6v . . . -/.al avatpi-ko?. »Auch 
Massage muss der Arzt verstehen.« Vgl. d. Galen Commentare zu diesen Stellen. 
— Die Massage des Auges erwähnt Aetiüs, VII, [j-z- s. unsren § 2ö0. 



2Ü4 XXIII. Hirschberg, 

lassen. Von Speisen sind weder diejenigen, welche fett machen, nuch die 
allzu scharfen passend, sondern die mittleren .... 

29. Als Collyr ist am passendsten die Raspel i) (Blut-Eisenstein. Alaun, 
Kupfer u. a.). 

30. Gegen die Krätze der Lid er-), welche hauptsächUch die Lid- 
winkel befällt, hilft die Raspel oder ein andres Mittel (aus Grünspan, 
lialmei, Bleiweiß u. a.]. Nichts ist aber besser, als die Königs-Salbe^j 
des Euelpides (Bleiweiß, Kalkstein aus Assos, Krätzmittel •*) u. a.). 

Ist kein Heilmittel zur Hand, so helfen Honig und in AVein aufge- 
weiclite Brotkrume. 

§ 167. 31. Verdunklung^) der Augen tritt ein entweder in Folge von 
Augen-Entzündung oder in Folge des Greisenalters ß) oder irgend einer andren 
Körperschwäche. Bei der erstgenannten Ursache hilft Asclepios-Collyr. 

32. Specifisch gegen diese Form der Verdunklung wirkt das Safran')- 
Collyr: Pfeffer, i Drachme; Safran, 3Iohn-Thränen, Bleiweiß, je 2 Drach- 
men; Krätzmittel, Gummi, je 4 Drachmen. 

33. Aber, wenn die Verdunklung eine Folge des Greisen alters oder 
einer andren Kürperschwäche darstellt, nutzen Einreibungen mit Honig, 
Cyprus-Oer) und altem Oliven-Öel. Dazu Spazierengehen, Leibesübung, 
Bad, Massage. 

34. Bisweilen hindert Star-') die Sehkraft lo). Ist er eingewurzelt, so 



-1; pivtov, kleine Feile ötvr,), — pr/Tjaci bei Aet., tetrabib. II. S. 3, c. 110. 

2; scabri oculi, »schäbige Augen«; Scabies Schäbigkeit. Krätze vom euro- 
päischen Stamm skap. schaben . Griechisch 'Ltupa, Krätze, von Mw, kratze, auch 
•bvioo-z.^o.hjA'x. Das Mittel gegen Krätze heißt 'bw^v/Jr^, psoricum. ;Vgl. §138. N. 21.j 

Bei den Griechen war Lidkrätze eine juckende Lidrand-Entzündung (Bleph. 
marg. et angularis ; bei den Arabern aber und ihren Nachbetern die Körner- 
krankheit Trachoma ! 

3 ßv3tXf/.ov. 

4 Dasselbe besteht aus 1 Kupfererz chalcitis . O/a Galmei, mit Essig 
verrieben. 

3) Caligare .... oculi .... consuerunt. Das ist eine Uebersetzung von 
äjAotöptuatc. 

Caligo oder ealigines oculorum findet sich in zahllosen Stellen des Plin. 
'25, 158; 25. U4: 29, 123 und a. a. 0. 

6 Hipp.. Aphor. III, 31. (Kijhn III. 726: Foüs. IL 1248; Littre IV, 302.; Vgl. 
§ '»8, A, a. 

7) quod Sta -/.pöxo-j vocant. 

Si cyprinum, Oel des in Cypern wachsenden Strauches -/.'jrpo; ryprus , 
Lawsonia inermis L., Henna hei den Arabern. Plin. 12. 24 51 , 109. 

9 Suffusio, quam Graeci ü-oyjaiv nominant. Wörtlich das Untergießen. Bei 
keinem römischen Schriftsteller vor Celsus finden wir das Wort suffusio. — Das 
Wort Cataracta für Star kommt bekanntlich erst in der salernitanischen Schule 
vor. (XI. und XII. Jahrh. nach Chr. 

10, »Oculi potentia. qua cernit. « Noch recht unbeholfen. — Sogar der 
Dichter vom Wesen de.s Seins beklagt sich über die Armuth der lateinischen 
Sprache. (Lucret., I, 136, 823; IIL 260., 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 265 

kann er durcli Operation geheilt werden. Im iJeginn lässt er sich zer- 
theilen, durch gewisse Maßregeln'). Zuträglich ist es, Blut zu entziehen 
aus der Stirn, aus der Nase, an den Schläfen die Blutatlern zu brennen, durch 
Gurgeln den Schleim hervorzutreiben, zu räuchern, in die Augen scharfe 
Mittel einzustreichen. Die beste Lebensweise ist die, welche den Schleim 
A'erdünnt. [»In dieser Hinsicht sind wir jetzt nicht weiter, als C.klsis 
war«. (DoHLHOFF a. a. ()., S. il9, 1823.)] 

§ 168. 35. Auch die Augenlähmung^) nmss mit denselben Mitteln 
und derselben Lehensweise behandelt werden ... Es geschieht nämlich 
zuweilen, sei es auf einem, sei es auf beiden Augen, sei es durch \er- 
letzung (ictu) oder durch Fallsucht, oder durch Zerrung der Nerven, wo- 
durch das Auge selber in Krampf geräth 3), dass es weder auf irgend einen 
Punkt gerichtet wenien, noch überhaupt ruhig bleiben kann, 'sondern un- 
willkürlich hierhin und dorthin sich bewegt und deshall) nicht einmal das 
Sehen der Gegenstände leisten kann^). 

36. Nahe verwandt ist die Mydriasis^). Die Pupille wird weit, die 
Sehschärfe wird stumpf wnd fast verdunkelt: eine schwer heilbare Er- 
krankung. Gegen beide (Mydriasis und Resolutio) nmss man ankämpfen 
mit den Mitteln gegen die Verdunklung (caligo, 32 — 34, § 167) ... Einige 
Kranke haben nach länger andauernder Blindheit durch plötzlichen Durch- 
fall die Sehkraft wiedererlangt 6). Deshalb ist Abführung angezeigt, so- 
wohl bei frischen Leiden als auch noch längere Zeit nach dem Anfang. 



■1) certis observationibus, durch .aewisse Maßregeln; — nicht, nach sicheren 
Beobachtungen. (Die meisten Uebersetzer haben das Richtige.) 

2) resolutio oculorum , quam -apä^-oatv Graeci nominant. Celsls III, il: 
Resolutio nervorum frequens ubique morbus est. Sed interdum tota corpora, in- 
terdum partes infestat. Veteres autores illud (das erstere a-o-z/fj^iav , hoc 
-7.paX'joiv nominavere; nunc utrumque TT'ioaX'jstv appellari video. Ueber rc^oäA'jsi; 
i. A. vgl. Aret. Capp. (sign. ehr. m. I, c. 7- Galen Band VII. IM : VIII. 208, 230; 
XIX, 415; Alex. Trall. B. I, 573; Paüll. Aeg. III, c. 18, S. ö7. 

Ueber Augen- (Nerven- Lähmung vgl. Galen T?; XIV, 771; ferner Aüt. S. 133). 
-£pl r:apaÄ6a£ojc ooHay.aojv, endlich Cael. Aurel., m. ehr. II, 1 (Ptosis . 

Celsus hat Verwirrung angerichtet, indem er unter resolutio oculorum das 
Augenzittern beschreibt. 

3} convulsus est. las der willkürliche Lixden, für concussus der Hand- 
schriften. 

4) Celsus beschreibt das Augenzittern, das heutzutage mit dem lächerlichen 
Namen des Nystagmus (vgl. § 63; belegt wird, und zwar diejenige Form, die in 
Folge von schwerem, sei es spontanem, sei es traumatischem Hirnleiden, zu- 
sammen mit, bezw. nach Erblindung der Augen auftritt. Die eigentliche Augen- 
muskel-Lähmung berührt er kaum. 

5) quod iji'joptasiv Graeci vocant. Ueber dieses merkwürdige Wi)rt werde ich 
alsbald zu handeln haben und will hier nur noch so viel bemerken, dass es 
Blindheit mit Pupillen-Erweiterung bedeutet. 

6 In den hippokratischen Schriften heißt es, dass bei Augen -Entzündung 
Durchfall gut sei. (Nicht, bei Sehstörung.; Vgl. § 40 und § 68. 



266 XXIII. Hirschberg. 

37. Außerdem giebt es eine Augen seh wache, bei welcher die Kranken 
am Tage ganz gut, aber Nachts gar nichts sehen i). Frauen mit regel- 
mäßiger Menstruation sind frei davon 2). Die von diesem Leiden Ijefallenen 
müssen mit der Brühe gebratener Leber, vom Bock oder der Ziege, (die 
Augen) einstreichen und auch die Leber verzehren 3) .... 

§ 169. 38. Die zuletzt genannten Leiden sind in der Constitution des 
Kranken begründet. Aus äußerer Ursache wird aber gelegentUch das Auge 
so verletzt, dass es mit Blut unterläuft. Am besten ist es hierbei, mit 
dem Blut der Haus- oder Holz-Taube oder der Schwalbe (columbae vel pa- 
lumbi, vel hirundinis) das Auge zu bestreichen. Das hat einen guten Grund. 
Denn w^enn bei diesen Vögeln das Auge eine Verletzung erlitten hat, so 
kehrt es nach einiger Zeit zum gesunden Zustand zvu^ück, und am schnellsten 
bei der Schwalbe. Daher entstand die FabeH], dass die alten Schwalben ihre 
Jungen mit einem Kraut heilen, während die Heilung von selber eintritt . . . 
3Ian kann auch Umschläge machen (aus Steinsalz-^), Oel und in Meth ge- 
kochtem Gerstenmehl). 

Es giebt kaum eine unter den erwähnten Augenkrankheiten, 
die nicht auch durch einfache und Haus^j-Mittel beseitigt wer- 
den könnte.« 



1) quidam interdiu satis. noctu nihil cernunt. 

2) Das ist unrichtig, weil unrichtig übersetzt aus Hipp. Prorrhet. II, 33, 34. 
wo von der Tagblindheit (scrofulösen Lichtscheu) die Rede ist! Vgl. § 31 — 33. 
Akute selbständige Nachtblindheit ist in unsrer Gegend selten bei Frauen, aber 
die auf Netzhautpigmentirung beruhende chronische Nachtblindheit kommt auch 
bei Frauen vor, deren Regeln in schönster Ordnung sind. 

3) lieber diesen antiken Vorläufer unsres Leberthrans vgl. Diosc. II, 17 
(vgl. § 4 32); Galex, XII, S02; Oribas. V. 709; Aet. p. ■132, Alex. Trall. II, 47. 

4) Plin. XXV, S, 30. 

y£)ao6viov, chelidonia, heißt das Kraut. (Schwalbenkraut, Schöllkraut, Cheli- 
donium majus L.) Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts standen die 
Schwalben in hohem Rufe als Mittel gegen Augenleiden. Taclixi , Heüsame 
Dreckapotheke i748, I, 44, II, 4 9.) [Scheller.] 

3) Sal ammoniacus. Steinsalz 'aus der Oase des Jupiter Ammon). 

Erst bei Geber (14. Jahrh. n.Chr.?), Basilius (15. Jahrh.l, Aricola (16. Jahr- 
hundert n. Chr.) wird unser Ammonium-Chlorid (NH4CI) erwähnt als Sal armenia- 
cum, Sal armoniacum, Salarmoniak. Hieraus entstand unser Wort Salmiak. 

6) promtis remediis; das sind die EÜTroptcTa der Griechen. 

Dieser Optimismus des Celsüs ist ganz laienhaft und durch seme 
eigne Darstellung nicht gerechtfertigt, aber wohl in Uebereinstimmung mit der 
ganzen Richtung seines Werkes. Weit entsprechender drückt er sich aus in der 
Einleitung zu der Chirurgie: 

In iis quoque. in quibus medicamentis maxime nitimur. quamvis profectus 
evidentior est. tamen sanitatem et per haec frustra quaeri et sine his reddi 
saepe, manifestum est: sicut in oculis quoque deprehendi potest, qui a medicis 
diu vexati. sine his interdum sanescunt. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 207 

§ 170. 'NMr sehen also schon eine staLUiohe Zahl von Augenkrank- 
heiten, die inis Celsus in bunter Reihe vorführt: 

1. Lippiludo, Katarrh und Eitertluss. 

2. Proptosis. Phlegmone oculi (et oiiDitae). 

3. Carbunculus, puslula maligna. 

4. Pusulae, Phlyktaenen und Pusteln. 

5. Ulcera ex pustulis. 
(3. Phthisis bulbi. 

7. Phthiriasis palpebrarum. 

8. Ulcera supercrescentia, sordida, cava, vetera. 

9. Cicatrices ex ulceribus. 
1 0. Aspritudo, trachoma. 

I I . Arida lippitudo, trockner Katarrh. 

12. Scabri oculi, Blepharitis. 

13. Caligo, amaurosis. 

14. Suffusio, Star. 

15. Resolutio, Augenzittern, Augenlähmung. 

16. Nachtblindheit. 

17. Blutunterlaufung des Auges. 

Dazu kommen noch in dem chirurgischen 'J'heil von Celsus' AN'erk 
(YII, VII): 

1 8. Yesica palpebrarum. 
i 9. Hordeolum. 

20. Chalazion. 

21. Pterygium. 

22. Rhyas, Thränenträufeln, 

23. Encanthis, Garunkel-Geschwulst. 

24. Ankyloblepharon. 

25. Aegilops, Thränensack-Yereiterung. 

26. Haarkrankheit. 

27. Lagophthalmus, Hasenauge. 

28. Ectropium. 

29. Staphyloma. 

30. Knoten am Auge. 

Das sind 3 Augenkrankheiten. Yergieicht man die Augenheilkunde 
des Celsus mit derjenigen, die wir aus der hippokratischen Sammlung 
zusammenstellen können, so erkennt man den Fortschritt und merkt, 
dass die alcxandrinische Schule nicht vergeblich sich bemüht hat. 

Allerdings die großen Augenärzte, welche den für die späten Griechen 
maßgebenden Kanon schufen, Rufus, Demostbenes, Severus, Galenus, waren 
noch nicht erschienen, und das System, noch nicht abgerundet. 



268 XXIII. Hirschberg, 

Neu und aulfallond ist bei Celsus besonders die klare Beschrei- 
bung des Stars (suffusio, uiro/uot;), die dem JIippokrates und der klassi- 
schen Zeit der Griechen abgeht; vollends die Star-Operation, auf die Avir 
noch kommen Averden. 

Die Beschreibung der Augenkrankheiten ist meist nur angedeutet, 
bruchstücksweise, inschriftartig. Nur das Trief-Auge ist ausführlich, 
nur die Körnerkrankheit bezeichnend geschildert. 

In der Behandlung der Augenkrankheiten ist zu loben die genaue 
Angabe einer vernünftigen Lebensweise, das Freibleiben vom Aber- 
glauben und der Dreck- Apotheke, die klare Darstellung bestimmter Heil- 
formeln, von denen einige ganz zweckmäßig und einfach, die meisten 
allerdings, nach dem Geist der Zeit, übermäßig zusammengesetzt erscheinen. 

§ 171. Weit besser, als die Pathologie der Augenkrankheiten, ist bei 
Celsus die Chirurgie abgehandelt, im 7. Buche seines Werkes. 

»Der dritte Theil der Heilkunde ist der, welcher mit der Hand be- 
handelt (manu curat). Derselbe lässt zwar die Arzneien und die Diät nicht 
unberücksichtigt, aber durch die Hand leistet er das meiste, und seine Heil- 
Avirkung ist unter allen Zweigen der Medizin am augenschein- 
lichsten') . . . 

Dieser Theil ist der älteste der Heilkunde und besonders von Hippo- 
KRATEs ausgearbeitet; später von den andren Zweigen getrennt, bekam er 
eigne Lehrer und machte in Aegypten^) besondere Fortschritte, namentlich 
unter Philoxenüs^); darauf in Rom, wo Meges am meisten zum Fortschritt 
beitrug. 

1. Es soll aber der Chinirg ein Jüngling^) sein oder dem Jünglings- 
alter nahe; seine Hand sei gelenkig, stetig und frei von Zittern, die linke 
nicht weniger geschickt als die rechte; seine Sehkraft scharf und klar, sein 
Gemüth unerschrocken, seine Menschenfreundlichkeit von der Art, dass er 

4) estque ejus effectus inter omnes medicinae partes evidentissimus. 

2) Wir gehen also nicht fehl, wenn wir annehmen, dass die von Celsus gegen- 
über der hippokratischen Sammlung neu beschriebenen Operationen, nament- 
lich die Star-Operation, zunächst aus der alexandrinischen Schule 
stammen. Ob aber die Star-Operation von den alexandrinischen Griechen er- 
funden ward, ist unbekannt und eher zweifelhaft. 

3) Im -1. Jahrh. v. Chr. 

4) Esse autem chirurgus debet adolescens, vel adolescentiae propior: manu 
strenua. stabil! , neque unquam intremiscente, eaque non minus sinistra quam 
dextra promptus; acie oculorum acri claraque; animo intrepidus, misericors sie,- 
ut sanari velit eum , quem accepit, non ut clamore ejus motus vel magis quam 
res desiderat, properet, vel minus, quam necesse est, secet; sed perinde faciat 
omnia, ac si nullus ex vagitibus alterius affectus oriatur. 

Warum Scheller übersetzt »im kräftigsten Mannesalter«, weiß ich nicht. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 269 

den übernommenen Kranken vor allem zu heilen entschlossen sei , nicht 
aber, durch dessen Klagen erschüttert, mehr als der Zweck erheischt, sich 
beeile, oder Ideinere Schnitte mache, als der Fall erfordert; sondern alles 
so ausführe, als ob das Wehgeschrei seines Mitmenschen ihn gänzlich un- 
berührt lasse« '). 

§172. Cels. VII, c. VII. »Die Augenleiden, welche chirurgische Hilfe 
erfordern, bieten große Verschiedenheiten sowohl in ihrer Erscheinungsform, 
als auch in ihrer Heilart. 

1. In den oberen Lidern wachsen Balg-Geschwülste^), mit Fett ge- 
füllt (vesicae pingues], und schwer, so dass das Auge kaum gehoben w^erden 
kann, und ein leichter, aber anhaltender Katarrh der Augen bewirkt wird. 
Hauptsächlich entstehen sie bei Kindern. Man muss das Auge mit zwei 
Fingern comprimiren und so die Haut (des Lides) anspannen, darauf mit 
dem Messer einen Querschnitt anlegen, mit leicht darüber geführter Hand, 
um die Blase selber nicht anzuschneiden, damit dieselbe, sowie man ihr 
Raum geschaffen, von selber hervortrete; dann muss man sie mit den 
Fingern ergreifen und unblutig herausschälen. Sie folgt aber leicht. Dann 
streicht man eines der Collyrien gegen Augen-Entzündung auf. In wenigen 
Tagen ist die Vernarbung erfolgt. Lästiger wird die Heilung, wenn man 
die Blase angeschnitten; denn sie entleert ihren flüssigen Inhalt: nachher 
findet man die Blasen wand nicht leicht, weil sie sehr dünn ist^). Wenn 
dieser Zufall sich ereignet, muss mian ein Mittel auflegen, das die Auseite- 
rung befördert ^). 

2. Gleichfalls in dem Ober-Lid entsteht oberhalb der Wimper-Ein- 
pflanzung ein kleines Knötchen, das wegen der Aehnlichkeit mit einem 
Gerstenkorn, von den Griechen zpiOrj genannt wird^): Em Häutchen 



4i Dieser Satz gilt heutzutage gar nicht, vollends nicht für die Ope- 
rationen am Auge. Wie die Sängerin volle Sicherheit erst erlangt, wenn sie über 
die Jugendblüthe fort ist, so verhält es sich auch mit dem Star-Wundarzt. 

2) 'Toa-'.; bei den Griechen, Gal. B. XIX, 438, X, 4 019, XIV, 784. Paull. Aeg. 
VI, 14. (Chirurgie de P. Ae. par Briau, S. IIS.) Die vesicae pingues des Celscs sind 
vielleicht angeborene Dermoid-Geschwülste des Oberlids; die 'joctTicis; des Paulias 
u. A., bei denen von einer Wand der Balggeschwulst nicht die Rede ist, haupt- 
sächlich Cysten von MEiBOM'schen Drüsen. Wir kommen darauf noch zurück. 

Natürlich waren gelegentlich auch die andren Arten von Balggeschwülsten 
beobachtet worden. 

3) Vollkommen richtig. Uebrigens von Paull. Aeg. nicht erwähnt. 

4) Vgl. Cels. V, 3 und 9, 4 fgd: Nardum, myrrha, costum, balsamum u. a. 
3; HippOKR. IL Buch der Volkskr. §ö (Hipp. K. III, 436, F. II. 104 0. L. V, 86) 

erwähnt das Gerstenkorn. Galen hat dazu einen Commentar geschrieben. 
B. XVIIa, 323.) Vgl. noch Gal., B. XIX, 437, XIV, 774, Paull. Aeg. III S. 74) 
und unseren § 43. Kpt!}/; heißt Gerste, Gerstenkorn. Auf lateinisch heißt die Gerste 
hordeum; das Diminutiv hordeolus findet sich, wie wir sehen, noch nicht bei 



270 XXIII. Hirschberg, 

enthält einen Inhalt, der nur schwer reif wird. Man muss es bähen mit 
erwärmter Brodkrume oder mit Wachs, der wiederholentlich warm gemacht 
wird, doch so, dass die Hitze nicht zu stark werde, sondern von dem 
leidenden Theil gut ertragen werden kann. Durch dieses Verfahren wird 
es öfters zertheilt, zuweilen zur Reife gebracht. Zeigt sich Eiter, so muss 
man das Gerstenkorn mit dem Messer eröffnen, und die darin enthaltene 
Flüssigkeit ausdrücken. Danach mit warmen Bähungen fortfahren und 
Salben aufstreichen, bis Heilung erfolgt. 

3. Andre Gebilde entstehen in den Lidern, die den eben beschriebenen 
wohl ähnlich sind; doch besitzen sie nicht die nämliche Gestalt und sind 
noch dazu beweglich, sowie sie vom Finger nach dieser oder jener Rich- 
tung verschoben werden: deshalb werden sie von den Griechen /aXciCia 
genannt '). 

Diese Hagelkörner muss man einschneiden und zwar, wenn sie dicht 
unter der Haut liegen, von außen her; wenn innen unter dem Knorpel ^j, 
von innen her: darauf muss man sie mit dem Messer-Griff von den ge- 
sunden Theilen ablösen. Wenn die Wunde innen liegt, soll man erst milde, 
dann schärfere Mittel einstreichen; wenn außen, ein Pflaster auflegen, das 
die Verklebung bewirkt. 



Celsüs, wohl aber um 400 Jahre später bei Marc. Emp. 8, Theod. Ppjsc. I, iO. und 
ferner bei Ism. 4. 8, 16 (um 600 n.Chr.). Castelli bevorzugt noch den Namen 
crithe. Heutzutage kennen die Aerzte nur den lateinischen, nicht den 
griechischen Namen für Gerstenkorn; sie geben ihm aber irrig das säch- 
liche Geschlecht. Wer zuerst hordeolum geschrieben, weiß ich nicht; es findet 
sich schon bei Gorraeus S. 246. (Völ8.) 

Uebrigens leiten -/.pta-fj hordeum, gersta auf eine Wurzel (ghardh, Gurt. 
Etym. S. 136). 

1) ■ip'.krjLrj, heißt 1. Hagel, 2. Hagelkorn, 3. Finne. Für 2 wird häufiger das 
Verkleinerungswort ycxXäCiov gebraucht. Celsus leitet mit den Alten, die schlechte 
Etymologen waren, yaXctCoc ab von yakäm, loslassen. Aber sowohl das griechische 
Wort als auch das lateinische, grando, hängt zusammen mit der Sanskrit-Wurzel 
hräd = ghräd, klappern. (Gurt. Etym. 196.) Uebrigens hält Daremberg (adnot. cri- 
tic. XLI) die Worte »ideoque yaXaCia Graeci vocant« für ein unechtes Einschiebsel. 

Bei dem Hagelkorn ist den heutigen Aerzten nur das griechische Wort 
bekannt, nicht aber das lateinische! In älteren Büchern kommt grando vor, 
z.B. im lateinischen Galen VI, 543. 1342). 

Zur Sache ist zu bemerken, dass nach Galex XIX, 437 ya/.o(^7. und /.lÖraat; 
(Steinbüdung) dasselbe ist. Stein im Auge kommt schon im Pap. Ebers vor. 
(Siehe oben § 3 No. 9.^ Es ist das harte Korn, das gelegentlich in den Meibom- 
schen Drüsen sich bildet. Hiervon ist der Name Hagelkorn hergenommen, 
während man ihn später auf das gewöhnlichere Erzeugniss desselben Ortes 
übertragen hat, das weich ist und nichts vom Hagelkorn an sich trägt. 

Bei Hipp, wird das Hagelkorn nicht erwähnt, vielleicht durch einen Zufall, 
wohl aber bei Galen? XIV, 270; XIX, 437; Paull. Aeg. VI, 16, (Chir. c. XVI); 
loANN. Akt. (II, 433). 

2) sub cartilagine, d. h. unter der Innenfläche des Knorpels, oder im Knorpel. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 271 

§ 173. 4. Die Kralle, welche bei den Griechen Flügelfell heißt'), 
ist ein sehniges Häutchen, das von einem Winkel des Auges ausgeht und 
bisweilen sogar bis vor die Pupille vordringt und dieselbe versperrt. 
Häufiger entsteht es am Nasen-, bisweilen auch am Schläfen-Winkel 2). 

Solange das Fell frisch ist, lässt es sich leicht zertheilen durch die- 
jenigen Mittel, welche die Narben am Auge aufhellen. Sobald es einge- 
wurzelt ist und bereits eine merkliche Dicke 3) erlangt hat, muss man es 
ausschneiden. 

Der Kranke muss, nach eintägigem Fasten, auf einem Sessel sitzen, 
entweder mit seinem Gesicht dem des Arztes zugekehrt, oder so abgewendet, 
dass er hinten übergebeugt das Haupt in des Arztes Schoß legt. Einige ver- 
langen die zugekehrte Stellung^), wenn der Fehler im linken Auge sitzt; 
wenn im rechten, die hinten übergebeugte ^). 

Das eine Lid muss jedenfalls der Gehilfe abziehen, das andre der Arzt: 
aber der letztere das untere bei Zuwendung des Kranken; das obere bei 
Abwendung. Hierauf muss gleichfalls der Arzt ein scharfes Häkchen mit 
einer etwas einwärts gekrümmten Spitze unter den Kopf des Flügelfells 



4) Unguis, quod Graeci TtTepÜYiov vocant. --epu?, -ispöv heißt Flügel, --epuYiov 
ein kleiner Flügel. Das Flügelfell wird schon in der hipp. Sammlung erwähnt, 
und weiterhin bei fast allen griechischen Aerzten, und hat bei ihnen eine 
viel größere Rolle gespielt, als bei uns. Vgl. Hipp., Littre IX, 49; Galen 
VII, 732; VII. 101 ; VI, 682; XIX, 432; XIV, 772; XIV, 41 0. Oribas. V, 714. A£t. S.135. 
Paull. Aeg. VI, 18 (S. 7(5 und Chir. d. P. A. S. 126, woselbst die Operation genau 
so, wie bei Celsus, beschrieben wird). Theoph. Nonn. I, 240, Ioann. Akt. II, 447. 
Endlich noch Cass. Jatrosoph. Probl. 13. Vgl. m. Wörterbuch d. Augenheilk. 
S. 86 und C.-Bl. f. A. 1891 S. 965. 

Celsus hat das Flügelfell und seine Heüung mit einer Genauigkeit geschil- 
dert, über die Friedlaender 'S. 21) und Dohlhoff (S. 413) ihre Verwunderung 
ausgesprochen haben, — offenbar aus Unkenntniss der alten Literatur. Aber Cel- 
sus hat auch Verwirrung gestiftet, indem er das Uebel unguis nennt. "OvjE, der 
Nagel, bezeichnete auch das Nagelgeschwür der Hornhaut. (Galen? XIX. 434, 
Paull. Aeg. p. 73, Aet. 1. VII, p. 128; Cael. Aürel., acut. m. II, 32, 169.) ovu;, 
unguis, nagal, (ahd.) besitzen dieselbe Wurzel mit skt. nakhä-s. (Curt. Etym. 321). 

Also war der Platz schon besetzt, den Celsus einnehmen wollte. 
Uebrigens kann man unguis nicht mit Nagelfell übersetzen, wie Georges wül. 
sondern eher mit Krallen-Fell, da das Gebilde einer Kralle einigermaßen ähnUch 
sieht. Plin. (24,4) gebraucht für Flügelfell das latinisirte Wort pterygium. Aber 
-Tspü-ftov bedeutet bei den Alten dreierlei: 1. das Flügelfell des Auges, 2. den Saum 
der Ohrmuschel und der Nasenflügel (Rufus, D., S. 138, 137); 3. den eingewachsenen 
Nagel (Paull. Aeg. p. 207). Darum werden die Liebhaber der alten Namen doch 
pterygium oculi sagen müssen, wenn sie genau das ausdrücken wollen, was 
das deutsche Flügelfell besagt. — lieber die hundert Fehler in der Recht- 
schreibung des Wortes Pterygium bei amerikanischen Aerzten, vgl. C.-Bl. 
f. Augenheilkunde, 1888, S. 381. Ich habe iJinen wing-skin vorgeschlagen. 

2) Aet. II, 3, c. 58: selten von oben oder unten. 

3) crassitudo, daher Pterygium tenue und Pt. crassum, bei Plenck. 

4) »en face« sagen unsre Landsleute, »adversum« Celsus. 

5) Damit der Arzt den Schnitt mit der rechten Hand ausführen könne. 
Diesen Grund verschweigt Celsus. Vergl. Einführ. i. d. Augenheilk. I, S. 68. 



272 XXIII. Hirschberg. 

bringen und es dort einbohren, sein Lid zum Halten dem Gehilfen über- 
geben, mit dem gefassten Häkchen das Fell vom Aiige abheben und unter 
dasselbe eine eingefädelte Nadel durchstechen. 

Hierauf zieht er die Nadel aus dem Faden, fasst die beiden Enden 
des letzteren, zieht das Fell empor und trennt etwaige Verwachsungen 
vom Auge mit dem Messerstiel, bis er zum Augenwinkel gelangt; danach 
muss er den Faden bald nachlassen, bald anziehen, um sowohl den Anfang 
des Fells als auch das Ende des Augenwinkels klarzulegen. Denn es 
besteht eine zweifache Gefahr: entweder vom Flügelfell ein Stück zurück- 
zulassen, welches dann vereitert und fast gar nicht verheilt'); oder dass 
aus dem Winkel auch die Garunkel mit entfernt werde, die, wenn man 
heftig am Fell zieht, mitfolgt und einen Kunstfehler veranlasst 2). Denn 
wenn sie mit abgeschnitten ward, wird das Loch entblößt, durch das 
nachher immer die Thränenfeuchtigkeit (auf die Wangen) herabfließt, pua; 
nennen die Griechen den Zustand^). 

Man muss also die wirkliche Grenze des Winkels genau erkennen und 
dann, ohne das Fell zu stark zu spannen, das Messer anwenden und das 
Häutchen ausschneiden, ohne Verletzung des AVinkels. Dann muss man 
ein Charpie ^)-Bäuschchen mit Honig auflegen und darüber eine Gompresse^) 
und einen Schwamm 6) oder frische (feuchte) Wolle. An den nächsten Tagen 
muss man täglich (einmal) die Lider auseinanderziehen, damit sie nicht 



■I Ist nicht richtig, wie schon Friedlaender (S. 22) angemerkt hat. 

2 ideoque decipit. So auch bei Targa. — Nur Alüeloveen hat ac decidit. 
So hat Scheller übersetzt. 

3 Abscissa, patefit foramen, per quod postea semper humor descendit; öuaoa 
Graeci vocant. 

vjdc, irjrjidz. von oiw fließen, p'jfjvau) heißt bei den Alten Thränenfluss, was 
unsre Landsleute stillicidium lacrimarum nennen. Vgl. Galen III, 810; VI. 870; 
X, ■1002, XIV, 712. XVIIa 906, AüT. S. 139; Nonnus I. 220; Ioann. Akt., Paüll. 
Aeg. Alle betonen den Schwund der Garunkel als Ursache. In ihrem Sinne 
schreibt noch Himly i1817), I, 267: Rhyas, Schwund der Thränen-Carunkel. »Die 
Garunkel fehlt; da nun den Thränen der Damm fehlt, so fließen diese rasch auf 
die Wange.« 

Die Stelle des Celsus ist von den bisherigen Uebersetzern 
Ritter, Dohlhoff, Scheller, Vedrenes' nicht verstanden worden; sie ist 
auch nur zu verstehen durch Vergleich mit Galen, vom Nutzen der Theile 
1. X, c. XI. 

Celsus betrachtet die Garunkel als einen Schutz, wir würden sagen als ein 
Ventil, des unteren Thränenpunktes. von dem Thränen-Flüssigkeit regelmäßig in 
das Auge sich ergieße! Galen nennt die Garunkel a-xa-aaij-a t-fj; -p6; Td; pv^ac, auv- 
TOTjCEio;, und nimmt an, dass die Thränenpunkte Flüssigkeit abwechselnd in die 
Nase ableiten und dem Auge zuführen. Galen kennt allerdings schon den 
Thränen-Nasenkanal, den sein Lehrer, der Anatom Lykos (120 — 160 n. Ghr.1, ent- 
deckt hat. (Vgl. Galen, XVIIa 960.) 

4) Jinamentum. von linum, Leinen; heißt auch Docht. 

5) linteolum, Diminutiv von linteum, leinenes Tuch; kommt auch von linum. 
>.ivov, linum, goth. lein, ahd. lin = Flachs. (V. Hehn3 523.) 

6) spongia aut lana succida. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertlium. 273 

narbig verwachsen'), worin die dritte Gefahr der Operation besteht, und 
wie zuvor verbinden; schließlich ein Gollyr einstreichen, welches Substanz- 
verluste zur Vernarbung bringt. 

Die Operation soll im Frühling erfolgen, oder wenigstens vor dem 
Winter. Ueberhaupt giebt es zwei Arten von Operationen: die einen, 
wo man die Zeit nicht wählen kann, z. B. bei Verwundungen; die andren, 
wo man nicht an den Tag gebunden ist, wie bei den Krankheiten, die lang- 
sam wachsen und nicht schmerzhaft sind. Bei den letzteren soll man den 
Frühling abwarten; wenn aber der Fall doch etwas dringender scheint, so 
ist immerhin der Herbst besser, als der Sommer oder der Winter 2). 

5. Aus der Operation des Flügelfells entstehen zuweilen Fehler, die 
übrigens gelegentlich auch aus andren Ursachen hervorgehen können. Zu- 
weilen bildet, sich im Augenwinkel, wenn ein Flügelfell nicht genügend aus- 
geschnitten worden, oder aus andrer Ursache ein Knoten, der die vollstän- 
dige Oeffnung der Lider nicht gestattet: s-j-xavOtc heißt er auf griechisch 3). 
Man muss ihn mit einem Häkchen fassen und rings umschneiden, auch 
hier mit sorgsamer Zurückhaltung, um nicht aus dem Winkel selber etwas 
auszuschneiden. Dann wird eine zarte Compresse mit Galmei (Zink-Oxyd) 
oder Lederbeize (Kupfer-Vitriol) *) bespritzt und in den Winkel, nach Ab- 
ziehen der Lider, eingelegt und der vorher beschriebene Verband darüber 
gelegt. In den nächsten Tagen dieselbe Behandlung, nur muss man in den 
ersten Tagen das Auge mit lauem oder selbst mit kaltem Wasser bähen. 

§ 171. 6. Bisweilen verwachsen die Lider miteinander, und 
das Auge kann nicht geöffnet werden. Zu diesem Uebel pflegt noch das 
andre hinzuzutreten, dass ein Lid mit dem Weißen des Auges verwächst, 
wenn nämlich auf beiden (Lid und Augapfel)'') ein Geschwür saß, das nach- 



1, Von Friedlaendeu S. 22; gepriesen, — aber unwirksam. Verwächst doch 
selbst der Herzbeutel mit dem Herzen, obwohl in der Minute mehr als 60 Zusammen- 
ziehungen des Herzens erfolgen! Uebrigens hat Celsus selber sogleich VII, vii, 6 , 
bei der Anwachsung des Lids an den Augapfel die trotz Trennung und Abzerren 
ausnahmslos erfolgende Wieder Verwachsung zugegeben. 

2) Solche Gedanken haben für die Star-Operation bis auf unsre Tage sich 
erhalten. 

3; Encanthis ist eine Vergrößerung der Carunkel, i-fz-avöU von äv, in, und 
■/.otvao;, der Augenwinkel. (Galen VI, 870, XIV, 772; XIX. 438; Paull. Aeg. VI. 17.; 
Bei Späteren heißt die Erkrankung auch srt7.avÖi;. Der Name Encanthis ist ver- 
altet, findet sich aber doch noch bei klassischen Schriftstellern unsres Jahrhun- 
derts, z. B. bei Mackenzie ■1834). 

4 atramentum sutorium, Schuster-Schwärze, Lösung von schwefelsaurem 
Kupferoxyd mit schwefelsaurem Eisenoxyd, y/./.y.avUo:. 

5 in utroque. Vedrexes irrig: dans les deux cas. Targa hatte utrovis; dem 
entspricht Scheller's Uebersetzung «an einer dieser beiden Stellen" . Die Bemerkung 
des Celsus ist ganz richtig. Bei Verbrennungen und Verätzungen entsteht ein Sub- 
stanzverlust sowohl an der Innenfläche des (unteren) Lides als auch am Augapfel. 

Handbuch der Augenheilkunde, "i. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 4 8 



274 XXIII. Hirschberg, 

lässig behandelt wurde : während der Heilung sind eben die Theile, welche 
man voneinander trennen konnte') und sollte, miteinander verklebt. iV^v-'j- 
XoßXscpapot heißen bei den Griechen die Kranken mit jedem der beiden 
genannten Fehler 2). 

Wenn nur die Lider miteinander zusammenhängen, so lässt sich das 
leicht trennen; aber oft ohne Erfolg: denn es tritt Wiederverwachsung 
ein. hnmerhin muss man es versuchen, da es öfters gut gelingt. Man 
führt also das Myrrhenblfitt der Sonde ^) ein und trennt damit die Lider; 
dann legt man kleine Gharpie-Bäuschchen 4) zwischen (die Lidränder), bis 
Ueberhäutung erfolgt ist. 

Aber für die Verwachsung der Lider mit dem Weißen des Augapfels 
selber hat Heraclides aus Tarent^) das folgende Verfahren erfunden: näm- 



1) Das ist ein Irrthum des Celsus, wie wir im vorigen § gesehen haben. 

2) Die Handschriften haben das Beiwort, einige ältere Ausgaben, weniger 
gut, das Hauptwort ».Yy.'jXoßXscpapov. Das erstere findet sich in keinem griechi- 
schen Wörterbuch, das letztere nur im Thesaurus 1. Gr. I, 348; doch sind wenig- 
stens ähnliche Ausdrücke bekannt, wie aYy.'jXoYXojaao;. 

'A-|-/.6).Y] heißt Bug, steifes Glied, Schlinge (von dy/Mv, Bug, womit uncus, 
ahd. angul, Angel, zusammenhängt. Gurt. Et. d 30). In der That finden wir 
schon bei den Hippokratikern dy^'jhq vm -zd apöpa £av,Xr|p'ja[jiva, articuli indurati et 
contracti. (Hipp., Foes. 427, 21. Vgl. Oecon.) Galen? gebraucht das Wort d-(- 
■a'Amoic, für Verwachsung zwischen Lid und Augapfel (XIV, 7 72). Aetius (VII, 66) 
nennt TTpoacp'jai; (Anwachsung) ßXecpdptuv den Zustand, wo die Lider entweder mit 
dem Weißen des Auges oder mit dem Schwarzen oder miteinander verwachsen, 
d-;y.uKwGit aber den besondren Fall, wo durch Verwachsung zwischen Lid und 
Augapfel Bewegungsstörung eintritt. Paull. Aeg. (Chir. S. 122J nennt aüp.c'j'jt; 
(Zusammenwachsung) den Zustand, wo das obere Lid mit dem unteren verwächst 
oder mit der Bindehaut oder mit der Hornhaut. 

Die Neueren verstehen, mindestens seit Plenk (S. 3], -1778) und Beer I, 368 
und III, 522), unter Ankyloblepharon (die Schreibweise Anchyloblepharon, die 
auch noch bei Arlt sich findet, stammt aus der französischen Ortho ^Pj-graphiej, 
Verwachsung der Lider miteinander; unter (dem neu geschaffenen Wort) 
Symblepharon Verwachsung der Lider mit dem Augapfel. Dies ist un- 
richtig, wenn man zugiebt, dass die Wörter nach ihrem Sinn gebraucht 
werden sollen. 

Ich habe in m. Wörterbuch (S. 13) empfohlen, diese Bezeichnungen fallen zu 
lassen und zu setzen: 1. Anwachsung (der Lider an den Augapfel), 2. Ver- 
wachsung (der Lider miteinander). Dazu kommt noch 3. (als besondrer Fall 
von 1) die Versteifung oder Bewegungsstörung. 

Richtig griechisch ist, für 1. Ttpoccf-jai;, 

für 2. GUfACpUOlC, 

für 3. aYV-'jXwai?. 
[Recht unglücklich war v. Ammon's Eintheilung: Symblepharon anticum, 
durch umschriebene Verätzung; S. posticum, durch Schrumpfung der ganzen 
Bindehaut.] 

3) aversum specillum, die (von dem gewöhnlich gebrauchten Knopf) ab- 
gewendete Seite der Sonde. Scheller's »umgekehrte Sonde« ist unklar. 

4) penicillum. 

5) In der Mitte des 3. Jahrh. v. Chr. 



i 



Geschiclite der Augenheilkunde im Alterthum. 275 

lieh mit der Schneide des Messers die Narbe zu spalten'), mit großer Vor- 
sicht, dass weder vom Auge noch vom Lid ein Thcil abgeschnitten werde, 
und immerhin eher noch vom Lid, wenn es nicht anders geht'). Danach 
muss man in das Auge eines von den Mitteln gegen Körnerkranklieit ein- 
streichen, und zwar muss man täglich das Lid umstülpen, nicht allein, um 
das Heilmittel grade auf den Substanzverlust einzustreichen, sondern auch 
gegen die Wiederverwachsung; und dem Kranken einschärfen, recht oft 
mit zwei Fingern das Lid empor (ab-) zu heben. Ich kann mich nicht er- 
innern, dass auch nur ein einziger Kranker durch dies Verfahren geheilt 
sei. Auch Meges^) hat veröffentlicht, dass er viele Versuche der Art ge- 
macht, aber nie einen Erfolg gehabt hat, da immer wieder das Lid mit 
dem Auge verwachsen ist. 

§ 175. 7. In dem Augenwinkel, welcher an der Nase hegt, üffnet sich 
in Folge eines Schadens eine kleine FisteH), durch die fortwährend Schleim 
heraussickert: abiiXia^ nennen das die Griechen^). 

Dies Uebel belästigt das Auge unaufhörlich; mitunter frisst es auch 
den Knochen durch und dringt in die Nase ein. Bisweilen hat es sogar 



^) adverso scalpello subsecare. 

Yedrenes übersetzt »detacher la paupiere en dessous avec le tranchant d'un 
scalpel; subsecare signifie couper en dessous«. — Subsecare, wie 'j-oT£[j.veiv, 
unterschneiden, bedeutet in zwei Blätter spalten. Das lernt man allerdings 
nicht aus den Wörterbüchern, wohl aber aus Paull. Aeg. (VI, 8); allenfalls aus 
Aristoph. (Ritter, 316.) Vgl. m. Hilfswörterbuch zum Aristophanes, 4S98, S. 19. 

Man könnte adversus mit »nach vorn gerichtet« übersetzen. Aber bei den 
praktischen Alten hatte auch der Scalpell-Stiel nicht bloß oben ein Messer, sondern 
auch unten ein Löffelchen u. dgl., so dass adverso scalpello = m. d. Messer-Schneide. 

2) Diese Vorsicht üben wir noch heute in solchen Fällen. 

3) Meges aus Sidon, ein bedeutendes Mitglied der alexandrinischen Schule, 
lebte nicht lange vor Celsus zu Rom. 

4) oDpiY;, fistula, heißt die Röhre und ein röhrenförmiges Geschwür, mit 
überhäuteter Mündung. Galen XVI, 463; XIX, 446. Gels. VI, 28, 12: Id nomen 
est ulceri alto (tief), angusto, calloso. — Das Volk nennt Thränenfistel die Thränen- 
schlauch-Eiterung, da ihm die Kenntniss abgeht von der natürlichen Oeffnung 
des Thränenschlauchs im Thränenpunkt. Der Arzt unterscheidet Thränensack- 
fisteln und die seltenen Thränendrüsenfisteln. 

5) Paull. Aeg. VI, 22 (S. 73) nennt den Thränensack-Abscess d-jyjlwb, die 
Fistel desselben nach dem Aufbruch aifi/.wL. ay/i heißt nahe, wb das Auge, a'i? 
die Ziege. Die Ziegen sehen so aus, als hätten sie eine Thränensack- 
fistel. Bei Ziegen, Schafen, Rehen geht nämlich vom inneren Lidwinkel nach 
vorn unten eine offene Rinne. In der unechten Schrift vom Arzt (Galen, B. XIV, 
772) wird ahfikwl) gleich d-fyO.arb gesetzt. In der gleichfalls unechten Schrift (ärztl. 
Erklär. Galen, B. XIX, 4 38) wird äY/iXwl; von äy/j. {dr.b toö iyj\Ji ehai toD ö'^WrAixo'j) 
abgeleitet. Doch ist diese Ableitung fragUch. Vgl. n. Theoph. Nonn. I, 216; Ioann. 
Akt. II, 445; endUch Diosc. IV, 71. Bei Aüt. ist Anchilops das, was heute bei unsren 
Landsleuten — Dacryocystectasia. — Diese Ausdrücke finden sich noch bei klassi- 
schen Schriftstellern unsres Jahrhunderts, wie bei Beer, der übrigens falsch 
Aegylops, Anchylops schreibt. Auch Sehe 11 er (1846, II, S. 252) hat noch die 
beiden Namen zärtlich — conservirt. 

i8* 



276 XXm. Hirschberg. 

die Beschafrenheit eines Krebses ') : in diesem Fall findet man erweiterte 
und geschlängelte A'enen -), die (umgebende) Haut blass und hart, empfind- 
lich bei leichter Berührung, und Entzündung der Nachbarschaft. " 

Von diesen Fällen der Fisteln ist es gefährlich, die krebsigen zu 
operiren, da hierdurch der Tod beschleunigt wird^); und überflüssig, 
diejenigen, bei denen die Krankheit nach der Nase durchbricht, denn diese 
werden nie geheilt. 

Aber diejenigen, bei denen nur ein Abscess im Augenwinkel sitzt, 
können der Operation wohl unterworfen werden, doch mit der Maßgabe, 
dass man sich die Schwierigkeit der letzteren nicht verhehle, die um so 
größer ist, je näher zur Spitze des Winkels die Fistelöffnung sich befindet, 
weil dann das Operationsfeld sehr beschränkt ist. Doch wenn die Krank- 
heit frisch, ist die Heilung leichter. Mit einem Haken muss man den Rand 
der Oefinung fassen und das ganze Hohlgeschwür, wie es bei den Fisteln^) 
auseinandergesetzt worden, bis zum Knochen herausschneiden und. nachdem 
man das Auge und seine Umgebung gut bedeckt hat, den Knochen mit dem 
glühenden Eisen brennen und zwar stärker, wenn schon Knochenfraß'') 
vorliegt, damit ein dickerer Sequester'') abfalle. (Einige Aerzte hingegen 
legen nur Aetzmittel auf, wie Lederbeize oder Kupfererz oder geschabten 
Grünspan ; doch wirkt dies langsamer und nicht so erfolgreich.) Nach dem 



-1) naturum carcinomatis habet. Ist übrigens ganz richtig. Der Krebs heißt 
xapy.t'vo;, lat. Cancer, skr. karka, von Stamm kar, hart. (Cürt. Etym. 143 Vaxicek, 
S. 55). Die Krebsgeschwulst, -/.oipxtvcuij.o!, kennt bereits Hippokr. (Epidem. V u. VII, 
Kühn III, 58ä, 702, 699). Er nennt die Geschwulst auch y.ao/.ivoc. (Aphor., Galen's 
Coment., XVIII a 59.) Galen leitet den Namen ab von der äußeren AehnUchkeit 
der erweiterten Venen um die Geschwulst mit den Füßen des verghchenen Thieres. 
(XI, UO. Vgl. ferner X, ü79; XIX, 443; XIV, 779 und 786.) Aütius und Akt. 
meinen, dass der Name vom hartnäckigen Festhalten hergenommen sei. — Celsus 
V, 26, 31 : Omnis Cancer non solum id corrumpit, quod occupavit, sed etiam ser- 
pit. Vegetius (400 n. Chr. in s. Thierheilk., mulomedicina) sagt bereits canceroma 
oder cancroma, als ob Cancer ein griechisches Wort wäre. Die Neulateiner nennen den 
Warzenkrebs cancrodes (von Cancer und — siorj;). Heutzutage sagt man Cancroid. 

Uebrigens wird auch ein Hornhaut leiden (Ulcus serpens) von Paullus, 
Theophanes und Ioannes ■/.apy.'i-Huu.a genannt. 

2) intentae venae et recurvatae. 

3) Hippokr. Aphor. VII, 38 (Littre's A., B. IV. S. 572): 'O/.oaoioi v.rj'jr.xol v.ap- 
7.1V01 '(bio^-zai, [j.T| ^epar.tüzvi ^eXtiov DepaTreuoij.evoi fdp d-rjXhjv-rxi rayscu; , (atj Oepa- 
■jteuojxevot oe, to'jXuv ypovov ototTEXsooaiv. »Diejenigen, welche an verborgenem Krebs 
leiden, soll man nicht behandeln (operiren). Denn wenn man sie behandelt, gehen 
sie bald zu Grunde; wenn man sie aber nicht behandelt, leben sie noch lange 
Zeit.« Der 2. Satz war nach den alten Erklärern, Artemidorus, Capito und Dios- 
corides, ein unechtes Einschiebsel. Vgl. Galen XVIII a, 59. 

Die von Celsus besprochenen Fälle gehören eigentUch kaum zu den -AyjT.-rA 
■A., d. h. den in der Tiefe sitzenden oder noch nicht aufgebrochenen. 

4) Cels. VII, c. 4. 

ö) caries, das Morsch-Sein des alten Holzes, des alten Obstes, der Knochen. 
(Die Ableitung des Wortes ist unbekannt.) 
6; squama. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 277 

Brennen des Knochens erfolgt die nämliche Behandlung, wie immer nach 
Anwendung der Glühhitze '). 

§ 176. 8. Die Haarkrankheit der Lider^j. Die Haare an den 
Lidern pflegen aus zwei Ursachen das Auge zu reizen. Denn entweder 
wird die Haut des Oberlides schlaff und sinkt herab'*), wodurch die Haare 
gegen den Augapfel selber sich wenden, da der Knorpel nicht gleichzeitig 
mitsinkt; oder unter der normalen Reihe der Wimpern wächst eine zweite 
Pteihe nach, welche sogleich nach innen gegen das Auge sich richtet. 

Die folgenden Operationen kommen in Betracht: 

A. Wenn außergewöhnliche Wimpern gewachsen sind, hält man eine 
dünne, eiserne Nadel, die nach Art eines Spatels verbreitert ist, ins Feuer; 
und wenn sie glühend geworden, wird sie, unter Abhebung des Lides, so 
dass die schädigenden Wimpern dem Auge des Arztes freiliegen, in die Haar- 
wurzeln eingesenkt, von dem einen Augenwinkel her, so dass sie ein Drittel 
des Lidrandes durchsticht. Dann wiederholt man dasselbe für die Mitte 
und endlich für das letzte Drittel, bis zum andren Augenwinkel. So werden 
alle falschen Haarwurzeln durch Brennen zerstört'*). Danach legt man eine 
Salbe auf, wider die Entzündung, und leitet, nach dem Abfall der Schorfe, 
die Uebernarbung ein. Diese Heilung ist ohne Schwierigkeit. 



1) Diese Behandlung der Thränenfistehi, die wir später noch genauer zu er- 
örtern und zu ergänzen haben, blieb über l'/o Jahrtausend in unumschränkter Herr- 
schaft. Erst Anel im vorigen Jahrhundert und Bowman in diesem haben Wandel 
geschaffen. 

Das Brennen mit dem Glüheisen wurde für einzelne Fälle (Caries des 
Thränenbeins) auch von Richter und Scarpa wieder neu empfohlen. 

Zum Verschluss einer ständigen Thr änensack-Fistel kenne ich 
kein besseres Verfahren als das Brennen: Fisteln, die Jahre lang offen gewesen, 
sind nach dem Brennen bis jetzt (15 und 20 Jahre lang) geschlossen geblieben. 

2) Celsus unterscheidet: I. Einstülpung der Haare, welche bei den Neueren 
mit dem unrichtigen Namen Entropium bezeichnet wird; II. Doppelreihe der 
Wimpern. 

HiPPOKRATES spricht von Tpr/cuai;, Haarkrankheit. (L. II, öH ; K. 11, 97; F. I, 
406.) Vgl. § 43, No. 5 u. § 79. Von Dpf;, Haar, kommt das Wort; die Späteren 
schreiben Tpr/i7.c;ic. (Galen XII, 799; Akt. S. 135; Ioann. Akt. II, 446.) 

Die Einstülpung hieß bei den Alten ^a\d';-;wai^ (Paull. Aeg. Chir. S.IOO), 
von ^aXotY?, Reihe (der Wimpern); die Doppelreihe aber oiaxc/iaai;, von otc, 
doppelt, und 6 ctt/o;, die Reihe. So bei Paull. Aeg., woselbst als Varianten ot- 
Tpt/iaai;, otaTpr/iaoi; und oiGTor/t^at; (von GTor/o:, Reihe,) gefunden werden. 

Aus AiJT. (VII, 68, S. Vi6) lernen wir >vie aus CelsusI dass die Alten irrig 
die Einstülpung von einer Erschlaffung (/dXajt;) der Lidhaut ableiteten. Ueber 
wirkliche Erschlaffung des Lids vgl. Fuchs, Wiener klin. Wochenschr. 1896, 
No. 7 und Fehr, Centralbl. f. A. 1898, S. 74. 

3) relaxatur et procidit. 

4) Wie wenig die Alten gelesen werden, bewies mir das Erstaunen 
A. V. Graefe's, als einer seiner Schüler (vor mehr als 30 Jahren) ihm ein kleines 
Werkzeug (Stecknadel in Kork) zum Ausbrennen der Haarwurzeln vorwies. Die. 



278 XXIII. llirscliberg, 

B. Einige Aerzte behaupten, man müsse mit einer Nadel neben den 
falschen Wimpern die äußere Kante des Lidrandes durchstechen und die Nadel 
mit einem gedoppelten Frauenhaar i) durchziehen 2] und, sowie sie durch 
ist, in die Schlinge des Frauenhaars, da wo sie sich umbiegt ^j, die Wimper 
einfügen und dadurch auf die Yorderfläche des Lides emporziehen und 
dort an die Haut ankleben, und ein Heilmittel auflegen, wodurch der Stich- 
kanal verklebt: so werde es gelingen, dass diese Wimper fürderhin nach 
außen gerichtet bleibt. 

Aber dies kann erstlich gar nicht ausgeführt werden, wenn die Wimper 
nicht ziemlich lang ist; gewöhnlich sind jedoch die falschen Wimpern ganz 
kurz. Sodann, wenn zahlreiche, falsch stehende Wimpern vorhanden sind, 
wird nothwendiger Weise die lange dauernde Quälerei, da man so oft 
die Nadel durchführen muss, eine heftige Entzündung hervorrufen. Endlicli 
wird, da einige Absonderung doch stattfindet, indem das Auge einerseits 
vor der Operation durch die Wimpern, andrerseits nach derselben durch 
die Durchstechung des Lidrandes leidet, der Klebstoff, durch den die Wimper 
befestigt ist, nicht halten; und so wird die letztere in ihren ursprünglichen 
Sitz, aus dem sie mit Gewalt entfernt worden, wieder zurückkehren^). 

§ 177. C. Aber die Operation, welche bei eingestülptem Lid von allen 
Aerzten bevorzugt wird, hat gar kein Bedenken. Man muss bei geschlossenen 
Lidern, mag man am oberen oder unteren operiren, das mittlere Dritteh"») 



Franzosen nennen, wie Yedrenes S. 672 uns verräth, das Verfahren, die falschen 
Wimpern mit einer glühenden Nadel auszubrennen, das von — Champesme. Dieser 
Erfinder hat keine Gnade gefunden vor Gurlt-Hirsch, im biographischen Lexicon. 
Das Werkzeug des Celsus ist ganz zweckmäßig und ähnlich dem galvano- 
kaustischen Messerchen von Middeldorpf (1854). 

1) duplicum capillum, so dass auf der einen Seite des Oehrs zwei Enden, auf 
der andren Seite die Schlinge (sinus) des Frauenhaars liegt. 

2) transui et transmitti. Vgl. §79. S. 140, Xote 2. 

3) duplicatur. 

4) 'Avaj!;poytc;ij.ö; (von c/.va empor, fifvöyo;, ßpo/U, Schlinge), d. h. das Empor- 
schlingen, heißt das Verfahren bei den griechischen Aerzten und wird in der »gale- 
nischen« Einführung (XIV, 784) kurz angedeutet, in des Paull. Chir. (S. 116) 
genau beschrieben. Doch gebraucht Galen diesen Namen (ä>^o;|:ipoy(cij.oi) auch für 
das hippokratische Herabnähen der eingestülpten Haarwurzelreihe des Unterlids 
(Gal. XV, 918. — Vgl. § 79). Die Kritik des Celsus ist sehr verständig, obwohl 
das Wichtigste fehlt: selbst wenn das Emporschlingen gelingt, wird die neue 
Wimper, nach dem Ausfallen der alten, wieder in der falschen Richtung 
wachsen. 

Sehr selten wächst spontan eine Wimper in der beschriebenen Richtung 
empor unter die Haut und muss entfernt werden. 

In den lateinischen Uebersetzungen der griechischen Aerzte wird äva|jpo/ia|j.6; 
(seit GoRRAEUs) mit illaqueatio oder infibulatio wiedergegeben. 

5) SugnuTA enfernt das dem Lidrand nähere Drittel. ^Vgl. § 23.) Celsus 
scheint auch, ohne es genau auszusprechen, dies zu empfehlen. 



Gescliichte der Augenheilkunde im Alterthum. 279 

der Lidhaut mit den Fingern erfassen und emporheben und dann genau 
zusehen, wie viel man fortzunehmen hat, um normale Stellung des Lids 
herbeizuführen. Natürlich drohen auch hier zwei Gefahren: wenn man 
zu viel fortnimmt, kann das Auge nicht bedeckt werden; wenn zu 
wenig, hat man nichts geleistet, und der Kranke ist vergeblich operirt 
worden. AVo man nun einschneiden will, das bezeichnet man durch zwei 
Linien mit Tinte'), doch so, dass zwischen dem Lidrand, der die Wimpern 
trägt, und der ihm näheren Schnittlinie ein PLiutstreifen zurückbleibt, den 
man nachher mit der Nadel zu fassen im Stande ist. Nach diesen Vor- 
bereitungen kommt das Messer an die Reihe. Beim oberen Lid ist zuerst 
der den Wimpeini nähere Schnitt zu führen, bei dem unteren zuletzt 2). 
Anzufangen hat man am linken Auge vom Schläfenwinkel, am rechten 
vom Nasenwinkel 3). Hierauf wird der zwischen den beiden Schnittlinien 
liegende Hauttheil ausgeschnitten. Endlich vereinigt man die beiden Wund- 
lippen durch eine einfache Naht miteinander und lässt das Auge schließen^). 
Wenn nun das Oberlid nicht genügend sich senken kann, muss man die 
Naht lockern; im entgegengesetzten Falle anziehen oder sogar noch einen 
schwachen Saum von der dem Lidrand abgewendeten Wundlippe ^) ent- 
fernen und nach diesem Ausschnitt andre Nähte einlegen, aber nicht mehr 
als drei. 

Außerdem muss man am oberen Lid unmittelbar unter den Wimpern 
einen gradlinigen Schnitt anlegen**), damit die letzteren von unten her los- 
gelöst") nach oben schauen. Ist ihre Richtungs-Abweichung gering, so genügt 
schon dies allein. Am unteren Lid ist es allerdings nicht nüthig. 

Danach wird ein in kaltem Wasser ausgedrückter Schwamm darüber 



1) Auch das gilt für eine neue Entdeckung. Allerdings haben wir das Vor- 
zeichnen des Schnitts mittelst chinesischer Tusche und einer Nadel auf den 
Augapfel, für Operationen im Innern desselben, ausgedehnt. 

2; Um Störung durch das Blut zu vermeiden, was Paull. Aeg. [VI, 13) deut- 
lich ausspricht. 

3) So bequemer für den Arzt, der hinter dem Haupt des Kranken sich 
befindet. 

4 operiendusque oculus est. »On couvre« (Vedrenes; ; »das Auge bedecken« 
(Ritter) — ist falsch. Scheller richtig. — Jetzt betrachtet man die Wir- 
kung! Der Verband wird von Celsus später beschrieben. 

5; ab ulteriore ora. Scheller irrt, wenn er am Oberlid die dem Lidrand 
nähere Wundlippe , am unteren die fernere verstanden wissen will. Aus der 
dem Lidrand näheren Wundlippe kann nichts ausgeschnitten werden, sonst lässt 
sich die Naht nicht durchziehen. Celsus sagt schon vorher, mit Rücksicht auf 
die ursprüngliche Schnittführung: aliquid relinquatur, quod apprehendere acus 
postea possit. 

6) Natürlich in der Schleimhaut. Es ist dies »Burow's Operation«. 

7) ut ab inferiore parte diducti pih sursum spectent. Scheller setzt irrig 
ab inferiore parte gleich a bulbo oculi. 



280 XXIII. Hirschberg, 

gebunden, am folgenden Tage Heftpllaster aufgelegt, am 4. Tage die Nähte 
entfernt '), und eine Salbe wider die Entzündung eingestrichen. 

§ 178. 9. Lagophthalmus. 

In einzelnen Fällen, wenn zuviel Haut bei der eben be>;chriebenen 
Operation ausgeschnitten worden, passirt es, dass das Auge nicht mehr 
bedeckt werden kann; zuweilen entsteht dies auch aus andrer Ursache. 
Hasen-Augen heißen bei den Griechen diese Kranken'-). 

AVenn nun zuviel Haut dem Lid fehlt, so kann keine Operation das 
wieder herstellen'^); wenn aber nur ein wenig, so kann man es heilen. Ein 
wenig unterhalb der Augenbraue muss man einen halbmondförmigen Haut- 
schnitt anlegen, dessen Hürner nach unten gerichtet sind. Der Tiefe nach 
muss der Schnitt bis zu dem^) Knorpel reichen, ohne diesen jedoch zu 
verletzen. Denn, wenn derselbe durchgeschnitten ist, sinkt er herab 
und kann nachher nicht gehoben werden^). Man trennt also nur die Haut, 
wodurch die untere Wundlippe ein wenig herabsteigt, während darüber die 
Wunde klafft. In diese bringt man Charpie ein, damit die Vereinigung 
der getrennten Haut gehindert und die Bildung von Wundgranulationen 
in der Mitte angeregt werde. Wenn diese den leeren Raum erfüllt haben, 
kann nachher das Auge ordentlich geschlossen werden '*). 

10. Ectropium. 
Entsprechend dem Fehler des Oberlids, nicht genügend herabzusteigen 
und so das Auge nicht zu decken, giebt es einen des unteren, nicht se- 



1) Diese Regel hat sich bis heute bewährt. 

2) Ac/.YojccftccXij.o'j; appellant. Von /.7.i'w;, Hase, kommt das Beiwort '/.TjAz^ai.- 
ji.0;, hasenäugig, und das Hauptwort '/.c<7(u'^i)o;A,aio(. (Galen? XIX, 439, und in älteren 
CELSus-Ausgaben an unsrer Stelle, steht Ac(YW'j;!}a/,;j.ov als Hauptwort.; Heutzutage 
gebraucht man Lagophthalmus als Hauptwort, und zwar noch recht häufig, und 
unterscheidet den mechanischen, von dem bei Celsus hauptsächlich die Rede ist, 
und den paralytischen, durch Lähmung des Gesichtsnerven, d. h. des Schließ- 
muskels der Lider. Bartisch nennt das Uebel den »Hasenschlaf«. Dass die 
Hasen mit offnen Augen schlafen, glauben Alte und Neue. Plin. n. h. XI. 147, 

A. V. SiLL. II, 291. Brockhaus, Convers. Lex. XI. Aufl. VII, 690. Mir sagte ein Förster, 
dass die Meinung wohl nur durch die Kürze der Lider bei den Hasen entstanden 
sei. Die Krankheit ist bei den Alten regelmäßig beschrieben. Gels. 1. c. — Galen? 
XIX, 439. Aet. VII, S. 137. der außer zu starker Operation noch Anthrax als Ur- 
sache nennt, was ganz richtig. Paull. Aeg. VI, 10, Chir. S. Ml, wo die spontane 
und traumatische Entstehung erwähnt wird, und bei der letzteren A. Verletzung, 

B. zu starke Operation: a. Empornähung, b. Aetzung. 

3) Man sieht, dass es mit der Plastik bei Celsus nicht weit her ist. Die In- 
der waren hierin den Griechen und überhaupt den Europäern bis zu unsrem Jahr- 
hundert überlegen. 

4) durch die erste Operation emporgezogenen. 

5) Das hängt natürlich von der Durchtrennung der Levator-Sehne ab. 

6) Bis die Narbenschrumpfung den früheren Zustand wiederherstellt. Schon 
BoRDENAVE, Louis, S. CooPER, ScARPA, Beer haben dieses Verfahren des Celsus 
ausdrücklich verworfen. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 281 

hörig emporzusteigen, sondern herabzuhängen und zu klaffen, und nicht 
mit dem oberen sich zusammenzuschließen. Auch dies entsteht zuweilen 
aus einem ähnlichen Kunstfehler, bisweilen auch in Folge des Greisen- 
alters i). 'f]xTpo-iov nennen es die Griechen 2). 

A. Ist es Folge einer mangelhaften Operation, so gilt dieselbe Ileilart, 
die soeben (gegen Hasen-Auge) empfohlen wurde; nur müssen die Hörner 
des Schnittes gegen die Wangen, nicht gegen das Auge gerichtet werden. 

B, Ist es aber eine Folge des Alters, so muss man die ganze Aus- 
stülpung (der Schleimhaut)^) mit einem dünnen Glüheisen brennen, darauf 
Honig einstreichen; vom vierten Tage ab mit dem Dampf (vapore) von 
heißem Wasser bähen und mit vernarbenden Mitteln bestreichen. 

§ 179. H. Das sind die (chirurgischen) Leiden der Augenwinkel und 
Lider. 

Im Auge-") selber erhebt sich zuweilen die Augen-Kapsel, indem von 
innen her^) einige Iläutchen fllornhautschichten) bersten oder nachgeben, 
und es entsteht ein Gebilde, ähnlich einer Weintrauben 6)-Beere, daher es 
die Griechen aracuÄojaa nennen'). 



i) Ectropium senile der heutigen Aerzte. 

2) Vgl. oben § 43, No. 4, bei Hippokrates. 

3; id totum extrinsecus adurendum est. Das ist unklar, Mangels der Artikel. 
Scheller übersetzt »die ganze Stelle auf der äußeren Seite«. Das ist unrichtig. 
Die Haut des Unterlids darf nicht geätzt werden, sonst wird die Ausstülpung ge- 
steigert: wohl aber die ausgestülpte Schleimhaut. 

4) Hier ist Celsus sehr dürftig, da er nur drei chirurgische Krankheiten des 
Augapfels selber bringt, Traube, Nagel, Star. 

5) intus wird hier meist falsch mit .>innen« übersetzt. Allerdings ist die Be- 
schreibung des Celsus recht ungenau: nonnumquam summa attollitur tunica, sive 
ruptis intus membranis aliquibus, sive laxatis; besonders das unbestimmte ali- 
quibus kennzeichnet den Celsus. Am besten wird noch der Sinn, wenn man ejus 
(sc. summae tunicae) ergänzt, und unter membranae die (vier) Schichten [y-r^wizz] 
der Hornhaut versteht: dann hat man Irisvorfall und Keratokele. Die meisten 
griechischen Aerzte, die über Staphyloma geschrieben haben, sind weit genauer. 
Vgl. Aet. S. 130, Paull. Aeg. S. 75, Ioann. Akt. II, 445. Mittelmäßig ist Alex. 
Trall. S. 152 und schlecht Pseudo-GALEN XIV, 774, XIX, 435 und 439. 

6) Et similis figura acino fit. 

7) Da haben wir wieder einen Ausdruck, der auf unsre Tage gekommen. 
a-ctcf6/.w(j.a muss mit Beerengeschwulst übersetzt werden; denn wenn auch ■z-az.-j'/.r^ 
die Traube heißt, so sind doch alle griechischen Aerzte darin einig, dass ijzaz'j- 
Aojij.'-/ oij-otov rjrx-il aTa'i-'j).-?);, »das Staphvlom gleicht (nach der Gestalt) der Beere 
einer Weintraube«. Galen XIX, 435; XIV, 774 ; XIX, 439. Aet. S. 130. Paull. Aeg. 
S. 75. loANN. Akt. II, 4 46. (Alex. Trall. Augenheilk. S. 152.) ozaz'j'/.t, ist auch 
das geschwollene Zäpfchen, öä; heißt die Weinbeere. Lateinisch heißt uva die 
Traube, acinus die Beere einer Traube, bacca eine einzeln stehende Beere, race- 
mus Beere oder Traube, Ranke, racemosus traubenartig = [■JoTo-jtüo-rj; (Gloss.), von 
jio-p'j;, Traube, Ranke. Die Neueren verstehen unter Staphyloma racemosum die 
gelappte Beerengeschwulst. Recht seltsam ist in Priscian. Eupor. XII. 41 (A. v. 



282 XXIII. Hirschberg, 

Operationen giebt es zwei. 

A. Die eine besteht darin, den AN'ulst an seiner A\'urzel (in wagerechter 
Richtung) mitten zu durchstechen mit einer Nadel, die zwei Fäden führt; 
darauf die Enden des einen Fadens oberhalb des Wulstes, die des andren 
unterhalb desselben fest miteinander zu verschnüren. Die Fäden schneiden 
allmählich durch und trennen das Gebilde ab^j. 

B. Die zweite Operation besteht darin, aus dem Gipfel des Wulstes ein 
linsengroßes Stück auszuschneiden (excidere) und dann Hüttenrauch oder 
Galmei einzustreuen. 

Nach jeder der beiden Operationen nuiss m.m Wolle, mit Eiweiß be- 
strichen, auflegen imd später das Auge mit Wasserdampf bähen und milde 
Augenmittel einsalben. 

12. NägeP) aber nennt man schwielige Knoten im Auge; sie haben 
ihren Namen von der Gestalt. Am bequemsten ist es, dieselben an der 
Wurzel mit der Nadel zu durchstechen und unterhalb derselben auszu- 
schneiden, darauf milde Mittel einzustreichen. 

§ 180. Stur. 

13. Vom Star 3) habe ich schon gesprochen (VI, 6, 35), da derselbe 
im Beginn auch durch Heilmittel öfters zertheilt wird. Allerdings, wenn 



V. Rose S. 43;: stafylomata, quorum in modum uvae crepantis prioris tunicae tu- 
mor quidam erumpit, sie curabis. 

Die Staphylom-Lehre wurde noch im Anfang uns res Jahrhunderts eifrig be- 
arbeitet; HiMLY führt noch 22 Arten, sogar Rute noch 15. Seitdem A. v. Graefe 
uns die Drucksteigerung im Augeninnern kennen gelehrt, hat dieses Gebiet an 
Interesse verloren. 

Wir werden auf die griechische wie auf die neuere Staphylom-Lehre noch 
zurückkommen. 

1) quae paullatim secando id excidunt. Von excidere; Vedrenes hat »chute 
de la tumeur«. Aber excidunt ist nicht möglich. 

2) Clavi vocantur callosa in albo oculi tubercula. »Im Weißen des Auges« 
könnte uns irre führen, so dass wir an Dermoide, z. R. die angeborenen auf dem 
Lederhautsaum oder die Lipodermoide näher zum Aequator denken möchten. 
Aber hier liegt ein Irrthum des Celsus vor. Oder der Abschreiber! Denn 
im Mediceischen Codex steht in oculis für in albo oculi. (Targa II, 473. — 
Rei Daremberg findet man nur einen kleinen Theil der verschiedenen Lesarten.) 
Clavus, Nagel, nageiförmige Geschwulst, ist wörthche Uebersetzung von r,/.o;, das 
in verderbter Schreibweise (Helios — , ä/.Äo;, Hirschkalb!) noch bis auf Reer ge- 
kommen ist. Aus Paull. Aeg. (S. 75) und Ioanx. Akt. (II, 443) ersehen wir, dass 
die Griechen einen kleinen Irisvorfall Fliegenkopf (;j.uio-/.£'fc</.ov) nannten; einen 
größeren Reerengeschwulst (a-a'.f-'jAio;-i.7; ; einen totalen aber Apfel (ij.f|/.ov); den 
letzteren nach schwieliger Uebernarbung Nagel [r^lo;). Allerdings muss man da.- 
bei an einen Ralkennagel (clavus trabahs) denken. 

3) Suffusionis jam alias feci mentionem; quia, quum recens incidit, medica- 
mentis quoque saepe discutitur; sed, ubi vetustior facta est, manüs curationem 
desiderat: quae inter subtüissimas haberi potest. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 283 

er eingewurzelt ist, verlangt er eine Operation. Diese gehört zu den 
allerfeinsten. 

Bevor ich hierüber spreche, muss ich mit wenigen Worten den Bau 
des Auges beschreiben, dessen Kcnntniss, abgesehen von andren Fällen, 
grade hierzu besonders wichtig ist. . . . 

1 4. Also entweder in Folge einer inneren Krankheit oder einer äußeren 
Verletzung setzt sich eine Feuchtigkeit an^) unterhalb der beiden oberen 
Augenhäute da, wo nach meiner Auseinandersetzung ein leerer Raum sich be- 
findet (d. h. in der Pupille). Diese Feuchtigkeit erstarrt allmählich und 
tritt der inneren (Seh-) Kraft hindernd in den Weg. 

Das Leiden hat mehrere Arten. Einige sind heilbar, andre nicht. 
Denn w^enn der Star klein ist, unbeweglich, von der Farbe des Meerwassers 
oder des blinkenden Stahls, und von der Seite her Lichtempfindung zu- 
lässt^), so darf man hoffen. 

Wenn aber der Star groß ist, w'enn das Schwarze des Auges (die 
Regenbogenhaut) seine natürliche Gestaltung verloren hat, w^enn die Farbe 
des Stars himmelblau ist oder goldig, wenn er schwankt und zittert, so 
kann fast niemals Hilfe gebracht werden. Noch schlimmer ist der Star, 
je nachdem er aus einer schwereren Allgemeinkrankheit oder nach heftigeren 
Kopfschmerzen oder aus einer stärkeren Verletzung hervorgegangen ist 3). 

Auch ist das Greisenalter nicht geeignet für diese Operation, da es, 
selbst ohne hinzutretende Krankheit, schon an sich schwache Sehkraft 
besitzt, noch auch das Kindesalter, sondern hauptsächlich das mittlere 
Lebensalter. 

Was das Auge betrifft, so ist dasjenige, welches weder klein noch tief- 
liegend scheint, ziemlich vortheilhaft. Was den Star betrifft, so existirt eine 
Art von Reifung. Man muss also warten, bis er nicht mehr flüssig ist, 
sondern durch Verhärtung fest geworden zu sein scheint. 

Drei Tage vor der Operation soll der Kranke nur mäßig essen, als 
Getränk nur Wasser zu sich nehmen, Tags vor der Operation vollständig 
fasten. Hierauf muss man den Kranken auf einen dem Licht zugewendeten 
Stuhl setzen in einem hellen Zimmer, das Gesicht dem Lichte zugekehrt, so 



1) concrescit humor sub duabus tunicis, qua locuna vacuum esse proposui. 
(Im vorigen § sagte Celsus: qua parte pupilla est, locus vacuus est. Isque paul- 
latim indurescens interiori potentiae se opponit. Concrescere heißt sowohl >sich 
bilden« als auch »gerinnen«. Diese D opp el-B edeutung suchte ich in der Ueber- 
setzung nachzuahmen. Da Celsus einerseits einen leeren Raum in der Pupille 
des gesunden Auges, andrerseits einen zunächst flüssigen Zustand des Stars zu- 
lässt, so kann man die erstgenannte Bedeutung von concrescere nicht entbehren. 

Star ist wörtliche Uebersetzung von (humor) indurescens = 'JYP^j'' -TjYvuaivov. 

2; si a latere sensum aliquem fulgoris relinquit. 

3) Oder besser: je schwerer die Allgemeinkrankheit, je heftiger der Kopf- 
schmerz, je stärker die Verletzung, aus der er hervorgegangen. 



284 XXIII. Hirschberg, 

d:\ss ihm gegenüber der Arzt ein wenig höher sitzt; hinter dem Kranken 
aber der Gehilfe (stehend) das Haupt des letzteren hält und Unbeweglich- 
keit gewährleistet: denn durch eine leichte Bewegung kann die Sehkraft 
für immer verloren gehen. Ja, auch das Auge selber muss immobilisirt 
werden, durch sorgfältigen Wolle*) -Verband des andren. Operiren soll 
man das linke Auge mit der rechten Hand, das rechte mit der 
linken-). Dann muss die Nadel, welche scharf genug ist, um bequem 
einzudringen, aber nicht zu dünn sein darf, angelegt und senkrecht durch 
die beiden Umhüllungshäute gestoßen werden, genau in der Mitte zwischen 
dem Schwarzen des Auges (dem Hornhautrand) und dem Schläfenwinkel, 
grade gegenüber dem Mittelpunkt des Stars (im wagerechten Meridian des 
Auges), doch so, dass nicht ein (zufällig hier befindliches) Blutgefäß ver- 
letzt werde^). Entschlossen soll man die Nadel einstechen, denn sie wird 
von einem leeren Raum aufgenommen. Sowie sie erst dahin gekommen, 
kann auch ein wenig erfahrener Wundarzt sich nicht mehr täuschen, da 
der Druck keinen Widerstand mehr findet. Sobald man nun dahin gelangt 
ist, muss man die Nadel gegen den Star zu neigen und an dessen Ort ein 
wenig wenden und ganz allmählich den Staf unter die Pupillengegend 
herableiten; sowie er aber die letztere passirt hat, stärker nachdrücken, 
damit er unten verbleibe. 

Haftet er dort, so ist die Operation zu Ende. Wenn er Avieder auf- 
steigt, so muss er mit der nämlichen (noch im Auge befindlichen) Nadel 
zerschnitten und in mehrere Stücke getheilt werden, die einzeln sowohl 
leichter sich bergen lassen als auch (schlimmsten Falls) in geringerer Aus- 
dehnung Verdunklung bewirken. 

Danach muss die Nadel senkrecht wieder ausgezogen werden. Aufge- 
legt wird in Eiweiß getränkte, weiche Wolle und darüber entzündungs- 
widrige Mittel und darauf der Verband. 

Hiernach sind nüthig Ruhe, Fasten, lindernde Einreibungen (in die 
Stirn), Speisen, die am kommenden Tage ziemlich früh gereicht werden, 
von zunächst flüssiger Beschaffenheit, damit die Kiefer nicht zuviel Arbeit 
haben; danach, wenn die Entzündung beendigt ist, von solcher Art, wie bei 
der Wundbehandlung angegeben worden. Dazu kommt noch längeres 
Wassertrinken nothwendiger Weise hinzu. 

§ '\8\. 15. Hinsichtlich des andauernden Schleimflusses, der die 
Augen schädigt, habe ich die Behandlung mit Heilmitteln schon auseinander- 
gesetzt (VI, 6). Jetzt komme ich zu den Fällen, die Operation erheischen. 



1) Die Alten nahmen Wolle, wo wir heute Baumwolle (Watte) vorziehen. Vgl. 
z. B. Hipp., v. d. Sehkraft § 4, (Littr. IX, 156) und unsren § 75. 

2) Vgl. § 70. (Ambidextrie.) 

3) Scheller's Uebersetzung ist ganz mangelhaft. Auch die von Vedrenes. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 285 

Bei der Mehrzahl der Kranken sind die oberllächlichen Blut-Adern 
(zwischen Haut und Knochen) schuld, und deshalb kann man Vielen helfen. 
Das Verfahren ist nicht nur in Griechenland, sondern auch bei andren 
Völkern berühmt; kein andrer Theil der Heilkunde ist volksthiimlicher bei 
allen Nationen'). 

Es giebt Aerzte in Griechenland, di(! 9 Einschnitte in die Kopfhaut 
machen: zwei senkrechte am Hinterhaupt, darüber einen queren, zwei über 
den Ohren, einen (jueren zwischen den letzteren, drei senkrechte zwischen 
Scheitel und Stirn .... Andre brannten den Knochen am Scheitel .... 

Ein häufiges Verfahren ist das Brennen der Blut-Adern in den Schläfen 

Noch eingreifender ist das Verfahren der Afrikaner-), die den Scheitel bis 
zum Knochen brennen, so dass ein Sequester abgeht. Aber am besten ist 
das Verfahren in Gallien, wo man die Venen an den Schläfen und am 
oberen Theil des Kopfes auswählt. . . .« 



§ \ 82. Für die Beschreibung der chirurgischen Leiden und ihrer ope- 
rativen Beseitigung war Celsus offenbar mehr begabt und besser vorgebildet, 
als für die schwierigen Fragen der Krankheitslehre. Der Abschnitt von 
den Augen-Operationen muss sogar noch heute uns interessiren und befrie- 
digen; er kann in den geschichtlichen Erörterungen der heutigen Hand- 
bücher nicht übergangen werden. Gegenüber den vier hlppokratischen 
Augen-Operationen (Schaben der Bindehaut, Ausschneiden derselben, Naht 
gegen Haarkrankheit und Eröffnung der Hornhautgeschwüre) finden wir bei 
Celsus einen gewaltigen Fortschritt, der wesentlich wohl der alexandrini- 
schen Schule zu danken ist, nämlich die folgenden Operationen: 

1 . Einschneiden des Augapfels, bei innerer Vereiterung (Incisio bulbi). 

2. Ausschneiden des »abgestorbenen« vorderen, hervorragenden Theiles 
vom Augapfel. (Excisio partialis, amputatio bulbi.) 

3. Ausschneiden von Blasen, Balggeschwülslen. 

4. Aufschneiden des Gerstenkorns. 

5. Ausschneiden des Hagelkorns. 

6. Ausschneiden des Flügelfells. 

7. .ausschneiden der Carunkel-Geschwulst. 

8. Trennung der verwachsenen Augenlider. 

9. Trennung der an den Augapfel angewachsenen Lider. 

1 0. Ausschneiden der (Thränensack-) Fistel, nebst Brennen des Knochens. 

11. Beseitigung der falschen Wimpern durch das Glüheisen.- 



1) Paull. Aeg. vi, 6. 

:2) Die Sudan-Neger machen heute noch zur Verhütung von Augen-Entzündung 
in der Schläfengegend 3 senkrechte Schnitte, deren Narben ich in Aegypten 
häufig gesehen. Vgl. Einführung I, 22. 



286 XXIII. Hirschberg, 

12. Einfädelung der falschen Wimpern. 

'13. Yerpilanziing der Wimpern durch Ausschneiden von Haut und 
Naht. 

14. Schnitt durch die Innenfläche des Lids, nahe dem Rande, gegen 
Haarkrankheit. 

15. Lockerung des Lagophthalmus, durch Schnitt. 

16. Dieselbe Operation, bei Ectropium. 

17. Glüheisen gegen Ectropium. 

18. Unterbindung des Staphyloma. 

19. Theilweise Ausschneidung desselben. 

20. Ausschneiden des schwieligen Staphyloma. 

21. Niederdrücken des Stars. 

So manches hat davon bis heute sich erhalten. Besonders be- 
merkenswerth aber scheint es uns, dass in des Gelsus Schrift zum ersten 
Male in der Geschichte, wenigstens soweit wir einen festen Zeitpunkt 
sicher angeben können'), und noch dazu ganz klar und deutlich, dem 
Augenarzt seine Hauptaufgabe angewiesen ist, die Star-Blind- 
heit durch Operation zu heilen. 

Wir haben gesehen, dass den Hippokratikern und der klassischen 
Zeit der Griechen 2) die Lehre vom Star und seiner Heilung vollständig ab- 
ging; — nur eine bläuliche Verfärbung der Pupille bei alten Leuten (yX^uxioosscj 
wird in den Aphorismen des Hippokrates erwähnt, nach aller Wahrschein- 
lichkeit und nach den bestimmxten Angaben der späteren Griechen eine Hin- 
weisung auf den Alters-Star. Bei Celsus tritt uns plötzlich erstens eine 
fertige Star-Lehre entgegen, dass nämlich durch Ausschwitzung in die 
Pupille und spätere Gerinnung eine Sehstörung sich bilde; und zweitens 
eine Star-Operation, durch Einführung einer Nadel die geronnene Masse 
nach imten zu versenken. Diese Star-Lehre hat bis zum Anfang 



^) Die Angaben des SugRUTA über Star-Operation vermögen wir niclit zeitlich 
zu begrenzen. Es bleibt uns unbenommen, ihnen eine frühere Zeit, als die des 
Celsus, zuzuschreiben. Doch ist dies eben bloße Vermuthung. 

2) In den Problemata des Cassius Jatrosophista ist von dem Mückensehen im 
Beginn der Star-Bildung die Rede. (Probl. XIX, Ed. Gessner Tiguri 1592, S. 38. 
Ed. Sylb. Frankf. 1587, S. 339. Ed. Ideler, Berlin 1841, I, 151, in Phys. et med. 
Graec. minoris.) Aid xt eri twv ij-sXXovtujv ü-o"/£iai)c«i. a'jrj-ijatvei öpäat^at v.u)vc>j-o£tc/T, . . .; 
»weshalb geschieht es bei denen, die den Star bekommen sollen, dass sie Mücken 
sehen?« 

Das wäre die älteste Erwähnung des Stares , wenn Cassius Jatrosophista 
um 130 V. Chr. gelebt hätte, wie Baas angiebt (Hist of med. 1889, S. 167; und 
ferner Gurlt (Geschichte der Chirurgie l, 331.). Letzterer hält ihn mit Leclerc 
für denselben, den Celsus erwähnt (Vorrede zum l. Buch) ; aber das war ein- 
Zeitgenosse des Celsus! (Ingeniosissimus saecuü nostri medicus, quem nuper 
vidimus, Cassius.) Choulant setzt den Jatrosophist noch später (Bücherk. f. d. ä. 
Med. 1841, S. 88). Helmreich (in Hirsch's biograph. Lex.) giebt gar kein Alter an. 

Außerdem wimmeln alle Problemata-Schriften von späteren Einschiebseln. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 287 

des vorigen Jahrhunderts gegolten; diese Star-Operation bis zur 
3Iitte desselben: ja sie hat noch bis zur 3Iitte unsres Jahrhunderts 
Anhänger gefunden. Ich war als Student noch Zeuge, wie mein Lehrer 
JüNGKEN sie in der Charite ausfülirte oder von seinen Assistenten ausführen 
ließ (1863). 

Die älteste Star- Operation, durch Verschiebung der Linse, ist die 
Mutter der heutigen, durch Ausziehung, durch welche an jedem Tage in 
allen gebildeten Ländern unzähligen Kranken das Licht des Auges wieder- 
gegeben wird. 

Da fragt der denkende Augenarzt i) naturgemäß: AVoher stammt die 
älteste Star-Lehre? Woher stammt die erste Star-Operation? Denn beide 
scheinen zusammen zu gehören. 

Die Frage ist bei dem heutigen Zustand der Wissenschaft 
unlösbar. Es müssen neue Beweismittel gesucht und hoffentlich gefunden 
werden. Celsus hat jedenfalls die Star-Operation aus den Schriften griechi- 
scher Aerzte, hauptsächlich der alexandrinischen Schule, geschöpft. Woher 
diese sie hatten, ist unbekannt. Die Galeniker, denen jene Schriften doch 
noch vorlagen, haben die Fabel mitgetheilt, die Entdeckung sei einem Zu- 
fall zuzuschreiben : eine starblinde Ziege habe sich, durch Einbohren einer 
Spitzbinse in ihr Auge, den Star geheilt 2). Diese Albernheit unterstützt 
nur die Ansicht, dass wohl nicht ein griechischer Arzt in der Zeit zwischen 
HippoKRATEs und Celsus die Operation erfunden haben kann. 

Also die Griechen dürften nicht die Erfinder des Star-Stichs gewesen 
sein, da sie vor der Zeit ihres Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit 
den sogenannten Barbaren in Asien und Afrika gar nichts davon wussten. 
Den Aegyptern es zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir 
zur Zeit gar keine Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite^) der 
von den Arabern des Mittel-Alters beschriebenen Verfahren gegen Star-Stich 
zuzusprechen, ist thunlich, da es schon in SugRUTA angedeutet ist, und ihnen 



■I) Hirsch hat diese Frage nicht sehr eingehend behandelt; ebensowenig 
K. Sprengel in seiner vorzüglichen Abhandlung über die Geschichte der Star- 
Operation. (Geschichte der Chirurgie I, S. 50 — 104, 1805). 

H.Magnus, in seiner gründhchen Geschichte des grauen Stars ilSTti, S. 174 , 
bekämpft die Ansicht Hecker's (Geschichte der Heilkunde I, § 5 S. 25), dass die 
Griechen den Starstich von den hidern erhalten, und vermuthet (S. 177), dass 
die Aegypter schon in ziemlich früher Zeit sich im Besitz einer operativen Be- 
handlungsmethode des grauen Stars befunden haben mögen. 

2) Vgl. die unechte Schrift vom Arzte, Galen, XIV, 674. 

3) Das er.ste ist das der Griechen, wie es Celsus und Paull. Aeg. beschrieben 
haben, Einstechen einer scharfen Nadel. 

Das zweite besteht darin, mit einem Messerchen einen Schnitt durch die 
Lederhaut, nahe dem Hornhautrande, bis ins Innere anzulegen und darauf mit 
einer stumpfen Nadel den Star nach unten zu verschieben. 



288 XXIII. Hirschberg, 

offenbar angehört. Das erste kann als ^'ereinfachung■ aus dem zweiten her- 
vorgegangen sein. 

Die bei aller Kürze doch hinreichende (ienauigkeit und Klarheit in 
Celsüs' Beschreibung der Star-Operation wird vielfach gerühmt und den 
Modernen zur Nachahmung empfohlen. Ich stimme gerne bei, möchte aber 
doch der Darstellung des Paull. Aeg. die Palme reichen. 

§ 183. Ein auf die Operation bezüglicher Begriff, der der Star-Reife, 
ist dem Celsus eigenthümlich; hat die Jahrtausende überdauert und 
ist im Bewusstsein der heutigen Aerzte noch lebendig geblieben. 

Der Begriff der Star-Reife wird aber nur dann gut verstanden, 
wenn wir berücksichtigen, wie er entstanden ist^). Celsus sagt Folgen- 
des: Es giebt eine Art von Reifung des Stars (maturitas); man muss (mit 
der Operation) warten, bis er nicht mehr flüssig ist, sondern durch Ge- 
rinnung eine gewisse Härte erlangt hat'^). Die alten Griechen, aus denen 
Celsus schöpfte, bildeten sich nämlich ein, dass der Star eine Ausschwitzung 
in der Pupille sei, welche gerinne, und erst in diesem harten Zustand mit- 
telst der Nadel niedergedrückt werden könne. Genauer erfahren wir dies 
aus einem Bruchstück des Galen, welches uns in der Chirurgie des Paullus 
VON Aegina3) erhalten ist. Der griechische Kunstausdruck ist ~^r^zl^, Er- 
starrung, woher auch unser Wort Star"") stammt. 

Somit entstammt der Begriff der Star-Reife einem alten und ganz 
veralteten humoralpathologischen Irrthum, der allerdings fast 
anderthalb Jahrtausende für richtig gegolten hat. 

Nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, welches für die Augen- 
heilkunde etwas spät eingetreten ist''), hat man den alten Begriff und so- 
gar das alte Wort beibehalten. So heißt es noch in der berühmten Sclirift 
unsres Heister, über den Star, aus dem Jahre 1720, ganz ähnlicli wie in 
den Schulbücliern unsrer Ta2:e: Wenn die Linse sich mehr und mehr trübt. 



i) Vgl. meine Bemerkungen im Centralblatt f. A. 1890, S. 210. Von älteren 
Aerzten, welche mit triftigen Gründen bewiesen haben, dass das Abwarten der 
völligen Reife (beim Alters-Star) unnöthig und schädlich) sei, erwähne ich 1. aus 
der Zeit der Niederdrückung Le Moine (Haller Diss. chir. II, S. 154); aus der 
Zeit der Ausziehung • — ihren Erfinder J. Daviel. 

2) De med. VII, 7, U. (Ed. Darembeug, Lips. 1859, p. 280 1. 20): Atque 
ipsius suffusionis quaedam maturitas est. Exspectandum igitur est, donec jam 
non fluere, sed duritie quadam concrevisse videatur. 

3) O'jy.oüv TTaXiv 6 FaX-r^vo; oioä^ti ae rrjv ts -fj?tv y.al ttj-^ otaciopav töjv 'jzoyj- 
(i-aTcuv -/Oll Tcoia toutcuv satl y£ip8pY'f]T£c<. »Also wird wiederum Galen dich belehren 
über die Gerinnung und die Verschiedenheit der Stare, und welche von diesen zu 
operiren sind«. Paull. Aegin. VI, 21. — Chirurgie de P. A. par R. Briau, Paris 
1835, p. 133. Centralbl. für Aug. 1888, August-September. Natürlich kommen wir 
darauf noch zurück. 

4) Vgl. mein Wörterbuch d. Augenheilk., Leipzig, 1887. S. 99. 

ö) Denn, dass der graue Star auf Trübung der Linse beruht, weiß man ganz 
genau erst seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. 



Geschiclite der Augenheilkunde im Altertlium. 289 

so wird sie fest und reif und geeignet zur (Nadel-)Operationi). Und bei 
St. Yves ('1722): Der Star ist reif (zur Operation), wenn das Auge nur 
noch Hell von Dunkel unterscheidet 2). Aehnlich bei A. G. Richter^), der 
schon von der Ausziehung, nicht mehr von der Niederdrückung des Stars 
spricht, aber nicht weiß, worauf die Benennung »reif und unreif« sich gründet. 
Nach .TosEPe Beer^} ist der graue Star reif, sobald er keiner weiteren Aus- 
bildung mehr fähig ist. Dann dürfte es nach unsrer heutigen Kenntniss 
einen reifen Star im lebenden Auge kaum geben. 

Der Xame des reifen Stars ist bis auf unsre Tage gekommen, aber 
die Erklärungen haben sich geändert und zuletzt jede Fühlung mit dem 
ursprünglichen Begriff verloren. In der zweiten Hälfte unsres Jahr- 
hunderts gilt hauptsächlich die ARLx'sche'') Formulirung, dass im reifen Zu- 
stande des Stars die Linse wie eine reife Frucht in der Kapsel liege, so 
dass der Star bei der Ausziehung leichter entbunden werden kann, und 
weniger Reste zurückbleiben. Es ist dies ein beliebtes Bild, aber keine 
Thatsache. 

Utto Becker nennt in seiner klassisclien Abhandlung von den Linsen- 
kiankheiten") den Star reif, sobald die Rindensubstanz trübe geworden; er 
irrt aber, wenn er Namen und Begriff des reifen Stars von Baron Wenzel, 
dem Vater, herleitet'). 

Früher war es üblich und mit Rücksicht auf die damaligen Operations- 
erfolge vielleicht auch politisch, die Greise mit Alters-Star so lange warten 
zu lassen, bis sie ganz blind, nur mit Lichtschein behaftet, folglich ganz 
mürbe geworden, mithin nach der Operation selbst mit mäßigem Gewinn 
schon zufrieden waren. 

Heutzutage linden wir es weiser und edler, Krankheit, auch Blindheit, 
überhaupt zu verhüten, als die eingetretene zu heilen''). 



1) de Cataracta, glauc. & amaur. Tract., Altdorf -17:^0, p. lOS: quo magis 
opaca, 80 firmiorem magisque maturam sive aptam esse ad operationem. 

2) Maladies des yeux. Paris 1722, p. 284. 

3) Abh. V. d. Ausziehung des grauen Stars. Göttingen 1773. S. 8 u. 9. 

4) Augenkr. II, 316. Wien 1817. 

5) Kr. d. Auges II, 259. Prag 1853. 

6 Graefe-Saemisch, I. Aufl. V, 1, S. 59. 

7; Ebendas. S. 260. — Mackenzie, der Celsus anführt, giebt merkwürdiger 
Weise nur den zweiten Satz desselben. Ganz richtig urtheilt er: Si Ton veut 
conserver ces expressions de müres et de non müres, il faut en changer la signi- 
fication .... On peut l'appeler müre, quand eile est complt^tement dcveloppee. 
(Malad, de l'üeil. Paris 18:i7. II. 392.) 

8) Die menschliche Linse hat einen harten Kern gegen das vierzigste Jahr; 
und hart ist jeder Star, wenigstens im Kern, jenseits des vierzigsten Jahres. Wird 
ein gertäumiger Schnitt in der Hornhaut angelegt und die Linsenkapsel ordentlich 
gespalten, so tritt bei sanftem Druck auf den Augapfel der Star aus, gleichgiltig, 
ob er lialbreif, ganzreif oder überreif ist. Die Sehkraft der unreif 
operirten Stare ist i. A. ganz ebenso gut wie die der reif operirten. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. Will. Kap. 1 9 



290 



XXIII. Hirschberg, 



§ 184. Plastik'). Nach Celsus wird ein Verfahren benannt, kleine 
Defekte durch seitliche Verschiebung zu decken. Es ist die »methode par 
glissement«, welche die Franzosen für sich in Anspruch nehmen. Celsus 
empfiehlt sein Verfahren zwar nur für Ohren, Lippen, Nasen; es könnte 
aber auch für das Lid verwendet werden. 

VII, c. 9 : Id quod curtum est in Den Defect in ein Viereck zu 

quadratum redigere, ab interioribus verwandeln, von dessen inneren Win- 
ejus angulis lineastransversasincidere, kein Querschnitte anlegen, welche den 
quae citeriorem partem ab ulteriore medialen Theil von dem lateralen (?) 
ex toto diducant; deinde ea quae sie vollkommen trennen; dann das, was 
resolvimus, in unum adducere. wir so getrennt haben, miteinander 

vereinigen. 



d. c 



Ji 

k k k 



Y Y r 



Fig. 



Erklärung der Figur. 

J. Vor der Vereinigung. 
abed, Defect. 

be und cf. die Querschnitte. 
B Nach der Vereinigung. 



Im Nothfall fügt er noch Entspannungs-Schnitte hinzu. — Uebrigens 
sagt er selber: Neque enim creatur corpus, sed ex vicino adducitur. 



§ 185. In des Celsus Werk finden wir ein Bild der Augenheilkunde 
aus dem ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung. 

Es ist wohl angebracht, hiernach einen kurzen Blick zu werfen auf 
den damaligen Zustand des ärztlichen Standes überhaupt-) imd der 
Augenärzte im besonderen. 

Der ärztliche Beruf wurde in Rom vielfach, vielleicht vorzugsweise, 
von Freigelassenen und Sklaven ausgeübt. Die freien Aerzte in Rom 
waren zum größten Theil Ausländer, Griechen und auch Orientalen, be- 
sonders Aegypter. Doch gab es auch gesuchte römische Aerzte, nament- 
lich unter den Leibärzten der ersten Kaiser. In den westlichen Provinzen 
wird die Mehrzahl der Aerzte nicht griechischen Ursprungs gewesen sein. 

Aerzte wurden von den Städten angestellt und bildeten in den 
größeren förmliche Collegien. Andre Aerzte fanden bei den Gladiatoren- 



^) Vgl. Paull. Aeg. vi. 26; Antyll. in Oribas. Collect, med. XLV. 21. Vgl. 
ferner Daremberg, Gaz. med. de Paris 1847, S. 105 ff., und seine CELSUS-Ausgabe 
S. 289; Zeis, plast. Chir. 18G7, S. 185; Vedrenes, Celsus- Ausg.. S. 674; Gurlt I. 
359; CzERMAK , die augenärztlichen Operationen S. 216, dem die Figur ent- 
nommen ist. 

2) Vgl. L. Friedländer, Sittengeschichte Roms, V. Aufl. 1881, I, 298 ff. lEine 
wahre Fundgrube.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alter thum. 291 

schulen, sehr viele bei den Truppen Anstellung. Bei der britannischen 
Flotte kommt sogar ein eigner Augenarzt vor']. 

Da es im Alterthum keine Prüfung und nur eine sehr beschränkte 
Verantwortlichkeit 2) gab, drängten sich viele unberufene zur Ausübung 
der Kunst. 

Die Einnahmen der gesuchten Aerzte waren recht hoch. Mcht immer 
ging es anständig zu. Zwar dem Arztfeind Plinius möchte ich nicht vollen 
Glauben schenken'^). Und Fabeldichter sowie Epigrammenschreiber 
haben zu allen Zeiten billige Witze über die Aerzte Ejemacht^). 



1) Ebendaselbst Bd. I, S. 301. Vgl. Grotefend, Stempel der römischen 
Augenärzte, S. 66. — Die hier erwähnte Stelle bei Grotefend lautet: »Das Diacinna- 
bareos des Docilas lautet bei Galenus, de compos. medicam. sec. loc. IV, 
Th. XII. S. 7S(i, nur Kiw/ßaptov, und zwar nennt uns Galenus an der angeführten 
Stelle nach dem KÜHN'schen Texte ein Kwvaßaoiov ä;io'j 6'.^%i'Kij.v/.o~j Stöäo>j Br,-- 
ravvf/.oij. (Das Weitere lautet übrigens: rp6; 7:£rjtߣßpiij|j.£vo'j; •/.m\)o\jc , •a'x/z/.zv/ä^ 
ö'.pft'y.Xfxia; , d-tT£-:a;j.Evo'j; -/.vtj^u.o'j; , yrjn'ä'^j.z, v.n.^i'JZiiL.] Die lateinische Uebersetzung 
giebt dies durch celebris ophthalmici Stoli Britannici wieder; Hr. Dr. Sichel über- 
setzt es: Stolus, oculiste britannique distingue. Ich halte beide Uebersetzungen 
für ganz verfehlt. BpsTawi-z-oO kann nur zu I-Osyj, nicht zu 'j'^)\'j}.<j.v/.r,\i gezogen 
werden ; an einen oculiste britannique ist also nicht zu denken. Allein auch die 
lateinische Uebersetzung muss verbessert werden. Der Name Stolus wäre jeden- 
falls ein ganz sonderbarer; dagegen ist der otö/.o; BosTotv-i/o:, die classis Britannica 
der Römer, durch die Inschriften bei Orelli 804, 3601 und 3603 ebenso gesichert, 
wie der Name Axius. (Vgl. Axii in Pauly's Realencycl. I, 2. 2202.) Ich schreibe 
demnach bei Galenus 'A;to'j und ctö/.o'j und übersetze: Axii, medici ocularii 
classis Britannicae. Wenn die Legionen, Cohorten, Reitergeschwader, ja die 
einzelnen Trieren ihre medici hatten, kann es nicht in Erstaunen setzen, für die 
ganze Flotte einen medicus ocularius zu haben; die Augenkrankheiten spielten 
einmal im Alterthum eine besonders große Rolle.« — Dies ist vielleicht die 
einzige, wirklich beglaubigte Verbindung zwischen römischem Militär und Augen- 
ärzten, die wir kennen. (Hirschberg, Centralblatt für Augenkrankheiten. Juli- 
August 4 888.) 

2) Etwas abweichend ist die klassische Geistesrichtung von unsrer roman- 
tischen. HiPPOKRATEs (über die Kunst, § 3, Littre VI, S. 6) verbot die Hand an- 
zulegen an die von den Krankheiten schon Besiegten. [<xr^ i-c/eioiei-/ roT^t -/.Ey-o'/TTj- 
[j.EVjt; 'j-ö TÜ)v voarj|j.ocTu)v;. 

Bei spätgriechischen Aerzten ünde ich öfters: -/.ay.oTjilc;, yp-?) '^eiSysiv, die 
Krankheit ist schlimm, man soll sie fliehen. Oder: ;«, Hepa-s'jj, eiot y«? "/■''jf/.o-rjftet:, 
behandle diese (Krankheiten) nicht, denn sie sind schlimmer Art. (Afex. 4 38, 
6, Z. 2.) 

3) Auf die berühmte Stelle »squamam in oculis potius emovendam quam 
extrahendam« komme ich noch zurück. 

4) Lessing (über das Epigramm, 7, IX. Bd., S. 09 der GöscHEN'schen Ausgabe, 
1867) hat einige Beispiele gesammelt. 

a. Anthol. gr. I. II, c. 22. Ilpi-,/ a'lvotXet'ii'xaDai, Ar,;j.oaTpaT£, yottp' [epöv cpiö; 
YÄT.k xaXav outoj; euzorroc sgti Akuv. O'j (j,6vov ä?ET'j'iXoJ3£v oX'jij.rr/.ov, a/JA oi ocjto^ 
eiy.ovo; rj; er/sv t« ßXscpap' i^sßaXev. »Bevor du dir die Augen einstreichen lässt, 
Demostratos, sag' Unglücklicher: »Lebewohl, o heiliges Licht!« So wohlbeschlagen 
ist dein Doctor Dion. Nicht blos geblendet hat er den Olympischen Sieger, 
sondern gleich dabei seiner Ehrenbildsäule die Augen herausgenommen.« 

b. Aesop's Fabeln 21. (In der Teubner'schen Ausgabe von Hahn, Leipzig 

19* 



292 XXIII. Hirschberg. 

Aber Ulpian') sagt ausdrücklich: wenn ein Arzt einen Augenleidenden 
durch schädliche Mittel in die Gefahr des Erblindens gebracht und ihn 
durch diese Gefahr bewogen habe, dem Arzt seine Güter unter dem Werth 
zu verkaufen; so solle der Statthalter der Provinz gegen diese böse That 
(incivile factum) einschreiten und die Rückerstattung veranlassen. 

Oeffentliche Vorträge über Heilkunde w'urden gehalten, aber der 
ärztliche Unterricht w^ar nicht geordnet 2). Die Kenntniss der Arznei- 
mittel hatte für die antiken Aerzte eine größere Bedeutung, weil Apotheken 
nicht existirten. Es gab Drogen-Händler. Diese verkauften aber vielfach 
Fälschungen. Galen verschaffte sich deshalb aus den Bezugsländern 
große Vorräthe aller wichtigen Heilmittel. Die officinellen Pflanzen 
w^urden auch, soweit es möglich, von Aerzten in eignen Gärten gezogen. 
Sehr wichtig war die Kenntniss der Bereitung der Arzneien, und eine 
Receptsammlung damals noch bedeutungsvoller für die Praxis, als heut- 
zutage. 

§ 186. Sonderfach und Heilkunde'^). 

In den hipp okra tischen Schriften wird die Vereinigung der in- 
neren Medicin und der Chirurgie als selbstverständlich behandelt und nie- 
mals in Frage gezogen. Die Alexandriner trennten zuerst die Wissen- 
schaft in drei Theile. Bald folgte die Trennung der Praxis. 

Celsls^) sagt in der Vorrede zu seinem Werk: lisdemque temporibus 
in tres partes medicina diducta est: ut una esset quae victu; altera quae 
medicamentis; tertia quae manu mederetur. Primam ot7.iTy)Tty.Y,v, secundam 
oaptxaxsüTixTjV, tertiam y3tpoupYr/.T,v Graeci nominarunt. 

Zunächst hielt man doch noch die Vereinigung für das bessere und 
erstrebensw'erthe, später begann man sie für schwierig oder gar für un- 
möglich anzusehen. 

Cicero^), de oratore, HI, 33: An tu existimas, cum esset Hippocrates 



4 889, F. 107, S. ö4;. Fpaü: y.ai taroo;. Die Alte und der Arzt. Eine augenleidende 
Alte berief einen Arzt, unter Honorar-Vertrag. Der kam und jedes Mal, wenn er ein- 
strich, und sie die Augen geschlossen hielt, stahl er eines von ihren Geräthen. Als 
er ihr alles fortgenommen und sie geheilt hatte, forderte er das bedungene Honorar; 
und, da sie Zahlung verweigerte, lud er sie vor das Gericht. Jene aber erklärte, 
das Honorar versprochen zu haben für den Fall, dass er ihr die Augen heile. 
Jetzt sei sie aber noch schlechter dran. »Denn vorher sah ich alle Geräthschaften 
meines Haushalts, jetzt aber kann ich nichts davon mehr sehen.« 
(Die folgende Fabel erzählt dasselbe noch ausführlicher.) 

1) lib. Opin. V. Dig. L. 13, 3. 

2) AuGusTus hat allerdings auf dem Esquüin eine schola (Halle) medicorum 
gegründet. 

3) Ueber die Verhältnisse bei den alten Aegyptern vgl. oben § 3. 

4) Ausg. V. Daremberg, S. 2, Z. 20. 

5) 106—43 V. Chr. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 293 

ille Cous, fuisse tum alios medicos, qui morbis, alios (jui oculis mede- 
lentur ? 

Celsus, zwei Menschenaltei" nach Cicero's Tode, spricht bereits von 
Sonderfächern in der Heilkunde, wie von einer ganz bekannten und ein- 
geführten Einrichtung; z. B. sagt er VI, G, 8 iD. S. 229): Euelpides autem, 
(|ui aetate nostra maximus fuit ocularius. 

Sein jüngerer Zeitgenosse Scribomus Largus (um 43 n. (Ihr.) empfiehlt 
eine Einreibung auf die Lid-Innenfläche, welche die von manchen Augen- 
ärzten (a quibusdam oculariorum) aufgegebenen Granulationen in wenigen 
Tagen beseitigt'). Auch erklärt er, wohl zu wissen, dass sein Gönner 
Callistus kluge Augenärzte (prudentes ocularios)^) besitze. 

Ein andres wichtiges Beweisstück finden wir bei demselben Scribox. 
Larg. ^): Multos itaque animadvertimus unius partis sanandi scientiä me- 
dici plenum nomen consecutos. 

Der Dichter Martial^) nennt eine Anzahl der damals (95 n. Chr.) in 
Rom berühmten Special-Aerzte: Casccllius zieht kranke Zähne, Hyginus 
brennt die den Augen schädlichen Wimperhaare aus. (Eximit aut reficit 
dentem Ca sc eil ins aegrum, Infestos oculis uris, Hygine, pilos.) 

Hieraus ersieht man, wie häufig derzeit zu Rom das Trachom gewesen 
sein musste. 

Zur Zeit des großen Galex, im 2. Jahrb. n. Chr., war die Trennung 
der ausübenden Heilkunde in verschiedene Sonderfächer, wenigstens zu 
Rom, in der Reichshauptstadt, bereits so vollständig durchgeführt, 
dass damals dort die inneren Aerzte der Operationen und Wundbehand- 
lungen sich gänzlich enthielten, und Galex selber dieser eingebürgerten 
Sitte sich fügen musste-^). In galenischen Schriften wird ausdrücklich be- 
richtet, dass es in den Weltstädten Rom und Alexandrien Aerzte gäbe, die 



•I) Ausg. V. Helmreich, S. 19. Z. 4. :XXXVII.; 

2) S. 19, Z. 17. (XXXVIII, 

3) S. 4, Z. 26. 

4) P. Valerii Martialis Epigraminatun libri E. F. G. Schneidewin, Lips. 1871, 
X, 56, S. 2'.1. 

5) Galen X, 454: (M. M. VI, 6.) Zusammenziehende Pflaster nach Schädel- 
Durchbohrung. £-£yjtpTjOoc f/äv zoTi 7.ai ctJtö; ot £[j.7.'jtov ZEtoaD-^voti tTj? toiciutTj; 
äfiuvÖ') '^ ^■^- ~'^'''^'Ji i'' 'A^fa y.aTctj.iivcx' oin-zr/vlini S'iv Pa);J-d ~ot -XEiaxa -w Tfji; -.6- 
).£(u: i%zi G'Jvr,7.o).'jUi)r,a7., -'jyj.ymr/i^'j^xi, rot; yziwjo^olt v.ct?.o'ja£vots la -Xeisra töjv 

TOtO'JTüJV irj'fm'i. 

»Ich hätte auch wohl selber für mich Versuche mit dieser Behandlung ange- 
stellt, wenn ich immer in Asien geblieben wäre. Da ich aber in Rom lebte, 
musste ich der Sitte der Hauptstadt viele Zugeständnisse machen und den so- 
genannten Wundärzten das meiste von diesen Dingen überlassen.« 



294 XXIII. Hirschberg, 

ihre Thätigkeit ganz und gar auf den Star-Stich beschränkten und darin 
ihr Auskommen fänden ^j. 

Das ist aber doch wohl ein ganz kleines Missverständniss des gelehrten 
L. Fbiedländer -), dass Galen (V, 846 fgd.) auch eine »besondei'e Specialität 
des Zusaiumennähens der Lider« genannt habe. 

Galen erklärt sich daselbst gegen die Specialisii'ung : 

OuOitc youv ouTcüc -/jÄiilioc ouo' sjxit^r/jxToc eoTi, 0? acpaiprjOcTai »xsv 
-r^c, latpixr^? tä; £ipr,jjiivac svspyei'ac, ocäXtjv oi xiva 7,ab' sxaoTTjV au-uJv 
£7:iorr|3£i Ti-/yr^v, tJtoi XTjXoToiiixrjv, wc vjv ovo|Aa!^ouoi tivs:, yj Aii)oxo[xr/.r,v 
Ti Tiapaxsv-rjTixTjV. 

»Niemand wird nun so albern oder verrückt sein, die genannton Thätig- 
keiten von der Heilkunde zu trennen, und für jede derselben eine andre Kunst 
zu creiren, also eine Kunst des Bruchschnitts, — wie sie heute heißt, oder des 
Steinschnitts oder des Star-Stichs. «... Alle Specialisten heißen Augen-, Ohren-, 
Zahn-Aerzte u. s. w. Wenn wir aber, weil einmal einer gut die Empor- 
nähung der Lider machen kann [y.ahGic, avotf^pa-rtov ta ßXscpapa), aber 
schlechte Recepte verschreibt u. s. w., alle diese Künste für grundverschieden 
ansehen wollen, so müssen wir mindestens 300 aufstellen. 

Ein Zeitgenosse des Galen, der Sophist Philgstratüs-'), urtheilt 
folgendermaßen: »Niemand kann die ganze Medizin umfassen; der eine ver- 
steht sich zumeist auf Verletzungen, der andre auf Fieber, der dritte auf 
Augenleiden, ein vierter auf Schwindsucht. < 

§ 187. Obwohl der naturgemäße Weg der Betrachtung von Celsds 
und dem ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung zu Galenus und dem 
zweiten hinüberleitet; so ist es doch erlaubt, da der Geschicht-Schreiber 
kein Chronist ist, und vielleicht sogar zweckmäßiger, im Anschluss an 
Celsus erst die übrige römische Literatur mit abzuhandeln, um dann die 
Bahn völlig frei zu haben für die Erörterung der späteren und spätesten 
griechischen Aerzte. 

Außer Celsus besitzen wir nur wenige und noch dazu mittelmäßige 
Schriften der Römer über Heilkunde. 



■1) Galeni(?) de part. art. med. lib. (spur). Ed. Lacunae, Basil 1571, S. 3^ : 
Romae, ubi artem ipsam medicam in membra innumera resecant: ita ut alios 
ocularios medicos vocent, alios auriculares, et eos etiam qui ani cristis medentui-, 
peculiari suo nomine appellent, totque in summa medicos faciant, quot sunt 
corporis humani particulae .... neque enim in oppido quodam exiguo posset 
quis victum sibi parare, qui tantum suffusiones pungeret oculorum, aut 
hernias incideret. Roma vero et Alexandria. prae mortalium in eis multitudine, 
possunt quemcunque alere, qui vel unicam tantum ex artibus his profiteatur .... 
punctoriam sufTusionum artem universae artis medicae partem existimabimus. 

Die Augenheilkunde ist es wieder, die als Haupt-Beispiel eines Sonderfachs 
gewählt wird, genau wie sie schon 600 Jahre früher von Herodot an die Spitze 
der Sonderfächer spätägyptischer Aerzte gestellt worden, 

2) Sittengesch. Roms I, 304. 

3) de arte gymnast., i 5 : 'IciTpt-/.T,v räoav ö ajTo; o-josi; av, akV o [asv pY)Y,u.aTOJV 
eiTTOt, ö o£ ;'j-H£vat Tr'jpexTOVTiuv, 6 ok rjo8a/.;j.ic6vTa)v, ö oi ci^taixwv b'[[''J-^i^^"' (ZTravTojv. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 295 

Bei Celsus sind einzehie Abschnitte langweilig, bei den andren Römern 
die ganzen Schriften. Wenn wir aber ein richtiges Bild der gesammten 
Entwicklung der Augenheilkunde haben wollen, können wir sie doch nicht 
mit Stillschweigen übergehen. 

1 . ScRiBONius Largüs war ein vornehmer, durcli Erfahrung und Er- 
folge berühmter') Arzt zu Rom unter den Kaisern Tiber ius und Claudius, 
und machte unter dem letzteren, 43 n. Chr., den Zug nach Britannien 
mif^). Bald danach schrieb er, auf Verlangen des allmächtigen Freigelas- 
senen C. Julius Callistus, eine Recept-Sammlung, theils nach eigner 
Erfahrung 3), theils nach Angaben seiner Freunde, seiner Lehrer, zum Theil 
nach der vorhandenen Literatur, einige auch von — alten Weibern. Die 
alten Ausgaben (Paris, et Basil., 1526, in der Sammlung des Stephamis 
1567, Patavii 1655, Argentor. 1786) brauchen wir nicht mehr zu citiren, 
da neuerdings unser Georg Helmreich eine vorzügliche, kritische Ausgabe 
herausgegeben hat'). 

Das Buch ist nur eine Recept-Sammlung, also ein J\achschlage-Buch 
für die Praxis, nicht eben interessant zu lesen. Sehr merkwürdig und 
beachtenswerth ist aber die Einleitung, die eine edle Sinnesart an den Tag 
legt^j und vernünftige, noch heute zu beherzigende Heilgrundsätze über- 
liefert. 

§ 188. Von den 271 Abschnitten oder Einzel-Vorschriften beziehen sich 
20 auf Augenkrankheiten, 

18. Ad conturbationes et epiphoi'as oculorum^) scio multa collyria, tametsi 
tarde, magnos tarnen effectus habere, sed nuUi collyriorum tantum tribuo, quan- 
tum lycio Indico ') vero per se. — Aber mindestens muss man vier bis fünf Mal 
am ersten Tage einstreichen, die Augen bähen und im Bad auch Kopf und Ge- 
sicht eintauchen. 



1, S. t, Z. 18, der HELMREiCH'schen Ausgabe (i) des Scribon. Larg. 

-2) c. les seines Werkes. 

3) c. 21 1. Harum conpositionum .... ipse composui plurimas et ad ea, quae 
scripta sunt, facientis scio; valde paucas ab amicis . . . 

4' ScRiBONu Largi conpositiones ed. G. Helmreich, Leipzig, iSS? (Teubner), 
123 S. 

5) S. ä, Z. M : tum praecipue in medicis, in quibus nisi plenus misericordiae 
et humanitatis animus est secundum ipsius professionis voluntatem, omnibus düs 
et hominibus invisi esse debent. S. 3, Z. 5: Scientia sanandi, non nocendi est 
medicina. 

15) Augen-Entzündungen ohne Eiterfluss. Epiphora bedeutet bei ScRiBONms 
fast dasselbe, was bei Celsus lippitudo, nämhch Ophthalmia. 

7) Nach Flückiger (S. 209) Gatechu, aus den indischen Bäumen Acacia 
Catechu und Ac. Suma: enthält Catechu-Gerbsäure und wird noch heute verwen- 
det, wenngleich nicht eben in der Augenheilkunde, und steht im Arzneibuch des 
Deutschen Reiches. 



296 XXIII. Hirschberg, 

2 1. Gegen frische Entzündungen des Auges : Indische Aloe ') 4 Drachmen^ 
Safran 2, Opium I, Gummi 4, Wegerich-Saft (phuilago) 3 Becher (30 üraehmen). 
Das Mittel ist frei von jeder Schärfe. 

22. Ebenso wirkt die SchöUkraut-Sulbe (dia glauciu)"''): Safran ü Dr., 
Sarcocolla») 10 Dr., Schöllki-aut-Saft 20 Dr., Tragacanth 5 Dr., Opium ö Dr. 

23. Wenn aber jemand mehrere Tage hindurch von Augenentzündung 
geplagt war, mit hartnäckiger Geschwulst, und nun der Schleim durch die Hitze 
der Augen selber zäher geworden, was am sechsten oder siebenten Tage der 
Krankheit einzutreten pflegt; dann passen die vorher von mir verworfenen 
metallischen Mittel, hauptsächlich das graue (cpotidv): geglühtes Kupfer, g. 
Galmei, je 12 Dr., gerösteter Spießglanz 12 Dr., Akacien-Saft 6 Dr., Bibergeil 
1/2 Dl'- 5 Myrrhe, Wurzeldornsaft ebensoviel, Gummi 18 Dr. 

Einige wenden es auch schon im Anfang an, mit durch Wasser verdünntem 
Eiweiß für sich, oder mit dem aschgrauen Collyr (a-ooia/dv): 

24. Traubenförmiger Galmei, auf einer Scherbe bis zur Gluth erhitzt und 
mit Falerner-Wein ausgelöscht, 40 Dr., samische Stern-Kreide'*) 80 Dr., ge- 
rösteten Spießglanz 2 Dr., alexandrinischen Gummi 20 Dr. Dies wirkt gut 
auch im Anfang, wenn reichliche Thränen fließen und lästige Bläschen vor- 
handen sind, oder wenn die oberste Haut des Augapfels leicht angefressen ist. 
Wenn das Geschwür rein ist, wird das Mittel mit Eiweiß verdünnt. 

25. Gegen schmutzige Geschwüre der Augen mit Krusten und gegen Car- 
bunkel wirkt gut und für sich allein der attische Honig, in einem kupfernen 
Gefäß aufbewahrt für zwei Monate: je älter, desto besser. 

26. Aber hauptsächlich dasjenige Collyr, welches das aus Myrrhe oder das 
wohlriechende oder das Athenippische genannt wird: Zinkblume ^) 8 Dr., 
geglühtes Kupfer 8 Dr., Sajran 4 Dr., Myrrhe 3 Dr., Narde 6V2 Di'-j Blut-Eisen- 
stein 2V2 Dl'' 5 weißer Pfeffer 10 Körner, Opium 1 oder '/o Dr., Gummi 10 Dr., 
verrieben mit Chier-Wein. 

§ 189. 27. Das papageigrüne Collyr^) hilft ganz besonders, wenn die 
Augen wie von Blut unterlaufen sind, und nur das mildeste Mittel vertragen 
wird: Safran 4 Dr., Galmei 4 Dr., Spießglanz 4 Dr., Opium 2 Dr., Gummi 
2 Dr., frisches, süßes Kraftmehl 4 Dr. 

Mit den genannten milden Mitteln heilen wir alle Augenleiden, die mit 
Schwulst und Schmerz einhergehen, und ferner mit den folgenden schärferen: 

28. Zum Aufhellen der Narben und gegen Körnerkrankheit') dient das- 



i] Aloe, der eingedickte Saft verschiedener Aloe-Arten, noch heute gebraucht, 
— nach Ewald, Arzneiverordnungslehre, 1892. S. -164 sogar zu Augenpulvern und 
Augensalben! — und in das Arzneibuch des deutschen Reiches aufgenommen. 

2) fXoiu-Atov, glaucium = Chelidonium glaucium. 

3) Von Penea sarcocolla L.? 

4) cretae Samiae quam vocant astera. Es ist aber keine Kreide, sondern ein 
Ffeifen-Thon, ziemlich reines, wasserhaltiges Aluminium-Silicat. 

5) Pompholyx, Zinkoxyd. 

6) collyrium psittacinum. Dieses Mittel hat Galen der Berücksichtigung ge^ 
würdigt (XII, S. 764: T//. tüjv 1v.(a{jwviou Adrj'jo'j xo 'imTdy.io'i). Man sieht, dass die 
griechischen Aerzte nicht völlig die römische Literatur verachteten, obwohl sie 
ihnen als populär galt. Aber Celsus wurde nie erwähnt. 

7) ad palpebras asperas. 



Geschichte der Augenlieilkuiide im Alterthum. 297 

jenige, das Viergespann') heißt, weil es aus vier Bestandtheihni, wie das 
Viergespann aus vier Pferden, besteht und ebenso schnelle Wirkung besitzt: 
(Jeglühtes Kupfer, Rinde des Weihrauchbanins, Aumion'sches Harz, Gummi, je 
i Dr., mit Regenwasser verrieben. 

29. Dies auf die Lider gestrichen, hilft bei den Augen-Entzündungen der 
Kinder und denen, die das Einstreichen nicht vertragen, gradeso wie die eigent- 
lichen Lidsalben (irspi'j^ptaTa): Sicilischer Safran I Unze, Gummi I Unze, mit 
Wasser verrieben zu einem Collyr. 

30, 31. Zwei ähnlich wirkende Recepte enthalten u. A. Alaun. Das eine 
liatte Augustus gebraucht. 

32. Gegen A'erdunklung und Kornerkrankheit (ad caliginem et aspritudineni 
ocnlorum) und trocknen Calarrh hilft das Krätzmittel (psoricum). 

33. Die Soldaten-Salbe (Stratioticum collyrium) gegen Verdunklung und 
Körnerkrankheit enthält Bleiweiß und Galmei. 

34. Die Träufel-Salbe'^) ist nützlich für die Frauen: Galmei \i Dr., Spieß- 
glanz 6, weißer Pfeffer 2, Misy 2, Grünspan'^) I y27 Kupferblüthe^j P/2, Gummi :'). 

35. Gegen Körnerkrankheit: Ammon's Harz und Grünspan. 

36. Gegen Kornerkrankheit und Schwiele, mit dem Spatel einzustreichen 
(»der auf die umgestülpte Lid-Innenfläche aul'zutragen : geglühtes Kupfer, Grün- 
span u. s. w. 

37. Gegen veraltete Kornerkrankheit und Granulation (Sycosis) imd harte 
Schwiele ein flüssiges Heilmittel, welches das (wilde) Fleisch entfernt ohne großen 
Schmerz: Myrrhe, Weihrauch, Safran, je 3 Dr., Misy 3 Dr., Kupfer-Erz (chal- 
citis) 6 Dr., mit scharfem Essig verrieben, mit einem Pfund Honig versetzt, in 
Kupfer-Schale über Kohlen erhitzt bis zur mäßig flüssigen Honigconsistenz und 
in einer Kupfer-Büchse aufgehoben. Wenn man es braucht, wird das Lid um- 
gedreht, und mit dem Heilmittel sorgfältig abgerieben bis zum Abthrän«n •'•) ; und 
wenn das Beißen aufgehört hat, muss man wieder das Lid umdrehen und so 
mit aufgedrücktem Daumen die oben aufschwimmenden Häutchen entfernen, die 
leicht folgen. Hierauf müssen die Kranken mit dicklicher Lösung des Asch- 
Collyrs bestrichen werden. 

Diese Behandlung beseitigt die langjährigen Schwielen und die 
von manchen Augenärzten schon aufgegebenen Granulationen in 
wenigen Tagen*). 

38. Gegen den Star (suffusio, uTTo/op-c.) ein flüssiges Mittel: Fenchel-Saft 
3 Dr., Opobalsam 3 Dr., Honig 3, altes Öel 3, Hyänen-Galle 1, Euphorbium I. 
Mit Wasser zu verdünnen. 

Zum Schluss wird angreführt, dass die vorher eenannten Collyrien bei Andren 



1) ap[Aot. 

2) Stacton = 'z-av.T'j'K 

3) aerugo. 

4) flos aeris = ävOo; ya/.y.oj. Vgl. § 138, KJ. 

5) delacrimatio. 

6) Wer nicht gewusst, dass die Kornerkrankheit bei den alten Griechen und 
Römern etwas ganz Gewöhnliches gewesen, braucht nur diese Stelle zu lesen. 
Am meisten erinnert dieser Satz des Sgribon. Largus an die Veröffentlichungen der 
Gebr. Keinig aus unsren Tagen. Jedenfalls finden wir liier bei Scribüx. Larg. die 
kräftigste Massage der Granulationen, so dass wir dieses Verfahren nicht als 
eine neue Erfindung ansehen können. Den lat. Text dieser Stelle siehe oben 
§ 75, B.) 



298 XXIII. Hirschbeig, 

gelegentlich eine etwas abweichende Zusanimenselzung sowohl nach Art als auch 
nach Gewicht der Bestandtheile darbieten; dass aber die genannten Formeln 
am meisten durch Erfahrung sich bewährt haben. 

ScRiBONius versteht von Augenkrankheiten ungelähr soviel, wie im Verhält- 
niss die heutigen Verfasser von Arznei-Yerordnungslehren oder Recept-Samm- 
lungen. Sein ehrliches Streben, seine Genauigkeit und Sorgfalt verdienen volle 
Anerkennung. 

Literatur zu Scribonius Largus. 

•I. Einleitung zu Helmreich's Ausgabe des Scribonius Largus, Leipzig 1887, 
p. III— IV. 

2. Choulant, Bücherkunde, S. 180. 

3. Schanz, Gesch. d. röm. Literatur I, S. 4G5, 1890. (Im Handb. der Alter- 

thumswissensch. v. I. v. Müller, Band VIII. I u. 2. 

§ 190. An den Scribonius Largu.s schließe ich die verschiedenen Recept- 
Sammlungen an, die uns aus spätrömischer Zeit einhalten sind, die einzigen 
Ueberbleibsel römischer Beschäftigung mit der Heilkunde. 

Der dürftige Inhalt wird uns wenigstens in neuen bequemen Ausgaben 
dargeboten. 

Theodori Prisciani Euporiston libri III .. . oditi a Valentino Ro,se, Leipzig, 
Teubner, 189 4. 

Priscian war Archiateri), lebte gegen Ende des 4. Jahrb. und verfasste, 
außer griechischen Veröffentlichungen, die nicht auf uns gekommen, in schlechtem 
Latein ein Buch über Hausmittel, dessen XII. Abschnitt (S. 3 2 — 43), de oculorum 
causis, von den Augenkrankheiten handelt. 

Ich will nur erwähnen, dass er von eigner Behandlung der Körnerkrank- 
heit spricht und von der Tagblindheit. 

39. Asperitatis vitiis laborantes sie curare consuevimus. alium (Knoblauch) 
accipimus, in cuius encardio bacula spathomelcs (der Knopf der Sonde) occuita 
postquam ex eo . . . sucum rapuerit, inunguimus. 

40. Nyctalopes vero, qui per noctem vident et per diem obscuritatem 
patiuntur, sie curandi sunt, accipies hirci jecur . . . 

Die Augen-Entzündungen nennt er commotiones, perturbationes, reumata. 
Noch dürftiger sind in der Heilkunde des sogen, Plin. Secund. '^) (ed, Val. 
Rose, Leipzig 1875) die zwei Kapitel von den Augenkrankheiten. 

§ 191. Durch das Verdienst desselben Herausgebers der Vergessenheit"^) 
entrissen ist 



1) Leibarzt, c/.oyiaTpo;. 

Von diesem Wort stammt das deutsche »Arztv;. 

2) Vgl. V. Rose, Hermes, Zeitschr. f. klass. Phil., VIR, S. 18—66. 

Eine aus dem 4. Jahrh. n. Chr. herrührende Schrift Medicina Plinii, wohl 
hauptsächlich aus der naturalis historia zusammengestellt, liegt hier in einer 
dem 6. oder 7. Jahrh. angehör.enden populären Bearbeitung vor. 

Plinii secundi quae fertur una cum Gargili Martialis medicina nunc 
primum edita a Valentine Rose, Leipzig, Teubner 1875. 

3) Dem IsiDORUS Hispal. (um 599 n.Chr.) und den Salern itanern (im 11. und 
12. Jahrh. n. Chr.) war Cassius bekannt gewesen und wurde von Simon Januensis 
(1300 n.Chr.) in seinem med. Lexicon citirt. Die genaueren Literatur-Nachweise in 
Rose's Ausg., p. IV. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 299 

Cassii Felicis de inediciiia ex (Iraecis logicae sectae auctoribus liber 
translatus') sub Artabure et Calepio consulibus (447 n. Chr.)'^), nunc priuium 
editus a Valentino Rose. (Leipzig, Teubner, 1879.) 

Der unselbständiü;e Charakter der Schrift erhellt schon aus dem Titel. 
Von ihren 82 Abschnitten ist der 29. den Augenleiden gewidmet. 

C. beginnt mit den Grundsätzen, welche Hippokbates in seinen Aphorismen 
ausgesprochen, und sucht für dessen einzelne Vorschriften die verschiedenen Fälle 
auszuwählen; ja er macht den Versuch, die Hauptzeichen der Augenentzündung 
auizuzählen : Schmerz, Anschwellung, Absonderung (reumatis incm-sus). 

Er beschreibt die üblichen Bähungen, Umschläge und Collvrien und ihre 
Anzeigen, besonders eolljrium dia rodon de septuaginta duabus (aus 72 Drach- 
men), c. dia libanu, c. cycnos (aus Galmei, Bleiweiß 16 Di\, Mehl, Opium, 
Tragant je 8 Dr., Akacien-Saft und Gummi 4, Regenwasser, soviel nötbig) 
gegen Hornhautgeschwüre und Hjpopyon. 

biteressant ist seine Behandlung der Kalkverbrennung und des Trachoma 
(S. Dö): A. ad eos quibus calx viva in oculis ceciderit. quoniam si aqua foveas 
magis incenduntur, ideo oleum rosaceum cum ovi albo et tenui commiscebis et 
oculis jugiter'^) infundes. 

B. Ad trachoniata id est asperitates palpebrarum et ad sycosin, quam 
nos ficitatem dicinius, si quidem similis granis fici in palpebris asperitas 
reperiatur. in curationibus vere pumice aut osso sepiae molli hoc est 
detracto cortice, et diligenter formato versatoque palpebro easdem asperi- 
tates sufficienter fricabis donec sanguinentur , tunc penicillo posca frigida 
expresso^j diligenter deterges vel desiccabis. post haec et collyrio tracho- 
matico uteris, quod apellant paedicon id est puerile, siquidem et infantibus 
conveniat. ad reumata et trachoniata bene facit, si cum aqua resolves et 
crassius sub palpebro inungues sive sub ciliis quod Graeci ex hypoboles^) 
vocant. miraberis hoc factum, recipit autem cadmiae purgatae dr. XXIII, 
chalciteos combustae donec rubea efficiatur dr. XII, opii et aeris usti dr. IUI, 
cummi dr. X, aquae caelestis quod suffecerit. 

1 ) Da Cassius die b e iden Sprachen wie lebendige beherrschte, so haben seine 
Uebersetzungen der griechischen Kunstausdrücke für uns besonderen Werth, z. B. 

amblyopia id est obtunsio visus. 
hypopia id est livores palpebrarum. 

hyposfagma id est suffusio sanguinis ex percussu in oculis facta, 
torpor sensus, quem Graeci narcen tes esteseos vocant. trachoniata id est 
asperitates palpebrarum. 

2) Drei Cassii giebt es, die häufig miteinander verwechselt worden sind: 
^ . Der von Celsus in seiner Vorrede als ingeniosissimus saeculi nostri medicus 
erwähnt; 2) Cassius Jatrosophista, Vf. der ~po\iXri[j.^j.ra, der wohl jedenfalls nach 
dem ersten lebte; 3) Cassius Felix, um 447 n.Chr. 

:V; Fortwährend. — Die gleiche Behandlungsweise bei Aütius VII, c. 18. 

'ij Mit einem Schwamm, der in kalte Limonade getaucht und ausgedrückt 
ist. Wir haben hiermit die genaueste Beschreibung der »Ophthalmoxysis«. 

ij £; 'jzofjo/.f,; heißt unter das Lid, wörtlich mit Unterschieben. So auch 
Oribas. (p. i)19 A. V. Matth.) und Leo HI, 8 (Anecd. gr. ed. Ermerixs 1840), wo 
aber der gelehrte Herausgeber irrig übersetzt »aliis delicientibus«. 



300 XXIII. Hirschberg, 

Wenngleich ilas ganze Werk des (Iassius nach seinem eignen Geständ- 
niss nur aus griechischen Büchern (für seinen Sohn) zusammengeschrieben 
ist, so folgt doch zweifellos aus dem Satz miraberis hoc factum, dass 
er aus eigner Erfahrung und Beobachtung das beschriebene Mittel und 
folglich auch die Krankheit Trachoina kennen gelernt hat. 

§ IQ'S. Nahezu gleichzeitig, näujüch nur um ein Menschenalter der 
Schrift des Cassius Felix voraufgehend, ist das (wahrscheinlich um 408 n. 
Chr.) verfasste Werk Marcelli de medicamentis liber, das von G. Helmreicii 
(Leipzig, Teubner, 1 889) neu und kritisch herausgegeben ist. 

Marcellus, in den älteren') Ausgaben Empiricus genannt, zu Bordeaux 
geboren (M. Burdegalensis) , Ober-Apotheker (e magistro officiorum) des 
Kaisers Theodosius I., hat in dem elenden Latein seiner Zeit die gegen die 
Krankheiten vom Kopf bis zum FuB ihm nützlich erscheinenden Arznei- 
mischungen und Hilfsmittel auseinandergesetzt. Das W^erk enthält 28 Ab- 
schnitte, von denen der 8. die Augenheilmittel enthält (S. 58 — 93) : 

Yin. Ad onuies et multiplices oculorum dolores collyria et rcmedia 
diversa, etiam physica'^) de probabilibus experimentis. 

Der biedere Marcellus hat den erfahrenen Scriboniüs tüchtig 
geplündert; denn der Anfang der Erörterung über die Augenmittel stimmt 
bei beiden wörtlich überein •'). 

Die alten Collyrien, die wir schon mehr als genügend kennen, werden 
mit ihren bekannten Namen wiederholt und einige neue hinzugefügt, in 
denen zum Theil die reichliche Beimischung von narkotischen Mitteln 
bemerkonswerth scheint. 



1) Basel 1536 und Inder SxEPHAN'schen Sammlung {'1367). 

2) Bei den spätgriechischen Aerzten ist. wie schon oben §124, N. 1 erwähnt, 
cp'jai-/.öv (cfäp[j.c(7.ov) ein sympathetisches, zauberhaftes Mittel, gegenüber dem 
rationellen. 

Im Aberglauben haben die Römer stets die Griechen übertroffen; das 
Christenthum hat daran nichts geändert: Marcellus ist ebenso abergläubisch, wie 
Plinius. Bei Marc, heißt es »Ad lippitudinem inter principia sedandam in char- 
tam virginem scribe o'jßvt-/. et . . . collo lippientis innecte«. '>Qui ciconiae pullum 
elixatum comederit, negatur multis annis continuis posse lippire. — Ne anno per- 
petuo lippias, cum primum cucumerem nanctus fueris. in fontana aqua eum per 
triduum esse in vasculo mundo permittes, deinde oculis adapertis faciem tuam 
ex aqua fovere curabis.« Es ist interessant, hiermit die folgende Stelle des Pli- 
nius zu vergleichen (nat. h. XXVII, S. 80, 103): »Tradunt Aegyptii, mensis quem 
Thoti vocant die XXVIII fere in Augustum mensem incurrente si quis hujus her- 
bae (myosotidis) suco inunguatur mane priusquam loquatur, non lippiturum eo anno.< 

Eine andre Anmerkung über Augen-Entzündung in Aegypten siehe § 127. 

3) Da Marc. Ober-Apotheker war, musste er die Arzneimittel wohl kennen. 
Deshalb wollen wir beachten: atrainentum sutoricium, i. e. chalcanthurn viride 
cyprinum, tundes: also war es eine feste Masse. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 301 

S. 62: Collyriuin, (luod ad omiicm epiphoram et iiKiuielationein et 
tumorem facit sedando sine dolore, accipit haec: Pompholygis Dr. 8, 
cicutae suci aridi, id est siccati Dr. 0, Opi Dr. 4, mandrasorae suci aridi 
Dr. 5. '), acaciae Dr. 6, cumis Dr. 5, teritur ex coriandri lenero siico. 

Zum ersten Mal in der römischen Literatur erwähnt wird hier Mone- 
nierum"^) collyrimn quod dolores in impetu statini tollit. (Aus Kupfer, Hammer- 
schlag, Blut-Eisenstein, Opium, Gummi.) 

Es wird genügen, die Titel der Unter-Abschnitte milzutheilen: Ad epi- 
phoras et lippitudines oculoruni remedia . . . diversa. XerocolIjTia et 
remedia physica diversa ad xerophthalmiam et caliginem et aspritudinem 
detergendam. Ad vulnera nlceraque et cicatrices atque carbunculos crustasque 
ocnlorum et glaucomata at(|ue albugines detergendas et palpebras componen- 
das collyria et remedia de experimentis physica et rationabih'a diversa. 

Item ad ocnlorum causas r<'media physica et rationabilia diversa, i. e. 
oculis ictu laesis et si quid subito eos fuerit ingressum et adversum mole- 
stias pilorum et ad aegilopas et ad nyctalopas et ad varulos id est hordeolos 
oculis infestos, bis additae infra collyriorum diversorum confectiones. 

i^ 193. Die Stempel der römischen Augenärzte 
haben, als Stein-Inschriften im kleinen, die Aufmerksamkeit der Sprach- 
und Alterthumsforscher ') im höchsten Maße gefesselt; aber für die Ge- 
schichte der Augenheilkunde sind sie nur von untergeordneter Bedeutung. 

Seitdem man die Reste der antiken Welt genauer sammelt und bucht, 
vom Anfang des 17. Jahrhunderts an bis auf unsre Tage, hat man in 
immer wachsender ZaliH), die jetzt auf 200 gestiegen ist, Collyrien- 
Stempel römischer Augenärzte aufgefimden und beschrieben. 

Es sind in der großen Mehrzahl viereckige Täfelchen'') aus Serpentin, 
Nephrit oder Schiefer, an deren schmalen Seiten''), meistentheils in allen 
vieren, eine zweizeilige (gelegentlich auch einzeilige) Inschrift in lateinischer 
Sprache') sich befindet, welche den Namen^) eines Augenarztes, das 



1) also Atropin! 

3) Jedoch nicht aller. Das Handbuch der klass. Alterthumswiss. von I. v. 
Müller I. Band, S. 702, II. Aufl., München -1892) fertigt den Gegenstand in 
2'/2 Zeilen ab. 

4) Vgl. die Literatur-Uebersicht (§ 194), wo die wachsende Zahl hinter dem 
Titel der einzelnen Veröffentlichungen (in Klammern) angeführt ist. 

5) z. ß. 31 mm Seitenlänge, 9 mm Dicke. 

6) Auf den breiten Flächen finden sich gelegentlich Buchstaben oder Zeichen, 
um die Unterscheidung der 4 Inschriftseiten zu erleichtern; gelegentlich auch eine 
flache Aushöhlung, um das Collyr zum Gebrauch zu verdünnen und zu verreiben. 

7) 1879 hat man zu Arles einen Stempel in griechischer Sprache gefunden. 

8) ö von 200 sind ohne Namen, 17 mit 2 (oder 3). 



302 XXIII. Hirschberg, 

Mittel, mitunter auch dessen Anwendungsweise und Anzeige angiebt, aucli 
wohl einmal ein preisendes Beiwort des Mittels hinzufügt. 

Der Name des Arztes wird meist mit praenomen, nomen luid cognomen 
(Vornamen, Familiennamen, Zunamen) angeführt und steht nach der Natur 
der Sache stets im Genitiv. Manche der Namen stimmen mit solchen 
überein, die von den alten ärztlichen Schriftstellern oder auf Inschriften') 
genannt werden. Ob aber durch Inschrift und Stempel dieselben Personen 
bezeichnet sind, ist zweifelhaft. 

Aus der Form der Buchstaben, der Orthographie und den Namen der 
Aerzte hatte Grotefend (12) zuerst geschlossen, dass sie aus dem ersten und 
zweiten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung herrühren 2); doch be- 
lehrten ihn spätere Gräberfunde mit Münzen des Kaisers Gallienus (253 — 268 
n. Chr.), dass eine Anzahl der Stempel bedeutend tiefer hinabreichen muss. 

Die Namen der Augenärzte lassen auf Freigelassene schließen. Da- 
mit stimmt überein, dass die Zunamen zur Hälfte griechischen Ursprungs 
sind. (Alexander, Barbarüs, Docilas, Satyrus und andre.) 

Ein andrer Theil der Namen und Zunamen ist keltischen Ursprungs, 
Arioyistüs, DivixTis u. a. Auch die Eigenthümer dieser Namen können 
nur von niedrer Herkunft gewesen sein. 

Dass diese Steine wirldich zum Stempeln von Collyrien dienten, 
folgt mit Sicherheit daraus, dass die Buchstaben in Spiegelschrift ge- 
schnitten sind, so dass sie erst im Abdruck die richtige Lage erhalten. 

Die längliche Form der Inschriften erklärte sich, als man zu Rheims 
Reste römischer Collyrien entdeckte: dieselben waren 6 — 8 mm breite, 
längliche Stäbchen. 

Die Fundorte der Stempel vertheilen sich auf die nordwestlichen Pro- 
vinzen der römischen Reiche, Gallien, Germanien, Britannien. Man 
hat zuerst angenommen 3), dass die Augenärzte, welche die Collyrien ver- 
kauften, die römischen Heere begleiteten. Das ist unhaltbar. 

Grotefend meinte, dass die weniger gewitzten Provinzialen leichter 
anzuführen waren, als die schlauen Italiener. Auch das ist nicht annehmbar. 
Soviel ist sicher, dass den griechischen Aerzten der Gebrauch der Collyrien- 
Stempel mit dem Namen des Arztes fremd geblieben^) ist. Dr. Lambros 



1) H. d. ViLLEFOSSE und Thedenat (18) haben -19 (Grab-;Inschriften aus 
Rom und italienischen Städten gesammelt, auf denen Augenärzte genannt werden. 
Die meisten waren Freigelassene, einer ein Sklave. 

Der Augenarzt heißt auf den Inschriften meist medicus ocularius, einmal m 
ocularis, zweimal m. ab oculis, einmal chirurgus ocularius. 

2) A. Hirsch S. 253 : »zum Theil schon aus der vorchristlichen Zeit«. Das 
ist ein Irrthum. 

3) Sichel (15), S. 295. 

/i) Allerdings spricht Galen von des An t ig onus Safran-Collyr, das mit einem 
Löwen gestempelt wurde. (Galen XII, 773. Vgl. oben §146.) 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 303 

in Athen, der alles gesammelt, was auf die antike (Chirurgie der Griechen 
sich bezieht, hat kein einziges Exemplar gefunden. 

Auch den römischen Aerzten blieb der Gebrauch der Collyrien-Stempel 
fremd. Kein ärztlicher Schriftsteller spricht davon. Kein einziges 
Exemplar ist in dem seit Jahrhunderten von den Archäologen durchfurchten 
Boden Italiens gefunden worden '). [Heron de Villefosse und Thedenat ^18).] 

Mit Schuermans liält Deneffe (I 9) die Collyrien-Stempel für einen Gebrauch 
der gallischen Augenärzte. 

Gegen das Ende des 2. Jalnhimderts n. Chr. war die Provinz Gallien 
organisirt und mit lateinischer Bildung durchtränkt. Damit wuchs in Gallien 
die Vorliebe für Inschriften. Die gallisch- römischen Augenärzte kannten, 
als geschickte Geschäftsleute, die Macht der Reklame und setzten ihre Namen 
auf die CoUyrien. 

Die Mode hatte, wie vieles andre, eine beschränkte Dauer. Sie begann 
gegen Ende des 2. und endigte im 4. Jahrhundert n. Chr. [H. d. A^ille- 
FOSSE und Thedenat (18).] 

Im Mittelalter spricht man nicht davon. Erst 1606 n. Chr. fand und 
erkannte Bau hin den ersten Augenarzt-Stempel in den Ruinen von 3Ian- 
deure (Epomanduodorum) bei Mömpelgard. 1678 beschrieb Jean Ssiet in 
seinem Buche über die Alterthümer von Nimwegen (antiquitates Neomagenses 
p. 98) zwei weitere Exemplare. Von 1606 bis 1816 hat man im ganzen 
41 gefunden. Jetzt kennt man 200. 

Sie enthalten übrigens die aus den griechisch-römischen Schriften ge- 
nügend bekannten Collyrien. 

Die Namen der Krankheiten sind häufiger lateinisch (lippitudo, cica- 
trices, caligo); gelegentlich aber griechisch (diatheses). 

Nur ausnahmsweise steht hinter dem Namen des Arztes medicus, aber 
niemals ocularius. 

Und doch sind wenigstens diejenigen Stempel-Besitzer wohl Augen- 
ärzte gewesen, in deren Grab man neben den Stempeln augenärztliche In- 
strumente gefunden. [Deneffe (19)]. Einer geberdet sich wie die nicht- 
ärztlichen Marktschreier des heutigen Tages, indem er ein Collyr verkauft^ 
ad quaecunque delicta a medicis. 

Einige Beispiele der Stempel-Inschriften mögen genügen, aus Grotkfend : 

4. Gefunden zu Bavay, Döp. du Nord: 

L- ANTONI- EPICTETI II DIALEPIDOS- AD- DIA. 

L- ANTONI- EPICTETI II STACTVM- AD- CLA. 

L- ANTONI- EPICTETI II DIAMISYOS- AD- C. 

L- ANTONI- EPICTETI II DIAPODON- AD- IMP. 



-1) Die seltenen Exemplare der italienischen Sammlungen stammen nicht 
aus Italien. 



304 XXIII. Hirschberg. 

Die erste Inschrift heißt: Lucii Antonii Epicleli dia lepidos ad diatheses, 
des Luc. Ant. Epict. (CoIInt)^) aus Hammerschlag gegen Augenkrankheiten. 
Die zweite Inschrift: L. A. E. stactum ad claritatem »des L. A. E. Träufel- 
Salbe zur Stärkung der Sehkraft«. Die dritte: L. A. E. dia inisyos ad 
cicatrices, »des L. A. E. (Collyr) aus Misy gegen Narben«. Die vierte: L. 
A. E. diarrhodon ad inipetum (lippitudinis), »des L, A. E. Rosensalbe gegen 
den Anfall der Augenentzündung«. 

7. Gefunden zu Karlsburg in Siebenbürgen. 

T- ATTI- DVIXT- NAR il DINVM- AD- IMP- LIP. 
T- ATTI- DIVIXTI- DIA II ZMYRNES- POST- IMP- LIP. 
T- ATI- DIVIXTI- DIAMI II SVS- AD- VETERES- CIC. 
T- ATTI- DIVIXTI- DIA II LIBANV- AD- IMP- EX- oVo. 

1. Titi Attii Divixti nardinum ad impetum lippitudinis, »des T. A. D. 
Collyr aus Narde gegen den Anfall der Augenentzündung«. 

2. T. A. D. dia suiyrnes post impetum lippitudinis, »des T. A. D, 
Collyr aus 3Iyrrhe, nach dem Anfall der Augenentzündung«. 

3. T. A. D. dia misyos ad veteres cicatrices, »des T. A. D. Collyr aus 
Misy gegen alte Narben«. 

4. T. A. D. dia libanu ad impetum ex ovo, »des T. A. D. Collyr aus 
Weihrauch gegen Augenentzündung, mit Eiweiß zu verreiben«. (Auf andren 
steht »ex ovo ter« d. h. drei 3Ial am Tage.) 

§ 194. Literatur. 
A. Aeltere. 

1. Caylus, recueil cfantiquiies egyptiennes, etrusques. grecques, romaines et 

gaules, Paris 1752—67, I Band, S. 225 fgd. 

2. Walch, Sigillum medici ocularii Romani nuper in agro Jenensi repertum 

. . . ., accedunt reliqua sigilla .... Jena 1763. 

3. Derselbe, Antiquit. med. select., Jena 1772. 

4. Saxius, de veteris medici ocularii gemma sphragide, prope Traject. ad Mosam 

nuper eruta. Alii simul XVIII ejus generis lapilli, quotquot adhuc in noti- 
tiam hominum venerunt, recensentur. Trajecti ad Rhenum, 1774. 

5. Goughs, Obs. on certain stamps or seals used anciently by the oculists, 

Archeol. IX, 227. 
a. Tochon d'Annecy, Dissertation .. . sur les pierres antiques qui servaient de 
cachets aux medecins ociilistes (30), Paris 1816. 

7. Sichel, cinq cachets inedits de medecin-oculistes romains (47). Gazette med. 

de Paris 1845, N. 38 und 39. 

8. Duchalet, Observ. sur les cachets des med. oculist. anciens (52). Mem. des 

antiquaires de France, XVIII, S. 159 fgd., 18 46. 

9. Way's notice on a stamp nsed by a Roman oculist, discovered in Ireland, 

Archeol. journ. VII. 



1) Dies selbstverständliche Wort steht nur ganz ausnahmsweise auf den 
Stempeln, z. B. N. 60, Grotefend (16): Col. dia lepidos. 



Geschichte der Augenheilkunde im Altertnum. 305 

10. Simpson, notices of ancient Roman medicine-stamps, found in Great- 

Britain, Monthly journ. of med. Science, Jan. u. März 1801. (Uebersetzt in 
Annales d'ocul. XXVI, I83i.) 

11. Schreiber, Ueber die Siegelsteine alter Augenärzte, Mitth. d, bist. Vereins 

f. Steiermark VI, S. G3. 

12. Grotefend, ein Stempel eines römischen Augenarztes, Epigraphisches I, 

Hannover 1837. 

B. Neuere. 

13. Grotefend, die Augenarztstempel (86) Philolog. XIII, S. 122. 

14. Dr. P aris (Angouleme). Sur un cachet d'oculiste recemment d^couvert. Annal. 

d'Ocul. LVI, S. ^8, 1866. (Ist ein Plagiat! Vgl. ebendaselbst S. 98.) 
lö. Sichel, Nouveau recueil de pierres sigillaires d'oculistes romains (112). Annal. 
d'Ocul. LVI, 1866, 97—132 und 216 — 297. 

16. Grotefend, die Stempel der röm. Augenärzte (111), Hannover 1867, 134 S. 

17. J. Klein, Bonner Jahrbücher LV, 1873, S. 93 fgd. 

18. A. Heron de Villefosse et H. Thedenat, cachets d'oculistes romains, 

Tom. I. Paris 1882, 210 Seiten. 

19. Deneffe, Les oculistes gallo-romains au III'"e siecle Anvers 1896, 183 S. 

20. Esperandieu. recueil de cachets d'oculistes romains. Paris 1894. (199.) 

§ 195. Wif künnen die römische Literatur nicht verlassen, ohne zum 
Schluss zweier Werke zu gedenken, von denen das eine von einem Ency- 
clopädisten, Plimls, und das andre von einem Dichterling, Quintus Serenls, 
verfasst ist. 

C. Plinius Sccundus^j, 
geboren 23 n. Chr. zu Gommii novmii (Como in Oberitalien), Reitergeneral, 
Gouverneur (Procurator) in Syrien und Spanien, zuletzt Admiral der Flotte 
zu Misenum, fand beim Ausbruch des Vesuvs (79 n. Chr.) seinen Tod. 

Plinius war einer der eifrigsten Bücher-Leser des Alterthums. Das 
Lesen hinderte ihn förmlich am Beobachten und Urtheilen. Stets ' machte 
er sich Auszüge. Daraus erwuchs seine naturalis historia, eine Encyclopädie 
der Naturwissenschaften, mit ihren Anwendungen auf Erdkunde, Heilkunde 
und Kunstübung. Im Jahre 77 war das Werk in 36 Büchern fertig gestellt; 
doch machte er bis zu seinem Tode noch Zusätze und Umänderungen, so 
dass nachher sein Neffe, der jüngere Plinils, die Schlussbearbeitung für 
die Herausgabe (in 37 Büchern) vornehmen musste^). Es ist ein gewaltiges 
Unternehmen, aber ein »Studirlampen-Buch«. Des Schriftstellers Quellen sind 
die todten Bücher, nicht die lebendige Natur. Das Werk wimmelt von Fabeln. 

Für uns kommen hauptsächlich in Betracht Buch 20 — 27, Heilmittel 
aus dem Pflanzenreich; Bucli 28—30, Heilmittel aus dem Thierreich; ein- 
zelnes aus Buch 33 — 37, Mineralogie und Metall-Bearbeitung. 



1) Schanz, röm. Literaturgesch. II. Th. S. 450— 439. München 1892. (Handb. 
d. klass. Alterthums-Wissensch. h. v. I. v. Müller, VII. Band.) 

2) Ausgaben: 1. Von Sillig, Gotha 1833 — 1833, in 8 Bänden, von denen die 
beiden letzten die Indices enthalten. 2. Von L. Jan, Leipzig 1854 — 1863, in neuer 
Bearbeitung von Mayhoff. (1875 — 1898, in 6 Bänden, von denen der erste noch 
nicht erschienen ist. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 20 



306 XXIII. Hirschberg, 

Die zahlreichen Bemerkungen zur Anatomie, vergleichenden Anatomie, 
Entwicklungsgeschichte und Physiologie des Auges, Anekdoten über die Augen 
römischer Kaiser und Fabeln übergehe ich, ebenso wie seine schier unzähligen 
Recepte zur Stärkung derSehkraft und gegen Krankheiten des Sehorgans. 

Nur die letzteren führe ich dem Namen nach an, um zu zeigen, wie 
groß der Zeit der Besitzstand auf diesem Gebiet für einen Mann, der aus 
tausend Büchern geschöpft hat. 

§ 196. Die Gardinalsymptome der (Augen-) Entzündung werden als 
gesonderte Krankheiten behandelt. 

1. oculorum rubor 32, 71. 

2. oculorum tumor 29, 127 u. a. a. 0. 

3. oculi urentes 29, 39. (calor.) 

4. oculorum dolores 23, 85; 29, 117 u. a. a. 0. 

Ferner 5. oculorum Impetus (Entzündungs-Anfall) 20, 16. 6. oculorum 
inflammatio 21, 137; 23, 111 u. a. a. 0. 

7. lippitudo 28, 170; 28, 130 u. a. a. 0. 

8. lemae in oculis 23, 49; oculorum gramiae 25, 155. (Augenbutter.) 

9. oculorum epiphorae 35, 118; 20, 164 u. a. a. 0., sowie oculorum 
fluctiones 27, 74. (Kerato-iritis.) 

10. oculi cruentati 28, 76. — ocul. ex ictu cruor 25, 144; oculi cruore 
subfusi sugillative 31, 100. — oc. sugillati 32, 74. 

11. oculi contunsi 29, 125. 

12. oculorum adustiones 28, 65. 

13. oc. ulcera, ex ebrietate 14, 142. 

14. oc. argema 29, 128; 22, 159 u. a. a. 0. (Phlyktaenen.) 

15. oculorum pusulae 23, 70. (Pusteln). 

16. squama in oculis 29, 21; 32, 71. (Hornhautnarbe.) — oc. cica- 
trices 34, 105; 32, 87; 21, 167 u. a. a. 0. 

17. oculorum albugines 34, 105; 29, 132; 28, 167 u. a. a. 0. — 
pupillarum albugines 29, 124. 

18. culices (Mücken), nubeculae, obscurationes (Hornhautflecke) 
25, 142. 

19. procidens pupula 23, 70. (Irisvorfall.) 

20. puj)illae binae VII, 16. (Doppel-Pupille.) 

21. plumbum in oculo 25, 152. (Bleigraue Verfärbung. Sclerit.?) 

22. oculorum pterygia 28, 171; 24, 110 u. a. a. 0. 

23. palpitatio 32, 132. (Lidkrampf und Zucken.) 

24. excrescentia in oculis 28, 95; excrescentes carnes in oculis 31, 
99; oculorum carnes supervacuae 32, 69. (Trachoma.) 

25. oculorum prurigines 28, 71. — oculorum scabrities 34, 109 u.a. 
a. 0. (Blepharitis). 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 307 

26. oculorum anguli exulcerati 22, 109; anguli erosi 24, 126. 

27. oculorum pili inutiles 28, 139; 35, 180; 32, 70. (Haarkrankheit. 

28. palpebrae non coöuntes 23, 79. (Lidlähmung, Lagophlhalmus.) 

29. oculorum lacrimatio 33, 'j'13; 25, 156 u. a. a. 0. 

30. syce et epinyctis, ulcusin angulo perpetuo umore manans,20, 44 '). 

31. aegylopium 35, 34; 22, 54; 21, 132; 29, 125; 20, 158; 25, 
146; 27, 105; 23, 160. 

32. oculorum hebetatio 29, 58. — oculorum imbecillitas 23, 110. 

33. oculorum scintillationes 20, 80. (Flimmern, Funkensehen.) 

34. oculorum caligo 20, 80; 25, 158 u. a. a. 0. (Amblyopie.) 

35. Visus statim nascentibus negatus 14, 149. 

36. lusciosi (nyctalopes) Nachtblindheit 28, 170. 

37. oculorum glaucomata 28, 171; 34, 114. 

38. oculorum hypochyses 25, 143. — oculorum subfusiones 25, 158; 
29, 123 u. a. a. 0. — Angeborner Star (?) 7, 51'-^). 

39. oculorum ictus 29, 128, — oculorum ruptae partes 29, 122. — 
oculorum ruptae tuniculae 29, 124. 

40. oculi procidentes 36, 145. 

§ 197. Ein unter allen Römern dem Plinius allein eigenthümlicher 
Krankheitsname ist squama, d. h. Schuppe. 

Diese Schuppe hat viel Staub aufgewirbelt und die wichtige Lehre 
von der Star-Operation verdunkelt In seiner Brandrede gegen die 
Aerzte sagt Plin. (n. h. XXIX, 1, 21, Ausg. v. Sillig B. IV, 340): Ne 
avaritiam quidem arguam rapacisque nundinas pendentibus fatis et dolorum 
indicaturam ac mortis arram aut arcana praecepta, squamam in oculis 
emovendam potius quam extrahendam, per quae effectum est ut nihil 
magis pro re videretur quam multitudo grassantium; neque enim pudor sed 
aemuli pretia submittunt. »Ich will gar nicht ihre Habsucht anzeigen und das 
räuberische Feilschen bei drohendem Verhängniss und die Taxe der Schmerzen 
und den Marktschilling des Todes imd die Geheimlehre, die Schuppe im 
Auge lieber fortzuschieben als auszuziehen. So ist es gekommen, 
dass nichts vortheilhafter scheint, als die Menge dieser Wegelagerer. Denn 
nicht das Schamgefühl, sondern nur Concurrenz setzt den Preis herab '^).« 
Hieraus hat Hasner (Phakolog. Stud. Prag 1868, S. 6 — 12) erschlossen, dass 



1) iTnv'jv.Ti; (Nacht-Qual), hämorrhagischer Abscess; a-jy-fj (Feige) Wildfleisch, 
aus Abscess hervorwuchernd. 

2) In Lepidorum gente tris, intermisso ordine, obducto membrana oculo ge- 
nitos accepimus. 

3) Glaube Niemand, dass der Schwulst des Plinius leicht zu verstehen sei. 

20* 



308 XXIII. Hirschberg, 

»der Schlendrian den Sieg der Dislocation des Star') über die Extraction 
verursacht habe«. 

Haeser stimmt bei, A. Hirsch (Kl. Monalsbl. 1'. A. 1 869, S. 282 u. Gesch. 
der Augenheilk. S. 263) widerspricht heftig und erklärt »die Stelle des 
Plinius für eine ihm vollkommen dunkle«. 

Die Stelle ist aber gar nicht dunkel, wie H. Magnus (Gesch. d. gr. 
Stars, S. 227 — 230) ganz überzeugend nachgewiesen. 

In Sillig's Ausgabe des Plixius, B. 8, S. iOI, ist neben der oben er- 
wähnten eine zweite des Plinius erwähnt (XXXII, 71, B. V, S. 26), wo die 
Schale des Tintenfisches (cortex saepiae) zum Einstreichen ins Auge gegen 
Augenleiden empfohlen wird: extrahit et squamas ejus cinis. 

Ebenso findet Jeder in Haller's disput chir. select. (1755, I, S. 370 
Mauchart's berühmte Dissertation über die Leucome des Tobias und darin 
die Stelle aus c. 11 v. 12: oii-pt^s tou; ocpUaAjxou? auiou v.ci.\ sÄsirisi)-/) 
d-o Ttüv "xavötuv Tu)v ocpöaXijLÄv 7.'j~ou -7. Xsuv-toacfTV., »suffricuit oculis et de 
angulis oculorum ejus des quam atae sunt albugines -) « . 

Endlich sagt Marcellus (S. 68) bei einem Mittel gegen Leucoma: Post 
hoc inunge oculum leni collyrio, statim emittet quasi squamam^). 

Aber am klarsten ist eine Stelle aus Galen's soeben neu aufgefundener 
Schrift über die verdünnende Lebensweise, § 5 3): -ko/Xo. os (twv opijjLscDv) 
oiov Xiizoc acpiarr^oiv auTou (roo oip\in.~oc), »viele der scharfen Mittel ent- 
fernen gleichsam eine Schuppe von der Haut^)«. 

Somit ist HiRsce's Dunkelheit nur subjektiv. Plimls spricht in 
seiner schwülstigen Weise von einer Palliativ-Kur des Leucom an Stelle 
der radicalen. Von Ausziehung des Stars aber spricht er nicht. 

§ 198. Eine in der ganzen antiken Literatur einzig dastehende thera- 
peutische Bemerkung findet sich bei Plin. n. h. XXV, 144: 

(Sucus anagallidis) pupillas dilatat et ideo hac inunguntur ante qui- 
bus paracentesis fit. »Der Saft der Anagallis erweitert die Pupillen, 
und deshalb werden damit vorher diejenigen eingesalbt, welchen man den 
Star-Stich macht.« 

Es ist überaus merkwürdig, dass diese wichtige Regel weder bei Dios- 
coRiDES ^) noch bei Celsus und Palllls von Aegina erwähnt wird. 



\) squama = Star, schon bei den älteren Erklärern des Plinius und im Wörter- 
buch von Scheller; in dem von Georges = Fell, Star. 

2) Das Buch Tobias ist etwa zwischen ISO v. Chr. u. Chr. Geburt, also nicht 
allzulange vor Plinius verfasst worden. 

3) Auch der Sequester des mit dem Glüheisen behandelten Knochens heißt 
squama bei Celsus VII, 7, 7 und IS. (D., S. 27(5 und 283.) 

4) Ausg. V. C. Kalbfleisch, Leipzig, Teubner, 1898. 

5) M. m. II, 109, dvocYotXXU. (Anagallis L., Gauchheil.) Die Beschreibung der 
Pflanze und die Art ihrer arzneilichen Anwendung ist, wie bekanntlich fast immer. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 309 

Es ist das um so seltsamer, als die Alten ganz gut wussten, wie man 
große Pupillen macht. Vgl. Galen, ürtl. Heilmittel, B. XII, S. 740: -rrpoc 
YXauy.o'^UaXfjLO'Jc cuais |XiA7.iv7.? s/siv y.op7.c .... svotv-Cs uoaxoaaou to avfioc 
Tpt'J/ac. »Für blauäugige, dass sie schwarze Pupillen bekommen . . . träufle 
ein (den Saft) von Hyoscyamus, aus der zerkleinerten Blüthe.« Ebenso bei 
Oribasius, Aütius, Paullls. 

Der Gebrauch der künstlichen Pupillen-Erweiterung vor dem Star-Stich 
ist vollständig verloren gegangen und erst gegen den Anfang unsres Jahr- 
hunderts von IIiMLY wieder neu eingeführt worden. 

§ 199. Eine dritte Merkwürdigkeit bei Plinius') sind die von ihm 
beschriebenen Quellen, die gegen Augenleiden specifisch wirkten. (Oculis 
privatim medentur). Auf Cicero's Landgut (Academia), am Meeresgestade, 
zwischen dem Averner See und Puteoli, waren kurz nach seinem Tode, als 
Antistius Vetus der Besitzer w^ar, warme Quellen hervorgebrochen, die 
den Augen sehr heilsam sich erwiesen und von einem seiner Freigelassenen 
in folgendem Gedicht gepriesen wurden: 

Quo tua, Romanae vindex clarissime linguae, 

Silva loco melius surgere jussa viret 
.Atque Academiae celebratam nomine villam 
Nunc reparat cultu sub potiore Vetus, 
Hoc etiam adparent lymphae non ante repertae 
Languida quae infuso lumina rore levant. 
Nimirum locus ipse sui Ciceronis honori 

Hoc dedit, hac fontis cum patefecit ope, 
Ut, quoniam totum legitur sine fme per orbem, 
Sint plures oculis quae medeantur aquae. 

Es wurde also das Quellwasser örtlich auf das Auge angewendet, wie 
noch heute — Marienbad. 

Auch Stobaeüs-) hat uns das Bruchstück eines griechischen Gedichts 
von einem gewissen Heliodorus aufbewahrt, in dem eine in der genannten 
Gegend gelegene Quelle wegen ihrer Heilkraft, besonders gegen Augen- 
leiden, gepriesen wird. 

§ 200. Um schließlich die aus Empirie und Aberglauben gemischte 
Heilkunde des Plinius, die bei den Rümern Jahrhunderte lang so 



genau dieselbe bei Dioscorides und bei Plinius. Dass Plixius von den griechi- 
schen Aerzten nicht gelesen wurde, ist kein Wunder. Es fragt sich nur, woher 
er seine Kunde hat. 

Ferner erhebt sich die Frage, ob die in den Mittelmeer-Ländern wachsende 
Anagallis wirklich die von Plinius gerühmte Eigenscliaft besitzt. 

1) XXXI, 6—8. 

2j Anthologium. ed. Gaisford, Oxon. 1822, III, p. 269. 



310 XXIII. Hirschberg, 

berülinil geblieben isti), zu kennzeichnen, will ich eines von den Kapiteln, in 
denen hauptsächlich von Augenkrankheiten die Rede ist, hier folgen lassen 2): 
Oculorum aciem centaurio majore putant adjuvari, si addita aqua 
foveantur, suco vero minoris cum melle culices, nubeculas, obscuritates dis- 
cuti, cicatrices extenuari, albugines quidem iumentorum sideritide (Eisen- 
kraut); nam chelidonia supra dictis omnibus mire medetur. Panacis radi- 
cem cum polenta epiphoris imponunt; hyoscyami semen bibunt obolo, tan- 
tundem meconi adicientes, vinumque ad epiphoras inhibendas: inungunt et 
Gentianae sucum quem collyriis quoque acrioribus pro meconio miscent. 
Facit claritatem et euphorbeum inunctis; instillatur j^lantaginis sucus lippi- 
tudini. Caligines aristolochia discutit; iberis (Kresse) adalligata capiti cum 
quinquefolio epiphoras et si qua in oculis vitia sunt emendat. Verbascum 
(Königskerze) epiphoris imponitur, peristereos (Taubenkraut) ex rosaceo vel 
aceto. Ad hypochysis et caliginem cyclaminon (Sau-Brot) in pastillos diluunt, 
peucedani (Sau-Fenchel) sucum, ut diximus, ad claritatem et caligines cum 
meconio et rosaceo. Psyllion (Floh-Kraut) inlitum fronti epiphoras suspendit. 

§ 201. Liber medicinalis Quinti Sereni^) 
ist eine versificirte Recept-Sammlung, die 63 Recept-Abschnitte in 
i 1 07 Hexametern behandelt. Der Verfasser ist kein Fachmann, er schupft 
aus der Literatur (Plin., Dioscor., aber auch aus Livius, Lucrez, Plautus u.a.y, 
bringt hauptsächlich (billige!) ptlanzliche Mittel, auch thierische, zum Theil 
recht schmutzige und abergläubische. Man schreibt dies Arznei-Buch dem 
Sohne des gelehrten Sammonicüs Serenus zu, dem Dichterling Qointus Serenus, 
der etwa 235 n. Chr. starb und die vom Vater ererbte Bibliothek von 
62 000 Bänden dem jungen Gordianus hinterließ. 

Das Machwerk findet sich in der Sammlung des Stephanus (1567) und 
ist auch mehrfach besonders herausgegeben, z. B. von dem gelehrten Acker- 
mann, Leipzig 1787: ja sogar von dem großen Morgagni^) in zwei Briefen 
erläutert worden. Ich füge die 37 Verse bei, welche von der Linderung 
des Augenschmerzes handeln imd die abergläubische A'olksheilkunde 
der damaligen Römer gut kennzeichnen. 

Oculorum dolori mitigando. 

Summa boni est alacres homini contingere visus. 

Quos quasi custodes defensoresque pericli 



i) Man hat noch im 4. Jahrh. n. Chr. aus Stellen des Pliniüs eine Heilkunde 
zusammengeflickt, die sogenannte medicina Plinii secundi. 

2) XXV, C. 12 !§ 142 und 143.) 

3) Vgl. Schanz, röm. Literaturgesch. III Th. S. 27—29. 

Thierfelder, d. Q. S. Lehrgedicht, in Küchenmeister's Zeitschr. f. Med. V, 
1866, S. 16. 

4) Opusc. miscelL, Neapel 1763, I, 191. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 31 1 

Prospiciens summa natura locavit in arce: 
Sic tamen ut nullos paterentur desuper ictus 
Atque supercilio pavidi tegerentur opaco. 
Sed dolor immeritum lumen si forte lacessit, 
Lana madens oleo noctu connectitur apte, 
Viventisque nepae^) lumen gestatur amicum. 
Ex folio caulis^) cineres confractaque thura 
Et laticem-*) Bacchi foetae*) cum lacte capellae 
Desuper induces atque una nocte probabis. 
Hyblaei mellis succi cum feile caprino 
Subveniunt oculis dira caligine pressis. 
Vettonicae -^j mansus siccabit lumina succus. 
Si tenebras oculis obducit pigra senectus, 
Expressae marathro^) guttae cum melle liquenti 
Detergere malum poterunt, vel vulturis atri 
Fella chelidoneae furint quis gramina mista. 
Haec etiam annosis poterunt succurrere morbis. 
Fei quoque de gallo mollitum simplice lympha 
Exacuet puros dempta caligine visus, 
Sive columbarum fimus^) miscetur aceto, 
Seu fei perdicis parili cum pondere mellis. 
Vina chelidoniae simili ratione jugantur 
Efficiuntque suo praeclaros unguine visus: 
Aspera quin etiam mulcent et rupta reducunt. 
Si genus est morbi, miserum quod lumen adurit, 
Hie calor infuso mitescit lacte canino. 
Anguibus ereptos adipes aerugine misce, 
Hi poterunt ruptas oculorum jüngere partes. 
Si vero horrendum ducunt gl au com ata peplum**), 
Spiritus alterius prodest, qui grana cumini 
Pallentis mandens visus exhalat in ipsos. 
Si tumor insolitus typho se tollat inani, 
Turgentes oculos vili circumline coeno'']. 



1] Krebs. 

2, Kohl, Text aulis. 

3) Nass. 

4) Trächtig. 

5) Betonie. 

6) Fenchel. 

7) Dreck. 

8) Wenn aber das Glaucom seinen schrecklichen Schleier (über das Auge) 
deckt. 

9) Roth. 



312 XXIII. Hirschberg, 

Jetzt haben wir alles Römische, was irgendwie zur Augenheilkunde ge- 
liürt, erledigt und wenden uns zu den griechischen Schriftstellern über 
Augenheilkunde. Allerdings ist uns aus der 2. Periode der Wissenschaft, 
der alexandrinischen, kein einziger erhalten; auch aus der hellenistisch-römi- 
schen Zeit kein Zeitgenosse des Celsus, Scribonius, Plinius. Der erste, 
auf den wir stoßen, ist Galen aus dem 2. Jahrh. n. Chr., allerdings die 
großartigste Persönliclikeit der gesammten antiken Heilkunde, nächst Hippo- 
KRATES, und an nachhaltiger Wirksamkeit selbst diesem überlegen. 

CInndias Galenus. 

§ 202. Claudius Galem-s wurde als Sohn des sehr gebildeten und 
reichen Baumeisters Nikon 131 n. Chr. zu Pergamos in Klein-Asien geboren, 
erhielt den ersten Unterricht (auch in der Geometrie) von seinem Vater, 
studirte vom 15. — 17. Jahr in seiner Vaterstadt erst Philosophie'), dann 
Heilkunde und setzte das Studium der letzteren fort in Smyrna, Korintli 
und, nach wissenschaftlichen Reisen 2), auch in Alexandria 3). Dann wirkte 
er zuerst von 158 n. Chr. ab in seiner Vaterstadt sechs Jahre, wo er als 
Arzt des mit dem Asklepios-Tempel verbundenen Gymnasiums und der Gladia- 
toren angestellt war. Aber seine Vaterstadt war ihm zu klein: im Jahre 
164 begab er sich nach Rom, der Hauptstadt der Welt, und wirkte da- 
selbst als kaiserlicher Arzt, als beliebter Helfer bei Hoch und Niedrig, 
als Consulent, nicht blos für die römischen Aerzte, von deren Anfeindung 
er übrigens im Anfang viel zu leiden hatte, sondern in gewissem Sinne für 
das ganze römische Weltreich, als Lehrer und Schriftsteller, bis zu seinem 
um 'iO\ n. Chr. erfolgten Tode. Nur einmal hat er in dieser Zeit Rom 
für einige Jahre verlassen. Galen war einer der fruchtbarsten und viel- 
seitigsten Schriftsteller der Kaiserzeit. A'on den Philologen wird er 
meist weniger günstig beurtheilt, als von den Aerzten; die letzteren wissen, 
dass die von ihm überlieferten Namen und BegrifTe, ja sein ganzes eklek- 
tisches System, welches scheinbar auf anatomisch- physiologischer Grund- 
lage aufgebaut, aber von hippokratischen Dogmen, namentlich der Humoral- 
pathologie, durchdrungen ist, fast 1 Y2 Jahrtausende lang die Geister ebenso 
unumschränkt beherrschte, w'ie die aristotelische Philosophie. 



i) Diese war, in der Friedenszeit des römischen Weltreichs, Allgemeingut 
der Gebildeten geworden und zeitigte, wie die neuere Philologie betont, im 2. Jahrh. 
n. Chr. eine Reihe von abschließend systematischen Werken (über Astronomie, 
Geographie, Mechanik, Grammatik, Rhetorik, Literaturgeschichte). 

2) »Er lernte den Asphalt des todten Meeres aus eigner Anschauung kennen, 
kaufte in Phoenicien indische Arzneistoffe ein, holte von Cypern mineralische 
Heilmittel, durchforschte auf kleinem Fahrzeug die ganze lykische Küste und 
besuchte Lemnos zweimal wegen seiner Siegel-Erde.« 

3) Wo immer noch, wie zur Ptolomäer-Zeit, menschliche Leichen secirt wer- 
den durften, was in Rom und Pergamos nicht erlaubt war. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 313 

Den späten Griechen und Römern war er der große Jatrosophist; 
den Arabern, die ihn dem Abendland aufbewahrt und gewissermaßen über- 
liefert, der Fürst der Heilkunde. Der erste Angriff der deutschen Schule 
(Paracelsus, 1527] hat sein Ansehen zwar erschüttert; aber erst nach Ent- 
deckung des Blutkreislaufs (Harvey, 1628) und im 18. .Jahrh. wurde Galen 
entthront und verfiel in solche jedenfalls unverdiente Missachtung und 
Vergessenheit, dass von 1679 — 1820 keine einzige Ausgabe seiner Werke 
gedruckt ist, und wir noch bis heute eine gute und brauchbare Ausgabe 
schmerzlich vermissen. 

Wir haben Kenntniss von 250 Schriften des Galen und besitzen 
von denselben 83 echtei) und 19 zweifelhafte, 4o unechte; von den 
letzteren einige nur in arabischer oder lateinischer Uebersetzung; dazu 
19 Fragmente und 15 Commentare hippokratischer Schriften 2). 

Von den ärztlichen Schriften sind vorbereitender Art: 

1 . -spi atpsasüjv, über die ärztlichen Sekten (Schulen), und 2. Tcspl r/piar/j? 
aipijstoc, über die beste Sekte. 

Von den systematischen sind die wichtigsten: 

3. ava-o[jLU7.l sY/cip-fjosic, die Uebungen in der Zergliederungs-Kunst, 
in 15 Büchern, von denen aber nur die 9 ersten erhalten^) geblieljen. Auf 
diesem Gebiete hat Galen Großartiges geleistet, obwohl er nur größere 
Säugethiere zergliederte. Die Anatomie des Galen galt bis zu Vesal 
(1543); seine Anatomie des Auges bis zu J. G. Zinn, — in der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts. 

4. ■üspi yjjz'ia.z täv ev av^pw-ou aojixart |j.opia>v, vom Nutzen der Theile 
des menschlichen Körpers, eine Art von Physiologie, zwar nicht nach 
unsrem Geschmack^), aber doch sehr merkwürdig. Galen hat durch Ver- 
suche die Leistung verschiedener Nerven festgestellt. 

5. T3/VY] icTpixY], die ärztliche Kunst, ein kurzer Abriss der Heilkunde. 
(Von allen Schriften Galen's am meisten gelesen und erläutert.) 

6. OspotTisuTr/-}] [xsüoooc, System der Heilkunde, in 14 Büchern: ein 
Werk, worauf Galen, übrigens mit Recht, besonders stolz war, indem er 
es für einzig in seiner Art erklärte^). 

Diese beiden Werke (5 und 6) waren noch während des Mittelalters, 



\) Die neuere Philologie unterscheidet genau zwischen den sorgfältig aus- 
gearbeiteten, klar und übersichtlich geordneten, stylistisch ausgefeilten, in denen 
jeder Hiatus fehlt; und zwischen den Nachschriften von Vorträgen, die nur llüch- 
tig überarbeitet sind. 

2! Von diesen sind einige nur eilig für seine Freunde niedergeschrieben, 
andre sorgfältig mit Benutzung der Fach-Literatur ausgearbeitet. 

3) Die 6 letzten, worin auch die Zergliederung des Auges, sind neuerdings in 
einer arabischen Uebersetzung der BooLEv'schen Bibliothek entdeckt. 

4) Das Ganze ist eine Anwendung des aristotelischen Satzes: [ly/vi dAtt-j 
-otetv -z-r^-i o'j3iv, die Natur macht nichts olnic Grund. 

5) IX,' c. 8, Band X, 632. 



31-4 XXIII. Hirschberg, 

in elenden lateinischen Uebersetzungen, als Mikrotegni (oder Tegni schlecht- 
weg) und Megalotegni bekannt und hochberühmt, und verdienen auch noch 
heute gelesen zu werden. 

7. Die Schrift Trspl ocpuY[J.«)v, über die Pulse, vertritt einen Theil 
dessen, was wir heute als allgemeine Diagnostik bezeichnen würden'). 

8. Ticpl -(UV 7r£7rovi}dTtov TciTüJv, über die leidenden Theile, ist eine 
Art von besonderer Diagnostik. Dies Werk gehört zu G.vlen's grüßten 
Ruhmesthaten. 

9 — 11. Als Pathologie kann man bezeichnen die Werke über die 
Verschiedenheiten der Krankheiten, über die Ursachen der Krankheiten, 
über die Verschiedenheit der Symptome. (Tispl oiacpopa? voor^ixctttov, Trspl 
Tu)v £v roT? voaTj[i.7.at.v ai-iu>v, T.zpl aofiTrrcojxaTojv oiacpopa;.) 

12 — 14. TTcpl y.p7.33tuc xat ouvatxsojc tujv olkXojv (p7.pij.7.xcov, über die 
Beschaffenheit und Wirkung der einfachen Heilmittel, ferner -spt aovili- 
GZtoz cpvpii-oixojv ta)v •/.7.T7. "(iv/], über die Zusammensetzung der Aer- 
schiedenen Arten von Heilmitteln, in 7 Büchern, und endlich -zrA auvUioEco; 
cpapjjiaxwv xtov xaxa tottouc, über die Zusammensetzung der örtlichen Heihnittel 
in 1 Büchern, vertritt eine allgemeine imd besondere Heilmittel-Lehre. 

15. uyistvcov k6-(oi, Gesundheits-Lehre (Hygiene), in 6 Büchern. 

Von den philosophischen Schriften ist nur wenig erhalten: 

1. TTspl apior/jc otoaax7.Xi7c, über die beste Unterweisung. 

2. Ttsol Tojv T/jC '\>^'//iZ Tjiltuv, oTi "zcuc, Tou au)[i7.Toc xpaasaiv sTTsra'., 
dass der Charakter der Seele aus den Temperamenten des Körpers hervorgeht. 

3. TTspi oi7.Yvu>3£(0(; X7.1 i}£pa7ici7c Tujv £v ixocarou '{'Ujcf^ üoiVov -ai)u)v, 
von Erkenntniss und Heil-Art der in der Seele eines jeden eigenthümlich 
vorkommenden Zustände, von Christ (1) als goldnes Büchlein bezeichnet. 

4. i:£pi Tcov l-TToxpaTooc xat WA-vy^oz ooY;j.aT(uv, von den Dogmen 
des HippOKRATES und Plato. Diese Schrift hielt Galen selber für eine 
seiner bedeutendsten. Wir haben auch schon aus einzelnen Stellen der- 
selben Nutzen gezogen. 

Verloren gegangen ist sein Werk von dem wissenschaftlichen Beweis, 
und von den grammatischen Schriften sein großes Wörterbuch. 

5. Da schon zu Galen's Lebzeiten einerseits Fälscher ihre eignen Er- 
zeugnisse als Schriften desberülimtenPergameners in Umlauf setzten, andrer- 
seits Handschriften des Galen als ihre eignen Werke ausgaben; so sah Galen 
sich veranlasst, in zwei kleinen Schriften Tr£pi -üiv loi'tuv ßiJBXitov und r.tpl 
T/j? Ta^£a>? TÜiv loi'iov ßißiwv (über meine eignen Schriften und über die 
Reihenfolge meiner Schriften) sich über seine Schriftstellerei auszusprechen. 



1) Wir haben von Gal. eine Schrift über den Puls für Anfänger, ferner 4 weitere 
Schriften: Ueber den Nutzen des Pulses, über die Verschiedenheit des Pulses, über die 
Diagnose des Pulses, über die Ursachen des Pulses, über die Prognose des Pulses. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 315 

Die letztere ist ein Studienplan für Aerzte, nach Galen's eignen 
Schriften. »Für die Zukunft sollten nur noch gelten IIippokuates und Galen. 
Galen hat seine Absicht erreicht.« 

Galen bezeichnet den Gipfelpunkt der griechischen Heilkunde. In 
ihm vereinigt sich der übertriebenste Dogmatismus mit der vorgeschritten- 
sten Forschung, sogar der experimentellen ^j. Seine Schlussfolgerungen sind 
ebenso anfechtbar, wie seine wirklichen Beobachtungen zuverlässig. Einen 
beträchtlichen Theil seiner Physiologie und Pathologie müssen wir preis- 
geben, aber seine Anatomie, die auf Thiere sich bezieht, ist ganz genau; 
seine örtliche Diagnose mitunter scharfsinnig und seine Therapie derjenigen 
Krankheiten, die er wirklich kennt, gradezu bewunderungswürdig. Wenn 
wir seine Eitelkeit belächeln, müssen wir seine hohen Gesichtspunkte aner- 
kennen. Er war ein hervorragender Mensch, aber kein Genie. In seiner 
Hand vereinigt er die Vergangenheit der Medizin und die Zukunft; seine 
Herrschaft hat 15 Jahrhunderte und alle Umwälzungen derselben siegreich 
überdauert. [Daremberg (4).] 

§ 203. Literatur. 

4. Christ, G. d. gr. Lit., München ISDO, S. liä—liG. (Handb. d. klass. Alter- 
thumswiss. h. von I. v. Müller, VII Band.) 

(2.) Indroduction aux oeuvres de Galien, ou Etüde biographique, literaire et 
scientifique sur Galien, par Ch. Daremberg. Dieses Werk wird in der 
Einleitung zu desselben Vf.'s französischer Uebersetzung der Hauptwerke 
des Galen (Paris 1854, IIB.) versprochen, ist aber nicht erschienen, da 
es noch nicht vollendet war, als der Tod den bedeutenden Geschichtsforscher 
im Jahre 1872 ereilte. 

3. Oeuvres anat., physiol. et medicales de Galien, traduites . . . par Ch. Darem- 

berg, Paris 1854, 2 Bände. Die Vorrede über die Bedeutung Galen's, seine 
Herrschaft, seinen Sturz und die Ursachen desselben und über seine voll- 
ständige Nichtbeachtung in unsren Tagen ist im höchsten Maße lesenswerth. 

4. Histoire des sciences medicales par Ch. Daremberg, Paris 1870, B. I, S. 207 fgd. 

5. Historia literaria Claudii Galeni conscr. a. d. Chr. G. Ackermann, ex Fa- 

bricii bibl. graeca d. et aucta et emend. (In der Kühn'schen Ausgabe des 
Galen, Band I, S. XVII— CCLV.) 

6. Gurlt, Gesch. d. Chir. I, 428 fgd. 

Ausgaben 2). 
1. Aldina, Venedig 1523. 2. Ausg. v. Chartier, Paris 1679. 

3. Den Text und die schlechte lat. Uebersetzung Chartier 's giebt die Ausgabe 

von Kühn in 20 Bänden, Leipzig 1821— 1S23, mit einem Index-Band von 
Ackermann. (Also ungefähr 19X450 Druckseiten umfasst das, was man 
als die erhaltenen Werke Galen's bezeichnet hat.) Diese Ausgabe wird 
von mir stets citirt. Eine bessere giebt es leider noch nicht. Sie 
wimmelt von Fehlern. Oft musste ich mir den Text erst zurecht machen. 

4. Ki-itische Ausgaben der kleineren Schriften (3 Bändchen) sind neuerdings 

(in Bibl. Teubner.) erschienen. Auch will unser G. Helmreich demnächst 



1) Seine Kerven-Durchschneidungen und Unterbindungen sind eigentlich erst 
in unsrem Jahrhundert vervollständigt worden. 

2) Vgl. Choulant, Bücherkunde, Leipzig 1841, S. 98—120. 



316 XXIII. Hirschberg, 

eine kritische Ausgabe der wichtigen Schrift vom Nutzen der Theile bei 
Teubner erscheinen lassen. Die Dogmen des Hippolcrates und Plato sind 
von I.Müller, Leipzig 1874, trefflich herausgegeben. 
Für die unechte Schrift, de oculis, die nur lateinisch vorhanden, sind 
wir auf die Proben 'sehe Ausgabe (Basil. 1.ö49. 6. Band] angewiesen. 

§ 204. Die augenärztlichen Schriften des Galen sind leider 
verloren gegangen. Galex selbst spricht in seinen uns erhaltenen Werken 
von drei Schriften, die Beziehung auf Augenheilkunde haben: 

1. oTitr/oi koyoi, Optik'). 

2. Tu)v £v o'f i>aA[xoT? -aöo)v oicx-yvojaic, Diagnostik der Augenkrankheiten 2). 
(Vgl. von den erkrankten Theilen 1. IV, c. II; Band VIII, 228.) 

Galen selber nennt es ein kleines Büchlein, das er offenbar nicht hoch 
schätzt, da es wohl weniger ausgedehnte theoretische Erörterungen, als 
kurzgefasste, praktische Beschreibungen enthielt. Aber wir müssen doch 
den Verlust dieser Schrift auf das tiefste beklagen. 

Die verlorene Handschrift hoffte ich einst wiederzufinden, doch 
war das eine Enttäuschung^). Bei Briau-*) fand ich die Nachricht, dass im 
Codex 446 des Supplement, designe par S., der Pariser National-Bibliothek, 
an erster Stelle Galen's Buch über die Augenkrankheiten enthalten sei. Ich 
konnte die Handschrift nicht einsehen, erhielt aber Nov. 1887 von Herrn 
Omont die Abschrift des Anfangs und des Endes und der Capitel-Ueber- 
schriften (von fol. 35 bis 38), woraus ich mich leicht überzeugte, dass 
dies nicht Galen's Buch von Augenkrankheiten sei, sondern eine spät 
(jiach Oribasius, der darin citirt wird) verfasste Recept-Sammlung ohne 
jeden Werth. Im Text lautet übrigens die Ueberschrift einfach 'Ocp&aA- 
[lua, ohne Namen des Verfassers. 

Nach meiner Ansicht irrt Kostomoires aus Athen, der diese Samm- 
lung von 39 Recepten für einen Auszug aus der ärztlichen Sammlung des 
Oribasius hält und sie behufs der Veröffentlichung abgeschrieben hat: denn 
der Schluss lautet: C'/jt. auto . . . . iv toTc tou 'Opißaaiou /scpvAaiou^). 

1) Diese Schrift ist mir fraglich. 

Vgl. B. VII. S. 91 (v. d. Urs. d. Sympt. I c. 2): osostv-Tai ^dp Iv toi; örTty-oT; Xo- 

-(01?, OU? £V T£ TT] TTEpl ypStCt? [AOptCOV V.a\ TTpOCETl kv T'Q irspl TÖJV I--o7.pdTOu; v.al FlXa- 

Twvoc ooYiJtaTajv l-oiriaa(x£i)a r.pa-[,j.axda. »Gezeigt ist in den optischen Erörterungen, 
die wir in der. Schrift vom Nutzen der Theile und der von den Dogmen des 
HippoKRATES und Platon verfasst haben« Das sind optische Er- 
örterungen, die Galen in zwei verschiedenen, uns erhaltenen Schriften gemacht 
hat, nicht ein besonderes Buch über Optik. Allerdings im Comment. z. 6. Buch der 
Volkskr. (XVIIb 214) heißt es: o-ep i-4 aXXoi; xe v.al xol; ö-Tty-oi; XoYot? (/.reoci^otjAEV. 

2) Hirsch S. 267 schreibt irrig rpoYvojau, und sagt, dass Galen im 6. Buch 
de plac. Hipp, und Plat. eine von ihm verfasste Schrift -eol ypoj|j,aTwv nennt: 
doch konnte ich dies nicht bestätigen. 

3) Vgl. C.-Bl. f. A. 1887, S. 331. 

4) Chir. de Paul d'Egine, Paris 1853, S. 71. 

5) Vgl. Kostomoires, Sources primit. de Phist. . . . Soc. franc. d'opht. 1889, 
und Lambecius-Koller, Comm. aug. bibl. caes. Vindob. VI. 215. 



Geschichte der Augenheilkun e im Alterthum. 317 

3. In seinem System der Heilkmist, M. m. 1. XIII, c. 23 (Band X, 944) 
sagt Gale\: Für die nicht so begabten Zuhürer wäre es vortheilhafter, 
wenn er eine besondere Heilkunde der Augenleiden schriebe, zumal viele von 
seinen Freunden dies verlangen. (toT; os [xrj toioutoic ajxsivov toi'a '(pi'Wi 
OspaTrsuTixrjV TtpaYfxaTii'av a-avttuv täv ev ocpdc.XixoT; -ailtJüv, e-ci y.ai tcoäXoI 
TÄv £Tatpü)v ou~vK a^iouaiv.) Es ist mip nicht bekannt, ob diese Schrift zu 
Stande gekommen. Erhalten ist sie nicht. 

4. In seinem System der Heilkunst (M. m., 1. XH, c. 13, B. X, 986) 
sagt Galen: svioi os rahra (-7. b-oyßixrj-a) y.svouv z^^^yz[[J■r^~'■Jy , w; iv toT; 
j^eipoupYO'jtj-svoic spw. Einige haben es versucht, den Star zu entleeren, 
wie ich in meiner Schrift über die chirurgischen Krankheiten mit- 
theilen werde. Gurlt (I, 432) meint, dass diese Schrift nie geschrieben 
worden ist. So bestimmt möchte ich mich nicht aussprechen. Paui.l. Aeg. 
(VI, 1 1 ) hat uns ein Kapitel hinterlassen über Beurtheilung des Stars und 
der Star-Operation, in dem er zwei Mal Galen als Quelle anführt: dies 
Kapitel kann wohl der gedachten Schrift entstammen. — 

Unecht und für unsre Zwecke ganz unbrauchbar') sind die auf 
Augenheilkunde bezüglichen Abschnitte aus den folgenden Schriften: 

1. opoL latpiozoi, Detinit.med., ärztl. Erklär. '■i),32ö— 389. (XIX, 433—439.) 

2. sbaYWYT) 7^ larpoc, die Einführung oder der Arzt 3). (XIV, 701, 716, 
767 fgd., 783 fgd.) 

3. De oculis, nach meiner Ansicht die Schrift eines Arabers! Vgl. § 225. 
Somit sind wir, um Galen's Anschauungen über Augenkrankheiten und 

deren Behandlung kennen zu lernen, angewiesen auf gelegentliche Be- 
merkungen in seinen echten Schriften und besonders auf die ausführ- 
lichen Erürterungen zur Augenheilkunde in seinen pathologischen 
Hauptwerken *): 

1. Von den ürtl. Leiden IV, c. 2 (Band VIII, S. I fgd.). 

2. Von den Ursachen der Symptome, I (B. VII, S. 85 fgd.). 

3. System der Heilkunst XIII, c. 22 (B. X, S. 935 fgd.). Ebendas. 
XIV, c. 13 (B. X, S. 986 fgd.). Ebend. XIV, c. 18 und 19 (B. X, 
S. 1017 fad.). 



-1) Das haben leider manche Geschichtschreiber niclit eingesehen und in 
Folge dessen »Widersprüche« bei Galen entdeckt. 

2) Ueber die Unechtheit vgl. Ackermann, in Galen, B. I, clix. Trotz ihrer 
offenbaren Mängel ist die Schrift nicht uninteressant für den Geschichtsforscher. 

3) Galen erwähnt diese Schrift nie, wohl aber (im Comment. z. 6. Buch der 
Volkskr. des Hippokr. II, 42) eine dieses Titels [la-zpöc] von Herodot. 

Auch diese Schrift ist nicht uninteressant. Dass 1 und 2 nicht von Galen 
herrühren, erkennt Jeder, der nur eine echte Schrift des Galen gelesen. 

4) Im Jahre 1890 habe ich in einer Inaug.-Diss. von Hrn. Hassencamp die 
Haupt-Stücke zusammenstellen lassen, welche die Augenheilkunde Galen's 
enthalten. Leider ist die Dissertation nicht gedruckt worden. 



318 XXIII. Hirschberg, 

4. Ueber die ürtl. Heilmittel IV (B. XIl, S. 696—803.). 

Diese Erörterungen wollen wir jetzt der Reihe nach in Betracht ziehen. 

§ 205. Gale.n, von den Ortlichen Leiden'), IV, 2. 

»In dem jetzt beginnenden vierten Buch will ich von den Leiden der 
in der Tiefe befindlichen Theile der Gesichtsgegend handeln und mit den 
Augen beginnen. 

Zuweilen erleidet ein Auge, zuweilen beide, eine Lähmung, sei es der 
Bewegung, sei es der Empfindung, sei es beider. Zuweilen leidet an dem 
einen Auge allein das Lid, zuweilen trifft den eigentlichen Augapfel die 
Schädigung, sei es in Bezug auf die Empfindung, sei es in Bezug auf die 
Bewegung. Wenn nun ohne irgend welche sichtbare Schädigung am Auge 
die Seh-Empfindung verloren gegangen ist, so enthält der vom Hirn zum 
Auge hinabsteigende (Seh-)Nerv die Ursache-), sei es, dass er entzündet 
oder verhärtet, oder sonstwie durch Erguss geschädigt, oder dass irgend- 
wie sein (Innervations-)Canal verstopft ist. 

Dies sind die Veränderungen, denen das ganze Organ des Sehnerven 
unterliegt; außerdem giebt es noch andre, die seine gleichartigen^) Theile 
treffen, entsprechend den acht Dyskrasien^). Dazu kommen noch die 
Functions-Stürungen, wenn die lichtstrahlende Innervation^) entweder 
gar nicht oder doch nicht in genügender Menge von dem Primär-Sitz im 
Gehirn zum Auge gelangen kann. 



i) TTEpl Töjv -ezoviloTcuv T0-U3V, iu 6 Büchem. (B. VIII, S. '1—432.) 
Wer diese Schrift liest, muss beherzigen, dass Galen hier hauptsächlich die 
mittelbare oder rationelle Diagnostik behandelt, nicht so die unmittelbare, physi- 
kalische. 

Meine Uebersetzung ist ganz genau, wiewohl gekürzt, und zwar erheblich. 
Die lateinische Uebersetzung des Galen ist einfach als unverständlich zu 
bezeichnen; die französische von Daremberg ist gut, aber nicht frei von Un- 
genauigkeiten. 

2) Definition der Amaurose. Vgl. § 49 u. § 245. 

3) Entgegengesetzt werden o'j; 6o-[a'ny,Ci) ij.op'un und ü>c, bij-oiotizoti. 
Anaxagoras nannte ö[j.oio[Asp£iat die aus gleichen Theilen bestehenden Ur-Stoffe. 
Galen sagt im I. Buche des Systems der Heilkunde (B. X, S. 48) öu-oiop-eps; 

OS ecTt ;j.6fjtov, gleichtheilig ist ein Theil, der überall nur in gleiche Theile zerlegt 
werden kann, wie der Glas- oder Krystall-Körper .... (Das ist eine Vorahnung 
der BicHAx'schen Lehre von den Geweben.) An obiger Stelle werden gröberen 
Structur- feinere Textur- Veränderungen gegenübergestellt. 

4) Den 4 Elementen (Feuer, Luft, Wasser, Erde) entsprechen die 4 Qualitäten 
(warm, kalt, flüssig, trocken). Durch Ueberschuss einer der letzteren entstehen 
4 einfache Dyskrasien (die warme, kalte, flüssige, trockene) imd die 4 gemischten 
ifeuchtwarm, trockenwarm, feuchtkalt, trockenkalt). Vgl. Gorr. def. med. S. 179 
und Galen, Hygiene VII (Band VI, S. 4 09); Oribas. ärztl. Sammlung XXI, c. 4 (Bd. III, 
S. 1 fg.). . . . • 

Diese Düftelei muss uns ebenso unsinnig erscheinen, wie die obige Aus- 
einandersetzung über die Nervenleiden des Sehorgans als die beste Darstellung 
des Gegenstandes aus dem Alterthum angesehen werden muss. 

5) TÖ a'jYOEioic -vsöjj.c. Vgl. § 1 02. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthuni. 319 

§ 206. Wenn aber die Bewegung allein verloren gegangen an einem 
der beiden Augen, so hat der zweite Hirnnerv') eine der Krankheiten er- 
litten, die ich oben für den ersten, den Sehnerven beschrieben habe. 

hidem es nun sechs Muskeln giebt, die den Augapfel bewegen; so 
geschieht es oft, dass ohne Betheiligung des Bewegungsnerven-Stammes einer 
der Muskeln an seiner eignen Substanz eines der genannten Leiden erfährt; 
oder dass der in denselben eintretende Nerven-Ast geschädigt wird. Denn 
jeder Muskel enthält einen Ast von dem zweiten Nerv, ebenso auch der 
den Sehnerven umgebende (Retractor) 2), der die Aufgabe hat, den Augapfel 
nach hinten zu ziehen und fest zu halten, damit auf keine Weise der 
weiche Sehnerv aus seiner Bahn gedreht werde. 

Wenn nun von den sechs Muskeln, die den Augapfel bewegen, der 
Heber •'^) (Lähmung) leidet, so erscheint der Augapfel gesenkt; und gehoben, 
wenn der Senker^) gelähmt ist. Ist der Abducens'') gelähmt, so wird das 
Auge nach dem Nasenwinkel gezogen; nach dem Schläfenwinkel, durch 
Lähmung des am Nasenwinkel befindlichen Muskels. Wenn aber von den 
beiden (schiefen) Dreh-Muskeln der eine gelähmt ist, so erleidet der ganze 
Augapfel eine schiefe*^) (diagonale) Verdrehung. 

Die Lähmung des Retractor bewirkt Vorfall der Augen'). Die meisten 
dieser Kranken sehen gut, da der Sehnerv nur ganz allmählich gespannt, 
aber nicht weiter geschädigt wird. Natürlich, wenn doch eine Schädigung 
des Sehnerven eintritt, sehen sie schlechter oder schließlich gar nichts mehr. 

A'on den Schielstellungen der Augen sind die beiden seitlichen mit nor- 
maler Seh-Function verbunden. Aber die nach oben und nach unten, und 
auch die diagonalen, bewirken Doppeltsehen ^). 



1) Oculomotorius , unser dritter. Den Olfactorius rechneten die Alten nicht 
zu den Hirnnerven ; er galt als Fortsatz des vorderen Hirnlappens. 
2j Vgl. § -119. 

3) ävaazöjv, rectus superior, musculus attollens, levator oculi. 

4) xararj-Gyt, rectus inferior, musculus deprimens. 

5) 6 -p6; Tov iuv.pm y.avDciV (Schläfenwinkel) aTidYtov, abducens. 

6) Xo^T^v oiaaTpOKTjV. 

7) Eine eingebildete Krankheit, da der Retractor dem Menschen fehlt. 

8) citrXä cpatvEcftai -oioöst ravta xd 6(jo'j[j.£voi. »Sie bewirken, dass alles Gesehene 
doppelt scheint.« Dieselbe Ausdrucksweise gebraucht Galen, Band VII, S. 87, wie 
ja auch die Hippokratiker gesagt: W/.iei iv. toü svo; ouo öoäv. (Littre VII, iS. — 
Vgl. § 48.) 

Die Alten waren frei von unsrer Neigung, stets ein zusammengesetztes 
Hauptwort für die Bezeichnung eines Krankheits-Zustandes zu erfinden. Das Wort 
Diplopia (von o'-/öo:, doppelt und ilVi, Gesicht) kommt bei den Alten nicht vor, 
wohl aber in Klinke's Göttinger Dissert. vom Jahre i774. 

Die richtigen Be ob achtun gen, 1) dass beim gewöhnlichen Einwärts- und 
Ausvvärtsschielen Doppelbilder meistens fehlen, und 2) dass bei plötzlich entstehen- 
dem Doppeltsehen besonders der Höhenunterschied lästig fällt, sind von Galex 
zu einer unrichtigen Theorie verallgemeinert worden. Vgl. die oben er- 
wähnte Stelle VII, 87, sowie Galen's Theorie vom Einfachsehen, § iSI. 



320 XXlIl. Hirschberg, 

AVenn der Heber') des Oberlids gelähmt ist fällt das letztere schlatT 
herab, so dass man das Auge nicht üITnen kann. Wenn die Herabzieher 
des Oberlids-) gelähmt sind, kann man das Auge nicht schließen. 

Das sind selbständige Leiden-^) der Theile des Auges, wobei die eigent- 
lich leidenden Theile nicht sichtbar sind. Andre Leiden aber gehen von 
andren (fernen) Organen auf das Auge über, nach dem Gesetz des Mit- 
leidens ^). 

§ 207. So entstehen, ähnlich wie bei beginnendem Star''), Ge- 
sichts-Täuschungen''), ohne dass dabei ein idiopathisches Leiden im Auge 
vorhanden ist, sondern vielmehr durch Mitleiden mit einer Störung am 
Magenmund oder im Gehirn'). Man muss die Star-Erscheinungen 
trennen von denen, die aus dem Magen stammen, erstlich danach, ob nur 
ein Auge oder beide in gleicher Weise von den Gesichts-Erscheinungen 
heimgesucht werden. Denn gemeinhin zeigen sich die Gesichts-Erscheinungen, 
welche bei schlechten Säften'') im Magen entstehen, an beiden Augen in 
gleicher Weise. Die beim Star pflegen weder an beiden Augen gleichzeitig 
zu beginnen, noch gleichartig zu erscheinen. 

Zweitens muss man den zeitlichen Verlauf berücksichtigen. Denn 
wenn schon seit drei oder vier Monaten oder noch länger die Symptome 
des beginnenden Stars bestehen, während man bei genauester Betrachtung 
der Pupille keine Spur eines Nebels darin linden kann"j, so darf man 
sretrost ein Masrenleiden dia2;nosticiren. 



i) ävaT£i\(u-v, levator palpebrae superioris. 

2) Ol v.a-aG-ürj-.Ei, musculus orbicularis (palp. sup.). Galen nimmt zwei an. 
Wenn nur der eine gelähmt sei. bleibe nur an seiner Hälfte das Lid offen. Richtig 
ist das Folgende: Wird bei Lähmung des Schließmuskels der Schluss versucht, so 
bleibt gelegentlich der mediale Theil der Lidspalte um 4 — ä mm offen, der laterale 
nur um '/a "i"^- 

3) 'ioia -'itlr,. Die Ausdrücke loi^rdDitci (und o'j<xrA\)zia) kommen nicht blos 
hier, sondern auch noch an andren Stellen der Schrift des Galen vor ;1. I. c. 3 ; 
B. VIH, S. 31 ;. 

4) xn.-ä cyjj-TTärteiav. Bei den Alten war Sympathie ein weiter Begriff. Unsre 
sympathische Augenentzündung wird von ihnen nicht besonders beschrieben, 
sondern erst von Plenk im vorigen und genauer von v. Ammon und Mackenzie 
in unsrem Jahrhundert. 

3) Galen sagt hier 'j-oys;o;jiv(ijv. (Sonst öfter 'j-oy.cy'ja^nir/.) Die lateinische 
Uebersetzung: suffusorum, und die französische: dans la suffusion, sind beide 
ungenau. 

6) cpavT7.'aaTC, ciavtactat. 

7j Die Sympathie mit dem Magen entstehe durch aufsteigende Dünste, die 
mit dem Hirn durch Blutgefäß- und Nerven-Verbindung. 

8) •/.'/•/.oy'jaic. 

9) Und dieser Kliniker soll Star und Eiter-Ansammlung (Hypochyma und 
Hypopyon) nicht genau voneinander unterschieden haben! 

Risum teneatis amici. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 321 

Ist aber erst ganz kurze Zeit seit dem Beginn der Erscheinungen ver- 
strichen; so muss man zuerst danach fragen, ob vom Beginn des Leidens 
an ununterbrochen an allen Tagen die Erscheinungen bestanden haben, 
und kein einziger Tag in der Zwischenzeit ganz frei geblieben ist; oder ob 
einige tadellos normale Tage dazwischen traten, an denen der Kranke sich 
für ganz gesund hielt. Denn die ununterbrochene Dauer zeigt den 
Star an, das Aussetzen aber erregt den Verdacht eines Magen-Leidens, und 
ganz besonders, wenn der Kranke angiebt, dass bei ganz regelmäßiger Ver- 
dauung ihm keinerlei Erscheinungen vorgekommen seien; noch mehr, wenn 
gleich mit der Entstehung der Erscheinungen ein Kneifen im Magen zu 
verspüren war; vollends wenn darauf, nach dem Erbrechen der beißenden 
Stoffe, jene Symptome vollständig aufhörten i). 

Dies kann man nun gleich am ersten Tage, wo man den Kranken 
sieht, durch Befragen-) ermitteln, falls, wie gesagt, die Augen vollständig- 
normal sind. 

Wenn aber die Pupille des einen Auges etwas neblig oder trüb oder 
nicht ganz rein erscheint; so liegt Beginn der Star -Bildung vor. Wenn 
aber einzelne Kranke von Geburt nicht ganz reine Pupillen besitzen, so 
muss man zusehen, ob beide nahezu gleich sich verhalten, und ob dazu 
noch die Zeit zu kurz war zur Ausbildung der Zeichen des Stars. 

Und, wenn es sich nun so verhält, dann verordne man spärlichere 
und unschädliche Kost. Ist am folgenden Tage die Verdauung gut, die 
Gesichtstäuschung fort; so handelt es sich um das Symptom eines Magen- 
leidens. Bleiben die Erscheinungen unverändert, selbst nachdem der Kranke 
das Aloö-Mittel 3) eingenommen; so handelt es sich um ein selbständiges 
Augenleiden. 



1) Ueber Gesicht-Störungen aus dem Magen wollen wir nicht lächeln. 
Noch i? Jahrhunderte nach Galen hat Jüngken (1836) unter dem Namen der Oph- 
thalmia abdominahs rheumatica die Drucksteigerung des Auges beschrieben. 

Ja, in unsren Tagen hat Traube die »Saburral-Amaurose« (saburra, 
Ballast) durch Brechmittel geheilt, wie in der ersten Auflage unsres Handbuches 
zu lesen ist. (Band Y, S. 969.) 

Man kann wohl annehmen, dass Galen leichte, prodromale Glaucom- 
Anfälle beobachtet habe. Ich habe einen Mann wegen akuten Glaucoms operirt, 
der zuvor über iO Jahre lang jeden Abend einen Prodromal-Anfall bekam und 
ihn durch Curella'sches Brustpulver gut beseitigte. Uebelkeit und Erbrechen 
bei Drucksteigerung ist bekannt. Sind doch schon solche Kranke von berühmten 
Klinikern nach Carlsbad geschickt worden. 

Außerdem mag Galen Fälle von sogenannter Augen-Migräne (Flimmer- 
Scotom, Amaur. part. fugax) beobachtet haben: diese werden gelegentlich vom 
iMagen aus erzeugt, sind verbunden mit Uebelkeit und Erbrechen und endigen 
in heftigem Kopfschmerz. Doch treten diese meist nicht so häufig auf. 

2) ic. d^iav-picemc. Wir kennen nur Anamnesis. Galen hat (I, 314) a-r;a£ta 
ho.i).-rq(s-iv.d, und erwähnt (VII, 588i, dass bei den Empirikern ävap.vifj3i; = indicatio. 

3) äXoY], Upa rwpa, das heüige Bitter. 

HandTjuct der Augenheilkunde. 2. Aufl. XII. Bd. XXIII. Kap. 21 



322 XXllI. Hirschberg. 

Ich habe einige Kranke mit solciien Gesichls-Eischeinuni:;en aus Magen- 
Leiden, die aus Spanien, Gallien, Asien, Thracien mir Boten gesandt, 
ohne sie zu sehen, brieflich geheilt, und mittelbar noch viele andre 
ihrer Landsleute. 

Aehnliche Symptome, wie bei beginnendem Star, entstehen auch oft 
bei Hirnleiden, und zwar bei gewissen Arten der Hirnhaut-Entzündung •) . . . 

Ueber die deutlich sichtbaren Structur-Veränderungen des Auges will 
ich hier nicht sprechen. 

Ueber die Krankheits- Namen habe ich in einem kleinen Buch ge- 
handelt, welches betitelt ist »»Diagnose der Augenleiden««. Die Ursachen 
der Augenleiden sind in der Schrift » ül)er die Ursachen der Symptome « < 
abgehandelt.« 

Galen, von den Ursachen der Symptome, I (B. VII, S. SSfgd.j: 

§ 208. > 1. Im Auge ist das erste Empfindungs-Werkzeug '■^) der Krystall- 
Körpcr, 2. Das Emplindimgs-Yermögen stammt aus dem Hirn und wird 
vermittelt durch den Sehnerven. 3. Zur Unterstützung dienen alle übrigen 
Theile des Augapfels. 

Schlecht oder gar nicht sieht das Lebewesen, wenn einer der drei 
genannten Theile geschädigt ist'*]. 

I. Die Krankheiten des Krystall-Körpers entsprechen den acht Dys- 
krasicn. II. Die des Empfindungsvermögens einem Leiden des Sehnerven 
oder des Gehirns. .Jeder der beiden letztgenannten unterliegt den acht 
Mischungs-Aenderungen seiner gleichartigen Theile, außerdem aber den 
organischen Erkrankungen; hieher gehört Verstopfung und Pressung und 
alles, was durch Zustrom von Feuchtigkeiten Anschwellung verursacht. 

Die Trennung des Zusammenhangs^) ist außerdem gemeinsam allen 
gleichartigen und organischen Theilen und kann nicht nur das Gehirn oder 
den Nerven betreffen, sondern auch den Krystall-Körper. 



i) Ttvs; [j.£v yap twv cf.[>£viTi7.(üV o'joiv oXoj; acpaXX6[jL£voi -epl xd; atai)-if]Tr/.ä; ota- 
•p^woei; TöJv opaTö)';, o'j y.ri.-ä cpuutv l'youoi 10.1^ ötavorjxr/coü; v.piaeoiv' s'vtot 0' £(jiT:aXiv i't 
Tai; [A^v oiotvo-fjaeatv o'josv accaXXovxat, -apoLXUTTiy.öJ; os y.ivovivxoti v.axa xot; aioitT]a£i;, 
äXXot; oi xiaiv y.ax' a;;/fu) ßEJ^Xdcpftcd a'j[i.3iiiT,-/Ev. 

»Einige Kranke mit Hirn-Entzündung täuschen sich zwar nicht im sinnlichen 
Erkennen des Gesehenen , aber sie verhalten sich abnorm in der Beurtheilung 
desselben. Andre hingegen täuschen sich nicht in der Beurtheilung, sind aber 
abnorm erregt in Beziehung auf die Sinnesempfindung, noch andre sind nach 
beiden Richtungen hin gestört.« 

Hier haben wir Hallucinationen und Illusionen. 

2) x6 zpöjxov opfavov aiaDrjXtzov. 

3) Wir unterscheiden von den Seh Störungen vier Arten: I. durch Leiden 
des optischen Vorbaus, II. der Netzhaut, III. des Sehnerven, IV. des Gehirns. 
(Einführung I, 74.) Galen fasst III und IV zusammen, und ersetzt II durch 
den Krystall, der ihm das erste Organ des Sehens ist. 

4) r, xfj; a'j^zyeioLi >.'jai?, solutio continui. 



Geschichte der Augenheilkimue im Alterthum. 323 

Denn der letztere kann, durch Lage-Veränderung und Heraustreten 
aus seinem gewöhnlichen Sitze '), einem organisciien Leiden unterliegen, dem 
der Verschiehung^). Wenn diese nach dem Nasen- oder Schläfen-Winkel 
hin (also wagerecht) geschieht, so hewirkt sie keinen erheblichen Schaden^); 
wenn al)er nach oben oder nach unten, so macht sie Doppeltsehen. 

§ 209. Die Krankheiten der Hilfstheile des Seh-Werkzeuges ent- 
stehen, wenn im Seh-Loch der Regenbogenhaut oder in dem Raum zwischen 
diesem und dem Krystall-Kürper*) Flüssigkeit oder Luft^) sich derartig ge- 
stalten, dass sie das erste Emptindungswerkzeug (den Krystall) am Er- 
kennen der Sinnesgegenstände verhindern. 

hl derselben Weise hindert auch der grade vor der Pupille gelegene 
Theil der Hornhaut das Sehen, wenn er unmittelbar oder mittelbar von 
der Norm abweicht. 

Das Sehloch kann vier Arten von Abweichungen darbieten: Vergröße- 
rung, Verkleinerung, Verziehung, Zerreißung. 

Die Vergrößerung des Seh-Lochs, mag sie angeboren oder später 
erworben sein, sie schädigt immer die Sehkraft. Die Verkleinerung 
aber ist, wenn angeboren, Bedingung des schärfsten Sehens; des schlechten, 
wenn erworben. 

Die beiden andren Abweichungen des Seh-Lochs bewirken, weder an- 
geltoren noch erworben, eine irgendwie erhebliche Sehstörung. Oft sah 
ich l)ei kleinen Vorfällen der Regenbogenhaut <'), nach ihrer Vernarbung, die 
Pupille verzogen, den Kranken aber im Sehen nicht behindert, wofern nur 
der vor der Pupille belegene Theil der Hornhaut, durch welchen die Seh- 
strahlen passiren, untadlig sich bewahrt hatte. 



1) TW |j.£Ta7.iv-fj)}fjvai v.oX [j.sxaaTfjvai x-fj; or/.eia; sopa;. 

2) [j.£TaaTaai; hatte bei den Alten eine viel umfassendere Bedeutung, als bei 
uns; und bezeichnete die (größtentheils eingebildeten) Versetzungen von Organen 
oder, was sich bis auf unsre Tage erhalten, auch von Krankheiten. (Galen, XVII*^ 
790.) Wir bezeichnen die angeborene Verschiebung der Krystall -Linse mit 
ectopia; die (durch Verletzung erworbene mit luxatio. Ersteres ist kein 
griechisches Wort, letzteres kein lateinisches. 

i'xTorro; oder sxTozto; heißt aus dem Ort, das Hauptwort ist £y.xo7riaij.6;. Besser 
griechisch wäre, mit Benutzung der obigen Stelle des Galen, [jL£Ta-/ivTjOi;, da 
Metastasis heutzutage nicht mehr zulässig scheint. — Luxata (-orum) heißt bei 
Celsus die Zerrung (Distorsion , während er verrenken mit sedibus moveri be- 
zeichnet. Luxatura kommt erst bei Marcellus (36, 74) und luxatio in alten Gloss. 
vor. Luxus für luxatio gebraucht Apulejus (?) 1. de virt. herb. 31. 4. (Aus dem 
V. Jahrh. n. Chr.) 

Bei Galen ist ij.ixäa-'jiai; die leidende Verrückung des Krystalls. Die thätige 
(ärztliche) Verschiebung nennt er p-siaftsai; Ü7:oy'j[j.aTa)v. (XIV, 990, Z. 1.) 

3) Vgl. § 206. 

4) 'Aazä TÖ Tpfj[xa toö pocYO£tSoiJ; Yj xaT« [Text v.alj ~b [i.£ta;'j touxo'j t£ xctl toj 
•/.p'jGxaXXoEiooü;. 

5) Vgl. oben § 102 u. 117. 

6) ir.i 7Tpo7:xa)a£at ßp'jf/£iai; xoü öaYOiioo'j-;. 

21* 



324 XXIII. Hirschberg, 



Dies also lehrt die Erfahrung. 



Aber die Ursache der Thatsaehe, dass die Erweiterung der Pupille 
immer schädlich für den Sehakt, die Verengerung nicht immer, bedarf einer 
Erklärung. Es scheint der vom Hirn zum Auge tretende Sehnerv, den die 
Schule des IIerophiliis als Kanal bezeichnet, weil an ihm allein die centrale 
Durchbohrung*) sichtbar ist, den Weg der hmervations-Luft 2) darzustellen. 
Darum geschieht es, dass, wenn wir das eine Auge schließen, die Pupille 
des andren sich erweitert 3), da in das eine allein jetzt die Innervation 
eindringt, welche vorher auf beide sich vertheilte. Deshalb erkennt man 
auch bei den Star-Kranken, ob sie sehen werden nach dem Stich und 
nach dem Niederdrücken des Stars ^), oder nicht, hauptsächlich durch dieses 
Zeichen. Denn diejenigen, bei denen die Pupille sich erweitert, nach Ver- 
schluss des andren Auges •''), haben .Aussicht, nach dem Star-Stich wieder zu 
sehen. Aber von denen , bei welchen die genannte Pupillen-Erweiterung 
nicht eintritt, hat noch nie einer die Sehkraft wiedererlangt, und wenn 
er auch ganz schmerzlos und klassisch operirt worden ist. Aus all' 
diesen Thatsachen ist vollkommen klar, dass eine Art von geistiger Luft 
den Augen aus dem Hirn zuströmt, sowohl in den Krystall selber als auch 
in den ganzen Raum, den das Loch der Regenbogenhaut begrenzt. 

Wird nun die Pupille grüßer, sei es bei der ersten Bildung 6), sei es 
später; so wird ihr ganzer Bereich nicht gut von der Luft ausgefüllt. Die 
letztere muss sich ausbreiten, verdünnen, zerstreuen, hn Gegensatz dazu 
wird in der engeren Pupille die Luft gesammelt, zusammengedrängt und 
verdichtet. Aber in der Schrift vom Nvitzen der Theile habe ich bewiesen, 
dass Verdichtung und Zusammendrängung zur guten Sinneswahrnehmung 
hinführt, Verdünnung und Zerstreuung zu schlechter Sinneswahrnehmung 
ableitet. 

Weshalb ist nun Verengerung der Pupille, die durch Krank- 
heit, nicht von Natur erfolgt, viel schlechter als die mittlere Weite? 
Etwa weil sie durch schlimme Krankheiten erfolgt und durch diese 



1) Vgl. § -121. 

2) Tiveij[j.a aiat)r|-r/,öv. Noch bis vor kurzem sagte man Nerven -Fluidum. 
Weiter miten heißt es r. 'Vjy_i-/.ov. 

3) Die Beobachtung ist richtig, aber unvollständig. Die Erweiterung der 
Pupille des nicht geschlossenen Auges ist eine mäßige. Starke Erweiterung 
derselben (mit Starre bei wechselnder Belichtung) bedeutet ganz im Gegen- 
theil Amaurose dieses Auges. 

4) 7:apa"/£v8Tf]T£v-£; v.a\ v.'x~e^e.'/f%bi~oi toü ü7:oy6[j.aTo;. (Text -apazEvör^Tl^TO;). 

5) Die Reflex-Erregbarkeit der Pupille des zu operirenden Auges, bei 
Verschluss des andren, wird von Galen nicht geprüft. 

6) v-axa ttjv Ttpturqv oict-Äcotv, was vmsren gelahrten Aerzten als prima con- 
formatio geläufig ist. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 325 

letzteren das leidende Auge schlechter sieht, nicht aber durch die Kleinheit 
der Pupille? Welches sind nun diese Krankheiten? 

Die eine betrifft die Regenbogenhaut allein. Es ist eine Ausspamiung 
und Ausdehnung, wie bei der Gelenkwassersucht i). 

Die andre betrifft die wässrige Feuchtigkeit, zwischen dem Krystall 
und der Regenbogenhaut"^); und zwar ist es eine Verringerung derselben, 
wodurch jener Zwischenraum sicli entleert, die Regenbogenhaut zusammen- 
sinkt^), sich zusammenzieht und runzelt, und so auch die Pupille sich ver- 
Ideinert. Schlechtsehen, bezw. Erblindung erfolgt nun bei diesen Krank- 
heiten nicht durch die Kleinheit der Pupille, sondern durch das Fehlen des 
Wassers (in der hinteren Augenkammer). Bewiesen habe ich in den opti- 
schen Auseinandersetzungen, welche ich in der Schrift »»über den Nutzen 
der Theile « « und ganz besonders in der » » über die Grundsätze des Hippo- 
KRATES und Plato « « veröffentlicht habe, dass der Krystall stets einen schützen- 
den N'orbau braucht, um ungeschädigt die von außen eindringende Licht- 
strahlung zu ertragen. Eines von diesen Schutzmitteln ist jenes (Kammer-) 
Wasser, das auch zur Erhaltung der Krystall-Sub stanz beiträgt. Wenn 
nun dieses Wasser zu sparsam wird, muss Yertrocknung des Krystalls er- 
folgen, und die Regenbogenhaut fällt auf ihn; der Krystall tritt nothge- 
drungen in fast unmittelbare Berührung mit dem äußeren Glanz und ver- 
fällt so einem Leiden, ähnlich dem, wie es denen zustößt, die unverwandt 
die Sonne anschauen. Von diesen wurden einige ganz blind, alle aber ge- 
schädigt^) . . . . Das ist die Ursache, weshalb Verringerung des in der 
Pupille befindlichen Kammerwassers gleichzeitig Ursache wird von Seh- 
störung und von (erworbener) Pupillen-Verengerung. Darum ist 
auch das letztgenannte Augenleiden ganz unheilbar^). 

Weniger schlimm ist das andre Leiden, welches in Folge von Durch- 
feuchtung der Regenbogenhaut die Pupille verkleinert 6). 



I) Iritis deformans. — Man sieht, wie alt der Vergleich der Iritis mit der 
Arthritis. 

2: Zwischen beiden nahm Galen (u. a.) einen Zwischenraum an, der 
theils mit Wasser, theils mit Luft gefüllt ist. 

Es ist also eine hintere Augenkammer, von eingebildeter Tiefe. 

3) -iCaia-iTTojv. Aus diesen Anschauungen heraus hat Woolhouse (um 1700 
n. Chr.) das grässliche Wort c'j>jiC-r;au für Pupillen -Verengerung bezw. Ver- 
schließung gebildet. [Vgl. Mauchart, de pupillae phthisi et synizesi, Tübingen 

-1745 (Haller, disput. chir. I, 455): Vocatur Woolhousio occlusio pupillae 

o'jvtC'/]ai; a aWiCtvj considere dicta.] Beer II, 190 und Himly II, 176: subsidentia 
pupillae. Himly II, 174: Synizesis marginum pupillae. Galezowski: Synizesis 
pupillae. 

Auf diese Weise entsteht niemals Verschluss des Seh-Lochs. 

4) Blendung durch Beobachtung der Sonnenfinsterniss. 

.■)) Natürlich, Galen meint Pupillensperre mit beginnender Verkleinerung des 
Augapfels (Phthisis bulbi ex iridocyclitide). 

6) Den Alten galt Vertrocknung als das Schlimmere. Uebrigens wird 
der Text erst richtig durch Umstellung: 'J^[[JrJ.a^li\o'^ ^r^poiiveiv -i^ £;Tjpaa[i.£vov 'j-^paivitv. 



326 XXlll. Ilirscliberg, 

Entzündungen^), Verhärtungen, Abscesse in der Regenbogenhaut 
wird ein tüchtiger Arzt schon überwinden. 

Erweiterung^) der Pupille entsteht durch Sjtannung der Regenbogen- 
haut, und zwar in ihr selber, entweder in Folge von Vertrocknung ihrer gleicli- 
artigen Theile oder durch Ausschwitzung, welche das ganze Organ betritlt. 
Spannung der Regenbogenhaut entsteht auch außerhalb derselben, aus- 
gehend von einer A'ermehrung der hinter ihr befindlichen Flüssigkeit. 

Zu den Erkrankungen dei' Regenbogenhaut gehört noch die Störung 
des Zusannuenhangs ; das bedeutet sowohl Verletzung als auch Geschwür. 
Bei großer Verletzung tließt die Flüssigkeit aus, die h^is fällt gegen die 
Hornhaut und berührt auch den Krystall, die Innervalions-Luft iließl aus, 
die Sehkraft ist geschädigt-*). 

§ 210. Vom Kammerwasser*) ist so viel schon gesagt, dass so- 
wohl seine A'ermehrung als auch seine Verminderung die Sehkraft schädigt. 
Auch wenn Verdickung desselben oder Verfärbung erfolgt, muss ein Zeichen 
bezüglich der Sehkraft auftreten. 

Verdickung des Kammerwassers hebt auf die Genauigkeit des Sehens 
und hemmt ihre Tragweite^), so dass man das Ferne gar nicht sehen kann 
und das Nahe nicht genau. Wenn abei' die Verdickung vollständig ge- 
worden, wie beim Star, so wird das Sehen ganz und gar gehindert. Falls 
aber nicht das ganze Seh-Loch von dem darin entwickelten festen Körper 
verdunkelt wird, sondern ein Theil des ersteren rein geblieben; so sehen 
die Kranken durch den letzteren Theil die äußeren Gegenstände, jeden ein- 
zelnen nicht schlechter als zuvor, jedoch nicht alle gleichzeitig, wegen der 
A'erengerung des Sehstrahlen-Kegels. 

Wenn aber im Mittelpunkte der Pupille ein kleiner Star sich bildet, 
während die übrige Kreisfläche der ersteren rein bleibt; so erscheint die 



1) cf-X£Y[i.oval . . £v TÜ) poiYCi£[0£i 0'j-<taTa[j.£vctt. Es ist eine Fabel der Neueren, 
dass Schmidt (Wien, 1801) die Regenbogenhaut-Entzündung erfunden 
habe. Allerdings der Name Iritis scheint von ihm herzurühren. 

Aber schon die Hippokratiker haben Pupillen mit Winkeln beschrieben 
{■/.6[jai fm^nui tyo'jaai, praedict. II, 28; Hipp, von Kühn I, 214. Vgl. § 46. 

Galen spricht an unsrer Stelle von Entzündung der Regenbogenhaut und 
AüTius VII, v-q (S. -134) von den schlimmeren Formen derselben: 

oufyuoi? .... y.oit dTTt TT] (i'Kz'iiJ.o^f^ Toü pc^YOEiooD; c'jfj.[üaw£t. »Das Zusammen- 
rühren (der Augen-Feuchtigkeiten) kommt auch vor bei der Entzündung der Regen- 
bogenhaut.« Ebenso in der sogenannten Augenheilkunde des Alex. TpiAll., S. 152. 

2) eüpuTTj; und a[j.tv,poT-fj; genügen dem Galen. 

3) Die Bedeutung des Kammerwasser-Abflusses wird von den Alten über- 
schätzt und nicht gehörig getrennt von starkem Glaskörper-Vorfall. 

4) XcZTYj bf[j6-riz. 

5) Unsre Aerztc würden sagen: bewirkt Amblyopie und Myopie. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthuni. 327 

Außenwelt diesem Kranken wie durchlöcherii). Das in der Mille Befind- 
liche, das nicht gesehen wird, scheint gewissermaßen herausgeschlagen 
zu sein. 

Wenn aber dickliche Körperchen, getrennt und nicht zusammenhängend, 
in dem erwähnten Wasser schweben; so müssen sie dem Kranken eine Ge- 
sichtstäuschung bewirken, als ob wirklich außerhalb des Auges Mücken'^) 
hin und her schweben. 

Oft entstehen so Bilder, häufig nach dem Aufstehen vom Schlaf''), be- 
sonders bei Kindern und bei Berauschten 4) oder bei solchen, die sonstwie 
den Kopf voll haben. 

Wenn aber die Flüssigkeit zwischen Kry stall und Regenbogenhaut eine 
Farben-Aenderung erleidet und eine dunklere Tönung annimmt, so muss der 
Kranke wie durch Rauch oder Nebel sehen. 

Wenn sie sich aber irgend einer andren Farbe annähert, so wird ein 
Schein der letzteren den gesehenen Gegenständen sich beimischen. 

In diese Gruppe gehören die Gesichtstäuschungen einerseits bei be- 
ginnendem Star, und andrerseits vor dem Nasenbluten und Erbrechen; über 
die letzteren hat IIippokrates^) geschrieben. 

Wenn jemand genaue Sehkraft^) besitzt, aber Dünste vom Magen auf- 
steigen, zumal bei schlechter Verdauung, so hat er ähnliche Erscheinungen 
wie beim Beginn des Stars'). 

Immer entspricht die Stärke der Erscheinungen der Grüße der Ver- 
änderung. 

§ 211. Ist die Innervatio HS-Luft zugleich reichlich und klar, wie der 
Aether; so sieht der .Alensch bis in die weiteste Ferne und unterscheidet 
ganz genau. Ist nur wenig vorhanden, aber reine; so erkennt er das 



■1) ctza^^ta olov 5}'jptoa; lyovToi. Die Fenster der Alten waren — Löcher. 

Unsre Zeitgenossen nennen diesen Zustand Scotoma centrale (positivum). 

Solche Anschauungen haben sich übrigens bis zu unsrem Jahrhundert er- 
halten. Erst in diesem lernten wir, dass das Gesichtsfeld die Projection der licht- 
empfindlichen Netzhaut-Fläche nach außen darstellt. 

Dem Griechen war der Krystall, was uns die Netzhaut. Darum ist 
seine Lehre folgerichtig, wenn auch irrig. Er musste auch die Ursachen der 
fliegenden Mücken vor seine Netzhaut, d. h. vor den Krystall. versetzen. 

2) %(uva)7Tia. Vgl. § ö6. 

3) Subjectives Sehen der eigenen Netzhaut. 

4) Sinnes-Täuschungen. Natürlich sind 3 und 4 nicht durch schwebende 
Körper erzeugt. 

5) Vorhersagungen II, 3.^,. (Kühn I, ^227; Foiis. L Itü— li<; Lnruii IX. r.6.) 
Vgl. oben § 57. 

6) äy-pißf,; o'kc. 

7) Vgl. oben § 207. 



328 XXIII. Hirschberg, 

Nahe genau , sieht aber das Ferne nicht '). Ist sie reichUch , aber feucht : 
so sieht er weit, aber nicht genau. Ist sie feucht und sparsam, so sieht 
er weder genau noch weit. 

§ 212. Wenn der vor der Pupille belegene Theil der Hornhaut 
sich ändert, schädigt er die Sehkraft. Ist er dicker und fester, so 
bewirkt er Sehstürung. Ist er feuchter und dichter, so macht er dazu 
noch, dass der Kranke wie durch Nebel, Dunst oder Rauch sieht. Wenn 
die Ausschwitzung in die Hornhaut nicht reichlich ist, aber von abnormer 
Farbe; so entsteht eine dieser entsprechende Gesichtstäuschung 2). Deshalb 
sehen die Gelbsüchtigen alle Gegenstände gelb ^j ; roth aber die, welche eine 
Blut-Unterlaufung ^j erlitten haben. 

Ein bedeutendes Geschwür (im Pupillen-Theile der Hornhaut) 
schädigt die Sehkraft, sowohl weil es Absonderung sammelt, als auch weil 
es die Linse zwingt, mit dem umgebenden Licht in unmittelbarere Beziehung 
zu treten. Dringt aber ein Hornhautgeschwür der Pupillen-Gegend nach innen 
durch, so ergießt sich etwas von dem Kammerwasser'') nach außen; und es 
entsteht Gefahr der vollständigen Erblindung. Deshalb erblinden auch die 
meisten, welche eine durchbohrende Verletzung des vor der Pupille 
gelegenen Hornhaut-Theils erlitten haben. 

Eine merkwürdige und ungewöhnliche Beobachtung machte ich an 
einem Knaben, der mittelst des Schreibgriffels'') in der Pupillen-Gegend "j sich 
gestochen hatte. Sofort floss das Kammerwasser aus, die Pupille wurde 
kleiner^), die ganze Hornhaut schien runzlig; aber später, im Verlauf der 



1] Das ist die Erklärung der Kurzsichtigkeit, wie sie bis Kepler (1604 n.Chr. 
Geltung behalten : b-b äaftevitoi; ';iwj.i-i-q Toij or.-v/.o'j 7:v£'j[AaTo; , sie entsteht aus 
Schwäche der optischen (Innervations-) Luft. (Paull. Aeg. III, S. 78.) 

2) Tapopaat;. 

3) ciia ToiJTO ot {•/.-£ pKovte; «'J'/p^- "avT-x ftsäsSai ooy.oüat. 

Wie man sieht, kam Galen aus ohne ein solches Hauptwort wie unser 
Xanthopsie, Gelb-Sehen, von EoivDo:, gelb, und wh, Gesicht. Das gelbe Aus- 
sehen des Auges bei der Gelbsucht kannten schon die Hippokr atiker. (§68.) 
Das Gelb-Sehen wird von Varro, Lucrez, Sextus Empiricüs, Cassius und 
von unsrem Galen bezeugt; ist aber so selten, dass einem Morgagni. Frerichs, 
Traube entscheidende Fälle nicht zur Beobachtung gelangt sind. Vgl. m. Arbeit. 
Berliner Klin. Wochenschr. 1883, N. 23, und Centralbl. f. A. 1885, S. 412 ff., wo- 
selbst ich nachgewiesen, dass das Gelb-Sehen auf Gelbfärbung der Netzhau 
beruht, die ich mit dem Augenspiegel, bei Tageslicht, beobachten konnte. 

Galen's Ansicht, dass Gelbfärbung der Hornhaut die Ursache sei, ist nicht 
blos von Morgagni, sondern noch in unsren Tagen erörtert worden. 

4) 'jTioocpaYiAoi. 

•ö) uoaTo'jOTj; ÜYpÖTTj:. 

6) YP'^'f^iov, Stylus; er war metallisch und spitz, für die Wachstafeln. 

7) -/.ard tt,v v.opTjv, »in pupillam « ist falsch. Dann wäre Verletzung-Star 
erfolgt 

8) Eine durchaus richtige Beobachtung 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 329 

Behandlung, sah er wieder gut, da zweifelsohne alhnählicli das vorher ah- 
oetlossene Wasser sich wieder angesammelt hatte. Aber dies ist selten; 
meist folgt Erblindung nach diesen Verletzungen. 

Auch die bloße Runzelung der Hornhaut wirkt störend. Dies 
Leiden befällt das höchste Greisenalter*). Ist dabei die Pupille kleiner 2), 
so besteht gleichzeitig Verringerung des Kammerwassers. 

Alle stärkeren Leiden der Hornhaut stören das Sehen vollständig, 
besonders wenn sie, durch Entzündung oder Vereiterung oder Verhärtung 
u. dgl., in ihrer Gesammtheit als Organ exsudative Veränderungen erleidet. 

§ 213. Die Bindehaut'') schädigt bei ihrer Entzündung gelegentlich 
die Sehkraft^). Bei der sogenannten Chemosis und noch mehr beim 
Flügelfell verdunkelt sie die Pupille, nicht accidentell, sondern primär. 

Ebenso wirken starke Entzündungen der Lider und gelegentlich 
krankhafte Geschwülste derselben, wenn sie eine solche Größe erreichen, 
dass sie die Pupille verdunkeln. 

Dies sind die Ursachen der Blindheit und Sehstörung. Nur Beispiels 
halber, nicht um alle Einzelheiten zu erörtern, habe ich dies angeführt s).« 

§ 214. Galen, System der Heilkunst^), Buch XIV, c. 13. 

lieber Star-Operationen. 

vuvt o£ ToaouTov £Ti TTSpi Tcüv Tapa Jetzt muss ich noch soviel vou den 

ciuatv o-f/.tüv pTj-iov sariv, tu; oaoi jxiv widernatürlichen Gewächsen aussagen, 

aOrmv oXw tA --svst -apä cpuaiv siatv, dass alle diejenigen von ihnen, welche 

£vosi7.vuvr7.i -Yjv otpsiv, u-aYdtXiVoi ihrer ganzen Art nach wider die Natur 

y.oivoTsoto ayjj-to to) xarä -avrcuv sind, die Fortnahme anzeigen, da sie 

ey.TsT7.aivto TÖiv toioutojv, oaa raic einer allgemeinen Indication unterliegen, 

Oüziiiz okaxc £?£aTTj7.£ -o'j 'Arj-a. cpujiv, die sich auf alle derartigen Bildungen 

(JuaTTSO £t:i tojv a-£a7Ujixa-o)v xal erstreckt, w-elche durch ihi-e ganze Sub- 

dilcOüJuaToiv £/£i. TouToo 0£ -,'£700? stanz heraustreten aus der Norm, als 

£aTi 7.7.1 7] x7loua£v/j }j.uppLrj7.i7 X7t da sind Talg- und Grütz-Geschwülste. 

Tj axpo/opomv, Z r £V -r^ xu3T£i Äiiloc Zu dieser Art gehört auch die fest- 



i; Galen meint hier die greisenhafte Schwachsichtigkeit ohne Star, die in 
Wirklichkeit sich zusammensetzt aus Veränderungen der Netzhautmitte und Fehlen 
der Accommodation. Brillengläser gab es nicht bei den Alten. 

2j Was unsre Landsleute »senile Miosis« nennen. 

3) 6 IrtTtiCi'jv.cu; 'jfx-fjv. 

4) ■'(] ÖZT17.T) lvcpY£lO(. 

5 Man muss zugestehen, dass dies mit die interessanteste Erörterung 
über Augenleiden ist, die wir aus dem Alterthum besitzen: trotz des allent- 
halben sich breit machenden Dogmatismus ist es eine gründliche, logische, auf 
Erfahrung beruhende und dem damaligen Zustande der Physiologie entsprechende 
Darstellung. 

6 ihryx-vj-av.-Tit \).s%wyj jtiiß/.iov S. Band X, S. 986, 987, 989. 

Wegen der Wichtigkeit des Gegenstands gebe ich den Ur-Text. und zwar voll- 
ständig. Vgl. m. Mitth. Centralbl. f A. Juli-Aug. -1888. 



330 



XXIII. Hirschberg, 



-avra "'oip Tti toiaura tsäsoj; £X7.0'];ai 

OkcUOOIXcV. 

WV 0£ Xal 6 TCi-OVt)(bc TO-KOZ £V 71 

töüv y.ata cpu^iv eari ixopi'tov, 6 [xev 
TtpüiTo; o/Oko; laoOat. ro Tra^oc, 6 o' 
stt' auTO OiUTSpoc, orav dviarov Yj, 
o'jViXy.o '1/7.1 T(|) Trafst to [iipoc, <«; 
£711 7.apy.ivoo T£ y.7.t T(ov ai)£par£aT(.iJV 
a~avTtov IXyojv. i'ijLTcaXiv 8' «>c ettI 
TÄv u7:oj(u}xa-(uv a7roTTi7r~ovT£c ~otj 

-pÖiTOO aXOTTOU TTpOC £T£pOV aYO[i.£V 

7.uTa TOTTov axuptuTspov. Iviot 0£ xai 
laOra x£vouv £7C£)^£i'prjaav, «j; £v toi; 

/£lpOUpYOU[X£VO; £pu>. 



VUVl apX£a£l TOaOUTOV ElTTclV, 

ojc TO xocTOt Tcic uopoxr|X7.; uypöv 
aXXoTpidv £CTi r^; tou aiofiaToc ouoia: 
oX-q Tfi cpuo£t* xal t6 xaTa touc oiaxi- 
Tac 6o£pou; uotup. wv yj xivojaic t^toi 
017. cpap[xax(üv -^['(vexciii oi7cpoprjTix(ov 

Tj 017 /£lp0UpYl'7C. . . . 



xaTaTauTa 301 xpivovTiT/jV apiOTr|V 
ooov xr^t ia3£a); Itti tt^vtcdv twv vuv 
YjaTv ■::pox£t[X£V(i)V £up£i}rja£T7i ttotI 

;j.£V -/] 0L7. TTj? }(£tp0UpYl7; 7.lp£T0JT£p7. 
7iOT£ dt 7j 017. TCOV CpapjXaxtOV 7] ;Jl£V 

ouv oia T/j? )^£ipoupYiac £V ^e toIc 
vuv vjjxTv upoxfiiixivois; £-1 ttjV dv7i- 

p£aiV aUTÄV aTC£UO£L TEAEICDC £Xxdf|i7l 
Tou Cfüou TO 'ir7p7 cpuaiv oXtp T(0 -'2V£l 
7:p07ipooij.£vyj' to'jtooo d7:oTOY/7.voua7 

TO'J aXOTTOU 0£UT£p0V £y^£L TOV TTjC [X£T7- 
i)£3£tOC £7:1 TOJV U7rO)(OJJ.7T(J0V. 



silzpiiilo'j iidcr li;nii:('n(li' Würze, der 
üliiscilsicili, der Slai', die Mole . . . 
Dcim idli' diese iiildiingou liosirehen 
wir uns vnl I k (ininieii iiiisziirolleii. 

Wenn .iliei' der Silz des Leidens 
eines der nalüriiclien (und wieliliüen) 
Organe darslelll, so ist die ersle Indi- 
catinn. das Leiden zu heilen; nml da- 
nach die zweite, \\onn jenes unheilbar 
sein sollte, mit auszurotten das Organ 
niilsaninil dem Leiden, wie heim Krelts 
imd allen nnheilharen (iesehwüren. Hin- 
gegen pflegen wir aljcr, z. H. hei <len 
Staren, von der ersten Indicalion ahzii- 
gehen, und hringen sie an einen andren 
Orl , dei- weniger wichtig ist. Einige 
aher liahen es versucht (gewagt), auch 
diese herauszuziehen, wie icli in der 
Darstellung der chirurgisehen Kiank- 
heitcn niittheilcn werde. 

.letz! wird es genügen, so viel zu 
sagen, dass die Flüssigkeit in ilen 
lly<lroeelen ganz und gar von der 
natürlichen BeschatTenheil des Oi'ganis- 
nnis ahweicht und ebenso das M'asser 
im Aseiles. Ihre Entleerung geschieht 
din-eh schweißtreibende Millel oder auf 
chirurgischem Wege. . . . 

Indem man hiernach den besten 
A\'eg der Heilung beiu'lheil! hei allen 
jelzl von uns erörterlen Leiden, wird 
bald der durch Operation, bald der 
durcli Keilmillel wahlenswerther be- 
limden werden. Der dui-ch Operation 
streb! bei iliMi jetzt von uns erörterten 
Leiden zur Fort nähme derselben, indem 
er enlsclieidel, gänzlich aus dem Oi-ga- 
nismus ausrollen, was seiner ganzen 
Art nach wider die Natur ist. Wenn 
er dieses Ziel nicht erreichen kann, so 
steht ihm ein zweites zur Verliigung, 
die Verlagerung, heim Stai-. 



Zusätzliclie Bemerkungen, besonders über Star-Auszielumg 
bei den alten Griechen. Aus diesen klaren Worten der besten, un- 
zweifelhaft echten Schrift des (l.vLEiv folgt mit Sicherheit, dass die alten 



i) GoRR. [).:, Verruca sessilis; vgl. Cels. V, 28, U; Paull. leitet den Namen 
ab von dem Gefühl des Ameisen-Kriechens, Aütius von der schwarzen Farbe. 



Gescliichte der Augenheilkunde im Altertlium. 331 

Grieclien Ijci dem Star eine ()|M'rati()ii kannlcii uihI üblen, die \'er- 
lagcrung oder Nicdf.'rdrückung') ; dass aber cinzi'liic Acrzte es ver- 
sucht oder gewagt lialtcn, den Star zu entleeren, d. b. narb eim'ni Ein- 
schnitt herauszubefürdern. 

Es wird nicht erwäluit, wer das gewagt, nocb wie er es geniacbt, 
oder unt(M" weleben Umständen-). 

A. Hirsch, welelier »den Historikern über Star-0])eration bei den 
Alten einiMi an das Unglaubliclie gn^nzenden Leichtsinn« vorwirfr^), bat 
leider niebl v(n^slanden, sieb selbei- von einem erbel)liehen Febler frei 
zu lialten: er sclu^eibt, in gesperrlem Druck, dass Paullus das Wort xavo-jv, 
entleeren, »bei der Besclireibimg der Depressionsmetliode der Cataract ge- 
braucht iiabe«. 

Das ist unriclitig. A. Hirsch bat leider den griechischen Text des 
Paullus niclit eingeselien, sondern nur die — lateinisclie Ueltersetzung des 
GuiNTERus Andernacüs^)! Dass der letztere des Paullus' Worte jjlst« Tr,v 
xaTaYcuyTjV xou "ÜTtoj^ufiaxoc, »nacli der Herabführung des Stars«, irrig mit 
evacuata suffusione üliersetzt, was weder dem Sinn der griechischen 
Sprache, noch der Operation entspricbt, ist für die Deutung der klaren 
Stelle des Galen ganz gieichgillig. 

Auf die Araber lasse ich micli hier gar nicht ein. Das sind mir 
schlechte Zeugen für die Griechen des GALEN'schen Zeilalters! Erstlicb 
lebten sie fast tausend Jahre später; zweitens verstanden sie allesamnil 
kein AVort griechisch^); drittens haben wir, mit Ausnahme des Abulkasis. 
der grade hierüber scbweigt, von ihnen keine einzige braucbbare Ausgabe. 



1) Dass sie, ohne es zu wollen, bei Milch-Star das Discissions- (oder Re- 
sorptions-) Verfahren ausgeführt haben, werden wir bald kennen lernen. 

2) Ich überlasse Jedem seine Vermuthungen. Am nächsten liegt es, das an- 
zunehmen, was thatsächlich in den der Erfindung Daviel's voraufgehenden 
Jahren geschehen ist, dass man die bei der Niederdrückung des Stars gelegentlich 
zerstückelten Massen (vgl. Celsus § 180), wenn sie in die Vorderkammer 
fielen, aus derselben durch einen Hornhautschnitt herauszog. Magnus, Geschichte 
des grauen Stars (S. 234), meint, dass die von den Alten geübte Star- Aus- 
ziehung »identisch sei mit der Hypopyon-Extraclion«. Auch das ist nicht un- 
möglich, da der Milch-Star von Galen ausdrücklich beschrieben wird. (X, 1019. 

3) S. 292, Note 1. Vgl. seine Erörterungen S. 279 und 291. 

4) Briefliche Mittheilung von A.Hirsch an mich. Zur Bedeutung des Wortes 
■/.svciOv vgl. Galen X, 1010 -oXXd-Aiz. xo tJjw äS^pow; £-/.£va)3a,a£>;, oieXovTE; rov y.zrj'j.-zrjtifjf^. 
»Oft habe ich den Eiter sofort entleert, indem ich die Hornhaut durchstach.« 

5) Wir wissen nicht genau, was sie jedes Mal meinten, da sie Star (Hypo- 
chyma) mit »Wasser« übersetzten. 

Die einzige Stelle, die in Betracht kommt, bezieht sich auf den bedeutenden 
Chirurgen Antyllus (im KI. Jahrb. n. Chr.), dessen Schriften leider gänzlich ver- 
loren gegangen sind. 

Rhazes, Continens, lib. II, tract. VI, c. 2 : Et aliqui aperuerunt sub pupilla et 
extraxerunt cataractam. et potest esse, cum Cataracta est subtilis. et cum est 
grossa, non poterit extrahi, quia humor egrcderetur cum illa. 



332 XXIII. Hirschberg, 

Auch die antiken Sätze von Nicht-Aerzten l^ewoisen wenig oder gar 
nichts üher die Auszieluing des Stars bei den Alten. Citirt wird Plin. n. h. 
XI, c. 55, 149'): Veterina tantum quaedam ad incrementa hmac morbos 
sentiunt. sed homo solus emisso hiimorc caecitate liberatur. post vicen- 
simum annum multis restitntiis est visus, ([uiliusdam statim nascentiljus 
negatus nullo oculoriim vitio, mullis rejicnte ablatus simili modo nulia 
praecedente iniuria. 

Nach mein(M' Ansicht ist hier die Rede vom Aderlass, von seinem ver- 
mutheten Nutzen und beobachteten Schaden. (Amaurose durch Blut-Verkist.) 

Citirt wird der Wundermär-Erzähler Claudius Aelianus (um 222 n. 
Chr.), Tispi loioTT^Toc Tcüv Cw>(«v (von der Eigenart der Thiere)-^): 

a'(ai)ri os apa t^v ai; xal r/)V ocpv)aA- Nützlich war die Ziege auch, den 

ijLÜiv aykl)V, f^v-sp ouv k7.To£c A<:y.X'r^- Nobel der Augen, den die Nachkommen 

-lOLOÄv uTToyuaiv'jxaAoüaiv, dy.£oa3()ai, der Asklepiaden den Star nennen, zu 

•/.al Xi'io^Kci.i '(B Ol ä'^W^m-oi r^ar/ iv.zi- heilen: man erzählt, dass von ihr die 

v/ji; \xa\)ziv toos to rotti-ot. To o£ apa Menschen diese Heilung ei'lernt haben. 

ToiouTov £3riv otav ai^ voTjo'if) rov Die Sache verhält sicli so. Wenn eine 

o'ftioiXjjiöv £-i-oAa>{)£VTa 7.u-'^ KpoaEiai Ziege merkt, dass ilu* Auge getrübt ist, 

ßaxoi y.ai -ap7.|3aXA£i r/j dy.dtvilyj to geht sie zu einem Dornstrauch und 

ou-fioc, vtS;a!. auto' 7.7.1 tj fX£V ixivtr^Gf, bringt ihr Auge gegen den Dorn, es zu 

TO 0£ uypov Escytopr^ScV , [X£V£i 0£ stechen. Und dieser sticht, die Flüssig- 

ä~ai}v]; 7) v.opTj, y.rj.l 6p7. 7uJ}ic. keit, verlässt ihren Ort, es bleibt aber 

unversehrt die Pupille und sieht wieder. 

Aus dieser Stelle möchte ich um so weniger einen bestimmten Schluss 
ziehen, als in der (unechten) Schrift der GALEN'schen Sammlung »Ein- 
fidirung« ') der gewöhnliche Star-Stich von den Ziegen herrühren soll! 

Tivä 0£ ex 7:£pi-Ta>3£a); csaoiv Einiges soll durch Zufall entdeckt 

iziVcVOYjoöat üiz TO -apaxsvrsiv touc sein, wie der Star-Stich, da (dem Uebel) 



1) Ausgabe von Jan-Mayhoff Band II, S. 244, 1875; A. v. Sillig B. II, 291, 
1852. — Vgl. Übrigens noch § 197 (squama). 

2) 1. VII, c. 14. 

3) Interessanter als die ganze Stelle ist die Bemerkung, wie selten das 
Wort ÜTTÖ/uat; oder ur6y'j[jia in der nichtärztlichen Literatur der 
alten Griechen vorkommt. 

Vor Chr. G. kommt es überhaupt gar nicht vor; später nur 

1. Bei Clemens Alex. (p. 114, 200 n. Chr.). 

2. Hier bei Aelian (um 200 n. Chr.). 

3. Bei Maxim. Tyr. (16 p. M6, gegen 200 n. Chr.). 

4. Bei SoCRAT. (h. eccl. III, 12, V. Jahrh. n. Chr.). 

5. In Geopon. (12, 26, 5, X. Jahrh. n. Chr.). (Thes. I. gr. VIII, 485, nach 
Berxhard, ad Theoph. Nonn. I, 229). Sagt doch selbst ein Galen xd xaXo'jaeva 
-00? Ttov (ocTpwv b-oyjfj.rxT'-j.. »die von den Aerzten sogenannten Stare«. (Vgl. § 218.) 

Man kann nicht behaupten, dass der Begriff Hypochyma in der helle- 
nistischen Zeit so populär gewesen sei, wie in Deutschland der Begriff Star zur 
Zeit von G. Bartisch (1583 n. Chr.), welcher davon meldet: »Denn dieser Name 
also bekannt und breuchlich ist, dass Bürger und Bauer, Gelerte und ungelerte 
darum wissen.« 

4^ Galen XIV. 674. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthum. 333 

i-oxs^^utxEvou;, e/. xou •KsptitsasTv eine Ziege verfiel, welche slurbliiid ward 

alya f^xi? ÖTzoyodziorx avsßXs^j^ev, und wieder sehen lernte, nachdem sie 

o^oayohou einzcf.'[c.hr^z st; xöv oct- sich einen Dorn in das Auge einge- 

üaÄtxov. stochen hatte. 

K. Sprengel'), J. Sichel'-^), Anagnostakes ^), H. Magnus^), 0. Becker^) 
haben den alten Griechen eine Art von Ausziehung des Stars bereitwillig 
zugestanden. 

Galen's System der Ileilkunst, XIV, c. XYIII und c. XIX ^j: 
Ophthal motherapie. 

§ 215. »Diejenigen, welche die Wimpern verlieren, und ilauser'; 
genannt werden, muss man mit ähnlichen Mitteln behandeln, wie diejenigen, 
welche das Haupt-Haar verlieren. 

Man wähle aber einen Stoff, welcher für das Auge passt, und sorge 
dabei selbstverständlich dafür, dass das Mittel nicht daneben hineinfließt 
zu den Häuten des ersteren*). Demnach sind besser die trocknen Mittel. 
lieber diese und die andren habe ich in meiner Arzneimittellehre ge- 
sprochen **). . . . 

Was also der gesunden Oekonomie des Körpers fremd ist, muss man 
ganz herausnehmen; hingegen möglichst erhalten, was an sich natürlich, 
jedoch in irgend einer Weise verdorben ist. Ich habe aber schon erwähnt, 
dass einige Zustände beiden Klassen angehören. Ich habe auch schon 
gesagt, dass von den Fremdbildungen einige ihrer ganzen Wesenheit nach 
fremdartig sind'"). . . . Dass das Flügelfell fremdartig ist dem gesunden 
Zustand, scheint selbstverständlich. Jedoch ist es nicht so fremdartig in 
Beziehung auf seine Substanz, wie eine Grütz- oder Honig-Geschwulst. Zu 
heilen ist auch dieses, solange es noch klein und weich geblieben, durch 
die reinigenden Heilmittel, wie z.B. die gegen Trachom i'); hingegen durch 
Operation, wenn es groß und hart geworden. In gleicher Weise sind aucli 
von den Wasserblasen i'-*) die großen zu behandeln; die kleinen aber werden 
durch die austrocknenden Heilmittel gebessert. Das Hagelkorn aber ist 



1) Geschichte der Chirurgie I, 31 (1805). 

Er ist es, den A. Hirsch des unglaublichsten Leichtsinns zeiht. 

a) Arch. f. Ophth. XIV, 3, S. 13 (1868). 

3) Chir. oculaire chez les anciens, Athenes, 1872, S. 43. 

4) Geschichte des grauen Stars, S. 234, 186. 

ö) In der ersten Auflage dieses Handbuchs, B. V, 1, 316. 

6) Band X, S. 1017 fgd. 

7) TITlXoi. 

8) Das gilt noch heute, sowohl für die stärkeren Lidrand-Salben, als auch 
namentlich für die aus Chrysophan. 

9) Darauf kommen wir noch zurück. 

10) ällo-pia. (ViRCHOw's Heteroplasie.) 

11) xa Tpaya)fj.a-i7.d *iioi),o6[j.£vct. 

12) 'JoatU, Balg-Geschwulst. Vgl. §172 u. 236. 



334 XXIII. Hirschberg. 

seiner ganzen Art nach abnorm und niuss herausgenommen werden. Ebenso 
auch der Eiler aus den sogenannten Eiter-Augen'). Doch lässt sich dieser 
meistens noch durch Ileihnittel zertheilen. 

Auch der Star kann im Anfang zertheilt werden'^); niemals aber, 
wenn "er vollständige Ausbildung erreicht hat. 

Von den Augenärzten unsrer Tage hat ein gewisser .Ilstus auch durch 
Schütteln des Kopfes-^) viele Kranke von ihrem Hypopyon geheilt: er 
setzte sie aufrecht auf einen Stuhl, umfasste den Kopf von beiden Seiten 
und schüttelte sie so, dass der Eiter vor unsren Augen nach unten ging. 
Er blieb unten, wegen der (specifischen) Schwere seiner Substanz^). Hin- 
gegen bleibt der Star (nach der Niederdrückung) nicht unten, w^enn mau 
ihn nicht sorgfältig einkeilt. Denn leichter als Eiter ist der Star oder, wie 
man bildlich sagen könnte, wolkenähnlicher ^). 

Doch giebt es auch Ausnahmen: einige von ihnen, ich meine von den 
Staren, sind von mehr molkiger Flüssigkeit 6). Wenn man bei diesen den 
Star-Stich') macht, so zertheilt er sich augenblicldich ; kurze Zeit darauf 
senkt er sich (in der Vorderkammer) wie ein Bodensatz*). 

Wenn wir aber den Eiter im Auge zertheilen wollen, müssen wir 
hauptsächlich die Collyrien aus Myrrhe anwenden. AVeniger gut als diese, 
aber besser als die andren wirken die Mittel aus AVeih rauch. Die stark 



■1) O'JTw 0£ v.al t6 ttüov (Otto) töjv 'jTTOTT'Jtuv övojAaCoarJiov. 

Ich zweifle, dass 'j-6 eine richtige Lesart sei, und möchte es einfach streichen. 
Wie der Abschreiber es hineingebracht, ist verständlich. 

2) Ein Irrthum, der sogar die Erfindung des Augenspiegels überdauert hat. 
Vgl. meine Arbeit in Virchow's Arch. LXXX: Ist Cataract ohne Operation heil- 
bar? Ferner meine Kritik von Robinski's Mitth. zur Therapie der Cataract in der 
med. chir. Rundschau, Wien 1874, Juliheft. 

3) oia -/.aTaosioeo); xf,? -/.scictX-?]?. Als ich studirte, hörte ich die Fabel, dass die 
Griechen, um Hypopyon von Star zu unterscheiden, die Kranken an den Füßen 
aufgehängt und tüchtig geschüttelt hätten! Wenn Justus übrigens Erfolg haben 
wollte, musste er den Kopf des Kranken etwas nach hinten neigen und zwischen 
seinen Händen, wie mit einer Centrifuge, drehen, damit sich vorläufig der Eiter 
in die Buchten der Irisvorderfläche absetze. Vgl. C.-Bl. f. A. 1881, S. 173. 

Ich habe, des Justus Mechanotherapie benutzend, im Jahre '187'1 (Berl. klin. 
Wochenschr. No. 24) beim Pocken-Abscess der Hornhaut durch passende Lagerung 
;für eine Stunde rechte, für die folgende linke Seitenlage,) das bewegliche Hypopyon 
binnen 2 Tagen zur Auflösung gebracht. — Kürzlich erlebte ich aber in einem 
Fall von echtem Hypopyon (Iridochorioiditis) danach stürmische Drucksteigerung, 
welche Function und Entleerung des Eiters nöthig machte, worauf Heilung eintrat. 

4) Aüt. Vit c 29 hat nur dieses, nicht den weiteren Vergleich. 

5) Das T| des Textes muss offenbar vor 6k stehen. veccEXtuSeaTspov heißt niclit 
nebulae similius. (Auch Magnus, Gesch. d. gr. St. S. IG, setzt »Nebel«.) Galex 
denkt an die in der Luft schwebenden Wolken. 

6) öfjpajoeoTEpac ÜYpoxr^To;, Milch -Star. 

7) 7r£pty.£VT0'jv-tuv ist wohl falsch, für -apa-AEvTo-jv-wv. Man darf sich durch den 
Text-Fehler nicht verleiten lassen, mit Anagnostakes (chir. oc. S. 45) an Kapsel- 
Punction zu denken, da -£pr/.£vT£iv ringsum stechen oder zerstechen heißt. 

8) iX'j;« Eine ganz naturgetreue Beschreibung. 



Geschichte der Augenheilkunde im Alterthmn. 335 

auslrocknenden Mittel hingegen bewirken zwar augenblicldich eine gute Ent- 
leerung, aber auch eine unlösliche Gerinnung des llückstandes .... 

Oft habe ich den Eiter sofort entleert, indem ich die Horn- 
haut durchstach, ein wenig oberhalb des (unteren) Randes'). 

Also auch dieses Leiden unterliegt den drei Arten der Entleerung, durcl» 
Heilmittel allmählich, und durch Operation sofort, und durch Fortleitung 
an einen miwichtigen Ort, mittelst der Schüttelung.« 

§ 216. Bemerkungen »über Hypo[>yon und Star hei den 
Griechen«. 

I. Hier haben wir das zu erörtern, was ich »die griechische Unwissen- 
heit nenne. 

HaJjen die alten Griechen Star mit Eiler, Hypochyma mit Hypopyon, 
verwechselt? Wahrscheinlich diejenigen, welche keine ordentlichen Kennt- 
nisse in der Heilkunde besaßen 2). 

Aber niemals diejenigen ärztlichen Schriftsteller, deren Reste auf uns 
gekommen sind. Vor allen nicht Galen, in seinem Meisterwerk über die 
Heilkunst. 

Er bespricht hier die dreifache Behandlungsweise des Hypopyon 
und vergleicht dabei das specifische Gewicht des letzteren mit dem des 
Hypochyma^), auch die Therapie beider Leiden, die zusammenzustellen ihm 
nahe hegt, da das eine in der Pupille sitzt, das andre vor und unter der 
Pupille. Aber dass diese beiden Zustände ineinander übergingen, dass sie 
verwechselt werden könnten, davon ist nie und nirgends bei 
griechischen Schriftstellern die Rede. 

Vgl. Gels. VH, 7, 14; Galen, a. a. 0. (u. XIV, 774); Oribas. B. V, 
S. 452; AKT. 1. Vü, S. 134; Paull. Aeg. HI (S. 77j u. VI, 21 (Chir. S. 238); 
Theoph. Nonn. c. 72, B. I, S. 258; Joann. Akt. II, S. 447. 

Anders wird die Sache bei den Arabern und ihren Nachbetern und 
üebersetzern ! Nehmen wir den besten der Araber, Abulkasis, von dem 
allein wir auch eine brauchbare Ausgabe besitzen^). Wir finden daselbst: 

1) Ausführlicher Aüt. VII, c. 29. 

»Wenn das Geschwür zwar oberflächlich ist und mehr nach oben liegt, von 
dem Eiter aber sehr viel in der Tiefe und mehr nach unten, als das Geschwür, 
liegt, und nicht von den Arzneimitteln aufgesogen wird; muss man das Auge durcli- 
stechen unterhalb des Eiters und schräg die Nadel am Hornhaut-Umfang und an 
dem sogenannten Kranz einführen und den Eiter entleeren. Zu Hilfe muss man 
aber diese Operation nur dann nehmen, wenn die Theile entzündungsfrei ge- 
worden sind.« (Lies -Xa^töjv statt TrXaYtoj;.) 

Auch hier ist keine Verwechselung von Star und Eiter ersichtlich. 

2) Wie noch heute kurpfuschende Schäfer (und selbst Studenten, ehe sie 
genügende Fortschritte gemacht,) den Hornhautfleck mit der Linsentrübung ver- 
wechseln. 

3) Es ist ein Irrthum, hierin eine sogen, differentielle Diagnose zwischen Star 
und Eiter erblicken zu wollen. 

4) La Chirurgie d'Abulcasi.s traduite par L. Leclerc, Paris iSGl, S. 90. 



336 XXIII. Hirschberg, 

riiypopyon ressenible a la cataracte, mais eile en differe. Und 
des Razes Commentator Arcülanus'] sagt sogar von einer Star-Operation: 
et haec est propria cura saniei retro corneam. 

Auf diesem Gebiet ist also eine ganz allmählich fortschreitende Ver- 
schlechterung der Begriffe zu bemerken, — ähnlich wie bei dem 
Trachoma, das bei den Griechen Rauhigkeit der Lid-Innenfläche, bei den 
Arabern Lidkrätze, bei deren Nachfolgern Lidjucken bedeutet. 

Wenn auch Araber und Arabisten »noch auf dem Boden der antiken 
Medizin« standen, so ist es doch geschichtswidrig, ihre Fehler den 
Griechen in die Schuhe schieben zu wollen. 

Natürlich krankte die Star-Lehre der Griechen an zwei Fehlern, erstlich 
bezüglich der Entstehung (aus einer flüssigen Ausschwitzung durch Erstar- 
rung,) und zweitens bezüglich des Sitzes (vor dem Krystall, an der Pupille). 
Der Doctrin zu Liebe wurde das Star-Auge vor der Operation gerieben, 
um zu sehen, ob der Star für einen Augenblick sich verbreitert, also noch 
nicht starr geworden 2). 

Dass die alt